Streckenabschnitt

Gestern las ich bei Birgit von Sätze & Schätze einen toll geschriebenen und fundierten Beitrag zur Beat-Generation.
Das hat mich getriggert.
Ich habe mal  für den gedanklichen Anreiz und den Schreibimpuls zu danken.

Lieben Gruß von der Karfunkelfee

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Die blutvolle Zeit der Züge. Unterwegs auf Streckenabschnitten. Hoffnungsvolle Frühlingsspiegelungen in Zugfenstern. Wir lasen uns Kerouac vor, ich kniete vor dem Klang deiner Stimme. Kerouac und Kredo begann ich beides mit K. Dieses ständige Gefühl explodierender Sterne in meinem Bauch und hinter meiner Stirn kochende Blutlava.

Wir saßen in Duisburg und warteten. Das feuerrote Spielmobil parkte neben mir und quoll über von diesem ganzen Zeug: Wickeltasche, Flasche, Schmuseschafspieluhr. Es passte nicht zusammen. Das Kleinstlebewesen gehörte doch in eine Wiege um diese Zeit! Doch sie schlief auf dem rissigen Bahnsteig wie ein Ästchen. Ich saß im Leermoment und fragte mich was mein Leben sei und wie zum Teufel es weitergehen solle. Wir kamen von einer Lesung aus Krefeld und ich erinnere mich später im Park noch an den Geruch von Gras, irgendwie fleischig, so, wie diese ganze Zeit hautprallgefüllt war, durchdrungen von Lebensgier und von Träumen, die sich zwischen Buchdeckeln verbargen, die wir uns fanden, die wir einander vorlasen, augehungert nach Worten, die uns irgendwie beschreiblich träumen konnten. Ich wusste von Anfang an, dass unsere Wortmusik nur in uns selbst geschrieben werden musste. Mit irgend etwas mussten wir unsere säurigen Hungerlöcher stopfen. Der Moment allein auf dem Steig mit dem Kinderwagen klapperte hohl leer, eingeschlossen zwischen zwei Zügen, noch zart nach Heckenrosen in der Vase neben dem zerwühlten Bett duftend, nach unserer Frühe. Ich ahnte, lange bevor es gewisslicher wurde eine Schärfe in der Erinnerung, dass die zukünftige Vergangenheit unsere Blumenkinderbilder längst an den Felsen der Wirklichkeit zerschlagen haben würde, dass unsere Sonnen ausgeglüht sein würden und dass endlich eindeutig bewiesen sei, dass es auf dem Mars immer schon zu kalt gewesen war als dass es dort jemals hätte flüssiges Wasser geben können.

Mein kleiner Stern schlief. Sie bekam von alledem nichts mit. Damals. Das schlechte Gewissen sie herumzuschieben triezte mich die ganze Zeit, die Morgendämmerung war bleigrauer Schwermut und der Park war so fettgrün, so nass und saftig, dass ich meine Schuhe auszog und barfuß weiterlief. Damals, das war, als die Kinderwagen noch bunt waren. Und damals, das war als du neben mir gingst und ich deine Stimme schlürfte weil sie nach Morgentau schmeckte und weil sie deinen blinden Nachtgeruch wie lüsterne Schweißflecken trug.
Ich kannte die Gleisbetten, die Kiesherzen auf den Überlandstrecken, das hohle Rattern, die Müdigkeit der durchgemachten Nächte dumpf hinter den Augen drückend und brennend. Wir waren zwischen den Zügen und immer wieder waren wir das Trennen, das ständige ewige Abschiednehmen, kaum, dass wir uns mal in den Armen hielten. Wir waren grenzenlos zusammen für eine Lesung, für ein paar Stunden, abgetrotzt, abgerungen, dennoch war es unsere Alleinzeit. Wir stellten uns etwas zusammen vor, wie das wäre, so mit dir und uns als Parallelzüge. Du hattest viel übrig für den kleinen Stern. Du hieltest sie in den Armen wie ein kosmisches Wunder, so eine Krebsin, der Panzer noch ganz weich und verletzlich wie die pochende offene nach Butterkaramell duftende Hautstelle auf ihrem Flaumkopf. So eine wie die könnte glatt meine sein, sagtest du mal als sei dies so einfach wie dir klar war, dass zwischen Würde und Wollen viele Züge hin und herreisen in unterschiedlichen Richtungen, sie zerrten das Wollen immer wieder auseinander. Doch die Tränen nahmen wir würdevoll und vollmundig in Kauf. Wir dachten, wir seien romantisch und das alles war irgendwie groß und dramatisch.
Wir standen in der Dämmerung im nassen Gras und ich bewunderte deine nackten Füße. Das mit feuerrotem Bärchenmotivstoff gepanzerte Spielmobil parkte zwischen uns, doch kein Hauch war daraus zu vernehmen, nicht mal ein Spieluhrzittern. Was, wenn wir schon geschrieben sind? Fragte ich dich und fand mich sinnlos. Starrte auf den Roststreif in diesem asphaltgrauen Sackhimmel über uns, roch das fette grüne Gras und fand uns genauso der unwillkürlichen Beliebigkeit künftiger Geschehnisse ausgeliefert wie das Gras.

Wir lebten so blutvoll weil wir uns jeden Moment wieder entrissen wurden, immerfort ständig aufs Neue und wir berührten uns so, als sei dies total verboten und wir dachten, dass das was wir waren falscher überhaupt nicht hätte sein können, geschweige denn dürfen und wir waren der Moral hingebungsvollste Delinquenten im Leugnen der Unmöglichkeit. Da war diese Gewissheit, dass das alles schon seine Richtigkeit hätte und es war so als kannten wir uns schon seit Zeitaltern und mit unseren nach Heckenrosen und Schweiß duftenden Worten, den gierigen Sätzen mit den vielen Händen überall gleichzeitig, besonders jedoch innenhäutig, streichelten wir uns die Seelenhäute, das, was noch übrig war von dem Vertrauen, dass Leben mehr zu vergeben hat als funktionell und strebsam darin zu hamstern wie eine gut geölte Maschine und dass es so etwas noch gibt wie eine Fügung, die Menschen zusammenführt obwohl alles gegen sie ist.

Wir waren die Trotzkinder und Rebellen, wir waren anarchisch und hörten Punk und wenn nicht den, hörten wir Nick Cave, Lisa Germano, die Queens und lasen uns Kerouac vor, Mexico City Blues. Du sagtest, die Beats brauchen viele Nachkommen. Das war in der hoffnungsvollen Zeit der Züge, der Lupinenzeit. Sie ist immer noch mein Gesicht in verschmierten Zugfenstern gespiegelt, ein ständiges Ankommen und wieder Abschiednehmen, ein verwahrlostes Vermissen, wild zärtlich wuchernd wie der Efeu am verrosteten Gitter des Balkons der Frau mit den schlechten Zähnen. Wir waren Giergrün in dieser ansonsten heruntergekommenen und abblätternden Umgebung, ein Augenfraß, hungrig bis in alle Zeiten.
Du sagtest, ich solle die Zeit der Züge aufschreiben, ich fände schon irgendwie Worte dafür, ich solle meinen Worten vertrauen.
Nun, hier sind wieder ein paar, der Vergangenheit abgetrotzt und sie sind aus einem Damals, das sich damaliger als sich heute das Jetzt anfühlt.

Frühlingsknospen an nackten Zweigen, Verklärung berührt Wirklichkeit. Die alten Leute schauen den Spaziergängern und Müttern mit Kinderwagen verträumt nach, so als hielten sie ein vergebliches Hoffen an einer Drachenschnur ohne Drachen.
Sie sollen sich doch nicht auf diese eiskalte Bänke setzen, haben die Schwestern, die Pfleger ihnen befohlen.
Sie werden sich Blasen und Nieren verkühlen.
Sie kommen in die Höllehöllehölle!
Doch sie tun es trotzdem…

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11 Kommentare zu “Streckenabschnitt

  1. Ulli sagt:

    So gerne habe ich deinen Text voller Träume, einem Sternenkind und von Zügen, fettem Gras und Immer-wieder-Abschied gelesen. Es schwingt sich in meins der alten Zeit, so, wie sich die Zeilen von Patti Smith in meine Wurzelhaut schwangen. Beatgeneration, Patti Smith war schon nur noch ein Anhängsel davon, sie war vielleicht der Schwanz des Beattieres, während wir nur noch die aüsserste Schwanzspitze zu greifen bekamen und doch nahmen und sie Anteil daran hatte, dass wir wurden, was wir sind. So Vieles hat Anteil, Jack Kerouac, Burroughs und Snyder auf alle Fälle auch.
    Liebe Stefanie, ich danke dir für deins,
    herzlichst
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Ulli, ich las heut Morgen von Patti und Dir, wir teilen sie, sie ist immer noch und wieder gern genau wie Lenore Kandel eine meiner Zauberinnen in Worten, weil sie so blutvoller Geist ist. Dein Beitrag zu ihr war klasse..wieder so Seelenworte. So wie diese hier und wie bei allem erinnern auch sie nur einen Ausschnitt vom Ganzen, vllt. weil diese Zeit auch schwer war und leidvoll. Dennoch war das Licht angezündet und bleibt und lichtert aus den Damalsschatten. Der kleine Stern ist gewachsen und hat sehr große Füße, da geht noch was nach oben Richtung Himmel, sie wird mich bald einholen. Der Beat lebt, oder? Sein Spirit…oft finde ich ihn und das ist sehr fein…👌✨

      Herzliche Grüße zu Dir✨

      • Ulli sagt:

        Ja, der Beat lebt, in dir, in mir und einigen anderen! Und das ist gut so- gestern habe ich über ein Manifest nachgedacht, ein Manifest zu meiner Kunst und meinen Worten, es hätte die Überschrift: Das Manifest der Freude … die Freude am Tun, die Freude an der Gestaltung womit auch immer noch, die Freude daran GesinnungsfreundInnen zu treffen, die Freude an diesem bunten Leben, ja, auch mit seiner Schwere und seinem Chaos, wie sonst könnte die Freude an der Schönheit sein?
        Herzensgrüsse an dich
        Ulli

      • karfunkelfee sagt:

        So ein Manifest klingt toll und es müsste toll sein dürfen, toll vor Freude und diesem Daseinsgenuss, in dem ich mich lebendig, funktional wie eine gut geölte Maschine fühlen kann. Doch was ist Freude? Sie kann so viel sein. Selbst tiefem Schmerz kann eine hohe Freude innewohnen. Für jeden bedeutet Freude ein anderer Ausdruck, für den einen ist sie eine sonnige Wiese und für den anderen eine Erleichterung oder eine Tasse Cappuccino auf einem Platz mit auffliegenden Tauben im Frühling an so einem Georgette-Tag, einfach fluffig. Freude kann wühlen, bersten und Herzen brechend sein. Dieses Manifest der Freude klingt mir ganz nach einer Sache, die unbedingt verwirklicht finden sollte. Mit lauter Gesinnungsfteundinnen. Das klingt einfach…sag mir wenn Du loslegst und was brauchst. Einen Text, zum Bleistift…🤗✨

        Ich grüß Dich.
        Herzchenweitwurf.
        Ga-gong…

        -Stefanie

      • Ulli sagt:

        Stimmt, liebe Schreibefreundin, Freude ist bunt, sie hat viele Gesichter, manchmal kommt sie auch erst später, aber sie kommt.
        Ich denke mal noch drüber nach, die Idee kam mir gestern beim Einschlafen … und dann sage ich dir Bescheid!
        liebgrüss
        Ulli

      • karfunkelfee sagt:

        Du weißt doch…jeder Anfang samt sich als Traum oder Gedanke erst einmal aus…
        Liebgrüße zurück✨

  2. kowkla123 sagt:

    eine tolle Geschichte super geschrieben, es ist kalt geworden, passe auf dich auf

    • karfunkelfee sagt:

      Danke, , auch für Dein Lob, darüber freue ich mich.
      Einzwiebeln ist angesagt. Drei Lagen mindestens. Es müsste Wimpernwärmer geben. Meinen Augen ist so kalt…
      Ich pass auf mich auf,
      Du bitte auch auf Dich…✨

  3. Das freut mich, dass ich Dich zu diesem wunderbaren Text triggern konnte … du hast so ein schönes Gespür für Worte! Die hautprallgefüllte Zeit, die Lupinenzeit, wunderbar … Ich hoffe doch, dass Du das Giergrün beibehälst! In diesem Sinne – danke, Birgit

    • karfunkelfee sagt:

      Selbst das zäheste Giergrün ginge ein ohne Nährerde und die Träume bleiben so lange lebendig wie ich sie pflege…bewahre…
      Ich hatte vor ein paar Tagen den Schmalband mit Robert Creeleys Echoes in der Mangel, darum sprangen mich Deine Beatnik-Worte heut Morgen gleich an und es fiel mit einem Mal so leicht in die Lupinenzeit zurückzuspringen, weil das Feeling wieder da war.

      Danke für Deinen Beitrag. War mir ein Lesegenuss – wie so oft!

      Herzliche Grüße von Stefanie✨

  4. Flowermaid sagt:

    … Kinder ziehen dich in die Gegenwart, die den Tanzraum mit dem Partner zu verkleinern scheinen… deine Worte tanzen und sie ergreifen Raum… tanzen ist sich Einlassen… ich entschwebe in dieser Erinnerungsblase… ⭐

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