Milo Greene – Autumn Tree

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Abkehr

 

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Liebe Blogfreunde,

Ich sende Euch herzliche Grüße aus meiner Herbst-/Winterpause, die mir sehr gut tut!  Der November steht vor der Tür. Er ist eine ernste und stille Persönlichkeit, doch ich habe ihn inzwischen auf seine etwas unterkühlte Art tageweise sogar schon etwas lieb gewonnen. Manche seiner Andersartigkeiten musste ich mir über Jahre erarbeiten und gegen die Kälte wickele ich mich in zig Lagen Kleidung übereinander ein. Ein- und Auspellen braucht seine und meine Zeit, genauso wie der Herbst. An manchen Tagen ist das bunte Laub ein Zeichen des Sterbens und an anderen fröhliches buntes Leuchten. Der Neubeginn ist noch sehr fern, die Energien mau, sehnen sich nach Kaminfeuern. Wie immer in dieser Zeit, bin ich nah bei meinen Verblichenen und denke viel an sie. Metaphysisches zieht mich an, das Stille sowieso. Zeit der Einkehr und der hochgestellten Kragen. Friedhöfe beginnen zu sprechen in Gebinden, in frischen Blumen auf Gräbern. Jeder trauert auf seine Weise und achtet sein Gewesenes.

Ich schreibe zum ersten Mal voll  in der Blog-Pause weiter und durch, für den blog bleibt derzeit  zu wenig Zeit. Doch ich lese Eure Beiträge, manchmal bleibt ein Sternchen, doch auch sie leuchten jetzt verhaltenener, auf Sparflamme. Sie wollen überhaupt nicht werten, doch manches spricht mich sofort an und dann, manchmal und selten, kommen noch ein paar Worte  kommentierend hinterhergeckleckert. Die Fee ist still, doch nicht, weil sie nicht mehr da ist. Das Innehalten ermöglicht neue Perspektiven. Die vergangenen Tage waren verhangen und sehr nebelig, der Wald nur ahnbar. War ich in ihm, fühlte ich mich wie in einem wabernden Kokon in Wunschstimmungen eingesponnen. Allerdings grölt die nahe Autobahn mir oft meine waldige Stille kaputt. Mit dem Erkahlen der Bäume wird auch sie leider wieder lauter. Und ewig stinken im Blech-Blues die Wälder. Im Frühjahr auch wieder die Felder. So oder so ähnlich.

Ich schreibe blaue Texte. Die „Abkehr“ ist so einer. Wo sie manchmal herkommen, wie sie entstehen – inmitten vieler Einflüsse und Strömungen, kann ich oft selbst nicht genau sagen. Ich lass meinen Gedanken einfach freien Lauf und begrüße den ernsten und etwas miesepetrig feierlichen Herrn November freundlich mit meinem mittlerweile leicht zerfledderten und angegilbten Maiengrünkranz im Haar.

Habt eine gute Zeit.

Bis demnächst mal,

Die Karfunkelfee

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Abkehr

Blaue Stunden. Alles Blaue in Bläue, Welt, Wald, Wiesen,Weiden – schliert hinein in Novembergrau. Dieses Kaisergelb im Ahorn – nun liegt die ganze Pracht leidend am Boden. Zertretene Blätter, schwere fette Ackersoden mit junger Wintersaat. Dies junge Grün ein einziger Hohn. Du vertilgst das zähe Fleisch mumifizierter Trockentroste, beginnst zu schreiben, katalysierst Echos. Wollen für sich bleiben. Kaskadierst in losen Tonfolgen und legst sie – in den Satz über die Syntax setzt dein ganzes spritzwassergeschütztes Herz in Gummistiefeln kurzerhand am Straßenrand -Aus. Es war eh über.

Die blutigen Dysphemismen kommen frisch zerpresst in den Nachrichten des Tages. Still und besinnlich diktiert der weltferne Glaube, während dein Magen langsam weiter Richtung Kniekehlen rutscht. Alles sucht sich neue Wurzeln, ertrinkt, sinkt ein, menschlich verbindende Einsichten fehlen ganz. Gemeinschaften horten Verständnis wie ein Gollum seinen Schatz. Ihre Angst ist verkleidete Gier, ihr Dichtmachen der Welt abgekehrtes Gesicht. Ein elend schleimiges Fluchtgefühl bleibt.

Du wanderst in Alleen herum, kickst Tannenzapfen und verfluchst erst Rilke, dann sein Herbstlied, schlussendlich dein dummes Gedächtnis. Warum merkt sich der Mensch böse Lieder so viel leichter? Weil sie so schön einfach, bequem und simpel sind? Warum ringen manche Menschen mit dem Altern oberflächlicher und seichter, während andere es sich unbequem machen und umso tiefer gründeln? Wem könntest du noch lange Briefe schreiben? Leg dir eine blaue Blume auf dein Siegel. Deine Wunde salbst du mit schön gefärbten Erinnerungen.

Du hältst deinen allzu weltlich orientierten Pragmatismus kaum noch aus. Nicht noch ein sachlich poetisch formuliertes Duell mit verbrämter Moral als Sekundanten in der Agonie zu gut gemeinter Selbstverwirklichung. Das pflichterfüllte Frieren in den Zwängen der Umstände mag dich knechten. Bewegungslosigkeit überaltert dich bis in deine tiefste Müdigkeit. Das Verbrauchte in deiner Leere ist der Selbstverleugnung orgiastischer Höhepunkt, doch dies war dir lange unbewusst. Dann ist bereits wieder das nächste Jahr tatenlos vergangen und deine Wege verlaufen sich wie die Längengrade ausgehend vom nördlichsten Pol deines Herzens und du erinnerst dich stoisch: Hast du erst das Kielholen in deinem schwärzesten Blau überlebt, erträgst du auch jetzt wieder dieses Grau, zu licht um traurig zu sein, zu nebelverhangen um weiterzuschweifen und zu dicht um sich aufzulösen in buntere Farben. Nebel zieht vorbei. Herbstlandschaften leuchten wie Renaissancegemälde alter Meister darin auf.

Du schaltest die Nachrichten aus. Allzu viele furchtbar stille Gesichter von Menschen mit geschlossenen Lidern im Sinn. Du verleugnest ein weiteres Mal die blaue Stunde und findest Clowns dem November zugehörig, weil sie hinter ihrer fröhlichen Maske mitunter ihren Totenernst verbergen. Sie spiegeln beliebig austauschbare andere in den Silbermünzen auf ihren Augen. Du denkst noch über die Hürden mannshoher Moralismen,  die roh und unfertig verbliebenen Unförmigkeiten fleischlicher Vorurteile und den hehren Dünkel sich selbst erkürender Leistungseliten nach. Deine Zweifel schlugen deine heimliche Zuversicht um tausend Längen in nördliche Richtung zurück. Leergegeißelt schläfst du ein.

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noch einmal intensiv

50 Liebes-Sonette für Frey’ja

Numero 11

blühen, verwelken, vergehen, verwehen

ist in allem

alles feuer kaltet
irgendwann aus
gefühle überaltern
der tod der theorie
herrscht im haus

wer versteht
für sich
die blutige glut
immer wieder
neu zu schüren
treu wie wichtig sich bedenkt
immer wieder
neu
zu verführen
liedert selbst im ableben gut

singt sogar noch
dem tod
sein geschenk
sei es auch noch so
mickrig zittrig bangtief
aus dem bauch
in dem es vorher
frei und ruhig schlief

bleibt es doch
lebens abschiedsdank
noch einmal intensiv

trotz ohne froh

50 Liebes-Sonette für Frey’ja

Numero 10

 

 

wie viel zeit habe ich?

alle zeit, die du brauchst

wenn
ich
alle
zeit
brauche?

dann nimm sie dir
dann ist das so
ich liebe diese zeit mit dir
doch bin trotz ohne froh

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