Nothing but thieves- Trip Switch

An dieser Stelle allen Dank, die mich grad lektorisch, gedanklich und freundschaftlich begleiten, mir auf die Sprünge helfen, Tipps geben…✨

Bitte wundert Euch nicht, wenn sich Jack, meine etwas kuriose Kurzgeschichte noch ein wenig verändert. Ich arbeite noch an Jacks femininer Ausstrahlung und P's tief greifender Oberflächlichkeit.
Für Herrn Lector: Jack ist unschwul. Sie weiß es nur noch nicht. Werde dran arbeiten. An der Sündtax auch. Immer diese Fremdwörter🤔

DANKE…sehr…
…Euch…
allen!

🦋

https://youtu.be/xrq6tf2nIiI

Unausgegorenes Gedankenskript No. 1 – Von der Schwermut nicht zu können was man will

Vor Angelika Schrobsdorff „Du bist nicht wie andere Mütter“ las ich das „Winterjournal“ von Paul Auster. Es zählt noch zu den Büchern meiner leseleeren Zeit, ich schaute es lange an bevor ich es überhaupt aufschlagen konnte. Doch auf Paul ist zum Glück immer Verlass, das mag ich so an ihm. Er brauchte genau zwei klar und präzise geschriebene Kapitel bis er mich mit seinen Sätzen wieder becirct hatte. Am liebsten hätte ich Tag und Nacht durch gelesen. Doch da gab es einen fetten Haken und an dieser Stelle hört das Verständnis meiner Mitmenschen gewöhnlich auf, denn selbst mir fällt es außerordentlich schwer zu berichten von dem, was mir so oft unbeschreiblich vorkommt.

Am ehesten gelingt es mir vielleicht noch mit Hilfe von Michael Ende und seiner unendlichen Geschichte: Der Verlust der Fähigkeit mehr als zwei Kapitel am Stück zu lesen ist wie das große Nichts, das die Handlung anfällt und alles in ein Schwarz reißt, weil die eigenen Gedanken die Überhand gewinnen und so ablenkend sind, dass der ständig abschweifende Geist irgendwann verzweifelt aufgibt. Das ist zutiefst verstörend, ein geradezu gigantischer Verlust für jemanden, der immer so gern und ausgiebig gelesen hatte wie ich.

Es begann vor ein paar Jahren. Ich konnte keinen einzigen Roman mehr lesen. Was ich auch begann und mir aus der Bücherei holte, war völlig egal. Ich versuchte alles, doch sobald ich den Roman aufschlug und die fremden Personen begannen zu agieren, verschwammen sie vor meinen Augen und ich konnte sie nicht mehr fest halten. Sätze zerfaserten vor meinen Augen, ich konnte Namen und Persönlichkeiten nicht mehr zuordnen, von denen ich einen Absatz zuvor noch las. Ich konnte sie nicht festhalten, sie flogen mir einfach davon.  Ich habe manches Buch vollgeheult, mit Tempotaschentüchern auf den Seiten, damit sie nicht nass wurden. Es war als hätte ich auf einen einzigen Schlag alle meine geliebten Freunde verloren. Zu dieser Zeit war ich Vorlesemama an der Grundschule meines Sohnes. Ein ehrenamtliches Projekt, das mir viel Spaß machte. Weil ich selbst nicht mehr richtig lesen konnte, versuchte ich für meine Kinder und die Schulkinder die besten und tollsten Kinderbücher zu finden, die es gerade gab. Auf diese Weise überlistete ich diesen verdammten Schweinehund in mir, der verhinderte, dass ich Romane lesen konnte oder Erzählungen. Ich lernte umwerfende Kinderbücher kennen und ich freute mich, wenn es mir gelang meine hungrigen Leseraubtiere zu begeistern.

Zwei Jahre lang las ich gar nichts mehr, nur noch die Kinderbücher und diese anderen vor, denn es war meine einzige Möglichkeit, überhaupt noch ganze Romane lesen zu können. Die Kinder hatten sehr viel Geduld mit mir bis ich das Intonieren so drauf hatte um sie damit wie mit einem Lasso einfangen zu können. Dann besann ich mich wieder auf den alten Heine, meinen Kindheitsdichter. Er hatte in meiner Idee die schlohweißen Haare meines Großvaters und roch immer nach Zigarrenrauch und Irisch Moos. Die toten Dichter besuchten mich in meinen Träumen. Weihnachten 2011 wünschte ich mir einen Armvoll von ihnen und bekam ihn von meiner Familie geschenkt. Kaum schaffte ich es, die beiden schweren Taschen, prallvoll mit Rolf-Dieter Brinkmanns Stand-Photos, Charles Bukowskis sämtlichen Gedichten, Ingeborg Bachmanns sämtlichen Gedichten, meinem besonderen Schatz, dem von Erich Fried übersetzten Shakespeare, Pablo Nerudas Gedichten, Gottfried Benns Gedichten in zwei fetten Bänden und Else-Lasker Schülers lyrischem Werk nach Hause zu schleppen. Meine Arme fühlten sich an wie die eines Gorillas und ich war noch nie so glücklich über Rückenschmerzen wie an diesem regnerischen kalten grauen Heiligabend. Mit der Hilfe und Inspiration meiner neuen Einsamkeitsgefährten schrieb ich wie eine Besessene los, versuchte immer wieder zu beschreiben, was diese Verlorenheit, die Isolation von anderen, dieses Unverständnis anderer, diese gewaltige Verlassenheit eigentlich wirklich ist, doch mein Ausdruck erschien mir immer unzureichender je mehr ich schrieb und alles unwichtiger um so mehr dachte, weil es ja nur um mich ging, mein blödes und mickriges Scheißleben, so langweilig wie Knäckebrot ohne Belag. Meinem vom Leben schwer angeschlagenen Gehirn halfen die Reime besser meinen insgesamten seelischen Totalschaden zu verstehen, so las ich eben Gedichtbände statt Romanen und Verse statt Kapiteln und ich war sehr dankbar, dass das funktionierte!

Auf meiner Truhe liegt der große schwermütige fette Dante Alighieri, den ich regelmäßig lese. Eines meiner wichtigsten Buch-Geschenke. Er begleitet mich mit den genialen Sandro Botticelli-Zeichnungen und alles, jedes Wort von dem was er über die Hölle schreibt, ist wahr. Auf dem Dante liegt niemals Staub. Der hat keine Zeit, sich niederzulassen auf dem Wälzer. Man kann sogar damit den Bizeps trainieren während man mit ausgestreckten Armen laut in den Raum liest.

Zwei Jahre später folgten kleinere Texte und ich begann wieder mit Lust Essays und Artikel zu lesen, auch längere, Fließtexte begannen sich mir wieder zu erschließen in Sinngehalt, Stil und Umbruch. Doch immer noch konnte ich keinen einzigen Roman anpacken und wenn ich es versuchte, starb ich nach höchstens zwei Seiten in fiktiven Welten kreuzerbärmlich drüber ab wie irgend ein Totholz. Innere Blockaden sind Ausdruck seelischer Lähmung.

Ich lasse mir nicht gern einfach etwas wegnehmen, was ich einmal liebte und schon gar nicht von meinem aufgeblasenen Ego oder meiner gelähmten Seele. Ich beschloss also trotzig mir meine Romane zurückzuholen wie Uma Thurman in Kill Bill sich ihre gelähmten Beine zurückholte, indem sie ihrem Zeh befahl zu wackeln. Ich befehle meiner Leselust unermüdlich dasselbe, notfalls eben wort- und satzweise und nicht kapitelweise. Dass ich ausgerechnet mit Pessoa wieder zu lesen loslegte, weil sein Buch der Unruhe in kleine Kapitel aufgeteilt ist, war mir erst gar nicht bewusst. Ich las jeden Abend ein zwei Sätze. Wenn ich sie nicht verstand, las ich sie am nächsten Tag nochmal bis ich erste Kapitel ganz durchzulesen schaffte. Ob ich sie verstanden habe, fragte ich mich anschließend im Bett vorm Einschlafen und träumte selbstredend in Pessoa, was mir nicht nur angenehme Nächte verschaffte.

Auf solche Weise entsteht eine sehr enge Bindung zu einem Buch und seinem Autor. Als ich Paul Auster zuklappte, heulte ich doch tatsächlich los? Anschließend fluchte ich wie verrückt und dann erst konnte ich mich freuen, weil ich endlich, endlich einmal wieder dieses heiß geliebte Gefühl im Bauch hatte, dass ich einen Bücherfreund hinzugewonnen hätte und manche dieser Sätze in dem Buch, die Paul über seine Frau Siri sagt, so gewaltig hell strahlen, dass ich mir alle Haare ausgerauft hätte, wenn ich erst nach meinem Tode erfahren hätte, dass sie mir im Leben entgangen sind weil ich zu bescheuert und verklemmt war, das lesen zu können.

Noch angefixt von Paul Auster tauchte ich anschließend ein in das Berlin der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre und ich bin noch mittendrin, gerade aber in Bulgarien, im Exil. Was und wie Angelika Schrobsdorff schreibt, beeindruckt mich tief. Ihre ganze Sippe habe ich ins Herz geschlossen als sei es meine eigene und gerade ist Oma Kirschner auf dem Weg nach Theresienstadt ins KZ. Ich weiß was dort mit ihr geschehen wird, das ist gemein, denn ich würde am liebsten die Geschichte umschreiben, doch dann wäre es nicht mehr die Geschichte so wie sie tatsächlich geschah. Das berührt mich an diesem Buch am meisten. Es ist ein Tatsachenbericht und ein Freund erinnerte mich vor ein paar Tagen an das Jack Kerouac-Zitat: Wer schreibt, legt Zeugnis ab. Mario Simmel sagt über Angelika Schrobsdorff: Sie hat in ihrem ganzen Leben nur wahre Sätze geschrieben. Was für eine Aussage.

Bald werde ich das Buch beendet haben und ich habe mir angewöhnt, mit dem Bleistift zarte Randnotizen zu schreiben. Manchmal auch kleine Blümchen, wenn es besonders schlimm wird wie jetzt gerade bei Mutter Else mit ihrer Gesichtslähmung. Doch ich habe jeden Satz verstanden und dann kam letzte Woche dieser gewisse Tag, einer, wie ich ihn schon ziemlich lange nicht mehr erlebte.

Ich hatte viel Zeit, war in der Sauna, das ist mein Urlaubstag in der Woche. Sechs Stunden am Stück die Seele mit den Beinen auf der Schwitzbank baumeln lassen zu dürfen, ist schon eine klare Ansage an den Stress. In die Sauna begleitet mich selbstredend Frau Schrobsdorff und das Handy wird weggeschlossen. In stündlichen Abständen schaue ich, ob sich meine Kinder gemeldet haben, ansonsten bleibt das Ding stumm wie ein Fisch.

Jedenfalls schaffte es das Buch mich zu fesseln, so dass ich fast den nächsten Aufguss verpasst hätte und ich nur noch rennend mit dem hinter mir her flatternden türkisen Saunahandtuch Einlass in die Schwitzhütte fand.

Gerade jetzt habe ich wieder einen heißen, mich weiterbildenden Lese-Tipp bekommen und bin dabei mir Lucia Berlin mit ihren Stories zu organisieren. „Was ich sonst noch verpasst habe“ ist ein Titel, der mir schon mal außerordentlich gefällt. Gestern sah ich, dass es auch ein Hörbuch davon gibt, von Anna Thalbach gelesen, ich hörte in eine Probe und nun überlege ich tatsächlich, mir mein erstes Hörbuch zu organisieren, weil ich es liebe, wenn mir jemand vorliest.

Ich weiß, wenn ich schreiben will muss ich lesen, mich immer weiterbilden und schulen. Von anderen Stilen lernen. Das Lesenkönnen von Romanen ist darum sehr wichtig. Die vergangenen Jahre waren insofern ziemlich bitter für mich. Weil ich das Gefühl hatte mit meinen erloschenen Augen in der Brust ganz neu lesen lernen zu müssen. Alles neu lernen zu müssen, das Hinausgehen, das Sprechen, das Baden, das Leben. In winzigen Sätzen, in kleinsten Schritten und umgeben vom oft engen Käfig der Sach- oder Zeitzwänge und der Lebensumstände. Angelika Schrobsdorff liegt jetzt neben meinem Bett und wartet darauf, sich diesen Schmuseplatz auch noch erobern zu dürfen mit den letzten sehr wichtigen Kapiteln, die sie mir noch erzählen muss und wird. Ein wenig wird  sie noch bei mir bleiben, mir ihre Familiengeschichte erzählen in dieser warmherzigen, großen und liebevollen Art und Weise und danach kommt dann erst einmal wieder diese weite hallende Leere, die zurückbleibt, wenn ein guter Freund oder eine Freundin gegangen ist.

In diese Leere setze ich meine unsteten fliegenden Worte und schreibe mit dem Wind. Meiner Familie ist schleierhaft warum ich das mache, es sei sowieso brotlose Kunst behaupten sie und ein fragwürdiger Freund munterte mich mal mit den ungeheuer zuversichtlichen Worten auf, ich könne ja ganz gut formulieren. Als Schreibkraft im Büro ausreichend. Meine Eitelkeit hat daran tatsächlich immer noch tüchtig zu schlucken, doch kommt mir auch mein Chef in den Sinn, der mir einmal sagte: Ein Text kann immer noch besser werden und dazu gewinnen. Das muss meine Motivation sein und bleiben. Solange bis ich zufrieden bin mit mir weil eine Grenze erreicht ist, die ich trotz Können oder Talent nicht mehr überschreiten kann und dies anderen überlassen muss, die es besser können.

„Solange ich schreibe, vergesse ich die Gitter vor dem Fenster“, (Hans Fallada)

My name is Jack.

Wo bist du denn schüchtern, Jack? feixt, nennen wir ihn mal P. zu mir rüber als ich meine Ansage, dass ich insgesamt schüchtern sei, zusammen mit meinem Namen Jack in seine Richtung mache. Bist Du denn ein Mann? Das erkennst du jetzt zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz, fasele ich verwegen weiter und denke darüber nach inwiefern ich nicht schüchtern bin, dafür ein Mann. Muss an meiner insgesamt draufgängerischen Art, mein Heil in einer plötzlichen Flucht zu suchen, liegen und an dem weiblichen Aussehen. Das weiß P. nur noch nicht. Weswegen er meinte mich in dem Lokal anquatschen zu müssen. Weswegen ich meinte, ihm sagen zu müssen, ich sei schüchtern? Ich Hornochsin. Ich versuche den in mir herumflatternden aufgescheuchten Panikvogel wieder einzufangen. Was will P. von mir? Ich versuche ihn abzuchecken. Flackernder Augenaufschlag in Verbindung mit Komplimenten ist total übel. Hoffentlich kommt er mir nicht noch mit so etwas wie einer schweren Kindheit oder so einem Gruselwort wie Altlasten?

Vorsicht verfänglich!, wedelt mein Zeigefinger hin und her. Erbarmung, ich wünsche mir vorbildliches und ein zierliches Benehmen, tobt aufgebracht Fräulein Rottenmeier, die sich dank meines manchmal ekelhaft akribischen Gedächtnisses als Anstandswauwau irgendwann in meinen späteren Jugendjahren nach einer Überdosis "Heidi" von Johanna Spyri in mir als posttraumatisches Stressyncrom samt ihrer hochgeschlossenen schwarzen Robe manifestierte. Seither zanke ich mit ihrem Geist herum und sie versucht aus mir eine „Dame von Welt" zu machen. In meiner Idee ist Fräulein Rottenmeier eine ältliche, stets nach Uralt Lavendel duftende altjüngferliche gestrenge Kriegerin unter der Flagge anständiger Benimmregeln und ausgestattet mit einem dicken Katalog von knigge'scher Verhaltensvorschriften von mindestens Anno Tuc.

Sie ist ziemlich besitzergreifend und von geradezu viktorianischer Strenge, aber heult manchmal dennoch nachts ihr einsames Kopfkissen voll mit ihrer Trostlosigkeit. Da sie eine Vorliebe für kühlschrankkühles Pfefferminzkonfekt an den Tag legt und außerdem eine beinah kitschige Affinität zu Veilchenpastillen pflegt, kann ich sie immer wieder mit Leckereien becircen.

P. weiß nichts von Fräulein Rottenmeier, die sich gerade in mir zu voller moralisierender Gutmenschgröße aufgeblasen hat. Ich habe aber keine Lust, meine Verbalattacken per Autopilot loszulassen und steche meine Augen in P’s  Richtung auf wie in zwei tiefe blickdichte Eier. Ich lasse ihn in vollem Ausmaß in einen überrandvoll mit Beleidigung gefüllten Fettpott latschen. Ja, entschuldige doch bitte mal, nun kuck doch bloß nicht so, so war das ja doch gar nicht gemeint, versucht P. einen etwas holperigen Landeanflug in Richtung Verständnis als er in meine Brunnenaugen blickt und die ganzen ersoffenen stinkenden Fischleichen darin treiben sieht.

Nö, schon klar, lächele ich entwaffnend in seine zuckenden Mundwinkel zurück, man kennt den andern doch niemals so ganz, was? Ich finde mich selbst mittlerweile kreuzdämlich, weil ich P. so etwas Großes wie meine mir angeborene und manchmal arg verkappte, mich ständig ausbremsende Schüchternheit verraten habe. Sie ist wie der berühmte Bremsklotz an der Schiffschaukel. Immer kurz bevor es spannend wird und überschlägt kommt meine Schüchternheit, dieser alte Schiffschaukelbremser!

So auch jetzt bei P. Ich überlege wie hoch das sonstige Kumpelpotential von P. wohl wäre, das er gerade im Begriff ist, mit den Enterhaken seines nicht vorhandenen Charmes einzureißen. Wann könnten wir uns denn mal wiedersehen, mein Engel? Startet P. einen neuen Anlauf. Er muss doch ganz furchtbar verzweifelt sein, überlegt mein Verstand während mein Herz längst das Weite gesucht hat.

Hä? frage ich dementsprechend entgeistert als sei Hä? eine angemessene Antwort auf die possessiv zu verwendende Anrede „mein Engel. P. fällt jetzt gar nichts mehr ein, diesem Bengel. Noch nicht so ganz trocken hinter den Ohren und keine Ahnung von schüchternen Menschen, was?. Null Empathie, wie langweilig, grübele ich mich unerbittlich außerhalb von P's Fangnetzarmen.

Fräulein Rottenmeier lässt sich lautstark die Luft raus, fliegt quietschend dreimal um mein inneres Leuchten um sich sich wieder in meinen Orkus zurückzuziehen, ihr war wohl zu langweilig mit P. Keine Herausforderung, sowas.

Dein Engel wird dich jetzt verlassen und wünscht dir noch ein geiles Leben, prophezeie ich P.  in munterem Plauderton, während ich mich langsam erhebe wie eine komplett dissiozative Verhaltenskatastrophe. Aber ich habe dich doch gerade erst gefunden, das geht doch so nicht! grätscht er verwegen zurück in meine Richtung. Ein Kämpfer auch noch, das hat mir gerade noch gefehlt.

Es gibt keinen Gott und Eva ist eine Erfindung von Adam. Sorry, dass ich es dir sagen muss. Tut mir echt leid. Ich kucke P. mitfühlend an und will mich justamente durch die Leute des Lokals zum Ausgang hin durchwühlen, da hält der Lümmel mich an meinem Zopfe zurück, was ich ja nun mal überhaupt kein bisschen leiden kann. . Ja, ich finde dich auch nett, spule ich also schleunigst noch hinterher um ihn loszuwerden. Kann ich dich mal anrufen?, fragt P. Ich sage nein, er fragt pompt wann.

Ich werde langsam total wahnsinnig mit P und sage, ich hätte gar kein Telefon. Im Telefon lebten gefährliche kosmische Strahlen, ich hätte auch meine ganze Wohnung mit Alu ausgekleidet deswegen und hätte nur heute meine Strahlenschutzhelm nicht auf. Nano nano. Er gibt immer noch nicht so richtig auf und fragt mich ob ich wüsste an wen ich mich mit meinem Problem wenden könne, er könne mir aber auch gern helfen, doch fachliche Hilfe wäre unbedingt anzuraten. Beim Wort „fachlich“ gurgelt er wie ein gequälter Kuckuck. Ich fliege mit Leichtigkeit über das Nest, das er mir so gern bauen würde.

Heimlich verfluche ich meine strategischen Qualitäten und weihe ihn verschwörerisch ein, dass ich heute Ausgang aus der geschlossenen Abteilung hätte. Da endlich gibt er auf. Du hast echt einen totalen Lattenschuss, oder? will er zweifelnd von mir wissen. Nein, flüstere ich. Ich habe heute nur meine Medikamente nicht genommen, das wäre eigentlich schon alles. Ich grinse P. an wie Jack Nickolson seinen entsetzten Sohn in Shining. Und übrigens Vorsicht: ich bin schüchtern.

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Tausendundeine Wellnässgeschichten, heute: Das erste Mal

Im Leben kommt irgendwann immer ein erstes Mal. Ich ging schon immer gern in die Sauna, seit ich zum ersten Mal bei über hundert Grad in einer finnischen Blockhaussauna saß, umwickelt von einem Badehandttuch unter lauter nackten schwitzenden Leuten und nicht wusste, wie ich ohne zu implodieren in der Handtuchzwangsjacke die kommenden acht Minuten Aufguss weiterhin atmend überstehen sollte. Ich war erst siebzehn Jahre alt und gschamig ohne Ende, so eine, die sich am Strand umständlich unterm Handtuch und Papas Bademantel umkleidet. So eine, die glaubt, dass ihr der Busen abfällt, wenn den ein Unbefugter zu Gesicht bekommt.

Meine gleichaltrige Freundin hatte gerade jenen neuen Freund, eine große Sache war das für sie, die erste große Liebe. Ihr Freund erschien mir bereits wie ein uralter Mann, denn er war schon unvorstellbare vierzig Jahre alt und ich wollte mir lieber nicht vorstellen wie er nackig aussah. Meine Freundin wollte in ein großes Spaßbad zum Saunieren und ausgerechnet ich sollte sie als moralische Unterstützung unter lauter Nackten begleiten. Ich war entsetzt und fasziniert zu gleicher Zeit. Also packte ich kurzerhand meine Schwimmtasche und machte mich bereit. Um fünfzehn Uhr rollte die Kutsche vor und ich lernte ganz nebenbei auch jenen mysteriösen neuen Freund meiner Freundin kennen. Er sah gar nicht so alt aus wie ich mir vorgestellt hatte und machte einen äußerst sympathischen Eindruck. Nur sein Geflirte ging mir auf den Keks. Ich war zu jener Zeit noch unvergeben und betrachtete alles Männliche als höchst obskur und mysteriös, will sagen, ich hatte von Liebe und solchen Dingen keinen Schimmer. Der Einzige, der es sich einmal traute, mir verwegen zwischen die Beine zu grapschen holte sich eine Maulschelle von der ihm vermutlich noch heute der große Kopf wackelt und seither betrachtete ich Männer mit Charme wie Bagger und beschloss sie auch wie Bagger zu behandeln: Schnell vorbei und weg, bevor die große Schaufel kommmt…

Die große Liebe meiner Freundin war ca. 1,75 m groß und hatte blondes, bereits etwas schütteres Haar. Er neigte zu tiefer Sonnenbräune und hatte Leberflecken auf seinen Armen. Seine blauen Augen waren von Lachfältchen plissiert, er war mitnichten ein Unattraktiver für sein methusalemisches Alter. Die Therme war gut besucht, meine schwimmeraffine Meeresnatur sog gierig den Chlorgeruch in die Nüstern. Er kündigte das Wasser an und ich bin eine totale Wasserratte. Wir gingen dann auch erst einmal schwimmen und ich tobte mich eine ganze Weile Bahnen ziehend aus. Ich traute mich nämlich nur noch äußerst selten in ein Schwimmbad und alleine zog mich gar nichts hin. Das hatte auch sehr gute Gründe, doch die erzähle ich vielleicht irgendwann einmal, jetzt und hier jedenfalls nicht.

Der Freund trug eine knappe türkis und blau gestreifte Badehose mit Kordelzug. Daran erinnere ich mich und ich glaube, der Bikini meiner groß gewachsenen dunkelhaarigen Freundin war rot und weiß gestreift, sicher bin ich mir aber nicht mehr so ganz. Ich trug meinen Sport-Badeanzug von Solar mit dem goldenen Schwimmabzeichen. An den Seiten war er orange und rot gestreift. Sportlich, sportlich, flappte der Freund meiner Freundin mir zu. Ich kann auch gemein werden, wenn ich mich ironisiert wahrgenommen fühle. Vor allem älteren Männern gegenüber, die ich schlecht bis überhaupt kein bisschen einschätzen kann. Charmant geht anders, stachelte ich also zurück und setzte hinterher: Schicke Badehose, ist die von der Marke Leger? Damit war die Sache zwischen uns vorläufig geklärt.

Bis es dann zum zweiten Teil unseres Spaßbadabenteuers kam, der Wellnäss-Phase. Solange ich in mein Badehandtuch eingerollt war wie ein Brathering in seiner Dose, ging es mir ja noch ganz gut. Der Freund meiner Freundin hatte fairerweise ein gestreiftes Handtuch um die schmalen Hüften geschlungen. Ein winziger höchst unsportlicher Bauchansatz lugte darüber. Auch meine Freundin hatte sich wie auch ich in ihr großes Saunahandtuch über der Brust eingewickelt und sich obendrein sicherheitshalber bei mir eingehakt, tat aber total lässig. Als könne sie das alles hier überhaupt nicht kratzen. Ich beschloss eine ähnlich unbeteiligte Miene aufzusetzen. Es funktionierte genau so lange bis mir der erste Dreiertrupp junger Männer laut miteinander schnatternd entgegenkam. Sie hatten sich ihre Saunatücher locker über die Schultern geworfen und genau da lag bzw. hing mein Problem.

Ich erinnere die gesichtslosen jungen Männer rückblickend wie einen Morsecode: kurz-lang-kurz. Das ist SOS, oder? Meine Augen frästen sich an den baumelnden Tatsachen fest und mein Puls jagte fünfzig Oktaven in die Höhe. Ich gab irgend etwas von mir und meine Freundin zischte mir ins Ohr: Um Himmels willen nun starr die doch bloß nicht so entgeistert an, was sollen die denn denken? Doch da wurde ich bereits mit dem nächsten Entsetzen in Form eines flott auf mich zuflipfloppenden alten Mannes mit einem geradezu sensationellen Monsterteil irritiert. Ein heftiger Rippenstoß katapultierte mich gnadenlos in die grausame Realität zurück: Ich war umzingelt von nackten Männern und ich hatte nur mein Sauna-Handtuch um mich gegen sie zu wehren. Warum wir ausgerechnet zuerst in die Blockhaussauna gingen, weiß ich heute auch nicht mehr. Sie ist knallheiß, über hundert Grad, das hält man doch echt nur nackig aus. Wir schafften fünf Minuten und einen Aufguss, dann rannten wir kurz vor der Verdampfung stehend, natürlich becknackterweise hochgeschlossen mit Saunahandtuch unter dem schallenden Gekicher der außer uns noch anwesenden jungen Männer nach draußen. Das war ein Super-Auftritt. Ich sagte das meiner Freundin. Dann kam ihr Freund auf uns zu. Sein Dingdong baumelte verwirrend in Größe S vor ihm her. Ich unterteilte sie inzwischen sicherheitshalber in XS, S, M, L und XL als ich ein XXL auf der Empore entdeckte. Ich war einfach fassungslos. Mir entglitt vor Schreck mein Saunahandtuch und ich stand plötzlich nackig vor dem Freund meiner Freundin. Da ich mir keinen anderen Ausweg mehr wusste und nur noch die schockierten Augen meiner Freundin registrieren konnte, trat ich mein Heil in der Flucht rückwärts in die Dampfe an. Das Handtuch um meine Füße raffte ich schnell noch um mich, was ohne sich zu bücken einigermaßen schwierig ist und schleppte es selbstredend auch mit ins Dampfbad. Es war natürlich sofort durchnässt, denn ich kannte ja die Dampfe noch nicht. Eingewickelt in mein klatschnasses Saunahandtuch überstand ich fünf weitere Minuten bis ich durch das Fenster in der Tür Freund und Freundin nicht mehr sehen konnte.

Als ich die Luft für rein erachtete, schoss ich schnell nach draußen und strahlte mich gefühlt fünf Minuten lang eisig kalt mit dem Wasserschlauch ab um den höllischen Schreck meiner ungewollten Ganzkörper- Sichtbarwerdung zu vertreiben. Mein Herz jagte irgendwo zwischen meinen Ohren herum. Geht es Ihnen gut?, wollte ein nackter und besorgter baumelnder junger Mann von mir wissen. Sind Sie auch Schweifträger? kam mir unsinnigerweise Loriot in den Sinn und beinah hätte ich dem jungen Mann diese völlig unverfrorene Frage gestellt.
Entschuldigend faselte ich völlig off-topic und triefenderweise irgend etwas in Richtung: Bin zum ersten Mal hier und das ist alles noch sehr ungewohnt für mich. Dabei wusste ich nicht, was ich zuerst festhalten sollte: meinen Busen oder meine Scham. Mit einer Hand quer bekam ich meinen Busen nicht ausreichend bedeckt, an dem sich gefühlt etwas festgesaugt hatte, was ich mich natürlich niemals getraut hätte durch einen kurzen Blick in das Gesicht meines Gegenübers zu überprüfen. Der zuckende Wasserschlauch in meinen Händen versuchte sich jedem meiner Versuche, ihn abzudrehen zu entwinden und weigerte sich sperrig sich zurück in die Halterung befördern zu lassen. Irgendwie gelang es mir dann doch noch und ich besann mich wieder auf meine totalitäre Nacktheit, die sich leider erwartungsgemäß an diesem Ort mit anderer Nacktheit konfrontiert sah. Seltsamerweise fiel mir nicht mein Busen ab und auch sein Dingdong hatte die Beäugungen irgendwie überstanden, denn er hing immer noch unübersehbar an ihm dran samt irgendwelcher anderer Teile, die ich meiner Phantasie überließ, während ich hartnäckig die Form seiner Zehennägel studierte.

Aus der etwas unangenehmen Situation retteten mich schließlich meine Freundin und ihr Freund. Wo warst Du? schrien ihre vorwurfsvollen Blicke und ich zuckte entschuldigend die Achseln und meinte, ich hätte mich verlaufen in der Therme, das sei alles so riesig und verwirrend hier. Ich beneidete meine Freundin heiß und innig um ihr noch halbwegs trockenes Saunahandtuch und ihr freundliches Gesicht lachte mich schon wieder an. Komm, wir gehen was essen, beschloss sie und wir machten uns auf in den Gastronomiebereich. Ich holte mir mein zweites trockenes Handtuch, froh und dankbar, irgendwie angezogen unter anderen halbwegs Bekleideten sitzen zu dürfen.

Meine Freundin und ich hatten trotz der tausendundeinen nackten Tatsachen einen Heidenspaß. An diesem Tag traute ich mich noch nicht, das Handtuch in den Saunen fallen zu lassen. Als ich vor ein paar Wochen in der Sauna war, saß vor mir ein junges Mädchen. Sie kam, vom Handtuch bedeckt hinein und platzierte sich damit auf einer Bank, die Beine übereinandergext und die Arme über dem Busen verschlungen. Ich erinnerte mich an mein „erstes Mal“ vor über dreißig Jahren als sei es gestern gewesen. Da war es ein windiger Frühlingstag im April gewesen und die Sonne blinzelte sporadisch durch dicke graue Wolken hindurch.

Als ich später abends gegen halb elf Uhr nach Hause kam, lag Papa bereits im Bett und Mama schaute sich Marnie von Alfred Hitchcock im Fernsehen an. Wir kannten den Film beide. Sie wollte wissen wie es im Spaßbad war und ich erzählte ihr von unseren Erlebnissen. Bevor uns der Film wie üblich auch in der zigsten Wiederholung wieder in seinen Bann bringen konnte, lachte sie über meine moralisierende Prüderie. Ach, das legt sich schon alles noch, prophezeite sie mir. Hab erst einmal einen Freund oder bringe eigene Kinder zur Welt, dann ändert sich deine Einstellung zu deinem Körper noch gewaltig. Dann sah Marnie schon wieder feuerrot und Furio, der blöde Superzossen ging endgültig durch mit einem Kreuz auf der Stirn und alles wurde sehr romantisch, theatralisch und furchtbar dramatisch, so wie es sich für erste Male nun einmal gehört.

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(Bild: Sohnemann, Urlaub Kroatien)