belscripto

Ich brüte mal wieder über einem Artikel. An sich keine Sache, da gehe ich mittlerweile recht routiniert heran. Der Text ist fertig, ein klein wenig Recherche noch und dann ab dafür, damit er Montag Morgen beim Cheffe ist. Dann schon das nächste Interview. Ein paar Sätze stehen noch schief und krumm, bei einigen muss ich noch herumknapsen um mein Wörterlimit zu erreichen, ein paar Fremdwörter merze ich auch noch aus, damit Erna Klein aus Ubbedissen, 89 Jahre alt mit solider Volksschulbildung mein Deutsch ebenfalls gut verstehen kann. Immer wieder die Herausforderung, einen komplexen Sachverhalt mit viel Informationen so darzustellen, dass er gut verständlich und schlüssig ist. Kurz und knackig in so wenig Worten wie nur irgend möglich. Nicht jedes Leserhirn kommt gut mit langen Schachtelsätzen zurecht. Lange Sätze ermüden. Sollte bedacht werden.
Oh, Sprache kann so tückisch sein! Sie bringt sich in Meta-Botschaften ein, sie wertet in Worten, sie suggeriert, sie manipuliert, Sprache kann alles mögliche. Die Macht des Wortes ist nicht zu unterschätzen! Ich lerne hinzuschauen wie und was ich schreibe, wie viel ich schreibe und ob es nicht noch eine bessere stilistische Wahl des Ausdrucks gibt. Die Motivation ist es, das Verständnis zu erreichen. Ich will, dass die Leser meine Sätze verstehen und zwar nicht nur eine elitäre Auswahl an Lesern – sondern alle, durch alle Bildungsschichten hindurch, ob groß oder klein. Außerdem wünsche ich mir, dass ein Artikel auch unterhält. Doch diskret, gerade so, wie ein Hauch Parfum die Nase streift und ein kleines Glücksgefühl im Bauch hinterlässt. Schön mit Fakten untermauert, schön sachlich und bloß keine wertenden Adjektive! Das ist ganz schlechter Journalismus, mahnt das angesammelte Hintergrundwissen und zeigt mir seine vier Buchstaben in Blockbustergröße auf Boulevardniveau. Schwenkschwenkwedel! Das reicht. Das wirkt immer. Hundertprozentig.

Ich sitze auf meinem Balkon und muss eigentlich arbeiten. Doch eigentlich ist ein A…nu lassen wir malieber die Kraftworte hier sein und pflegen das belscripto, die schöne Sprache, die klare, die wissende, die verständliche, die schlichte und auch die poetische und die hintergründige, die in der Lage ist, nicht durch ihre Worte sondern durch ihren Stil ein Gefühl auszulösen, das kein Adjektiv braucht, um sich auszudrücken. Ha! Das ist es! Das ist es, was ich will. Von Liebe nicht sprechen, sondern sie sein, in jedem Wort. Von Wut nicht schreiben, sondern Feuerworte finden, eine Traurigkeit in einer Blütenstruktur beschreiben, ohne ein Wort über die Traurigkeit selbst zu verlieren. Sie dringt zwischendurch, sie kann nicht anders, sie wird aus dem Unterbewussten transportiert. Darum ist mir bei Interviews so wichtig, dass es ein gutes Gespräch ist. Denn den guten Eindruck bringe ich dann in den Artikel.

Es ist manchmal nicht einfach. Die Menschen, mit denen ich spreche, sind so unterschiedlich und jeder braucht eine andere Fragestellung, eine andere Weise, wie er gut erzählen kann und ich lerne, dass ich das maßgeblich mit beeinflussen kann. Ich lerne, dass die Antworten, die ich bekomme immer nur so gut sind wie meine Fragen. Es ist wie mit Zaubersprüchen im Märchen. Die richtigen Fragen öffnen den Sesamberg. Ich liebe Ali Baba und die sieben Zwerge in Alice’s Wonderland wirklich sehr. Ich habe immer eine Handvoll Sesamsamen bei mir. Man weiß ja nie…

Hier segeln gerade zwei Tauben im Nahpaarfsteilflug hoch auf das Dach über mir. Über mir ist nur noch das Flachdach meines Wohnsilos. Die Tauben sind weiß, könnten also durchaus Friedenstauben sein. Ach, mein ewiger Traum vom Weltfrieden…
Jetzt sitzen diese Turtelviecher zärtlich herumgurrend auf dem Dach über meinem Kopf und stellen wer weiß was miteinander an. Doch da dies kein erotischer Beitrag ist, sondern nur eine lose Gedankensammlung aus meiner Blogschweigepause, soll der Rest der Phantasie belassen sein.
Das meiste im Leben ist eh spekulativ.

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag.
Werde jetzt den sperrigen Sätzen im Artikel zu Leibe rücken
und warme Herzlichkeit aus kalten Fakten herausquetschen ohne ein einziges Adjektiv zu benützen.
Jawoll!

…herzlichst, 
Eure Karfunkelfee

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10 Kommentare zu “belscripto

  1. Clara HH sagt:

    Bei meiner ersten Weststelle 1990 hatte ich einen jungen, klugen Chef, der promovierter Philosoph war. Neben seiner Tätigkeit in der Firma verfasste er Artikel für eine philosophische Zeitschrift, die aber von normalen Menschen gelesen werden sollte.
    Alle seine Artikel hat er mir zu lesen gegeben. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, hat er es wirklich geändert – ich fühlte mich wirklich geehrt, dass er mir eine objektive Betrachtungsweise zugetraut hat. –
    Ich kann mir vorstellen, dass du deine Interviews wirklich gut machst.
    Gut’s Nächtle!

  2. finbarsgift sagt:

    Was für ein bezaubernder Einblick
    in deine „Schreibwerkstatt“,
    liebe Fee der Worte…
    DANKE sehr herzlich dafür! 🙂
    Liebe Grüße zur Nacht vom Lu

  3. Ich habe das sehr gerne gelesen!

  4. Ulli sagt:

    Liebe Stefanie,

    Ich schliesse mich Jutta an und füge hinzu, dass ich in den Ferien von Ulla Hahn „Das verborgene Wort“ las, ein Wunder an Sprachentdeckung und deren Entwicklung, wie sie die Protagonistin Hilla erlebt … Kennst du das Buch? Ich musste bei deinen Zeilen direkt an dieses Werk denken.
    Danke für deinen Einblick, aber ganz besonders dafür, dass du so schreiben willst, dass dich Jede und Jeder versteht! Wenn dies doch mehr JournalistInnen und Schreiberlinge wollen täten … lach und weg, aber nicht ohne von Herzen kommenden Gruss für dich
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Ulli,
      Es kommt ja auch darauf an, welche Zielgruppe ich mit dem was ich schreibe, erreichen möchte. Im Fall meiner Artikel wirklich jeden und alle.
      Dieses Buch von Ulla Hahn kenne ich nicht. Vielen lieben Dank für den Tipp! Das möchte ich gern lesen.

      Ich sprach gestern mit meinem Chef über Artikelstile und lese viele Artike aus sehr unterschiedlichen Zeitungen, um die Unterschiede besser zu erkennen und daran zu lernen.
      Ich mag Fremdworte…
      …ich liebe Schachtelsätze mit mehr als fünfzig Wörtern, die mein Hirn so richtig fordern und ich verliere mich noch lieber in komplizierten und komplexen rätselhaften Zusammenhängen. Das genieße ich und manchmal schreibe ich auch so. Doch…wenn ich so schreibe, erhebe ich keinen Anspruch darauf, dass das jeder versteht oder lesen will. Beim journalistischen Schreiben allerdings wünsche ich mir eine klare und verständliche Sprache, reduziert auf das Wesentliche und unaufdringliche Emotionen. Manche Artikel springen dir regelrecht an den Hals und fangen an zu klammern und zu heulen und zu lachen. Oder sie kommen in diesem „ich bin ja so locker und gut drauf-Ton“ daher…auch nicht so meiner….aber wie sagt mein Chef? Ich habe keinen Journalismus studiert so wie er. Ich bin eine QUER-Einsteigerin. Und das bedeutet, dass ich offen sein kann, denn ich lerne diese Art zu schreiben auf eine andere Weise als die Reporter, die die Journalistenschule besuchen. Ich sehe das erst einmal positiv und erst an zweiter Stelle fluche ich über diese blöden Anfängerfehler wie zum Beispiel das Benutzen der Adjektive oder komplizierte lange Sätze.
      Herzlichen Dank für Deine Gedanken
      und einen lieben Gruß
      von Stefanie

      • Ulli sagt:

        Ich bedanke mich für deine ausgiebige Antwort, liebe Stefanie. Ja, es ist anders für wen und wo man schreibt. Schreibe ich im Blog bin ich relativ authentisch, wobei ich dabei auch das eine und andere nur durch die Blume sage. Schreibe ich wirkliche Artikel, in denen es um eine Sache geht, verändert sich meine Sprache. Schachtelsätze habe ich früher oft gemacht, vermeide sie aber heutzutage, zu oft habe ich gehört: zu kompliziert, zu ermüdend. Ach … da fällt mir noch so einiges ein, aber lasse ich es hier stehen. Wir sind uns ja eigentlich einig. Schön, dass du quereinsteigen konntest, da wünsche ich dir schlichtweg einen erfolgreichen Weg und sende dir herzliche Mittagsgrüsse vom grauhellen Berg
        Ulli

  5. karfunkelfee sagt:

    Danke, Ulli. Erfolgreicher Weg wäre toll….✨

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