Filterlos

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Resonanz  für M. 

Erdbebentage im Wechsel mit Stunden, endlos lange öde Wege, im Nachhall verzittert, in den Momenten ausgesessen und die unbespielte Leere über weite Felder geführt. Eingefroren, ständig frierend und gefangen im Eis, keine kleinste Welle erschüttert den Kerkerfels. Ein Lachen, ein Kann, ein Soll, ein Muss. Die Augen der anderen und in ihnen zauberhafte Augenblicke silbriger Unbeschwertheit. Das Leben der Dompteur der Katzenzeit, in der alles ausgelichtet sein darf in die instinktive Sensorik heißer freudiger Empfindungen. Der Himmel meerblaue Leichtigkeit, die sich in die Magie einer schwebenden Leere verführt, nur ist dieses Mal die Leere warm. Dieses Schwanken zwischen Donnerhall und Schmetterlingsflügeln. ,

Wie eine Motte mit  Ikaruserinnerungen und aschenen Flügeln zu sein, verloren in den Idealen  der Welt draußen. Gleichzeitig alles sein wollen und dann wiederum bodenlos zu fallen, sich ein ums andere Mal die Flügel zu brechen und lange Heilungszeiten zu brauchen um den Weg aus dem Bodenlosen zurückzufinden. So, als würde man versuchen wollen aus dem tiefen Fall heraus die Kräfte umzukehren und aufzusteigen, kurz vor dem Aufprall. Ein Kampf wider die Schwerkraft, der die physikalischen Gesetze gegen sich selbst richtet. Ins Licht zurückzuschießen und davon überzeugt zu sein, die ungeheuren Fliehkräfte bewältigen zu können, die dafür sorgen, dass die Bremsen dann doch wieder rechtzeitig versagen. Dabei lauter Brandbilder im Kopf, Flashbacks, die unausgesetzte Erinnerung ein reißender Strom in die Vergangenheit, an deren Ende der freie Fall steht. Wochen, in denen dem Willen Erlahmung droht,  ein zu Tode verwundeter Lachs, der flussaufwärts gegen Stromschnellen kämpft. Die Bilderflut der rosatransparenten Schuppen, die sich zu Tode trudeln bis in alle schwarze Ewigkeit. Die Seele rohes Fleisch, ein winziger rotwunder Punkt in den Schlachthallen der Moralisten, der Positivisten und der optimistischen Oberflächenfanatiker. Vektorwünsche, die nach Resonanzen auszielen, noch immer mit Kraft geführt. Sehnsucht nach Berührung, die die Graupanzer durchdringen kann. Das angeborene Übermaß an Zärtlichkeit, das im Herzen steckt wie ein vergifteter Pfeil. Herausziehen hätte das sofortige Verbluten zur Folge. Die Federn am Schaft zittern bei jedem Pulsschlag mit. Überall Reizstrom und zuwenig Filterung, der Kopf fühlt das sich anbahnende Desaster und will mit dem Körper entfliehen, so schnell es geht, um sich zu erden und den Teufel zu schlagen. Das Gefühl ist allein. Es schaut sich ständig um nach anderen. Manchmal fühlt es sich auch verfolgt, ist unbeweglich, sieht sich ausgeliefert an Meinungen. Es ist so schwer sich zu erkennen, wenn man sich selbst zu nahe steht, vor allem in den Tagen des Donnerhalls und in den Stunden, in denen jede Meile eine Erkenntnis drischt, zäher undurchdringlicher Landnebel, ein Sack Untröstlichkeit, wie ertränkte Katzenkinder. Das Blut auf wechselnde Geschwindigkeiten eingestellt, von hoch motiviert bis kataton die Leere ansingend in einer stummen gequälten Elegie der endlichen und und dabei in ihrem Ausmaß unendlich sich ausdehnenden Einsamkeit.

Das Heil der Zwischenspiele auslotend in den Extremen des Alltäglichen. Immer wieder dieselben bohrenden Fragen, die gleichen Gedankenspiele, mit allen Nerven sich Befreiung und Enthemmung wünschend in den erzwungenen Strukturen und Arbeitsfeldern, die die Normalität festhalten und in alledem dieses unerträgliche Wissen, dass Normalität kein definierbarer Begriff ist und sich von einem Mottenflügelschlag zum anderen in ihr Gegenteil verkehren kann. Das Schicksal sehen und begreifen wie den härtesten Lehrer der Welt und stumm darum bitten, dass es gnädig bliebe in alledem, was schon hart genug scheint. Das entwertete und zerfaserte Wissen, nichts zu sein, nichts werden zu können kann sich so rasiermesserscharf schleifen, dass es um zu leben, sogar dazu bereit ist, zu sterben. Tonnenschweres Wissen um das Risiko überlasteter und schließlich durchgeknallter Sicherungen. Es auf der Spitze des Zeigefingers balancieren; so leicht wie einen aschenen Mottenflügel, der einen Sturm auslösen kann.

—-

(Beitragsbild: Noel S.)

16 thoughts on “Filterlos

  1. Beat Company sagt:

    WOW. Das muss ich mir heute Abend tsuhause noch-ein-mal reinziehen.

    Aber ohne Filter, vasteht sich.

  2. Arabella sagt:

    Motten haben keine Ikaruserinnerungen.
    Sie verbrennen, weil sie ins unwissend ins Licht fliegen.
    Einzig ihres Lebensinhaltes bedacht.
    Anders der Held Ikarus, der sich selbst zurückstellend opferte.
    Es gibt kein menschliches Beispiel in unserer Zeit für ihn.
    Sicher hat auch er Motten hoch geachtet.
    Ich finde diesen Vergleich nicht gut.

    • karfunkelfee sagt:

      Motten fliegen nicht aus Unwissenheit zum Licht, sondern weil sie denken, es sei der Mond, nach dem nachtaktive Insekten ihren Flug ausrichten. Es ist also ein irregeleiteter Instinkt, da es in der Natur keine künstlichen Lichtquellen gibt.
      Das Bild des Ikarus verwendete ich im mythologischen Bezug zum Sohn, der sich vom Glanz der Sonne verführen lässt und die Warnungen des Vaters über der Lust am Fliegen vergisst. Ich betrachte Ikarus nicht als Held, sondern als kleinen Jungen, der unachtsam ist und dies mit dem Leben bezahlt. Und als die Hilflosigkeit aller Eltern, die ihre Kinder nicht vor allem beschützen können, selbst wenn sie es noch so sehr wollen. Dann ergibt es Sinn. Unwissenheit und Unerfahrenheit sind keine Fehler, sogar Übermut nicht, denn alles dies ist allzu menschlich.
      Ich habe gelesen, dass der Ikarus auch politische Bezüge hat. Mein Text ist kein politischer. Er ist surrealistisch und beschreibt etwas anderes.

      • Arabella sagt:

        Es sind so viele Fehler menschlich.
        Das macht mich befürchtend, wir alle verstecken uns hinter dieser Aussage. Ich bin eben nur ein Mensch, ich mache Fehler…
        Deshalb finde ich es so wichtig, nachzufragen, um zu verstehen.

      • karfunkelfee sagt:

        Fehler zu entschuldigen ist kein konstruktives Mittel, um eine verfahrene Situation in einem positiven Effekt zu verändern. Besser ist es, sich mit ihnen zu befassen. Miteinander zu sprechen und was ich auch wichtig finde: Nicht von irgend etwas ausgehen, wie es auch sei, weder positiv noch negativ. Sondern einfach nachzufragen wenn etwas unklar ist.
        Immer der allerbeste und direkteste Weg für ein gutes Verständnis.

        Ich wünsche mir manchmal so sehr, dass es möglich wäre, dass alle so miteinander verfahren könnten. Es wäre eine friedliche Weise, mit unterschiedlichen Auffassungen und Meinungen umzugehen…
        aber höchstwahrscheinlich bin ich jetzt gerade wieder völlig weltfremd und träume wie üblich von übergalaktischem Frieden in der Welt. Doch dabei teile ich Deine Befürchtungen leider, dass viele sich hinter ihrer Menschlichkeit entschuldigen.
        Die beiden unauffällig kleinen Worte „eben nur“ sind von epischer Bandbreite und beanspruchen eine ähnliche willkürliche unantastbare Immunität in Handlungs- und Meinungsfreiheit wie die katholische Kirche es mal meinte für sich in Anspruch nehmen zu dürfen. Das hatte dann die Inquisition zur Folge.

  3. Arabella sagt:

    Geschehen vertiefen ihren seelischen Druck umso fester, wenn man ihnen zu intensiv folgt. In dieser „Gefangenheit“ liegt die Ursache psychischer Schwankungen.
    Wir alle nehmen uns zu wichtig.
    Die Erdung geht verloren, wenn der Kopf im Himmel träumt.

    Über die katholische Kirche lassen sich ganze Aufsätze schreiben. Gegründet aus einer Männerherrschaft, die Wissen geheim gehalten hat und hält. Dies im Verbund mit weltlicher, politscher Macht, welche wiederum auf Geburtsrechten beruhte.
    All das sprengt den Rahmen einer Kommentarunterhaltung.

    • karfunkelfee sagt:

      Wir sprechen über unterschiedliche Dinge. Wovon ich schreibe, geht weit darüber hinaus, sich selbst zu wichtig zu nehmen, es geht auch über psychische Schwankungen hinaus. Du sprichst von Disziplinen. Doch erst brauchst du dafür das Verständnis einer anderen Wahrnehmung.
      Sie hat nichts mit Verträumtheit zu tun, auch wenn es so erscheinen mag.
      Lassen wir die Wirtschaftsmacht Kirche mal außen vor, sie war lediglich ein metaphorischer Vergleich.

  4. Ihr Text fließt durch die Augen direkt unterhautig weiter und hinterläßt Wellen von kleinen Aufschreien. Als möchte jede Pore die Motte schreiend bitten, nicht aschern zu werden, weil sie viel zu gewichtig einem erscheint, als daß man ihren aschernen Flügel fingerkuppig balancieren könnte…

    Ich halte mich mal nur an diesem einen Bilde fest, der Text steckt voller solcher Urschreie, er schwirrt vor Empathie und Eigenschmerz. So tief kann man selten lesen, meine Liebe. Und ich glaube beim erneuten Lesen färbte er sich wieder andersschmerznuancig.
    Ich höre nun den geliebten Black beim Schreiben und muß immer wieder den Blick gen Platane heben. Ab und zu schaut die Amseline auf dem Mäuerchen vorbei und ich darf lächeln zwischendrin.

    Ich grüße nochmals von tiefinnendrinnig und wünsche Ihnen das Beste. Und Ihren Lieben natürlich.
    Ihre Käthe, schon längst die Deine.

    • karfunkelfee sagt:

      Das letzte Bild ist das stärkste. Die Kunst, das größte Gewicht mit der geringsten Anstrengung zu balancieren, ist die ökonomische Herausforderung. Es ist ein Schmerztext, ja. Einer, der sowohl den Schmerz der Schönheit und der Freude als auch den der dunklen Abgründe beschreiben will. Manchmal finde ich bei Menschen Ähnliches und denen mag dieser Text tief unter die Haut gehen, weil sie ihn nachempfinden können in diesen sehr heißen, starken und großen oder schweren Reizbildern; wie sie Gefühle eben sein können.
      In der Gewichtigkeit des Wissens um die Macht von etwas, das so zart ist, dass es bei der geringsten Berührung zu Asche zerfällt und dabei dennoch das Zerstörungspotential einer Sturmgewalt besitzt, liegt die Motivation, eine Balance finden zu wollen, die die weiten Pendelausschläge von hoch nach tief in der Mitte zielstrebig und sanft zentriert mit Disziplin als Bremsklotz und Toleranz, um sanft in der Mitte zu landen.

      Die Amseln singen sich noch ein. Jeden Morgen großes Stimmen und Üben, hysterisches frühflattriges Herumgehaste im Nochnichtmorgenlicht. Die Blaumeisen inspizieren allen Ernstes den Meisenkasten. Das ist noch viel zu früh! Sagte ich ihnen. Doch die ließen sich nicht die Bohne stören, rupften weiter meine echt schottische (!) Wolldecke und stopften ihr Nest damit. Frühvögler. Pst.
      Ihre Karfunkelige, Deine meine ich natürlich….

      • Ich glaube immer öfter, die richtige Balance zu finden ist tatsächlich eine Kunst, die sich in Künsten versteckt. Nein, nicht versteckt, das fühlt sich nicht richtig an. Sie ruht in den Künsten. Deshalb schreiben, malen, photographieren wir. Um die Balance zu halten. Manchmal vermag mich ein gebundenes Floralkunstwerk vor der Klippe zu retten, auf die sich das Empfindlichkeitsseelchen flüchtet und manchmal sind es Worte. Ihre sind da ganz oft dabei, Sie Silbenschutzengel, SieDu.

        Das hat jetzt zwar nichts mehr direkt mit Ihrem Text zu tun, wollte aber unbedingt hierhin geschrieben werden.
        Zugeneigte Sonntagsgrüße nochmals, IhrDeine Rotfunkelfreundin.

      • karfunkelfee sagt:

        …ich lernte so viel in den Gratwanderungen, wenn ich mich auf die Magie der Texte, Bilder, Skulpturen, der Kunst einließ, die mir in meinem Leben bereits begegnete….
        …ich erkannte, dass es Welten waren oder Wege, die in eine andere Art der Wahrnehmung führten – die des Künstlers. Es war, als könnte ich in manchem, das ich sah, eine Seele berühren oder in einen Dialog mit ihr treten. Ein sehr intimes und nahes Gefühl. Das bedeutet für mich Kunst…

        Auch trägt sie maßgeblich dazu bei eine Balance herzustellen. Manche Eindrücke im Leben sind so stark und radikal, dass sie die Seele eindellen können. Kunst, selbst geschaffen oder erfahren kann dazu beitragen, diese Dellen auszuwuchten. Auch, die Pegelschläge der Seele auszutarieren. Ein Ventil, das den Überdruck der Empfindungen abdampfen lässt. Gerade die großen Gefühle brauchen viel Platz und Raum um sie komprimieren zu können in einen Blumenstrauß. Sie sind wie die wilden ungeordneten Blumen in Ihrem Arm. Sie nehmen den Draht und winden ihn formgebend und ordnend. Am Ende bleibt vom Wilden Ungeordneten etwas Stilvolles zurück, das die ganze Schönheit und Wildheit der Natur in einer Ästethik formuliert, die der Ordnung im Auge Trost spendet und die Gedanken beruhigt. Hier strahlt die Sonne und ich denke an DichSieDu….
        Ihre Karfunkelige
        (das Gesicht sonnen- und frischeluftgeküsst)

      • DuDeinIhre Worte sind so kraftvoll wie diese ganze letzte Woche, ich mußte eben echt Kwatsch machen, so als Balance.
        Es gibt Tage, da möchten die Gefühle einen überwellen, ich weiß ja, daß SieDu das kennst.

        Amselgezeterbegleitete Grüße vom Haus am Ende des Weges. Salzstadthorizontig scheint der Himmel sich entglühen zu wollen, doch das Rotgefunkel vom Überknapp morst Entwarnungstreue.
        Ich morse Herzensgrüße zurück, immer die IhrDeine.

  5. Flowermaid sagt:

    … mir gefällt Vehemenz mit der du gegeneinander wirkenden Physischen wie Psychischen Kräfte beschreibst…

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