Silvesternacht – Kapitel 2

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Es hat aufgehört zu regnen und ein kräftiger Wind zerrt die schweren dunklen Wolken wie versprengte Tiere auseinander. Vereinzelt zeigen sich Sterne am Himmel, die Luft ist klar gewaschen, ein paar Vögel schrecken auf, als sich der laute Schall eines großen Chinakrachers ohrenbetäubend an den Häuserfronten bricht. Orangene Funken stieben auf der leeren Straße vor ihrem Haus.

Sie holt die eleganten hochhackigen Stiefel unter ihrem Bett hervor und zieht sie an, dreht sich vor dem Spiegel, beobachtet ihre noch unsicheren Füße beim Auf- und Abstöckeln, findet sich eher unbeholfen als verrucht oder billig. Der Saum des schwarzen glänzenden Minirocks endet auf der Hälfte ihrer Oberschenkel, knapp fünf Zentimeter unterhalb ihrer Pobacken, doch immer noch so, dass alles ausreichend bedeckt ist. Natürlich sitzt der Rock eng, so eng, dass sie in ihm keine ausgreifenden Schritte machen kann. Die halb durchsichtige Bluse in Silber sieht edel aus. Sie hat sie sich von ihrer Mutter leihen dürfen, es ist eine echte Haute-Couture-Bluse von irgend einem namenhaften Modedesigner. Ihre Mutter hatte sie nach einer Geschäftsreise als Trophäe aus Paris mitgebracht. Sexy kann mehr als nur billig, denkt sie trotzig während sie, noch steif und mit fest durchgedrückten Kniegelenken auf den ungewohnten hohen Absätzen nach nebenan ins Badezimmer stakst.

Heute hat sie sturmfreie Bude, weil ihre Eltern Silvester bei Freunden feiern und bereits seit zwei Stunden aus dem Hause sind. Mit schnellen geübten Bewegungen trägt sie Concealer, Foundation, Make-Up und Puder auf ihr Gesicht auf, umrandet die großen dunklen Augen mit Kajal und tuscht sich sorgfältig die schwarzen Wimpern. Sie hat sich für einen burgunderroten Lippenstift entschieden, der farblich zu ihrem Nagellack passt. Mit einer großen Rundbürste föhnt sie den kinnlangen schwarzen Bob in Form, gibt etwas Haarspray darüber und überprüft sich im Spiegel. Übermütig wirft sie sich im Spiegel einen Handkuss zu und klaut sich im Schlafzimmer ihrer Mutter einen Hauch Chanel No. 5 aus dem kleinen Flakon auf dem Nachttisch. Sie gibt einen Tropfen auf ihr Handgelenk und tupft den geschliffenen Glasstöpsel des Flakons auch zwischen die Brüste, hinter die Ohren und in die Ellenbogenbeuge, wie sie es bei ihrer Mutter durch das Schlüsselloch der Schlafzimmertür heimlich beobachtet hat. Sie schlüpft in den schwarzen Daunenparka mit der Fellkapuze. Die Clique will im Anschluss an das Feuerwerk noch zu Niko gehen. Er ist gerade erst von zu Hause ausgezogen um ein Maschinenbaustudium zu beginnen und wohnt nur ein paar Straßen vom Bahnhof entfernt in einer Wohnanlage, in der sich hauptsächlich kleine Wohnungen für Studenten befinden.

Sie schließt sorgfältig die Haustür hinter sich ab. Die Luft ist mild und frühlingshaft, der Wind zaust ihre Haare. Sie genießt die seidige frische Luft in ihrem Gesicht und freut sich auf diesen besonderen Abend, auf das Essen und darauf, ihn mit ihren Freunden zusammen zu feiern. So schnell es der enge Rock und die hohen Absätze der Stiefel zulassen stöckelt sie die Straße hinunter und biegt leicht eiernd auf den hohen Absätzen nach rechts in den engen dunklen Weg zwischen den Häusern ein. Von weitem leuchtet das rote Restaurantschild „El Toro Negro“ mit dem schwarzen Stier ihr entgegen. Chris und Sina stehen eng umschlungen und heftig knutschend in einer dunklen Ecke neben dem Biergarten, von rechts biegen Aylin, ihr Freund Murat und sein Cousin Hassan eingehakt und laut lachend um die Ecke. Aylin schwenkt eine Sektflasche und prostet ihr damit zu. Ihre schwarzen Ringellocken quellen als unbändige Pracht unter der Strickmütze mit dem Fell-Bommel hervor.  Los, trink einen Schluck. Auffordernd hält Aylin ihr die Flasche Sekt hin. Du bist ja lustig, die ist ja leer! Sie nimmt die Flasche entgegen und kippt sie lachend um. Ein kleiner Rest Sekt tropft auf Aylins Füße. Sie freut sich, den dünnen großen Hassan mit der langen Nase wiederzusehen. Er hat die Angewohnheit Zehen einwärts gekehrt zu laufen und ist ein brillanter Geschichten- und Witzeerzähler.

Auf der Straße hat Niko Julie ihre Wollmütze über Augen und Ohren gezogen, steht triumphierend zu den anderen feixend vor ihr und lacht sich schief über seinen grandiosen Einfall. Sie kennt die beiden schon seit ihrer Schulzeit, doch die Freundschaft zwischen ihnen wuchs erst enger zusammen, als sie die Schule längst abgeschlossen hatten und eher zufällig beim Billardspielen im Bistro entdeckten, dass sie sich viel besser als früher miteinander verstanden. Niko und Julie sind seit der fünften Klasse der Realschule eng befreundet und niemand aus der Clique versteht, warum sie nicht mehr als nur das sind. Vor längerer Zeit entgegnete Julie auf diese Frage , es sei genau deswegen so wie es sei und aus keinem anderen Grund. Darum sei dies alles zwischen Niko und ihr schon genau richtig. Die Diskussion über den Beziehungsstatus von Niko und Julie wurde daraufhin in der Clique stillschweigend und übereinkommend als vorläufig beendet betrachtet.

Aylin hakt sich zwischen Hassan und Murat ein und steuert die Eingangstür zum Restaurant an. Sie folgt ihnen, rechts hat sich Niko bei ihr eingehakt und links Julie. Chris und Sina lösen sich sichtlich widerwillig aus ihrer kompliziert wirkenden Verschlingung und trotten als Nachzügler Händchen haltend hinter den anderen her. Vereinzelt knallen Böller, zischt eine Rakete über den dunklen Nachthimmel, bunte schnell verglimmende Spuren in der Dunkelheit hinterlassend. Im  Restaurant ist es warm und die Luft summt von den Stimmen der Gäste, durchbrochen von kurzen Zurufen der Ober untereinander. Es duftet nach mediterranen Kräutern, gebratenem Fisch und Fleisch, Knoblauch und frischem Brot. Die Cocktails kommen. Sie hat sich einen Mojito bestellt. Im Glas steckt ein Zweig frischer Minze und die gezackte Limettenscheibe auf dem Glasrand erinnert sie an einen hellgrünen Schmetterling. Chris und Sina haben sich schon am Buffet an der langen Schlange angestellt. Sie will noch warten, bis es etwas leerer geworden ist. Hassan erzählt gerade voller Stolz,  dass er Onkel geworden ist. Zum großen Familienereignis kamen hundert Leute. Nur Verwandtschaft und Freunde, alle in großer Robe, versteht sich, lacht er. Wir haben drei Tage lang gefeiert und hinterher konnte sich keiner mehr bewegen, weil wir alle viel zu viel gegessen haben.

A propos Essen: ich gehe zum Buffet, verkündet sie in die Runde, was Aylin, Murat und Hassan dazu animiert, ebenfalls aufzustehen um sich ihr anzuschließen. Sie nimmt sich von den spanischen Köstlichkeiten, was auf den Teller passt: Tomaten-Auberginen-Röllchen mit Avocado-Pinienkerncreme, knuspriges Brot, ein Klecks Aioli, zwei Papas, die spanischen Pfannenkartoffeln und ein Stück nach Kräutern duftenden gebratenen Barsch mit Paprika, Zwiebeln, Peperoni und Tomaten. Chris und Sina füttern sich gegenseitig mit kleinen Häppchen von ihren Tellern. Wie lange wollen die diese Wir-sind-ja-so-verliebt-Show eigentlich noch durchziehen?, stupst Julie sie kichernd an und tunkt ein Stückchen Brot in die Aiolicreme, von der sie reichlich auf ihren Teller gehäuft hat. Sind die nicht schon über fünf Jahre zusammen? Das muss doch langsam mal besser werden mit den beiden, findest du nicht?

Lass sie doch, ist doch völlig okay wenn sie es so wollen. Sie lieben sich eben. Sie zieht den Saum ihres schwarzen Minirockes ein wenig hoch und überprüft in einem Moment, in dem sie sich unbeobachtet glaubt, ob die reparierte Stelle sehr auffällig ist. Dann zieht sie den Saum wieder über das Bein. Als sie hochblickt, bemerkt sie, dass Hassan sie bei ihrer kleinen Aktion beobachtet hat und sie durchdringend ansieht. Ihr wird unbehaglich zumute und sie denkt wieder an die Worte ihres Vaters, der ihr Outfit als billig und aufreizend bezeichnete. Doch dann erinnert sie sich an die Worte ihrer Mutter, verwirft ihre Zweifel und erwidert ruhig, ernst und fragend Hassans Blick. Verwirrt wendet er seine Augen ab und beschäftigt sich mit seinem Essen auf dem Teller, spießt konzentriert eingelegte Oliven auf seine Gabel und schweigt vor sich hin.

11 thoughts on “Silvesternacht – Kapitel 2

  1. Arabella sagt:

    Ich bin sehr gepannt..

  2. Flowermaid sagt:

    … gut beobachtet die Teens, es ist hochspannend… Freund, Feind oder… ;-D

  3. autopict sagt:

    Schöne Geschichte aus der „anderen Perspektive“. Diese Zeit hatte ja schon auch etwas. Seufz…. Da lag Leiden und Lachen dicht beieinander.
    Dir eine gute Woche.

  4. Clara HH sagt:

    Mit dieser Folge heizt du die Spannung an, wo doch die geneigte Leserin schon befürchtet, was später kommen wird. Und da muss sie über so viel leckeres Essen lesen, wo sie doch schon wieder Hunger verspürt.
    Den werde ich jetzt im Bett zähmen!
    Und tschüss sagt Clara

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