Zwischenruf aus der Sommerfrische

Bald ist Midsun, die Mittsommerwende, ging es mir durch den Kopf. Einen Balkon tiefer brüllt das Baby und ein Mann hält schreiend dagegen. Lauer Sommerwind in Bäumen. Die Stimmen schweigen, ich lausche dem Wind und summe ein altes Kinderlied um die Wut da unter mir zu lindern. Es duftet nach Heckenrosen und Lavendel. Das Baby unter mir legt wieder los. Es ist ein russisches Baby, doch sein Schreien spricht noch alle Sprachen der Welt. Das versteht jeder. Nun schlägt diehohe Stimme in ein rasselndes Crescendo um, treibt mir in kläglichsten, dennoch hellroten Dissonanzen den Schweiß auf die Stirn. Ich will losrennen, der evolutionäre Drang einem Menschenkind in Not zu helfen wird überstark. Ich singe etwas lauter. Summe vor mich hin. Kommt eine sehr seltsame Melodie bei heraus. Irgendwie schwermütig und alt fühlt sie sich in mir an. Abend. Das traumlos vergossene Sonnenblut in den Schattengeflechten der sommergrünen Bäume. Eine Amsel singt mir entgegen und unter mir höre ich jetzt die Frau mit dem Kind sprechen. Sie lacht. Ich stelle mir vor, wie sie sich ihr Kind auf die Arme legt und hinaus auf den Balkon geht. Wie sie es hält und seine erboste Süße wie Rahmbutterhonig am Nackenansatz in sich hineinsaugt. Ihr Kopf neigt sich tief zum kleinen hochroten Gesicht und pustet die Zornesfalten glatt wie nur sie es kann. In den Klang ihrer leisen tröstenden Worte, in die Stille des Kindes summe ich leise die fremdartige Melodie, die ich im Kopf habe, als hätte jemand sie mir als ein Geheimnis anvertraut, das ich nur Zornigen und Traurigen singen darf. Die Zornigen sind manchmal so hilflos wie kleine Kinder. Singen hilft gut gegen Zorn, lehrten mich die Vögel, als ich ihnen das frische Wasser im Brunnen auffüllte. Der Lavendelduft vermischt sich mit blauem Heliotrop, üppigen Nelken und Rosmarin. Unter mir Schritte. Die Balkontür öffnet sich und ich höre das Baby schnaufen und glucksen. Die Frau singt leise ein Lied, das ich nicht kenne oder verstehe, weil es ein russisches Lied ist. Doch es ist sehr schön. Ich schweige und lausche. Dann ist da nur noch der Wind in den Bäumen und ich bin ein Ton, der sich wieder verliert, noch während er erklingt.

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23 Kommentare zu “Zwischenruf aus der Sommerfrische

  1. meertau sagt:

    schön, wieder etwas von dir zu lesen!

    • karfunkelfee sagt:

      Danke schön…der Text soll ein kleines Lebenszeichen aus den Tiefen des Teuto sein…
      …aber…ich lese stille bei den Blogfreunden mit…✨

      • finbarsgift sagt:

        Ja, schön ist es, die zauberhafte Stimme aus dem Teuto wieder zu hören *freu*

      • karfunkelfee sagt:

        Du Charmeur…😉✨

      • finbarsgift sagt:

        Na klaro, aber noch mehr Wiedersehensfreude! 🙂

      • karfunkelfee sagt:

        Ich bin nie richtig weg…ich schaue, wie es ‚meinen‘ Blogleuten geht…und ich piepse zwischendurch feenhaft schräge Kommentare. Im Augenblick lese ich rundherum viele gute Beiträge und vermisse aber auch ein paar stille Leutz’…wünsche mir , dass es ihnen gut gehe… Bei lieben Freunden wie Dir frage ich näher nach, wenn ich zu lange nichts erfahre…und kommentiere, damit Du weißt, dass ich noch da bin. Die Lust aufs Kommentieren kommt langsam zurück. Ein feines Zeichen…✨

      • finbarsgift sagt:

        …ja, ein zauberschönes ⭐

  2. wildgans sagt:

    Manche Männer werfen schreiende Säuglinge aus dem Fenster, der hier hat nur gebrüllt – die Lösung naht, sie ist zum Weinen schön – und danke für den kleinen Zwischenbericht!

    • karfunkelfee sagt:

      Diese Leute mit dem Baby sind noch sehr junge Leute. Normalerweise geht auch der Vater sehr liebevoll mit seinem Kind um. Dass ihm die Hutschnur riss kann viele Ursachen haben…vielleicht pfiff er auch seine Frau an, damit die sich endlich um die kleine Sturmsirene kümmert. Mit meinen paar Brocken Russisch konnte ich das nicht eindeutig ausmachen. Doch diese Lösung war wirklich zum Weinen schön. Die habe ich mir inständig gewünscht. Wenn Feen wünschen bleibt kein Auge trocken…ich wünsch Dir ein schönes WE…✨

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Ein guter Text, liebe Fee, und dieser Satz hier
    *Die Zornigen sind manchmal so hilflos wie kleine Kinder*
    ist so richtig und so gut, daß ich es Dir schreiben mußte.

    Eine Lösung liegt oft leider nicht auf der Hand, aber manchmal gibt es doch Mittel, um einen Zorn zu lindern…Vielleicht beginnt es mit Mitmenschlichkeit

    Herzlichst Bruni zu Dir

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Poesiefreundin,
      lieben Dank für Deine Worte. Kleine Kinder kann man aus der Hilflosigkeit großer Wut durch eine feste Umarmung herausholen, wenn man genug Ausdauer, Kraft und Geduld hat. Bei Erwachsenen wird das schon schwieriger. Sie sind stärker und auch unversöhnlicher. Doch manchmal hilft auch bei denen noch eine lange Umarmung. Das hängt davon ab, wie viel Kind in ihnen über die Verletzungen schlechter Erfahrungen überleben konnte. Wenn das Kind tot ist, steht ihrer Wut nichts mehr entgegen. Solche Menschen sind zum Fürchten…und auch Mitmenschlichkeit nutzt bei ihnen nichts mehr, weil alle Liebe in ihnen längst hoffnungslos am Äußeren verbitterte. Ich hoffe jedesmal wenn ich jemanden von den so genannten ‚Großen‘ brüllen höre, dass sie von selbst rechtzeitig zur Besinnung kommen…ohne dass wem oder was ein Schaden geschieht…

      Herzlichst zurück,
      Dein feechen✨

      • bruni8wortbehagen sagt:

        Es ist schwierig, bei solchen Menschen immer das möglichst richtige zu tun. Ich hab es so oft erlebt. Das spontane Handeln war in meinen Fällen immer gut – ohne zu langes Nachdenken,liebe fee. Die zeit nachzudenken bestand auch nicht…
        Herzlichst bruni

  4. Ulli sagt:

    Liebe Fee, danke, dass du mal wieder in die Welt tönst, ich habe dich schon in der Symphonie von Bloghausen vermisst! Und wie schön dein Klang wieder ist. Ich mag es besonders, dass du ein Lied summst, um den kleinen Schreihals von untendrunter zu besänftigen … und ja … ich mag Lieder und summen und tönen, nicht nur gegen die Unbill des Lebens, sondern und insbesondere für die Schönheit … und den frohen Sinn!
    Herzliche Grüsse
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Ulli, ich hab mir an Dir ein Beispiel genommen. Zwischendurch mal ein paar Tönchen von sich zu geben ist immer eine gute Sache. Ich lese nach wie vor in Bloghausen mit und schaue wie es Euch geht. Erteil mir allerdings Maulklausur und bin stille bis auf ein Textchen hie und da oder einen feinen Sound. Einer kindlich gerechten
      Wut etwas zutiefst Friedliches entgegenzusingen ist gar nicht so einfach. Doch die guten Gedanken haben mitgeholfen. Brüllende Kinder lösen bei mir den so genannten ‚Schuckelreflex‘ aus. Schrecklich ist der. Doch was hilft es schon mit der Evolution zu hadern? Solange dieser Reflex mich nur bei brüllenden Kindern übermannt…😎😇
      Herzliche Grüße zu Dir,
      von der Fee

  5. Flowermaid sagt:

    Ein gnadenlos schöner Text von dir Fee! Und die passende Musik hast du auch wieder im Sommergepäck… strahlende Blumengrüsse zu dir ☀️

  6. So ein feiner berührender Text ist das schreiberische Lebenszeichen geworden, meine Liebe. Ich kann Dich da sitzen sehen und Deine Heilmelodie klingt mir in den Ohren. Mögen mehr Menschen diese Dissonanzen einfach wegsummen, die Welt wäre ein heilerer Ort…

    Und Coco Rosie, ach Coco Rosie, ich bin fairyinfiziert. Der Mitschnitt von zdf.kultur läuft in Dauerschleife.
    Danke für die Melodien und Deinen zarten Text und natürlich liebe Grüße durch den Segensregen, Deine Käthe.

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Käthe,
      Ich gebe den Dank weiter an Mr. Autopict, der mich erst auf diese ungewöhnliche Band Coco Rosie brachte. Schon der Name machte mich neugierig und als dieser Feensong gleich als erster Treffer angezeigt wurde ahnte ich, dass Coco Rosie Feenfügung und Schicksal bedeutet, karmische Verwandtschaft oder sowas…ich dudele Coco Rosie neben den Ethno-Power- Sounds von Lotte Ahoi und dem hypnotischen Max Frahm in Dauerschleife und stürze verzückt von einer musikalischen Stimmung in die nächste. Dieses Sound-Hopping halte ich so lange durch bis mir die Puste ausgeht und mich die Weltmusik so wuschig gemacht hat, dass ich mich nur mit dem wohltemperierten Klavier von Bach und hochinspirierter 528-Frequenz- Meditationsmusik nach Solfeggio wieder zu innerer Ausgeglichenheit hinfinde… ☺️
      Anders die Sache mit dem Baby. Je wütender und trauriger ein Kind ist, umso stärker der Drang in mir zu trösten. Und könnte eine Melodie ein Bedürfnis stillen, das nach Zuwendung schreit, wäre ich gern eine begabte Sängerin.
      Doch es wird ja gesungen und seit ich mehr darauf zu achten lerne, fällt mir auf wie oft und in welchen Sprachen gesungen wird.
      Dass Musik heilende Kraft hat – daran besteht für mich kein Zweifel.
      Wenn jemand für jemand anderen singt, ob eine Melodie oder ein Gedicht, lächeln die Engel.
      In Indien gibt es ein sehr schönes Sprichwort:
      ‘Gott achtet mich wenn ich arbeite, doch er liebt mich wenn ich singe.’
      Ich grüße Dich herzlich durch den Regen. Dem sandigen Senne-Wald ist er ein Segen, das stimmt…
      Deine Karfunkelige✨

      P.S. Ha! Ich ahnte, dass Coco Rosie etwas für Dich sein könnte, einen Nerv treffen. Ich freu mich!💃👠✨

  7. finbarsgift sagt:

    Ein sehr feines Verbalstillleben,
    mitten aus deiner sommerlichen Balkonidylle,
    mit viel Musik und summen und weinen,
    russische und deutsche Klänge,
    Crescendo und Decrescendo,
    eine zauberhafte Szenerie…

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