My name is Jack.

Wo bist du denn schüchtern, Jack? feixt, nennen wir ihn mal P. zu mir rüber als ich meine Ansage, dass ich insgesamt schüchtern sei, zusammen mit meinem Namen Jack in seine Richtung mache. Bist Du denn ein Mann? Das erkennst du jetzt zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz, fasele ich verwegen weiter und denke darüber nach inwiefern ich nicht schüchtern bin, dafür ein Mann. Muss an meiner insgesamt draufgängerischen Art, mein Heil in einer plötzlichen Flucht zu suchen, liegen und an dem weiblichen Aussehen. Das weiß P. nur noch nicht. Weswegen er meinte mich in dem Lokal anquatschen zu müssen. Weswegen ich meinte, ihm sagen zu müssen, ich sei schüchtern? Ich Hornochsin. Ich versuche den in mir herumflatternden aufgescheuchten Panikvogel wieder einzufangen. Was will P. von mir? Ich versuche ihn abzuchecken. Flackernder Augenaufschlag in Verbindung mit Komplimenten ist total übel. Hoffentlich kommt er mir nicht noch mit so etwas wie einer schweren Kindheit oder so einem Gruselwort wie Altlasten?

Vorsicht verfänglich!, wedelt mein Zeigefinger hin und her. Erbarmung, ich wünsche mir vorbildliches und ein zierliches Benehmen, tobt aufgebracht Fräulein Rottenmeier, die sich dank meines manchmal ekelhaft akribischen Gedächtnisses als Anstandswauwau irgendwann in meinen späteren Jugendjahren nach einer Überdosis "Heidi" von Johanna Spyri in mir als posttraumatisches Stressyncrom samt ihrer hochgeschlossenen schwarzen Robe manifestierte. Seither zanke ich mit ihrem Geist herum und sie versucht aus mir eine „Dame von Welt" zu machen. In meiner Idee ist Fräulein Rottenmeier eine ältliche, stets nach Uralt Lavendel duftende altjüngferliche gestrenge Kriegerin unter der Flagge anständiger Benimmregeln und ausgestattet mit einem dicken Katalog von knigge'scher Verhaltensvorschriften von mindestens Anno Tuc.

Sie ist ziemlich besitzergreifend und von geradezu viktorianischer Strenge, aber heult manchmal dennoch nachts ihr einsames Kopfkissen voll mit ihrer Trostlosigkeit. Da sie eine Vorliebe für kühlschrankkühles Pfefferminzkonfekt an den Tag legt und außerdem eine beinah kitschige Affinität zu Veilchenpastillen pflegt, kann ich sie immer wieder mit Leckereien becircen.

P. weiß nichts von Fräulein Rottenmeier, die sich gerade in mir zu voller moralisierender Gutmenschgröße aufgeblasen hat. Ich habe aber keine Lust, meine Verbalattacken per Autopilot loszulassen und steche meine Augen in P’s  Richtung auf wie in zwei tiefe blickdichte Eier. Ich lasse ihn in vollem Ausmaß in einen überrandvoll mit Beleidigung gefüllten Fettpott latschen. Ja, entschuldige doch bitte mal, nun kuck doch bloß nicht so, so war das ja doch gar nicht gemeint, versucht P. einen etwas holperigen Landeanflug in Richtung Verständnis als er in meine Brunnenaugen blickt und die ganzen ersoffenen stinkenden Fischleichen darin treiben sieht.

Nö, schon klar, lächele ich entwaffnend in seine zuckenden Mundwinkel zurück, man kennt den andern doch niemals so ganz, was? Ich finde mich selbst mittlerweile kreuzdämlich, weil ich P. so etwas Großes wie meine mir angeborene und manchmal arg verkappte, mich ständig ausbremsende Schüchternheit verraten habe. Sie ist wie der berühmte Bremsklotz an der Schiffschaukel. Immer kurz bevor es spannend wird und überschlägt kommt meine Schüchternheit, dieser alte Schiffschaukelbremser!

So auch jetzt bei P. Ich überlege wie hoch das sonstige Kumpelpotential von P. wohl wäre, das er gerade im Begriff ist, mit den Enterhaken seines nicht vorhandenen Charmes einzureißen. Wann könnten wir uns denn mal wiedersehen, mein Engel? Startet P. einen neuen Anlauf. Er muss doch ganz furchtbar verzweifelt sein, überlegt mein Verstand während mein Herz längst das Weite gesucht hat.

Hä? frage ich dementsprechend entgeistert als sei Hä? eine angemessene Antwort auf die possessiv zu verwendende Anrede „mein Engel. P. fällt jetzt gar nichts mehr ein, diesem Bengel. Noch nicht so ganz trocken hinter den Ohren und keine Ahnung von schüchternen Menschen, was?. Null Empathie, wie langweilig, grübele ich mich unerbittlich außerhalb von P's Fangnetzarmen.

Fräulein Rottenmeier lässt sich lautstark die Luft raus, fliegt quietschend dreimal um mein inneres Leuchten um sich sich wieder in meinen Orkus zurückzuziehen, ihr war wohl zu langweilig mit P. Keine Herausforderung, sowas.

Dein Engel wird dich jetzt verlassen und wünscht dir noch ein geiles Leben, prophezeie ich P.  in munterem Plauderton, während ich mich langsam erhebe wie eine komplett dissiozative Verhaltenskatastrophe. Aber ich habe dich doch gerade erst gefunden, das geht doch so nicht! grätscht er verwegen zurück in meine Richtung. Ein Kämpfer auch noch, das hat mir gerade noch gefehlt.

Es gibt keinen Gott und Eva ist eine Erfindung von Adam. Sorry, dass ich es dir sagen muss. Tut mir echt leid. Ich kucke P. mitfühlend an und will mich justamente durch die Leute des Lokals zum Ausgang hin durchwühlen, da hält der Lümmel mich an meinem Zopfe zurück, was ich ja nun mal überhaupt kein bisschen leiden kann. . Ja, ich finde dich auch nett, spule ich also schleunigst noch hinterher um ihn loszuwerden. Kann ich dich mal anrufen?, fragt P. Ich sage nein, er fragt pompt wann.

Ich werde langsam total wahnsinnig mit P und sage, ich hätte gar kein Telefon. Im Telefon lebten gefährliche kosmische Strahlen, ich hätte auch meine ganze Wohnung mit Alu ausgekleidet deswegen und hätte nur heute meine Strahlenschutzhelm nicht auf. Nano nano. Er gibt immer noch nicht so richtig auf und fragt mich ob ich wüsste an wen ich mich mit meinem Problem wenden könne, er könne mir aber auch gern helfen, doch fachliche Hilfe wäre unbedingt anzuraten. Beim Wort „fachlich“ gurgelt er wie ein gequälter Kuckuck. Ich fliege mit Leichtigkeit über das Nest, das er mir so gern bauen würde.

Heimlich verfluche ich meine strategischen Qualitäten und weihe ihn verschwörerisch ein, dass ich heute Ausgang aus der geschlossenen Abteilung hätte. Da endlich gibt er auf. Du hast echt einen totalen Lattenschuss, oder? will er zweifelnd von mir wissen. Nein, flüstere ich. Ich habe heute nur meine Medikamente nicht genommen, das wäre eigentlich schon alles. Ich grinse P. an wie Jack Nickolson seinen entsetzten Sohn in Shining. Und übrigens Vorsicht: ich bin schüchtern.

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17 Kommentare zu “My name is Jack.

  1. wieder was für später …

  2. kormoranflug sagt:

    Zu der Zeit (my name is Jack) nannten sie mich noch Tommy. Besonders gut gefällt mir „du hast echt einen totalen Lattenschuss, oder“ obwohl ich Fussball nicht ausstehen kann.

    • karfunkelfee sagt:

      Weil man das Idiom nicht mehr so oft hört…es gehört in die Zeit als man Dich Tommy nannte und jemanden jemanden als Knallcharge zu bezeichnen eine wüste Beleidigung darstellte. Seither hat sich viel verändert. Auch der Fußball…der allerdings in meiner Story seinen Auftritt suchen muss.😉

  3. In „Shining“ hatte Jack nur einen Sohn. P. ist ne Lusche, nicht nur beim Flirtversuch. Mich würde einmal interessieren, wie es zur Tradierung dieses objektlosen Komplimentierens gekommen ist, welches unter den Jungspünden so weit verbreitet scheint wie die vier tödlichsten Zivilisationskrankheiten in der westlichen Welt. Ich meine, diese Typen würden auch ein Triefauge komplimentieren als tiefen, dunklen, verlockenden Mandelsee. Ich suche nach einer Tonspur, die mir das Gurgeln eines gequälten Kuckucks nahebringt.
    Im Übrigen sind Sie schon ein phantastisches Wesen und bitte darum, diese Aussage einmal ganz ungeschoren stehenlassen zu dürfen.

    • karfunkelfee sagt:

      Oh Mann…jetzt hast Du mich sprechbefreit…😳
      Solche Begegnungen zweier an sich Lost in translation aneinander vorbei Argumentierender kommen vor. Mit Komplimenten in Glashäusern um sich zu werfen macht jeden Porzellanelefanten neidisch und wenn jemand sagt: Ich mag es wenn Du wie eine triefäugige Forelle kuckst, zerlaufe ich wie ein Viertelkiloklötzchen gute deutsche Butter im Sonnenschein.
      Grad auch wieder.
      Huii…
      Hier wird auf keinen Fall was geschoren.
      Nienich.

      • Weil diese Art von Komplimenten bei dir ankommen? Muss ich das so verstehen? Ist das der Grund, warum die sinnbefreiten Komplimente verfangen? Dumme Frage. Auch hier gibt es offensichtlich ein Marktgesetz von Angebot und Nachfrage. Sie sind mir ein schönes halbes Pfund Butter, wenn Sie aus solch geringem komplimentären Anlass zerlaufen. Vielleicht hilft meinem verlorenen Glauben an Ihre Urteilsfähigkeit in diesen Dingen die Unterstellung der Ironie? Bitte, lassen Sie Ihre Aussage Ironie sein.

      • karfunkelfee sagt:

        Selbst in der größten Ernsthaftigkeit werfe ich gern ironische Geschmeidigmacher ein. Komplimente können etwas ungemein Feines sein, doch sie können auch etwas ganz schön Berechnendes sein, da gibt es wie überall Unterschiede. So wie bei Butter auch. Ich bevorzuge sie kühl und feinstgehobelt in Spänchen und Kringelflocken. Manchmal wie Butter zu sein hat durchaus seine Vorteile. Flutscht immer schnell weg, ist altbewährtes Heilmittel (Schlägst du dir vor Übermut die Kniee auf, tu Butter drauf und alles wird gut!)und brennender Sengesonne sollte sie natürlich nicht ausgesetzt werden.
        Dann auch noch Merkantilismus…stöhn…was tut man bloß mit einer Nachfrage ohne Angebot, so wie Jack, die Protagonistin?Wenn Jack ihre Medikamente nehmen würde wäre sie nur halb so lustig, von ironisch ganz zu schweigen, sowas Hinterschwelliges würde glatt wegmedizinisiert?Hinfort Medikamentiert?
        Ironie ist zum Glück unheilbar, Du darfst also ganz beruhigt sein.

    • karfunkelfee sagt:

      P.S. Stimmt genau, ich korrigiere und danke!

  4. www.wortbehagen.de sagt:

    oh, oh, das Fräulein Rottenmeier … *g*
    ich versinke in Gedanken und komme spät zurück

    • karfunkelfee sagt:

      …sie ist meine liebste gedankliche Moralapostelin und immer für ein geistreiches Gespräch gut, das gar nicht so gestrenge Fräulein Rottenmeier mit der Empfänglichkeit für Zartbitterschoki mit Pfefferminzprinzengeschmack in Rollenform…Du kommst spät. Du kommst. Auf Dich ist so dermaßen schön Verlass, dass es mich beschämt. ganz liebe Grüße zu Dir ….mit Antennengewackele …👽

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