später heißt es steine schlürfen

für n.

ich muss dir schlimmes berichten
kann nur schreiben
bist weit weg

über what’s app dein konzertbild
viele arme bewahrt
aus kürzlichen tagen
in deinen augen
tausend fragen ohne antwort

what the fuck
ist digitaler kommunikationszweck
nur noch worte kalter wärme
tieftrauerschwarzes silbengedärme

ja, sterben ist dreck
(und ja,
sein freitod war scheiße…)

schreib dein leid raus
vergiss meinetwegen

wer ich bin
wie ich heiße

du weinst…

nichts mehr
wie es ist
scheint du warst da
klar

im glanz strahlender bühnenlichter
lauter seelenverwandte gesichter
um dich herum alles
heldenhaft bleibt

selbst wenn sich kindheit
zweckentfremdet und entleibt
verstehe das drama

wäre ich nur da
wärest du nur da
wäre nähe keine illusion

in gehetzten sätzen
hinter maximalinterpunktionen
die einsame tränen darstellen sollen
aus dir heraus auf mein display rollen

wäre wäre…
eine konjunktion.

Meine kleine Erde


Eine Laola der Naturgewalten, ausgelöst durch eine unterirdisches Erdbeben, ein winziger erdmanteltiefer Milimeterbruch epischen Ausmaßes. Es entsteht ein enormer Sog, ich kann im Doku-Video sehen, wie sich das Wasser von der Küstelinie unaufhaltsam langsam immer weiter zurückzieht, die Priele hinter sich herschleifend, geradewegs so, als laufe das Meer mit jedem Wellenschlag der Erde weiter davon.

Die Kamera zoomt den Rücksfluss näher heran, Menschen flüchten und hinter ihnen türmt sich am Horizont die Welle, übermannhaushoch, viele Meter, wie sie immer höher wächst, noch ist sie fern, doch jetzt schon so dermaßen hoch, dass kein Streifchen Horizont mehr hinter die dunkellila Wand passen will. Dann stürzt sie schlierig nach vorn kippt sie überschäumend überkront sie die

Panik, bricht ein in die Fliehenden wie der Hai in den Schwarm, löst das Schuppensilber, entgrätet die Heimat und der düstere Wellenhimmel droht schwanger vor Unheil. Ich presse mit den Fakten über Opfer und Hinterbliebene im Hintersinn meine Fäuste zusammen und hoffe inständig und das obwohl es ein Dokumentar-Film ist, irgend einer unter einem Schlagwort wie Tsunami aus den Meeren der Bilderfluten, doch kein gestellter sondern furchtbar wahrer mit totesten Toten und Opfern, irgendwo in den Polynesien und Hawaiis dieser exotischen Welt…

…und niemand umarmt sich theatralisch in diesen sekundenkurzen Kameoszenen, Schnappschüssen und niemand erkennt sich darin. Jeder rennt und flüchtet ganz für sich selbst alleine, den Blick starr geradeaus gewandt mit entsetzten fassungslosen Augen das Wasser im Rücken beflieht die Füße im ertrunkenen Wind.
Das hier ist keine narrende Wirklichkeit, in der die Zeit einen Platz fände für einen Abschied wie er vielleicht Liebenden gebühren mag, die sich in das Unvermeidliche fügen bevor sie mit immenser menschlicher Größe von der Bühne ihrer Eitelkeiten abtreten. Es gibt kein Erkennen einander ansonsten Wildfremder Strangers in the Night, die hier in Hardcore-Romantik im Angesicht des Todes plötzlich feststellen, dass sie eigentlich zusammengehören und dann doch tragischerweise überflutet und wieder auseinandergerissen werden, vereinzelt fortgespült, zusammen mit ihren Autos, Häusern, ganzen Leben, die vorbeischwemmen wie ein reißender Fluss als die Welle in sich zusammenstürzt und überschäumt, in Straßen schwemmt, sich ausbreitet und alles gierig verschlingt, das nicht niet- und nagelfest mit tausend Seemansknoten verzurrt ist. Also nimmt sie alles mit: Die ganze Stadt, sie reißt die Mauern ein und treibt sie davon in einem Strom der Steine, zusammen mit dem Lebensschutt, der übrig bleibt, wenn Naturgewalten ihre volle zerstörerische Kraft entwickeln können.

Geknickte Palmen strecken ihre Blätter wie grüne Flügel der Trauer in die See. Das Land ist überspült, ganze Felder schwimmen wie entwurzelte Samen im Meer, nur noch an Wurzelfäden hängend wie lose Zähne im Mund. Die heimatlos gewordenen suchen in langen Wanderkolonnen urbare Erde, sie trauen dem Meer nicht mehr, sie verurteilen die Gezeiten in das Exil ihrer sandigen durchlässigen Herzen.

Der Film endet mit lumpigen Gestalten, ausgemergelten Fischern und kleinen Mädchen in Fetzenkleidern. Sie hängen an Tantenhänden und reißen ihre Münder auf weil Mama und Papa aus ihnen herausgeflossen sind mit der Monsterwelle, die traurigen Tanten nicht erklären können, so wenig wie die Berichterstattung, während die nüchtern getrimmte Kommentatorenstimme des Reporters in schlechtem Englisch mit der Palme im Hintergrund um die Wette schwankt.

So abrupt wie es begann, wie die Bilder des Amateur-Handyvideos eines Rückwärtsrennenden das Geschehen in wackelnden Einstellungen formulieren, endet der Filmspuk mit einer Liste der Opfer. Der Bildschirm wird dunkel und ich lehne in der Nacht, fliegen ihre Treibgüter um mich herum und ich ahne im Getriebe der Fäden die minimalen Bewegungen an denen mein kleinstes Ganzes hängt wie eine Stabheuschrecke an einem Efeublatt mit beweglich zitternden Gelenken. Die Nacht ist ein Blatt im Wind wie ich, sie rauscht und ausnahmsweise steht der Wind richtig, aus milden südlicheren Gefilden.

Während meine Bilderfluten sich stetig und langsam unaufhörlich zurückziehen,
erinnere ich mich daran was Ur ist und dass es dynamisch ist und stehe im surrealen Traum am abstrakt weißen Strand. Ich fühle die gewaltige Welle langsam und brausend vor mir aufbäumen und sage: Komm nur du Schaumschläger, ich habe noch genug Zeit um so weit zu gehen, dass deine Ausläufer mir nur noch die Füße bekitzeln. Du magst mein Land versetzen wollen, ich hingegen traue mich sogar meine größten schwersten Berge zusammenzuklauben wie Murmeln um meinen Arm. So protzte ich, wusste ich ja meine Allerliebsten im Schutz meiner Sicherheit bestens geborgen.

Dann zappelten meine Füße vom vielen Surfen, ich zerwühlte die Sterne, wusste, ich hatte es wieder einmal in allerletzter Sekunde noch geschafft vorm Wellensturm vorher zu fliehen. Weil ich es mir so sehr wünschte, dass mir Schwalbenschwänze wuchsen, die, lang genug gewebt, mich endlich trugen.

An diesem Sommermorgen hatte sich durchsichtiger Morgentau gesammelt, er schlief noch fest im Dunkellila einer Blütendolde. Ich weckte den winzigen Spiegeltropfen mit der Fingerspitze und fragte ihn ob er irgendwann schon einmal eine riesige Welle gewesen war, vor unheimlich langer Zeit in einem südlich warmen Meer, an das wir uns noch aus großer Ferne vage zurückerinnern können. Das Wasser antwortete, dass es durch alles hindurchginge und war gelbvanillig süß geworden vom vielen Regenspülen auf meiner Zunge. Ich mahlte mein Salzkorn im Geziffer der Tagpfauenaugen, da zerrieb es sich am Schlaf der Zeit und flog seiner Katastrophe davon. Ich erkannte, dass ich ein dämmerfarbener Schattenstaub an der glatten Wand einer Riesenwelle war.

——

(Bild: Sohnemann/Scharbeutz)

kleine Seitwärtsbewegung

In meiner Stadtwüste
kollere ich
wie ein Truthahn
schrappe über Weggeworfene
Colaflaschenmüll
Karmakonsumkunst

gehe, den fetten Rucksack
lieber lässig schulternd
inzwischen Fetzchen
blauen Chromhimmel einsammeln

spiegelt sich sogar noch
in viel stumpferen Fenstern
als dem Seitwärtsblick

der Kauerfrau
im Eingang vom Kaufhaus
die stinkende Selbstgedrehte
streichelt verträumt den Hund
mit pipigelben Fingern

krault sie meine Augen.

——