An diesem Tag (anno 2012)

  
In den Nachrichten dieses Tages sterben zwei Männer bei einem Flugzeugabsturz in Cölbe bei Marburg. Vorm dem Fenster kann ich die Berge nicht  sehen, alles ist unter Nebel verborgen und die Luft ist feuchtkalt. Ich habe schlecht geschlafen und von dir geträumt. Später lese ich, dass Hessen beim Einsatz der Windkraft den zehnten Platz hinter den anderen Bundesländern belegt und Griechenland über Sparmaßnahmen abstimmt, um dem drohenden Staatsbankrott entgegenzusteuern. Über Griechenland wollen wir noch sprechen, die finanzielle Lage des Landes bedrückte dich sehr, sagtest du beim letzten Telefonat. In Mainz inszeniert Matthias Fontheim die Gesellschaftssatire „Die Unerhörten“ von Bruce Norris als deutsche Erstaufführung. In Zeiten der Bedrohung werden Menschen von der Zivilisation enthäutet. Der ewige Kampf niederer Instinkte mit dem Verstand treibt mich thematisch durch diesen kalten nebeligen Tag, ich habe dieses Stück von Norris noch nicht gelesen und will dich abends fragen, ob du etwas von ihm kennst und mir empfehlen kannst?

Assats Terrorpolitik in Syrien wird heiß diskutiert, ein Regimesturz scheint unvermeidlich und im Saarland wird Lafontaine zum Spitzenkandidaten der Linken gewählt. Im Moment habe ich keine Meinung dazu, weil die Berlinale läuft. Wenn wir abends telefonieren, will ich dir unbedingt erzählen, dass eine meiner Lieblingskünstlerinnen, Marina Abramovic, mit einem Dokumentarfilm auf der Berlinale vertreten sein wird. Wir haben mal über sie gesprochen, erinnerst du dich? Es ist schon einige Jahre her. Sie bringt die Menschen mit ihrer Eindringlichkeit zum Weinen.

Abends höre ich erneut das trockene Splittern und Knacken seiner Stimme im Hörer des Telefons über die Distanz unüberbrückbarer Weiten von der Insel. Wie er von dir spricht und dein Leben in mir zerbricht werde ich zum unerhörten Schrei: Ich bleibe.

—-

i. M. M.

10 thoughts on “An diesem Tag (anno 2012)

  1. Arabella sagt:

    Im Moment schlafen wir wohl alle nicht ruhig.
    Dein Text macht den Nebel heller.

    • karfunkelfee sagt:

      Der Text ist ein Jahresgedächtnis für einen geliebten Menschen aus meiner Familie, den ich vor ein paar Jahren verloren habe.
      Sie ist mir in diesen Tagen sehr nah.
      Danke für Deine lieben Worte.
      Wir brauchen alle viel Licht.
      Wenn Texte es schaffen eins sein zu können, ist mir das viel wert…
      Liebe Grüße✨

  2. Das Leben ist endlich und doch geht es ungebremst weiter.
    Wunderbar, dass du inne hältst und einen Moment an sie denkst.
    Viel mehr kann man nicht tun.

    • karfunkelfee sagt:

      Diese Zeit zum Innehalten bleibt. Die Texte, die ich ihr schreibe und widme bleiben auch. Auf diese Weise nehme ich sie mit mir und verbinde sie mit der Zukunft. So fühlt es sich gut und richtig an.
      Du hast schöne Worte gefunden.
      Danke dafür.

  3. Flowermaid sagt:

    … heute habe ich endlich einen Beileidstext verfassen können, den ich seit drei Wochen vor mir hertrage… es sind immer noch nicht die richtigen Worte aber endlich konnte ich sie loslassen…

  4. finbarsgift sagt:

    Die Jahre gehen ins Land,
    Unerbittlich, gnadenlos…

    Das Volumen der Vergangenheit
    Wird dadurch immer größer…

    Sich zu erinnern
    Ist etwas wundervolles…

    An jemand Verstorbenen
    Zu denken auch…

    So wie du darüber zu schreiben
    Wie von Gottes Gnaden…

  5. meertau sagt:

    „enthäuten“…. was für ein kräftiges, von mir längst vergessenes wort. und was für ein berührender text.

  6. disputnik sagt:

    Ist und geht tief, der Text. Und wunderschön.

  7. oh, liebe Fee, Du erinnerst Dich. Ich verdtehe Dich so gut.
    Du wirst Dich immer erinnern und sie immer vermissen.
    Aber mit der Zeit verändert sich der Schmerz…

    Am Montag vor einer Woche starb eine sehr liebe Freundin von mir und ich kann es immer noch nicht fassen. Eben lebte sie noch und sie geht doch in ihrem Garten, ich sehe sie dort, immer noch, beim Rosenschneiden…

    Herzlichst Deine Bruni

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