die wahren Toten der Städte

Liebe blogfreude,

diesen Text schreibe ich der Gedichtsammlung „Ende“ von Elfriede Jelinek. Ist eine Schwärmerei. Ich bin begeistert von diesem Buch….

Die Begegnung ist genauso so geschehen, sie ist authentisch.

Es ist ein wunderschönes Buch. Eine Kreisquadratur. Mit Zeichnungen von Martha Jungwirth.

Zwei Frauen, mein Wow…

Liebe Grüße von der Fee

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In die Enge des Waggons zwängt er sich auch noch, seine Jacke reibt an Knien. Er ist groß und stämmig. Die Grünhaarige starrt, als sei er irgendein Dunst zwischen Bäumen. Der Bass wummert aus ihren verstöpselten Ohren. Ihre Nase zuckt kurz wie bei einem Kaninchen, wirkt rotwund, rissig. Die Frau gegenüber hat sich in Teneriffa versenkt. Auf dem Reiseführer prangt hochglänzend Fernsonne, eine Sandglut. Der blaue Atlantik schwappt gegen den Schmier auf der Scheibe und gegen den Regen, der strichelt und zerplatzt in feinfädiges Rinnwasser.

Er steht da ganz unbewegt, als kümmere ihn die Umgebung so wenig wie die Menschen, deren abgearbeitete Blicke ihn immer wieder streifen. Seine Haare sind wie zufällig glatt gelegt und geregelt gekämmt wie seine Gesichtshaut, gespannt von seinem Lächeln, tief unbekümmert mit den Mundwinkelhäkchen nach oben. Die Grünhaarige bewegt sich, hat ihre langen Beine ineinander verknotet, ihre Nase zuckt. Wieder und wieder starrt sie. Dieses Mal fährt er ertappt zusammen. Seine unruhigen Hände mit den kurzen Fingern und den sauber zurückgeschnittenen Nägeln beschreiben kleine Panikkurven in die Luft. Ein harter Ruck geht durch den Waggon, die Stehenden, durch ihn. Er droht die  Balance zu verlieren und hält sich an einer Stange fest. Die Bahn legt sich schleudernd in die Kurve. Griesgrämige Häuser tauchen seitwärts auf, ihre dunklen Fenster spiegeln mundtotes Dunkelhohl, ihre Trauerfassaden blähen sich, platzen ab. Sie rotten sich in ihrem steinernen Zuviel, ihre Mauerlungen verstopften und erstickten sie. Die räudigen Häuser sind die wahren Toten der Städte.

Alles rauscht und rattert, es quietscht ohrenbetäubend, eine mechanische Dissonanz baut sich in der Lärmbrandung auf in Beschleunigung, dem Fortdriften, einem Schienendrang wie ein physikalisch unmögliches Zerreißen im still sitzenden Körper. Das Buch auf den Knien ist leicht. Den Texten kielt ein Federkleid hoch, sie sind Schnabelsprießen. Das Buch ist zwei wild umeinander tanzende Frauen, die sich solange verschlingen bis sie ganz werden. Ein Lesewunder.Der Mann kann die Augen von dem Buch nicht lassen. Er kost es mit Blicken, umfasst es. Sein Gesicht wird klar und beginnt ein Leuchten. Er räuspert sich vernehmlich, ein Ähem! , lauter als üblich, als sich wiewohl gehört? Köpfe rucken herum in vorwurfsgeschwängertem Warten. Sein Hals schwillt an, sein Rachen klebt an seinem Gaumen hinten an dem Schluckpunkt auf seiner Zunge fest in etwas Zähem und Unaussprechlichem, mit dem Kiefer zermahlen zu einem Mandelsüß wie Mädehonig, zeitverloren und andauernd.

Die Grünhaarige erstaunt nasezuckenderweise und Teneriffa wird einen Moment lang sehr unwichtig. Die Straßenbahn hält ächzend und pfeifend an der Haltestelle. Der Mann  bemerkt, dass aller Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet ist. Er muss hier aussteigen. Als flüstere er eine Entschuldigung, bemerkt er hastend und in Eile, doch dabei sorgfältig: Das ist wirklich ein wunderschönes Buch!

Die Besonderheit hält allem Anschein nach. Teneriffa ist eine Ringellocke, mit einem Echo-R in den Lachfalten, ein Gruß durchs Handy. Die Grünhaarige niest bereits seit zwei Stationen und sucht nach einem Taschentuch. Die anderen sind zurückgekehrt in ihre dunklen Straßenfluchten.  Er war ein Kurzfristiger mit seinen fein geäderten Schwebschwingen. Er war der Leisende, der Flüchtige und er hatte Nebelaugen.

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6 Kommentare zu “die wahren Toten der Städte

  1. Ulli sagt:

    Liebe Stefanie, feine Wortbilder finde ich in deiner Geschichte: abgearbeitete Blicke zum Beispiel oder die räudigen Häuser … Elfriede jelinke also, sie hatte ich schon fast vergessen, ich habe irgendwann aufgehört sie zu lesen, sie war mir zu düster- wie ist das mit den Gedichte jetzt?
    Herzliche Frühabendgrüsse
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Ulli…ich steige über ihre frühen Gedichte in E. Jelineks Kunst ein. Doch las auch schon längere Texte und sah sie mir auf yt an. Irgend etwas stellen ihre Texte mit mir an. Auf das erste Lesen erscheint eine Art Dunkelheit, doch ich finde sie faszinierend, weil in dieser Dunkelheit die Lichter schwimmen, die ich in allen ihren Texten finde. Ganze Seen manchmal. Und diese Gedichte sind so tief, so intensiv, wahnsinnig temperamentvoll. Sie trifft total meinen Nerv, etwas in dieser Größe hat zuletzt Ingeborg Bachmann hingelegt, ihren Gedichten fühl ich mich auch so seltsam nah.
      Ich lese jeden Tag eins und intoniere sie immer laut. Sind Wörter drin, die nur Gefühl verursachen, kaum mehr Verständnis und das in einer Sprachmelodie, die mir die Haare sträubt, weil ich so schön finde.

      herzliche Frühlingsgrüße zu Dir von Stefanie…

      • Ulli sagt:

        So, wie du es beschreibst, muss ich wohl mal etwas an meinem Vorurteil arbeiten 😉
        ich wünsche dir einen feinen Sonntag
        herzlichst
        Ulli

      • karfunkelfee sagt:

        Ist es denn ein ‚Vorurteil‘?
        Hm…..
        Frau Jelinek fordert mich ordentlich. Sie schreibt ausgesprochen speziell und mich fasziniert das, weil Sprache in meinem Kopf meistens Ähnliches mit mir anstellt…
        Sie spielt, ist gierig und ist so frei…
        Ich habe es in früheren Jahren schon mal mit ihr versucht und es misslang. Vielleicht musste ich erst alt genug für sie werden um mit ihren Wortbildern zu fliegen…Mit mancher Kunst ist das bei mir so. Kandinsky, bestes Beispiel….Früher hätte ich mir lieber einen Monet an die Wand gehängt…heute finde ich in Kandinskys Bildern so viel Welt, dass statt Monet lieber er meineWand schmückt, doch wenn ich genug Wände hätte, hinge dort auch ein sanfter Monet. Ich mag sie alle sehr, sie wirken bloß total unterschiedlich. Monet regt mich an ruhig und friedlich zu werden, der Kandinsky ist sehr anstrengend, fordert mich immer neu zu Entdeckungen.
        Kann man Liebe zu mancher Kunst erklären? Oder ist sie wie im alltäglichen Leben eine Begegnung, die nachhält, weil man wem begegnet, der fasziniert, irgend etwas auslöst, ein tiefes Gefühl, eine große Lust…? Loses Gedankengeschwurbele und
        Herzlich zurück,
        Stefanie

      • Ulli sagt:

        Es stimmt, auch in der Kunst gibt es Zeiten in denen mal das eine, mal das andere wirkt, ob nun bei Bildern, Büchern oder Filmen. Bei Musik ist es bei mir anders, da bleibt es bei dem, was ich mag oder nicht mag stehen, ich mag keine Schlager und ich mag keine Opern und Operetten, mit sehr wenigen Ausnahmen nur. Für manche Bücher brauche ich Jahre bis sie zu mir sprechen, andere, die ich einst verschlang stehen nun nichts mehr sagend in meinem Regal, können also bald weg, dann wenn ich umziehe!
        Es gibt auch ein Sattsehen, wenigstens bei mir, so ist es mit den Bildern von Gauguin und van Gogh, ja, sie sind immer noch toll, aber ich habe mich an den meisten von ihnen satt gesehen- auch das geht!
        Herzlichst
        Ulli

      • karfunkelfee sagt:

        All das nicke ich glatt ab, so ist es! Kunst ist wie ihre Schöpfer so einzigartig wie der Mensch selbst. Manche Kunst fasziniert mich, andere stößt mich ab wie eine Knoblauchfahne. Es ist meistens intensiv, doch mit dem, was mich widert, befasse ich mich besonders, dieser Weg führt in meine Hölle und mittlerweile kenn ich die schon ganz gut.

        Musik…da bin ich anders als Du. Ich mag keine Schlager, Musicals oder Operetten, doch es gibt immer wieder Ausnahmen wie die West Side Story, Anatevka…oder Abba oder Schlager mit Sahne…ich bin da zugänglich…na ja…ich höre auch Turbo Negro wenn ich Wut habe und Musik ist mein Stimmungskatalysator, ich berausche mich regelrecht daran, ich alter Suchtknochen…:-)

        Ich warf letztes Jahr 200 CD’s fort. Das darf ich gar nicht erzählen, es beschämt mich immer noch. Bücher und CD’s kann ich so schlecht wegwerfen wie alte Kuscheltiere oder verlorene Püppis. Am schenke ich sowas weg…

        In manches wachse ich noch hinein, ich will da hinein und suche ständig neues Input…dabei jedoch begleiten mich liebe Weggefährten der Vergangenheit. Heute blogge ich Ann Clark. Sie war ein Geist mit mir als ich anarchische Fünfzehn war und meine Eltern nur noch dauerschockte…🤗

        Ich lese grad viel Villon.
        Zigeunerblut…👌

        Herzlich,
        Stefanie

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