Von grenzenloser Sprachenliebe, Absolutismus, Sonnenschirmen und der Sprache Englisch ohne Engländer

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Die Vögel singen und der Sommer ersäuft. Der Wahnsinn der Welt umzingelt kleine sonnige Himmelslöcher mit schwarzen Gewitterwolken aus allen Richtungen. Ein Abschiedsgefühl hat sich bei Wasser und Brot zwischen Bollwerken aus Worten und Schweigen klammheimisch eingerichtet. Zwischendurch spricht es englisch und zeigt nationale Flagge, während es mit dem Ende der europäischen Freundschaft droht. Die Wirtschafts-Auguren prophezeien, dass es bei so einem gewaltigen Bruch Jahre dauern wird, überhaupt wieder eine gute wirtschaftliche Basis miteinander zu finden. Leider ist Deutschland keine Insel und ich bin Deutsche, ich bin auch keine Insel, auch keine Insulanerin. Ich klemme sozusagen mittendrin, bin eingebettet zwischen Länder und Menschen. Sie sind meine Nachbarn, meine Freunde und zwischen unseren Grenzen liegt kein großes trennendes Meer. Jetzt poliere ich gerade mein Englisch auf, weil ich England und seine Bewohner mag. Mein Englisch ist eingerostet über die Jahre, ich hatte so wenig Gelegenheit es zu sprechen oder zu schreiben oder noch viel besser: Gedichte auf Englisch zu schreiben, das ist immer noch die absolute Krönung für mich. Es wird Zeit, meine Anglophilie wieder mehr zu pflegen. Ich staune, wie oft ich englisch spreche (oder fluche…) Neuerdings auch mit meiner Tochter, die dadurch ihre Sprachfertigkeit spielerisch schult. Mir ist aufgefallen, dass sie gern auf Englisch mit mir diskutiert. Als könne sie in dieser Sprache ihren Willen besser und klarer formulieren, das, obwohl sie englische Worte sucht und manchmal nicht findet. Oder wenn sie mich nicht versteht, wenn ich endlich alle verstaubten Vokabeln zusammengekramt habe und einen vernünftigen Satz auf Oxford-Englisch radebreche, mit Prädikat, Objekt und Subjekt, idealerweise noch adjektivisch aufgepimpt.

Als ich kürzlich im Sonnenschein eines warmen Tages meine Balkonblumen einbuddelte und umtopfte, krümelte ich den Sonnenschirm meiner russischen Nachbarn einen Balkon tiefer mit Erde voll. Ich hatte mich sehr bemüht, nicht herumzukrümeln, doch der Lavendel war stark ineinander verwurzelt; ich musste die verkümmerten Triebe mit einem scharfen Messer abschneiden und dann die gesunden von den verkümmerten Ballen trennen. Diese Tätigkeit war jedoch mit ordentlichem Gezerre verbunden und darum rieselte immer mal ein klein wenig Erde daneben und über die metallene Balkonbrüstung. Bedenkt man, wie sehr ich zerren und ziehen musste um die Pflanzen voneinander zu trennen ist es erstaunlich, dass mir keiner der Balkonkästen abpfiff und kurzerhand den Sonnenschirm unter mir erschlug. Ich schob diesen schrecklichen Gedanken schnell von mir, bevor er raumgreifender werden und meine Feinmotorik unterminieren und infiltrieren konnte; self-fulfilling prophecies nennt der Brite solcherlei morbides Gedankentreiben. 

Ich musste meine Nachbarn über ihren vollgekrümelten Sonnenschirm informieren. Alles in mir sträubte sich dagegen, doch moralapostolisch meldete sich meine innere Anstandsdame und verlangte eine form- und stilvolle Entschuldigung bei meinen Nachbarn. Ich leinte also meinen inneren Schweinehund neben Cerberus vor der Hadespforte an, gab ihm ein Leckerli, wies ihn an lieb zu meinem Teufel zu sein und dann schlich ich ein Stockwerk tiefer und bimmelte bei meinen russischen Nachbarn. Unsere Haustürklingeln sind kein angenehmer und ohrenfreundlicher Klang. Sie schrebbeln alles durchdringend. Da die Mauern unserer Mietskaserne nur aus Pappe bestehen,  höre ich im obersten Stock wenn ganz unten einer irgendwo bei anderswem klingelt und überall im Haus öffnen sich Türen und die Nachbarn schauen wie Erdmännchen heraus, weil das Klingeln so dermaßen laut ist, dass jeder denkt, jemand anders hätte bei ihm geklingelt. Niemand öffnete mir und mit zusammengebissenen Zähnen klingelte ich noch einmal. Was das Baby weckte. Die winzige Sturmsirene fackelte nicht lange und brüllte direkt los ob der ungebetenen Schlafstörung zu spätnachmittäglicher Stunde. Ich schrumpfte noch etwas mehr in mich zusammen. Mein schlechtes Gewissen hatte sich ausgedehnt und bedeckte mich inwändig fast vollständig… Nun hatte ich nicht nur den Sonnenschirm mit schwarzen hässlichen schmutzigen Erdplocken vollgekrümelt, sondern obendrein auch noch das Baby aufgeweckt! Der junge Vater öffnete mir die Tür. Ich sah seine Frau ins Schlafzimmer hasten. Ich beichtete gegen das Babygebrüll an, dass ich den Sonnenschirm vollgekrümelt hätte. Meine Worte waren schwarze Blumenerde und zerknirschten auf meiner Zunge. Der junge Vater schaute über seine Schulter. Seine Frau schwenkte das Baby in stark bewegter Fliegerposition vor ihrem Bauch hin und her. Das Baby flog mit todernstem hochrotem Gesicht durch die Luft und stellte (vor Schreck?) sein Brüllen auf der Stelle ein. Der junge Mann drehte sich wieder um zu mir, lächelte und sagte, er verstünde leider kein Wort Deutsch, fragte mich, ob ich auch Englisch spräche.

Ich lobte die Fügung und das Schicksal, die mir prompt wunschgemäß Gelegenheit gaben mein eingerostetes Englisch aufzupolieren, während mein Gehirn krampfhaft damit beschäftigt war, das Wort für „Sonnenschirm“ zu suchen. Wie immer, wenn mein Gehirn etwas auf Knopfdruck finden soll, herrscht in meinem Oberstübchen erst einmal heilloses Chaos. Tiefe Abgründe sprachloser Schwärze gähnen dort wo meine Wörter sein sollten. Doch immerhin fand ich einen Satzanfang, stellte ein paar Tuwörter und Namenwörter nach englischer Grammatik um, holte Luft und legte los:

„Äh, I want to excuse myself. I am working with my flowers on the …..(Mist, was heißt Balkon?) …also on the….äh….platform above you. (mein Englischlehrer im Kopf verdrehte die Augen und raufte sich entsetzt die rötlichen spärlichen Haare, denn er ist Ire). Doch mein Nachbar verstand mich und grinste. Ich schwitzte arg unter der zarten entsetzlich juckenden Schicht Blumenerde auf meinen Armen, denn ich war ebenfalls vollgekrümelt und führte diese gloriose englische Unterhaltung so entspannt wie nur möglich fort, während sich Schweißtropfen an den unmöglichsten Stellen meines Körpers bildeten und daran herunterliefen. Trotz alledem setzte ich die conversation fort so gut es mir unter der mich nun extrem kitzelnden Erdschicht noch möglich war :

„Unfortunately some little pieces of dirt (was heißt krümeln auf englisch????) fall on your…äh… sun umbrella (heißt das so? Sonnenschirm? Oh Graus!)“ Ich krümmte mich innerlich und überlegte, wie ich es ihm noch anders klarmachen könne. Doch wie so oft musste ich mich gar nicht groß anstrengen, denn er hatte mich prima verstanden – trotz meiner Improvisationen bezüglich der fehlenden Vokabeln. Außerdem beschrieben meine Arme gerade weit um sich greifend einen Sonnenschirm und in Steh-Pantomime kann ich erstaunliche Fähigkeiten entwickeln, wenn ich um Worte verlegen bin. Ich gab alles! Mein Nachbar ist noch ein sehr junger Mann. Er nahm es entsprechend locker und lachte. „No problem“, strahlte er vergnügt und ich beneidete ihn heiß um seine gelassene und jugendliche Unbeschwertheit.„Thank you for coming and informing us, but it’s really no problem for us. You are every time welcome.“

Ich wollte erst „very nice“ flöten. Oder noch besser „mega-nice“, das ist die neueste Wortschöpfung der weiblichen Population unter fünfzehn Jahren in Deutschland. Meine Tochter sagt das ständig und zu allem, was sie entzückt. Mein Nachbar entzückte mich gerade über alle Maßen. Doch ich zähle immerhin fast fünfzig Lenze und meine ekelhaft gesetzte Anstandsdame begann mich am Halse zu würgen, wie ich überhaupt schon wieder aussähe und ich solle mich doch mal (gefälligst!) wie eine Lady benehmen. 

Ich hasse dieses langweilige knochentrockene Weib und überlege seit Jahrzehnten sie aus meinem Kopf zu werfen, sozusagen wegzurationalisieren. Andererseits ist sie die Einzige, die „Erbarmung“ sagt, wenn ich drohe vollends in den Jugendwahn zu entgleisen. Fräulein Rottenmeier aus „Heidi“ von Johanna Spyri ist das Vorbild meiner Anstandsdame. Ältliche Lady, steif wie ein Rohrstock mit einem fürchterlichen Hang zu Benimm und Etikette. Sie ist keine Britin, doch sie könnte glatt eine sein. Also sagte ich nicht „mega-nice“, sondern bedankte mich artig und flötete:„Thank you very much, you are so kind“. Ich drehte mich mit heiß gelaufenen Ohren auf dem Fuße um und stürmte so gelassen und dabei so langsam wie nur möglich die Treppen hoch, heilfroh, die Sache halbwegs anstands- und würdevoll hinter mich gebracht zu haben. Die Vokabeln für „Balkon“ und „Sonnenschirm“ habe ich mittlerweile nachgeschlagen. Es heißt „balcony“ und „parasol“. Bei Letzterem packte ich mir an den Kopf. Du meine Güte! Ich kenne sogar einen Coldplay-Song gleichen Namens. Ich habe dieses Wort „parasol“ schon gefühlte Millionen mal benutzt. Warum ließ es mich jetzt so erbärmlich im Stich? Erbarmung! Es hat mich einfach im entscheidenen Augenblick verlassen. Bin dann mal eben weg. Sagte der oberflächliche parasol und war dann mal eben weg um im entscheidenden Augenblick meines Lebens „absent“ zu sein? Nicht mit mir! Ich habe den Parasol endgültig aus meinem Wortschatz verbannt und schreibe dieses peinliche Unwort das letzte Mal in diesem Text hier. Stattdessen sage ich jetzt „sunshade“ zu einem englischen Sonnenschirm. Gefällt mir sowieso viel besser als der aufgeblasene in sich als Fremdwort viel zu verliebte und geradezu narzisstisch anmutende „parasol“. Ich kann nur hoffen, dass jeder Englischsprachige „sunshade“ versteht und probierte ihn direkt an meiner Tochter aus.„Hä, was?“, fragte die mich. Ich erklärte es ihr auf Deutsch.„Aber Sonnenschirm heißt auf englisch doch „parasol“, das lernen wir in der Schule, was du da sagst, ist falsch!“Aha, dachte ich. Ha, das ist doch wieder typisch! Absolutismus, entweder dieses Wort oder gar keins!  Barfuss oder Lackschuh. Entweder Parasol oder gar nix. Ich zeigte ihr meine Englisch-Übersetzer-App und sie mir ihr Vokabelheft. Da holte ich meinen Cassel’s German Dictionary und zeigte ihr den „sunshade“. Der Cassell’s ist schweres Geschütz. So eine Art englisches Weltgericht. Der Cassell’s hat immer Recht. Nun wollte sie von mir wissen, warum ich den Parasol nicht mag und ich gestand ihr, dass ich immer nur an Pilze denke, wenn ich Parasol sage und das ich deswegen höchstwahrscheinlich dieses Wort immer nur halbherzig und doppeldeutig benutzen konnte. Dann erzählte ich ihr, was ich mit unseren russischen Nachbarn erlebte und wie der Parasol mich schnöderweise im entscheidenden Moment verließ, mich zurückließ mit einem Loch, einem missing link, wo eine Englisch-Vokabel für Sonnenschirm hingehört. Dann, dass ich das andere Wort sowieso viel besser fände.„Mama,“, sagte sie, „du siehst gerade total trotzig aus“. Und dann lachte sie mich aus. So richtig laut, sich den Bauch haltend und krümmend und das alles ohne einen einzigen Funken Respkekt.Erbarmung!, schreit Fräulein Rottenmeier in meinem Kopf. Doch Respekt ist auch manchmal ein selbstverliebtes narzisstisches Fremdwort. Meine Tochter darf mich ruhig auslachen, weil sie meine Tochter ist und weil sie mich inzwischen schon ganz gut kennt.

Dann hatte sie eine Idee. „Mama“, sagte sie, „verbanne den aufgeblasenen und selbstverliebten Parasol nicht ganz. Das andere Wort machst du zum Lieblingswort und den Parasol setzt du auf die Ersatzbank.“ Das erschien mir als eine geradezu formidable Idee, vor allem weil sie nicht absolut war und weil ich Absolutismus überhaupt kein bisschen leiden kann, auch bei mir selbst nicht. Also versprach ich ihr, es künftig so zu halten, wie sie es mir vorschlug. Spätestens im Herbst, wenn ich wieder in meinen Balkonkästen herumwühlen muss, werde ich mich testen bei meinen russischen Nachbarn. Allerdings könnte es sein, dass es heftig regnet. Das ist ja im Herbst oft so. Doch das Wort für Regenschirm weiß ich noch. Es hieß „umbrella“. Ein Wort, das ich sehr mag, denn ich stehe ausgesprochen gern mit jemandem zusammen unter einem Schirm im Regen.

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18 thoughts on “Von grenzenloser Sprachenliebe, Absolutismus, Sonnenschirmen und der Sprache Englisch ohne Engländer

  1. meertau sagt:

    heeeerrlich :-)…… ich danke für die heftigen geschenkten Lachsalven. Ich dachte ja der Parasol sei ein Pilz :-)…. na habe ich wieder was gelernt.
    Ich freue mich, dass die Blogpause beendet oder doch zumindest unterbrochen ist🙂

  2. Arabella sagt:

    Was hat dir der Wald gut getan!

  3. Flowermaid sagt:

    … was für eine grandiose Szene!!! Wie schön, dass dein Englisch noch nicht perfektioniert wurde…😉

    • karfunkelfee sagt:

      …liebes Blumenmädchen, mein Englisch widersträubt sich jeglichen Perfektionierungsversuchen mit ähnlichem Erfolg wie der Rest von mir perfektionierungsresistent zu sein scheint…fürchte ich mittlerweile…;)

      • Flowermaid sagt:

        … das klingt unglaublich sympathisch…
        😉

      • karfunkelfee sagt:

        …sag bloß, Du…auch…?👹😇✨

      • Flowermaid sagt:

        … man kann einfach nicht immer gegen seine Natur arbeiten… *kicher*

      • karfunkelfee sagt:

        …dazu antworte ich total glasklar: Jein!
        Nein, die von Anfang an im Erbgut angelegte Wesens-Natur kann wohl keiner dauernd nur verhehlen, denn das so genannte ‚wahre Wesen‘ ist eine Rampensau auf der Bühne des Lebens. Doch wenn man sich ab und zu einredet, dass man es ja doch manchmal austricksen könnte, befriedigt den Engel obenschultrig links ungemein. Der Teufel rechts oben indes grinst hinterlistig, weil er seinen gutgläubigen Engelwidersacher einfach zu gut kennt…es ist doch immer dasselbe Spiel mit den Beiden…😉

      • Flowermaid sagt:

        … ich kenne dort nur Schulterpolster…😉

      • karfunkelfee sagt:

        …Schulterpolster, das waren die Pluster-Stoff-Dinger aus den Achtzigern, in denen jede Damen-Bluse zum hyper-virilen Superwomantrikot wurde, rischtisch…? Nur damit fliegen konnte man leider nicht…weswegen ich sie lieber schnell wieder abschaffte zusammen mit diesem ekeligen Selbstbräuner…aber das ist nun wieder eine ganz andere Geschichte…😎✨

      • Flowermaid sagt:

        … psst! Die sind wieder im Spiel…😉

  4. Ulli sagt:

    sooo gerne gelesen, danke du liebe Fee❤ and by the way: when too perfect, liebe Gott böse😉❤ liche Grüsse
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      …sehr gern, Ulli. Es ist wettertechnisch heute echt fies bei uns, ein trüber Tag, der brauchte meines Erachtens ein wenig Licht und ein paar sonnigere Worte. ✨☺️

  5. karfunkelfee sagt:

    P.S. Es gibt dieses indische Sprichwort: Gott achtet mich wenn ich arbeite, doch er liebt mich wenn ich singe…✨

  6. finbarsgift sagt:

    Oh yes!
    Remember writing
    Poems together🙂

    Have a pleasant day!
    Lots of greetings
    from Lu

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