Die Wallfahrer (Patmos 1994)

i.m. M.

Ausgehend von der Ankunft

am Wallfahrtsort

alterten wir

bis hierher

jeder für sich

allein

*

Wir trafen uns

in Johannes’ Höhle

mit den Wölbungen

von Hand und Stirn

des Visionärs

im Gestein

*

unter dem Dreizackriss

oben in der Decke

klafftest du mich an

wie ein Abgrund ins Licht

einreißt

*

und ich erschrak:

deine vier Reiter

würde niemand

am wenigsten ich

aufhalten

*

apokalipsis

hatte deinen Weg

beschritten

und es war

zwischen anderen

Wallfahrern

im milden Goldschimmer

der Ikonostasen

umstanden von

orthodoxen Hoffnungen

inmitten fremder Wünsche

und Bitten

sich windende Rosenkranzschlangen

zwischen Schwitzfingern

*

warfst du

dein dunkelstes Erbarmen auf mich

wie einen Fluch

der sich im Nachhinein

als zerfledderter Phönix kreisend

über der Asche

unseres Unvereinbaren

erhob

immerfort

in der Wiederholung

eines hoffnungsvollen letzten Versuchs

*

gezähmt von unseren Gemeinsamkeiten

beatmeten wir

unser dickes Blut

mit dem Sommerwein

unserer übrigen Geselligkeiten

*

trieben Gewesenem

hinterher

und weißt du was du mir hier sagtest:

Wir wollen beide so jung bleiben

wie wir jetzt sind?

*

wie wir brannten

wir Höhlennaturen

haben uns

in geheimen Bekenntnissen auseinander geschwiegen

schwesterlich wieder eingeschworen

und das ins Licht Entfliehende

offenbarte sich im Felsabdruck

als Tand

menschliches Silbergewirk

es wurde in uns

in unseren uns

fremdesten Momenten

in Tagtraumzielen

unter ferner liefen

wieder und wieder geboren.

*

Wir tanzten weiter rötlich

auf Anolis Berg von oben herab

gegen die Nähe der Scham

mit einem Taschentuch am Daumen

und die Schattenspeere der Pinien zielten alle auf dich

*

als du sagtest

das türkische Festland

erschiene hier so nah

man könne glatt

hinüberschwimmen

*

in deinen Augen spiegelte sich

die Idee meines Ja

was ich träume kann ich tun

und ich begehrte was ich sah.

*

so lange

bis du mir

deine todgeweihten Orte

in den Weg

vor meine Füße legtest

*

wie beiläufig erwähntest

du seiest immer öfter müde

uns sei nur noch wenig Zeit

beschieden

*

jede Menge

versprachen wir uns

mit verbundenen Augen, Ohren und Mund

du würdest wieder ganz gesund

und dies und das

auch Unsterblichkeit

*

und du hast es verstanden

zu deinen Lebzeiten

das Vermissen

*

Auf Patmos

hast du es verstanden.

—-

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15 Kommentare zu “Die Wallfahrer (Patmos 1994)

  1. kowkla123 sagt:

    sind doch schöne Erfahrungen, beste Grüße von mir zu dir, Klaus

  2. finbarsgift sagt:

    Zauberschön,
    Liebe Fee,
    Dein Patmospoem…
    Liebe Wintergrüße vom Lu

  3. gkazakou sagt:

    sehr schön dein Gedicht.

  4. Wie dicht in Bildern und Gedanken, sehr schön.

    Liebe Grüße

    Achim

  5. karfunkelfee sagt:

    Fein, Dich zu lesen -lieben Dank
    und viele Grüße von

    Stefanie

  6. kormoranflug sagt:

    Wunderbar geschrieben – ich konnte mitfühlen

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