Als sei es nie zu spät

In memoriam amantem

Für M.

Da war dieses Gespräch, eines der letzten bevor du starbst. Wir redeten mal wieder über unsere Sippe und Tatort am Sonntag, Picassos kubistische Phase, über deine Krankheit, darüber dass du auf die Insel wolltest, obwohl du zu schwach warst und das auch genau wusstest. Ich hielt dagegen, wie eine gegen tausend Mann, dein Besserwissen motzte mit einer hochgerüsteten Armee, deinem Widerstand war nur noch ein Wunder entgegenzusetzen, das nicht geschehen würde und auch dies wussten wir. Damals schon. Beide. Deine Stimme glanzte nur noch schwach, da misstönte etwas Hohles oder Unendliches mit, doch warst dennoch da, unkörperlich und weit weg. Ich hätte dich gern in die Arme geschlossen, dich festhalten wollen in dieser Welt, von der du dermaßen bedient warst, dass du nur noch weg wolltest. So wie du immer nur weg wolltest, in die Sonne, in den Süden. Selten war mir so kalt und elend im Leben zumute wie während dieses Gespräches vor ein paar Jahren. Ich begehrte gegen die Übertragung auf. Natürlich tat ich das, das musste ich. Reiner Selbsterhaltungstrieb. Doch du warst eine ausdauernde und zähe Natur, vor allem hintersinnig und dies in einer lebenserfahreneren Weise als ich. Ich sah das ganze Ausmaß deines Elends, mir war bewusst wie viel von deinem Seelenfrieden davon abhängen würde ob ich dir diese innere Ruhe verschaffen kann, die du brauchtest um gut abtreten zu können von deiner Bühne.

Ein kleines rhetorisches Meisterstück hast du da hingelegt. Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der besser beherrschte als du, jemanden in eine gewisse Richtung zu bugsieren. Kleine Wortbrücken hast du gebaut und Besorgnis über meinen Äckern ausgesät, mit deiner Furcht hast du sie gepflügt und mit deinen Tränen hast du sie begossen. Deine Saat ging auf. Ich habe geflucht und geschimpft, du hast gelacht und gesagt, ich solle das bloß nicht zu ernst nehmen, doch unter der Oberfläche deines Lachens sah ich deine Augen aufgehen und sie waren dir tiefernst. Vor Jahren hatten wir uns nach langem Umschleichen gefunden und ineinander verkrallt. Wir schälten die ganze hartgesottene und zerbrochene Vergangenheit von uns ab und ich konnte endlich wieder das dunkeläugige Mädchen mit dem Bubikopf sehen, das du warst, eingerahmt mit einem Teddy im Arm im Arbeitszimmer. Ich nahm also den Ballast deiner Besorgnis. Allerdings war ich ehrlich und sagte dir mitten in dein erleichtertes Aufatmen hinein, dass ich dich wegen aller deiner durchaus begründeten Ängste und Befürchtungen, die du mir gegenüber äußertest, am liebsten zum Kuckuck wünschen würde.

Über alle Vorurteile setzte ich mich später hinweg, schlug sämtliche guten Ratschläge in den Wind, stellte mich allein und beschloss kurzerhand, es als Top-Secret einzustufen und zu behandeln. An manchen Stellen dieses unwegsamen Weges wurde ich moralisch und fragte mich, ob es ein guter und richtiger sei? Oft fragte ich was du dir bloß dabei gedacht hattest? Doch du sprachst ja immer nur von deiner Liebe! Und das kann jemand wie ich leider  nur zu gut verstehen und das wusstest du wiederum sehr genau, denn du kanntest mich viel zu gut. Also machte ich  immer weiter. Hätte zwischendurch am liebsten alles hingeschmissen, aufgegeben und meiner so genannten mitmenschlichen Verantwortung den Garaus gemacht. Doch ich säte meine Äcker mit deiner Zuversicht, pflügte sie mit deinem Wissen und düngte sie mit deiner Liebe. Und diese Saat ging auf und grünte. Weil ich sie mit dem was von dir in mir bleiben konnte, mit deiner Überzeugung ausstreute und wenn ich heute, kurz vor deinem Todestag, in die Welt schaue und sehe von wem sie regiert und geführt wird, wird mir immer klarer wie wichtig es ist, sich über die Grenzen seiner Vorurteile hinwegzusetzen und so unbeirrt und unbeeinflusst wie nur möglich von äußeren Strömungen und Meinungsmachen den inneren Kursvorgaben und Herzrichtlinien zu vertrauen. Es ist anstrengend gegen den Strom aufwärts zu schwimmen, das wissen auch die Lachse, doch sie tun es trotzdem, weil sie ihrem Gefühl vertrauen, das sie zurück zu ihrem Ursprung führt. Der nördlichste Beginn der Einsamkeit nach Neujahr dehnt sich bis zu deinem Todestag,  erfroren und erstarrt in weiten glitzernden Flächen. Gestern jedoch taute  wieder in der allmählich stärker werdenden Sonne dein Bild in mir, das Jahr nimmt langsam Geschwindigkeit auf wie ein aus dem Bahnhof rollender Zug und deine letzte großformatige Inselpostkarte aus Spanien prunkt gut sichtbar  in meinem Küchenregal. Als kämst du morgen wieder. Als sei es nie zu spät.

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10 Kommentare zu “Als sei es nie zu spät

  1. Ulli sagt:

    Liebe Stefanie, dieser Text rührt Vieles in mir an- ich sende dir Dank und einen stillen Gruß
    Ulli

  2. Wunderschön tief und sprachlich hochklassig-beeindruckend☆°

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Die Zeit ist vergangen und doch ist es, als wäre es gestern geschehen und als käme sie gleich wieder oder vielleicht auch morgen…

    Liebe Steffi, Als sei es nie zu spät, Du sagst es selbst

    Liebe Grüße von mir

    • karfunkelfee sagt:

      …solange dieses Gefühl in mir leben kann: sie kommt gleich wieder, ist bloß grad Brötchen holen…
      …bleibt sie lebendig in mir…

      Danke für Deinen schönen Kommi und Grüße aus dem Kinderkönigreich von der Fee

  4. Clara HH sagt:

    M. kann aus der anderen Welt ganz liebevoll und sehr stolz zu dir hinab sehen, denn sie hat es geschafft, dass du an sie denkst – deswegen ist sie nicht völlig tot, da sie in dir lebt.
    Drüxxxxx!

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