Rein theoretisch

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Jetzt nehme ich dich an der Hand und ziehe dich mit auf den Weg. Die verspäteten Schlehen. Noch schaffe ich es nicht, mit dir in dieses bittersüße schlichtweiß besternte Vergnügen hoch zu gehen. Es säumt den Berghang und du kannst, wenn wir dort oben stehen, grenzlos überland sehen. Heute genügt uns ein anderer Berg. Nicht so hoch, doch jeder einzelne Schritt steilan, ist ein Schritt in die Erkenntnisse künftiger Zeit. Die Buchen sind noch nicht so weit, alles noch kahl auf den hellen Lichtungen. Der Specht hat sich entschieden, klopft an den Baum, träumt einen blau gefiederten Traum vom nährenden Vertrauen. Es ist ein kleiner Wurm, versteckt hinter Rinde. Es ist weiß, ungeschützt und blind. Ein Kriechtier, das sich entdeckt fühlt und schnell versteckt. Riechst du den Wald? Die Farne entfalten sich bald, noch sind ihre Schösslinge eingerollt, verzagt im Kern. So gern zart, verhalten und still ist dieser Duft, dass er sich von der Nase kaum erahnen lassen will in Spuren. Reich die Luft vom Holz, in der Herznote leben grünende Fluren deutlich auf. In der tieferen Basis schwingt Moos und Erde. Siehst du das Blau zwischen den Bäumen? Fahl vom Erwachen wie es die hohen Kronen mit Wolkenschaum säumt? Das transparente Licht zwischen Stämmen ist eine überirdische Schau. Wie vermisste ich diese Wege, dieses Atmen und die Stille. Dass du jetzt neben mir her läufst, bloßer Wunsch und Wille, weiß ich genau, na und? Kein Grund, hier nicht mit dir zu träumen. Hier darf es sein, in diesem Frühling, im ersten Widerschein  langatmigen Lichtes.

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Reich mir die Hand, her mit der Kraft, denke ich und schenke all mein Wollen dem rollenden Stein vor unseren Füßen. Bald schon kann ich ihn wieder mit dem Fuß vor mir herkicken. Dem Kuckuck einen weiß kalkig klickernden Gruß schicken, in steter Bewegung neben dir her oder um dich herum fließen. Mit den Vögeln im Wettstreit pfeifen, ohne ein einziges Wort von dem was sie singen, zu begreifen. Der Fink schlägt. Genug der lenzbeflissen geschliffenen Worte, bevor sie allzusehr ins Kraut schießen. Bewegt beobachte ich wie sich alles aus einem langen Schlaf heraus regt, erhebt und wächst. Der Waldboden unter unter unseren Füßen so nachgiebig, federnd, schwarz und weich. Wir haben Glück, heute hier zu sein, Frühling macht reich, indem er sich an unsere vom Winter verletzten Eispersönlichkeiten heranschleicht, verführerisch  in seinem warm erblühenden Versprechen, im Aufbrechen der Knospen an kahlen Zweigen. Er bettelt uns jung, er bedeutet uns in keimenden Fußnoten in Leichtigkeit zu schweigen, uns ihr hinzugeben. Das den Boden  bedeckende alte Vorjahreslaub will uns sagen, dass wir nur einmal leben, wenn auch viele Jahre jedes Mal erneut, erinnert es uns raschelnd daran, dem Frühling vor allen anderen Jahreszeiten mit kindlichem Herzen zu begegnen und ihn zu bewahren. Was der Herbst uns gestern nahm, gibt der Frühling heute zurück. Du teilst dies rein theoretisch mit mir. Ich weiß, ich habe Glück.

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20 thoughts on “Rein theoretisch

  1. finbarsgift sagt:

    Es hat sich sehr gelohnt, liebe Wortzauberfee, etwas länger auf deinen neuen Eintrag zu warten, als sonst…

    …zauberhaft schön ist diese verbale Waldmeditation dir gelungen und passende Fotos gibt’s gratis dazu,

    herzlichen Dank und liebe
    Frühlingsgrüße vom Lu

    • karfunkelfee sagt:

      Lieber Lu, ich gebe ab und zu Lebenszeichen von mir. Das möchte ich gern schaffen, auch wenn ich mir im Augenblick jede Minute der Schreibe-Zeit mopsen muss, zu viel Arbeit in den Projektphasen. Das hier, Du weißt ja, mache ich aus reiner Freude an der Poesie.Meine ersten Wanderbilder… Ich musste jetzt vier Monate warten, um sie machen zu können… Darum darf der Text auch so übermütig sein und schwärmen. Es ist so kalt hier, der soll ein paar Herzen wärmen.
      Lieben Dank für Deine Worte,
      von der Fee

      • finbarsgift sagt:

        Das tut er, liebe Fee, auf deine wunderschöne poetische Art und Weise…

        Ich wollte eigentlich ab heute wieder regelmäßig mit dem Töff in der Früh zur Arbeit, aber es einfach immer noch zu kalt und lausig, leider…

        Herzliche Regengrüße mitten aus der ungemütlichen Kesselstadt
        vom Lu

  2. Arabella sagt:

    Das Lesen habe ich sehr genossen.

  3. Clara HH sagt:

    „Mit den Vögeln im Wettstreit pfeifen, ohne ein einziges Wort von dem was sie singen, zu begreifen.“ – Kannst du nicht vöglisch? Dir hätte ich das zugetraut.
    Die Bilder wirken mehr herbstlich, die langsam aufkommende Frühlingsfrische fehlt der Natur noch.
    Lasse es dir gut gehen!

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Clara, natürlich kann ich vöglisch. Was denkst Du denn? Ich schimpfe mich schließlich Fee und das Erlernen und Pflegen der Natursprachen gehören zur Grundausbildung von Elementarwesen. Allerdings binde ich meine lingual-philovielen Fertigkeiten nicht jedem auf die Nase, es könnte der Fuchs sein, mit dessen List ist nicht zu spaßen! Der Wald ist noch schnarchlangweilig. Man muss schon genau hinschauen, wenn man den Frühling finden will. Versteckt sich noch ein wenig in den Bildern.
      Herzliche Grüße zu Dir✨

      • Clara HH sagt:

        Ich habe es ja ganz im geheimen gewusst – und wie du schon sagst, was wärst du für eine Fee, wenn du die Vögel nicht verstündest. – Aber ist auch klar, dass du das nicht so breittreten möchtest – also, das bleibt jetzt unser Geheimnis.
        Spurenelemente vom kommenden Frühling habe ich ja gefunden.
        Heute hat es bis auf die frühen Morgenstunden ununterbrochen geregnet und jetzt gab es Minifrühlingsgewitterchen.

      • karfunkelfee sagt:

        Totales Geheimnis. Genau.😊✨
        Die Spuren sind da. Die Ahörner Hellgrün…
        schün ist das…✨
        Ich wünsch Dir Samstagsspaß.

      • Clara HH sagt:

        „Die Ahörner Hellgrün…“ nach dem Motto: Es grünt so grün wenn B-stadts Büme blühen …“ usw. usf.

  4. Silbia sagt:

    Oh ja, allerfeinst beschrieben. Ich liebe den Waldspaziergang sehr!
    Es gibt so viel zu erspüren, zu lauschen, zu sehen…
    Vielen Dank fürs Mitnehmen!

    Beste Grüße aus der Silbenkemenate,
    Silbia

  5. Flowermaid sagt:

    … Wege die sich dir wieder öffnen in ihrer ganzen Kraft…🙂

  6. tikerscherk sagt:

    Ein wunderschöner Waldspaziergang, den ich mit allen Sinnen miterlebt habe. Das Erwachen der Natur, jedes Jahr wieder eine grenzenlos glückbringende Erfahrung. Sehr schön geschrieben!

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