Anders

  

 
(Bildquelle: Noel S.)

Sie dachte, er sei anders gewesen. Im Rückblick erschien ihr das mit ihm Erlebte lichtdurchfluteter, die Erinnerung stach sich mit blinder Treffsicherheit die glücklichsten Momente aus der homogenen Masse gemeinsamer Zeit.. Bisweilen dachte sie, sie könne nie wieder aufhören um ihn und das was einmal zwischen ihnen war zu trauern. In müßigen Augenblicken der Ruhe oder bei routinierten Tätigkeiten ertappte sich sich in unruhigen Tagträumen von ihm, doch vor allem hinter den stillen Gedankenfenstern einstmals zusammen bewohnter Häuser regte sich noch die lebendige Leere die zurückbleibt wenn ein Mensch sich abwendet und fort geht. Sie hatte angenommen, dass es vorübergehen würde, so wie eine Krankheit, bei der nicht absehbar ist, wie lange der Körper zur Heilung benötigen wird, doch dabei bereits vage zu ahnen beginnt, dass man für eine Verletzung größeren Ausmaßes entsprechend viel Zeit für den Heilungsverlauf einplanen muss. Sie fügte sich in die inneren Regenerationsprozesse und untersagte sich anfangs sogar Radio zu hören, um zu vermeiden, ihren gemeinsamen Songs zu begegnen. Noch die kleinste Erinnerung an ihn verpackte sie liebevoll und mit blutendem Herzen in einen Schuhkarton und sie resümierte traurig, dass dies der klägliche Restbestand dessen war, was von ihnen beiden noch übrig geblieben war.

Anderen gegenüber hätte sie niemals zugegeben, dass er sich noch in ihren Gedanken herumschlich. Dass ihre Träume von ihm infiltriert waren und der erste Gedanke am Morgen noch lange Zeit nachdem er sie verlassen hatte, ihm galt. Wie sollte sie das anderen erklären? Sie würden verständnislos den Kopf schütteln. Sie selbst würde sich wieder einmal nicht in die Augen blicken können und sich für gnadenlos dumm halten.

Sie hatte die alten Mails nicht erneut gelesen. Das gehörte zur Zensur. Sich einer solchen Selbstquälerei auszusetzen war ihr erstens untersagt seitens ihres Verstandes und zweitens hätte es ihrer Ansicht nach auch nichts verändert. Sie kannte den Weg, der vor ihr lag und stand noch auf ihm, sah die Strecke, die Gegend, das Umfeld und die Landesmerkmale, war noch unschlüssig und zögernd. Es war ein Gefühl in ihr, als sei sie hingefallen, so, als hätte sie eine Weile am Boden gelegen, noch zu schwach, mit zu vielen Schmerzen, um aufstehen, sich den Schmutz abklopfen und weiter gehen zu können. Sie meinte noch ihre Zähne knirschen hören zu können von all dem Dreck, den sie bei dem Sturz gefressen hatte als ihr Kopf wie eine steinerne Abrissbirne in die Mauer seines Schweigens schlug.

Was ihn anbelangte, war ihr sofort klar gewesen, dass es Verletzungen geben würde, von denen an einer Stelle eine Versehrtheit zurückbliebe wie ein bei Entscheidungen beeinträchtigtes Herz oder ein altes bei Kälte schmerzendes rotes Wundgefühl. In den vergangenen Monaten fragte sie sich oft, ob der tiefe Wunsch, sich endlich weiter und endgültig von ihm fort zu bewegen sie dorthin würde bringen können, wo sie sich sicherer und aufgehobener vermutete.

Sie dachte, er sei anders gewesen und er hätte sich in irgend etwas Unbestimmbaren unterschieden oder abgehoben von anderen und sie war davon überzeugt, es sei noch mehr gewesen. Darum verstand sie immer noch nicht, wie er es übersehen hatte können oder nicht hatte wahrhaben wollen, vielleicht auch können. Sie war noch nicht an diesem Punkt angekommen, an dem sie erkennen würde, dass ihre Verständnisfragen das Herz nur mit unartikulierbaren Gefühlen und der Verstand nur mit dem Realismus der Gegenwart beantworten konnten. Sie fragte sich, ob das, was in ihr zerbrochen war, überhaupt jemals wieder zusammenwachsen könne. Sie hatte es in sich splittern und brechen fühlen und es war ein großes Gefühl, ungefähr so als kalbten Eisberge oder als rasten Kontinente aufeinander zu und verkanteten sich krachend ineinander um neue Landschaften entstehen zu lassen,  so karg, weit und weiß wie die Antarktis. Danach war alles anders gewesen, so wie sie dachte, dass auch er anders gewesen sei und sie es lediglich nicht hatte wahrhaben wollen, weil sie vertrauensvoll und fest davon überzeugt war, dass er genau so sei wie sie es hatte glauben wollen.

Manche Gewissheiten brennen wie Tod, Hölle und Feuer. Sie führen Kreuzzüge wider den alten verleumdeten Glauben und verbrennen seine schwarze weiche Erde. Wenn sie jetzt diese Stellen berührt, findet sie dort wo einstmals grüne Möglichkeiten und lebendige Träume viele Orte bevölkerten stattdessen nur noch die hellweiß in der Sonne strahlenden spröde und gläsern schwingenden Eisfelder ihrer Disziplinen. Manchmal überrumpeln sie die Erinnerungen noch in schwachen Situationen und die ganze große Feuerwand der Gefühle von damals lodert für einen kurzen Moment erneut hoch, heiß und hell in ihr Gesicht. Wenn sie die sengende Hitze nicht länger aushalten kann, flüchtet sie ins Eis ihres arktischen Herzens und berücksichtigt dabei auch die Notwendigkeit jener anderen Erinnerungen bei denen sie sich am Ende einmal vergeblich mehr wünscht, er sei anders gewesen.

——

8 thoughts on “Anders

  1. Wie dicht das alles beschrieben und erzählt ist. Ich mag das.

    Gruß

    Achim

  2. wildgans sagt:

    Man spiegelt sich im andern. Man vertut sich. Man springt wie in ein altbekanntes Muster. Nur, dem andern ist`s halt nicht bekannt. Er ist wie er ist. Stoff für Dramen!

  3. Wolfgang sagt:

    Ja, liebe Fee, wenn man erkennen muss, dass etwas gar nicht so anders war, wie man geglaubt hat, dann ist plötzlich alles anders. Das kann sehr schmerzhaft sein, und mitunter dauert es eine ganze Weile, sich dieses Gefühl wieder ändert.
    Schön geschrieben!
    LG – Wolfgang

    • karfunkelfee sagt:

      Am Anfang schmerzt es. Sowohl das Ende einer Täuschung als auch die Gewissheit, etwas von Anfang an richtig erkannt zu haben und die Bestätigung dafür zu erhalten. Die Kunst ist es, mit manchen Versehrtheiten leben zu lernen ohne sich den Mut dabei zu benehmen, in Gelassenheit und Zuversicht zu wissen, wenn es darauf ankäme, die Kraft aufzubringen, die Herausforderung einer Hoffnung immer wieder annehmen zu können.
      Danke für Deinen schönen Kommentar.
      Liebe Grüße zu Dir von
      Stefanie

  4. Clara HH sagt:

    Ich denke so ähnlich wie Wildgans: Sehr oft macht sich der oder die eine vom anderen ein (Wunsch-)Bild, das nicht immer der Realität entspricht. Auch wird immer der Part bei einer Trennung mehr leiden, der mehr geliebt hat – das macht es eben für den verlassenen Part so unendlich schwer. Ich weiß, dass der Spruch mit der alle Wunden heilenden Zeit nicht immer stimmt, doch ein anderes Rezept wüsste ich auch nicht.
    Jetzt kommen liebe Nachtgrüße zu dir!

    • karfunkelfee sagt:

      Die Zeit kann wohl die Wunden schließen und heilen, doch die Narben bleiben und erzählen eine Geschichte davon, dass es tiefer ging als nur unter die Haut.
      Sicherlich mag es das geben, dass bei einer Liebe die Gewichtung der gegenseitigen Gefühle austariert und balanciert ist, doch ich vermute, dass in den meisten Beziehungen einer mehr oder weniger liebt als der andere. Dieses auszugleichen gelingt nicht immer, wobei ich hier wieder bei dem Bild der Wippe ankomme, an die ich immer denken muss, wenn es um Beziehungen jedweder Art geht. Wer davon ausgeht, dass Menschen sich nicht verändern, hat bei Beziehungen einen realistischeren Ausgangspunkt und die rosa Brille bleibt in der Nachttisch-Schublade.😉
      Liebe Montagmorgengrüße…

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