Them – It’s all over now, Baby Blue

Song-Klappentext, 40 Jahre vorher: Ich bin ein Backvogel, ein Puberfisch, ein Dingsklumps, eine triefäugige Schlafmanschette mit Herzfieber und immer noch in Pierre Brice verknallt. Und mitten in meine Trauer, dass meine Liebe zu Dirk unerwidert blieb, platzte Van Morrisons blaues Baby und ich war so over, oh Mann, war ich over and out. Und dieser Song musste laut….

Auf dass Euch warm werde und meinem blogfreund Lu meinen Feen-Dank für die Idee zu Thems Baby Blue.

Lieben Gruß von der Fee

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Friederike im Februar

Eine Stunde
Friederike im Februar
hinterlässt im Wald
hinterm Häusersaum lauter
starr Dahergefallene fahl

beschaudert mit
Schneeflittertränen
aus hohen Kronen Umstehender
standhafter

als sie es waren.

*

Osmotische Luft zu dick zum Atmen
schlürf ich weg wie ein Eisweinen
splittert in meiner Kehle

Ich singe rauer als sonst beim Gehen.
Mich friert die Nase fest vorm Schal
ich muss mich eilen

Auf Sandwegen unter Kaltglas
starren meilenweise
Rotfichtennadeln
in langen gebrochenen Zeilen

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Blubb- QUILLT hier eine Meinung?

Diese Woche findet der (sibirische?) Winter in Deutschland statt. Auch wenn das Gewieher der -30 Grad gewöhnten New Yorker bis übern großen Teich in unseren verweichlichten Ohren klirrt…

Wir schaffen das!😉

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Blubb – QUILLT hier eine Meinung?

Eine ‚Russen-Peitsche‘?

Das gibt‘s doch gar nicht!

Doch – bei Vollhaar!

Friedel lohnt sich.

Aber erst mal zur Nanny.

Wir schieben Pflegekittel.

Iwan Iwanowitsch, 125 Jahre, aus Sibirien, Russland-Auswanderer, verrät QUILLT das Geheimnis seines unglaublich langen Lebens: „Ich dusche einfach nie. Darum sterbe ich auch nie. Vor allem im Winter nicht.“

In der Ewigkeit eines Jetzt

Liebe blogfreunde, heute geht es um die erste Liebe. Ich trug zusammen. Scherben, Bruchstücke, Trümmer und malte draus ein Sippengemälde. Auch ein Sittengemälde, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich wünsche Euch Lesevergnügen. Habt es gut.

Liebe Grüße von der Fee

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Solange diese Teewurst noch essbar ist, geht das noch auf die Pausenstulle. Nur wegen der Lebensmittelaffinität seiner Oma war Kris im Krankenhaus gelandet. Es war zum Verrücktwerden. Nein, noch schlimmer als das, weil es keinen Ausweg gab. Kris und seine Oma wohnten in dieser Zweiraumwohnung. Sie war eine Überlebende des Krieges, geflohen aus Niederschlesien, war hier in dieser für Kriegsflüchtlinge konzipierten Satellitenstadt gelandet mit ihrer Familie, genau wie meine Eltern. Ich mochte sie auch irgendwie auf eine spezielle Weise, obwohl wir  uns oft über sie lustig machten und ich mit ihr auch häufig aneinandergeriet wegen ihrer Auffassungen oder Ansichten über Kris.

„Credo ist Natur!“ jubelte unser Freund Urs im Treppenhaus und tupfte sich Weihwasser unter den Arm, mit dem er sich aus dem kleinen Steinbecken mit der Aufschrift „Credo“, das am Türpfosten vor der Wohnungstür von Kris‘ Oma hing, freizügig und nach allen Seiten spritzend bediente. Kris‘ Oma holte das höchstselbst vom Pfarrer gesegnete Weihwasser für das Steinbecken zum Bekreuzigen an ihrer Eingangstür aus der hiesigen Kirche. Einmal die Woche zog sie mit einer kleinen Glasflasche bewaffnet los um sich ihren Wochenvorrat Weihwasser vom Pfarrer  abzuholen. Sie pflegte es Kris und mir auf die Stirn zu tupfen um uns zu beschützen. Dabei bekreuzigte sie sich und murmelte LobetdenHerrn-Worte. Ich fand das immer irgendwie süß und nun trieb Urs es auf die Spitze. „Dir werde ich helfen, Du Lauselümmel, du Bürschchen!“, brüllte empört Kris’ Oma, schnappte  sich den Besen, der in der Ecke lehnte und stürmte wild das Kehrutensil schwingend mit einer erstaunlichen Kraft und Geschwindigkeit hinter dem treppabwärts flüchtenden Urs her. Ohne ihn einzuholen natürlich. Es wäre Urs schlecht bekommen und das wusste er. An diesem Nachmittag sahen wir ihn jedenfalls nicht wieder.

Und nun war Kris krank und alles nur wegen seiner Oma und weil sie ihm diese fragwürdige Leberwurst auf sein Pausenbrot geschmiert hatte, denn sie bestand darauf, ihm seine Brote zu schmieren und er hatte es aufgegeben, dagegen anzuargumentieren. Schließlich schmierte sie schon seit Kindergarten- und Schulzeiten Kris’ Stullen und würde das auch während seiner Ausbildungszeit tun, solange er eben Brote brauchte, hörte ich sie einmal im heftigen Streit mit Kris. Dabei hatte er sie nur höflich gebeten, sich seine Butterbrote selbst machen zu dürfen. Es kommt einem Landesverrat gleich, Frauen ihre Küchenrechte und die Ernährungsbefugnis für die Familienmitglieder nehmen zu wollen, ja auch nur ihre Funktion in Frage zu stellen und in dieser Hinsicht reagierte Kris’Oma folgerichtig wie ein geputschter und vom Sockel gestürzter Präsident. In ihrem Kühlschrank tummelten sich abgelaufene und teilweise verschimmelte Joghurts, uralter Streichkäse, der einem schon in unangenehmen Ausdünstungen entgegen lief, sobald man die Kühlschranktür nur einen Spalt weit öffnete. Wir ernährten uns, wenn wir bei ihm waren, am liebsten von Fertigpizza. Fertigpizza ging irgendwie immer. Bisschen Käse, Tomate und Pizzagewürz, alles bestens, nur auf Dauer etwas eintönig.

Einmal kam ich zu Besuch zu Kris’ und diese kleine Wohnung stank noch schlimmer nach irgend welchen unmöglich zu definierenden Substanzen als sonst. Mir wurde nach den ersten Atemzügen dermaßen speiübel, dass mein überzuschwappen drohender Magen gerade noch ein Hallo herauswürgen konnte, bevor ich Tschüss! gleich hinterherrief ohne die Oma zu begrüßen und nach unten an die frische Luft floh. Kris rannte hinter mir her. „Ey, wir wollten doch das Heft mit den Minispionen anschauen, ich habe da was Interessantes, das will ich dir unbedingt zeigen.“ Ein Wunder, dass Kris noch lebte und so gesund aussah. Ich fühlte mich gerade wie schon längst gestorben und hockte zusammengedrückt auf dem Bordstein vor der Haustür des Mietblockes. „Kris, ich kann nicht… Was immer deine Oma da kocht, es stinkt als würde sie Leichen sieden, bitte versteh doch…“ Unglücklich sondierten meine Augen den Fleck grobkörnigen Asphalts zwischen meinen Beinen. „Es gibt Gerüche, die halte ich schlicht nicht aus. Das ist einfach zu viel für meinen Rüssel. Ich meine, was zur Hölle kocht sie da? Elefantenfüße?“ Wenn Kris lachte, lachte jede seiner dunklen widerspenstigen Locken mit. Er lernte Fernmeldeelektroniker. Das war seine Welt, die der Elektronik und der digitalen Daten. Stolz präsentierte er mir seinen Commodore PC 64. Er hatte sein Lehrlingsgehalt von Siemens gespart, damit er sich dieses Vorzeigeprodukt menschlicher Intelligenz und Entwicklung kaufen konnte. Der Computer war mein größter Feind, denn Kris konnte Tage und Nächte damit verbringen, stundenlang Programme zu schreiben, neue Computersprachen zu lernen oder Spiele zu spielen. Ich verstand diese Faszination nicht, fand es draußen oder zusammen viel schöner. Doch Kris war ein Stubenhocker und es war ihm relativ egal ob gerade Frühling, Sommer, Herbst oder Winter war.

Kris war mein erster „richtiger Freund“und ich verstand nicht, warum er bei seiner Oma, nur durch einen Vorhang getrennt, schlafen und leben musste und sein Bruder nicht. Denn Kris‘ Mutter bewohnte eine kleine adrette Wohnung ein paar Straßen weiter und dort gab es drei Zimmer. Eines davon bewohnte Kris’ drei Jahre jüngerer Bruder. Das Schlafzimmer war ein teilweiser Rückzugsbereich von Hans-Ullrich, dem Lebensgefährten von Kris‘ Mutter. Hans-Ullrich war mir vom ersten schlaffen Handschlag an unsympathisch. Seine Stimme klang als würde er jeden Moment anfangen wollen zu weinen. Irgendwie kam er mir eher wie ein Kind der Familie vor.  Im Schlafzimmer stand seine Stabo-Funkanlage. Oft saß er dort, wenn wir zu Besuch waren und hörte den Polizeifunk ab. Gab es irgendwo einen Unfall, sprang Hans-Ullrich noch in Jogginghose und Feinrippunterhemd schleunigst in seinen Golf und jagte zum Unfallort um zu gaffen. Ich sagte ihm, dass das nicht in Ordnung sei, erklärte was von Behinderung der Polizei, Opferwürde, solche Sachen. Doch er meinte, ich solle mich gefälligst um meine eigenen Angelegenheiten kümmern, das sei nur seine Sache, wollte zornesgeballt wissen, was ich mich überhaupt einmischen würde. Sein Aggressionspotential wenn es um sein Hobby, die Unfallgafferei ging, war beachtlich. Er konnte sich aufblasen wie ein Kugelfisch. Mit meiner jugendlichen Selbstgerechtigkeit stand ich nicht allein, denn in Kris fand ich einen glühenden Verbündeten in meiner Aversion gegen Hans-Ullrich.

Kris liebte seine Mutter sehr und verwöhnte sie mit Umarmungen und kleinen Geschenken oder verrückten Ideen, die sie zum Lachen brachten, so wie damals als er dieses Deko-Entenpaar in die Mikrowelle steckte und sie anstellte bis sie kochend heiß waren und zu platzen drohten. Er verbog die kleine Küchenlampe mit dem Schwanenhals dermaßen, dass sie aussah wie eine besoffene Doppelhelix und drapierte das elegante Kristallwindlicht gut sichtbar im Kühlschrank neben der Salami, die einen Rüschen-Hut der Biedermeier-Puppe auf dem Sofa trug. Seine Mutter fand ihre Socken in eng umschlungener Umarmung mit dem artigen Meißener Porzellanbarockpärchen wieder. Sie sagte: „Was machst Du bloß wieder für einen Unsinn mit mir armer Frau“? Sie lachte dann, unbeschwert wie ein Mädchen. Ich glaube, es war dieses Lachen, das er an ihr so liebte wie ich das seine an ihm. Doch ich kenne keinen einzigen Menschen, den Kris‘ nicht zu becircen schaffte mit seinem Charme. Als ich zwei Jahre später im Krankenhaus lag und nur am Wochenende raus durfte zu meinen Eltern, lagen wir auf der Schlafcouch in meinem Zimmer und im Radio lief Cutting Crew, I will die in your Arms tonight und ich mochte diesen Song, fand ihn romantisch, doch Kris machte sich mit Vorliebe lustig darüber, was mich wiederum ärgerte. Ich musste doch gleich wieder ins Krankenhaus zurück und das Lied lief geradewegs mit einer Träne in meinen Augenwinkel hinein. Vor Kris war ein Verstecken unmöglich, er erriet meine Gemütszustände mühelos. Als er meine Dramaträne entdeckte, zog er eine seiner besten Grimassen, das sah so dermaßen komisch aus, dass ich losprustete, ich konnte nicht dagegen anhalten. Gegen meinen Willen weinte und lachte ich  gleichzeitig. „Bitte, mach das noch mal!“, flehte ich nach Luft ringend, mir die Seiten haltend und er wiederholte den Gesichtsausdruck, Augen hochgezogen, das Gesicht zu diesem absurden Jokergrinsen verzerrt. Wenn mich jemand zum Lachen bringt, obwohl mir zum Weinen zumute ist, fühle ich mich da geborgen. Das ist eine Art Zärtlichkeit. Kris hatte sie im Übermaß.

Endlich war er heute aus dem Krankenhaus heraus gekommen. Es war eine Lebensmittelvergiftung gewesen und es tat so gut ihn zu sehen. Noch sehr dünn, spitz und blasshäutig, noch nicht richtig wieder er selbst, doch schon wieder vertraut von einem Ohr zum anderen grinsend. Ich umarmte und küsste ihn und lehnte die Stirn gegen seine. „Was hat deine Oma damals gekocht als mir so schlecht von dem Geruch wurde?“, fragte ich ihn, dabei war diese Sache ja schon Wochen her und eignete sich bestimmt nicht um einen lange vermissten Liebsten herzlich im Leben wieder willkommen zu heißen. Kris wurde unter seiner Krankenhausblässe sofort noch etwas grauer im Gesicht. „Es heißt Jure und es ist so ein Zeuchs aus ihrer Heimat Schlesien. Gekochtes Kalbs- oder Schweinehirn mit Graupen und Gewürzen“. Nun war eindeutig eine grünliche Nuance zu seiner grauen Gesichtsfarbe hinzugekommen. „Ihpfuideibel, wie heißt dieses Zeuchs?“, fragte ich entgeistert. „Jure“, stöhnte Kris „bitte erinnere mich nicht daran…“

„Das kann man doch nicht essen“, stellte ich fest und beschloss das Thema nicht weiter zu erörtern, weil auch mir schon wieder blümerant zu werden begann. Ein paar Tage später fragte ich meine Oma nach diesem Jure oder wie es hieß und sie meinte, es käme wohl aus Niederschlesien, sie selbst habe es aber nie gekocht. Es sei ein typisches Arme-Leute-Essen.

Ich fragte Kris also nicht länger nach dem seltsamen Zeuchs, das seine Oma ungefähr einmal monatlich zelebrierte wie ein urschlesisches Ritual. Wenn sie Gehirn kochte, floh Kris auf schnellstem Wege aus der Wohnung. Auf der Kommode in ihrem Wohnzimmer lächelte goldumrahmt Papst Johannes, der Zweite huldvoll und segnend über alle diese Seltsamkeiten und Eigenarten  hinweg. Papst Johannes hatte Kris’ Oma mal auf einer Audienz getroffen, begeistert erzählte sie mir in ihrem breiten Dialekt von dieser großen Sache. Das muss für sie einer der wichtigsten Momente im Leben gewesen sein. Weihnachten schenkte sie mir Süßigkeiten und liebevoll mit Buntstiftblümchen verzierte und gemalte Karten. In ihrer langsamen und zittrigen Alteleuteschrift schrieb sie mir kleine Gedichte und Segens- Sprüche. Wahrscheinlich hoffte sie im Stillen, dass irgend etwas davon bei mir verzogener Göre ankommen würde.

Mit der gleichen Schrift schrieb sie einmal meinen Eltern einen Brief und echauffierte sich darin über deren unerträgliche Tochter. Ihr Enkel käme schließlich aus einem guten Hause. Nicht nur von ihr, auch von Kris’ Mutter flatterte ein solcher Beschwerdebrief ungestempelt von der Post in unseren Briefkasten. Dass nicht der jüngere Bruder auch noch geschrieben hatte, wunderte mich. Besonders mein Vater tobte herum wie ein wütender Grizzly. Er kann sehr beeindruckend werden, wenn ihn ein richtig gerechter Zorn packt. Schließlich hatte er mich gut erzogen, was für ein Affront! Und dann noch von der Familie meines Freundes! Oh lalà! Aus einem guten Hause. Pah, wie bitte?  So stand er wütend wie ein Hugenotte seiner Vorahnenreihe mit rotem Gesicht vor mir und verfasste etwas später, nachdem er wieder reden konnte ohne dabei zu schreien, einen entsprechenden Antwortbrief, in kollaboratischer Verschwörung mit meiner ebenso stinksauren Mutter, die mit ihrem italienischen Temperament auch nicht zu verachten war. Eine leidenschaftliche Rechtfertigung in formvollendetem Amtsdeutsch wurde entworfen und zum Empfänger ab die Post geschickt. Natürlich war ich entsetzt, dass mich Kris’ Mutter, Hans-Ullrich oder seine Großmutter ganz offensichtlich nicht leiden konnten, mich frech und vorlaut fanden. Weil ich immer schon so frei war auszusprechen was ich dachte und das waren manchmal nicht gerade nette Dinge.

Wie ich zum Beispiel Hans-Ullrich angriff mit seinem Gaffer-Hobby und auch bei jeder sich ansonsten bietenden Gelegenheit. Ich brachte Unruhe in dieses betuliche Familien-Gefüge und mein undankbares Querulantentum störte die vom Papst persönlich abgesegnete Ordnung erheblich. Außerdem war ich Kris’ erste Freundin. Ach, war das alles schlimm. Mein Opa weigerte sich, als er mit meiner Mutter telefonierte, rundheraus, Kris‘  noch einmal in seinem Haus empfangen zu wollen und donnerte ein Hausverbot mit sofortig eintretender Wirksamkeit in das Telefon, so laut, dass ich seine Stimme aus dem Hörer, den meine Mutter angestrengt umkrampfte, wie Jerichos Posaunenchor deutlich vernehmen konnte.

Erst genoss ich diese versammelte Solidarität ganz unbedarft. Doch beschlich mich noch ein weiteres Gefühl wie eine stille kleine und unausgesprochene Wahrheit hoch über den Emotionswogen thronend, ein Wissen, in dem ich selbst nur eine untergeordnete Rolle als eine Randfigur spielte. Es ging hier um viel mehr als nur um die Beleidigung und den Angriff von mir als Tochter der Familie. Vielmehr war diese Sache zu einer hochpolitischen Angelegenheit der Familienehre mit äußerst hoher Brisanz geworden und das hatte mit Kinderliebe natürlich auch etwas zu tun, doch erst an zweiter Stelle. Meine Eltern fühlten sich persönlich in ihren Grundfesten und Überzeugungen der Erziehung ihrer Kinder angefeindet.

Ein paar Wochen lang und auch über Ostern hing bei uns der Haussegen gründlich schief. Mein Vater hätte es selbstredend am liebsten gesehen, wenn ich Kris’ mitsamt  seiner indiskutablen Familie direkt zum Kuckuck gewünscht hätte und meine Mutter war hin – und hergerissen in ihrer große Zuneigung zu Kris’, der ihr wie ein zweiter Sohn geworden war und befangen von ihrer Solidarität zu ihrem Mann, was auch nicht gerade für Entspannung bei uns sorgte.

Ich hing irgendwie als Hauptursache in der Mitte und fühlte mich so seltsam wie immer. Was hatte ich jetzt wieder für einen Schlamassel angerichtet? Okay, ich war frech und vorlaut, das wusste ich auch. Die Meinung verbieten ließ ich mir noch nie. Manches war ja auch einfach ungerecht. Zum Beispiel, dass Kris’ sämtliche Kapriolen und Eigenarten seiner Großmutter still zu dulden haben sollte – ohne eine Gegenwehr und das obwohl sie ihn nachweislich mit Schimmelpilzen krank fütterte. Dagegen muckte ich auf und das wurde als Respektlosigkeit betrachtet. Heute verstehe ich, dass ich mich da besser überhaupt nicht hätte reinhängen und einmischen dürfen – es waren fremde Angelegenheiten. Doch damals mit blutigen achtzehn Jahren stach mich wie wild der Hafer und ich war weit davon entfernt, etwas von Taktgefühl, einer Achtung oder Anstand zu wissen, weil ich einfach zu ungebärdig war und nicht, weil meine Eltern es mir nicht beigebracht hätten. Ich lernte, immer frei und offen auszusprechen wie ich denke. Ein freidenkerisches und liberales Erbe aus der Vergangenheit meiner Erzeuger, in der es Menschen verboten war, frei auszusprechen wie und was sie worüber denken. Eine Zeit, in der Rassenmerkmale wichtiger waren als Wesensmerkmale. Da konnte man sehr schnell mal verschwinden, eingesperrt, erschossen oder vergast werden.

Wir gingen den Parkweg Hand in Hand, Kris und ich. Er war ungefähr einen Kopf größer als ich und er hatte diese windigen Sommerhimmelaugen, die irgendwie scheinbar nie vom Leben genug bekommen konnten. Wir sprachen nicht. Ich mied den Baumschatten, mir war kalt. Ich dachte, das nichts ewig zu halten sei unter der Sonne und ich wünschte mir aber eine Ewigkeit dieses Jetzt. „Er wollte nur schnell Zigaretten holen wie er mir sagte und kam nicht wieder“, erzählte mir Kris’ Mutter vor ein paar wenigen Tagen, es ist noch nicht so lange her und während ich Kris‘ warme Hand in meiner spürte, dachte ich an das Gespräch zurück.

„Und dann…“….Seine Mutter, die am Esszimmertisch in der Sonne saß, konnte nicht weitersprechen, ihre Lippen bewegten sich, formten Worte, Tränen traten in ihre Augen, so wie immer, wenn sie über Kris’ Vater sprach oder manchmal wenn sie ihn in dieser bestimmten Weise ansah, mit leicht schräg gelegtem Kopf, weicher Mimik und Träumeaugen. Wir saßen in ihrem Esszimmer. Lichtstrahlen tanzten mit flirrendem in der Luft schwebendem Staub vermischt in rötlichen Reflexen auf ihren kurz und fedrig geschnittenen Haarspitzen. Ich nahm ihre kleine runde Hand. Warm, schwer und traurig wie ein kaputter Vogel lag sie in meiner. Kris’ Mutter hatte abgewaschen, ihre Haut duftete noch schwach nach Spülmittel. Immer putzte sie, es war ihr Job, sie arbeitete als Hauswirtschafterin. Wenn sie putzte, dann mit System und Wissen. Bei ihr konnte man vom Boden essen, so dermaßen sauber und ordentlich war diese Wohnung, vollgestopft mit kleinem Nippes, Engelchen, die vorm Fenster hingen, federgefüllten Osterkückenkitscheiern an gelben Bändern über den exotischen Blüten der Orchideen. Porzellanfigürchen turnten in barock gestelzten Posen auf Rüschenuntersetzern in den Ablagen der eicherustikalen Schrankwand herum. Ganze Engelschwadronen reisten in langen Karawanen  durch unser Schweigen. Der Gummibaum behängte sich mit in der Luft herumflirrendem Staub, der dem Federfeudel von Kris‘ Mutter soeben noch entkommen war.

Sie sah mich immer noch nicht an und startete einen neuen leisen Sprechversuch, der gelang, wenn auch mit kaum hörbarer Stimme:  „Ich ging in die Garage und der Motor lief. Manfred hatte unseren Gartenschlauch über den Auspuff gezogen. Sein Gesicht sah rosig aus…“. Ich wollte nicht, dass sie weitersprach und erinnere mich nicht, was sie weiter sagte, es schien mir unerträglich zu sein, jemanden so auffinden zu müssen, wie sie ihren Mann, tot im Auto der Familie. Das ist wie ein Tritt in den Arsch aller Liebe. Am liebsten hätte ich es ihr so gesagt, doch ich konnte es nicht. Sie wollte mir diese Sache erzählen, ich fragte nicht warum und als sie die Reglosigkeit beschrieb, den Tod, schloss ich meine Augen und versuchte, nicht an Kris’ zu denken.

„Ich hab ihn so geliebt. Kannst Du das schon verstehen, du bist doch noch so jung?“ Aber ja doch. Ich konnte sie sogar so gut verstehen. „Und deine Söhne sind da“, warf ich unsicher ein. „Du hast zwei gesunde Jungs. Die bleiben…“. Ihr Flackerblick verlor die Kitsch-Kücken, den Tinneff, den Nippes, die Farce dieses Lebensgefährten, der auch nur eine Zweckbeziehung war, wie ein drittes Kind, doch kein Ersatz für das unrettbar Verlorene. Hans-Ullrich nörgelte oft an Kris, auch an ihr herum. Was tut Ullrich für dich? hätte ich sie am liebsten fragen wollen. Sie wusch seine Wäsche, kochte, bügelte, putzte, war für ihn da, umsorgte ihn – warum das alles? Ich wurde daraus nicht schlau und niemand war da, ich saß allein mit seiner Mutter in dieser Wohnung, die mir wie eine traurige Maskerade erschien, hielt ihre Hand und war dankbar, dass sie mir ihre nicht entzog.

Sie nahm ein Taschentuch an, das ich wie ein Houdini mit einer Hand aus meinem Pulloverärmel friemelte und ihr hinhielt. Etwas beschämt, denn meine Pullover- und Busentaschentücher sind eigentlich nur für meinen Privatgebrauch und nicht zum Verleih an tränenüberströmte Mitmenschen bestimmt. Mit einem Anflug der Resolutheit meiner Mutter, beschloss ich etwas zu unternehmen, legte ihre Hand so sanft ich konnte auf der Resopalplatte des Tisches ab, stand auf und ging in die Küche um Wasser für Tee zu kochen. Da bin ich ja wie eine Engländerin. Wenn irgendwo etwas brennt oder sich die Welt mal wieder droht auf links umzustülpen:, erst mal Tee kochen. Hinsetzen. Reden und Tee trinken. Heute fand ich in ihrem übersichtlich sortierten und garantiert erst vor zwei Tagen gründlich ausgeputzten Küchenschrank nur Hagebutte. Ich wollte ihr Zeit verschaffen, um ihre Würde wiederherstellen zu können. Das hatte ich irgendwo im schwarzen Herz bei Eric van Lustbader gelesen. Ich verschlang zu dieser Zeit nämlich gerade einen Kampfsportroman nach dem anderen. Als ich ins lichtdurchflutete Esszimmer zurückkam und die dampfende Tasse vor sie hinstellte, blickte sie endlich auf und mich an. Sie kann auf diese ganz bestimmte Weise in die Welt schauen, so gütig wie fässeweise Liebe. „Weißt du…,“ begann sie und holte tief Luft. „Es geht um Kris’ Oma, meine Stiefmutti, sie wird nächstes Jahr schon vierundachtzig. Sie hatte bereits einen Stall voller eigener Kinder. Mich nahm sie nach Kriegsende auf der Flucht im Winter ’45 dann auch noch mit. Ich war neun Jahre alt und hatte meine Familie bei den chaotischen Umständen der überstürzten Flucht meiner Familie verloren. Ich war ganz allein, auf mich selbst angewiesen und es war eine bitterkalte Nacht. Sie fragte nicht, nach nichts, nicht wer meine Eltern waren oder woher ich gekommen war. Sie klaubte mich einfach vom Straßenrand auf wie ein aus dem Nest gefallenes Kleines und behandelte mich genauso wie ihre eigenen Kinder, kein Stück weniger gut und liebevoll. Deshalb muss ich ihr bis an mein Lebensende dankbar sein. Ich weiß, sie ist manchmal sehr schwierig und nicht gut umgänglich. Sie macht komische Sachen, sie ist stur und oft wunderlich. Doch in ihrem Kern ist sie eine herzensgute Natur.“ Irgendwie war Kris’ Mutter von ihrem toten Mann hin zu ihrer Stiefmutter hinübergesprungen, doch es war eine Erklärung für die Briefe, es war eine Erklärung für ziemlich vieles, vielleicht nicht alles, doch mir genügte es vollauf, ich wusste nun genug. Auf diese Weise verstand ich das Unglück besser, den Schatten der Dankbarkeit, der über Kris’ Mutter lag, ihre stumme selbst auferlegte Verpflichtung Arme und Hilfebedürftige wie ihren Lebensgefährten aufzunehmen und für ihn zu sorgen, so wie damals ihre Stiefmutter sie aufnahm, obwohl sie nicht wusste wie und ob sie das zusätzliche Maul stopfen sollte.

Auf dem Sims der großen Schrankwand standen viele Fotos von Kris’ Mutter und Hans-Ullrich. Auf keinem dieser Bilder lächelten ihre Augen, schauten eher traurig und ergeben. Nur auf einem einzigen Bild, auf dem sie mit ihren beiden Söhnen zu sehen ist, lebt sie auf. Kris ist auf diesem Bild so um die zwölf Jahre alt und sein jüngerer Bruder muss ungefähr neun sein. Sie sitzt im Hintergrund und die beiden Jungs posieren mit strahlenden Lächeln, in Ringelpullis und Jeans gekleidet, Kris’ mit widerspenstigen Locken, sein jüngerer Bruder säuberlich gescheitelt und gekämmt bis in die letzte perfekt liegende Haarspitze. Sie breitet auf diesem Bild ihre Arme aus wie ein Vogel, der im Sinkflug seine Flügel um etwas bettet um es zu beschützen. Auf diesem Bild strahlen ihre Augen wie dunkle Kristalle in einem Milchschaum.

Seminar: Theorie und Praxis der Handschrift – Interessenten gesucht

Liebe blogfreunde,

bereits seit einiger Zeit hadere ich mit meiner Sauklaue. Meine linkshändige lateinische Ausgangsschrift sah aus wie ein japanisches Schulmädchen und machte keine Anstalten, sich weiter entwickeln zu wollen. Also verdrehte ich das kleine n. Woraufhin ich es ständig mit einem u verwechselte. Dann schrieb ich weiterhin das  geliebte Sütterlin-Z. Mache ich auch immer noch. Fairbank zum Glück auch. 🙂

Ich stieß bei Jules van der Ley auf das Seminar. Da mir mit meinem alten ererbten Großvaterfüller die unterschiedlichen Tintenstärken wie beim Wechselzug nicht gelingen konnten, legte ich mir einen Kalligraphie-Füller zu. Mit dem Ding schreibe ich inzwischen lieber als mit allen anderen Füllern, obwohl ich das mit dem Wechselzug und dann noch linkshändig, irgendwie noch nicht ganz richtig kapiere, denn mit rechts gelingt er mir formvollendet im 45°-Winkel, dafür kippen die Buchstaben nach rechts rüber nur noch die Wand. Außerdem hänge ich dann schief und krumm überm Drilling Sheet.

Ich druckte mir also das Arbeitsblatt aus und begann die Buchstaben zu üben. Jeden Tag ungefähr eine halbe Stunde. Außerdem begann ich links und rechts, wann immer ich genug Zeit dafür hatte, sofort in dieser neuen Schrift zu schreiben und auch Tagebuch führe ich seither in Fairbanks Schulausgangsschrift.

Sie schreibt sich überraschend flüssig, obwohl Verbindungen zwischen Buchstaben im Gegensatz zur „Schnürlischrift“ der LA nur manchmal erfolgen. Mir erscheinen sie wie intuitiv. Die Buchstaben entwickeln sich auseinander heraus, das d aus dem a, das c in das e usw. Diese Schrift ist irgendwie sehr logisch und einfach für mich zu verstehen. Doch ich kann das nicht so gut erklären wie Jules.

In meiner Kopie von Fairbanks Arbeitsblatt entschuldige ich mich jetzt bereits für die teilweise noch ungelenke Schriftführung und auch das Tipp-Ex, mit dem ich mir ein erneutes Abschreiben des Absatzes ersparte. Da war ich etwas faul.

Ich bin nicht ganz offiziell angemeldet zu diesem Seminar. Bei den Kommentatoren fand ich viele sehr starke und beeindruckend feine Handschriften. Meine Linke schreibt seit drei Jahren und die Rechte krampft dafür, verziselschnörkelt sich seit Jahrzehnten beim Schreibsport. Also kann ich nicht erwarten, dass meine jungfräuliche linke Schreibehand plötzlich ausgewachsen und fertig schreibt als hätte sie nie etwas anderes getan. Nein, so geht das nicht. Die linke Schrift beginnt wie ein Kind und glücklicherweise wurde die linke Hand noch nicht durch die lateinische Ausgangsschrift verprägt.

Es macht mir Spaß, an diesem Seminar inoffiziell teilzunehmen. Selbstverständlich halte ich mich an die Abgabefristen so wie es mir möglich sein kann.

Alfred Fairbanks Schrift finde ich klasse. Denn sie erlaubt durchaus eine persönliche Entfaltung. Sie lässt der schreibenden Hand Freiheit. Die Gleichmäßigkeit und der Schmiss in der Linienführung fehlen mir noch, dazu bedarf es viel Übung und wie Alfred Fairbank sagt: die kleinen n sollten besonders geübt werden. Sie sind in der Tat, wie ich finde, ganz schön kniffelig.

So, und hier seht Ihr nun das Ergebnis meiner kalligraphischen Arbeit mit einem faszinierenden Schreibwerkzeug: einem Wechselzugfüller.

Es kostet mich Überwindung, mein Krickelkrackel öffentlich zu zeigen. Der Rennradtrainer würde sagen: Da ist noch Entwicklungspotential nach oben! Egal, da muss ich jetzt durch.

Danke, Jules, für das schöne Projekt. Teil Eins von Aufgabe Zwei ist teilweise bereits erfüllt. Nun muss ich den Text noch fairbanktechnisch zu Papier bringen. 🙂

Einstweilen liebe Grüße von der Karfunkelfee