Die Verweigerung der Ohnmacht, still zu stehen.

Die diesjährige Projektwoche in der Schule befasst sich thematisch mit der Bundeswehr und ihren Funktionen. Sie steigt in den Bus, der sie zusammen mit der Klasse zur Bundeswehr-Kaserne bringt. Es ist noch kalt, sie hat die rote Cordjacke mit der Kapuze angezogen, doch den Frühling schmeckt sie bereits in der milden Luft. Aus dem Busfenster beobachtet sie einen Schwarm Kraniche und lauscht dem Stimmengesumm um sie herum. Ihre Schulkameradin hat einen Walkman dabei und hört Anne Clark. Ihr Kopf bewegt sich rhythmisch zu den Beats und sie formt mit den Lippen die Lyrics nach. Die Lümmel aus der letzten Reihe sitzen natürlich auch im Bus wieder ganz hinten in der letzten Reihe und halten wie üblich den Klassenlehrer auf Trab. Es riecht nach Leibnitz Butterkeksen und Schinken-Butterbroten, nach Äpfeln , mit Papier gefüllten Tornistern und Schule. Sie schließt die Augen und lässt sich treiben, der Bus schaukelt ihren Körper sanft hin und her.

Die Fahrt dauert eine knappe Dreiviertelstunde. Ein junger Feldwebel nimmt ihre Klasse in Empfang, spricht ein paar Begrüßungsworte und erklärt, was es mit der Bundeswehr im Allgemeinen und den Pflichten und Diensten hier in der Kaserne so auf sich habe. Stolz präsentiert er seinen tadellos aufgeräumten Spind. Alles riecht hier nach Kontrolle bis in die kleinste Knickfalte der in Stapeln säuberlich gefalteten Pullover in den Spindfächern. Auch das ordnungsgemäße Falten und Zusammenlegen eines Kleidungsstückes demonstriert der Feldwebel und führt vor, wie man ein Hemd nach Vorschrift in ein perfektes Quadrat verwandelt. Die Lümmel aus der letzten Reihe setzen betont verweigernde und trotzige Mienen auf. Ihr Klassenlehrer behält sie wachsam im Auge, denn sie machen Anstalten sich verdrücken zu wollen und zappeln während der Demonstration des Feldwebels unruhig mit den Füßen.

Anschließend besichtigen sie den Speisesaal und lassen sich über Küchendienste und Dienstbereitschaften aufklären. Als nächstes betreten sie einen Seminarraum und werden ausgiebig über die Funktion der Bundeswehr in Deutschland informiert. Dann spricht der Feldwebel über Waffen. Er hat einen selbst ladenden Karabiner Carbine M1 dabei und klärt die Klasse darüber auf, dass dieses Gewehr im zweiten Weltkrieg eingeführt wurde und bis heute eingesetzt wird. Sogar die Lümmel aus der letzten Reihe halten jetzt gebannt ihre vorlauten Mäuler und sogar ihre Klassenkameradin, die sagt, dass sie Krieg und Waffen hassen würde, folgt gebannt den Ausführungen des Feldwebels. Sie findet Waffen so richtig scheiße und laut sind sie obendrein auch noch. Schusswaffen sind gemein und tückisch, denkt sie und beobachtet wie der junge Feldwebel die Waffe mit lautem Klicken auseinandernimmt und routiniert schnell wieder zusammensetzt, eine millionenmal eingeübte Geste, dabei erklärt er wie wichtig die Einhaltung der korrekten Reihenfolge sei, damit man sich nicht aus Versehen ins Knie schießt. Die Klasse lacht laut. Sie findet das hier alles andere als komisch oder witzig. Eher bierernst. Schusswaffen lassen dem anderen keine Chance, seine Stärke zu beweisen oder zu fliehen. Schusswaffen sind sowas von feige und unkriegerisch! zischt sie verächtlich und Matthias neben ihr nickt sanft, das Gesicht vor Ekel verzogen. Er hat lange Haare wie ein Mädchen. Seit dem Praktikum auf dem Schlachthof zu dem ihn seine Eltern genötigt hatten, ist er strikter Vegetarier und lehnt Gewalt grundsätzlich ab. Matthias gehört zu ihrer Clique, sie hört sehr gern Platten mit ihm. Er ist irgendwie noch ganz anders als die anderen. Sie weiß, dass er niemals ein Soldat werden könnte. Bei den anderen ist sie sich da nicht so sicher.

Sie hat noch keinen Freund, so wie die anderen Mädchen. Sie hat nur ihre Kumpel, ihre Clique. Manchmal denkt sie darüber nach wie es wäre wenn sie mit Matthias „ginge“. Doch sie denkt den Gedanken nie bis zu Ende. Endlich ist die halbstündige Vorführung mit Waffe und Diaprojektor beendet. Erleichtert geht sie mit den anderen aus dem Raum. Der Exerzierplatz ist der nächste Anlaufpunkt. Sie muss mal. Es wird langsam dringend. Also fragt sie ihren Klassenlehrer ob sie mal zur Toilette dürfe. Er nickt und spricht kurz mit dem Feldwebel. Dieser bringt sie zu einer Toilette. Es ist ein seltsames Gefühl an einem Ort zu sein, an dem es nur Männer gibt. Doch 1984 ist das bei der Bundeswehr noch so, auch hier. Die Toilette ist wie alles in dieser Kaserne sehr sauber und gepflegt. Nirgendwo ein Stäubchen. Sie tritt in den langen leeren Flur. Von fern hört sie Stimmen und versucht darin die ihrer Klassenkameraden ausfindig zu machen. Sie sucht den Weg Richtung Ausgang, verläuft sich in den Gängen, immer neuen Abzweigungen, bis sie sich völlig darin verloren hat. Ewigkeiten scheinen ihr seither vergangen zu sein. Am Ende des langen Flurs ist eine Ausgangstür nach Draußen, sie lässt sich öffnen. Sie steht in der Sonne auf einem Exerzierplatz, doch es ist ein anderer als der, auf dem sie sich vorher mit ihrer Klasse befand. Hinter dem Exerzierplatz standen aufgereiht die großen Panzer. Sie kommen ihr vor wie raubgierige große Tiere in Lauerstellung, zum Sprung bereit. Neugierig geht sie näher an die Panzer heran. Es sind gewaltige Maschinen. Sie betrachtet sie und nimmt wieder diesen Waffengeruch wahr, diese Melange aus Schmiere und Metall. Alles ist still, sie hört keine Stimmen und sieht niemanden. Also beschließt sie, weiter nach ihrer verschwundenen Schulklasse zu suchen. Sie dreht sich um, den Panzern den Rücken zu und bewegt sich auf die Stirnseite des Gebäudes zu, an der sie den anderen Platz und auch ihre Klasse vermutet. Die Sonne brennt heiß auf ihren Rücken, ihr wird schwitzig und warm in ihrer dicken Cordjacke. Sie bleibt stehen und nestelt am Reissverschluss.

Hinter ihr entsteht abrupt ein lautes Geräusch, es kommt von einer Maschine und sie fährt überrascht herum, die Hand am halb heruntergezogenen Reißverschluss ihrer Jacke. Einer der großen Panzer bewegt sich! 70 Tonnen Panzerstahl halten auf sie zu, die schweren Gleisketten erzeugen ein nervenzerfetzendes Gekreische und kommen ein Stück von ihr entfernt schließlich zum Stillstand. Der Geschützturm dreht sich und richtet das Rohr exakt auf ihren Körper aus. Entgeistert blickt sie direkt in die Mündung und hört ein lautes Klicken, das aus dem Innern des Panzers dring. Eine stählern zwingende Lähmung, schwer und giftig wie Blei breitet sich in ihr aus. Sie fühlt sich winzigklein, riecht den heißen Militärgestank, ihr wird übel. Sie kann sich nicht bewegen, sie will fortrennen, doch es geht nicht! Sie steht da wie festgewurzelt. Sie erkennt die letzten Augenblicke des Kaninchens mit der Schlage.  Heiße Angst schießt in ihr hoch. Was, wenn sich ein Schuss lösen würde? Was bliebe übrig von ihr? Würde das Sterben wohl lange weh tun? Wie weh würde es tun von einem solchen Geschoss in Blut und Fleischfetzen, Gehirn und sonstige matschige Innereien verwandelt zu werden? Nur noch Masse zu sein, rohes Fleisch? Etwas in sich eindringen zu fühlen, das alles so dunkelrot und glänzend zerreißt wie ihre Cordjacke? Sie spürt wie sie zittert, ihr Magen sich hebt und senkt. Sie kann es nicht kontrollieren. Das Zittern erfasst ihren Körper ganz, sie verliert jegliches Gefühl, sie fühlt auf ihrer toten Winterblasshaut nun gar nichts mehr. Sie spürt wie ihr Geist fliehen will, raus aus diesem Körper, der sowieso sterben muss, ja jetzt gleich und auf der Stelle durch einen saublöden Unfall oder so etwas und sie versucht sich festzuhalten an sich selbst, doch es geht nicht, sie kann ihre Hände nicht bewegen. Sie kommt zwar just vom Klo, doch seltsamerweise hat ihr Körper Flüssigkeit in der Blase gespeichert, wo er sie hernimmt, weiß sie nicht mehr, spürt nur wie ihre warme Pisse mit ihrer Beherrschung an ihren Beinen herunterläuft und als sei dies nicht schlimm genug, beginnt etwas in ihr zu würgen und will raus, unbedingt und sofort sich von innen nach außen stülpen. Jetzt lassen sich ihre Hände endlich bewegen, sie registriert, dass sich oben auf dem Panzer eine Klappe öffnet, doch da kotzt sie schon und das erbrochene Morgenmüsli tropft auf ihre Füße, auf ihre Turnschuhe mit den Streifen und alles riecht sauer in ihr und um sie herum. Irgendwer ist aus dem Panzer ausgestiegen, dann wird alles schwarz. Sie bemerkt nicht mehr, wie Arme um sie herumgreifen und versuchen aufzuhalten, dass sie umkippt und mit dem Kopf auf die Steine schlägt, eine Platzwunde am Kopf hinterlassen, das Blut läuft raus. Krieg tut immer nur weh, das weiß sie nun auch ohne, dass sie zerschossen wird und in Menschenmatsch verwandelt. Krieg ist so rot wie die Scham, wie ihre Scham, weil sie sich eingepisst und vollgekotzt hat wie ein Kleinkind.

Niemand aus ihrer Klasse sagt etwas. Alle wirken irgendwie betreten, am allermeisten der Soldat, der den Panzer fuhr und sich mit seinen Kumpeln einen Heidenspaß erlauben wollte. Er entschuldigt sich bei ihr, seine rote Mütze unbeholfen in den langen Fingern knautschend, drehend, wendend. Es war doch nur ein harmloser kleiner Jux. Es sollte doch nur lustig sein. Dass so etwas passiert, habe er doch nicht ahnen können und seine Kumpel doch auch nicht! Der Feldwebel hat den Soldaten oberstreng schweigend ins Fixier genommen. Nun brennt die Scham in ihr noch tausendmal heißer, flammt ihr Gesicht, brennt die Ohren rot. Sie ist eine richtige Spaßbremse! Nun würde dieser Soldat Ärger wegen ihr bekommen, nur weil sie sich dem Spaß verweigerte. Sie erinnert sich an Indianerspiele mit Kleinkindfreunden. Ihr Name ist zwei Federn. Sie trägt sie immer im Haar. Sie ist eine Medizinfrau und hängt öfter am Marterpfahl als ihr lieb ist. Die anderen finden sie einfach immer viel zu schnell bei Versteckspielen, sie ist nicht raffiniert genug, es ist schlimm. Immer fühlt sie sich so leicht durchschaubar und zu beeindrucken auch. Mit ihr können es die anderen gut machen.

Matthias, der auf der Heimfahrt neben ihr sitzt, hat sich in ein Buch vertieft. Animal Farm von Orwell, nehmen sie gerade in Englisch durch. Sie fragt sich ob sie wohl noch nach Kotze stinkt, obwohl sie versucht hat, sich in der Toilette der Kaserne notdürftig mit grauen dünnen Papiertüchern zu reinigen, schnüffelt prüfend an sich herum. Sie meint immer noch etwas zu riechen und ekelt sich vor sich selbst, fühlt sich beobachtet von den anderen. Endlich erreichen sie die Schule. Matthias fragt sie ob sie nachher noch vorbeikäme zum Musikhören. Er habe eine affentittengeile neue Scheibe von Bowie. Hot stuff. Sie hat sich noch nie so sehr über eine Einladung zum Plattenhören gefreut wie jetzt gerade. Nicht nur wegen Bowie, den sie anhimmelt. Strahlend in ihrem Kotzgestank sagt sie zu. Später sprechen sie kein einziges Wort über den Vorfall in der Kaserne.

Doch als sie später am Nachmittag auf seiner karierten Couch in seinem Jungszimmer sitzen mit der Wattenmeerfototapete im Rücken, erzählt ihr Matthias von dem Praktikum auf dem Schlachthof. Sie will von ihm wissen ob es das Blut gewesen sei, der Gestank, das Rohe, das ihn so ekelte. Matthias denkt nach. Eine blonde Strähne seiner langen Wuschelmähne ist ihm über die Schulter gefallen und er fixiert ein Wattwurmloch auf der Fototapete. Er spricht nicht besonders viel, auch nicht gern. Manchmal sei er selbst  nur so wie ein Wattwurm wie auf seiner Fototapete, sagt er. Seine schlaksige Gestalt klappt leicht vornüber, die Schultern rund, so wirkt Matthias auf sie wie einer dieser Steinengel auf Friedhöfen, nur wie einer ohne Flügel. Es sei die Angst der Tiere gewesen, die ihn so abgestoßen habe. Er habe sehen müssen wie sie verzweifelt zu fliehen versuchten und schrien vor Qual und Panik. Das Blut an den weißen Kachelwänden. Das sei einfach alles viel zu viel für ihn gewesen. Er habe es irgendwie zu Ende gebracht, mit Todesverachtung vor den Menschen im wörtlichen Sinn. Menschen  stinken doch nach dem Tier, das sie quälen, schlachten und fressen, sagt er. Seine Nase hat sich angeekelt hochgezogen und zuckt. Er sagt, diesen Geruch nach Verwesung, Angst, Blut und totem Fleisch im Schlachthaus könne er niemals wieder vergessen. Sie glaubt ihm jedes einzelne Wort und einen Moment lang überlegt sie ob sie ihm gestehen soll, dass sie sich nicht nur vollgekotzt hat und ohnmächtig umgekippt ist, sondern sich obendrein auch noch vor Angst eingepisst hat. Doch dann lässt sie das lieber. Sie ist ja schließlich ein Mädchen und die dürfen über sowas nicht sprechen mit Jungs sonst ekeln die sich vor Mädchen, lernte sie von einer verbitterten Älteren, die Mädchen generell ekliger fand als Jungs.

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Konzeptionelle Fotokunst: Uwe Schramm

(mit freundlicher Genehmigung und Dank)

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6 Kommentare zu “Die Verweigerung der Ohnmacht, still zu stehen.

  1. kowkla123 sagt:

    Projektwochen waren immer schön, aber auch schwer für den Lehrer, beste Grüße von mir zu dir

  2. Clara HH sagt:

    Liebe Fee, das ist ja echt harter Tobak. Die Besatzung vom Panzer muss doch wirklich mehr als einen Knall haben, ich hätte mir als deren Vorgesetzter etwas einfallen lassen, was sie zur Wiedergutmachung machen sollten. Aber wahrscheinlich fand der das auch nicht so schlimm, sondern eben einen Joke.
    Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich reagiert hätte, sowohl als Kind oder als Erwachsene.
    Das Verlaufen hätte mir ganz genau so passieren können, denn ich habe ja auch einen Orientierungssinn wie zwei Kühe.
    Und tschüss sage ich

    • karfunkelfee sagt:

      Ach ja…immer diese Dummejungsstreiche…
      sie waren ja selbst erschrocken über die Wirkung ihres Spaßes.Wollen wir davon ausgehen, dass sie draus lernten: was für den einen harmloser Spaß ist, ist dem andern tödlicher Ernst. Sehr gefährliche Kombination. Ist schon so mancher Schuss verfrüht abgegeben worden…
      Liebe Grüße zu Dir✨

      • Clara HH sagt:

        Du erzählst es so, als wenn es eine wahre Begebenheit ist und dann könnte ich fast vermuten, dass du mit der Hauptperson der Erzählung verwandt bist.
        Gruß zu dir

      • karfunkelfee sagt:

        Du, ich erzähl Dir das Blaue vom Himmel herunter und oder eskapiere nach Phantàsien …aber vermuten ist ja erlaubt. Meine Memoiren wollte ich so ab sechzig aufwärts schreiben. Dann traue ich mir die nötige Reife zu. Also vielleicht…
        …wenn ich überhaupt so alt werde…
        …und keine hundert Enkelkinder bekomme…
        Oder furchtbar vergesslich werde…
        Usw. Usfort…
        Liebe Grüße auch zu Dir…✨

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