Tag in Celeste


Als du kamst, schien die Sonne. Wir fuhren durch diesen Bilderbuchtag in Celeste. Ein Bild, zu scharf, zu klar, um in Aquarell gemalt worden zu sein. Die Landschaft mit den üppig glitzernden weißen Bäumen unter dem in feinem weißen Dunst schwebenden Himmel war ein Ölbild aus der Renaissance, man meinte noch den leicht tranigen Geruch der Farbe im frischen Auftrag des Kristallzuckers auf Bäumen und Wiesen riechen zu können. Die Landschaft zog fest gefroren und in Sonne eingegossen an uns vorbei, das graue Straßenband akzentuierte das farblich schlichte Bild in Hellblauweiß.

Ich weiß noch wie du sagtest, man könne solche Stimmungen nur selten finden, sie seien etwas Besonderes und ich wusste was du meintest. Tage in Celeste gibt es im Jahr immer mal zwischendurch. Sie sind Eisblumen in den kurzfristigen Zeitfenstern der Gegenwart. In ihrer Klarheit und Schärfe sind sie unübertrefflich und oft geschieht an ihnen etwas Außergewöhnliches. Sie riechen und schmecken intensiver als andere Tage, alles an ihnen wirkt intensiver, frischer und eindrücklicher.Dein Auto ist eine eigenwillige blecherne Ausnahmepersönlichkeit mit nostalgischem Charme. Es ist schon ein älterer Herr und er rappelte auf der Fahrt, als säße ich auf einem Planwagen.

Du warst konzentriert auf das Fahren, doch dabei gleichzeitig auch hingerissen und verzückt von dem winterlichen Panoramaausblick durch die Windschutzscheibe. Du hattest diese verrückte Idee mit dem Parkhaus und wir kurvten mit deinem Friedolin zackig darin herum. In solchen Momenten bin ich keinen Tag älter als Siebzehn, mein Leben ist eine Blaupause und ich liebe es, verrückte Sachen anzustellen. Am besten zusammen mit jemandem wie dir.

Ich wollte noch Bilder knipsen, so viele Bilder wie möglich, um Momente einzufangen. Doch dann hätte ich aufstehen müssen, herumlaufen, geschäftig tun, Motive und Einstellungen suchen, alle diese Dinge, die auf scheue magische Momente wirken wie ein Guss kaltes Wasser auf den Kopf. Du hast mich mit diesem köstlichen Tee abgefüllt. Er wärmte gut durch in der Kälte des Tages undich registrierte Kleinigkeiten, versuchte alles was du erzähltest irgendwo abzuspeichern. Es war viel Wissenswertes dabei, Menschliches und Bewegendes. Leute kamen und gingen wieder. Ich saß in meiner Ecke und genoss es, ein Teil zu sein, so als gehörte ich mit zur Einrichtung und hätte meinen festen Platz in deinem Interieur.

Das Ruhelose und Treibende in mir kam zum Stillstand. Das gelingt mir nur in Anwesenheit von Menschen, in deren Gesellschaft ich mich entspannt und wohl fühle.  Ich halte es für kein gewöhnliches Glück, solche Menschen zu finden. Vielleicht bemühe ich mich auch darum, weil Beweglichkeit, Vertrauen und Offenheit im Älterwerden abnehmende Tendenzen sind, aufgrund negativer empirischer Werte, die den Reichtum des Herzens in tiefen Frostzeiten allzu kurz beschnitten. Es ist schwer, das Herz ohne Erfrierungen über die Winter der Jahre zu bringen.  Diese Zeit bei dir verging, wie es solchen Tagen zu eigen ist, wie im Zeitraffer einer Abfolge zahlloser schneller Momente in verschiedenen Winkeln und Einstellungen. Draußen wurde es langsam dunkel und die Bewegung in den Dingen um mich herum floss aus dem Tag wie Tinte in die Nacht. Von den Fragen des Alltags freigestellt, klang der Abend  in eurer Gesellschaft aus. Auf der Rückfahrt war es im Auto noch kalt, doch ich fror nicht. Mir war innerlich so warm, dass mir die Würdigung  winterlicher Minustemperaturen wie eine reine Formalität am Rande erschien.

Wieder zuhause angekommen teilte und versorgte ich deine Blumen in zwei Sträußchen, setzte mich dann noch einen Augenblick hinaus auf den Balkon. Ließ den Tag Revue passieren, wünschte dir im Stillen eine gute Heimfahrt und fand mich, vollgepumpt mit prallem und aktivem Leben, friedlich und vollgesogen mit schönen Momenten wie ein Schwamm. Es sind manche Tage in Celeste, die die Herzgefäße von innen mit einer Lebensschrift kalligraphieren, die nicht verblasst, sondern mit jedem Pulsschlag wärmer und leuchtender wird.

Da kam noch ein Nachtgedanke angesegelt. Vielleicht lag es daran, dass ich einprägsame Kunst gesehen hatte und Menschen begegnet war, die mir von ihren Wünschen, Träumen und Visionen erzählten. In all dem Praktischen, dem Zweckmäßigen, dem Sachlichen und Rationellen, von dem ich umgeben bin, erkannte ich wiederum den tiefen Sinn der Träumer. Ihre Aufgabe ist es, die Phantasie zu nähren, das funktionelle Herz mit bunten Gefühlen zu füllen und die Bedeutsamkeit aufzuzeigen, auch dem Ideellen praktikable Wege einräumen und finden zu wollen. In der Hingabe liegt das Glück aller Arten Kunst und der Mond war am Ende des Tages in Celeste in seinen kristallinen Strukturen in einem Renaissance-Ölgemälde hinter einer Wolke verschwunden. Sah aus wie gemalt.

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18 thoughts on “Tag in Celeste

  1. Arabella sagt:

    “ In der Hingabe liegt das Glück aller Arten Kunst “
    Damit kann ich gut leben.

  2. Ulli sagt:

    Deinen Text habe ich hingebungsvoll gelesen … es war eine Freude! Danke

  3. Liebste, celestige Tage wirken länger als man es sich wünschen könnte. Beziehungsweise überholt der Wunsch, sie nochnochnochmal erleben zu können solche Tage eigentlich. Tobt sehnsüchtig, bis man sich worterinnert ihrer eisblumigen Besonderheit gemahnt und pure Freude über bleibt…

    Danke für dieses Lesevergnügen, die schreibfensterigen Regentropfen blinzeln mir plötzlich himmelblauschimmernd zu.
    Stets die Ihre, Deine.

    • karfunkelfee sagt:

      Die Tage in Celeste sind eine himmelblaue Motivation in Grauregen- und Sturmzeiten.
      Darum schreibe ich sie gern auf und natürlich um auf diese Weise den Menschen zu danken, mit denen ich solche Tage erleben darf.

      Hier trommeltropft es wie verrückt ans Fenster, mein Balkon trieft und es sieht so aus, als wolle dieser Dauerregen gar nicht enden.
      Ich halte tapfer mit meinem himmelblauen Text gegen diese Januartristesse an.
      Immer die Ihrige/Deine Karfunkelige✨

      • Ich kann mich einfach nicht sattlesen an diesem Text, er beherbergt soviele Salbensilben, gern würde ich ihn in eine kleine Dose tüdeln, in die nach Bedarf ich mich dazu hineinkuschele, oder ihn verstricken in einer Wohlwarmstola, die ich bei innerem Frösteln über die bebenden Schultern lege… ach.

        Der heutige Sonnenaufgang war eine Offenbarung in bleu und lichtorange nach einer grauenvollen Mahrnacht. Ich floh in die Dämmerung und erst im Parkhaus gelang mir ein Lächeln bei dem Gedanken an Sie. Das Altkrachmobil ließ kurvig seine Reifen zwitschern! Wenn ich nicht so wertvolle Fracht an meiner Seite habe, lasse ich gern mal die Zügel locker. Ach, er heißt übrigens Opinkel.

        Nun wärmt mich der Vielkräutertee und Sie wissen, wo ich sitze. Gleich öffne ich das Floratelier, der Puls hat sich beruhigt und der Athem vertikalisiert. Ich bin bereit für einen neuen Tag. Das Lesen hier hat mich wieder leicht gemacht.
        Ganz liebe grüße gen Knapp, immer die Ihre, Deine.

      • karfunkelfee sagt:

        Als hätte ich es geahnt…ich überlegte nämlich, den Text erst zum Wochenanfang zu bloggen, schwankte noch, doch irgendetwas trieb mich zur Eile und solchen Sachen gebe ich in der Regel nach. Manchmal braucht man solche Texte wie diesen hier, um ihn wo drauflegen zu können wie eine Linderung, DuSie verstehen schon, meine Werteste. Der Kräutertee ist natürlich eine Wucht, ich schwelge in Erinnerungen an durchlauferhitzte Gefühle, einfach himmlisch! Denk ich an das Floratelier sehe ich Ihre kleine stille Zuflucht, die Sie geschaffen haben, den Tieren und auch Menschen, ein stressfreier Ort, der leise in der Stadt hinter Häusermauern verborgen zwischen heiteren Blumen ruht. That’s your castle.
        Und geben Sie bloß Gas, wenn ich neben Ihnen sitze!
        Wertvolle Fracht.
        Papperlapapp!
        Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot.
        Immer schön auf die Tube drücken, bis Bodenblech….
        Hach…
        Nun überkommt mich auch ein leichtes Gefühl.
        Innigste Grüße übern Hermann, die IhreDeine…Karfunkelige

      • Meine Oase entfaltet ihre Heilkräfte immer wieder, auch eigenbetrefflich, meine Liebe. Nicht umsonst floh ich vor den Mahren hierhin…

        Ihr Papperlapapp nistet nackend sich bei mir ein, also nackig, also im Nacken, herrjehmitmineh! Da wispert er schalkig was von kwietschenden Pneus bis zur obersten Ebene und justamente zurück. Und dann haben wir ja noch die Serpentinen gen Asenquelle waldwärts… hah! Schnallen Sie sich gut an, Sie Wohlwortwesen!

        Ich grüße montagsfleißmeisig, immer die Ihredeine und natürlich liebdankend zugetan.

  4. Liebe Fee,
    solche Begegnungen brauchen wir. Und in einer Weise beschrieben, daß mir beim Lesen warm wurde. Erinnerungen…
    „Es ist schwer, das Herz ohne Erfrierungen über die Winter der Jahre zu bringen.“ Ein großer Satz.
    Herzlichst, Madame Filigran

  5. Flowermaid sagt:

    … wer braucht nicht das „“Himmelsblaue in seinem Leben, passend zu dem Herzenztau, nach in warmer Nähe …⭐

  6. Ein wundervollechterherzenswarmer Feentext, der mein Herz erfreut, weil er mir freudige Begeisterung zeigt.
    Heilezeilen für Leser und den, der hier schrieb mit Seele und Herz und das bist offensichtlich Du, liebe Fee, denn so, in dieser besonderen Art, schreibst nur Du.

    Liebe Grüße von Bruni an Dich

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Bruni..
      Danke. Das ist ein wunderschöner Kommentar, über den ich mich sehr freue, weil er so mittenmang aus dem Herzen daherkommt und weil Du, intuitiv wieder einmal treffsicher Sinn und Daseinszweck dieses Textes erfasstest…denn er soll…gut tun…lindern…stärken….kräftigen…Mut machen….abenteuern, alle diese Dinge einfassen, die das Leben so liebens- und lebenswert machen.
      Ganz liebe Grüße und Dank zu Dir
      von Deiner Fee

  7. wederwill sagt:

    Liebe Fee,
    dass noch viele Celeste-Tage auf dich warten mögen, dass wünsche ich dir. Es war ein Vergnügen, deinen Text zu lesen!
    Ich grüße dich ganz herzlich und wünsche dir einen feinen Wochenendausklang und morgen einen guten Start in die Woche,
    herzlichst Marlis

    • karfunkelfee sagt:

      Danke, Marlis, das ist ein sehr schöner Wunsch, ich will ihn in Zuversicht setzen, damit er gut gedeihen kann. Deine Worte tun gut, danke…
      Herzliche Montagsgrüße und eine gute Woche wünsche ich Dir,
      Stefanie

  8. Clara HH sagt:

    Ich Banause zitiere jetzt diesen Satz „Dein Auto ist eine eigenwillige blecherne Ausnahmepersönlichkeit mit nostalgischem Charme. Es ist schon ein älterer Herr und er rappelte auf der Fahrt, als säße ich auf einem Planwagen.“, der mich sofort an das Auto meines Sohnes denken ließ.
    Aber ich habe auch alles andere mit Freude gelesen.
    Gute Nacht!!!!!

    • karfunkelfee sagt:

      Tja…zum Glück gibt es immer wieder mal Ausnahmepersönlichkeiten zu entdecken, sie bewegen und rappeln und bringen alles zum Zappeln.😉
      Ganz liebe Grüße ins dicke B✨

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