Filterlos

Resonanz  für M. 

Erdbebentage im Wechsel mit Stunden, endlos lange öde Wege, im Nachhall verzittert, in den Momenten ausgesessen und die unbespielte Leere über weite Felder geführt. Eingefroren, ständig frierend und gefangen im Eis, keine kleinste Welle erschüttert den Kerkerfels. Ein Lachen, ein Kann, ein Soll, ein Muss. Die Augen der anderen und in ihnen zauberhafte Augenblicke silbriger Unbeschwertheit. Das Leben der Dompteur der Katzenzeit, in der alles ausgelichtet sein darf in die instinktive Sensorik heißer freudiger Empfindungen. Der Himmel meerblaue Leichtigkeit, die sich in die Magie einer schwebenden Leere verführt, nur ist dieses Mal die Leere warm. Dieses Schwanken zwischen Donnerhall und Schmetterlingsflügeln. ,

Wie eine Motte mit  Ikaruserinnerungen und aschenen Flügeln zu sein, verloren in den Idealen  der Welt draußen. Gleichzeitig alles sein wollen und dann wiederum bodenlos zu fallen, sich ein ums andere Mal die Flügel zu brechen und lange Heilungszeiten zu brauchen um den Weg aus dem Bodenlosen zurückzufinden. So, als würde man versuchen wollen aus dem tiefen Fall heraus die Kräfte umzukehren und aufzusteigen, kurz vor dem Aufprall. Ein Kampf wider die Schwerkraft, der die physikalischen Gesetze gegen sich selbst richtet. Ins Licht zurückzuschießen und davon überzeugt zu sein, die ungeheuren Fliehkräfte bewältigen zu können, die dafür sorgen, dass die Bremsen dann doch wieder rechtzeitig versagen. Dabei lauter Brandbilder im Kopf, Flashbacks, die unausgesetzte Erinnerung ein reißender Strom in die Vergangenheit, an deren Ende der freie Fall steht. Wochen, in denen dem Willen Erlahmung droht,  ein zu Tode verwundeter Lachs, der flussaufwärts gegen Stromschnellen kämpft. Die Bilderflut der rosatransparenten Schuppen, die sich zu Tode trudeln bis in alle schwarze Ewigkeit. Die Seele rohes Fleisch, ein winziger rotwunder Punkt in den Schlachthallen der Moralisten, der Positivisten und der optimistischen Oberflächenfanatiker. Vektorwünsche, die nach Resonanzen auszielen, noch immer mit Kraft geführt. Sehnsucht nach Berührung, die die Graupanzer durchdringen kann. Das angeborene Übermaß an Zärtlichkeit, das im Herzen steckt wie ein vergifteter Pfeil. Herausziehen hätte das sofortige Verbluten zur Folge. Die Federn am Schaft zittern bei jedem Pulsschlag mit. Überall Reizstrom und zuwenig Filterung, der Kopf fühlt das sich anbahnende Desaster und will mit dem Körper entfliehen, so schnell es geht, um sich zu erden und den Teufel zu schlagen. Das Gefühl ist allein. Es schaut sich ständig um nach anderen. Manchmal fühlt es sich auch verfolgt, ist unbeweglich, sieht sich ausgeliefert an Meinungen. Es ist so schwer sich zu erkennen, wenn man sich selbst zu nahe steht, vor allem in den Tagen des Donnerhalls und in den Stunden, in denen jede Meile eine Erkenntnis drischt, zäher undurchdringlicher Landnebel, ein Sack Untröstlichkeit, wie ertränkte Katzenkinder. Das Blut auf wechselnde Geschwindigkeiten eingestellt, von hoch motiviert bis kataton die Leere ansingend in einer stummen gequälten Elegie der endlichen und und dabei in ihrem Ausmaß unendlich sich ausdehnenden Einsamkeit.

Das Heil der Zwischenspiele auslotend in den Extremen des Alltäglichen. Immer wieder dieselben bohrenden Fragen, die gleichen Gedankenspiele, mit allen Nerven sich Befreiung und Enthemmung wünschend in den erzwungenen Strukturen und Arbeitsfeldern, die die Normalität festhalten und in alledem dieses unerträgliche Wissen, dass Normalität kein definierbarer Begriff ist und sich von einem Mottenflügelschlag zum anderen in ihr Gegenteil verkehren kann. Das Schicksal sehen und begreifen wie den härtesten Lehrer der Welt und stumm darum bitten, dass es gnädig bliebe in alledem, was schon hart genug scheint. Das entwertete und zerfaserte Wissen, nichts zu sein, nichts werden zu können kann sich so rasiermesserscharf schleifen, dass es um zu leben, sogar dazu bereit ist, zu sterben. Tonnenschweres Wissen um das Risiko überlasteter und schließlich durchgeknallter Sicherungen. Es auf der Spitze des Zeigefingers balancieren; so leicht wie einen aschenen Mottenflügel, der einen Sturm auslösen kann.

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(Beitragsbild: Noel S.)

Wunschbild Ausfahrt: Frühling

 

Liebe Blogfreunde,

Ich sprach einmal mit einer Freundin über die Lust am Schreiben und die daraus resultierenden Texte. Wie sehr das aktuelle Leben manchmal in sie fließen oder sie beeinflussen kann.  Doch auch darüber, wie sich mancher Text widerwillig von allem aktuellen Leben wie es auch gerade sei abspreizt und distanziert, sein eigenständiges und eigenwilliges stimmungsabhängiges Textleben führen will, herausdrängt zu allen möglichen und unmöglichen Tages- oder Nachtzeiten. Immer mal wieder werde ich gefragt, wenn ich traurige Gedichte oder Beiträge poste, wie es mir denn so geht. Das ist sehr freundlich. Ich freue mich über dieses Interesse. Manchmal stutzen die Fragenden, wenn ich ihnen dann sage, dass es mir gut ginge. Dass ich den Text aus einer Erinnerung, einer Stimmung, einer seelischen Wetterlage heraus geschrieben habe. Aus dem Fundus dessen ,was mich im Leben prägte, das mit einfließt in alles, was ich in Textforum umsetze und hinausbringe. In Texten fließen so viele Aspekte zusammen wie in einem großen Fluss. Das ist der tiefe, fasznierende und symbolische Reiz des Schreibens. Besonders freue ich mich natürlich, wenn jemand etwas von sich selbst wiederfindet in meinen Wortwelten. Manchmal schreibe ich auch über das Aktuelle und auch darüber was mir gerade so um die Ohren fliegt. Doch gerade in den Gedichten, Geschichten und auch manch lyrischer Prosa lasse ich den Geist einfach frei und ihn machen, wozu er Lust hat. 

Nach einem Gespräch über meinen derzeit ausgeknockten bekrückten Zustand bekam ich von A. einen Rat: Ich solle doch mal wieder einen Bewegungstext schreiben, schlug sie mir vor. Einen fließenden Text, einer der mich mobil macht und motiviert, damit ich schneller wieder auf beide Füße komme und diese vermaledeiten Krücken und die Orthese endlich los werde. Mein Job beginnt wieder und ich habe weniger Zeit. Die Normalität kehrt zurück in mein Leben, ein gutes Gefühl. Den Blog muss ich einschränken. Ich entschuldige mich schon jetzt bei allen, denen ich hinterherhinke, weil ich es nicht mehr schaffe, Euch alle zu lesen, Leute. Ist Zeitmangel. Job geht vor.

Der Februar macht wintermüde. Es ist der letzte richtige Wintermonat. Die Natur steht schon in den Startlöchern, ich rieche das in der Luft und habe heute Morgen Wildgänse gehört. Auch erste Kranichvorhuten zogen über den Wald. Es ist bald soweit. Dieser Text ist natürlich für A. doch auch für alle diejenigen, die wintermüde sind und Lust haben auf Frühling. Ich danke ihr für ihren klugen Rat und zeige ihr mit einem Text, dass ich ihn gern angenommen und in die Tat umgesetzt habe. Ich mache es mir gern unbequem, wenn mir ein Ziel lohnenswert und gut erscheint.

Bald…

„Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem.“ (J.W. v. Goethe)

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Wunschbild Ausfahrt: Frühling

Frühlingstag. Luft wie frische Wäsche auf der Leine und blauer Himmel, Wind streicht um nackte Beine, Kerouacs Pocket Poems leicht und klein in der Trikottasche, drücken auf den Po, on the road, mit dem schnellen Renner. Alle Straßen und das Wohlbefinden im glatten Asphalt auf einem gemeinsamen Nenner. Natürlich warmer kitzeliger Sonnenschein! Wie könnte dies an einem solchen Bilderbuchtag anders sein? In den Tag  hinaus und mitten in das Leben hinein, ganz allein mein in allen seinen elysischen Stunden fliegend durch eine viele Kilometer lange Hausrunde über Berg und Tal, von meinem Atem beschlägt die Brille, mein Ziel steht fest im Willen vor mir hellgrün im Laubfeuerfanal. Solange das Licht mich federleicht in diesen Tag entlassen mag, will ich ihn in seiner vollen Schönheit ausspüren und kosten bis es mich schmerzt, so wund wie man nur sein kann nach einem voll ausgeschöpftem Maß Genuss. Das Bild ist beweglich, es strotzt vor kraftvollen Farben aufgetragen aus einem einzigen Guss. Es ist auf Baumrinde gemalt und die Leinwand trägt tiefe rissige Narben. Manche sind erhaben, manche ein zerklüfteter Graben, die tiefen haben vom frischen Farbauftrag die meiste Hoffnung getrunken. Bergab zu fliegen;  in hohen Geschwindigkeiten schießt vermischt mit heißem Adrenalin Fahrtwind wie ein Speerhagel durch den Magen. Dann unten stehen und hinter dem letzten Berg die Sonne auf hohem Niveau hinter der Kuppe sinken sehen. Der Körper friedlich in seiner Glut im Gleichmaß, bewegt, verzaubert und berührt. Das Glück hat die warmen Farben in diesem Wunschbild mit energischen Pinselstrichen im frei abstrahierten Stil ausgeführt, abschließend alles mit einem knallfeuerroten Herz umrahmt. Die Blüte steht zum Trocknen im Sonnenschein bis sie sich selbst aussamt.

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Beziehungsweise Laetitia

 

Sie hieß Laetitia und schon als Laetitia ihr vorgestellt wurde und sie bei deren Anblick dachte, was für ein seltener Name dies doch sei, wusste sie, dass es mit ihr nicht einfach werden würde. Laetitia fragte sie wie alt sie sie schätzen würde und sie antwortete ihr wie aus der Pistole geschossen, dass sie sie keinen Tag älter als fünfunddreißig Lenze schätzen würde und hatte damit bei Laetitia völlig richtig gelegen, was Laetitia in einen Zustand versetzte, der zwischen Fassungslosigkeit, Empörung und Unverständnis hin und her schwankte. Sie würde immer auf höchstens achtzehn geschätzt, sang Laetitia mit hoher zarter Stimme und strich sich entschlossen eine blonde Haarsträhne aus der hellen Kinderstirn. Überhaupt war an Laetitia alles hell und rosig. Ihre zarten Augenbrauen fielen kaum auf in dem runden Gesicht und auf ihren gedrungenen kurzen Armen spross ein hellblonder Flaum. Laetitia war eine kleine rundliche Frau, reichte ihr bis gerade bis unter die Brust und ihre stämmigen Beine steckten in praktischen festen Schuhen. Laetitia trug einen figurbetonten olivgrünen Cargorock, sie zählte an ihm fünf Taschen, die sechs zusätzlichen Reissverschlusstaschen noch nicht mit einbezogen. Der Rock reichte Laetitia bis kurz über die Knie, dazu trug sie eine kleinkarierte Bluse und so erinnerte sie sich an Laetitia, in dieser Aufmachung, die eher an einen Pfadfinderjungen erinnerte als an eine erwachsene Frau Mitte Dreißig.

Irgendwann später erzählte sie Laetitia, dass es an ihren Augen gelegen habe, dass sie sie auf das richtige Alter schätzte. Nur daran. Laetitia hatte diese Angelegenheit keine Ruhe gelassen und sie fragte, während sie sich am Schreibtisch gegenübersaßen und ihre Akten bearbeiteten, immer wieder danach. Sie sagte ihr, dass sie Menschen einschätzen würde, indem sie tief in ihre Augen blickte. Dort können sie sich am wenigsten gut verstecken. Laetitia fragte nach, was sie in ihren Augen gesehen hätte? Mehr Jahre als es dein jugendlich wirkender Körper hätte vermuten lassen, war ihre Antwort darauf gewesen. Laetitia hatte dies gereicht als Argument und sie hatte sie einen Moment lang sehr ruhig und nachdenklich angesehen, doch nichts weiter dazu gesagt. Allerdings fragte sie auch nie mehr danach. Ihre Beziehung zu Laetita war schwierig. Sie arbeitete mit Hingabe, doch sie machte Fehler dabei und war nicht gut in der Lage, damit umzugehen. Sie war empfindsam, schnell beleidigt oder eingeschnappt und dann ließ sie niemanden mehr an sich heran.

Manchmal fiel es ihr auf, dass Laetitia seltsam roch. Es erinnerte sie an einen Urlaub, der lange zurück lag. Sie war mit ihren Eltern in Baden-Württemberg auf einem Ferien-Bauernhof. Dort gab es Ziegen. Ihr Geruch war ähnlich streng wie der von Laetitias Schweiß und sie roch diese seltsame Mischung nicht immer, sondern es schien ihr phasenweise bei Laetitia aufzufallen. Wenn sie neben ihr am Kopierer stand, zum Beispiel. Im Sommer natürlich, wenn es draußen heiß war. Laetitia war eine eigenartige Persönlichkeit. Sie wollte gern mit ihr zusammenarbeiten und sie mochte diese wunderliche kleine Frau mit dem trotzigen Aussehen eines Kindes auch auf eine Weise. Doch Laetitia ließ das nicht zu und setzte ihr eine ständige rivalisierende Haltung entgegen, die sie von Tag zu Tag mehr ermüdete. Es kam zum handfesten Streit an einem Abend, an dem sie beide noch Überstunden machen mussten. Auch die Sekretärin des Chefs war noch am Platz, sie hörten ihre leise Stimme aus dem Nebenbüro, als sie telefonierte und ein Hotel buchte. Laetitia war den ganzen Tag lang aufgebracht gewesen. Wieder wegen irgend einer Lappalie und dann war es wie der letzte kleine Funke an einer Lunte, die das Fass zum Explodieren brachte. Laetitia sagte ihr ins Gesicht was sie von ihr hielt und wie noch jedes Mal in ihrem Leben in derartigen Situationen schoss es bei dieser Aussage heiß und blutig durch ihre Adern und es war wie ein entsetzlicher Kummer, der über sie kam.  Förmlich konnte sie ihre Mutter hören, wie sie ihr sagte, sie solle sich um Himmels willen nicht immer alles so zu Herzen nehmen und sie könne nicht jedes Menschen Liebkind sein. Später antwortete sie Laetitia auch und jedes ihrer Worte war ausgeschmerzt, enttäuscht und verbittert. Es gab nichts weiter zu sagen.

Die folgenden Wochen waren kalter Krieg. Morgens fuhr sie schweren Gemütes zum Arbeitsplatz und wusste nicht, wie sie Laetitias stumme Aggressivität acht Stunden und länger ertragen und aushalten sollte. Sie arbeitete wie eine Besessene und versuchte Laetitia zu ignorieren. Nach zwei Wochen Schweigens veränderte sich der hochakute Kriegszustand in einen waffenklirrenden Stillstand, in dem alles zu stagnieren schien. Sie nahm ab. Es waren drei Kilo in den vergangen beiden Wochen gewesen. Derartige Zustände sorgten dafür, dass sie nicht mehr richtig essen und schlafen konnte. Sie wurde immer kränker. Wenn sie abends nach Hause kam, hörte sie keine Musik mehr und freute sich über den Feierabend, sondern legte sich auf das Sofa und schlief. Als könne Schlaf es besser machen.

An diesem weinseligen Samstag Abend mit dem Griechenland-Fotoalbum auf dem Schoß im Dezember nahm sie Laetitia Musik auf. Diese liebte die Insel Samos und alles, was mit Samos in irgend einem Zusammenhang stand. Da sie selbst in Griechenland vernarrt war, war es ihr ein Leichtes, die richtige Musik zu finden. Sie stellte ein Band zusammen. Auf der A-Seite befand sich griechischer Rembetika und auf der B-Seite eine Platte der Chansonneuse Haris Alexiou. Sie schrieb ein paar Zeilen auf eine kleine Karte und wickelte die Hörkassette in bunt glitzerndes Geschenkpapier. Auf der Weihnachtsfeier übergab sie Laetitia ihr Geschenk und ihr überraschter Gesichtsausdruck war dieses Geschenk wert, selbst, wenn sie es nicht angenommen hätte. Laetitia hatte Sekt getrunken, ihre Wangen waren etwas gerötet. Sie bedankte sich höflich, überrascht und auch freudig, doch dies in einer Weise, die es ihr unmöglich machte, hinter diese Freude zu schauen, ob es eine ehrliche oder nur eine gestellte war. Kurz nach Weihnachten rief Laetitia sie zuhause an. Es war ein langes, leidenschaftliches und ehrliches Gespräch. An diesem Abend brach das Eis zwischen ihnen, so dass sich eine vorsichtige Freundschaft entwickeln konnte. Sie hatte bemerkt, dass Laetitia ihr vertraute und zeigte ihr, dass sie es konnte.

Das folgende Jahr war ein stressiges mit vielen Aufträgen und Überstunden. In den Mittagspausen erzählte ihr Laetitia immer mehr von ihrer Familie. Phasenweise verfiel sie in ihre seltsamen Zustände, für ein paar Tage und war in diesen unzugänglich, launisch, stürzte von einem Gemütszustand in den nächsten. Es war schwierig für sie mit Laetitia umzugehen, weil sie sich nicht erklären konnte, was diese Persönlichkeitsveränderung bewirkte. Ende des Jahres bekam sie von Laetitia einen handschriftlichen Brief. Sie war sehr überrascht, denn normalerweise rief Laetitia sie an, wenn etwas Gravierendes geschehen war. Sie rief oft an in den vergangenen Monaten. Einmal hatte sie Laetitia auch zu Hause besucht. Sie wirkte bei diesem Besuch kindlich, unbeholfen und jung, bemüht um ihr Wohl und darum eine gute Gastgeberin zu sein. Mit stolzen leuchtenden Augen zeigte Laetitia ihr ihre Fotos von Samos. Sie fand, dass sie eine begnadete Fotografin mit einem sensiblen Auge war. Viele Fotos zeigten Gesichter auf eine seltsam intime, irritierende und berührende Weise. Sie sagte Laetitia, dass diese den falschen Beruf  gewählt habe. Sie hätte Fotografin werden sollen. Es seien fantastische Bilder, echte Kunst. Laetitia freute sich darüber wie ein Kind. Fotografie war ihre große Leidenschaft, genauso wie das Reisen durch die Welt.

Als sie nun Laetitias Brief las, wunderte sich über die ungelenken und krakeligen Buchstaben. Es war zweifellos ihre Schrift mit den energischen Buchstaben. Und doch war diese Schrift hier eine gänzlich andere. Normalerweise war Laetitias Handschrift gleichmäßig rund, leicht rechtslastig und ausdrucksstark. Doch das, was sie hier vor sich sah, war die Handschrift eines Menschen, der verzweifelt und in einer schlimmen Not zu stecken schien. Beunruhigt las sie, was Laetitia ihr schrieb. Sie berichtete in dem Brief völlig wirr von jemandem, von dem sie sich angeblich verfolgt glaubte und schrieb sie habe Angst, am Telefon darüber zu sprechen, es würde vielleicht abgehört.

Sie las bis zu diesem Absatz und rief sofort bei Laetitia an. Diese war am Telefon erst ruhig, um dann jedoch, als die Sprache auf den Brief kam, in Erregung zu geraten. Sie erzählte ihr eine haarsträubende Geschichte, die Laetitia angeblich widerfahren war, als sie sich auf der Heimfahrt nach Hause befand. Sie sei verfolgt worden von einem Mann, in den sie sich an der Tankstelle verguckt habe. Sie habe sich das Autokennzeichen gemerkt. Sie wolle wissen, wer dieser Mann sei. Dies flüsterte Laetitia in den Hörer und sie konnte spüren, wie angespannt sie war. Was Laetitias Geschichte anbelangte war sie skeptisch, sie erschien ihr irgendwie künstlich oder hergeholt, krank, mit logischen Lücken, sich in Widersprüche verwickelnd. Doch so, wie es Laetitia erzählte, ergab es eine Art kruden Sinn oder Zusammenhang. Sie zweifelte den Wahrheitsgehalt von Laetitias Geschichte zu hundert Prozent an, es war das tiefe und ruhige Gefühl einer Gewissheit in ihr. Doch dass Laetitia von ihrer eigenen Geschichte genauso felsenfest überzeugt war, wie sie sie ihr erzählte und wiedergab, stand ebenso für sie fest. Das irritierte sie zutiefst.

In den folgenden Wochen gab es in der Firma jede Menge Stress, Überstunden und Reklamationen , die bearbeitet werden mussten. Mehrere große Testläufe, zu denen Delegationen aus Amerika anreisten, sorgten für eine beständige Aufregung im Haus. Überall begegnete man den Amerikanern und der Chef trug nicht wie sonst seine legere Hose und das Freizeithemd, sondern seinen maßgeschneiderten Anzug. Der Umgang mit Laetitia gestaltete sich zunehmend schwierig und es war wahnsinnig heiß draußen, ein glühender Sommer, in dem sämtliche Ventilatoren ausverkauft waren. Der seltsame Geruch an Laetitia war so stark geworden wie nie zuvor, was natürlich daran lag, dass sie auch viel schwitzte. Im Büro sprach sie nie mit ihr über den Mann, in den sie verliebt war und von dem sie sich verfolgt glaubte, weil er zu feige sei, ihr seine Liebe einzugestehen. Doch immerhin erfuhr sie in weiteren Gesprächen, dass dieser Mann ein angesehener Architekt sei, der mit seiner Familie in einem Haus am Stadtrand lebte. Als Laetitia ihr am Telefon erzählte, dass sie ihn angerufen habe und er reagiert hatte, als kenne er sie nicht, beschlich sie ein heißes ungutes Gefühl und sie fragte Laetitia, ob sie sich absolut sicher sei, dass dieser Mann sie wirklich verfolge? Laetitia nannte ihr mehrere Gründe, unter ihnen auch der, dass sie sich schon zweimal begegnet seien und unmöglichen Umständen. Doch sie entkräftete Laetitias Argument damit, dass die Stadt, in der sie lebten eine kleine sei und es nicht ungewöhnlich sei, sich zu begegnen, im Geschäft oder an der Tankstelle. Laetitia wurde wütend und legte auf. Ein paar Tage später kam wieder ein handschriftlicher Brief von ihr an. Er war noch wüster und noch verwirrter. Die Buchstaben sprangen auf dem Papier herum und wirkten ungeordnet, fahrig, wie hingeschmiert. Hilf mir bitte, Deine Laetitia. Stand ganz zuunterst und ihr wurde das Herz schwer, als sie sah, wie kindlich und verzweifelt dieser Namengruß sich abhob von dem übrigen Geschmiere.

Sie rief also Laetitia an. Einen Tag später, als sie sich ausreichend gesammelt hatte und sagte ihr, dass sie diesen Architekten auf keinen Fall anrufen würde und sich als Weiß-der-Himmel-Wer ausgeben, um weitere „Informationen“ von ihm zu erhalten und herauszubekommen, was er von Laetitia wolle. Sie weigere sich rundheraus ihm zu sagen, er solle Laetitia in Ruhe lassen, habe schließlich eine Familie. Obwohl sie ineinander verliebt bis über die Ohren seien. Es dürfe einfach nicht sein.

Daraufhin bezeichnete sie Laetitia als theatralischer noch als sämtliche Bronte-Schwestern zusammengenommen im Schlepp von Rosamunde Pilcher, mit Jane Austen obenauf, sozusagen als krönendes Sahnehäubchen dramatischer Romantik in sämtlichen Facetten. Sie wollte von ihrer Freundin wissen ob sie denn noch im viktorianischen Zeitalter lebte oder doch schon im elisabethanischen angekommen sei? Laetitia fand das alles überhaupt kein bisschen komisch und machte ihr Vorwürfe, sie ließe sie allein und sei keine gute Freundin und Kollegin. In die folgende Gesprächspause hinein fragte sie Laetitia dann, wie es deren Bruder ginge mit seinen schizophrenen Schüben. Laetitia erzählte, dieser sei gut eingestellt und hätte seine Arbeit wieder aufnehmen können. Die folgende Frage sollte eine werden, die sie große Überwindung kosten würde, sie hatte sich vor dem Anruf gut darauf vorbereitet, sie Laetitia zu stellen. Es war eine so brennend heiße Vertrauensfrage, dass sie das fragile erarbeitete Gleichgewicht ihrer Freundschaft durchaus hätte zum Kippen bringen können. Es stand auf tönernen Füßen. Doch sie stellte die Frage trotzdem oder gerade auch um des Vertrauens ihrer Freundschaft wegen und fragte Laetitia, ob sie jemals in Betracht gezogen hätte, dass die Schizophrenie, die es in der Familie gab auch bei ihr vorhanden sein könne?

Wie erwartet, reagierte Laetitia erst einmal voller Schock und Entsetzen. Willst du damit sagen, willst du damit sagen….waren ihre hilflosen Versuche, das ganze Ausmaß zu erfassen. Doch Laetitia war eine intelligente Frau und es war, als hätte sie einen Scheinwerfer in eine Ecke gerichtet, die ihre Freundin nie ausgeleuchtet sehen hatte wollen. Das Gespräch dauerte drei Stunden und sie sagte Laetitia, dass sie Riesenangst um sie habe. Nicht wegen dieses Mannes, der keinerlei Rolle spiele. Am Ende des Gespräches versicherte sie Laetitia noch einmal, dass sie für sie da sei, wenn sie eine Freundin bräuchte und legte ihr noch einmal dringlich ans Herz schnellstens einen Arzt aufzusuchen um herauszufinden, warum es ihr so schlecht ging.

Sie dachte in dieser Zeit oft an ihren Jugendfreund, der unter Schizophrenie litt. In dieser Zeit hatte sie einiges über die Krankheit gelernt. Schmerzlich auch begreifen müssen, wie tödlich und wie gefährlich sie sein konnte, wenn sie untherapiert blieb. Sie konnte Menschen in den verzweifelten Selbstmord treiben und sie spürte, dass sich bei Laetitia etwas zuspitzte, spürte den ungeheuren Druck, der auf ihrer Arbeitskollegin und Freundin lastete. Nach dem langen Telefonat hörte sie zwei Wochen lang nichts von Laetitia, die sich hatte krank schreiben lassen. Es waren verzweifelte Wochen. Jeden Tag fragte sie sich, wie es Laetitia gehen mochte, hoffte inständig, dass diese bloß nicht den Architekten anrief, am Ende noch Ärger wegen Stalkings bekam. Der Sommer war zur absoluten Hochform aufgelaufen und endlich wurde es in der Firma ruhiger und leiser. Sie teilte sich Laetitias Aufgaben mit einer anderen Kollegin, es war ein friedliches Arbeiten.

An einem Sonntag Abend rief Laetitia endlich an. Sie klang gut, doch noch zart,  brüchig und gläsern. Als sei sie zutiefst erschrocken und dieser Schreck säße ihr noch in jeder Zelle.  Sie habe sich nach dem letzten Telefongespräch mit ihr ins Auto gesetzt und sei ins Stadtkrankenhaus gefahren. Dort, in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie sei der akute Schizophrenieschub fest gestellt worden. Sie sei auf Lithium eingestellt. Das alles sagte Laetitia mit beinahe tonloser Stimme. Dann fiel ihre Stimme in sich zusammen und sie weinte. Trockene und heisere Schluchzer, viel tiefer und rauer als ihre hohe singende Kindfrauenstimme. In den Jahren, in denen sie Laetitia bei der Arbeit und privat kennengelernt hatte, hatte sie noch niemals erlebt, dass diese weinte. Doch jetzt, am Telefon, spürte sie das ganze mächtige Ausmaß des Begreifens, das Laetitia in den vergangenen Wochen auf ihr über dreißig Jahre altes Leben anwenden und nehmen musste. Sie fragte ihre Freundin, ob sie die Möglichkeit je in Betracht gezogen habe, dass sie die Familienkrankheit geerbt haben könne. Nein, hatte Laetitia nach einer kurzen Pause geantwortet, dann leiser noch: Ich doch nicht.

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