Die Schwellengänger

Eine Verbindungsgeschichte, in die verschiedene blogbeiträge eingeflossen sind.
Das Lesen in blogland ist augenblicklich sehr spannend.
Hier die blogs, die mich ein jeder beflügelten und mir Lust machten, eine deutsch-amerikanische Geschichte zu schreiben. Ich rekrutierte theoretisch meinen Teuto als Statisten in die Kulisse, doch natürlich passt hierzu auch jedes andere Gebirge oder Hügelland in Deutschland. Die Phantasie ist also bewusst sehr frei.

Gruß von der Karfunkelfee

Ich bedanke mich herzlich bei:
textstaub und Ludwigs Wörtern: Rotwein, Buchladen, Winter, Hand, Wind und Gold

Gerda und Ulli mit ihrem Abc-Projekt vom freien Denken und mutigen Träumen

Auch kritische Töne habe ich gelesen, kamen mir berechtigt und wichtig entgegen. Sich auf sich selbst zurückzuwerfen braucht Mut und Vertrauen, Offenheit: Art of Arkis

und hier noch einmal Ulli, die mich mit ihrer Figur des Schwellengängers schreibzündete.

Ich wünsche Euch eine gute Zeit,

Lieben Gruß von der Karfunkelfee

———————————————————————–

Die Sonnenlichtschwemme, eingefangen in der gelben Gardine, zeichnete weiche Schatten von den Konturen der Küchenschränke. Er schlief noch, war gestern spät angekommen und  nach zwei Glas Wein wie betäubt ins Bett seines alten Kinderzimmers gefallen. Sie räumte die beiden Rotweingläser in die Küche und spülte sie unter fließend heißem Wasser ab, verbrannte sich dabei die Hände, fluchte und ärgerte sich gleichzeitig, die ruhige Morgen-Stille durch ihr unvermeidliches Klappern und Herumhantieren zu durchbrechen. Die alte Treppe knarzte, sie spürte das Gewicht seiner Tritte eher auf den Holzstufen als sie das Geräusch seiner Schritte näher kommen hörte. In der Leere des Momentes ihrer Überlegung, ob er erst in die Küche gehen würde oder zur Toilette, polierte sie geistesabwesend weiter Gläser. Eine hellblond mit Grau gemischte Strähne ihrer schulterlangen Haare stahl sich über ihre linke Schulter.
Er betrat die Küche und wünschte ihr einen guten Morgen. Ist noch Kaffee da, Mam? Sie deutete auf die Thermoskanne auf der Anrichte. Frisch und heiß, bedien dich.
Sie öffnete die Vitrinentür und stellte die Gläser hinein. Willst du Eier?
Er hatte sich eine Tasse genommen und füllte sie mit dampfendem Kaffee.
Hab keinen Hunger, ist noch zu früh. Er setzte die Tasse an die Lippen und verbrannte sich.
Sie lachte. Siehst du? Warst wieder zu ungeduldig, so warst du als kleiner Junge schon.
Und du hast mich nicht gewarnt! brauste er zum Angriff auf.
Und du bist alt genug um das zu wissen und brauchst keine Mama dafür! parierte sie nonchalant.
Wie geht es dir? Bist du ausgeschlafen? War ein langer Flug.
Er stöhnte und rieb sich die Stirn. Jetlag. Ich denke dauernd, wir hätten noch Nacht, in Atlanta, Georgia ist es jetzt Nacht. Er summte den Anfang von Rainy Night in Georgia.
Sie umarmte ihn kurz und fest. Mhm, Brook Benton. Papa tanzte so gern danach Blues-Boogie. Es ist gut, dass du hier bist. Wollen wir denn heute laufen trotz der Wärme? Denk mal drüber, ich bin auf dem Balkon und erledige Korrespondenz. Sie ließ ihn allein.

Der Balkon wurde beschattet von einer großen grün-weiß gestreiften Markise. Ein Kübelpflanzenparadies, bestehend aus großen schweren Töpfen mit verschiedenfarbigen Kletterrosen, dickblattrigen Kakteen und fremdartigen exotischen Schönheiten aus der Wüste empfingen ihn.
Das Balkongeländer war umsäumt von einer leuchtend blauen Lavendelmauer in schlichten Holzkästen. Der Lavendel verströmte einen süßherben Duft, der sich mit dem eleganten Aroma der alten englischen Rosen vermischte. Er atmete das Blumenbukett tief ein.
Tut das gut! Im Flugzeug stank es fürchterlich  nach Klima-Anlage und Knoblauchbefürwortern. Einem ist so schlecht geworden, dass er sich den ganzen Flug lang die Seele aus dem Leib göbelte. Halt diese Geräusche mal über so eine lange Zeit aus…
Was ist mit Frühstück? Sie fixierte ihn und klappte ihr Laptop zu.
Du bist so unsensibel wie immer. Er zog eine Schnute. Ich ziehe mich jetzt um, dann können wir los.
Braver Junge, lobte sie. Im Frühtau zu Berge, du weißt schon…
Sie begann das alte Lied zu summen.
Grundsolides deutsches Liedgut, lachte er los, erzverbeinert in der Erden wie Schillers Glocke von Goethe!
Jetzt aber ab mit dir, du Kulturbanause in der deutschen Kunst ernster Gründlichkeit, Amerika hat dich schwer verlottert und verlausbubt, spitzte sie auf.
Reg dich bloß nicht auf, das ist gefährlich in deinem Alter, feixte er weiter.
Du bist immerhin schon fast sechsundsiebzig! Du könntest einen Herzinfarkt erleiden oder einfach endgültig überschnappen und in diesem Zustand bis in alle Ewigkeit verharren…

Oh, warte, jetzt aber! Sie sprang auf und wollte ihm hinterhersetzen. Doch dann ließ sie sich zurückfallen in den Gartenstuhl und eine leise Stimme protestierte, dass sie ihn viel zu selten sehen konnte, seine Gesellschaft genießen und bei ihm sein. Da war es wieder, dieses müde und leere Gefühl der Jahrzehnte, in denen sie die Entwicklung ihrer erwachsenen Kinder abwesend zur Kenntnis nehmen musste. Sie sahen sich so oft es möglich war, doch dennoch beschränkten sich diese Besuche auf zwei bis dreimal im Jahr, so oft es die finanziellen Mittel und die Umstände eben erlaubten. Es war keine Option für sie, ihrem Sohn in die vereinigten Staaten zu folgen, denn ihre Tochter lebte in Berlin und sie war das verbindende Element zwischen ihren Kindern. Sie versammelte sie um sich zu familiären Anlässen und wusste manchmal nicht, wie es mit dem Familienzusammenhalt nach ihrem Tod wäre. Energisch schob sie diese Gedanken von sich weg, raffte sich aus dem Stuhl hoch und ging in den Flur um ihre Wanderschuhe zu suchen.
Eine Viertelstunde später brachen sie auf. 

Er hatte einen leichten Rucksack mitgenommen, sie wollten bis auf den Kamm hochgehen, das würde ungefähr eine Stunde Marsch bedeuten, vielleicht auch mehr, je nachdem wie schnell sie gingen. Sie waren heute beschenkt mit Exklusivzeit, heute hatten sie sie endlich mal und so war sie aufgestanden mit diesem Luxusgefühl im kribbelnden Bauch. Es war ein junges Gefühl. Draußen war es sehr warm, doch ein leichter Wind ging und bauschte die Bäume der Birkenallee vor dem Haus. Wie läuft es denn bei euch zuhause? 

Er verlagerte im Gehen den Oberkörper etwas nach vorn. Paul kuriert noch die Reste einer Erkältung aus, Amy hat ernste Schulprobleme und zickt nur noch herum und Jill will ständig mit mir über die politische Lage im Land diskutieren, was uns andauernd aneinanderrappeln lässt. Ich kann es langsam nicht mehr hören!
Überall nur noch dieses Thema. Ich hasse dieses fucking TV…

Sie lockerte das Seidentuch um ihren Hals. Ich verstehe, dass es deine Frau umtreibt und auch belastet. Sie ist schließlich Amerikanerin, während es deine Wahlheimat ist. Das ist ein Unterschied. Wie stehst du dazu?
In die Gesprächspause waren zwei Lerchen über dem Feld aufgestiegen und umkreisten sich hell zwitschernd.
Er schüttelte den Kopf. Es ist schwierig, eine klare Meinung auszubilden. Überall werden Positionierungen verlangt. Ich kann nicht das eine verleugnen und mich darüber erheben als wüsste ich es besser. Jill und ich stritten noch vorgestern über ihre Definition von Frieden als hätten wir keine anderen Sorgen…
Ich unterstellte ihr Widersinnigkeit, weil der Friedensgedanke an sich nicht kämpferisch angegangen werden kann, meiner Meinung nach. Ich kritisierte ihre radikalen Ansichten und warf ihr eine vorurteilsbehaftete und zu wenig differenzierende Meinungsbildung vor. Sie regte sich schrecklich auf. Jill ist eine Naturgewalt, du kennst sie doch. Ich habe eine Affinität zu wilden Weibern, du bist schließlich auch eins. Sie drohte mir mit Recherche. Das tut sie immer und das Schlimme ist, dass sie einen erstaunlichen Elan darin entwickelt, sich in diese Themen zu verbeißen wie ein Bullterrier. Und wenn sie mit Logik nicht mehr weiterkommt, kramt sie Gott aus der Kiste und dann ist sowieso alles zu spät. Er seufzte laut.

Ihr Lachen trug sich durch die Bäume. Ich kann Jill verstehen. Sie steht zu ihren Überzeugungen und glaubt an sie. Du wusstest, dass es schwierig werden würde mit jemandem, der auch in einem Glauben und einer religiösen Ideologie verankert ist; sich darauf stützt. Könntest du denn sanfter mit ihr sein? Versöhnlicher vielleicht?
Weißknochiger Kalkschotter knirschte unter den Sohlen ihrer Schuhe. Der Buchenwald lichtete sich. Die Sonne erschien ihm grell und verletzend, hing wie eine offene Wunde am Himmel.
Wie denn? Wie versöhnlicher? Jill steigert sich doch in ihre Vorstellungen hinein. Sie ist wie ein Güterzug und redet mich platt in ihrem Georgia-Akzent ohne Punkt und ohne Komma – dafür mit viel dogmatischem Gepränge. Das hast du noch nicht erlebt!

Schau mal. Sie wies mit ihrem Finger auf eine kleine schattige Stelle zwischen den Bäumen. Komm, wir essen und trinken mal was. Sie fasste seine Hand und zog ihn mit sich. Dann machten sie es sich auf einem alten Baumstamm bequem.
Deine Schläfen werden ja grau, Sohn.
Ändert auch nix mehr an mir, ich bin eben wie ich bin. Er trat trotzig gegen einen Tannenzapfen.
Lass sie doch reden, riet sie ihm. Lass sie. Nimm ihre Meinung hin.
Vorwürfe stacheln Jill nur auf. Willst du das?
Er zog aus seinem Rucksack zwei Trinkflaschen und reichte ihr eine an. Sie setzte sie gierig an die Lippen und trank sie zur Hälfte leer. Das war falsch, sie wusste es, doch der Durst kam ihr übermächtig vor und ihr Hals war ausgetrocknet und rau. 
Natürlich nicht! Belehr mich gefälligst nicht! schnappte er so laut, dass ein Vogel erschrocken aufflog. Willst du damit etwa behaupten, ich sei es, der hier halsstarrig und rechthaberisch ist?
Sie schwieg und ließ den Kopf zwischen ihre Beine hängen. Die Flasche baumelte lose in ihren Händen. Ich soll dich doch nicht belehren. Also finde das doch am besten selbst heraus.
Er runzelte die Stirn.
Du tust gerade so als würdest du Jill irgendwie kennen! Du kommst doch mit ihr überhaupt nicht gut klar. Ihr Beide, das scheidet sich doch wie Feuer und Wasser!
Sie biss in einen Apfel und kaute nachdenklich.
Ich bin deine Mutter und die ist auch bloß ein Mensch mit Nerven. Du hast Jill geheiratet und es war deine Wahl, oder?
Ich arrangiere mich schon irgendwie mit ihr und ihren Eigenarten, wovon sie fraglos viele hat. Sie gehört mit zur Familie. Du kennst doch meine Einstellung dazu. Dass es ab und zu mal kracht, ist doch auch normal, oder? Wir beide haben doch aus unseren Schweigezeiten gelernt, oder nicht?

Ich hab sie betrogen. Er senkte den Kopf.
Sie hörte auf zu kauen und sah ihn an. Weiß Jill das? Ist es was Ernstes? Ihre hellen Vogelaugen durchdrangen ihn.
Nein. Nur ein One-Night-Stand. Vielleicht eine Reaktion auf Jills verbale Übergriffigkeiten. Ihre extrem linke Position ging mir auf den Senkel. Ich fürchte, ich wollte mich rächen, weil sie mich dauernd nervt mit irgendwelchen Protestaktionen an denen sie teilnimmt, weil sie es für ihre shit-god-damned obligation als pflichtbewusste Amerikanerin hält! Ich finde das auch gefährlich, was sie macht und vor allem wie! Das reizt andere auch gegen sie auf. Doch ich kann machen was ich will, Jill hört mir auf diesem Ohr nicht zu. Im Gegenteil! Sie beschimpfte mich als fremdenfeindlich, es hätte nicht viel gefehlt bis sie mich eindeutig in die rechte Ecke gewiesen hätte und das nur, weil ich Hilary wagte in Zweifel zu ziehen. Solltest du Jill mal erleben! Sie braucht ein Vorbild. Das ist es was mich stört.

Und es stört dich, dass du ihr kein Vorbild sein kannst? Wozu dienen denn Vorbilder? Sie sind einseitig, oder?
Sie hatte den Apfel samt Griepsch verspeist und hielt ihm nun den Stängel hin.
Hier, bring mal den Pinsel zum Maler.
Er lächelte wehmütig über den alten Familieninsider.
Mam, ich schäm mich, weil Jill nichts von meinem Ausrutscher weiß. Was soll ich denn jetzt machen? Wie soll ich mit ihr umgehen? Im Bett ist total tote Hose. Seit einem halben Jahr. Ich bin ziemlich verzweifelt und ich vermute, dass die Kinder auch mehr wissen als uns lieb ist. Amy’s Schulprobleme kommen nicht von ungefähr. Er holte Luft und starrte zwischen die Bäume.

Was willst du? Willst du ohne Jill weitermachen? Hast Du Trennungsgedanken im Kopf? reizte sie ihn.
Off Topic! Seine Antwort fiel  lauter aus als er beabsichtigt hatte und hallte zwischen den Bäumen.
Ich liebe Jill. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen.
Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Feine weiße Härchen zitterten zwischen blonden. Es waren mehr weiße Härchen als blonde. Das war vor ein paar Jahren noch genau andersherum gewesen.
Und? Das ist doch gut. Dann weißt du doch was du willst, oder?
Dann kannst du es doch so angehen. Ich habe euch, dich und deine Schwester in einem friedlichen Sinn erzogen.
Sie machte eine Pause.
Ich korrigiere mich: Ich habe versucht, euch beide in einem friedlichen Sinn zu erziehen. Wir dürfen in Friedenszeiten leben. Du wünscht dir, das dies auch so bleiben kann. Was also läge näher, als diesem zutiefst verinnerlichten Gedanken einfach beharrlich und in aller Konsequenz zu folgen? Nimm Jills Überzeugungen also hin, gib deine Frontalhaltung endlich auf und suche die Zwischenwege. Ich sehe dir an, dass du schwere Zeit erlebst. Ich kenne dich doch, deinen Widerspruchsgeist!
Wenn du und Jill zusammen weiter wollt, müsst ihr nachsichtiger miteinander umgehen. Aus einer Enthaltung heraus lässt sich leichter argumentieren als aus einer Wahl heraus. Bedenk das. Du hast nicht gewählt, aber Jill schon und sie hat Hilary gewählt, ist es nicht so?
Er senkte den Kopf. Ja, du hast Recht. Und ich war dagegen. Wir stritten darüber. Es war ein schlimmer Abend. Ich habe zu viel Rotwein getrunken und sie beleidigt. Dafür hat sie nach mir mit einem Buch geworfen, du weißt schon, mit der schönen Rilke-Ausgabe aus der Buchhandlung, hast du mir im letzten Winter Weihnachten geschenkt. Mit persönlicher Widmung. Und ausgerechnet mit so etwas wirft Jill nach mir! Kannst du dir das vorstellen? Ich bin natürlich explodiert und habe sie als verbohrte Zimtzicke bezeichnet, was ein urdeutsches Wort ist, das ich auch benützte, worauf Jill mich beleidigte, indem sie sagte, ich sei ein vernagelter Hornochse und sie sagte das auch auf deutsch. Wir haben gestritten wie zwei erbitterte Kinder und anschließend stundenlang nicht miteinander gesprochen.

Sie überlegte und beobachtete einen Kleiber dabei wie er geschickt am Stamm einer Tanne herunterlief.
Gedanken sind Worte wie Wolken im Wind, dann schreibt die Hand sie oder sagt sie der Mund und sie werden entweder zu Scheiße oder zu Gold. Das ist die Macht der Wortalchemie. So ist das damit. Und wir sind alle Alchemisten. Scheiße oder Gold, entscheide dich und leg dabei deine Hand auf dein Herz.

Jetzt lässt du wieder die Westentaschenphilosophin raushängen, stöhnte er laut, können wir jetzt bitte sofort weiter? Ich hab keinen Zugang zu Lürik, weißt du doch.
Deine poetisch verschlüsselten Belehrungen finde ich nach wie vor echt schlimm.
Ja, ich bin manchmal schrecklich, ich weiß, lenkte sie ein. Sie strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus der Stirn.
Ich versuch dir doch bloß zu helfen, Kind! grinste sie und wirkte verlegen.
Das ist überhaupt nicht gut, wenn du mich dazu bringst, mich wie deine Tochter zu fühlen und nicht wie deine Mutter.
Sie stand auf und marschierte los.
Er folgte ihr, hatte den Rucksack auf einer Seite geschultert, die langen Trageriemen baumelten lose herab.
Der Moralist ist sich selbst sein treuester Apostel, was oder wie? rief er hinter ihr. Sie war leicht außer Atem. Er hatte sie eingeholt.
Willst du etwa mit mir über Moral diskutieren? Sie schritt zügiger aus.
Bist du etwa frei davon? Setzte er ihr entgegen und überholte sie in ein paar zügigen Schritten.
Ey! Sie protestierte. Was fällt dir ein, deine Mutter überholen zu wollen und dann auch noch rechts vorbei? Sie schritt schneller aus.
Das ist das natürliche Privileg der höher entwickelten Nachkommenschaften, Mam!
Der Kamm war fast erreicht, hier stieg der Weg steil an. Er drehte sich um und hielt ihr die Hand hin: Darf ich dir behilflich sein?
Ihr fehlte eindeutig Atem, sie japste leicht und auf ihrer Stirn standen Schweißtropfen.
Sie winkte nach vornüber gebeugt ab, wischte mit der Hand den Schweiß von der Stirn und lehnte sich an den Stamm einer Buche.
So weit kommt das noch! Neverever! keuchte sie gegen ihre Atemlosigkeit an.
Das ist Altersstarrsinn, Mam, das weißt du, oder? Er war kopfschüttelnd stehen geblieben. Und wie war das bitte mit den kämpferischen Überzeugungen, die man zugunsten friedlicher Möglichkeiten opfern soll? Waren das so in etwa deine Worte, Mutter? Hörte ich die Zwischentöne richtig? Und was machst du jetzt, gerade jetzt in diesem Moment? Läufst deinen eigenen Überzeugungen zuwider.

Sie blieb ebenfalls stehen. Er kam ein Stück auf sie zu und hielt ihr seine Hand erneut hin. Sie fasste zu und gemeinsam erklommen sie den Rest der Steigung bis auf den Bergrücken. Er genoss den Blick auf das in der Ferne verschwimmende Land, atmete den Wald ein.Sie schwärmte leise: Ist das schön hier! Schau dir das an! So eine friedliche Ferne.
Tja. Seine Stimme war tonlos, trocken.
Weil es so still ist. Doch selbst Stille kann schon mal zu viel werden, nicht wahr Mam?
Sie nickte und umarmte ihn.
Bitte, flüsterte sie in sein Ohr, versuche es mit Jill. Du brauchst ihr nichts zu sagen, wovon dein Gewissen dir abrät. Verletze sie und das was ihr in Liebe teilt, nicht unnötig. Wenn ich auch manchmal eine moralisierende, philosophierende und belehrende alte Närrin bin auf diesem Narrenschiff.
Der Wind kühlte seine braun gebrannten Arme, die Haut klebte leicht von einem feinen Schweißfilm.
Noch lag der Sommer schwer und trocken nach Gras und Bäumen duftend über Hängen und Wiesen.
Er dachte über seine Heimat nach und über die Traditionen der neuen Wahlheimat, in der er seit nun mehr als zwanzig Jahren lebte. Er fühlte die Verwurzelungen in der neuen Mentalität, den anfangs fremden Gebräuchen und Lebensgewohnheiten. Wie er lernte, Thanksgiving und den Independence Day zu feiern. Er meinte zu verstehen, was seine Mutter ihm sagen wollte und er bemerkte tiefere Falten in ihrem Gesicht, die sich seit seinem letzten Besuch in Augen und Mundwinkel ihres Gesichtes gefurcht hatten. Er dachte darüber nach, wie oft sie sich wohl noch sehen könnten bis was geschähe?
Dort spürte er Widerstand und nahm ihn als gegeben hin als das ganz Normale, das Kinder ängstigte, wenn das zunehmende Alter Eltern zerbrechlich werden lässt und das Vermissen seines Vaters in ihm wuchs mit einem Mal so atemberaubend groß, dass er, obgleich von Wind umgeben, überrascht nach Luft schnappte.

——

Advertisements

6 Kommentare zu “Die Schwellengänger

  1. Clara HH sagt:

    Liebe Fee, es wäre schön, wenn es solche oder ähnliche Situationen bei mir und um mich herum auch gäbe, doch habe ich leider nicht viel Hoffnung.
    Mein Leben verläuft anders.
    Doch jetzt laufe ich ins Bett, und zwar hurtig. Du schlaf auch schön!
    Ganz liebe Grüße von mir

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe C-C,

      Das ist es, oder? Oft verläuft es im Leben anders….doch dieses hier ist auch eine Möglichkeit…keine perfekte, so wenig vollkommen wie die Erde keine runde, sondern eine unregelmäßige Form hat…
      Und wahrscheinlich eiert wie verrückt ohne dass wir es mitbekommen.
      Oder doch…?🤔

      Schlaf schön…
      und ganz liebe Grüße zurück von der Fee✨

      • Clara HH sagt:

        Wie oft höre ich von anderen, dass sie mit der Familie der Enkel verreist sind – und wenn auch hauptsächlich zum Kinderhüten. In unserer Familie hat in der Vergangenheit jeder seins gemacht – und macht es noch immer.

      • karfunkelfee sagt:

        …ich höre so etwas auch oft von anderen….es ist eben das Leben der anderen
        und ehrlich? Es ist mir so egal! Weil es nämlich die Anderen sind und die haben ganz andere Voraussetzungen als ich und die sind auch ganz anders als ich…

        es gäbe auch bei mir Menschen mit denen ich mir ein „Mehr“ wünschen würde
        Doch dazu gehören immer auch andere, also kann ich nicht mehr tun als ihnen meinen Wunsch offen zu zeigen und wenn sie ihn ignorieren wollen, dies zu akzeptieren ohne indes etwas auszuschließen, zum Beispiel auch die Möglichkeit, dass die anderen ihre Meinung ändern. Ich habe null Bock auf Bitternis. Es gibt genug Menschen in meinem Leben, die mich mögen als die, die ich bin. Außerhalb der Familie auch. Lieben Gruß💜

  2. meertau sagt:

    das war ein langer text….. und ein wunderbarer text…. ich seufze noch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s