Zum ersten Mal

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Sie geht durch den blühenden Garten. Wie mild die Luft noch ist! Wie gut es riecht, sie atmet tief ein. Der Weg aus unregelmäßigen Bruchsteinen führt einen kleinen Hügel hinauf. Dort steht das Gartenhaus aus Sandsteinblöcken. Er hat in das Dach des Hauses vor Jahrzehnten große schräge Fenster einsetzen lassen, die dem Tageslicht gestatten in den großen Raum zu fluten. Als sie das erste Mal dieses rauschende Überhelle sah, war sie davon gebannt. Obwohl es den Raum in jeder Ecke auszufüllen scheint, wirkt es gefiltert, weich, weiß und indirekt.

Er ist schon da. Steht an der Staffelei vor der aufgespannten Leinwand und mischt die Farben an. Ein leicht fischiger traniger Unterton überlappt den Farbgeruch. Vögel singen draußen. Ich möchte Musik, sagt er leise und sieht sie an mit diesem Blick, der über ihren Körper flaniert und sie ganz zu umfassen scheint, gleichzeitig nach innen dringend, als könne er auch das Verborgene erkennen. Dieses Verborgene bringt er in seine Bilder, so gut, dass sie reißenden Absatz finden. Es gab Jahre, da kam er mit dem Malen kaum hinterher, so viele Aufträge waren da. Du bist mein Leben, sagte er einmal zu ihr und sie wusste, dass sie es wirklich war. Weil er durch sie seine Kunst verkaufen kann, ihr Leben finanzieren. Er legt Liszt auf. Ein Konzert, gespielt vom Meisterpianisten Lang Lang. Sie kann ihn vor sich sehen, wie er am Klavier sitzt und über die Tasten gleitet, als sei es ein federleichtes Kinderspiel der Sensualität.

Beschwingt löst sie ihre hochgesteckten Haare. Sie fallen in silbergrauen Locken weit über ihren Nacken. Der Morgenmantel gleitet zu Boden und sie steht nackt vor ihm. Die Jahre haben Spuren an ihrem Körper hinterlassen; an ihrem Bauch bildete sich ein filigranes Faltennetz. Als sie damit haderte, sagte er: Dieser Bauch trug unsere Kinder. Danach malte er zu ihrem großen Entsetzen ein Bild von ihrem Bauch. Es verkaufte sich innerhalb eines Tages nach der Ausstellung in der Galerie für einen geradezu astronomisch hohen Preis. Anfangs war es nicht einfach mit dem Gefühl zu leben, dass fremde Menschen sich ihren nackten Körper nach Hause holten. Es brannte manchmal wie ein pornographisches Gefühl in ihr und sie hatte ihm das natürlich gesagt, so wie sie über alles offen miteinander sprachen. Das sei völlig normal, dass sie das so empfände, beruhigte er sie. Würdest du mich verlassen, wenn ich nicht deine Muse, dein Modell wäre? lautete ihre Frage und sie kam sich so jung vor, als sie sie ihm stellte, das, obwohl sie damals schon dreißig Jahre alt war und seine Verlobte. Er streichelte ihr Gesicht, sie erinnerte sich genau an den Klang seiner langen Finger auf ihrer Haut. Mach dir doch nicht so viele Gedanken, hatte er gemurmelt, doch nichts weiter dazu sagen wollen.

Unwillkürlich legt sie die Hand quer über ihren Bauch. Wann sie sich diese schützende Geste angewöhnt hatte, weiß sie nicht genau. Doch seine Reaktion ist immer gleich, auch jetzt wieder, viele Jahre später, kann sie sich darauf verlassen, dass er wortlos ihre Hand nimmt und sie daran zum Tisch führt. Er ist unter einem der Oberlichter positioniert und mit einem großen champagnerfarbenenen Satintuch bedeckt. In schweren Falten fließt der Stoff zu Boden. Sie setzt sich auf den Tisch, dreht den Oberkörper, zieht die Beine nach. Diese Bewegungsabfolge ist ihr in Fleisch und Blut übergangen. Jetzt, mit fünfundsechzig Jahren, fällt sie ihr nur wenig schwerer als mit fünfunddreißig. Er tritt einen Schritt zurück, prüft das Licht und zieht die Staffelei so, dass er den Tisch aus einem schrägen Winkel betrachten kann. Dann tritt er zu ihr und bestimmt die Pose. Er nimmt ihr Kinn und zieht ihren Kopf in den Nacken, so dass ihr Kinn vom Licht benetzt wird. Ihre Arme stützen den Oberkörper, die Beine sind leicht angewinkelt, er kreuzt ihre Knöchel. Nun kommen die Feineinstellungen. Er fixiert sie und wie immer ist seine Berührung eine flammende Spur auf ihrer Haut. Noch immer. Er beginnt winzige Veränderungen an ihrer Sitzposition vorzunehmen. Legt ihren Kopf noch ein wenig zur Seite, so dass sich ihr Blick von ihm fort in eine obere Zimmerecke richtet. Schau in die Musik, befiehlt er nun, lass dich hineingleiten, es wird ein mildes Bild in hellen Farben. Eine Impression im Morgenlicht, ein weicher Akt.

Sie tut, was er sagt. Das war von Anfang an so. Wenn er malt, ist er der Maestoso der Pinselstriche und sie genießt ihre Macht, die sie in dieser Zeit über ihn hat, wenn nur noch sie in seinem Sinn sein kann und ihn ausfüllen. Sie treibt mit der Musik in die Geborgenheit einer Stille, gefüllt von symbiotischer Intimität und Nähe. Sie hört ihn, wie er seinen Pinsel mit ersten Strichen über die Leinwand führt und die vergangenen Jahre haben nicht die Erregung geschmälert, die Aufregung, noch nicht wissen zu können wie das fertige Bild aussehen wird. Es ist, als male er ihre innigsten Facetten, selbst dann, wenn er, was auch immer wieder vorkam, Stellen ihres Körpers in Bildern fokussierte und heranzoomte, öffentlich zur Schau stellte, was ihr an sich selbst schwer fiel zu akzeptieren. Doch durch sein Auge betrachtet kann sie es annehmen: Die erschlaffte Haut, die sich hie und da an ihrem Körper zeigt. Ihr langer Hals, noch immer schön, wie er ihr immer sagt, doch sie weiß, dass auch dort die Zeit in Form feiner Linien und Riefen ihre Spuren hinterließ. Sie klagte einmal darüber. Dein Hals verändert sich, sagte er. (Das Gefühl feiner, leicht feuchter Pinselhaare wie sie skizzierend über die Haut ihres Halses fuhren). Dein Hals ist eine Landschaft und Landschaften verändern sich mit der Zeit, ist es nicht so, macht  es nicht auch gerade ihren Reiz  aus, dass sie so veränderlich sind?

Ihr Körper zerfließt in Licht. Sie wird ein Stück champagnerfarbener Satin, glänzend und weich. Sie ist ein Körper, eine Studie, Form und Struktur. Es ist anstrengend, diese Position bewegungslos zu halten. Sie atmet konzentriert, wie sie es im Laufe der Jahre  lernte. Sie denkt sich in minimale kleinste Veränderungen um den Muskeln zu suggerieren, dass sie sich bewegen, obwohl sie es nicht tun. Es kam vor, dass sie krampfte in der Anfangszeit ihres Modellsitzens für ihn. Sie erinnert sich an eine der ersten Sitzungen, als sie sich noch nicht lange kannten. Er war so vertieft in das Malen, dass er den Wecker überhörte, den er zu stellen pflegte, um Pausen anzuzeigen, damit das Modell sich erholen konnte. Modell sitzen ist Schwerstarbeit, erklärte er ihr, das müssen wir Künstler immer berücksichtigen und dass das Modell uns folgt, sich unseren Anweisungen ausliefert. Es liegt in unserer Verantwortung dafür zu sorgen, dass das Modell bei Kräften bleibt. Damals fand sie seine Aussage sehr eigennützig. Sie hatte in jener Ausnahmesituation bereits seit beinahe einer Dreiviertelstunde in einer völlig verdrehten Position, mit dem Kopf weit in den Nacken gelegt (wahrscheinlich erinnerte sie sich aus diesem Grund an diesen Moment, weil sie jetzt in einer ähnlichen Position befand) und den Händen um ihre Füße gelegt für ihn Modell gesessen. Obwohl sie Jahre jünger als jetzt war, war sie noch nicht so gut trainiert, als dass ihr Körper eine so lange Zeit regungslos hätte durchhalten können. Sie spürte bereits nach einer Viertelstunde wie sich ihr Nacken verkrampfte, die Muskeln versteiften und sie empfand die Musik (es war Wagner) als nervtötend und anstrengend. Zudem fand diese Modellsitzung am späten Abend statt und sie war müde. Die Schmerzen wurden unerträglich, ihre Beine brannten, ihre Gelenke und irgendwann begann sie sich in Schmerz aufzulösen, hoffte nur noch still, diese Folter fände irgendwann ein Ende. Sie wollte etwas sagen, doch sie traute sich nicht. Er war ihr noch zu fremd. Glasklar und scharf auch jetzt noch die Erinnerung an seine Stimme, die den Nebel ihres Schmerzes in der überreizten Bewegungslosigkeit nahe der Bewusstlosigkeit durchdrang, seine Augen voller Sorge. Dann seine heftigen wütend anklagenden Worte: Warum hast du nichts gesagt? Seine Flüche, sein Wutausbruch, der ihn die Pinsel zu Boden werfen ließ: Du musst etwas sagen, wenn du nicht mehr kannst. Himmel, Arsch und Zwirn, Liebste! Die Kombination aus Fluch und Kosenamen war so komisch, dass er sie trotz ihrer körperlich elenden und desolaten Verfassung zum Lachen brachte. Er massierte ihre Beine, ihre Hände, ihren Nacken.

Sie kehrt zurück in die lichte Gegenwart dieses Morgens, in die Lang Lang eine helle hohe und flirrende Tonfolge spielt und spürt ein unangenehmes Ziehen im Nacken. Sie hört das eilige Huschen und Streichen seiner Pinselstriche auf der Leinwand, stellt sich seine konzentrierten Augen vor. Um sich Erleichterung zu verschaffen, bewegt sie den Kopf. Das Geräusch der Pinselstriche verstummt auf der Stelle. Morgen machen wir weiter. Er steht vor ihr und sie sieht in seinen Augen die Mischung aus Liebe und künstlerischem Ehrgeiz, seinen tiefen  Trieb das Schaffen zu zwingen, jenen Funken Wahnsinn, der das, was er schafft groß sein lassen kann. Es macht ihr inzwischen keine Angst mehr, obwohl sie weiß, wie obsessiv und wütend dieses Tier in ihm wachsen und ihn beherrschen kann. Ich kann dich nicht mehr aufs Sofa tragen, so wie früher mal. Sie erkennt durch die Patina der Fältchen in seiner Mimik hindurch den jungen aufstrebenden Maler, der er einmal war. Er hilft ihr galant vom Tisch, legt den Arm um sie und führt sie zur Staffelei. Das hat er noch nie getan. Sie durfte seine Bilder nie in den Entstehungsphasen sehen. Nachdenklich und überrascht sieht sie ihn an. Es gibt für alles im Leben ein erstes Mal, auch und besonders und immer wieder für das Vertrauen in dich. Sein verlegenes Lächeln.

Er hat die Aktstudie in überhellen Farben, zart, flüchtig verwischt konturiert gemalt. Eine hohe Kunst, mit Ölfarben einen solchen eher aquarellenen Eindruck zu erzielen. Ihr Körper scheint mit dem Satinstoff zu verschmelzen, so wie sie es während der Sitzung in sich empfand. Schon jetzt ist im Bild die Stimmung erahnbar, es ist noch nicht ausgefüllt, noch verwischt in den Strukturen. Die Studie wirkt sehr realistisch und unwirklich zu gleicher Zeit. Sie sucht nach dem verborgenen surrealistischen Aspekt, den er immer irgendwo in die Bilder einbaut, manchmal so versteckt, dass sich der Betrachter tief in sie hineinspüren muss und irgendwann bemerkt, dass etwas an dieser Bildrealität seltsam erscheint. Um die Schemen ihres halb sitzenden halb liegenden Körper auf der Leinwand winden sich angedeutete Finger männlicher Hände in einer greifenden und anhebenden Weise. So entsteht schon in der halbfertigen Skizze ein schwebender Eindruck des Getragenwerdens. Das Bild ist wunderschön. Sie ist befangen und fasziniert von seinem Ausdruck, seinen nachgiebigen Strukturen. Es ist noch unfertig, verletzlich,  verwundbar und formbar. Es erscheint ihr in dieser Phase der Entstehung ungeschützt und angreifbar. 

Ich weiß, warum du das hier bislang niemandem zeigen konntest, nicht einmal mir. Sie tritt näher an die Leinwand auf der Staffelei heran, bewundert das Licht, wie es aus dem Bild herauszudringen scheint, seine Transparenz, die bei aller Leichtigkeit etwas Volles und Greifbares bewirkt. Als habest du Fleisch in ein Bild gemalt, indem gar kein Fleisch ist, sagt sie nachdenklich. Er legt ihr ihren Morgenmantel um und zieht ihn um ihren Körper, knotet den Gürtel fest. Sanft, doch nachdrücklich nimmt er ihre Hand und zieht sie von dem unfertigen Bild fort. Komm, sagt er, wir beide frühstücken jetzt. Die Muse muss essen und trinken, damit sie bei Kräften bleibt.

Auf dem Weg zum Haus fühlt sie den vollständigeren Morgen, wie er sich Platz geschaffen hat im Tageslicht, das gegen Mittag strebt. Es ist wärmer geworden und noch milder. Der Mai ist ihr liebster Monat. Seine Hand liegt warm in ihrer. Sie fühlt sein Fleisch in ihrer Handfläche, es winden sich gemeinsame Jahre um ihre Finger, die Gezeiten der gemeinsamen Kinder und die sinnlichen Fluten ihrer Atelierstunden, ihrer Arbeit miteinander, ausschließlich und unberührt von allem anderen. Zeit, die den Stimmungen des Lichts einzig angehört und nur ihnen beiden allein, in der alles andere ausgeklammert ist um einander zu finden in einer Symbiose, die ausschließlich der Kunst der Aktstudien gehört, der in ihnen verewigten Blößen. Manchmal denkt sie über das Glück nach, dass sie sich finden durften und vom Schicksal unbeschadet miteinander überstehen konnten. Es war nicht so, dass es nicht schwierig war, denn das war es auch. Es gab die Krisen, die Krankheiten, die Sorgen, die Ungewissheiten und seinen Herzinfarkt vor fünfzehn Jahren, als sie glaubte, dass sie ihn verlieren würde und mit ihm auch den wesentlichen Teil von sich selbst. Dieser Gedanke macht ihr manchmal Angst. Auch ihm und das weiß sie und sie denkt wieder an die unfertige Skizze im Atelier. Verwundbar und schwebend, doch dabei unvergänglich in den Ungewissheiten der Zukunft. Sie weiß nun sicher, dass sie ihn inständig darum bitten wird, dieses Bild nicht zu verkaufen. Es gibt für alles ein erstes Mal.

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5 thoughts on “Zum ersten Mal

  1. Flowermaid sagt:

    … die Musik ist so passend gewählt, sogar der Baum lehnt sich zum Licht… wie intensiv du diese Begegnung erschrieben hast… Malerei aus Gefühlsfarben… Herzlichst ein Blumenmädchen😀

    • karfunkelfee sagt:

      …ich wollte schon immer mal eine Geschichte um Lang Lang schreiben, aber eine, in der er die ganze Zeit anwesend ist, ohne dass es konkret um ihn geht….er soll ein Randaspekt sein und doch so eindringlich, dass man meint ihn während des Lesens spielen zu hören….
      und ja.
      Ich war hemmungslos entfesselt romantisch.
      Hörte heute Morgen Liszt und gestern bei Jutta Reichelt im Blog sprach eine Malerin vom Modellsitzen, es liefen wie üblich, viele Fäden zusammen und da hatte ich mein in die Jahre gekommenes Künstlerpärchen vor Augen. Den Rest kennst du.
      ganz lieben Dank für deine Worte, Blumenmädchen
      Herzlichst funkelnd,
      eine Karfunkelfee😉

  2. Clara HH sagt:

    Ein Paar – in Liebe vereint im Leben und in der Kunst – für beide sicher nicht immer leicht. Modell sitzen ist harte Arbeit, wie du es so wunderbar beschreibst. Doch das Ergebnis belohnt alle beide für die Anstrengung. Ich konnte fast die Pinselstriche auf der Leinwand spüren, hören vielleicht eher nicht🙂
    Frühmorgendliche Grüße von mir

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