…dich im fernblick….

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Es ist nur eine kleine Umdrehung sagtest du und du hattest Recht. Damals hatte ich den Mechanismus der Maschinerie noch nicht erkannt, wie sie funktioniert, damit sie gut laufen kann. Es wird dann auch nicht mehr dauernd so weh tun, sagtest du und auch hierin solltest du Recht behalten. Weil du die Ältere bist, weil du das, was ich erlebe, bereits erlebt hast. Du kennst mein unstetes sehnsüchtiges Herz verdammt gut, liebe Rotschopf-Freundin, mag es sein, dass du in mir die Ähnlichkeit erkennst? Kraft will sinnvoll verwaltet werden sagtest du und dass ich das lernen müsse. Es war erst einmal hart, als du meine Hände losgelassen hast und mich allein auf Erkundungstour Leben schicktest. Doch du hast nie einen Zweifel daran gelassen, dass wir uns wiederfinden würden wie Angehörige einer Familie, einer Gesinnung, einer Ähnlichkeit, die viel tiefer geht als Interessenübereinstimmungen.

Was soll ich dir sagen? In den letzten Jahren rauschten die Erkenntnisse heran und über mich hinweg wie Güterzüge. Ich krümmte mich unter ihnen und ich sträubte mich in die nunmehr enthäuteten Spiegel zu sehen, mich darin zu erkennen und auch wieder nicht, als sei ich längst zur Farce, zur billigen Kopie dessen verkommen, was ich ursprünglich einmal sein wollte. Es sei weniger schlimm als ich annähme sagtest du und du hattest auch hierbei Recht. Ich habe meinen Castaneda gelesen. Ich war im Abgrund und in den Feuerringen, ich lernte den Absolutismus zu vermaledeien.

Du sagtest, verlasse den Wartesaal in dem du sitzt und gehe los, einfach drauf los. Höre auf zu erwarten, dann bist du auf dem besten Weg dorthin, wohin du willst. Als ich dir erzählte, dass ich meinem teuflischen Meffi mit Sport den Garaus machte, lachtest du laut und herzlich wie ich das so an dir mag. Du verrücktes Huhn, sagtest du und meintest das glücklicherweise auch so.

Wenn es etwas am Wesen meiner Freundschaft zu dir gibt das ich mehr mag als alles andere ist es das stille Wissen, in dir einen mir zutiefst vertrauten Menschen an meiner Seite zu wissen. Du verstehst meinen Trotz, meinen Stolz und dass ich nicht anders kann, als direkt zu sein. Dich vermag das nicht zu stoßen, weil du weißt, dass hinter meiner Direktheit jemand steckt, der dir immer nur wohl tun und auch dienen will. Freunden dient man gern. Es hat nichts Unterwürfiges, nichts Schwaches und nichts Andienendes. Vielmehr hat es etwas mit dem Wunsch zu tun, dass es dem anderen gut gehen soll, wie auch immer dies zu bewerkstelligen sei. Dies liegt nicht offen an der Oberfläche, sondern gründet tief im Fundament, gegossen aus Ähnlichkeit und gegenseitiger Faszination. Darüber steht die Architektur des Vertrauens über den anderen viel zu wissen, über sein Leben, seinen Werdegang. Das Gefühl, sich schon als Kinder gekannt zu haben, obwohl es nicht so ist. Fehlst du mir mal, habe ich das Bild vom Apfelbaum, unter dem ich mit dir sitze. Manchmal treffe ich dich auch in Australien, die Liebe zu Land, Spirit und Leuten teilen wir.

Was teilen wir noch? Die crazy love zu Great Britain und manche Erinnerung, die uns verbindet, obwohl sie in zwei verschiedenen Leben stattfand. die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Und dennoch gibt es, wenn wir uns wieder einmal etwas erzählen über unsere Vergangenheiten, immer noch den Aha-Effekt, das erkennende Nicken. Die fetten Jahre sind doch noch nicht vorbei, schießt es mir gerade durch den Kopf und das letzte Mal als ich bei dir war und du mir von deiner Zeit in  Berlin erzähltest, bekam ich große sehnsüchtige Augen, weil du eine Art hast zu erzählen, die die Stimmung dieser Zeit fühlbar für mich macht. Am Sommer des Jahrhunderts von Herrn Illies bin ich übrigens noch dran. Du weißt, du bist mir eine wichtige Mentorin, die mir immer stilistisch wertvolle Tipps gibt. Nebenher lese ich Shakespeare, immer wieder seine Sonette. Sie sind meine kleine Nachtmusik, bevor ich schlafen gehe.

Ich habe mir vorgenommen, dich kommende Woche anzurufen. Hoffentlich schlägt mir die viele Arbeit nicht wieder meine ganzen guten Vorsätze aus der Hand. Ich brauch ein Wunder, flehte ich zuletzt zu allen versammelten Heiligen und rang die Hände. Und was soll ich dir sagen? Sie brauchten tatsächlich nur ein paar Tage, die waren wie hundertmal Hiob, gelitten und geläutert nach allen Regeln biblischer Kunst. Dann kam’s knüppeldicke. Zwei Wunder, zwei Unmöglichkeiten auf einmal, für jedes meiner Kinder eins. Nächste Woche will ich in die Kirche und zwei Lichter anzünden. Die alte Katholikin in mir will den Heiligen ihren Respekt erweisen und mal etwas Dankbarkeit zeigen, das gehört sich schließlich so, wenn man Götter und Heilige ordentlich auf Trab bringt. Das wollte ich dir erzählen. Ach, so, noch etwas:  ich habe von der Regenbogenschlange geträumt und von faustdicken Opalen. Das rote Land war gestern Nacht so nah wie sonst nur du mir jederzeit greifbar bist. Was Freiheit wirklich bedeutet, hast du mich ein gut Teil mit gelehrt. Es ist die Unabhängigkeit von allem und jedem. Das mutige Fortschreiten auch in schwierigem Gelände steil bergan auf steinigem Grund.

Mit meinem Mountainbike lerne ich gerade wie das funktioniert. Hintern hintern Sattel und das Gewicht nach vorn, die Arme entspannt. Schweißausbrüche vor Schreck wenn der Reifen abhebt inklusive, plus Sternchen vor Augen. Learning by doing. Im Wald denke ich oft an dich. Du hast jetzt ein besonderes Fahrrad, erzähltest du mir. Eines dieser schönen auf alt getrimmten Stadträder. Meine beiden Sportmaschinen sind etwas völlig anderes. Heißer Hirsch, sagtest du zu meinem Mountie und ich war prompt stolz wie Bolle. Was uns verbindet, obwohl unsere Räder unterschiedlicher nicht sein könnten? Die Liebe zu Fahrrädern. Zeit, sich zu besinnen auf das Tiefere in uns und das Band zu stärken, das uns verbindet. Zeit dich anzurufen, nach dir zu fragen, nach deinen Kindern, deinem Mann und deinen Schülern. Zeit, sich in die nahende Zukunft umzuschauen, dich im Fernblick auf kurze Sicht.

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8 thoughts on “…dich im fernblick….

  1. Flowermaid sagt:

    … aus tiefstem Herzen Lächle ich…

  2. Clara HH sagt:

    Einfach nur soooooooooooooooo schön!!!!

    • karfunkelfee sagt:

      …jetzt muss ich ihr nur noch beichten, dass ich ihr eine Liebeserklärung geschrieben hab und das auch noch im öffentlichen Raum!😳

      Na ja…es könnte sein, dass sie sich ziemlich darüber freut, denn zwölf Jahre Frauenfreundschaft sind kein Stiel von Pappe!

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