Kalenderweise: Reisen ist tödlich für Vorurteile (Mark Twain)

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Liebe Blogfreunde,

ein Beitrag zu meiner mir selbst gestellten Wochenhausaufgabe, Überthema: kalenderweise, die textliche Umsetzung von Kalendersprüchen und ihr Transport in zeitgenössische oder poetische Zusammenhänge. Heute befasste ich mich mit dem Reisezitat von Mark Twain. Vor dem Hintergrund der jüngsten Wahlen trug ich die Thematik des Reisens weiter und versuchte das, was ich daran wichtig finde, zu transportieren. 

Eure Karfunkelfee

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Reisen ist tödlich für Vorurteile.

(Mark Twain)

Eins meiner Lieblingszitate von Mark Twain, dem Erfinder der klassischen short story.  Das Reisen ist immer wieder sein Thema, die Begegnungen, die dabei zustandekommen, dabei die Philosophie des Lebens beschreibend und erklärend in verständlichen Worten. Ich versuchte einen Text  zu diesem Zitat zu finden, ein Gedicht, eine Geschichte und hatte doch vor dem inneren Auge die Flüchtlingsströme, dachte an die Meldungen von erneut Ertrunkenen an den Küsten, die zu vielen Menschen, die unser Land Probleme hat alle aufnehmen und integrieren zu können vor dem schlechten bis nicht vorhandenen Bildungshintergrund, den kulturellen Unterschieden und schlicht auch wegen Platzmangels. Weswegen nun in allen Städten und Gebieten Flüchtlingsunterkünfte hochgezogen werden in Leichtbauweise, an Holzcontainer erinnernd. Alles muss schnell gehen und es gibt nicht genügend ehrenamtliche Helfer, die den Ankommenden eine gute Annahme und Aufnahme geben können.

Vor den Ergebnissen der vergangenen Wahlen klebt das Vorurteil stagnativen Stubenhockerdenkens. Es ist behaftet mit dem Dünkel der Wohlstandsgesellschaft und es delegiert Verantwortung in die Hände derer, die schon immer ihr Spiel treiben mit den negativen Emotionen und den Miss-Ständen der Gesellschaft. Allzu leicht lässt sich die Beute fangen, die sich sicher wähnt, indem sie sich ausliefert und in die Hände gibt, die sie füttern wollen. So groß der Hunger, dass das versprochene Brot ausreicht um die Stimme hinzureichen wie die blank gezogene Kehle. Die Flüchtlingskrise spielt den Extremen zu, die lange schon auf die Gelegenheiten warten, hochzukommen.

Es ist schwierig geworden, Vorurteile auszumerzen durch Reisen. Auf den Reisen lauern die Wegelagerer, die Räuber, die Banditen und alle die, die die Vorurteile bestätigen. Das Fremde bezieht seine Faszination aus dem Unbekannten, die Kehrseite der Medaille ist es, nicht zu wissen, ob das Unbekannte eine Gefahr darstellt oder nicht. Sinnvoll ist es, durchaus die Angst, die Unsicherheit, die Zweifel und die Realität der täglichen Gewalt, auch durch fremde Einflüsse zu sehen, zu erkennen und sich ihrer bewusst zu sein. Ein kluger Reisender ist allzeit wachsam und hält die Augen und Ohren offen, denn auf einer Reise bewegt man sich unter Fremden und das Terrain, selbst wenn es ein vertrautes ist, birgt auch immer Gefahren. Manche Begegnungen bestätigen Vorurteile immer wieder aufs Neue. Letztlich zählt jedoch das, was überwiegt und es ist gut, wenn man erst einmal davon ausgeht, dass die guten Begegnungen auf der Reise überwiegen werden. Letztlich zählt es, dass man unterwegs ist und nicht zu Hause sitzt aus Angst vor den Räubern. Denn das, (und das wusste schon Bertolt Brecht), frisst die Seele auf und steuert Menschenmeinungen fern, entkernt sie bis sie inhaltsleer sind und saniert sie für das Gemeinwohl zu einsturzgefährdeten Häusern.

Wer reist, ist seinem Besitz, seinem Haus, seiner Wohnung fern. Er trägt so leicht wie möglich um beweglich sein zu können. Er streift den Dünkel des Habenmüssens von sich ab und wird zum Vagabunden seines Glücks. Diese Freiheit trägt ein Reisender mit seinen Papieren nah am Körper, er bewahrt sich ein offenes und mehrdimensionales Denken, das in der Lage ist, vorausschauend sein zu können. Ein Reisender informiert sich über die Route so gut er kann und lernt die Anschlagtafeln an den Bahnhöfen richtig zu lesen und zu deuten, wenn er weiterkommen will. Der Stubenhocker zu Hause träumt nur davon und gibt sich lieber den Parolen vermeintlicher Freiheitskämpfer hin. Sie schmecken doch so gut und sie sind so komfortabel, selbst wenn sie eine wirkliche Reise niemals ersetzen könnten. Denn schaut man mal hinter diese Parolen, erkennt man, dass sie wie das Angebot eines halbseidenen Reiseanbieters sind: aus der besten Perspektive fotografiert und die Mängel einfach unterlassend zu beschreiben. Betrachtet man jedoch den Text eingehender oder liest die Bewertungen des angepriesenen Hotels von anderen Reisenden, kommt man vielleicht dahinter, dass das Angebot eine Mogelpackung und Mondscheinpackung ist, man besser die Finger von den scheinheiligen Versprechen lässt, will man nicht riskieren, seine Wahl später bitter zu bereuen, wenn der Urlaub in die Komfortzone sich als Alptraum mit einer lauten lärmenden Baustelle vor dem Hotel entpuppt, die auf dem Bild in der Anzeige natürlich nicht gezeigt wurde. Natürlich auch nicht die Kakerlaken im dreckigen Badezimmer, die aus dem Abfluss der Dusche krabbeln, groß wie fliegende Untertassen und ekelhaft beflügelt sich vermehrend bis hin zur Plage.

Es zahlt sich aus, viel zu reisen um viel zu erleben und zu sehen. Um sich die Souveränität einer vorurteilsfreien Wahl erlauben zu können und beweglich zu bleiben für neue Lerninhalte, die den Lebensradius um Horizonte erweitern, die man sich nicht einmal vorstellen konnte zu betreten und um Menschen zu begegnen, von denen man glaubte, sie existierten nur in der Phantasie, im Bösen, genauso wie im Guten. Das Herz bildet sich auf Reisen selbsttätig weiter, ob allein oder mit anderen, das ist ein natürlicher und logischer Lerneffekt. Je realistischer die Erwartungen an die Entbehrungen und Unbequemlichkeiten der Reise sind, je bedachter die Wünsche an das Ziel nicht zu hochzustecken, umso eher wird eine Reise ein Erfolg. Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünscht für die Reise. Es könnte in Erfüllung gehen.

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9 thoughts on “Kalenderweise: Reisen ist tödlich für Vorurteile (Mark Twain)

  1. gkazakou sagt:

    Ein interessanter Versuch! Ein paar Einwände habe ich: die Flüchtlinge sind keine „Reisenden“. Und die meisten Touristen reisen ebenfalls nicht, denn sie bewegen sich abgesichert in Gruppen, sogar unter Polizeischutz (zB Ägypten). Oder sie bewegen sich erst gar nicht (all inclusive), oder sie fressen Kilometer (durch Norwegen bis zum Nordcap) …. Kurzum, sie lernen nichts über die Menschen, und wollen auch gar nichts lernen.
    Welches Reisen meint Marc Twain? Nur daran lässt sich der Satz überprüfen.

    • karfunkelfee sagt:

      Ja, ich sehe und erkenne, worauf Du hinauswillst. Ich zeichnete ein bewegtes Bild und band die Thematik des Reisens schlechthin darin ein. Ungeachtet des betreuten Reisens, das kein Reisen ist, sondern eine Fortbewegung zu einem festgelegten Ziel mit Aufenthaltscharakter. Insofern vielleicht mein Touri-Hotel-Vergleich unglücklich gewählt, wenn auch eher im Bezug auf die vielen Reiseversprechen, die es gibt und was ist ein gemeinsamer Weg, ob in Beziehungen oder Zugehörigkeiten anderes als eine versinnbildlichte Reise miteinander.

      Die Flüchtlinge hingegen betrachte ich schon als Reisende, notgedrungen, weil ihnen keine andere Wahl bleibt, als die Heimat zu verlassen und woanders ihr Überleben zu sichern. Flucht ist eine Reise, die angetreten wird aus der Dringlichkeit heraus, eine neue Bleibe finden zu müssen, nicht zu wollen, nicht zu können, sondern zu müssen. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine Reise, auf der es viele Gefahren gibt und das Leid der Flüchtlinge ist es, dass ihnen oft keine Gelegenheit bleibt, sich vorzubereiten, dass sie gezwungen sind, anderen vertrauen zu müssen, ihr Leben anvertrauen zu müssen und nicht wissen zu können, wann und wo diese Reise enden wird, die Hoffnung im Handgepäck wiegt so schwer wie Heimaterde. Grauenvoll stelle ich mir das vor.

      Es gibt also viele Wege zu reisen. Der eine bevorzug All-inclusive, Wiener Schnitzel in der Karibik und die eigene Sprache im fremdländischen Hotel. Er reist komfortabel, lässt sich verplanen und durchorganisieren und zeigt später stolz die Fotos der allgemein bekannten Sehenswürdigkeiten im Postkartenformat.

      Ein anderer hingegen mag das Zitat Twains vielleicht sogar kennen, wer weiß und wenn er es nicht kennt, gehört er vielleicht zu den Menschen, die die guten Begegnungen bei den Reisen ausmachen. Ich weiß nicht, auf welche Reisenden Mark Twains Zitat sich genau bezieht, doch wende es selbst für mich an auf diejenigen unter ihnen, die sich einen freien Geist, einen scharfen Blick und einen offenen Sinn bewahren. Seine Geschichten erzählen vom Leben und von seinen Erfahrungen mit dem weisen Humor eines Weitgereisten und der Abenteuerlust eines Kindes…

      Hab herzlichen Dank für Deinen trefflichen und perspektivisch aufmerksamen Kommentar.

      Das mag ich…

      Liebe Grüße

      • Clara HH sagt:

        Liebe Fee, eilig und unbedacht wollte ich den gleichen Einwand machen wie gkazakou, dass Flüchtlinge keine Reisenden sind. Dann habe ich deinen darauf antwortenden Kommentar gelesen und dir ein klein wenig Recht gegeben, obwohl ich es nach wie vor stärker als Flucht denn als Reise sehe. Eine Reise hat ja irgendwie immer einen positiven Sinn und ein Ziel, sich irgendwo anders vom heimischen Stress zu erholen. Das alles trifft auf die Flüchtlinge nicht zu – sie müssen nur zusehen, zu überleben und nicht von irgendwelchen Schleppern zu stark übers Ohr gehauen zu werden. – Und bei einer Reise kehrt man am Ende immer wieder in seine gewohnte Umgebung zurück – doch diese Umgebung gibt es für viele gar nicht. – Es ist für mich eine Umsiedlung, denn sie sind aufgebrochen mit dem Ziel, ihre Wurzeln in Zukunft in einem anderen Boden wachsen zu lassen. – Wenn ich meinen „Millionär“ in Spanien kennenlerne, reise ich erst einmal viele Male zu ihm, um ihm das Geldausgeben zu erleichtern. Doch wenn ich dann – was ich sicher nie machen wollte – meinen Wohnsitz mit ihm teilen will, dann würde ich es nach wie vor nicht als Reise bezeichnen.
        Aber letztendlich ist es auch egal – Europa wäre schon groß genug, um sie alle aufzunehmen, nur Deutschland allein schafft das allerdings nicht.
        Gute Nacht zur üblichen Zeit sagt Clara

      • karfunkelfee sagt:

        Liebe Clara, Ich habe im Text zweimal die Bezeichnungen geändert, so dass der Reisecharakter nur noch überbegrifflich erscheint und ich weiß schon genau, wovon Gerda und Du sprechen. Vielleicht ist es so gesehen, nun ein wenig gängiger geworden. Meine Großmutter floh übers Riesengebirge aus Schlesien erst einmal nach Berlin. Sie erzählte mir oft von der Flucht und sie sprach in diesem Zusammenhang selbst sowohl von Flucht als auch von der „langen Reise“. Vielleicht habe ich auch deshalb diesen Begriff noch so innerlich assoziiert. Ich wollte ja einen Zusammenhang herstellen zu Mark Twain. Auch die Ankommenden, die Fliehenden, kommen zuhauf mit Erwartungen, mit Hoffnungen und Vorstellungen, die ihnen falsch vermittelt werden. Die Vorurteile sind auf beiden Seiten da, das macht es zusätzlich so schwierig, ausgenommen derer, die hier ankommen und froh sind, dass sie überhaupt noch leben.
        Du willst einen spanischen Millionär kennenlernen?
        Wir sprechen uns dann noch mal wegen der Umsiedlung, ja?
        (passt vielleicht noch eine fast spanischsprachige Fee mit in die Finka, mit Rennrad, Herz und Humor, Olé…)
        Hui, Clara….schreib ihm….
        schnell….:)

  2. karfunkelfee sagt:

    P.S. Ich habe auf Deinen Einwand reagiert im Text und die „Reisenden“ im ersten Absatz durch „Ankommende“ ersetzt. So bleibt der Reisecharakter der Flucht erhalten ohne explizit zu werden. Vielleicht liest es sich so verständlicher, worauf ich hinauswollte in meinem Text Danke immer für konstruktive Text-Kritik, da arbeite ich mit.🙂

  3. Ich bin schon genug gereist in meinem Leben und ich höre nicht auf. Vorurteile haben Menschen, die keine Ahnung haben und sich aufspielen oder sich auf Hörensagen oder schlechte Quellen verlassen.

    Die eigenen Erfahrungen sind die besten, wenn auch nicht allgemein übertragbar.

    Wohin würdest du gern reisen ?

    • karfunkelfee sagt:

      Recht hast Du, eigene Erfahrungen sind nicht übertragbar und sie sind die besten, doch es sich unbequem machen und aufbrechen wollen zu neuen Ufern (oder Meinungen) muss man schon wollen und auch die eigene zu hinterfragen bereit sein.

      Wohin würde ich gern reisen?
      Ich würde gern mal nach Schottland reisen und mir die Schotten anschauen. Ich könnte versuchen, meine leicht angestaubten Lipperwitze dort an den Mann zu bringen und endlich Schottisch lernen. Slangivar heißt Prost. Das weiß ich schon mal. Von einem echten schottischen Ranger.
      Doch das…ist natürlich nur eines meiner Wunschziele. Genausogut könnte ich mir eine Reise vorstellen, bei der es um die Reise selbst geht und viele kleine Etappenziele.
      Deutschland ist auch ein tolles Reiseland, die Städte, die Landschaften.
      Egal…Hauptsache reisen. Wohin es das Herz zieht, wenn man es ziehen lassen kann.

  4. Tussi M. sagt:

    Wieder ein sehr schöner Text. Ich denke auch, dass jene Leute die meisten Vorurteile haben, die nicht oder wenig reisen und sich nicht bewusst sind, dass sie selbst fast überall auf diesem Planeten für die anderen die Ausländer oder „Fremden“ sind.

  5. karfunkelfee sagt:

    Ganz lieben Dank….
    Dabei habe ich mit diesem Text ordentlich herumgekämpft, die Gedankenketten erschienen mir klar und schlüssig und doch ist es einer dieser Texte, an denen ich wieder stilistisch in den Feinheiten der Sprache dazulernen will, am Ende nicht wirklich ganz zufrieden war…
    Dein letzter Satz gefällt mir ungemein! Dieses endemische Denken mancher Nasen, die sich selbst für die Sonne der Welt halten und alles andere kreist nur um sie und ihro eigen Herrlichkeit Ichvertrautdünkeltambesten mit Trauschauwem, geht mir nämlich ordentlich gegen den Strich.
    Die Welt ist lost in translation und Babylon ist so aktuell wie noch nie zuvor…

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