Aus den Geist(er)geschichten: Inside-Outside

 

Was, wenn dir ganze Jahreszeiten fehlen? Der ganze Winter und der ganze Sommer vorbeizieht wie an einem Panoramafenster mit schöner Aussicht. Was, wenn der Wald nach Winter, nach Sommer duftet und Du ihn atmest und doch nicht atmest, weil Du ihn nur ihn nur noch erahnst, doch nicht mehr richtig fühlst. Ein Winterbaum klingt anders als ein Sommerbaum, seine Energien sind anders verteilt. Im Sommer singen die Bäume und im Herbst werden sie elegisch. Kaum etwas ist dem Schlaf vergleichbar, in den sie im Winter fallen wie ein Apnoetaucher, der alle seine Körperfunktionen herunterfährt, einstellt, bis auf das Gehirn, das noch von Sauerstoff durchblutet wird. Im Winter schweigen die Bäume bis auf wenige und diese singen verhalten wie Amseln im toten Laub.

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Es ist ein durchlaufendes Gefühl, in Zwischenzeiten zu paradieren, noch einen Hauch Sommer zu erhaschen am warmen Berg. Dort begegnen dir noch blühende Gräser, doch dort riechst du auch den Abschied und der Wald pointiert ihn in verdorrten Akzenten in Farnen, auf Blattgoldwegen. Das Sauerland schimmert so nah, als könnest du eben mal so rüberfliegen. Der vom Frühjahrssturm gerissene Baum auf dem Kammweg wurde zwischenzeitlich weggeräumt, nur noch ein paar Stammstücke erinnern daran. Du müllerst mit den Reifen durch den dicken warmen weißen Sand der Senne, es geht ganz leicht. Du fährst langsam, mit viel Ruhe im Lauf und oben an der schönen Aussicht setzt du dich auf den alten Baumstumpf im Schneidersitz. Das Mountie liegt neben dir im Gras und die Grillen zirpen so laut, dass dir die Ohren dröhnen. Ein leichter Schweißfilm überzieht deine Haut. Du hast die Frage gelesen, wie Stille klingt. Heute ist Stille der rauschende Wind in den Bäumen, Grillenzirpen und das Summen der Insekten über der Wiese, in der warmen Luft die Augen friedlich zu schließen in Sommerduft mit erstem Herbstbitterlich.

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Was, wenn du dir die fehlenden Jahreszeiten in den verklingenden Akkorden zu einem vollen Ton zusammenkomponieren musst? Was, wenn die neuen Farben die alten noch nicht überdecken, doch du die alten Farben noch nicht gefühlt hast? Nun sind wieder die Schatten länger geworden, du fährst tiefsonnengesprenkelte Wege, im Schatten legt sich erste Herbkühle schwarz auf deine Seele. Ein Quantum Untröstlichkeit für das was dieses Jahr nicht stattfinden durfte.

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Dann öffnen sich die Bäume, der Blick wird weit, der Mais steht schon hoch. Du denkst an jemanden und schickst ein Gefühl zu ihm hin, das ganz leise und unbeschreiblich ist. Das Mountie scheint sich seinen Weg allein über den eingeschlagenen schmalen Hasenpfad zu suchen, du vertraust, dass du alle Wurzeln und Steine rechtzeitig siehst, die plötzlich aus dem Erdreich ragen. Kreuzenden Wanderer, Eichhörnchen, Vögeln, Rehen und Wildschweinen räumst du Vorfahrtsoptionen in der Kathedrale des Waldes ein. Ein Fink tippelt zierlich vor dir her, ein Eintel groß im Vergleich zu deinem Riesenrad, diesem Bike-Kamel, das vor seiner Winzigkeit freundlich stoppt wie ein schwarzes Getüm. Der gefiederte Fußgänger zirpt dir seinen Finkendank und wählt die Luftlinie drei Bäume höher. Gemächlich. Er lässt dich mit den Augen genau verfolgen, wo er hinzirpzwitschert, man könnte seinen Flug beinah lasziv nennen.

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Im Wald dröhnen Hunde. Du denkst darüber nach wo urplötzlich die Stille abgeblieben ist. Diesem lauten Dauer-Gekläffe von Hund und seinen ihn herumkommandieren Menschchen ist nur die totale und sofortige Flucht waldvoraus entgegenzusetzen. Neben dir plätschert der Bach. Du wünscht dir die Hunde weg, die Menschen weg oder beides verflixtnochmal leise. Endlich verklingen die kreischenden Stillestörenfriede zwischen Bäumen. Schnell schickst du Rübezahl ein Dankeschön, setzt dich an den Bach, tauchst deine kochenden Füße ein in das vom Regen noch kalte Wasser. Dass es nicht zischt, ist alles. Dein Bike lehnt am Baum. Grün-gelbe Schönheit. Grün ist die gute Energie, gelb ist die Angstenergie. Deine Farben, denkst du. Grün gewinnt sowieso.

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Du hast etwas mehr Luft auf die Reifen gepumpt als sonst. So ist das Mountie leichter zu fahren, doch rutscht auch schneller weg. Darum schiebst du wenn es steil bergab geht. Hast immerhin schon drei Berge geschafft, einen geschoben, weil die Luft zu knapp wurde. Schön langsam anfahren, Hauptsache irgendwie hochkommen. Die Kondition kommt durch die Wiederholung von selbst zurück. Der Bach murmelt um deine Füße. Dein Schweißfilm trocknet salzig. Über dir ein großer Schatten, der Falke ist unterwegs. Er hat dich gesehen und ruft. Du antwortest ihm stumm, dass Mäuse delikater sind als zähe Mountainbikerinnen und auch viel besser zu transportieren. Lachend fliegt er davon. Das alte Bruch-Bein ist artig, es strampelt gut mit. Doch du spürst wie es darin arbeitet, wie der Knochen heilt, wie der Bauschutt von der Knochenreparatur im Körper abtransportiert werden muss. Das Atmen schmerzt noch, doch moderate Bewegung sei gut und förderlich für die Beweglichkeit der Lunge, hast du gelesen. Du machst Atemübungen und hoffst, dass die Gesundheit wiederkommt. Langsam, Schritt für Schritt. Du ziehst die Füße aus dem Bach und lässt sie vom Wind ganz trocknen. Sie sind kalt und erfrischt. Nun kann es weitergehen. Deine Seele ist beweglicher als dein gereiztes starres Rippenfell und fährt voraus. Bis zum Segelflugplatz. Du hast das Mountie an den Zaun gelehnt und schaust einem Modell-Kunstflieger zu bis dir schwindelig wird. Der frische Pfefferminztee mit Honig mundet himmlisch. Im Westen das erste Abendrotglühen, rot blutend locken Föhrensilhouetten dich heimwärts. Ein LKW hupt dich an, du fährst gerade ein Stück Fahrradweg. Du willst dem pösen Purschen ein zackiges Pajero! hinterherschmettern, doch du bekommst nicht genug Luft. Gut so,  denn dann zieht er an dir vorbei  mit seinem dicken Auto und du siehst, wie er dir zuwinkt und breit strahlend einen Daumen hochreckt. Danke, du hast mir altem Mädchen gerade den Tag versüßt, mein Junge!

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Dann tauchst du ein in die Abendbäume, sie haben bereits begonnen, ihr Lullaby zu singen. Sie falten sich nachts zusammen, sie werden kleiner und schmaler. Langsam holperst du über den Kalkkieselweg bis zum Eisgrund. Die Wiesen haben sich lässig neben dir ausgestreckt, wirken satt, müde und tauschwer. Ihr Grün so tief, so tief. Die Abendstille beginnt schwarz die Erde auszuloten, senkt sich in dich, ein unendlich ferner Sternenklang. Blühen schon erste Glimmdinger am Nachthimmel. Du schaltest deine Lichter ein und fährst weiter. Das ist September: die Melancholie der früher einsetzenden Dunkelheit, die sentimentale Abendkühle in der Erinnerung des warmen Tages. Noch vor der Tiefenschärfe klaren Oktobers lebt sich die ganze träumerische Sanftmut des Sommers noch einmal genießerisch aus. Alle Häuser sind bereits gebaut und fertig, grüßt du Meister Rilke auf dem Heimweg. Sag, Herr Rilke, war dein Sommer groß? Meiner war zu klein um mein Haus fertig zu bauen, was mache ich jetzt bloß? Werde ich einsam sein? Lange Briefe schreiben? Los, Meister Rilke, sing noch einmal dein Herbstlied klug, der Sommer war trotzdem groß, kein Betrug, doch er hätte können noch größer sein, nicht wahr? Die Klage bittet im Gedenken regentränenzerronnener Tage lieber noch schnell um ein paar südlichere Tage. Du kommst am Waldrand an, denkst statt Reife an Übergäriges, weiß der Himmel wieso, bist auch ohne froh. Du denkst weiter über den Klang von Stille nach, im dissonant lärmenden Treppenhaus mit den in lauten Kraftworten und Fäkalausdrücken streitenden Leuten, mit dem Babygebrüll. Noch eine Weile schwingt die Harmonie vergangener Stille in dir wie ein Klang, der sich mehr und mehr von dir entfernt, schließlich dem Überdruss im Lärm nachbarschaftlicher Umgebung weichen muss.

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Bis zur nächsten Tour…

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25 Kommentare zu “Aus den Geist(er)geschichten: Inside-Outside

  1. finbarsgift sagt:

    Die Natur mit einem Mountainbike im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren, liebe karfunkelige Waldfee, so wie du es hier beeindruckend für uns alle mit prächtigen Bildern und Buchstabendörfern dokumentiert hast, das muss live wirklich ein paradiesischer Act sein!
    Herzliche Septembergrüße vom Lu

  2. meertau sagt:

    oh….. das war jetzt schön, in Worten und Ansichten mit Dir diese Reise zu unternehmen.
    Als „Kathedrale“ habe ich den Wald auch immer empfunden, ganz so, wie Du es schreibst.
    Jetzt nehm ich mir einen 10minütigen Heimwehflash nach dem vielen Grün und nach der Kathedrale und den Bergen.

    • karfunkelfee sagt:

      Meine Liebe, ein paar Gedanken segeln immer Richtung Ostsee. Ein wenig Heimatweh gehört dazu. Es vermisst sich leichter, wenn man weiß, dass es dem Vermissten in der Ferne wohl ergeht. Trösteschöne Bildbeweise wehmüteln am Herzchen leise…
      Sei herzlich auf die Insel gegrüßt, besonders auch vom Teuto, ich soll Dir vom Wald ausrichten, dass er Dich ebenfalls vermisst, doch niemals vergisst. Dieser Teuto ist ein Charmeur, der jederzeit Lust hat auf einen Heimat-Flaneur…✨
      äh…oder….Flaneuse?😳
      Au weia…schnell weg mit möglichst wenig Getöse…😇✨

  3. Toller Text, bin wieder einmal sehr gerne mitgewandert bzw. mitgeradelt!

    Liebe Grüße
    von Constanze

  4. Flowermaid sagt:

    … das bei dir Stille klingen kann finde ich himmlisch. Du hast dein Sommerhaus gerade zu einer Kathedrale wachsen lassen, die dich erdet und lediglich im Winter ein wenig schwer zu beheizten ist… 😉

  5. Clara HH sagt:

    Zu Hause schreibe ich dir was, hier in der S-Bahn geht das nicht. Diesen Kommentar musst du nicht erscheinen lassen

  6. Clara HH sagt:

    Ich wünsche dir so, so sehr, dass derartige Touren für dich wieder zur selbstverständlichsten SAche der Welt werden, weil du wieder genug Luft bekommst, um notfalls auch mal einen Lümmel zusammen zu pfeifen.
    Aber der hier war ja gar keiner, sondern ein Daumen-Hoch-Heber nach deinen Worten:
    „… und du siehst, wie er dir zuwinkt und breit strahlend einen Daumen hochreckt. Danke, du hast mir altem Mädchen gerade den Tag versüßt, mein Junge!“
    Als ich noch das pinke Rennrad gefahren bin und auch die tolle Kleidung anhatte und 12 kg weniger wog, da bekam ich von hinten auch oft solche Kommentare, die dann in Erstaunen mündeten, als sie mich von vorn sahen. Wie heißt es doch: „Von hinten Lyzeum, von vorne Museum …“ 🙂
    Gute Nacht!

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe C,

      Dein Kommi ist durchgeflutscht. Ich denke darüber nach wie viele Dinge wir als ’selbstverständlich‘ erachten. Mir ist bewusst, dass ich manchmal auf hohem Niveau herumjammere.
      Ich mag Lümmel. Bin selbst eine Lümmeline und war nie ein Engel. Manchmal entpuppt sich jedoch ein Lümmel als ein Engel was mich zu der Frage führt ob es Engel faustdick hinter den Ohren sitzen haben? Verweise zu Luzifer, diesem schlimmen Finger. Und Dich kann ich mir sehr gut auf dem Rennrad vorstellen! Solche Komplimente tun einfach gut in jeder Alterklasse ab Vierzig aufwärts.
      Also nehmen, drüber freuen, nicht nachdenken. Spekulieren führt zu nix. Deinen Museum-Lyzeum-Spruch kenne ich. Ein Klassiker, sozusagen…😉
      Schönen Morgen wünscht die Fee✨

  7. maribey sagt:

    Du schenkst wunderbare Sätze, ein toller Text, der Sinne und Bilder tanzen lässt.

  8. finbarsgift sagt:

    …das könnte ich immer wieder lesen, liebe Mountie-Fee, wundervolle Worte und glückselig machende Fotos…
    Ganz im Einklang mit Mutter Allnatur…
    Herzliche Herbstgrüße vom Lu

    • karfunkelfee sagt:

      …und es war aber auch eine so besonders schöne Tour!

      Wenn ich im Wald bin, fallen alle Sorgen der Welt von mir ab.
      Und auch gefühlt die Jahre…:)
      Inzwischen klatscht der Regen hier voll an meine frisch geputzten Fenster.
      Ich habe Fernweh nach Sonne…
      Abendliche Grüße zu Dir von der Fee

      • finbarsgift sagt:

        Das kann ich verstehen, liebe Velofee, doch bedenke:
        Ohne Regen, kein Wasser,
        ohne Wasser, kein Dasein…
        Herzliche Herbstgrüße vom Lu

      • karfunkelfee sagt:

        Hast ja Recht. Aber warum fällt erst monatelang gar nichts und dann gefühlt alles auf einmal?
        Für Triatlethen bleibt nur noch die Disziplin:
        Schwimmen!
        Nach Wassertreten und Aqua-Biking…
        Ab Dezember geht garnichts mehr, dann sieht es so aus:

        Guten Morgen✨

      • finbarsgift sagt:

        Na ja *hehe* gefühlt ist ja noch fast nix gefallen!
        Schwimmen gehe ich jeden Sonntagvormittag 🙂 all year long, also in December!
        Bonjour, chère Fée

      • karfunkelfee sagt:

        Schwimmen ist toll.
        Wunderbar sogar!
        Bonjour, mon chèr ami

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