Nietzsche und Inselgrüße von den Hebriden

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Eines ist Verlassenheit, 

ein anderes Einsamkeit.

(Friedrich Nietzsche)

Die Gedanken in Anbetracht des Kalenderbildes wanderten über das Meer, waren für sich, doch nicht verlassen.  Nietzsches Worte im Handschuhfach dabei.

Verlassenheit sprüht Glitzertränen in die Gischt des Meeres. Sie ist so untröstlich resignativ, dass sie sich selbst an fremde Rücken lehnt in ihrem Wunsch nach vertrauter Nähe. Sie immer wieder in Verzweiflung fällt, wenn sie erkennen muss, dass das geliebte Gesicht nicht das gesuchte ist.

Verlassen die alte Hütte am Meer, auf dem grob gezimmerten Tisch noch die alten gesprungenen Teller und das Besteck, rostig angelaufen in den Ebben und Fluten vergangener Jahre. Ich erkannte Ionas grüne Küsten wieder und bewunderte Staffas präzise Sechseckgeometrie der abgebrochenen Basaltsäulen. In der Fingalshöhle sang der Wind Musik zwischen die Säulen, es war ein gälisches Lied in Moll. Es klang verlassen, leise murmelte die Brandung an den Stein. Das Licht kaum beschreiblich; leuchtete wie in mildesten Pinselstrichen geträumt. Dort sah ich Fionn, wie er aus Basaltsteinen die Brücke zwischen Staffa und Nordirland warf, sang ich mit ihm das alte atlantische Lied der Einsamkeit. Es handelte vom Vergessen, vom Untergang und von der Schönheit dieser Welt. Der schottische Dichter Don Paterson behauptete von den Hebriden: The first touch of the light will finish you und ich ruhte in diesem Satz, weil er mir wahr erschien. Die Dämmerung, ein rosa Seidentuch, schlang sich sanft um die dunklen Felsen, schwebte sie aus der See empor im hellgrünen Kontrast moosbewachsener Hügel. Menschvergessen erhob sich dieser Hügel dort vor mir, floss über zum nächsten, so dass alles in ständiger Bewegung erschien: das Meer, die schroffen Klippen, umtost von Brandung, die Wolkenschatten, die über die Berge wanderten, sie mit Regen streichelten, braun peitschten, grün küssten.

Ich war allein mit der Poesie in Gras und Felsen, einsam, doch es war kein Mangel an Gesellschaft, denn ich war zufrieden, ein Teil der Landschaft, ein Wesen im Wind, das einen alten Inselgruß sang: Bis morgen.

—-

5 thoughts on “Nietzsche und Inselgrüße von den Hebriden

  1. Ein zauberhafter, poetischer Text!

    Mit liebem Gruß
    Constanze

  2. Flowermaid sagt:

    … dorthin möchte ich reisen und deine Worte nehme ich mit, nochmals lesend um sieh dann frei zu lassen… liebe Grüße vom Blumenmädchen🙂

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