Um mich herum ist Krieg 

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Der Sommer steigt auf den Wiesen
selbst in Tagen wie diesen
tot sagt die Welt sich, sagst Du, Max?

Es klingt wie Prosa
vor dem erneuten Niedergang des Dax.
Verweil ich bleib ich
ohne Eile in
all der Verwirrung
der Katatonie
einer vorgetäuschten Welt
in deinem unschuldigen Geist
bist du leibhaftig Fleisch geworden, Max
allein dein Künstlername heißt
unverdünnte Poesie.

Deutschland, Deutschland
lieb Vaterland,
grüß mir den Heine
mir ist so schrecklich alleine…
als ich heute vorm Radio stand
musste ich weinen
denn sie sagten
du hast in diesem ersten halben Jahr
schon so viele Waffen geliefert
wie im ganzen letzten
wie soll ich dich noch lieben?
sag’s mir!

wie soll ich dich noch lieben
nach dieser Nachricht
musste ich mich
doch erst einmal hinsetzen
dann hörte ich dich, Max
dann vom Einbruch des Dax
an der Börse
prosaisch dachte ich an dich,

Novalis, den ich immer leugnete,
stand endlich mal lächelnd
an meiner Seite
tröstete mich mit seiner blauen Blume
hielt mir dich hin
als seist du der suchende Sinn
wie Licht meiner Seele
messbar in Lumen

hörte ich im Radio
irgend ein grauenvoll
amerikanisch unabhängiges
Kauderwelsch,
klang irgendwie wie Come on, Welsch!

ich spürte mich dehnen und weiten
in die Enge der Tage
sprengte ich mich
in die finsteren Zeiten

küsste stumm Israel
wusch ihm gern sauber
die dreckigen müden Wanderfüße
dachte an alle diese armen Gesichter

dann die Nachrichten
dass der Waffen-Hauptumsatz
Deutschlands nach Israel geht
ich spürte das Gewicht
meiner Seele so schwer auf mich gehen
wie sechs Millionen Ermordete
in todesgrauem Schall und Rauch
mir wurde flau
tief im Bauch

hörte ich mich laut
um irgendeine
Einsicht und um ein Erbarmen flehen

Mein Land, du bringst erneut die Menschen um
die du schon einmal getötet hast.
Bitte wach auf,
siehst du denn nicht
erkennst du immer noch nicht
was hier geschieht?

Das ist wahrhaft zutiefst dunkles Teufelswerk!
Das ist das wirklich Böse, das in Kriegsgerät
in Richtung östlicher Sonne zieht.
Das ist etwas, das das Licht flieht
das sich totsagen will in der Welt
die sich demgegenüber
seltsam regungslos und abgewandt verhält…

Der Sommer steigt auf den Wiesen
gerade und besonders
in Tagen wie diesen
schalte ich das Radio aus
gehe endlich aus dem Haus
bevor mir die Seele platzt
schau und höre mir
Max Prosa an,
fließe einen ungestört
romantischen Sommerton lang
in seiner idealistischen Musik
um mich herum
wird mir angst und bang
wird ein neuer Anschlag publik
um mich herum
tobt das Totgesagte der Welt
um mich herum ist Krieg.

—-

12 thoughts on “Um mich herum ist Krieg 

  1. bruni8wortbehagen sagt:

    Was für ein gigantischer Text, liebe Fee
    Ich klaube mir zwei Zeilen heraus, mein Kopf will noch nicht so recht nach einem schlimmen Tag…

    *Das ist das wirklich Böse, das in Kriegsgerät
    in Richtung östlicher Sonne zieht.*

    Ich kenne diese Mitteilung noch nicht, aber ich weiß, daß die Rüstungsindustrie immer eine Ausrede findet für das, was sie da tut und letztendlich dient es doch nur dem Gewinn, der dringend steigen muß und es hängen sooo viele Arbeitsplätze daran…
    Oh je, oh je, wie falsch ist das, was sie tun

    und es ist gut,daß Du es in Worte gepackt hast, denen man das Poetische ganz und gar nicht absprechen kann *lächel*, denn auch das Poetische ist der Prosa nicht fremd, wie wir so genau wissen

    Liebe Grüße am Morgen an Dich von mir

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Bruni, Erst einmal möchte ich Dir beantworten, wie ich zu meiner „östlichen Sonne“ kam, dies ist ein Zitat:

      „n die Staaten des Mittleren Ostens und Nordafrikas gingen insgesamt Rüstungsexporte im Wert von 1,342 Mrd. Euro und damit ein Drittel aller Einzelausfuhrgenehmigungen. Saudi-Arabien bleibt unter den Top-Empfängern: Auf Platz 6 mit 209 Mio. Euro. Überraschend hoch sind die Exportgenehmigungen für Ägypten mit 23 Mio. und Irak mit 86 Mio. Euro.“

      Hier der Link: http://www.waffenexporte.org

      Die Genehmigungen für Exporte liegen in diesem ersten halben Jahr bereits so hoch wie im gesamten letzten Jahr. Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur. An zweiter Stelle nach Israel steht United Kingdom, dann geht es mit den Drittländern und Krisenländern weiter.
      Bei solchen Zahlen wird mir schwer ums Herz und jedes Mal, wenn einer was von Kollektivschuld im HOlocaust erzählt, denk ich an diese Exportzahlen und frage mich, ob dies wohl ein lebenserhaltendes und völkerfreundliches Geschäft ist, prima geeignet, um eine Kollektivschuld abzustottern? Anschließend da stehen und Opfer beklagen? Mir krumpeln sich die Zehennägel schon wieder hoch….ich muss aufhören herumzuschimpfen, doch….
      gestern bin ich geplatzt. Vorgestern sah ich auf n-tv eine Doku über den Holocaust. Nun kann man sagen: Hab ich schon hundertmal gesehen und am liebsten würde ich jeden Waffenlieferanten dazu verdonnern, sich diese Aufnahmen und Berichte täglich anzusehen, mindestens dreimal täglich. Uhrwerk Orange lässt grüßen…;)

      Ich finde mein Poem selbst ganz schön stolperig, es versucht eine Brücke zu sein zwischen dem Traurigen, dem Schlimmen und den Momenten zwischen, die einfach nur schön sind und in denen der Sommer fühlbar wird, besungen werden will, weil das Poetische für mich eine heilende Wirkung hat, die all der Schlächterei, dem Blutvergießen, dem Terror etwas entgegensetzen will.
      Glücklicherweise ist der idealistische Anteil in mir größer als der fatalistische. Und ab und zu trete ich dann auch mal poetisch um mich, vor allem wenn ich, wie zurzeit viel Heinrich Heine lese, neben Goethe und Schiller in meiner Kindheit ein sehr prägender Einfluss. Heinrich hat sich auch ordentlich Luft gemacht und er liebte sein Land so sehr, genauso wie ich…

      Ganz liebe Grüße zu Dir und Dank für Deine Worte,

      Deine Fee

      • bruni8wortbehagen sagt:

        was heißt schon stolperig, hier kam es auf die Botschatft an und die war gut!
        Ich wußte ja schon, daß wir leider, leider und ohne meine Zustimmung!
        der drittgrößte Waffenexporteur sind und saß die meisten Lieferung nach Saudi Arabien gehen und das reichte mir schon um Deine Zeilen genau zu lesen und dann diese Gewehre *Halbskriegsgewehre* ,meine ich, hätte ich gehört, die man scheinbar leicht umrüsten kann, um die sich die EU nun streitet und Deutschland sieht von Regierungsseite keine Gefahr und die Schützenvereine lieben sie. Ich fasse es nicht.

        Da sage ich auch, armes Deutschland, wie kann´s das von uns geben, in einem Land, das doppelt und dreifach gegen sämtliche Waffen sein sollte!

        Liebe Grüße an Dich

      • karfunkelfee sagt:

        Darum das Poem. Die Waffenindustrie bringt viel Geld…zum Himmel stinkendes Blutgeld…
        Ich stimme Dir zu in allen Punkten.
        Würden mich alle Nachrichten so traurig machen wie diese oder welche über neue Anschlagsopfer, käme ich aus meinem Weltschmerz nicht mehr heraus. Darum ist es wichtig, dass es junge Künstler wie Max gibt, die eine Fahne hochhalten, auf der : Land der Dichter und Denker geschrieben steht. Durch sie bleiben die Träume der Müden beweglich. Darum musste ich diesem beeindruckenden jungen Mann ein Gedicht schreiben. Kunst tröstet den Kummer der Welt, weil sie ihr den Spiegel der Unsterblichkeit vorhält…
        Liebe Grüße,
        Stefanie

  2. Clara HH sagt:

    Liebe Fee, das sind die Zeilen, die ich am besten nachvollziehen kann: „Der Sommer steigt auf den Wiesen
    gerade und besonders
    in Tagen wie diesen
    schalte ich das Radio aus
    gehe endlich aus dem Haus
    bevor mir die Seele platzt“
    Sie müsste jedem Menschen mit vernünftigem Sinn und Verstand platzen, tut sie aber offenbar nicht.

    • karfunkelfee sagt:

      …leider tut sie das nicht bei jedem, Clara…ich stimme Dir leider mal wieder zu…✨

      • Clara HH sagt:

        Wenn ich gutwillig bin, denke ich, dass das Leben auch für die „nicht Bösen, nicht Aggressiven“ so anstrengend geworden ist, dass sie keine Kraft mehr haben, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Ähnlich geht es mir im Moment.
        Eine liebe Umarmung für dich, nein zwei und sogar drei – dafür reicht die Zeit immer! Auch die Kraft noch!

      • karfunkelfee sagt:

        …dann sind wir ja schon zwei…
        Die Umarmung vorsichtig, damit ich Dich nicht anstecke.
        Endlich findet hier mal zwei Tage lang Sommer statt, die Kinder machen zwei Wochen Urlaub (sturmfreie Bude) und mich haut eine fette Erkältung aus der Spur…

      • Clara HH sagt:

        Soll ich dich mit dem Auto holen kommen, damit du ein paar Tage zu mir kommen kannst?

      • karfunkelfee sagt:

        …ich lieg total flach, Clara…Kopf wie ein Rathaus…davon hätten wir wohl beide nichts…😔
        Aber die Idee ist auch viel wert und da ich in vieler Hinsicht (leider und notgedrungen) bereits zwangsweise zur reinen Theoretikerin verkomme, mag ich die Vorstellung und will’s zufrieden sein nach dem Verdrängungsprinzip…
        Die letzten Wochen Gegendenstromaufwärtsschwimmen und Windmühlen bekämpfen, dann noch Job…, waren einfach zu viel….Ich bin zwar kein schwacher Mensch, doch auch kein Übermensch…und jetzt mache ich eben mal schlapp- dabei habe ich mich so sehr auf die freie bewegliche Zeit gefreut. Das Leben gibt und nimmt…dafür haben sich die Anstrengungen und der Einsatz ausgezahlt.
        Liebe Grüße von Donna Quichote mit ihren Rosinanten…💃✨

        Dir…ganz lieben Dank!✨✨✨

  3. Was für ein wichtiges Thema, welches nur nebensächlich gemurmelt wurde in den alten Medien; und wie wissend umgesetzt, liebe Stefanie. Du gibst uns Zeit, mit Max zu verschnaufen, vesperst uns mit Naturpausen und zurück bleibt doch die aufgeworfene Haut. Ein Waffenexport nach dem anderen wird freigegeben und im Hintergrund reiben sich Pharmakonzerne auch noch gleich die Hände. Es ist zum Heulen und zwar vor Zorn. Was tun dagegen für uns kleinen Friedenskinder? Hinhören und es benennen, so wie hier Du, das ist der erste Schritt.

    Ich grüße die erschöpfte Fee übern Knapp und sende armweise Minze und Zitronen, ein Hochglas Rosmarinhonig soll anbei sein zum Erleichterungsgefühl.
    Deine Käthe, zugetan.

    • karfunkelfee sagt:

      Dieses Benennen, meine Liebe, ist es, was mir schwer fällt. Ich hab vor ein paar Wochen diese Stefan-Zweig-Verfilmung gesehen. Da kam der Zwiespalt gut heraus: der Schriftsteller, der sich weigert, sein Heimatland zu verleumden und zu verhetzen, obwohl dort massenweisen Menschen unter einem Terrorregime umgebracht wurden. Er half wo er konnte, verfolgten Freunden und fremden Menschen , doch er weigerte sich, den Journalisten sein Land zum Fraß vorzuwerfen. Stattdessen bemühte er sich um Verständigung und internationale Stärkung der intellektuellen Interessen, arbeitete für einen guten deutschen Ruf gegen einen Größenwahnsinnigen, der sein Land besetzt hielt und alles mögliche dafür tat, diesen Ruf zu in aller Welt zu zerstören. Ich bin zu wenig belesen in die politischen Verstrickungen und ich betrachte es nicht als Aufgabe, Chronistin zu sein, das können andere feiner, unpolemischer und besser als ich. Doch ich kann aufmerksam machen darauf, dass in den Schatten dieser menschenfeindlichen Industrien noch eine Art ideeller Lichtreflex gedeiht, der mich immer wieder daran zurückerinnert, dass dieses Land ‚Land der Dichter und Denker‘ genannt wird. Zurzeit fetze ich mich ein bisschen mit Schopenhauer herum, der dem weiblichen Geschlecht jegliche Fähigkeit Kunst oder Poesie zu schaffen, abspricht. Dies bringt mich sehr auf die Palme und reizt mich geradezu zu flammenden Versen. Auch gern satanische, wenn’s denn sein muss, aber Benennungen und sei es, dass ich das Gefühl beschreibe, das mich beschleicht, wenn ich Waffenhandel mit Kollektivschuld beginne zu assoziieren. Da wird mir plötzlich gallebitter zumute…

      Danke für Deine treffenden Worte, Du hast erkannt, worauf ich aus war…

      Deine Karfunkelige

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