Roger Hodgson (Supertramp) – School

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Die Verweigerung der Ohnmacht, still zu stehen.

Die diesjährige Projektwoche in der Schule befasst sich thematisch mit der Bundeswehr und ihren Funktionen. Sie steigt in den Bus, der sie zusammen mit der Klasse zur Bundeswehr-Kaserne bringt. Es ist noch kalt, sie hat die rote Cordjacke mit der Kapuze angezogen, doch den Frühling schmeckt sie bereits in der milden Luft. Aus dem Busfenster beobachtet sie einen Schwarm Kraniche und lauscht dem Stimmengesumm um sie herum. Ihre Schulkameradin hat einen Walkman dabei und hört Anne Clark. Ihr Kopf bewegt sich rhythmisch zu den Beats und sie formt mit den Lippen die Lyrics nach. Die Lümmel aus der letzten Reihe sitzen natürlich auch im Bus wieder ganz hinten in der letzten Reihe und halten wie üblich den Klassenlehrer auf Trab. Es riecht nach Leibnitz Butterkeksen und Schinken-Butterbroten, nach Äpfeln , mit Papier gefüllten Tornistern und Schule. Sie schließt die Augen und lässt sich treiben, der Bus schaukelt ihren Körper sanft hin und her.

Die Fahrt dauert eine knappe Dreiviertelstunde. Ein junger Feldwebel nimmt ihre Klasse in Empfang, spricht ein paar Begrüßungsworte und erklärt, was es mit der Bundeswehr im Allgemeinen und den Pflichten und Diensten hier in der Kaserne so auf sich habe. Stolz präsentiert er seinen tadellos aufgeräumten Spind. Alles riecht hier nach Kontrolle bis in die kleinste Knickfalte der in Stapeln säuberlich gefalteten Pullover in den Spindfächern. Auch das ordnungsgemäße Falten und Zusammenlegen eines Kleidungsstückes demonstriert der Feldwebel und führt vor, wie man ein Hemd nach Vorschrift in ein perfektes Quadrat verwandelt. Die Lümmel aus der letzten Reihe setzen betont verweigernde und trotzige Mienen auf. Ihr Klassenlehrer behält sie wachsam im Auge, denn sie machen Anstalten sich verdrücken zu wollen und zappeln während der Demonstration des Feldwebels unruhig mit den Füßen.

Anschließend besichtigen sie den Speisesaal und lassen sich über Küchendienste und Dienstbereitschaften aufklären. Als nächstes betreten sie einen Seminarraum und werden ausgiebig über die Funktion der Bundeswehr in Deutschland informiert. Dann spricht der Feldwebel über Waffen. Er hat einen selbst ladenden Karabiner Carbine M1 dabei und klärt die Klasse darüber auf, dass dieses Gewehr im zweiten Weltkrieg eingeführt wurde und bis heute eingesetzt wird. Sogar die Lümmel aus der letzten Reihe halten jetzt gebannt ihre vorlauten Mäuler und sogar ihre Klassenkameradin, die sagt, dass sie Krieg und Waffen hassen würde, folgt gebannt den Ausführungen des Feldwebels. Sie findet Waffen so richtig scheiße und laut sind sie obendrein auch noch. Schusswaffen sind gemein und tückisch, denkt sie und beobachtet wie der junge Feldwebel die Waffe mit lautem Klicken auseinandernimmt und routiniert schnell wieder zusammensetzt, eine millionenmal eingeübte Geste, dabei erklärt er wie wichtig die Einhaltung der korrekten Reihenfolge sei, damit man sich nicht aus Versehen ins Knie schießt. Die Klasse lacht laut. Sie findet das hier alles andere als komisch oder witzig. Eher bierernst. Schusswaffen lassen dem anderen keine Chance, seine Stärke zu beweisen oder zu fliehen. Schusswaffen sind sowas von feige und unkriegerisch! zischt sie verächtlich und Matthias neben ihr nickt sanft, das Gesicht vor Ekel verzogen. Er hat lange Haare wie ein Mädchen. Seit dem Praktikum auf dem Schlachthof zu dem ihn seine Eltern genötigt hatten, ist er strikter Vegetarier und lehnt Gewalt grundsätzlich ab. Matthias gehört zu ihrer Clique, sie hört sehr gern Platten mit ihm. Er ist irgendwie noch ganz anders als die anderen. Sie weiß, dass er niemals ein Soldat werden könnte. Bei den anderen ist sie sich da nicht so sicher.

Sie hat noch keinen Freund, so wie die anderen Mädchen. Sie hat nur ihre Kumpel, ihre Clique. Manchmal denkt sie darüber nach wie es wäre wenn sie mit Matthias „ginge“. Doch sie denkt den Gedanken nie bis zu Ende. Endlich ist die halbstündige Vorführung mit Waffe und Diaprojektor beendet. Erleichtert geht sie mit den anderen aus dem Raum. Der Exerzierplatz ist der nächste Anlaufpunkt. Sie muss mal. Es wird langsam dringend. Also fragt sie ihren Klassenlehrer ob sie mal zur Toilette dürfe. Er nickt und spricht kurz mit dem Feldwebel. Dieser bringt sie zu einer Toilette. Es ist ein seltsames Gefühl an einem Ort zu sein, an dem es nur Männer gibt. Doch 1984 ist das bei der Bundeswehr noch so, auch hier. Die Toilette ist wie alles in dieser Kaserne sehr sauber und gepflegt. Nirgendwo ein Stäubchen. Sie tritt in den langen leeren Flur. Von fern hört sie Stimmen und versucht darin die ihrer Klassenkameraden ausfindig zu machen. Sie sucht den Weg Richtung Ausgang, verläuft sich in den Gängen, immer neuen Abzweigungen, bis sie sich völlig darin verloren hat. Ewigkeiten scheinen ihr seither vergangen zu sein. Am Ende des langen Flurs ist eine Ausgangstür nach Draußen, sie lässt sich öffnen. Sie steht in der Sonne auf einem Exerzierplatz, doch es ist ein anderer als der, auf dem sie sich vorher mit ihrer Klasse befand. Hinter dem Exerzierplatz standen aufgereiht die großen Panzer. Sie kommen ihr vor wie raubgierige große Tiere in Lauerstellung, zum Sprung bereit. Neugierig geht sie näher an die Panzer heran. Es sind gewaltige Maschinen. Sie betrachtet sie und nimmt wieder diesen Waffengeruch wahr, diese Melange aus Schmiere und Metall. Alles ist still, sie hört keine Stimmen und sieht niemanden. Also beschließt sie, weiter nach ihrer verschwundenen Schulklasse zu suchen. Sie dreht sich um, den Panzern den Rücken zu und bewegt sich auf die Stirnseite des Gebäudes zu, an der sie den anderen Platz und auch ihre Klasse vermutet. Die Sonne brennt heiß auf ihren Rücken, ihr wird schwitzig und warm in ihrer dicken Cordjacke. Sie bleibt stehen und nestelt am Reissverschluss.

Hinter ihr entsteht abrupt ein lautes Geräusch, es kommt von einer Maschine und sie fährt überrascht herum, die Hand am halb heruntergezogenen Reißverschluss ihrer Jacke. Einer der großen Panzer bewegt sich! 70 Tonnen Panzerstahl halten auf sie zu, die schweren Gleisketten erzeugen ein nervenzerfetzendes Gekreische und kommen ein Stück von ihr entfernt schließlich zum Stillstand. Der Geschützturm dreht sich und richtet das Rohr exakt auf ihren Körper aus. Entgeistert blickt sie direkt in die Mündung und hört ein lautes Klicken, das aus dem Innern des Panzers dring. Eine stählern zwingende Lähmung, schwer und giftig wie Blei breitet sich in ihr aus. Sie fühlt sich winzigklein, riecht den heißen Militärgestank, ihr wird übel. Sie kann sich nicht bewegen, sie will fortrennen, doch es geht nicht! Sie steht da wie festgewurzelt. Sie erkennt die letzten Augenblicke des Kaninchens mit der Schlage.  Heiße Angst schießt in ihr hoch. Was, wenn sich ein Schuss lösen würde? Was bliebe übrig von ihr? Würde das Sterben wohl lange weh tun? Wie weh würde es tun von einem solchen Geschoss in Blut und Fleischfetzen, Gehirn und sonstige matschige Innereien verwandelt zu werden? Nur noch Masse zu sein, rohes Fleisch? Etwas in sich eindringen zu fühlen, das alles so dunkelrot und glänzend zerreißt wie ihre Cordjacke? Sie spürt wie sie zittert, ihr Magen sich hebt und senkt. Sie kann es nicht kontrollieren. Das Zittern erfasst ihren Körper ganz, sie verliert jegliches Gefühl, sie fühlt auf ihrer toten Winterblasshaut nun gar nichts mehr. Sie spürt wie ihr Geist fliehen will, raus aus diesem Körper, der sowieso sterben muss, ja jetzt gleich und auf der Stelle durch einen saublöden Unfall oder so etwas und sie versucht sich festzuhalten an sich selbst, doch es geht nicht, sie kann ihre Hände nicht bewegen. Sie kommt zwar just vom Klo, doch seltsamerweise hat ihr Körper Flüssigkeit in der Blase gespeichert, wo er sie hernimmt, weiß sie nicht mehr, spürt nur wie ihre warme Pisse mit ihrer Beherrschung an ihren Beinen herunterläuft und als sei dies nicht schlimm genug, beginnt etwas in ihr zu würgen und will raus, unbedingt und sofort sich von innen nach außen stülpen. Jetzt lassen sich ihre Hände endlich bewegen, sie registriert, dass sich oben auf dem Panzer eine Klappe öffnet, doch da kotzt sie schon und das erbrochene Morgenmüsli tropft auf ihre Füße, auf ihre Turnschuhe mit den Streifen und alles riecht sauer in ihr und um sie herum. Irgendwer ist aus dem Panzer ausgestiegen, dann wird alles schwarz. Sie bemerkt nicht mehr, wie Arme um sie herumgreifen und versuchen aufzuhalten, dass sie umkippt und mit dem Kopf auf die Steine schlägt, eine Platzwunde am Kopf hinterlassen, das Blut läuft raus. Krieg tut immer nur weh, das weiß sie nun auch ohne, dass sie zerschossen wird und in Menschenmatsch verwandelt. Krieg ist so rot wie die Scham, wie ihre Scham, weil sie sich eingepisst und vollgekotzt hat wie ein Kleinkind.

Niemand aus ihrer Klasse sagt etwas. Alle wirken irgendwie betreten, am allermeisten der Soldat, der den Panzer fuhr und sich mit seinen Kumpeln einen Heidenspaß erlauben wollte. Er entschuldigt sich bei ihr, seine rote Mütze unbeholfen in den langen Fingern knautschend, drehend, wendend. Es war doch nur ein harmloser kleiner Jux. Es sollte doch nur lustig sein. Dass so etwas passiert, habe er doch nicht ahnen können und seine Kumpel doch auch nicht! Der Feldwebel hat den Soldaten oberstreng schweigend ins Fixier genommen. Nun brennt die Scham in ihr noch tausendmal heißer, flammt ihr Gesicht, brennt die Ohren rot. Sie ist eine richtige Spaßbremse! Nun würde dieser Soldat Ärger wegen ihr bekommen, nur weil sie sich dem Spaß verweigerte. Sie erinnert sich an Indianerspiele mit Kleinkindfreunden. Ihr Name ist zwei Federn. Sie trägt sie immer im Haar. Sie ist eine Medizinfrau und hängt öfter am Marterpfahl als ihr lieb ist. Die anderen finden sie einfach immer viel zu schnell bei Versteckspielen, sie ist nicht raffiniert genug, es ist schlimm. Immer fühlt sie sich so leicht durchschaubar und zu beeindrucken auch. Mit ihr können es die anderen gut machen.

Matthias, der auf der Heimfahrt neben ihr sitzt, hat sich in ein Buch vertieft. Animal Farm von Orwell, nehmen sie gerade in Englisch durch. Sie fragt sich ob sie wohl noch nach Kotze stinkt, obwohl sie versucht hat, sich in der Toilette der Kaserne notdürftig mit grauen dünnen Papiertüchern zu reinigen, schnüffelt prüfend an sich herum. Sie meint immer noch etwas zu riechen und ekelt sich vor sich selbst, fühlt sich beobachtet von den anderen. Endlich erreichen sie die Schule. Matthias fragt sie ob sie nachher noch vorbeikäme zum Musikhören. Er habe eine affentittengeile neue Scheibe von Bowie. Hot stuff. Sie hat sich noch nie so sehr über eine Einladung zum Plattenhören gefreut wie jetzt gerade. Nicht nur wegen Bowie, den sie anhimmelt. Strahlend in ihrem Kotzgestank sagt sie zu. Später sprechen sie kein einziges Wort über den Vorfall in der Kaserne.

Doch als sie später am Nachmittag auf seiner karierten Couch in seinem Jungszimmer sitzen mit der Wattenmeerfototapete im Rücken, erzählt ihr Matthias von dem Praktikum auf dem Schlachthof. Sie will von ihm wissen ob es das Blut gewesen sei, der Gestank, das Rohe, das ihn so ekelte. Matthias denkt nach. Eine blonde Strähne seiner langen Wuschelmähne ist ihm über die Schulter gefallen und er fixiert ein Wattwurmloch auf der Fototapete. Er spricht nicht besonders viel, auch nicht gern. Manchmal sei er selbst  nur so wie ein Wattwurm wie auf seiner Fototapete, sagt er. Seine schlaksige Gestalt klappt leicht vornüber, die Schultern rund, so wirkt Matthias auf sie wie einer dieser Steinengel auf Friedhöfen, nur wie einer ohne Flügel. Es sei die Angst der Tiere gewesen, die ihn so abgestoßen habe. Er habe sehen müssen wie sie verzweifelt zu fliehen versuchten und schrien vor Qual und Panik. Das Blut an den weißen Kachelwänden. Das sei einfach alles viel zu viel für ihn gewesen. Er habe es irgendwie zu Ende gebracht, mit Todesverachtung vor den Menschen im wörtlichen Sinn. Menschen  stinken doch nach dem Tier, das sie quälen, schlachten und fressen, sagt er. Seine Nase hat sich angeekelt hochgezogen und zuckt. Er sagt, diesen Geruch nach Verwesung, Angst, Blut und totem Fleisch im Schlachthaus könne er niemals wieder vergessen. Sie glaubt ihm jedes einzelne Wort und einen Moment lang überlegt sie ob sie ihm gestehen soll, dass sie sich nicht nur vollgekotzt hat und ohnmächtig umgekippt ist, sondern sich obendrein auch noch vor Angst eingepisst hat. Doch dann lässt sie das lieber. Sie ist ja schließlich ein Mädchen und die dürfen über sowas nicht sprechen mit Jungs sonst ekeln die sich vor Mädchen, lernte sie von einer verbitterten Älteren, die Mädchen generell ekliger fand als Jungs.

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Konzeptionelle Fotokunst: Uwe Schramm

(mit freundlicher Genehmigung und Dank)

Dieses unerträgliche Mädchen

Sie ist zehn Jahre alt und ihr Stock klappert fröhlich an den Zaunlatten am Gehwegrand entlang. Der lange Pferdeschwanz hüpkert vergnügt hinter ihrem Schatten her. Komm doch mal rein, ich will dir was zeigen. Im ersten Gefühl will sie die Stimme unbeachtet an sich vorbeifließen lassen, doch das wäre unhöflich. Ihre Eltern würden mit ihr schimpfen, wenn sie nicht wenigstens die alte Nachbarin grüßen würde. Wie ein Kloppstock steht diese in ihren Türpfosten und seziert sie mit ihren Blicken als sei sie ein Insekt auf einem Objektträger. Die  Nachbarin ist ihr unheimlich. Vielleicht, weil diese Frau allein lebt und nur selten Besuch erhält. Sie gehört irgend einer komischen Sekte an. Ihre Mutter erzählte, dass die Anhänger dieser Sekte glauben, dass ihnen im Jenseits  ein Arm abgehackt wird, wenn sie es nicht zu Lebzeiten schaffen, dem lieben Herrgott eine bekehrte Seele zu bringen. Zögerlich bleibt sie stehen, der Stock hängt schlaff in ihrer Hand, in ihren Haaren speichert sich zart kitzelnd heiße Sonne. Die Stimme der Nachbarin wiederholt hartnäckig ihre Einladung: Nun komm schon! Es ist etwas ganz Tolles, was ich Dir zeigen will! Sie überlegt zweifelnd hin und her. Ihre Eltern haben ihr beigebracht, nicht in fremde Wohnungen zu gehen. Dies ist eine fremde Wohnung, auch wenn es nur das Nachbarhaus ist. Froh, eine gute Ausrede für ihr Fernbleiben gefunden zu haben, antwortet sie der schmalen Silhouette im Hauseingang, dass sie nicht in fremde Wohnungen gehen dürfe. Ihre Eltern hätten ihr das total verboten. Nun komm schon, deine Eltern kennen mich doch gut. Es wird schon alles in Ordnung sein. Irgend etwas in ihr sträubt sich, in die Wohnung dieser Frau zu gehen, sie kann sich dieses Gefühl selbst nicht recht erklären. Bei einigen Menschen hat sie es einfach. Es sagt ihr, dass es besser sei, diese Menschen zu meiden. Es ist ein Angstgefühl und nun wummert es dunkel in ihr. Von der Nachbarin strahlt eine Art Kälte aus, obwohl sie versucht ihr gegenüber alle Herzlichkeit der Welt aufzubringen, fast schon in einer andienenden Weise und vielleicht ist es dieses Verstellte und im Hintergrund Lauernde, was ihr diese unerklärliche Angst einflößt.

Sie ist sich unschlüssig was sie nun tun soll, sucht nach einer Ausweichmöglichkeit, einem offenen Fluchtweg. Ich muss erst Mama um Erlaubnis fragen gehen, versucht sie eine Entschuldigung anzubringen. Doch wie still befürchtet, ist die Nachbarin auch hier beweglich wie ein Reptil und steuert entgegen, dass das, was sie ihr zeigen wolle nur wenige Minuten in Anspruch nähme. Sie ahnt dunkel, dass sie aus dieser Zwickmühle der Höflichkeiten schlecht wieder herauskommen würde. Resignierend wirft sie noch einen Blick auf ihren Braken, den sie sich im Wald gesucht hatte, lehnt ihn an den Zaun und bewegt sich widerwillig auf den Hauseingang zu, in dem die Nachbarin steht und wartet. Papa hatte sie apodiktisch angewiesen, dass sie immer sehr aufmerksam ihr gegenüber sein müsse, da sie so einsam sei und allein lebe, weil sie ihren Mann schon vor vielen Jahren, als sie selbst noch gar nicht geboren war, im Krieg verloren habe. Zu solchen Menschen müsse man lieb sein, weil sie immer traurig sind, dass sie jemanden verloren haben, bestimmte der Vater.

Sie betritt also das stille Haus und im dunklen Flurschlauch schimmert ein Bild aus Worbswede. An allen Wänden hängen die Bilder, Aquarelle und Ölbilder  in wuchtigen Barockrahmen mit goldenen Ornamentiken, bunte Blumensträuße in schlichten Rahmen und und die geduckten Häuser im Worbsweder Moor, eine Dame in einem bunten Blumenfeld, mit einem altmodischen Hut. Eine Art schwebend ferner Zauber geht von diesen Bildern aus. In der Wohnung riecht es genauso so seltsam wie sie ihre Nachbarin insgeheim empfindet. Zwar reinlich, doch dabei irgendwie muffig und schlecht gelüftet. Ein leicht fischiger Unterton schwingt in der Luft. Der Schnitt des Hauses ist identisch mit dem ihres Elternhauses. Doch bei ihren Eltern steht die Terrassentür mit den ersten Sonnenstrahlen im Februar weit offen und es duftet immer frisch nach dem Garten. Hier, nur ein Haus weiter jedoch, kommt sie sich vor wie in einer Gruft mit Bildern, die das Draußen larmoyant und verschwommen spiegeln. Die Bilder riechen komisch, der Fischgeruch geht von ihnen aus, wie ihre Nase feststellt. Auf einem hohen Regal an der Stirnseite des Wohnzimmers befindet sich ein hohes Bücherregal. Die Sitzgruppe aus eleganten cremefarbenen Möbeln steht am gleichen Platz wie bei ihren Eltern. Doch das ist auch schon alles, was die beiden Häuser außer ihrem Schnitt an Ähnlichkeit gemeinsam haben. Ansonsten unterscheidet sich dieses Haus von der Stimmung her gänzlich vom Haus ihrer Eltern. Hier ist das Leben abwesend, es ist wie gemalt. Die schweren Holzrolläden sind heruntergelassen, der Raum wird in dämmriges Halbdunkel getaucht. Sie liest die Titel der Bücher im Regal, es sind hauptsächlich Kunstbände über Malerei, Reiseberichte aus fernen Ländern und das oberste Bord belegt eine lange Reihe dicker Bücher. Ihre Nachbarin steigt auf einen kleinen Hocker und holt das dickste Buch vom obersten Regal.  Setz dich doch! wird sie nachdrücklich dazu aufgefordert, in einem der mit cremefarbenen Stoff bezogenen kleinen Sessel Platz zu nehmen. Dann wird ihr das dicke Goldbuch in den Schoß gelegt. Schau mal, kennst du das Buch? Natürlich erkennt sie es. Das ist eine Bibel und zwar eine dermaßen schwere und dicke Bibel wie sie sie noch niemals zuvor sah, außer vielleicht in der Kirche, von fern, auf dem Altar. Du darfst sie dir ansehen, wenn du willst, ermuntert sie die Nachbarin. Sie schlägt die dicke Bibel auf. Ihre Augen quellen über. Was für ein prächtiges Buch! Die biblischen Szenen sind wie in einem bunten Bilderrausch gemalt, ihr fällt dazu nur das Wort überschwänglich ein. Mit gesenktem Kopf blättert sie sich bis hin zur Kreuzigungsszene. Sie will schnell weiter, doch  ihre Nachbarin legt die Hand auf die Seite. Warte, befiehlt sie und es klingt jetzt streng und bestimmter als zuvor. Diese Szene hier ist besonders wichtig, das weißt du doch. Sie will das nicht sehen. Sie findet das Bild mit Jesus am Kreuz furchtbar grausam. Versteht nicht, warum so etwas so angebetet und verherrlicht wird. Ich kann das nicht gut anschauen, mir wird da schlecht von, sagt sie und spürt hilflos, wie ihr Magen beginnt sich in anschwellenden  Zuckungen auf und ab zu bewegen, als habe er ein Eigenleben mit schwerem Seegang entwickelt, noch während sie das rote Blut anstarrt, das aus Jesus’ Wunde für immer und ewig herausläuft.  Er starb nur für uns! raspelt in ihre Übelkeitswallungen die wie ausgetrocknet klingende Altstimme der Nachbarin was dazu führt, dass ihr noch erbärmlicher als zuvor zumute wird.Etwas regt sich in ihr, ein Trotz, ein Willen und es bricht aus ihr heraus: Das habe ich nicht gewollt! Für mich hätte er niemals sterben müssen! Ich will das nicht! Sie verkrampft ihren rechten Fuß bis er brüllt vor Schmerzen. Sie spürt wie groß ihre Wut wächst. Niemand hat das Recht einfach für mich zu sterben! platzt sie plötzlich los. Ich kann überhaupt nichts dafür, dass Jesus tot ist! Warum muss ich mir das dann ansehen?

Sie verspürt einen anarchischen und tief sitzenden Mut. Sorgfältig vermeidet sie während ihres Ausbruchs den Blickkontakt zur Nachbarin. Diese sieht etwas erschrocken aus, so dass sich beginnt zu schämen, weil sie so heftig war. Schnell fügt sie an, dass sie immer in die Kirche geht. Jesus Blut fließt weiter aus dem Bild, sie riecht den ozeanischen Trangeruch in der Zimmerluft und sehnt sich immer stärker und immer drängender nach dieser Luft da draußen, nach dem Frühling und der warmen Sonne, nach dem Wald und seinem Duft, ihr Körper fiebert nun regelrecht danach, er giert und will nicht länger hier sein. Doch die Nachbarin gibt keine Ruhe und will von ihr wissen wie oft sie in die Kirche ginge und ob sie vielleicht Lust habe, öfter mal bei ihr vorbeizukommen um die schöne Bibel anzuschauen? Sie sei in einer ganz  tollen Gemeinde und da gäbe es auch Spielangebote für kleine Mädchen wie sie eines sei.

Sie geht nicht gern in die Kirche. Sie mag das gar nicht. Dort sind immer viele Menschen auf einmal, die sie alle nicht kennt und die alle unterschiedlich riechen. Die einen nach Zwiebeln, die anderen nach Knoblauch oder Alkohol oder einfach unangenehm nach fremden Menschen. Es ist laut in der Kirche. Viele singen furchtbar falsch, das tut ihren Ohren weh. Die Predigten findet sie furchteinflößend und manchmal auch gemein, weil diese Worte ihr Angst machen wollen und sie nicht versteht warum. Ihr Kindergott ist kein Angstgott, ist nicht einmal ein Mann oder eine Frau, doch die Kirche tut so als sei es ein Mann. Doch das alles in ihr verrät sie ihrer Nachbarin nicht. Sie will vermeiden, dass sie weiterhin über dieses Thema sprechen muss, immer obskurer erscheint ihr dieses Zimmer mit seinem verblichenem Gilbtapeten, immer bedrohlicher spitzt sich diese Situation zu. Sie ahnt, wie schrecklich in dieser Bibel die Höllenbilder erst aussehen müssen, ein Panoptikum der Qualen und sie fragt sich, wie Menschen so etwas Furchtbares malen können ohne wahnsinnig zu sein. Gepresster als sie es will stößt sie hervor, dass sie nun aber schnell gehen müsse, ihre Mutter würde sich sonst Sorgen machen.

Wenn sie im Wald unterwegs ist, vergisst sie manchmal, dass ihre Mutter sich Sorgen um sie macht, verliert sie ihre Zeitpflichten. Das gibt oft tüchtig Ärger. Doch diese Situation hier ist etwas anderes. Ihre Eltern wären alles andere als einverstanden mit dem, was hier gerade geschieht, das weiß sie. Sie soll hier auf etwas vorbereitet werden und sie spürt in der Stimme ihrer Nachbarin ein Drängen gleich  etwas Sonderbarem und Getriebenen. Das verursacht ihr große Angst. Ihre Großmutter hat ihr beigebracht, dass es Menschen gibt, die den bösen Blick haben. Sie sind Seelenfänger, hat sie ihr erklärt, sie solle sich vor solchen vorsehen und gut Acht geben, weil Menschen Masken der Freundlichkeit aufsetzen und sich dahinter ein fresslustiger Dämon verbergen könne. Verstohlen beobachtet sie die Augen ihrer Nachbarin. Sie scheinen zu flackern, eine Art ungesundes Leben ist in diese Augen getreten, wie etwas, das untergründig in der Frau geschlafen hat und nun erwacht war wie ein gieriges Raubtier auf Beutesuche. Sie fühlt sich wie eine kleine Schlange unter dem Kreuz Christi. Eine Blindschleiche, etwas Harmloses, etwas, das leicht zertreten werden kann. Unter dem Buchdeckel der schweren Bibel streckt sie Zeige- und Mittelfinger zum waagerechten V gegen den bösen Blick. Heimlich, so dass die andere die Schutzgeste nicht mitbekommt. Sofort fühlt sie sich viel besser.  Behutsam klappt sie die schwere Bibel zu. Das ist eine wunderschöne Bibel, kommentiert sie höflich ihre Geste. Dann hebt sie den Wälzer hoch und reicht ihn der Nachbarin. Sofort fühlt sie sich besser. Ihre Arme leichter und freier. Beinah widerwillig nimmt die Nachbarin das Buch entgegen. Ihre Enttäuschung riecht nach alten sauren Träumen oder so wie sich vorstellt, dass kranke Seelen riechen müssen. Sie will nur noch weg. Raus aus diesem Mief angesammelter Vergangenheitsstücke, weg von dieser Abwesenheit jeden Lebens, sogar die Blumen auf dem Fensterbrett wirken hier leblos und zwischen grünen Sanseverienblättern stecken Textilblumen. Ich muss jetzt wirklich gehen, drängelt sie und steht endlich auf. Die Wände schwanken auf sie zu, ihr ist übel und klamm, ihre Knie fühlen sich weich und wabbelig an. Sie denkt an die Sonne, die da draußen warm scheint und die Vögel rufen sie. Eilig strebt sie durch den Flur mit den Ölgemälden. Sie hätte gern gefragt, ob die Nachbarin sie alle selbst gemalt hat, doch dazu müsste sie weitere Zeit mit ihr verbringen und sie ahnt, dass jede Antwort wiederum von irgendwelchen religiösen oder frommen Schattierungen gefärbt sein würde und das ist der tiefste intuitive Ursprung einer regelrechten Höllenangst in ihr. Als sie endlich in der Eingangstür steht, erleichtert die warme duftende Luft im Rücken fühlt, schon halb mit dem Fuß von der Stufe auf dem Gehweg steht, fragt sie die Nachbarin, warum sie die Terrassentür nicht öffnen würde um den fröhlichen Frühling einzulassen? Weil mich der laute Gesang der Vögel so stört, antwortet diese mit lebloser Stimme. Ich kann ihn nicht ertragen.

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Amselgesang am Gingko

Heute ein Meistersänger 
Unplugged…🤗

P.S. Es wird zwar davon ausgegangen, dass die Amseln Resistenzen entwickeln gegen das tropische, durch Stechmücken eingeschleppte und verbreitete tropische hochaggressive Usutu-Virus, das seit über sechs Jahren ganze Landstriche Deutschlands von Amseln entvölkert. Doch…

Hier ist ein Link, der mehr Informationen und die Möglichkeit bietet, aktiv die wissenschaftlichen Bemühungen zur Erforschung des Virus zum Schutz von Mensch und Tier zu unterstützen. Ich fand bislang noch kein totes oder krankes Tier, doch ich halte meine Augen offen…

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Usutu-Virus

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/gefaehrdungen/krankheiten/usutu-melden.html

Uwe Schramm: Bild trifft Wort

Liebe blogfreunde,

Heute freue ich mich, den Offenbacher Fotokünstler, Uwe Schramm, bei mir im blog zu Gast zu haben. Er zeigt mit seiner konzeptionellen Fotokunst  in der scheinbaren Alltäglichkeit und Wirklichkeit bekannter und vertrauter Dinge ihr fremdes Unbekanntes.

Der kleine Schritt aus der Wirklichkeit hinaus, führt in Wirklichkeit zu ihr hin.

Lieben Gruß von der Karfunkelfee

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Ohne Titel

Liebe geht durch die Blume.