Die schmalen hohen Hallen der Ideen

 

Liebe Blogfreunde, dies ist ein Beitrag zum Schreibprojekt von Jutta Reichelt. Sie inspiriert mich zu neuen Geschichten. Ihren Geschichtengenerator finde ich einfach grandios. Dickes großes Lob und Dankeschön an sie. Das Treppenhausbild habt Ihr schon einmal gesehen. Ich bloggte es im vergangenen Jahr zu einem Gedicht über Stufen. Die Treppen beschäftigen mich immer wieder, auch als strukturiertes Arbeitsbild für Klarheit. Ich wünsche Euch viel Spaß bei der Geschichte, in der es um die erste große Liebe geht, darum was von ihr im Herzen bleibt und die Zeit überdauert. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. Die Musik kommt wieder von Archive. Ihr Album „Londinium“ läuft bei mir zurzeit häufig.

Eure Karfunkelfee

 

Als sie dein Bild dann endlich betrachten konnte, brach sie vor Schreck in Tränen aus und heulte es an, weil es ihr so dermaßen vertraut und fremd zu gleicher Zeit erschien. Du hast dich nicht groß verändert. Viele Lachfältchen um deine Augen; sie sind in ihrem Ausdruck noch genauso fragend jung verwegen wie sie sie in ihrer Erinnerung behalten hat. Floss ihr doch das Herz über und die ganze Vergangenheit stand ihr unvermittelt klar und scharf umrissen in den kleinen vielen Stufen vor Augen. Damals, in der gemeinsamen Zeit mit dir, glaubte sie noch, sie hätte eine solche Liebe wie deine damals verdient, es sei selbstverständlich sie geben und erfahren zu können. Ihr wurde bewusst, wie jung sie damals wirklich noch war, auch wie unbedarft und naiv. Wie klar das alles damals war, du als ihr Einziger, ihr Held.

Du wirst sie nie verlassen, das wusste sie in dem Moment, als sie dich wiedersah auf diesem Foto in diesem Portal zum Wiederfinden alter Freunde im Internet. Sie wünschte sich, dass du in den vergangenen dreißig Jahren glücklicher gewesen wärest als sie es geschafft hatte zu werden und du habest eine Frau gefunden, noch insgeheimer wünschte sie, dass sie, so wie du für sie, eine erste und damit unschuldigste Erinnerung bleiben könntest. Sie war überrascht, weil sie dir auch jemanden an die Seite projiziierte, der ganz anders sei als sie. Ein Wunsch wie ein Schwert, das das Herz der zersägten Jungfrau immer wieder durchfuhr, bis es zuletzt in blutigen Streifen und Fetzen dalag. Endstation Sehnsucht war noch immer der Gedanke, versunken in der Betrachtung deines Bildes. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass es nach all den Jahren noch so weh tun könnte ihrer Vergangenheit mit dir zu begegnen und sie ertappte sich dabei, dass sie dir die auf dem Foto etwas nachdenklich in Falten gelegte Stirn glatt streichen wollte oder deine Labialfalten, die sich tiefer als vor dreißig Jahren in deinem Gesicht eingegraben hatten, gerade so als könne sie die Jahre ungeschehen machen. Doch dann wieder die Überlegung, dass du es ja doch noch seiest, genauso wie du immer warst, nur eben jetzt etwas älter und dass der Ausdruck in deinen Augen noch genauso wäre wie früher. Das tröstete sie schließlich.

Zum Nachdenken oder auch Klarwerden über etwas setzt sie sich schon immer gern ins Treppenhaus. Trotz ihrer  Begrenztheit haben Treppenhäuser für sie etwas Unendliches und damit Faszinierendes. Sie winden sich in die Höhe oder in die Tiefe, je nachdem in welcher Richtung sie begangen werden. In ihnen wird der Raum berechenbarer, kalkulierbarer, weil er sich in genau bemessene Stufen einteilt und gliedert. Mit dem ausgedruckten Foto von dir in der Hand sitzt sie im Treppenhaus auf einer kalten Steinstufe. Nach oben stiert sie die niedrige Betondecke an, das Unten ist ein schwarzer schmaler Schacht. Jeder Stock besteht aus übereinander liegenden Treppen von je dreizehn Stufen. Sie hat sie nach Höhe, Breite und Tiefe einzeln vermessen und abgezählt. Leider sind die Stufen nicht beidseitig in den vertikalen Raum führend, das erweiterte das Denken zusätzlich umgekehrt vom Unten ins Oben.

Sie sitzt im Licht, das durch das hohe gekippte Fenster fällt. Ein Stockwerk tiefer schreit ein Kind. Stumm bittet sie um eine Zuwendung, während das hohe Schreien ihre gedanklichen Schleier zerreißt. Das Weinen verstummt im Summen einer Frauenstimme. Sie singt eine orientalische Melodie. Irgendjemand backt einen Kuchen, vielleicht im Erdgeschoss. Das Gesicht auf dem Bild aus dem Internet ist fraglos deines und auch wiederum nicht fraglos deines, da die Veränderungen in deinem Gesicht von Jahren eingeprägt wurden, über deren Verlauf sie nichts wissen kann. Sie sucht in deinen Lebenslinien, im Ausdruck deiner Augen nach vergangenem Leid oder Krankheit. Doch der Ausdruck in deinen Augen ist wie immer oder meint sie doch einen tieferen Ernst erkennen zu können? Je älter Augen werden, umso tiefer loten und spiegeln sie die lebenserfahrenere Seele, philosophierte sie altklug. Du hast ihr geantwortet mit diesem Zitat von Théodore Simon Joffroy, einem französischen Philosophen: Der Schlüssel der Geschichte ist nicht in der Geschichte, er ist im Menschen. Doch sie hatte keine Lust mit dir zu diskutieren oder ihre Augenphilosophie zu erklären. Sie  bezog sich auf den Widerspruch in den Augen dieses achtjährigen Mädchens, das ihr im Krankenhaus kennengelernt hattet. Dessen schwarzen Augen spiegelten eine alte Frau, die genau wusste, dass sie bald sterben würde, das, obwohl sie erst acht Jahre alt war, noch nicht einmal richtig damit begonnen hatte zu leben. Ihr gelassener Umgang mit der Vergänglichkeit ging euch beiden schmerzlich nah, ohne, dass ihr ihr etwas Leben von euch abgeben konntet und doch habt ihr genau das getan mit  dem Idealismus eurer unverletzlichen Jugend, dem Gewahrsam eurer gerade erst vergangenen Kindheit und mit jedem weiteren  Mal, als sie über euch laut und herzlich lachen konnte wie ein gesundes fröhliches Kind.

Dennoch war sie eifersüchtig auf deine Zärtlichkeit gewesen, mit der du den kleinen leichten Körper des Mädchens aus dem Rollstuhl auf die Bank in der Sonne hievtest. Bis du ihr sagtest, (in einem ruhigen Moment, im Bett, ihr Kopf endlich einmal friedlich auf deiner Brust) dass dieses kleine todgeweihte Mädchen euch ja beide gern habe und dass sie bedenken solle, dass die Kleine nur noch so wenig Lebenszeit habe. Da war mit einem Mal alle ihre Eifersucht wie weggeblasen und sie schämte sich ihres kleinlichen Denkens. Sie erinnert sich an dein unfassbar junges Lächeln, das gern alles vergab und nichts weiter zu sagen brauchte. 

Sie bewahrt noch etwas von dir auf, das hast du ihr damals gegeben. Du hattest es von deiner Mutter als kleiner Junge geschenkt bekommen. Dieses Ding begleitet sie nun schon seit so vielen Jahren. Es stand in deinem Jugendzimmer auf der altmodischen Kommode unter dem Sternzeichenposter. Du brauchst dringend mal ein Krafttier damit du richtig stark wirst, waren deine Worte als du es ihr in die Hand drücktest. Ich will es aber wiederhaben, betontest du mit ernstem Blick und sie nickte stumm, ergeben darauf vertrauend, dass das Ding, das ein Krafttier war, eine Art Amulett, dem der Zauber fürsorglicher Liebe innewohnt, irgendwann einmal einen Ehrenplatz in eurer gemeinsamen Wohnung finden könne.

Dazu sollte es jedoch nicht  kommen. Ihr ward noch so jung und ihr hattet euch in den Beziehungsjahren zu weit auseinander entwickelt. Das ist völlig normal, sollte man meinen, denn man muss sich ausprobieren, wurde sie nach der Trennung von Älteren belehrt und auch in der diffusen eher beliebigen Annahme bestärkt, dass andere Mütter ebenfalls schöne Söhne hätten. Nie stand eine andere Frau zwischen euch. Eure Treue war stark. 

Sie wird dir dein Ding wiedergeben, beschließt sie also, während nun die Frauenstimme beruhigend und murmelnd auf das inzwischen verstummte Kind einspricht, was die Stille im Treppenhaus noch zu verstärken scheint. Langsam erkaltetet ihre Kehrseite auf der Stufe und irgend jemand beginnt damit Zwiebeln anzudünsten, was das nachdenkliche Sitzen im Treppenhaus unangenehm werden lässt . Ein paar Stockwerke tiefer, ein Streitgespräch und laute Stimmen in einer fremden Sprache. Manchmal ist sie dankbar, dass sie diese nicht versteht. Vor allem dann, wenn Leute sich lautstark miteinander streiten und anschreien. Es reicht schon, die erhitzten Tendenzen zu hören, sie schlagen in affektiv fremd erregten Ausschlägen unangenehm rot von innen an ihre Magenwände.

Dann die Idee, wie sie dieses Ding nimmt, das du ihr vor rund dreißig Jahren gabst, dieses Geschenk deiner Mutter. Am Kopf ist es etwas ausgebleicht, weil es lange auf der Fensterbank an einem sonnigen Platz stand, doch ansonsten überdauerte es unversehrt die Wirren der Jahrzehnte, die Umzüge und die unterschiedlichen Treppenhäuser. Sie bewachte es wie ihren Augapfel, es war lange ihr Krafttier. Darum wird sie es behandeln mit einer guten Holzpolitur, damit das Schnitzwerk wieder sattsamtig hölzern glänzt und noch lange schön bleibt. Sie wird es in einen Karton stecken, so klar wie die Stufe, auf der sie sitzt, 50 Zentimeter hoch, einen Meter breit und 50 Zentimeter tief ist. So, wie auf diese Stufe eine wiederum völlig identische Stufe folgt, weil es sich um einen Formstein handelt und kein Holz. Fraktale Ideen.

Sie wird das Ding gut verpacken, damit es keinen Schaden beim Versand nimmt. Vielleicht schreibt sie eine Karte dazu mit ein paar unverfänglichen und freundlichen Zeilen an dich, die dich informieren, dass sie alles gut bewahrt hat, was war und dass dieses unantastbar bleiben wird, egal, wie das Leben euch beiden in der Zwischenzeit über die Jahrzehnte hinweg mitgespielt haben mag.

Ihre wohl bedachten Zeilen werden dich in keinen Metabotschaften zu irgend etwas verpflichten, darauf wird sie sehr gut Acht geben. Sie sind nur Dank an die gemeinsame Zeit und die darin geborgene Zärtlichkeit. Es ist die Pfandrückgabe des Gefäßes, das den zum ersten Mal geliebten Traum beschreibt und es ist randvoll mit jahrzehntelangem Leben gefüllt. Zuunterst die Hoffnung, dass alles sich irgendwann einmal fügen könnte (wie auch immer) und die Fragen, wie lange diese Hoffnung ihr Älterwerden noch überleben würde in ihrer exklusiven Qualität. Zuoberst die raue Holzoberfläche des Dings, noch immer kantig und gezackt wie die hohe schmalen Grate des Lebens, die es zu gehen gilt, weil die Aussicht dort oben so schön ist, wenn unten der wölfisch lächelnde Abgrund an den Füßen reißt. 

Ihr Blick schlingt sich in die stufengewundene Tiefe, während sie sich schnellen und zügigen Schrittes nach oben bewegt, ihre Nase von Zwiebeldunstschwaden gepeinigt. Während sich dich imaginiert, riecht sie den vielen Schnee dieses längst vergangenen Winters und sie weiß noch, wie deine Haut duftete,  nach Jugend und nach just erwachter Männlichkeit. Du warst eine Winterliebe, man sagt, die halten sich lange. Als sie vor ihrer Wohnungstür ankommt, fällt ihr Blick, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nicht noch einmal zurück auf die vielen Stufen, die sie gegangen ist. Ihre Entscheidung hat sich aus der unendlichen Enge des Treppenhaus ihrer Gedanken befreit und  ist somit universell geworden. Sie wird es wissen, wann es soweit ist, dir das Ding zu schicken. Sie hält es in der Hand wie ein altes geliebtes Herz, dreht und wendet es,  es fühlt sich an wie immer: nicht wie ihr zugehörig , sondern eher als eine Leihgabe, die sie immer dringlicher stumm darum bittet, bald zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückkehren zu dürfen in den schmalen hohen Hallen ihrer Ideen.

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4 Kommentare zu “Die schmalen hohen Hallen der Ideen

  1. Clara HH sagt:

    An vielen Stellen dachte ich, du hast meine erste Jugendliebe beschrieben, an der ich noch viele Jahre später gehangen habe. Die Art, wie er mich verlassen hat, war zwar ungeheuer schmerzhaft, aber er war drei Jahre lang mein Ein und Alles.
    Das Ende deutet sich für mich als traurig an, so, als wenn die Hauptperson krank wäre und auf den richtigen Zeitpunkt wartet, ihre Erinnerung zurückzugeben und all ihre Erinnerungen zu löschen. – Doch vielleicht sind das auch nur meine pessimistischen Gedanken.
    Einen Sonntagsabendgruß zu dir!

  2. karfunkelfee sagt:

    <Liebe Clara,

    Diese erste große Liebe im Leben ist vielleicht deshalb so groß und einzig, weil man noch so unerfahren ist, dass man sie so sein lassen kann. Ohne vorher Erwartungschecklisten abzuhaken (oder abgehakt zu werden…) und mit einem großen hingebungsvollen Herz voller Idealismus. Das Fortpflanzungsprogramm ist gerade erst am Start und fährt mit voller Power hoch. Die jung, zum ersten Mal heiß Verliebten sind sozusagen völlig wehrlos ihren Hormonen ausgeliefert, Romantik wird noch groß geschrieben…

    Das Ende könnte so sein, wie Du es sagst. Wenn man es in einer pessimistischen Weise sehen will. Es könnte aber auch so ein Ende sein, wo jemand ein gegebenes Wort hält. Er wollte das Ding von ihr zurückhaben, er betonte es sogar. Es war ihm wichtig, ein Geschenk seiner Mutter. Später kam man über der Trennung drüber hinweg. Das geschieht ja schnell. Und nun, dreißig Jahre später, steht sie zu ihrem gegebenen Wort. Es kann optimistisch gedeutet werden. Sie braucht kein Krafttier mehr. Sie ist nun selbst stark genug und sie kann ihn los lassen. In love.

    Liebe Sonntagabendgrüße auch zu Dir…

  3. Flowermaid sagt:

    … eine erste große Liebe darf auch Neun Jahre dauern aber dann ist alles gesagt was nicht passt und zurückgeben was nicht mein… und der sich entpuppende Schmetterling ist für beide Beteiligte perfekt optisch wie musikalisch gewählt…

  4. karfunkelfee sagt:

    Manchmal dauern Dinge länger als vorgesehen und manches bleibt offen. Ein gegebenes Wort einzuhalten, unterliegt nach meinem empfinden keinen Verjährungsfristen.
    Ein Wort einzuhalten ist eine Form der Anerkennung und der Achtung.
    Manchmal schließt sich in seinem Dafürstehen ein Kreis, der noch nicht ganz geschlossen werden konnte.
    Ganz lieben Dank für deine Worte, die ich insgesamt nur bestätigen kann. Erst die Veränderungen bringen die Erfahrung, so schön die erste Liebe auch gewesen sein mag.

    Das Album Archive ‚Londinium‘ beeindruckt mich.
    Schön experimentell, groovt und schön gefühlvoll, stellenweise episch, trägt weit. Macht den Lauschern gerade viel Freude✨

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