Thema: kalenderweise – wochensplitter

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Beim Meeting habe ich meine Lauscher sperrangelweit auf Empfang ausgerichtet. Manchmal stellt er mir Fragen zu Recherchen die ich durchgeführt habe und ich gerate ins Nachdenken, wann und wo ich recherchierte, winde mich in Erklärungsnot und sitze mit verschluckter Zunge schuldbewusst und zerstreut wie ein beim Träumen ertappter Pennäler neben ihm. Meistens fällt es mir nach unangenehm lang erscheinenden Nachdenklichkeiten doch noch ein und ich bin erleichtert wenn das abgespeicherte Wissen auf dringende Anfrage abgerufen werden kann. Was ich lerne, lernen Volontäre. Sprachschulung, Sprachstil, klare verständliche Informationen, ungefärbt und sachlich. So, wie ich es mag.  Manchmal sind in Interviews sehr viele Informationen und komplexe Zusammenhänge zu verarbeiten. Ich habe klare Vorgaben, wie lang ein Artikel sein darf. 2000 Zeichen, die Sätze nicht länger als fünfzehn Worte. So wenig Fremdworte wie nur möglich.

Nach einem Interview gehe ich mit meinen gesammelten Stichpunkten nach Hause und schreibe sie teilweise schon in ganze Sätze um, erstelle ein Textbaugerüst. Dann recherchiere ich und lasse das Interview noch einmal wirken, gehe in Gedanken das Gespräch noch einmal durch und komprimiere die Inhalte in kurz gefasste schlüssige Zusammenhänge. Ich lerne vom Chef, dass es jeder verstehen können muss, egal wie alt oder gebildet er ist. Adjektive vermeiden, die sind oft wertend. Synonyme suchen und kurze knackige Formulierungen. Wenn ich so einen Artikel verfasse, habe ich das Bild eines Diamantschleifers vor Augen. Es ist ein Arbeitsbild. Aus einem rohen Stein schleift er etwas, das das Licht reflektieren und brechen kann. Ich nehme mir an Wissen mit soviel hineinpasst in meinen Kopf.

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Der Kalenderspruch der vergangenen Woche auf meinem Schottland-Wochenplaner lautet: Der Stil erhöht die Schönheit der Gedanken. Er ist von Arthur Schopenhauer. Ich mag dieses Zitat, ich glaube, ich kann damit gut arbeiten. Es passt in mein Bild vom Diamantschleifer. Da entdeckte ich einen Satz in einem der Artikel, der sich mir querstellte. Ich nahm dem Satz das Adjektiv weg, krempelte ihn von hinten nach vorn auf, drehte ihn auf links, fügte ein schöneres Synonym für „sagen“ ein und präsentierte ihn dann  meinem Brötchengeber. Dieser strahlte über beide Ohren und meinte, ich hätte das mit den Adjektiven und der Eleganz gut verstanden. Ich setze Neugelerntes so gern am liebsten gleich mal in die Tat um. Es ist wie ein neues Spielzeug, das sofort und auf der Stelle ausprobiert werden will.

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Ich denke an den Frühling letzten Jahres zurück, die ersten Interviews, die riesige Unsicherheit, fremde Menschen etwas zu fragen, teils sogar persönliche und private Dinge. Es fiel mir unsäglich schwer und ständig hatte ich Angst, jemandem zu nahe zu treten. Andererseits habe ich die Gelegenheit Menschen in unterschiedlichsten Berufszweigen und Ausrichtungen kennenlernen und über sie berichten zu können. Das, was sie tun anderen vorzustellen und zu zeigen. Das macht Spaß. Im letzten Jahr besuchte ich eine Posaunenwerkstatt. In der Ausstellung die blitzenden Instrumente, von der Posaune über die Trompete, Saxophone bis hin zur großen Tuba. In dieser Werkstatt wäre ich sehr gern noch eine Weile geblieben. 

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Zwei Meister fertigen die Instrumente von Hand. Sie erzählten lachend Anekdoten. Wie sie einmal eine von einem Auto plattgefahrene Trompete wieder auswuchten sollten. Die platt gefahrene Trompete ist eine Trophäe in der Werkstatt. Die hier gefertigten Instrumente werden in die ganze Welt geliefert. Ich sah die verschiedenen Entstehungsstufen einer Trompete, die Werkzeuge, säuberlich aufgereiht an der Wand. Endemische Werkzeuge, so speziell, dass sie nur für diesen einen einzigen Zweck eingesetzt werden können, für den sie entwickelt wurden. So, wie die Rohlinge, die der Trompete aus dem dünnen Blech die spätere Form geben. Eine ganze Wand mit Hämmern in verschiedenen Gewichten und Größen. Einer davon sieht aus wie diese Reflexhämmerchen, mit denen Ärzte die Kniegelenke ihrer Patienten traktieren. Ich darf  länger bleiben. Mein Chef hat bemerkt, dass ich begeistert bin von den Instrumentenbauern. Das darf natürlich nicht in jedem Detail in den Artikel, also schreibe ich es heute mal hier im Rahmen meiner kleinen Wochenhausaufgabe, die ich mir gestellt habe: Jede Woche meinem schottischen Wochenplaner einen Text zum Kalenderspruch zu widmen. Es dürfen alle möglichen Texte sein, darin habe ich mir Freiheit gelassen. Es dürfen Gedichte sein, kleine Geschichten oder Erlebnisse, die Form ist hierbei völlig frei. Was zählt, ist das übergeordnete Thema: kalenderweise  (das ich allein wegen des Wortklangs schon mag) und der Spruch der Woche.

  
Es geht um den Transport althergebrachter Weisheit in eine zeitgenössische Form. Das reizte mich schon immer. Darum texte ich so gern auch immer wieder mythologisch bezogen, arbeite mit den alten bekannten Bildern und ihren darin enthaltenen oft mehrseitig auslegbaren Wahrheiten. Suche die meine. Meine Unsicherheit ist manchmal groß. Ich habe nicht studiert, bin halbwegs literarisch belesen und politisch nicht so gut aufgeräumt und informiert wie ich das gern wäre. Macht alles nix, denke ich mir und gehe unbeirrt weiter den Weg, den ich gehen will, weil Sprache die pure Lust ist, weil sie lebendig ist und weil ich es liebe, mit ihr zu arbeiten und zu spielen, genauso wie ich manchmal etwas lese und ehrfürchtig werde, weil es so eindringlich geschrieben ist. Sprache ist ein Handwerk, das gelernt werden will und immer wenn ich gerade denke, ich hätte schon eine Menge begriffen, stelle ich fest, dass ich an Stellen vor vorn beginne oder etwas komplett überholen, umstrukturieren und revidieren muss, von dem ich glaubte, es sei schon ganz gut.

Jeden Tag lese ich mindestens zwei Gedichte von unterschiedlichen Lyrikern. Das dürfen zeitgenössische oder auch Blogger sein, das dürfen große alte Meister sein, das darf alles sein, was mich berührt, mitnimmt und bewegt. Ich nehme mir Zeit und tauche tief in die Sprache ab, genieße die Berührung mit einem fremden Ausdruck oder Gefühl. Manche großen Gedichte tragen mich auf ihren Flügeln durch den ganzen Tag; wenn sie leiserer Natur sind, bauschen sie meine Gedanken wie die Gardine vorm Fenster. Wenn ich selbst Texte oder Gedichte schreibe, weiß ich nicht, ob sie gut oder schlecht oder sonst was sind. Sie sind pure Lust in Textform mit dem Anspruch an Daseinsfreude, in guten wie in schlechten Zeiten. Für mich dürfen sie alles sein, weil ich sie schrieb. Für die anderen dürfen sie alles das sein, was sie darin fühlen können oder wollen.

Der dieswöchige Kalenderspruch lautet: „Es sollte jedes Haus der schöne Leib, das schöne Werk von einer eignen Seele sein.“ Er ist von Friedrich Schleiermacher. Das ist schon wieder mal jemand, den ich nicht kenne, doch diesen Spruch habe ich mir direkt in die Tasche gesteckt, weil er mich so berührte in seiner Weisheit und schlichten Aufrichtigkeit. Das Bild dieser Woche stellt das 1863 errichtete Hotel Inverlochy Castle dar. Es sieht aus wie ein Bollwerk, typisch schottisch eben. Ob es dort wohl ein Gespenst gibt? Auf der Wiese vor dem Castle toben zwei Langhornrinder herum. Auf dem Bild blüht vor Inverlochy Castle ein riesengroßer rosafarbener Rhododendron, was mich gedanklich direkt nach Manderley zu Daphne du Mauriers „Rebecca“ führt. Ich staune über das Bild, da wir März haben, doch das Monatsbild eines vom Frühsommer ist und lese etwas über Toni Morrison, die erste afroamerikanische Nobelpreisträgerin für Literatur. Ihr 1970 erschienener Debütroman heißt „Sehr blaue Augen“. Das klingt nach einem Buch, das ich gern lesen möchte. Ich kenne übrigens Toni Morrison nicht. Schon wieder so eine unschöne Bildungslücke! Auf der Rückseite des Kalenders befinden sich geschichtshistorische Informationen. Das Geburtstagskind der Woche ist Königin Maria I. von England. Bloody Mary. Sie köpfte gern Protestanten und schlug ihre Cousine Jane Grey im Kampf um den Thron. Hatte sie der auch die Rübe abgehackt? Fragt mich mein lückenhaftes Geschichtswissen und will schon wieder recherchieren.

1553 wurde sie zur Königin von England gekrönt, ah ja. Das erinnere ich noch halbwegs aus dem Geschichtsunterricht. Statt die abenteuerlichen Blutrünstigkeiten und abgeschlagenen Protestantenköpfe ausführlich zu diskutieren, lernten wir Hofetikette bei Tudors sowie schnöde Zahlen. This was so boring!

Mit Schopenhauer und Schleiermacher im Handschuhfach zum Auswendiglernen und Verinnerlichen cruise ich weiter. Ich könnte schauen, welcher Kalenderspruch meine Hausaufgabe für die nächste Woche werden wird und noch weiß ich nicht ob ich sie jede Woche erstellen können werde, wenn ich viel arbeiten muss. Doch die Idee ist ein schönes Geistkind, ein selbst gesetztes Ziel, ein freier Anspruch, ein unermüdlicher Motivator der Lust und diese will gepflegt werden weil sie scheu ist und sich schnell mal zusammen mit dem Einfallsreichtum in verschwörerische Ideenlosigkeit verflüchtigt, wenn sie sich zu unbeachtet fühlt.

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11 thoughts on “Thema: kalenderweise – wochensplitter

  1. Arabella sagt:

    Ja, auch Jane Grey haben sie die Rübe abgehackt.
    Wie so viele Frauen war sie Spielball einer Männerpolitik.

    Hab einen schönen Abend.

  2. Welch ein schöner Bericht !
    Hab ich gern gelesen.

  3. finbarsgift sagt:

    Ein wundervoller Einblick in deine Kunst verbale Diamanten zu schleifen…

    Liebe Morgengrüße vom Lu

    • karfunkelfee sagt:

      Die Thematik „Schreiben“ treibt mich immer mal wieder umme.
      …thx for your gorgeous diamond words…
      …hopefully work…I am learning…:)
      Liebe Mittagsgrüße und Dank…

      • finbarsgift sagt:

        Ich mag normalerweise keine Meta-Schreiben-Artikel,
        so wie ich auch sogenannte Ratgeber „wie schreibe ich am besten“ völlig degustiere!

        Aber das, was du hier über deine Art zu schreiben schreibst, das ist einfach eine poetisch-romanische Wucht!

        Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

      • karfunkelfee sagt:

        Lieber Lu, ich hab noch nie einen Schreibratgeber gelesen…*shameonme*
        …und wenn mir Wissen über das Gefühl und die Technik des Schreib-Handwerks zu trocken, zu sachlich und zu theoretisch wird, kann ich es nicht so gut annehmen und verwerten. Immer mal wieder lese ich in Biographien, wie Autoren ihre Schreibprozesse erleben. Vom disziplinierten und durchorganisierten 8-Stunden-Arbeits-Schreibrhythmus bis hin zum eher unstrukturierten Überkommen anarchischer Schreibanfälle, die sich bis zur totalen Übermüdung und Erschöpfung verausgaben und in manchen Beschreibungen finde ich sogar rauschhafte Zustände beschrieben, es gipfelt an Erleuchtung und bricht sich in Disziplin und Struktur auf ohne erkennbares Mittelmaß. Biographien sind gut geeignet um so etwas nachzulesen. Mir kommt wieder mal Stephen King in den Kopf, dessen Vorwörter von Büchern ich teilweise mehr liebte als die Bücher selbst.
        ich bin poetisch gern mal wuchtig….also…das weißt Du ja…und sperrig auch.
        Nochmal danke.
        Frühlingsliebe Grüße von der Fee

      • finbarsgift sagt:

        Ja, solche Leseerfahrungen zum Thema Schreiben, die lasse ich bei mir auch zu!

        Letztens las ich da was persönliches von Tad Williams und das machte richtig Spaß, seine Ansichten eine Weile beim eigenen Schreiben zu berücksichtigen!

        Inzwischen habe ich es wieder beiseite gelegt und schreibe wie ich will, frei jetzt und immerdar *g*

        Liebe Winterregengrüße vom Lu

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