Lamb – Wise enough

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Rokko – der Literaturpunk: Brief an meine Schöne

Liebe blogfreunde,

ja, ich bin sehr fleißig im Moment und schreibe Erzählungen. Rokko ist ein belesener Straßen-Punk. Er könnte zwischen zwanzig und dreißig sein, doch er weiß dafür schon viel vom Leben. Er ist eine Figur, mit der ich nun seit ungefähr fünf Jahren arbeite. Mal sehen, was aus Rokko noch alles werden kann. Hier schreibt er seiner Geliebten einen Abschiedsbrief. Na ja. Lest selbst wenn Ihr Lust habt.

Morgengrüße von der Karfunkelfee

Meine Schöne,

Ich muss jetzt in Worten losschreien was ich dir in Augenblicken nicht sagen kann, das ist etwas Langfristiges. Du könntest jede sein, jede beliebige. Denn du pflegst deine Wichtigkeiten. Das hast du von Anfang an klar gemacht und ich, Rokko, habe das auch akzeptiert. Nur bitte: Verschon mich mit deiner beschissenen Sehnsucht. Ich könnte nämlich gerade spontan loskotzen wenn ich so etwas von einer hoch gebildeten Frau wie dir lese. Meinst du das etwa ernst? Willst du dich vor mir so beschämen, so klein machen?
Du lebst dein Leben mit jemandem. Mich interessiert kein Cent ob du mit ihm zusammen lebst oder aneinander vorbei. Mich interessiert nur mit wem du überwiegend deine Tage oder auch Nächte verbringst. Auch die gemeinsamen Urlaube und all das, was man eben so mit Menschen zusammen tut, die man ehrlichen Gewissens sich selbst gegenüber gestatten kann vermissen zu dürfen.

Deine Zeilen haben mich völlig gerockt. Eine ganze Nacht machte ich durch deswegen. Weil ich überlegte wie ich auf deinen Brief reagieren soll. Was hast du dir bei dieser Schmachterei bloß gedacht? Sprichst von Liebe, ja spinnst du jetzt denn völlig?
Bedenke: Deine Sehnsucht nach mir ist eine glatte Lüge. Deine, nicht meine, wach doch endlich mal auf, Mädchen! Ich, der kleine Rokko-Punk, habe damit nichts zu tun, verstehst du?
Ich bin doch nur ein Symptom dessen, was in dir leer oder unausgelebt bleiben muss weil du die Sicherheit einer abgedudelten Beziehung für dich eben mehr brauchst als das abenteuerliche Leben eines Vagabunden wie mir. Das Reisen und das Gesellschaftliche, die Freundespflege und all diese herrlichen kleinen Bequemlichkeiten, die du dir mit ihm in den vergangenen zwanzig oder was weiß ich wie vielen Jahren gemeinsam errichtet hast, willst du das alles, was du mit den Händen aufgebaut hast jetzt mit deinem Arsch wieder einreißen? Du möchtest es dir gern so richtig hübsch bequem machen mit mir, nicht wahr? Mit einem dir verfallenen Geliebten, der sich nach dir verzehrt während du mit deinem Göttergatten irgendwo in der Gegend herumgondelst und einen auf vollfettes Leben machst.

Was bildest du dir ein wer du für mich sein könntest, Frau?
Die späteste Aphrodite der Welt oder die Krönung weiblicher Evolution?
Auf diese heimliche Nummer mit deinem unwissenden gehörnten Mann habe ich einfach keinen Bock mehr, das musst du doch einsehen. Ich will mich vor niemandem verstecken müssen in meiner Stadt, meinem Revier. Ich, Rokko, bin nur ein armer Straßenpunk. Das Leben hat mir eine vernünftige Arbeitsausstattung, ein nettes Aussehen und eine Pferdegesundheit in die schlecht begüterte Wiege gelegt. Meine Mutter war die liebevollste der Welt, nur ausgerechnet mich wollte sie nun eimal leider nicht haben, shit happens.

Seit über zehn Jahren lebe ich jetzt auf der Straße, übernachte ich bei Kumpels und unternehme ziemlich viel, damit ich mich nicht aus Versehen mal fortpflanze bei einer. Lauter kleine Rokkos, das hätte mir gerade noch gefehlt! Da kommst plötzlich du angezwitschert mit Augenaufschlag im Wiegeschritt, so gesellschaftlich fürnehm blassblondiert und zahngeweißt und du findest mich so dermaßen sexy wie ich da in meinen schwarzen abgerissenen Klamotten auf der Straße herumsitze, dass deine Stilettos glatt zu sabbern beginnen und du mir einen Fünfhunderter in meinen Tabaksbeutel steckst. (Warum nicht gleich in meinen Schritt?) Ey, der ist nicht für Geld, ich bin kein Bettler, protestierte ich damals. Doch das störte dich überhaupt nicht. Du hast nur noch meinen Hosenstall begutachtet und meinen knackigen Punkerarsch in den hautengen speckigen Lederhosen.

Du hast mich verführt, du Luder. Doch das ist schon verziehen und okay. Bist eine total Nette hinter deinen tausend Lagen Make-Up. Wenn man dich lange genug ableckt, kommst du zum Vorschein und dann bist du das schöne Mädchen nebenan, die so gut singen kann und dein Alter ist egal. Weißt du eigentlich, dass Make-Up Frauen alt aussehen lässt? Nicht die Falten, sondern der sichtbar geschminkte Versuch sie zu verdecken. Dich beeindrucken Sätze wie diese, das weiß ich. Ältere Frauen haben es nicht so leicht in unserer auf jung getrimmten Gesellschaft. Und doch bist du die Schönste wenn du es nur sein willst.

Ich sei ein sauberer Punk hast du gesagt, ein gepflegter Mann. Ja, das bin ich in der Tat. Das hat mir meine Mutter auch so bei gebracht. Mann muss sich immer gut pflegen, damit Mann gut riecht. Männer haben auch einen Duft und was für einen! Du schämst dich immerfort, warum? Weil du eine Frau sein musst? Warum bist du darüber traurig? Weil sie dir einimpften dass du stinkst wenn du mal so richtig nach Frau duftest? Da bekomme ich, Rokko, immer einen Hass auf die anderen Kerle, die Frauen so einen Schwachsinn erzählen: wie sie auszusehen haben, wie sie zu sein haben, gefügig und lieb und wenn die Frauen dann so geworden sind, werden sie verlassen von ihren Typen, weil sie zu langweilig geworden sind. Nur noch dressierte Frauchen. Du musst zuhause auch so eins sein, das weiß ich. Kinder habt ihr auch noch, zweie. Du bist eine kluge Frau und weißt das. Eigentlich sollte ich nur eine „süße Nacht“ für dich sein. Doch du hast dich ein wenig in den guten alten Rokko und seine Fähigkeiten verschossen. Du bist nicht die erste und du wirst auch nicht die letzte sein, meine Liebste.

Dich reizt gerade, dass ich so frei bin. Ein Peter Pan der Straße, ein Freigeist. Ich reize dich wie der Teufel persönlich und mit meiner Coolness kommst du überhaupt kein bisschen klar, das verwirrt dich ordentlich, das bist du nicht gewöhnt von Männern, denn normalerweise parieren sie lieb wenn du dich gönnerhaft präsentierst als seist du eine Aphrodite für Arme. Dabei hast du das gar nicht nötig. Du bist auch keine Aphrodite, denn diese lebte ihre Liebe frei und wie sie es fühlte und wollte und das bist du alles nicht. Du steckst tief in deinem Ehekorsett, das ist der Preis für deinen Wohlstand. Eine alte Geschichte, sollte man meinen, doch wird sie immer wieder neu geschrieben, nicht wahr? Das was wäre wenn, der Reiz des Verbotenen. Als du in meinen Armen lagst, zitierte ich dir einen meiner Lieblings-Dichter, ich glaube es war Rilke. Du warst hin und weg. Damit kann man alle beeindrucken. Niemand hat Zugang zu Lyrik, doch Poesie kann dennoch kaum jemand widerstehen, wenn sie nur richtig vorgetragen wird. Sie ist die Sprache der Engel und der Teufel.

Du batest mich um ein Gedicht. Das verweigerte ich dir. Ich schreibe niemandem Gedichte, nur mir selbst und der Welt. Schreib mir ein Liebesgedicht, schriest du mich an und standest da vor mir in deiner ganzen herrlichen Weibs-Pracht mit flammenden Augen und den hellsten Haaren, die mein Jungenherz jemals verzauberten, wie ein verdammter Glorienschein umwehten sie dich. Ich sagte nur einen Satz zu dir, erinnerst du dich? In allem Reinen liegt die größte Schönheit, selbst in deiner Wut, die dein Lächeln in eine Goya-Grimasse verzerrt. Darauf sprangst du Kulturmaus natürlich sofort an und warst wieder candy mit mir. Du magst meinen Jargon nicht, das weiß ich. Doch gerade der macht dich auch an, was? Immer dieses gestelzte Gesabe, das du den ganzen Tag lang hören musst. Was mach ich? Schleife dich mit zur Jam Session bei meinem Kumpel im Keller und du gibst mir da die Marlene Dietrich zu unseren Beats. Was für eine geniale Mischung. Du bist eine Rampensau, Frau. Wir beide, wir könnten was sein und es ist dieses Wissen, dieses Könntesein, ein Lustschmerz des Lebens an der haarfeinen Grenze von Glück und Leiden, in dem ich ruhe wie ein winziger glühender Fixpunkt.

Geh mir los mit Sehnsüchten und Vermissen. Das ist immer der Anfang vom Ende. Wir sind fou genug für Amore und dann ist es auch gut. Schau unsere Welten an: wer ich bin, wer du bist und dann versuch einmal über diesen gewaltigen Abgrund eine Brücke aus einem deiner langen blonden Haare zu spannen. Über diese Brücke müssten wir gehen und das willst du nicht, glaub mir und vertraue mir. Auch, wenn dich jetzt die Sehnsucht beutelt und quält. Reite sie einfach wie einen deiner Drachen und pfeif auf sie, doch voller Respekt, sonst frisst du sie und das wäre schlecht, dann vergiftet sie dich langsam von innen. Sie hat ihre Berechtigung, jede Sehnsucht hat ihre Berechtigung und ihren Ursprung in einer deiner Unzufriedenheiten. Schau dir dein Leben an, so wie es ist. Es erscheint mir, Rokko, der immer nur große Armut kannte, als ein großes, ein echtes mit gesunden Kindern und einem Mann, der dir Halt gibt, gerade auch jetzt, wo du beginnst älter zu werden und dein Körper nicht mehr ganz so perfekt ist wie er einmal war.

Menschen beginnen äußerlich zu welken, weil sie innerlich beginnen aufzublühen, wusstest du das, meine Möchtegernliebste? Das Bewusstsein braucht viele Erfahrungen um zu wachsen und natürlich verschleißt der Körper daran. Meine Kumpels denken oft nicht gut nach und pumpen sich mit lauter Drogenscheiß voll. So sehen sie jetzt bereits aus wie ich aussehen werde wenn ich Achtzig bin und immer noch headbange, während sie von Glück reden können, wenn sie überhaupt so ein biblisches Alter erreichen. Pass mit dem Wein auf, den sieht man dir an. Er nimmt dir viel von deiner natürlichen Schönheit weg. Nicht alle Heimatlosen saufen. Ich habe die Auswirkungen gesehen, die Alkis mit den verwässerten Augen.

Nun muss ich schließen, denn alles ist gesagt. Done and go. Manchmal muss man Türen schließen. Ich brauche dich nicht Liebste zu nennen. Lies diese Zeilen aufmerksam, ich weiß, du wirst es tun. Du wirst weinen dabei, sei gehalten. Und stehe zu deinem Leben, deinem Mann, deinen Kindern. Dein Vermissen wurde mir zu heftig. Diese Verantwortung kann und will ich nicht übernehmen. Was wir hatten, kann uns niemand mehr nehmen. Nach meinen Gefühlen hast du nie gefragt. Du hast mich genommen wie man ein Geschenk nimmt, von dem man genau weiß, dass man es nicht behalten darf weil sonst jemand den du liebst, leiden würde. Das war von Anfang an so, wir waren klar miteinander. Du wolltest die Regeln verändern weil dein Körper das Diktat übernahm. An dieser Stelle klemmt mir meine Punkerehre quer. ich kann dir weder ein Haus, noch Sicherheit und Schutz für deine Kinder bieten. Nur mein kleines türkises Rokko-Herz und das schlägt weiter für dich auch wenn ich jetzt meiner verstandesgeführten Verantwortung den Vortritt lassen muss.

Du brauchst mich nicht, meine Schöne, du glaubst nur, dass es so ist und es nützt auch nichts mehr wenn du zehnmal nacheinander auf meinem Uralthandy anrufst. Ich hinterlege diesen Brief in „unser“ Postfach am Bahnhof. Weine nicht um mich, kleine Eva. Wir werden uns auf der Straße begegnen, ich bin dort wo ich immer bin und ich werde dich grüßen als jemand, der dich kennt und wir werden uns in die Augen schauen und beide wissen und du wirst weggehen und dich nicht nach mir umdrehen weil du eine kluge Frau bist, die weiß was sie nicht will.

Adieu und pass auf dich auf wenn ich es nicht kann,

Dein Rokko

später heißt es steine schlürfen

für n.

ich muss dir schlimmes berichten
kann nur schreiben
bist weit weg

über what’s app dein konzertbild
viele arme bewahrt
aus kürzlichen tagen
in deinen augen
tausend fragen ohne antwort

what the fuck
ist digitaler kommunikationszweck
nur noch worte kalter wärme
tieftrauerschwarzes silbengedärme

ja, sterben ist dreck
(und ja,
sein freitod war scheiße…)

schreib dein leid raus
vergiss meinetwegen

wer ich bin
wie ich heiße

du weinst…

nichts mehr
wie es ist
scheint du warst da
klar

im glanz strahlender bühnenlichter
lauter seelenverwandte gesichter
um dich herum alles
heldenhaft bleibt

selbst wenn sich kindheit
zweckentfremdet und entleibt
verstehe das drama

wäre ich nur da
wärest du nur da
wäre nähe keine illusion

in gehetzten sätzen
hinter maximalinterpunktionen
die einsame tränen darstellen sollen
aus dir heraus auf mein display rollen

wäre wäre…
eine konjunktion.

Meine kleine Erde


Eine Laola der Naturgewalten, ausgelöst durch eine unterirdisches Erdbeben, ein winziger erdmanteltiefer Milimeterbruch epischen Ausmaßes. Es entsteht ein enormer Sog, ich kann im Doku-Video sehen, wie sich das Wasser von der Küstelinie unaufhaltsam langsam immer weiter zurückzieht, die Priele hinter sich herschleifend, geradewegs so, als laufe das Meer mit jedem Wellenschlag der Erde weiter davon.

Die Kamera zoomt den Rücksfluss näher heran, Menschen flüchten und hinter ihnen türmt sich am Horizont die Welle, übermannhaushoch, viele Meter, wie sie immer höher wächst, noch ist sie fern, doch jetzt schon so dermaßen hoch, dass kein Streifchen Horizont mehr hinter die dunkellila Wand passen will. Dann stürzt sie schlierig nach vorn kippt sie überschäumend überkront sie die

Panik, bricht ein in die Fliehenden wie der Hai in den Schwarm, löst das Schuppensilber, entgrätet die Heimat und der düstere Wellenhimmel droht schwanger vor Unheil. Ich presse mit den Fakten über Opfer und Hinterbliebene im Hintersinn meine Fäuste zusammen und hoffe inständig und das obwohl es ein Dokumentar-Film ist, irgend einer unter einem Schlagwort wie Tsunami aus den Meeren der Bilderfluten, doch kein gestellter sondern furchtbar wahrer mit totesten Toten und Opfern, irgendwo in den Polynesien und Hawaiis dieser exotischen Welt…

…und niemand umarmt sich theatralisch in diesen sekundenkurzen Kameoszenen, Schnappschüssen und niemand erkennt sich darin. Jeder rennt und flüchtet ganz für sich selbst alleine, den Blick starr geradeaus gewandt mit entsetzten fassungslosen Augen das Wasser im Rücken beflieht die Füße im ertrunkenen Wind.
Das hier ist keine narrende Wirklichkeit, in der die Zeit einen Platz fände für einen Abschied wie er vielleicht Liebenden gebühren mag, die sich in das Unvermeidliche fügen bevor sie mit immenser menschlicher Größe von der Bühne ihrer Eitelkeiten abtreten. Es gibt kein Erkennen einander ansonsten Wildfremder Strangers in the Night, die hier in Hardcore-Romantik im Angesicht des Todes plötzlich feststellen, dass sie eigentlich zusammengehören und dann doch tragischerweise überflutet und wieder auseinandergerissen werden, vereinzelt fortgespült, zusammen mit ihren Autos, Häusern, ganzen Leben, die vorbeischwemmen wie ein reißender Fluss als die Welle in sich zusammenstürzt und überschäumt, in Straßen schwemmt, sich ausbreitet und alles gierig verschlingt, das nicht niet- und nagelfest mit tausend Seemansknoten verzurrt ist. Also nimmt sie alles mit: Die ganze Stadt, sie reißt die Mauern ein und treibt sie davon in einem Strom der Steine, zusammen mit dem Lebensschutt, der übrig bleibt, wenn Naturgewalten ihre volle zerstörerische Kraft entwickeln können.

Geknickte Palmen strecken ihre Blätter wie grüne Flügel der Trauer in die See. Das Land ist überspült, ganze Felder schwimmen wie entwurzelte Samen im Meer, nur noch an Wurzelfäden hängend wie lose Zähne im Mund. Die heimatlos gewordenen suchen in langen Wanderkolonnen urbare Erde, sie trauen dem Meer nicht mehr, sie verurteilen die Gezeiten in das Exil ihrer sandigen durchlässigen Herzen.

Der Film endet mit lumpigen Gestalten, ausgemergelten Fischern und kleinen Mädchen in Fetzenkleidern. Sie hängen an Tantenhänden und reißen ihre Münder auf weil Mama und Papa aus ihnen herausgeflossen sind mit der Monsterwelle, die traurigen Tanten nicht erklären können, so wenig wie die Berichterstattung, während die nüchtern getrimmte Kommentatorenstimme des Reporters in schlechtem Englisch mit der Palme im Hintergrund um die Wette schwankt.

So abrupt wie es begann, wie die Bilder des Amateur-Handyvideos eines Rückwärtsrennenden das Geschehen in wackelnden Einstellungen formulieren, endet der Filmspuk mit einer Liste der Opfer. Der Bildschirm wird dunkel und ich lehne in der Nacht, fliegen ihre Treibgüter um mich herum und ich ahne im Getriebe der Fäden die minimalen Bewegungen an denen mein kleinstes Ganzes hängt wie eine Stabheuschrecke an einem Efeublatt mit beweglich zitternden Gelenken. Die Nacht ist ein Blatt im Wind wie ich, sie rauscht und ausnahmsweise steht der Wind richtig, aus milden südlicheren Gefilden.

Während meine Bilderfluten sich stetig und langsam unaufhörlich zurückziehen,
erinnere ich mich daran was Ur ist und dass es dynamisch ist und stehe im surrealen Traum am abstrakt weißen Strand. Ich fühle die gewaltige Welle langsam und brausend vor mir aufbäumen und sage: Komm nur du Schaumschläger, ich habe noch genug Zeit um so weit zu gehen, dass deine Ausläufer mir nur noch die Füße bekitzeln. Du magst mein Land versetzen wollen, ich hingegen traue mich sogar meine größten schwersten Berge zusammenzuklauben wie Murmeln um meinen Arm. So protzte ich, wusste ich ja meine Allerliebsten im Schutz meiner Sicherheit bestens geborgen.

Dann zappelten meine Füße vom vielen Surfen, ich zerwühlte die Sterne, wusste, ich hatte es wieder einmal in allerletzter Sekunde noch geschafft vorm Wellensturm vorher zu fliehen. Weil ich es mir so sehr wünschte, dass mir Schwalbenschwänze wuchsen, die, lang genug gewebt, mich endlich trugen.

An diesem Sommermorgen hatte sich durchsichtiger Morgentau gesammelt, er schlief noch fest im Dunkellila einer Blütendolde. Ich weckte den winzigen Spiegeltropfen mit der Fingerspitze und fragte ihn ob er irgendwann schon einmal eine riesige Welle gewesen war, vor unheimlich langer Zeit in einem südlich warmen Meer, an das wir uns noch aus großer Ferne vage zurückerinnern können. Das Wasser antwortete, dass es durch alles hindurchginge und war gelbvanillig süß geworden vom vielen Regenspülen auf meiner Zunge. Ich mahlte mein Salzkorn im Geziffer der Tagpfauenaugen, da zerrieb es sich am Schlaf der Zeit und flog seiner Katastrophe davon. Ich erkannte, dass ich ein dämmerfarbener Schattenstaub an der glatten Wand einer Riesenwelle war.

——

(Bild: Sohnemann/Scharbeutz)