Ein Satz

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Was ich alles las…Fernando Pessoa lag zum Greifen nah, nur ein paar unruhige Meter entfernt von meinem Bett. Doch er konnte mir nicht helfen, in all seiner großen Weisheit über das Wesen der Leere, konnte er mir nicht helfen. Zum allerersten Mal. Ich durchpflügte die Romantik alter und zeitgenössischer Dichter in wilden Sprüngen und Novalis schüttelte tadelnd sein Haupt, machte mir schwere Vorwürfe. Ich solle mir für die poetische Schöpfung Zeit nehmen, befahl er und schickte mich zu den Philosophen. Ruhe fand ich nicht bei Platon, auch nicht beim Epiker Vergil. Doch aus seiner These, dass Duldung jedes Verhängnis besiege, konnte ich zumindest erste Theorien entwickeln, die zu einer Idee führten, die sich zu einem vagen Bild konturierte. Bilder sind die Zellen der Wörter. Keimzellen, aus deren Lebenswunsch nach Eigenständigkeit heraus sich Buchstaben formieren, heran schwimmen wie bunte Fische auf der Suche nach dem warmen süßen Licht.

Die Tage im Gefühl wilden Treibens. Ich spürte, was sich in mir illustrieren wollte und dankte dem Leben für die Zeit, die es mir jetzt gerade schenkte, unbeweglich und gehandicapt wie ich war, mich auf das besinnen zu können, dem obsessiven Hunger nach Ausdruck uneingeschränkt nachgeben zu dürfen , wie ich es wünschte. Gierig, wie man sich auf etwas stürzt, das man lange entbehren musste und nun im Überfluss genießen kann. Wo ich überall las…

Bei dir und bei dir fanden sich übergeordnete Worte zu anderen Thematiken und Wissensgebieten und doch fand ich mir Gleise und Zugangswege, auf denen meine Gedanken reisten um zu lernen was sich in Wort, Satz, Text destillieren wollte. Als mein Kopf von fremden Bildern zu bersten drohte, hielt ich ihn mit beiden Händen fest und bat um Erdung. Fliegen schmerzt zwischen den Ohren. Ich fand in den umhergestreuten Spiegelscherben  jemanden, der mich an den Boden zwang. Es war wie ein Festbinden, Wehren  zwecklos. Genau das brauchte ich jetzt. Ich konnte den fieberhaft suchenden Geist beruhigen und trank literweise Baldriantee. Er schien mich berauschen zu wollen statt mich zu beruhigen. Dann setzte ich mich hinaus und bemühte die Sternbilder um Aufmerksamkeit. Sie reichten sie mir in kleinen Portionen Licht und auch ihre große unerreichbare Stille reichten sie mir an. Ich akzeptierte stumm, ihnen einen kleinen Ewigkeitstribut entgegen schweigend. In mir sich häufend kleine Ballungen einzelner Buchstaben in unterschiedlichen Höhen, Tiefen und Resonanzen. Die gelesenen, die gesehenen Bilder begannen zu schwingen. Ich wurde rauschender Klang.

Spät in der Nacht legte ich mich in mein Bett und es war sternenhell im Zimmer, vor meinem Fenster stand Orion, denn ich hatte die Vorhänge offen gelassen, weil ich ihm auflauerte, damit er kommt und mich in seinem Licht fängt. Ruhelos verlor ich mich in Träumen und viel später, als die Sterne längst hinter Wolken verblasst waren, wachte ich auf und hatte diesen einen allzu kurzen geratenen Satz im Kopf. Es dauerte, bis ich aus dem Bett heraus war, die Krücken gesucht hatte und schlaftrunken zum Schreibtisch humpelte um Schreibwerkzeug zu organisieren. Gewohnheitstier, das ich bin, dachte ich keine Sekunde darüber nach, dass mein Handy eine Diktier- und Aufnahmefunktion hat, die ich ansonsten auch oft nutze. Im Dämmerzustand nebeliger Nachträume, schrieb ich in großen schlaksigen Buchstaben den Satz im Halbdunkel auf, taumelte zurück zu meinem Bett, fiel in die Kissen und schlief traumlos fest und tief bis zum nächsten Morgen durch.

Ich erwachte früh um sechs und war hellwach. Sepiabeschichteter Himmel, die Sonne ein Scheinwerfer, wie hineingetränkt. Die Gefühlslage gemischter Dinge und auf dem Schreibtisch die Kladde, auf der in zartem Türkis mit unsicheren ungelenken Buchstaben der Satz der Nacht prangte. Die Essenz allen dessens, was ich die Tage zuvor gelesen hatte. Ich hörte mir alte Aufnahmen von Gedichten an, rutschte ab in die Zeit zurück zu einem Flokati, einem Plattenspieler und einem Gefühl von Idealismus, das wie ein starker selbstbewusster Führer war in dieser vergangenen Zeit. Mit diesem Gefühl im Bauch las ich den Satz nochmals und verstand ihn besser. Dann wandte ich mich den Tagesgeschäften zu, wollte die Worte vergessen, sie ablegen für ferner liefen ungefähr, doch sie ließen sich nicht ablegen. Hartnäckig blieb das Bild der Brandung in mir, rauschte gegen meinen Pragmatismus an, wollte meine Gezeiten dominieren. Ich umschlich es, während ich meinen Tag lebte und organisierte.

In den Pausen trieb ich in den Meeren der Literatur als willenlos williges Treibgut und saugte mich voll mit Worten, der Musik ihrer Aussagen. Ich hatte Gewaltiges gelesen und krümmte mich noch vor der Größe der Texte. Doch die großen Toten, die nicht mehr sprechen können, halfen mir wie schon oft und machten mir Mut. Sammelte ich sie um mich und rieb mich ein mit ihrer Weisheit, hoffte, dass etwas davon bei mir bleiben durfte in all dem Vergessen, das jeder neue Tag bereits in sich birgt wie einen verderblichen Keim, der im Morgen gedeiht und im Übermorgen aufgeht. Es trieb ein paar Texte aus mir heraus, in einigen verreckte ich. Fehlgeburten, doch noch nicht tot, nur zwischenabgelegt und maschinell beatmet in den Archiven des Systems. Immer wieder kehrte ich in die Poesie des Satzes zurück, unfähig ihn weiterzubringen. Als sei er ein schubladenunkonformes Unikat. Ich fragte ihn, was er sein wolle, er sei selbst für Minimalpoesie zu wenig. Ich wollte von ihm wissen, was ich nun mit ihm tun solle. Dann wandte ich mich wieder meinen täglichen Aufgaben zu. Ich wusste, dass ich irgendwann eine Antwort erhalten würde und tatsächlich war sie am Abend da, ohne dass ich noch einmal nachfragen musste. Ich schrieb den Satz noch einmal für mich in Schönschrift in mein Tagebuch. Das Datum darunter. Er war die Essenz meiner Bildungsarbeit und ich verstand, dass ich etwas aufgeschrieben hatte, das für mich selbst noch zu wenig verständlich und aussagekräftig war, als dass ich darauf textlich fundiert weiter aufbauen konnte. Ich bemerkte das Potential in der Aussage an sich und es forderte mich auf geduldig weiterzuarbeiten und weiter zu suchen bis ich genügend zusammengetragen hätte, um aus den Blüten unzähliger Bilder, Aussagen und Texte, einen Tropfen Wörter zu destillieren, klar wie Wasser und so intensiv duftend wie ein komplexes und feines Odeur, von dem ein einziger Tropfen auf der Haut ausreichend ist, um den Kopf mit der Schönheit eines Duftes zu umnebeln, der den sachlichen Pragmatismus des Verstandes Tag und Nacht subtil verhalten, doch dabei unwiderstehlich betört.

Ich wurde ruhiger, hörte Klassik von Bruch bis Offenbach, goldene Wellen tief in mir und noch tiefer, verborgen im Dunkel der Seele liegend, diese tiefe schöne rauschende Gefühl einer Brandung. Der Satz? Nicht weiter wichtig, da ich ihn in die Tat umlebte.

—-

 

13 thoughts on “Ein Satz

  1. Liebe Fee, Du hast so bildhaft geschrieben, daß mir beim Lesen war, als würdest Du zu mir sprechen. Ich mag Deinen Stil und Deine Intensität sehr.
    Ein herzlicher Gruß,
    Madame Filigran

  2. Clara HH sagt:

    Der letzte Absatz gefällt mir am besten, weil ich dort das Gefühl habe, dass du zur Ruhe gekommen bist.
    Beste Grüße zu dir!

  3. Das Versprechen dieses einen Satzes, den du uns vorenthältst, war ja nur die Keimzelle, der kleine Anlass für diesen schönen, dichten, wohltuenden, aufrichtigen und großen Text. Merci.

    • karfunkelfee sagt:

      Ja, genau…
      Das Versprechen des Satzes ist die Keimzelle für einen ganzen Text. Der Geist (restlos überfüttert von zu viel unterschiedlichem Wissen, wie üblich impulsiv den Eingaben des Gefühls folgend und nicht lösungsorientiert streng analytisch…), suchte schließlich sein Heil in äußerster Komprimierung, weil die Antwort auf die Fragen, die er hatte, in aller Weisheit nicht so vereint werden konnte, dass sie ins Handschuhfach des Verstandes hinein passten. Der Satz ist sperrig, unkomfortabel und unkompatibel. Er ist beinahe banal… Ich glaube, ich schäme mich fast für ihn, darum verstecke ich ihn in meinem Tagebuch und schrieb ihm eine kleine Hommage. Als Entschädigung für die Nichtpublikation und lasse meine Leser genüsslich im Unklaren. Deswegen bloggte ich (wiederum eine Entschädigung, dieses Mal für die um den Satz gebrachten Leser) die umwerfende Jaqueline Du Pré mit Offenbach.

      Über Deinen Kommentar habe ich mich wirklich sehr gefreut.
      Vielen Dank, Achim und ich wünsche Dir einen schönen Sonntag,

      • Ich hoffe doch, dass einmal der Verstand etwas Größeres zum Innewohnen bekommt, als nur ein Handschuhfach🙂 Geheime Sätze haben manchmal eine enorme Wirkungskraft.

        Auch dir einen schönen Sontag

        Achim

      • karfunkelfee sagt:

        Eine Steilvorlage wie ein freches Lächeln. Sie war es wert.
        Geheime Sätze sind Zaubersprüche, das stimmt. Sie können ganz unscheinbar sein und kurz, scheinbar völlig beliebig aus Worten gegriffen und zusammengestellt und doch haben sie einen Zauber, eine besondere Bedeutung, die, würde man sie versuchen erklären zu wollen, an Grenzen führte, die es zuvor noch zu überwinden gilt, über die es noch mehr zu lernen gilt, denn die richtigen Antworten bekommt nur der, der lernt, die richtigen Fragen zu stellen. Das ist Zauberspruchkunde, erstes Schuljahr, erste Lektion für kleine Karfunkelfeen.

        Ich bin dabei, die Seitenfächer freizuräumen und die Hutablage. Was tut man nicht alles für ein bisschen mehr Verstand.

        Neblige Sonntagabendgrüße,
        Stefanie

  4. Ulli sagt:

    Ganz grossartig, liebe Fee, ich danke dir für diesen Text voller Gefühle und Bilder, für die Momente des Stillstehens … dann weitergehen. Für die Umkreisung und Einverleibung und dem was Geheimnis bleibt, für uns, die LeserInnen.
    herzliche Grüsse
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      danke, Ulli….ich mag das, wenn Du Dir auf solche Weise meine Texte einverleibst, es ist sehr schön, wie Du sie empfindest und auf welche Weise sie auf Dich wirken…,
      herzliche Grüße zu Dir und Dank,
      Stefanie

  5. Silbia sagt:

    Die Spannung blieb bis zum Schluss, DER SATZ… und die weise Erkenntnis, dass er aufgeschrieben dort bleiben darf. Wenn ich ihn auch nicht erfahren habe, er wurde in die Tat umlebt, das macht ein Gefühl von: Ja, dann ist es gut, wie es ist! Den Satz muss ich nicht mehr wissen. Fein!🙂

    Liebe Grüße,
    Silbia

  6. karfunkelfee sagt:

    …ein tolles Feedback, das Du mir hier gibst, denn genauso wollte ich, dass der Text wirkt. Beim Lesen der Philosophen beklagte ich mich schon wieder, weil immer nur ein bisschen kleben bleiben kann von all diesem Wissen. Als ich Texte las, die so schön und so gewaltig waren, dass mir ganz rührig ums Herz wurde, fand ich mich daneben klein wie ein Sandkorn und am Schluss der Reise durch die Bücher, Artikel und Dokumentationen, die ich las und sah, hatte ich zwar keinen Aphorismus auf mein Leben in der Hand, doch es war eine innere Ruhe in mich eingekehrt, die sich komplex und fein strukturierte aus allem Gelesenen und Gesehenen. Als Schreiberin weiß ich um das Wesen der Kreativität und es ist ein scheues. Es lässt sich nicht bemühen. Manches Aufgenommene braucht seine Zeit, bis es verarbeitet ist und Textform annehmen kann. Anderes setzt sich sofort um. Es geht vielleicht eher um die Umschwingen aus dem Zustand rastloser Fragen, Wissensdurst in eine andere Kursrichtung und Einstellung. Zwischen den Zeilen lebt die Lust an der Bewegung und der Umtriebigkeit, der Wunsch nach Veränderung, so, wie eine Brandung, die unablässig an einen Strand rauscht, die niemals still steht in ihrem immer währenden Rauschen und doch birgt sich in dieser Art Bewegung ein tiefer Frieden, der auch die Unwissenheit akzeptiert hat. Dein Kommentar ist sehr fein, ich danke Dir…,
    liebe Grüße,
    Stefanie

  7. finbarsgift sagt:

    Bin grade lesend über deinen zauberhaft schönen Text gesurft, voller Lieblingsbuchstabenwellen, und im Sternenmorgen erklang das feine Bruchsche Violinkonzert…

    Das Leben kann einfach manchmal genauso wie ein Wunschtraum sein…
    Liebe Morgengrüße von mir zu dir

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