Zum Welttag der Poesie: Zwei Schmetterlinge über Blumen im Morgenlicht (Metamorphosis)

maria_van_oosterwijck_-_flower_still_life_-_google_art_project

Sie lief auf dem raschelnden Laub der Schmetterlinge. Um jeden weinte sie etwas länger, ihre Tränen schwärmten die Himmel wie Hoffnung auf Artenerhalt. Sie kämpfte um das Leben eines jeden mit warmen Idealismen gegen kalten, vom Leben abgefuckten Stein. Manchmal drängten Worte tiefschwarz in ihr hoch und sie wollten alleine sein und sie waren Kraftworte und nicht schön, doch in ihnen konnte sie ihren dem Leid sich erbitternden Widerstand entgegenwachsen sehen. Sie trotzte der Zeit mit ihrer Vergänglichkeit und sie lacht ihr immer noch ins Gesicht, so wie sie ihre hedonistische Leichtigkeit nur noch in momentanen Freiflugphantasien bemisst, füttert sie kleine Raupen mit kindlichen Flügelträumen bis zur Metamorphosis ihres Ist, Jahr um Jahr. Bewahrt sie das Geheimnis der Schmetterlinge, denn schon der erste, der sich ihr auf den Finger setzte, verriet es ihr, sie war noch ein kleines Kind. Als er fortflog weinte sie ohne Halt und Trost, eine Weile war sie vor Kummer bloß und blind, doch ließ ihn ziehen, ließ ihn los und es fiel ihr schwer und ihr Leid war groß. Doch sie wusste, würde sie ihn versuchen zu greifen, zu fassen, müsste er seinen Flugstaub auf ihren Händen lassen, könnte nie mehr fliegen, sich ernähren, wäre verdammt zu sterben und all sein schwebender leichter Zauber schleifte müde am Boden dahin. Sie ahnte traurig, sie würde ihn zu Tode verderben in ihrem besitzergreifenden Sinn.

Sie läuft auf dem raschelnden Laub der Schmetterlinge, jeden Schritt herzt sie ein allerletztes Mal. Eine Handvoll geliebter Schmetterlingsraupen schläft nimmersatt im Kokon ihrer warmen Hand, sie würde sie alle retten wollen, doch aufopfernd lieben kann sie nur diese kleine Zahl, rät herzlich ihr der Verstand. Sie weiß, irgendwann werden sie fliegen, sie muss erneut ihren Kummer besiegen und sie bereut diesen Schmerz niemals nicht. Sie wird sich mit einem verrückt-kitschigen Traumbild begnügen: Zwei Schmetterlinge über Blumen im Morgenlicht.

——

(Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c9/Maria_van_Oosterwijck_-_Flower_Still_Life_-_Google_Art_Project.jpg)

10 thoughts on “Zum Welttag der Poesie: Zwei Schmetterlinge über Blumen im Morgenlicht (Metamorphosis)

  1. Wundervoll, meine liebe Karfunkelige. So behutsamsacht beschrieben, wie der Flugstaub sanft die Fingerkuppr küßt, die einen Schmetterilng nur anrührt, statt ihn festzuhalten. So schön passend zum Bild, es ist ein doppelter Pupillengenuß.
    Jeder einzelne Loslasskummer spiralt sich mit den Flatterschnörkeln ins Nichts, wenn man begriffen hat, was Freiheit heißt.

    Ganz freiheitliche Grüße durch den vorapriligen Märzenstag, immer die IhrDeine.

    • karfunkelfee sagt:

      Dieser letzte Loslass-Satz spiralt sich herrlich frei, ja.
      Es ist eine Lektion, die manche schnell lernen und für die andere länger brauchen.
      Danke für Ihre behutsamsachten Worte…(mit dem Wort bekomme ich beim Scrabble wieder Ärger, dabei ist das toll!…*grummel*)
      Und das Bild, ich schrub es schon der Clara, mag ich sehr.
      Die Dame aus Delft verdiente gutes Geld mit ihren Bildern, für eine Künstlerin im Mittelalter gar nicht so selbstverständlich.

      Freiheitliche Grüße zurück
      (trotz einer Arbeitswoche, die es vor Ostern noch so richtig in sich hat (auch für mich…)
      Ostern kommt bestimmt…:),
      die IhrigeDeinige

  2. finbarsgift sagt:

    Sehr schön
    Und traurig
    So wie mit den alltäglichen
    Schmetterlingen im Bauch
    Eben auch
    Schön und traurig

    • karfunkelfee sagt:

      es ist aber kein mono no aware…

      es ist ein mono aware-Gedicht…

      es weiß, dass immer wieder etwas Schönes kommen kann…
      wie kleine nimmersatte Raupen…die gefüttert werden wollen…um Schmetterlinge werden zu können…

      Die Schmetterlingsgefühle.
      Elektrische Gefühle…Lebensenergie…halten jung.
      Speisen sich im schönsten Falle wechselseitig.😉

  3. Clara HH sagt:

    Erst einmal ist es natürlich ein phantastisches Bild, auch wenn es nicht deines ist.
    Ich kann sehr gut verstehen, dass ein Kind alles für diese wunderschönen Leichtflügler machen möchte. Schmetterlinge sind wirklich sehr gut gelungen – egal, wer auch immer sie erschaffen hat.
    Beste Grüße zu dir

    • karfunkelfee sagt:

      Wie schön, dass Du auf das Bild eingehst. Es ist von Maria von Oosterwijck, einer niederländischen Barockmalerin. Ich mag es sehr…:)
      Ja und von den Schmetterlingen kann ein Kind viel lernen.
      Gut dass es sie gibt und hoffentlich wird es sie immer geben…
      Beste Grüße auch zu Dir

  4. Arabella sagt:

    Wie solltest du, mein Herz, über raschelndes Laub der Schmetterlinge gehen müssen?

    Das Rascheln sind ihre gestorbenen, flügelgleichen Träume.

    Du bist Bewahrerin.
    Deiner Träume und Bewahrerin der Träume anderer.
    Beide sind dir gleichviel wert.

    Das erschöpft dich, daraus schöpfst du.
    Klug wie du bist, hast du immer eine Handvoll Raupen dabei.

    Diese Kinder fressen einem manchmal glatt die Haare vom Kopf…und dann…dann spinnen sie die Seidenfäden unserer Fantasie.

    Ohne dich, hätte ich den Tag der Poesie vergessen.
    So bin ich Laub, tritt drauf, damit ich rascheln kann!

  5. karfunkelfee sagt:

    Dein Kommentar ist dem Welttag der Poesie würdig und genauso wie Du es beschreibst, möchte ich sehr gern sein. Ich bin bereit, viel dafür zu tun…Träume in andere zu legen oder sie zu bewahren und einen guten Glauben vielleicht oder manchmal auch Trost oder Zuversicht….? Ein stiller Wunsch, der die Vergänglichkeit und den Verlust sich weigert zu fürchten, denn das Fallen ist in allem, sagt Herr Rilke, es ist und bleibt eine verneinende Gebärde aus schweren Himmeln und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält. Dieses Gedicht ist eines von denen, die mich tragen und das schon sehr lange.

    Jemand hatte heute die spannende Frage, ob und welchen Einfluss die Literatur, vornehmlich Lyrik, auf die Gesellschaft hat und ich denke noch weiter darüber nach und lese, wie ich klug begründen kann, dass dieses Tragen, Wissen, Erleben und Erfahren auf den Flügeln der Worte für mich ein ständiger Antrieb und Motivation ist, neugierig zu bleiben auf die Welt und immer noch mehr wissen und verstehen zu wollen. Die Kunst, mit Sprache zu spielen und sie auch neu zu erfinden, da sie lebendig ist.

    Gerade in der Lyrik gibt es Gedichte, die mir ein Motto, ein Mantra, ein Antrieb sind. Mich begleitet bestimmte Lyrik, die ich nur zu gern auswendig lernte und die ich immer wieder rezitiere wie ein Licht, das ich mir damit in die Hand gebe, um zu führen und zu leuchten. Die Prägnanz und Schönheit der Wortkunst helfen mir, meine Effizienz und Produktivität auch zum Nutzen eines besseren Verständnisses und offenen Bewusstseins für den Dienst an der Gesellschaft zu steigern. Sie schulen meinen Stil in Wortschatz, Präzision, Stil, Rhetorik, Philosophie und Wissen, Struktur und Klang. Wortegesang.

    Ich…laufe auf dem Laub der alten Schmetterlingshäute, den vergangenen Träumen.
    Ich vertraue ihrem Nachwuchs…die kleine Raupe Nimmersatt hat meine Kindheit nachhaltig durchprägt…:)

    Vielen lieben Dank…
    Deine Worte haben mich sehr berührt.
    Will ich mich drin finden wollen…:)

  6. karfunkelfee sagt:

    P. S. Danke für Paul….Ich mag diesen Song sehr!

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