Haibun: Liebste

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Entstanden und inspiriert von einem wunderschönen Text meiner Blogfreundin Käthe Knobloch.


 

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Liebste, du hast Recht, denn wie wenig bliebe uns vom Leben, vom Lieben, reduziert auf nur eine einzige Jahreszeit? Das lebendige Fühlen wohnt doch ihnen allen inne und jeder von ihnen gebührt Aufmerksamkeit: Dem Keimenden in das Wachsende zum Werdenden in Blühendes wie auch dem Prangenden, das sich an das Leben verschwenderisch hingibt für das Neue in einen tiefen langen Schlaf, der unter dem Toten das Werdende bereits erwartend in sich birgt. So ruht in jedem Ende bereits wieder ein neuer Anfang und in wenigem finde ich so viel vertraute Beständigkeit wie in den veränderlichen Jahreszeiten.
Noch.
Noch immer.
Wie lange noch…?

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Der heiße Sommer
über weitem Heideland
zirpt weit zu hören

Liebste,
wie könntest Du nicht betört sein von dieser Art Unendlichkeit, die etwas Feierliches hat an jedem Tag, den du für sie tanzt?
Nur wer tanzt, kann seine Gestalt verwandeln wie der Herbst die Farbe der Blätter.
Noch. Noch immer.
Wie lange noch?

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Des alten Ahorns
gelbes Blatt auf der Wiese
war gestern erst grün

Zart bettest Du Deine Rosentoten und hältst sie so lange wie sie es brauchen und wollen.
Deiner Seele Schwergewicht kann auch diese Art Liebe mühelos tragen.
Das weiß ich so sicher wie ich im Winter überdauere für den nächsten Frühling.
Noch.
Noch immer.
Wie lange noch?

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Schneebedeckt
auch der Kupfer-Dachrinne
rötlicher Schimmer

Wie lange noch darf ich lenzen?
Wie lange noch sommern, herbsteln und wintern in meine beinah dekadent anmutende Unwissenheit?
Sie soll bewahrt sein, aufgehoben in einem
perpetuum mobile, in alledem, was sie unaufhörlich weiterschreibt,
verbinde ich uns, dich und mich mit ihr, verleibe ich uns konzentrischen Kreisen ein, ein weiterer Steinwurf nur von vielen bin ich.

Erstes Buchenhell
vereinzelt im frühen Wald
der Ruf des Kuckucks

Es träumt sich so ausufernd schön in den Gesängen mancher Seelen.
Noch.
Noch immer…

4 thoughts on “Haibun: Liebste

  1. Ulli sagt:

    Wunderbar, wie du den Faden aufgenommen hast! Erst Frau Käthe, dann Herr Ärmel und nun du … das mag ich sehr, wie deine eingestellte Musik- ich lache über: Vorsicht Klassik! Ich mag Klassik, sie ist die Wurzel, wenn ich mal on der Trommel und der Flöte absehe …
    herzliche Samstagmittaggrüsse
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Ulli, es gab in den Neunzigern eine Sendung, durch die Justus Franz pianoforteführte und die trug den Titel: Achtung! Klassik!
      Nicht Vorsicht, sondern Achtung, Aufmerksamkeit!
      Und so sei auch meins zu verstehen, denn ich mag klassische Musik so sehr…✨
      Das Thema war eine Steilvorlage, an der ich nicht vorbeikam, Weil ich leider hoffnungslos romantisch bin und immerfort manchmal irgendwie verliebt bin. Ins Leben selbst vielleicht, so dass dieser Text, trotz japanisch disziplinierter Vorgabe funktionieren kann oder gerade deswegen? Ich befasse mich mit der Dichtung des Haibun, einem poetischen Zusammenspiel aus Prosa und Haiku. Nicht nur macht mir das sehr großen Spaß mit den großen alten japanischen Meistern wie Meister Matsuo Bashō zu arbeiten…
      Eine wunderschöne Gedichtsform ist das…das Lernen macht mir Freude…und dann mit so einem Thema, das ganz unbedarft und universell eines meiner Liebsten immernochundwieder bleibt und mich ab und zu mal umtreibt…
      Ich grüße Dich sehr herzlich und danke Dir.
      Das Weitertragen -entwickeln und -geben ist für mich an aller Kunst mit das Schönste…
      Hier ein kleines Linkwinkdings für Interessierte, der mir hilft: http://kulturserver-nds.de/home/haiku-dhg/Archiv/Bruell_Haibun.htm

  2. bruni8wortbehagen sagt:

    Ich kenne nur Deinen Text an die Liebste und er ist wunderschön, liebe Fee. Ich finde Rosenworte und Rosentote, Werden/Vergehen und ich sehe poetisches Worteentstehen

    Lieber Gruß von Bruni

  3. Clara HH sagt:

    Ich hinke ja wieder hoffnungslos hinterher – und das liegt NICHT daran, dass ich laufende große gelbe Kästen mir kleinen viereckigen Umschlägen füllen, um sie in das kleine B zu schicken.
    Ich überlege bei dem sehr schönen Text, welche Jahreszeit ich am liebsten habe. Ich weiß auf Anhieb, welche es nicht sind: Der Sommer und der Winter – ich mag keine Temperaturextreme.
    Bei den anderen beiden muss ich noch überlegen: Werden und Vergehen. Allmählich gewinnt der Herbst immer mehr an Sympathie.
    Dicken Gutenachtgruß zu dir

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