halophil

Liebe Blogfreunde,

Jutta Reichelt hat in ihrem Blog „Über das Schreiben von Geschichten“ darüber berichtet, wie in ihrer Schreibwerkstatt die Schreibenden auf Textthemen reagieren und verzweifelt wirken, weil sie erst nicht gut hineinfinden in den Schreibprozess und sind sie erst einmal voll darin gefangen, auch nicht gut wieder hinaus. Es ist in der Tat wie ein Auftauchen aus einem tiefen Ozean, wenn man schreibt und jemand mit einem Anliegen mitten in den Text grätscht. Ich habe versucht, es in ein ozeanisches Bild zu fassen und zu beschreiben.  Ich weiß, dass es um den Satz geht: Ich habe Dich nicht erkannt. In der Tat wirken Schreibende auf andere Menschen oft entrückt, weil sie in diesen Momenten so sehr bei sich sind. Tauchen sie aus diesen Prozessen hoch, dauert es eine Weile, bis sie wiedererkennbar für Andere werden und auch selbst die Welt wieder erkennen. Danke, Jutta, immer wieder für Deine Anregungen!

Halophile Augen, sonst Eindrücken von außen aufmerksam und freundlich zugewandt, versinnbildlichen in ihrem leeren Ausdruck den geistigen Tieftauchgang. Versenkt in einen Text, als habe die Realität all ihre Körperlichkeit und Präsenz verloren. Eingekapselt und abgedeckelt im Vakuum einer Zeitblase, mindestens zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, der einzige Niemand weit und breit.

Die Störung schlägt höchst ungelegen in Form einer prosaischen Alltagsfrage ein. Sie lässt den kontemplativen Grund erbeben. Über die Oberflächen der Physiognomie laufen mimische Erschütterungen im Nanosekundentakt. Wahn und Wirklichkeit machen keine Deals, sie sind Absolutisten. Mühsam versucht der Mund Worte zu formen und eine Antwort auf die Frage zu finden. Es wird versucht zu vertuschen, dass die Frage gar nicht verstanden wurde und verzweifelt werden Wörter zusammengesucht, die dergestalt unverfänglich sind, dass es so aussieht, als sei die Frage ja doch verstanden worden. Währenddessen klammert sich der formulierungswütige Geist hartnäckig weiter am zu schreibenden Text wie an einem zu hebenden Schatz und sortiert Wörter zu Sätzen.

Der Störeinfluss bleibt resistent und erteilt nun unmissverständliche Anweisungen. Steht wie ein Fels in der Brandung und schießt mit themenfremden Fragen in die brodelnde kochende Ursuppe der Gedanken. Schnell ein paar Stichpunkte im Imaginisierten verankern um einen harmonischen Rapport zu finden und Bezugspunkte auf den Verlaufstrukturen zu fixieren. Auf den kompletten Verschluss nach außen setzen und fest davon überzeugt sein, unsichtbar für andere zu sein. Mit einer Tauchglocke aus Buchstaben auf dem Kopf. Schnell die Hände vor die Augen halten.

Doch von draußen dringen immer mehr selbstfremde Wörter ein, zerlöchern die Thematik, fräsen sich in die Ideenketten und schicken sich an sie zerreißen zu wollen. Die hartnäckige Störung aus der Wirklichkeit ist besitzergreifend und raumeinnehmend. Sie hemmt den Fluss. Sie schreit mittlerweile im Imperativ! Ignoranz forciert imperativistische Verbaleruptionen, folgert logisch der genervte Schreibgeist. Der Kopf schwärmt von Wörtern, die nun, da sie nicht mehr geschrieben werden können, diesen aufzutreiben und auszufüllen beginnen, so dass er zu platzen droht.

Unruhig wandern die Augen hin und her. Weit hinter ihrem Blau ein Treiben in die Tiefe wie von silbrig glitzernden Fischschwärmen. An der ungebetenen Störung werden nun verschiedene Maßnahmen ausprobiert, um sie effizient zu beheben. Mit der betörenden Bitte um Verständnis versinken Augen in anderen Augen. Schreiben sei ein akuter Notfall, signalisieren sie. Das ganze Instrumentarium der Störungsabwehr wird schweigend durchgeklimpert, weil die vom Schreibmodus gelähmte Zunge noch keine Worte formen kann, sondern nur unwillig vor sich hin brummen.

Irgendwann erfolgt eine Art stillschweigender Kapitulation in Form eines durch die Luft geschwenkten leeren weißen Blattes Papier. Umgebende Eindrücke gewinnen an Raum und Präsenz. Langsames Hochtauchen aus maritimen Tiefen ist unabdingbar, damit der sich verändernde Druck von tief unten nach hoch oben die Gefässe nicht zum Platzen bringt. Dann Welt wiedersehen und erkennen, offen geflutet von Luft, Licht. Und von dir.

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9 Kommentare zu “halophil

  1. Ich wünsche mir oft, ein weißes Blatt Papier zu schwenken (wobei das ja zutrifft, wenn ich an die vielen Texte denke, die ich nicht unter die Leser bringe), als dass ich mich 20000 Meilen unter dem Meer ergebnislos abrackere, keine Luft mehr bekomme und keine Energie mehr aufbringe, nur um einer Textchimäre hinterher zu jagen.

  2. karfunkelfee sagt:

    Weil der Wunsch ein Blatt weißes Papier zu schwenken das tiefere Bedürfnis nach Ruhe und Leere ist.
    Nichts weniger ist die ungebetene Störung als wirklich ungelegen. Vielleicht sogar dringend nötig, weil der allzu verkopfte Geist heimlich die Ground Control um Erdung bat? (So ergeht es mir manchmal und ich danke dann der Störung…)
    Textchimären können außerordentlich faszinierend sein. Echte Tiefseekreaturen eben…

  3. Gefällt mir sehr dieser Text! Ich werde ihn mir ein weiteres Mal in Ruhe durchlesen und mich an den starken Bildern der Störung und ihrer Abwehr erfreuen, denn ehrlich gesagt: Auch wenn ich gelegentlich andere störe, weit häufiger bin ich ja selbst diejenige mit einer Tauchglocke aus Buchstaben auf dem Kopf … Großen Dank!

    • karfunkelfee sagt:

      Sehr gern, es hat mir viel Freude gemacht, diesen Text zu schreiben.

      Warum überhaupt schreiben, dachte ich wie immer wieder mal beim Schreiben, verhakt in den Meeresbildern…und…

      Könnte es wohl je gut genug sein, dass ich vor mir selbst bestehen kann? Und dann weiter:
      was wenn wer sich mitnehmen ließe auf Deine Reise, Deins teilen könnte?
      Da pleurte mein Herz vor lauter Wonne…
      Ein tolles Projekt, Dein Geschichtengenerator, wie Du Deine Schreiberlinge motivierst, ihnen Lust auf Tiefseetauchen machst.
      Ich fürchte, Jaques Cousteau und Hans Hass haben mich tiefseetechnisch immer noch voll in ihrem Bann.
      Ich sende Dir meinen Dank, auch und besonders fürs Gefallen und Mitnehmenlassen.
      Herzliche Grüße unter die Buchstabenglocke.

  4. gkazakou sagt:

    Hat mir sehr gefallen, wie du die beiden Impulse, die Jutta diesmal setzt – Schreibwerkstatt und Nicht-Erkennen – zusammengebracht hast. Ich kenne den Zustand des fast körperlichen Schmerzes, wenn man aus einer alle Sinne in Anspruch nehmenden Beschäftigung gerissen wird. Bei mir war es das Malen. Ich hatte mein Atelier über unserem Frendspracheninstitut, und wenn es passierte, dass ich plötzlich für eine Kollegin einspringen musste – Hölle! Ich fühlte mich wie enthäutet.

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe gkazakou,

      Enthäutet ist auch sehr trefflich bebildert um den Zustand zu beschreiben, in dem die Konzentration sich mitten in der laufenden hitzigen Debatte um die Wichtigkeit Kunst zu fabrizieren erst mal eine Weile vertagen muss.

      Mein Kopf nimmt mitunter gefühlt die Göße eines Heißluftballons an, wenn ich aus einer Geschichte, einem Artikel oder lösungsorientierten Gedankengang geschleudert werde. Doch ich sage mir: was geschaffen werden will, das wird geschaffen werden. Darauf verlasse ich mich, damit ich mit Störungen besser umgehen kann. Wenn der Wunsch, etwas zu schaffen groß genug ist, findet sich auch die notwendige Energie und Dynamik um es zu vollenden. Und manches bleibt auch unvollendet…

      • gkazakou sagt:

        stimmt, vieles bleibt unvollendet. Das ist weiter nicht schlimm. Schlimmer ist, wenn dieser Zustand der Hingabe gar nicht erst entsteht und man auf dem Trockenen sitzt. Wo Sätze oder Bilder nicht zustande kommen, weil die Seele stumpf bleibt. Wo man immer neue Anläufe braucht, bis man sich vielleicht doch einmal in einen Zustand der „Ekstase“ (pardon, ich meine das wörtlich: außer sich sein) katapultiert hat, in dem man sich einbildet, Großes schaffen zu können.

  5. Silbia sagt:

    Tja, manchmal denke ich, die Silben kommen absichtlich immer dann, wenn eine Störung/ein Ende vorhersehbar ist. Da kommen die tollsten Ideen in der Mittagspause und immer der Blick zur Uhr, weil ich zurück in die Praxis muss. Da wird jede Sekunde ausgekostet und getippt, aber unerbittlich tickt der Zeiger das Ende heran. So wirklich fahrtauglich bin ich dann bestimmt nicht, tatsächlich wäre ein Uboot angemessener, mit Chauffeur vielleicht, damit die Silben weiter fließen können…

    Liebe Grüße,
    Silbia

  6. So ein starker Text, ich kann die Augen sich versilbersalzen sehen, meine Liebe. Vielleicht ist das der Grund, warum ich nur kurze Texte oder gar Fragmente aufnotatiere, ich schreibe ja tagwerkbegleitend und werde zum Glücke ständig unterbrochen. Wenn ich mal einen roten Faden zu fassen bekommen habe, finde ich dann auch wieder zurück ins schreiberische Gewirr. Allerdings möchte ich manchmal meinen Gesichtsausdruck beim Auftauchen mir nicht vorstellen, man ist ja doch oft sehr vertieft.

    Ganz liebe Grüße, auch an N., da haben Sie eine bezaubernde Liebeslyrik an eine ebenso bezaubernde Rumpelelfe geschrieben.
    Ganz liebe Samstagsgrüße, stets die IhrDuDeine durch das Graugefissel übern Knapp.

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