Aus den Dialogübungen: Fiese Freyja…

lektionen in seidr

(was außer liebes-sonetten sonst weiter ferner liefen geschah)…

Freyja: Okay, Fee, wir beginnen mit seidr, aufbauend auf den Resultaten und erarbeiten Ergebnissen aus den vergangenen Lehrstunden. Dein letztes Liebes-Sonett schönte meine Eitelkeit bis in sonnigste Gefilde. Hast du deine Vokabeln auswändig gelernt?
Fee ächzt und macht mhm.
Freyja: Gut, fangen wir an: Ich verlange ein Opfer von dir!
Fee: wie bitte was? schon wieder? boah ey….
Freyja: Haare abschneiden. Raspelkurz, neongrün einfärben!
Fee: Nee!!!!!
Freyja: Dann ein Auge ausstechen? In delikater Jelly mit Petersilichensträußchen zum Mittagessen. Bis morgen dann…
Fee: Nee!!!!!!
Freyja: Also gut, weil Du es bist, Fee. Etwas Milderes, weniger Archaischeres für Dich: Kein einziger ernst gemeinter Widerspruch zu irgendwem für die nächsten Monate bis zur Wintersonnenwendfeier!
Fee: NIEMALS!
Freyja: Ist ja schon gut. Dann ein Auftrag: Dem listigen Loki einen Nagelpilz und dem Riesen Thrymr Syphilis anzaubern!
Fee: Träum weiter, sowas mach ich nicht. Loki ist ein blöder Affe und hinterfotzig obendrein, aber Nagelpilz? Der arme Loki….und einem Riesen Syphilis anzuzaubern kann nicht dein Ernst sein! Frag mal Russlands Hexe Baba Jaga. Weißt schon, die mit dem Hühnerbeinhaus. Das ist eine echte richtige Hexe, die kann so etwas viel besser als ich. Ich bin eine Fee! Ich steh mit Lichtkräften im Bunde. Ich kann Loki aber Tugend anzaubern. Soll ich, darf ich? Büddebüdde….ich zaubere ihm ehrenvolle Ehrlichkeit an den Hals, dann kann er endlich nicht mehr herumflunkern und intiridirigieren! Das wäre wirklich mal ein Fluch vom hellsten Schein, der könnte glatt ein Segen sein!
Freyja: Du bist aufständisch und rebellisch und du weigerst dich also rundheraus, mir zu opfern.
Fee: Das ist mir zu absolut, zu wenig korrekt und konkret, zu verdreht und außerdem ist dieser Satz eine generalisierende vorwurfsvolle, völlig realitätsentzogene polemisch platte Plattitüte! Natürlich bringe ich dir Opfer: Blümchen im Topf, einen Eichhörnchenbesuch mit Locknüssen auf dem Altar, meine Zuneigung und meine allerliebsten Lockenwickler, mein Zauberfeenhaar-Öl, meine Schnurrbartschmiere, meinen Schamhaarrasierer alles das schenkte ich dir zum Liebesopfer, alles was du mir nur aus meinem krachenden Kreuz leiern konntest. Du bist kleinkariert und aufoktruhent, wenn es das irgendwie gibt. Vielwillerisch und zum Kotzen dogmatisch! Ich bin eine Freiformfee!
Freyja: Also gut. Mein letztes Angebot! Du lässt dir freiwillig eine Rose auf den Hintern tätowieren und gehst heute Abend im Wald für meine Liebe in den Nebeln nackend tanzen, frieren und jubilieren!
Fee: Du verlangst, dass ich mich selbst verstümmele? Meine Haut stigmatisiere? Mir eine Erkältung einfange, von der ich bis Beltanefrühling noch was habe??? Never! Vergiss es! Geh und nimm bloß diesen seidr-Zauber mit! Ich schreib dir auch lieber keine Liebes-Sonette mehr. Sowas fieses, Freyja…bäh…
Freyja: Warum gibst du mir nicht, was ich verlange?
Fee: Weil es mir selbst und anderen Schaden zufügen würde. Darum.
Freyja: Entschränke mal deine Armblockade, liebstes Feenfleuchviech, ich will dir weniger als du denken magst. Ich bin Freyja, denk immer dran!
Fee: Mir reicht wie ich bin. Solche Opfer sind mir der Liebeslust zu viel. Wenn das Liebe sein soll, tragen Fische nachts Gummistiefel zum Schlafen und schnarchen Luftblasen in ihren Träumen.
Liebe ist Glück und Licht. Nicht Schmerz, nicht Verbiegen, nicht Leiden. Dann ist sie was anderes.
Freyja: Mir scheint, du hast heimlich vorgearbeitet? Sag schon, wo hast du gespickert? Auf dieser komischen Wikinger-Plattform im blauen Nichts?
Fee: Nö. Das ist der pure Selbsterhaltungstrieb. In dem Moment, in dem jemand ein Opfer von mir zu erbringen verlangt oder für sich als sein vermeintlich gutes Recht einfordert, meint der wen anders als mich. Zumindest, wenn wer behauptet, dass er mich liebt…
Opfer sind löcherige frömmlerische Lügenbrote, es sei denn, sie werden freiwillig und aus Liebe für den anderen erbracht. Opfer sind der Neid der Lust.
Freyja: Mehr brauchst du über diese Lektion nicht zu lernen. Sie ist für dich hiermit abgeschlossen.
Fee: Moment! War da noch was Kleingedrucktes, Umentschlüsseltes im praktischen Mittelteil oder waren alle Klarheiten erfolgreich beseitigt?
Freyja: Alles klar wie Kloßbrühe und richtig gemacht, Schülerin des großen mächtigen seidr!
Fee: Bekomme ich eine Hausaufgabe?
Freyja: Ja, ein Sonett über mich selbst wünsche ich mir. Doch es soll kein Opfer sein, sonst misslingt es dir. Nimm dir also Zeit, der Minnensang muss meiner würdig sein, ich habe repräsentative Göttinnenpflichten, weißt du ja…
Fee: Au backe, da wackelt Asgard in den Grundfesten! Kann ich mir Sleipnir ausleihen? Ich muss unbedingt wo wohin damit und möglichst achtbeinig, denn die Zeit eilt. Wer rostet, weilt zu lange….
Freyja: Schon herbeigepfiffen, der treue Zossen. Wo willst du damit hin? Niflheim? Baldur hat Magen-Darm und träumt dauernd kryptisches Zeug, das niemand wirklich versteht! Er braucht dringend Feen-Medizin! Geh und hilf ihm!
Fee: Gut, okay, ich galoppe bei ihm vorbei, wenn Sleipnir nicht wieder mal seiner selbst überdrüssig ist. Er frisst entschieden viel zu viel junges Trend-Gemüse, der olle Asengaul und dann bekommt er wieder kreative Blähungen wegen verirrter synaptischer Strömungen…
Freyja: Wo willst du denn noch hin? Bloß nicht zu Odin! Lass den bloß in Ruhe! Der hängt in den Ästen Yggdrasils an einem Bein und flucht über kaum noch entzifferbaren Runen über seiner hochhypotetischen Herbsthausaufgabe! Und wieso grinst du jetzt so geheimnisvoll? Fee, versuch mir nicht, ihn wieder mit lukullisch lüsternen Urdinkeltörtchen an Qinoa-Basis mit Amaranthflöckchen oder noch viel schlimmer …mit Hilfe der Alben und Sylphen zu verführen und becircen! Er bekommt davon schäbiges Schnarchen und diskutiert dauernd nur noch mit mir über das Jungbleiben und die Geburt der vergangenen Stunden! Zu dem Ringelschwänzchen will ich mich jetzt überhaupt gar nicht näher äußern, wer weiß, was du letztes Mal mit diesem komisch koketten Kleinkonfekt angestellt hast….
Fee: …übrinx hab ich Osteria nach dem Geheimnis deiner unvergänglichen gelben Frühlingsblumen gefragt…
Freyja: Du lenkst ab, Holde!
Fee: willst du das denn nicht wissen…?
Freyja: hör sofort auf zu kichern!
Fee: na dann nicht…
Freyja: Ungnädige!
Fee: Pardon?
Freyja: …du…und…seidr…???? Ha! Nach fest kommt ab!
Fee: fiese Frey’ja! Lach du nur! Was lange währt wird endlich treu…nee…neu…oder: Wer zuletzt kommt, lacht am längsten. Oder so ähnlich…

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Dichtergespräche: Frijdags- Frühstück für Freyja

Freyja: Na, mein liebes Fleuchflatterviech, einen fantastischen Frijdag Morgen für dich von mir! Hast du Croissants für mich besorgt?
Fee: Huch, ja aber natürlicherweise holdeste aller Fruchtbarkeitsgöttinnen, freie Frau, Frühlingsmädchen, Lehrerin des großen Zaubers Seidr…rrrr….
Freyja: Sag doch einfach nur Glück und Liebe dazu, dann hast du das unaussprechliche Wort benannt, es ist auch unter diesen Bezeichnungen im Volke viel besser bekannt!
Fee: Diese Sache mit dieser sprachbeugenden Vernetzungs-Theramagie kapiere ich nie…
Freyja: Üben wir noch mal! Hast du mein Falkengewand in die Reinigung gegeben? Keine chemische, weißt du ja, war klar, oda?
Fee: Klar hab ich das! Nie im Leben könnte ich einen Sinn von dir vergessen? Wäre vermessen…Pfff…danke fürs Ausleihen letztes Mal beim Thing-Treffen unter der schönen alten Linde neben dem Hochhaus, da saßen lauter Blinde…au weia, flog mit deinem Falkengewande schleunigstens fort vom Ort…
Freyja: Ja, das war vielleicht eine Veranstaltung! Hilfe, diese Kerle machen mich fix und fertig! Odin war wieder knalleifersüchtig, typisch!
Fee: Er hat ein besitzergreifendes Wesen, das ist Püschologie. Er gehört aufs Plümo in Sigmund Freuds Obhut, dann geht es ihm bald besser!
Freyja: Glaubst auch nur du! Papa Njörd wenn er mit Mama Skadi in den riesigen Wellen herumtobte sagte immer: Suchst du dir einen Ehemann, dann suche dir den rechten. Denn unter 100 Ehemännern sind 99 schlechte…
Fee: Das hat mir doch der Peter ins Poesiealbum geschrieben? Nur irgendwie mit Freundinnen…ich muss nachschlagen…noch ein Croissant, Ihro hochwohlwertvergorenste Katzenoberhoheit? Es geht selbigen ausgezeichnet, soll ich ausreichten von Bytrie und Gulgul…
Freyja: Vergiss die Namen, sie sind eh viel zu schwierig für dich…
Fee: Du bist doof. Also gut: Bygul und Trjegul oder sooo….
Freyja: Die Walküren haben sich bei mir über dein aufrührerisches Temperament und deinen ständigen Widerspruchsgeist beschwert, sie singen, du brächtest sie in Tortüren, das ginge so nicht! Liebe Fee, ich erbitte mehr Contenance für ein Elementarwesen erster Klasse im siebten Niveau…
Fee: …schulligung…schnullschnull…
Freyja: das kommt flapsig herüber, verrücktes Fleuchviech! Ich lass den Hildeswin auf dich los!
Fee: Lass bloß diesen total beknackten Eber im Stall! Der hat letztes Mal Undine verschreckt mit seinem hyperkinetischen Testosteronsyndrom. Sie kam wochenlang nicht mehr unter Ingeborg Bachmanns Bett rausgekrochen…arme Ingeborg…ist fast verrückt geworden…und wollte keine Gedichte mehr schreiben! Nur wegen deinem schweinischen Mordsvieh…der muss mal hören lernen…
Freyja: …du und dein verrückter Künstlerhaufen! Ihr sollt gefälligst Visionen haben und keine Schweine blau anmalen um sie romantisch zu abstrahieren vor dem Hintergrund des Surrealismus in der Neuen Sachlichkeit – was ist das überhaupt? Wer soll das verstehen? Blaue Schweine?
Fee: Erzähl das mal den anderen, die Hühner sind auch immer noch knallrot wirklichkeitsverfremdet von der von Brecht initiierten Action-Painting-Challenge „Ich bin ganz anders als ihr!“ und legen rosa abstrahierte Eier….
Freyja: Ich bring dir den Zauber Seidr bei, willst du das gern lernen? Dann könntest du sie mit Unschuld wieder weißen und das ewige Gezanke zwischen deinen Streitbürgern beheben…
Fee: Cool, muss ich einfach haben, diesen Zauber!
Freyja: Dafür musst du mir aber mindestens fünfzig Liebesgedichte schreiben! Du weißt, ich liebe Minnesang….Deal oder nicht Deal?….
Fee: Och, Freyja, nö……och…ochottotott! kann ich nicht lieber was Lustiges oder Dramaturgisches…? Büdde…..
Freyja: Nix da! Minnesang und zwar vom Allerexklusivsten was du zu bieten hast, will ich! Spanische Gedichte! Wann wolltest du nochmal Schwedisch und Norwegisch lernen? Odin quengelt schon dauernd…
Fee: Hera ist doch schon so anstrengend, puh….Arthur Schopenhauer quält mich mit antifeministischen Anwandlungen gegen Friedrich Schillers der holden Weiblichkeit huldigenden Gedichten und Demeter sucht mal wieder dieses ungezogene unmöglich verknallte Gör von Tochter, äh, Persophone, genau und ist nirgendwo auffindbar. Und jetzt kommst du auch noch und willst ausgerechnet sowas Exklusives wie Minne!
Freyja: Sei lieber froh, dass ich keine Kinder von dir will, so etwas ist wirklich exlusiv!
Fee: Na ja erstjamal inklusiv…komm mir bloß nicht auf dumme Gedanken, ich hab abgeliefert, ja? Okay? Abgeliefert im Vorzeigepräsentationsmodus! Vom Allerfeinsten. Zwei Stück, unterschiedlicher Sorte.
Freyja: Zur Kenntnis genommen. Tritt Loki gegen sein Schienbein oder zaubere ihm Nagelpilz, bitte ja? Ich habe meinen Zauber dafür vergessen.
Fee: Was hat er angestellt?
Freyja: Er hat vor versammelter Asenmannschaft behauptet, ich hätte dein ganzes Künstlergesocks im Kinderkönigreich mit Liebe vernaschwohlcirct.
Fee: Das wüsste ich, die gehen alle brav vor zwölf schlafen….ich kann der huldvollen Hullas Unschuld bezeugen!
Freyja: Erzähl das mal Odin…der ist mal wieder dermaßen stinkwütend wegen Lokis unqualifizierter Behauptungen, dass er sich sofort beleidigt verzogen hat in eine so genannte „hochhypothetische Herbsthausaufgabe“. Kein gutes Zeichen. Hoffentlich will er nicht wieder die Runen befragen wegen seiner Eifersuchtsanfälle. Yggdrasils Äste sind an einigen Stellen brüchig, könnte böse enden wenn er fällt und mit dem Kopf zu hart aufkommt…
Fee: Och, manchmal können Klatscher auf Köpfe auch ungemein klärend sein, vor allem frontal….
Freyja: Der Riese Hrungnir wollte auch schon wieder übergriffig werden…
Fee: Wie, der? Der hat doch schon eine fette Klage wegen sexueller Belästigung, Hausfriedensbruch und Morddrohungen am Hals! Der droht dir noch?
Freyja: Der ist genauso schlimm wie Thrym.
Fee: öhm..…Thrym? Ach, Riese Thrym! Der hat doch damals dem Thor sein Hammer Mjölnir gestohlen, weißt du noch? Oder wem sein Hammer war das gewesen?
Freyja: Dem Thor sein Hammer. Fee..!!! Hör sofort auf damit, ich fremdwortele geradezu ungöttlich erbärmlich ostwestfälisch, das ziemt sich nicht für eine international anerkannte nordische Inkarnation der Venus, Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit!
Fee: Pah! Feuerfass, Fliegenflügel und Funkenflug! Formfreie Freifrau,willst du sein ? Aber Angst haben vor ein bisschen ostwestfälischem Dialektdichterthum….?
Freyja: Anderes Thema, hier fleucht mich fieser Fiderstand fürwahr…hoffentlich gibt es bei der Fete morgen nicht wieder Ochsenblut. Mich kotzt das Zeug allmählich an!
Fee: Och….du warst mal ganz gekniffen danach…
Freyja: Das war vor meiner Veggie-Diät, Erdbeersaft tut’s genauso gut, schmeckt süßer und hat nicht diesen ekelhaften metallisch dicklich im Hals festhängenden blutig ochsigen Nachgeschmack…
Fee: Frau, krieg dich ein, Opfer müssen sein, ist Blut nicht gut, tut’s Erdbeersaft genauso gut!
Freyja: Wahr fürwahr! Das lass ich mir von Schmied Wieland in einen Ring schmieden und hänge es in Folkwang an Sessrumirs Krieger-Wand. Denkst du, Wieland kann so etwas Kunstvolles?
Fee: Ja, trau ich ihm glatt zu. Denk mal daran, wie gut der Ringe schmieden kann….mhm…hast du geweint? Zeig doch mal her die hübschen Ambersteinchen..oh funkelfunkel…blingbling…
Freyja: Willst du ein paar Tränen von mir haben, ich schenk dir ein paar…
Fee: Oh ja, bitte fürchterlich gern, welche mit hübschen Einschlüssen bitte Fliegen, Mücken und Urzeitblätter und so….ich will auch Bernsteintränen weinen können…menno…
Freyja: …Fee, da kommst du doch noch hin, bleib mal geduldig im Sinn. Das ist neuntes Semester in Fraktaler Differenzialphyiosologie der Elemente, so weit bist du doch noch gar nicht!
Fee (schmollend): siebte Absurdumebene an der weiterführenden Feen-Fakultät, ümmerhün….
Freyja: Schmoll nicht und lern brav, sonst leih ich dir den Sleipnir nicht mehr zum Reiten aus!
Fee: Pfui Spinne, äh Frau Freyja Frey, pardong! Es ist vrijdag. Soll ich noch offiziell in die göttliche Runde grüßen, schon wegen der vagen Wanen-Ahnen? Dem Geschlechte wird gehuldigt, selbst wenn’s fehlt, ist’s glorreich entschuldigt….wegen der streitbaren Asen-Nasen…
Freyja: Darauf reimen sich Osterhasen, hab dich bis nächsten vrijdag wohl, mein liebstes Feen-Flatterthier, grüß mir Osteria, sag, ihre Osterglocken stehen seit drei Monaten bei mir in Folkwang unverändert in der Vase, frag sie mal, was sie damit angestellt hat? …und dass du mir meine treuen Katzen gut hütest, ich vertraue dir!
Fee: Sei unbesorgt mit deinem Flatterthier, Frau, weißt doch, bist immer nur die liebste Freyja mir…

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Aus den Dialogübungen: Horatio -Liebeslyrik mit ohne Erato

  
Ich: Oh, nein! Wer bist du denn und dann auch noch um diese Uhrzeit?
Erato: Das Produkt deiner verkrüppelten Phantasie bezüglich Liebeslyrik. Ich bin Erato.
Ich: Du siehst aus wie Atze Schröder bevor er den Frisör verklagte…sind das etwa Überreste blonder dauergewellter Locken?
Erato: Holde Maid…das war alles mal Natur pur!
Ich: Mooment…wir müssen hier erst einmal etwas klären, bevor du mich zuschwuchtelst…erstens: ich bin unhold wie ein Unhold, zweitens: ich bin zwar originally Maid in Germany, aber keine Maid im holden Sinne, damit das mal klar ist, Atze.
Erato: Ich heiß nicht Atze, ich heiße…Erato.
Ich: Ja, genau…Errato, abgeleitet von errare, wie irren, was bekanntlich menschlich ist, querrrido….und jetzt geh bitte, ich will schlafen….immer diese nächtlichen Ruhestörungen!
Erato: Nein!
Ich: Oh, er grollt ein Wort wie Donnerhall, habt Acht! Gute Nacht…
Erato: Jetzt weiß ich, warum die mich zu Dir schickten!
Ich: Wer ist die?
Erato: Na, die anderen. Du bist eine Schande für die Poesie der Liebe!
Ich: Wer ist die anderen? Los, raus mit der Sprache!
Erato: Die Musen natürlich.
Ich: Habe ich die auch mit meiner Phantasie verstümmelt wie Dich, Du antimusische Heulsuse…?
Erato: Wenigstens ein Vierzeiler! Es ist schließlich September. Du weißt schon, die Zeit der Sehnsucht und Liebe…wenn draußen erstes Gold die linden Sommerblätter säumt, ein Verslein hold von deinen azurnen Augen träumt…
Ich: Warte, du…ich komm dir gleich mit der Flinte auf diese azurnen Augen! Ich mach Purpurpudding daraus!
Erato: Wenn dann ein sanftes Lüftlein weht, ein Träumchen sich um dich nur dreht….
Ich: Erbarmung! Das ist vorsätzliche Körperverletzung….
Erato:bIch kann noch stundenlang so weiter….immer hoffend, immer heiter…
Ich: Das halt ich nicht mehr aus! Los, raus hier! Achtung Ruhestörung! Runter da! Sofort runter von meinem Bücherregal, da hast du dich letztens schon hingeflüchtet….Oh, gerechter Himmel, womit hab ich das verdient?
Erato: Wo ist der Ritter mit dem prächtigen Schimmel, der so mutig dein Herze schient?
Ich: Ich reim dir gleich was auf Schimmel, da wird dir rabenschwarz vor Augen…da fällt dir gar nix mehr zu ein…duu….duu…
Erato: Ei ei, wer wird denn nur so grantig sein?
Ich: Wieso kannst du nicht einfach eine Frau sein?
Erato: Weil du schon eine bist!
Ich: Ach, was…wirklich? Dann schick mir lieber die Thalia….Thalius, however…
Erato: Die brauchst du nicht, der geht es wundervoll…
Ich: Ist ja wundervoll. Dann leih mir wenigstens ihren Schäferstab, ich brauch was zum wen verkloppen….
Erato: Los, hör schon auf zu bocken! Nur, damit endlich meine Locken nachwachsen: Am Hange die süßen Schäfelein mit den flauschigen Haxen…
Ich: Das ist keine Liebeslyrik! Du bist total talentfrei, Erato.
Erato: Machs doch besser!
Ich: Ha! Du hältst dich wohl für sehr ausgebufft, wie? ….aus der Wäsche kucken wie Lee van Cleef…pfff…da musst du früher aufstehen!
Erato: Oder später kommen? Je später der Abend, desto…
Ich: …schlimmer die Belästigungen….Hallo…könnte bitte mal wer kommen? Erato, der musische Hermaphrodit will von seinen Eltern aus dem Spieleparadies abgeholt werden! Thalia, Pygmalion ist hier, der dichtet schlimmer als ein Tier!
Erato: Wetten, die kann da gar nicht drüber lachen…schlechte Scherze auf meine Kosten machen…
Ich: Beleidigt, was? Schnute ziehen, wie? Nachts zur Geisterstunde hier hereinspazierfliegen, mich vollreimschleimen, mich mental mit billigen Versen erpressen, nötigen und auch noch Verständnis dafür erwarten, was? Liebe Güte! Wo ist Justitia, wenn man sie braucht? Blindgänger, wie immer!
Erato: Wenn du so weiter machst, habe ich bald überhaupt keine Haare mehr und zersetze mich völlig! Ich brauche phantasievolle Liebeslyrik, damit ich gut aussehe, Mann, Frau, äh….Maid…
Ich: Na, endlich lässt du mal dieses Gesäusel, jetzt wirst du mir direkt sympathischer, du narzisstischer Antikerl. Kauf dir doch mal ein Kleid….
Erato: Was ist dein Leid?
Ich: Hä? Leid? Welche Muse ist nochmal für die Püschologie und die Alma Mater zuständig?
Erato: Ich…?
Ich: Du schaffst mich! Horatio!
Erato: So ist recht und jetzt bitte verdichtet! Ah, ich fühle schon neue Löckchen wachsen, sie kränzen mir die hohe Stirne!
Ich: Geh mir los, du komischer Schlacksen, ich kloppe dir gleich vor die matschige Birne…Flitzpiepe…ich zürne, aber echt…
Erato: Ein Gedicht, ein Gedicht.
Ich: Lauter ungereimtes Zeug hier..
Erato: Ein Hoch auf die Liebe und die Poesie!
Ich: Demnächst, du Quälgeist, sonst endet das hier nie…
Erato: Versprochen und gehalten?
Ich: Hau bloß endlich ab, Alter….
Erato: Juhu…
Ich: Na endlich ist er weg, dieser nervtötende Freiraumgestalter und ich habe Ruh und mache meine Klappe zu!
….

Kleine Frau

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Sie hörte das Geräusch bereits seit ein paar Stunden: Ein leises Schnaufen, dazwischen kleine Schluchzer und ein Rumoren, als würden Gegenstände im Raum bewegt. Zwischendurch hatte sie nach ihr geschaut, angeklopft, die Nasenspitze in das Zimmer gesteckt, nur um ein weiteres Mal unwirsch hinausgeschickt zu werden. „Lass mich allein!“, kam es jedes Mal von dem Mädchen im Zimmer. Es räumte herum, dann wieder saß es auf dem Bett und hielt sich den Kopf mit den zerzausten blonden Haaren.

Sie erledigte ihre Arbeit um sich von dem Drama im Zimmer nebenan abzulenken. Versenkte sich in die Artikel, markierte Textstellen und stellte Sätze um. Als sie später auf Zehenspitzen wieder an der geschlossenen Zimmertür vorbeikam, war es dahinter ruhig. Wahrscheinlich hatte sie sich müde geweint. Sie lauschte eine Weile und begab sich dann wieder zurück an die Arbeit.

Noch eine Weile später hatte sie den Artikel zu ihrer Zufriedenheit umgeschrieben und klopfte erneut an die geschlossene Tür des Zimmers nebenan. Dieses Mal kam ein leises, beinahe unhörbares: ‚Herein?“ Das Mädchen saß auf dem Bett und hielt sich den Kopf. Ihr Gesicht war rot und verschwollen, weil sie viel geweint hatte und ihre blonden langen Haare standen verstrubbelt nach allen Seiten ab. Sie setzte sich neben sie und legte ihren Arm um die schmalen Schultern des Mädchens. Spürte, wie der kleinere Körper sich an sie drückte. Der schwere blonde Kopf fiel gegen ihren Arm. So saßen die Beiden eine Weile einfach da. Im Zimmer hing noch das Schweigen nach dem Sturm, eine Art Mattigkeit, die sich auf die Puppen im Regal, auf dem Schreibtisch  wild verteilten Buntstifte und in das Knäuel von Kleidung auf dem Fußboden gelegt hatte. Das Handy in der hellblauen Glitzerhülle lag neben ihr. Ihre Hände waren verschwitzt und zu Fäusten geballt, im Körper war noch die Anspannung fühlbar, die nun jedoch langsam entwich, wie die Luft aus einem Ballon. Nun flossen auch wieder Tränen, doch keine wütenden mehr. Sie umfasste den Körper des Mädchens noch ein wenig fester. „Lass sie laufen, sie machen dich wieder sauber.“ Ihre Worte blieben in der Raumstille hängen, klangen nach. Die Zeit dehnte sich aus, während nun der Tränenstrom des Mädchens noch einmal anschwoll und sich freilief. Sie tropften auf ihren Schoß und liefen an ihrem T-Shirt herunter. Doch ihr Körper wurde zusehends weicher und der Atem beruhigte sich. Das Mädchen strich sich die Haare glatt und bewegte sich zögerlich in ihrem Arm. Dann stand es auf, holte eine kleine Schachtel, die auf dem Schreibtisch in dem wilden Durcheinander der Buntstifte gelegen hatte und gab sie ihr. Sie öffnete die Schachtel und sah hinein. Darin befand sich eine Kette, silbern mit einem zierlichen Engelanhänger. Sie lächelte und fragte: „Für ihn? Ein Geburtstagsgeschenk?“ Das Mädchen gab keine Antwort, stand auf und holte eine weitere Schachtel vom Schreibtisch, in Herzform, gefüllt mit Nuss-Nugat-Pralinen. Dann wühlte es in dem Stapel Bilder herum und suchte einen Brief heraus. Es hatte jeden Buchstaben in einer anderen Farbe gemalt und die Ränder des Briefes mit roten Herzchen verziert. „Dafür also ist das Taschengeld der letzten Wochen draufgegangen. Ein wunderschönes Geschenk, sogar ein dreiteiliges.“ „Er hat doch morgen Geburtstag!“, kam es trotzig von dem Mädchen. „Was mache ich denn nun damit? Soll ich es ihm in der Schule geben?“

„Was hat er denn zu dir gesagt?“, wollte sie wissen. In die Augen des Mädchens schlich ein verräterischer feuchter Glanz und sie hoffte, mit dieser Frage nicht eine weitere Tränenflut losgetreten zu haben. Doch das Mädchen blieb gefasst und ruhig: „Er sagte, er wolle eine Pause haben. Es sei ihm zu viel gewesen und zu eng. Er wolle mich auch nicht einladen zu seinem Geburtstag, sondern nur alle seine Freunde. Er sagte, er wüsste nicht, ob wir uns lieben. Nun weiß ich nicht, was ich machen soll. Ihm die Geschenke in die Schule mitbringen und ihm geben? Auch, wenn wir nun nicht mehr zusammen gehen?“ Sie fragte: „Willst Du ihm die Geschenke geben?“ Das Mädchen betrachtete die Dinge, die sie von ihrem Taschengeld gekauft hatte und überlegte. „Ja“, sagte sie schließlich, „das will ich schon. Sie sind für ihn bestimmt.“ Das Mädchen nahm die Kette aus der Schachtel und hielt sie hoch. Der Engel an der Kette baumelte hin und her. „Das ist ein sehr persönliches und wertvolles Geschenk“, sagte sie zu dem Mädchen. „Eines, das für etwas steht. Doch das, für das es stand, hat sich jetzt verändert, nicht wahr?“ Sie sah das Mädchen an. „Versprichst du dir etwas davon, wenn du ihm diese Dinge, auch den Liebesbrief dennoch gibst? Wie ist dein Gefühl dabei. Solltest du es tun oder eher nicht?“ Das Mädchen raufte sich in den Haaren herum und überlegte. „Vielleicht ändert es etwas?“, sagte es schließlich, doch eher kraftlos, so, als würde es nicht wirklich daran glauben, dass sich durch das Schenken der Liebesgaben wirklich etwas veränderte. Das Mädchen lehnte sich wieder an sie. „Was würdest du denn tun? Ich weiß es nicht, ich denke schon die ganze Zeit darüber nach! Ich weiß es einfach nicht. Alles ist so…so seltsam und anders jetzt. Ich dachte, er liebt mich. Nun sagt er etwas anderes und lädt mich nicht einmal zu seinem Geburtstag ein und dennoch will ich ihm etwas geben, denn er ist doch mein Freund!“ Nun flossen auch wieder trotzige Tränen und tropften auf die herzförmige Schachtel mit den Pralinen. „Gut“, sagte sie zu dem Mädchen, „es wäre eine Möglichkeit, ihm die Pralinen zu schenken, um ihm etwas zu schenken, doch den persönlichen Brief und die wertvolle Kette würde ich ihm nun nicht mehr geben, es wäre vielleicht unangemessen, weil diese Dinge sinnbildlich für etwas stehen, das er so nicht mehr will. Pralinen sind unverfänglich, du hast an den Geburtstag gedacht und die Form gewahrt. Mehr nicht. So würde ich es machen.“ Das Mädchen ließ die silbernen Kettenglieder über ihre Finger laufen. „Was mache ich damit?“ Nachdenklich betrachtete sie den kleinen silbernen Engel.

„Behalte sie, bewahre sie irgendwo auf, das ist mein Rat. Vielleicht gibt es irgendwann eine Gelegenheit, sie ihm doch zu schenken, vielleicht behältst du sie selbst oder aber du lernst jemand anderen kennen und möchtest ihm diese Kette als Symbol eurer Verbindung schenken.“ Das Mädchen legte die Kette zurück in die kleine Schmuckschachtel und schloss den Deckel. „Leg sie an einen guten Ort, wo sie sicher verwahrt ist. Sie ist wunderschön und du hast dir viele liebevolle Gedanken gemacht. Auch der Brief ist sehr schön, doch diesen würde ich beseite legen. Er ist nicht länger aktuell und ich kann dir nur sagen: Persönliche Geschenke, die einen Zweck verfolgen, um eine Meinung oder eine Einstellung zu ändern, verfehlen ihr Ziel, denn sie schießen ins Blaue und ein Herz lässt sich nicht manipulieren oder lenken. Schon gar nicht durch materielle Dinge. Und wenn doch, dann ist es ein dünkelhaftes und verlogenes Herz und die Geschenke, die du gibst nicht wert. Gestehe ihm seine Entscheidung zu und versuche, ihm nicht böse zu sein.“ Das Mädchen nahm den Brief und sah ihn sich lange an. „Ich will ihn aber nicht wegheften, er tut mir weh zu lesen!“ „Vielleicht denkst du in ein paar Jahren anders darüber? Findest ihn und erinnerst dich daran, dass du dir einmal sehr viele schöne und aufmerksame Gedanken um jemanden gemacht hast?“, gab sie zu bedenken und staunte, mit welcher Akribie das Mädchen jeden Buchstaben des kleinen Liebes-Gedichtes auf dem Brief in einer anderen Farbe gemalt hatte. „Dieser Brief tut mir weh!“, kam es erneut trotzig und traurig zugleich von dem Mädchen. Dann nahm es den Brief und zerriss ihn in lauter kleine Fetzen. Sie fragte: „Geht es dir jetzt besser, nachdem du den verräterischen Brief zerrissen hast wie ein kleiner Papierteufel?“ Zum ersten Mal lächelte das Mädchen. „Ja,“, sagte es, „nun geht es mir besser. Ich werde ihm morgen in der Schule gratulieren und die Pralinen geben, dann ist es gut.“ „Ja“, sagte sie und strich dem Mädchen über die Haare, „dann soll es gut sein, kleine Frau.“

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Flötenpiepen

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Da sitzt du wieder, du verrücktes Ding. Im Morgengrauen in diesem einsamen Nachtvogelgesang. Der Sturm in der Nacht rappelte am Fenster und an der Türklinke. Die Nachbarn redeten bis tief in die Nacht, ihre Stimmen summten dir ein fremdsprachig gedämpftes Ständchen zum Einschlafen. Du träumst von einem unbekannten Ort irgendwo am Meer. Es riecht in diesem Traum jedenfalls nach dem Meer. Salzig, unbestimmt und irgendwie fern. Vor dir her rennt ein Typ mit flatterndem Sakko. Er hat es ungeheuer eilig. Du rennst ihm hinterher, den Notizblock und den Stift in irgendeiner dieser komischen Stofftaschen, die an deinem Arm schlackert. Du schreist gegen den tobenden Windwiderstand und die grauen tiefhängenden Wolkensäcke über deinem Kopf an. Unaufhörlich drischt dir der eiskalte Regen ins Gesicht und mit den hohen Absätzen kommst du kaum auf dem matschigen Lehmweg voran, bleibst ständig in Grasbüscheln hängen oder steckst fest in dem zähen Ackerdreck. Auch du hast es ungeheuer eilig. Wahrscheinlich drängelt schon wieder irgendein Termin oder etwas anderes veranlasst dich, wie eine Wahnsinnige hinter diesem gehetzten Typ herzurennen. Deine Beine frieren. Du trägst nur eine dünne Strumpfhose und darüber einen kurzen engen Rock. Doch die Temperatur fühlt sich nach Winter an, tiefstem Winter. Es können unmöglich mehr als zehn Grad Celcius in diesem Traum sein und der Wind kommt in schweren Böen von vorn. Der Regen steht beinahe waagerecht. Warte doch! Schreist du immer wieder in dem Traum diesem Traumtypen mit den flatternden Sakkoschößen hinterher. So warte doch! Ich komme nicht schnell genug hinterher! Doch der Typ dreht sich nicht einmal zu dir um und rennt einfach immer weiter den schmalen Feldweg entlang, seine Silhouette wird immer kleiner. Verzweiflung macht sich in dir breit. Endlich gibst du auf. Der Typ ist längst verschwunden und du bestehst nur noch aus schlotternden Knochen und Gänsehaut an den unmöglichsten Stellen. Das ist das letzte Bild dieser Traumsequenz, die du siehst: Der einsame Feldweg, der in irgendein graues schlammiges unsäglich langweiliges Nirgendwo führt, wie es sie nur auf dem allerplattesten Lande gibt, sich weiter hinten in den grauen Wolken und dem Regen einfach verliert. Dich, wie du mit klatschnassen Klamotten und durchweichtem Notizblock allein zurückbleibst. Dann wachst du auf. Angst und tiefe Traurigkeit haben dich mit einem Klammerbeutel gepudert, so dass dich überall die Haut zwickt. Das Bett wird unbequem, du stehst auf. Dann sitzt du wieder auf dem Balkon. Um 4.00 Uhr morgens. Hundemüde, aufgedreht wie nur sonstwas und ohne den Schimmer einer Ahnung, wie du wieder einschlafen sollst mit diesem Gefühl in dir drin, dass alles am Ende völlig umsonst war. Der Himmel ist so fahlgrau wie dein Traumhimmel und ein Vogel singt. Die letzten Nächte sang er jedes Mal. Mit deiner Vogelbestimmungs-App versuchst du herauszufinden, was es für ein Vogel sein könnte. Amsel, Drossel, Fink und Star scheiden schonmal aus. Bleiben Gartenrotschwanz und Heckenbraunelle. Die Erinnerungen an den Gesang dieses Vogels in blühenden Hecken im Tageslicht. Er ist genauso ein Insomnabuler wie du. Eine schlaflose Kreatur. Er ruft auch nach wem. Oder grenzt sein Revier ab, das weißt du nicht so genau. Dein rastloser Verstand beschließt sich Gedanken darum zu machen, während ein Hintergrundprogramm in deinem Kopf versucht, den Traum zu analysieren. Verlust! Schreit die Ratio lauthals. Angst vor Verlust! Das Herz hopst wie üblich selbstmitleidig dagegen an: Was ich schon verloren habe, kann ich nicht mehr verlieren, kapier das endlich, du Scheiß-Verstand! Du denkst: Seid doch mal leise, ihr Beiden! Ich versuche hier, einen Vogel zu bestimmen. Dieser hört gerade eben schlagartig auf zu singen.

Mittlerweile ist es fünf Uhr morgens und du hast, statt in deinem Bett zu liegen und zu schlafen wie jeder andere Normalsterbliche um diese Uhrzeit, eine Grundsatzdiskussion über Verlustängste in deinem Kopf laufen, die, wenn du es nicht zuwege bringst, ihr Einhalt zu gebieten, sich auf diese Weise noch Stunden hinziehen kann.

Also schreist du: Ruhe! In deinen Kopf, in dein Herz. Du sagst: Ich hol gleich Pessoa und lese euch aus dem Buch der Unruhe vor,  dann ist endlich mal  Feierabend mit dem Geschnattere hier! Also seid gefälligst leise! Herz und Verstand merken auf und halten ausnahmsweise tatsächlich die Klappe. Da! Nun singt er wieder. Einfach wunderschön, wie sich in den Gesang der Heckenbraunelle oder des Gartenrotschwanzes ein fahler Streifen Morgenlicht stiehlt. Eine Amsel setzt ein. Leise noch und verhalten strömt ihr Gesang über die schlafenden Dächer. Du wirst neidisch auf die Menschen in ihren Betten. Es ist doch bloß Angst, sagst du zu Herz und Verstand. Weiter nichts. Ein genetisches Überlebensprogramm, das überdies in diesem kausalen Zusammenhang völlig unangebracht ist. Also, was wollt ihr? Sie schweigen. Alle beide. Herz und Verstand. Die beiden frühen Vögel hingegen singen lieber aus Leibeskräften, statt eifrig Würmer zu jagen. Es wird langsam heller da draußen. Die Lider sind schwer, der Tag war lang und voll mit Arbeit. Es ist definitiv die falsche Tageszeit, um draußen, in die schwere schottische Wolldecke gewickelt, im Schaukelstuhl auf einem Balkon abzuhängen und dem Frühemorgenvogelgesang zu lauschen. Denn der morgige Tag wird um sieben Uhr beginnen und wartet mit einem Arbeitsprogramm auf, das sich sehen lassen kann. Vollgepackt mit Terminen, Hetze, Eiligkeit und all diesen unerquicklichen Dingen, für die man jede Menge Power braucht, die normalerweise im Schlaf gewonnen wird. Du schnauzt also das Herz-Verstand-Gespann in dir drin an wie unartige Kinder und regst dich leider ein wenig dabei auf. Das ist das Temperament. Nichts zu machen. Wut will raus und Sport um diese Zeit ist nun gar keine Alternative. Was wäre, brüllst du ohne Ton wie ein stummer grimmiger Löwe, was wäre, wenn der Traum weitergegangen wäre? Wäre die Frau auf dem Weg allein weitergegangen oder hätte sie sich von ein bisschen schlechtem Wetter die Stimmung vermiesen lassen? Der Verstand sagt: Sie hätte nachgedacht. Das Herz sagt: Sie hätte geheult. Na, prima, sagst du, da seid ihr euch ja wieder mal herrlich einig, nicht wahr? Heulend nachdenken funktioniert nicht gut, außerdem war es in diesem Traum arschkalt. Ich sage euch beiden: Sie hätte einfach weiterlaufen sollen. Auch wenn der Typ längst gottweißwo gewesen wäre mitsamt seinen flatternden Sakkoschößen! Soll er doch! Du regst dich noch etwas mehr auf, als gut für dich ist um diese frühmorgendliche Stunde: Laufen hält warm, das weiß jedes Kind! Angst lähmt und macht frostfrorn, das weiß nicht jedes Kind, doch das lernt jedes Kind spätestens dann, wenn es sich das erste Mal in seinem Leben so richtig blöde verlaufen hat und die Dämmerung kommt, es nach Hause zu Mama will und nicht weiß, welche Richtung es einschlagen soll. Was macht das kluge Kind also? Du redest mit deinen Gehirnprogrammen wie ein Oberschullehrer und fühlst dich auch so. Die Heckenbraunelle oder der Gartenrotschwanz und die Amsel untermalen deine frühmorgendliche Selbst-Ansprache mit den allerschönsten Flöten- und Pfeiftönen in der hochromantischen frühumnebelten Morgendämmerung. Der Verstand sagt: Das verirrte Kind fragt jemanden. Du schnauzt: Da ist aber niemand zum Fragen! Also? Das Herz sagt: Es folgt seinem Bauchgefühl und schlägt irgendeine Richtung ein, damit es jemanden findet, den es fragen kann oder einen Wegweiser nach Hause findet. Endlich kehrt im Oberstübchen etwas Ähnliches wie Ruhe ein. Der Vogelgesang wird lauter, nun gesellen sich weitere Amseln zu den beiden Nachtsängern dazu. Das Licht wird heller und du hast nicht einmal mehr eine Stunde Zeit, um ins Bett zurückzukriechen und wenigstens etwas Ähnliches wie Entspannung zu finden. Doch dieser Traum, der ein Gefühl in dir hinterlassen hat wie ein Gefühl, mit dem Klammerbeutel gepudert worden zu sein und überdies noch gealpdrückt bis zum vorletzten Japser hat dich jetzt doch endlich losgelassen. Er wird dir nicht wie sonst den ganzen Tag hinterherwetzen und dabei versuchen, sich selbst zu analysieren. Er wird dir keine Übelkeit mehr verursachen und er wird dir vor allem keine Angst mehr machen können. Weil du weißt, dass du nichts zu verlieren hast, was nicht vorher schon verloren gewesen wäre. Weil du weißt, dass alles einholbar ist. Es wird ein müder und ein stressiger Tag werden. Doch sie haben Sonnenschein prognostiziert und du hast wunderbare Anti-Müdigkeits-Gesichtsmasken, damit niemand erschrickt, wenn er dich heute ansehen muss. Die bügeln die dicken Augen etwas glatter und nehmen den schlaflosen Ringen darunter ein wenig die Nachtschwärze. Irgendwann schleppst du dich wieder ins Bett und rollst dich auf die Seite. Ziehst die Beine an und die Decke über den Kopf, damit es endlich mal dunkel wird. Auch in dir. Denn deine Nacht war ein Tag und der Tag wird eine Nacht im Sonnenlicht. Doch da musst du durch. Das schaffst du schon. Wenigstens bist du den verdammten Traum losgeworden und deine diskussionsfreudigen Gehirnprotagonisten halten endlich ihre Klappe. Schreib das auf, gähnt noch das Herz. Doch das hörst du schon nicht mehr. Genau eine Stunde lang. Der Wecker schrillt. Liegenbleiben? Flötenpiepen.

10 Wörter – eine Geschichte: Tango, Szene 1

Zehn Wörter – Eine Geschichte 

Mein Dank an westendstorie, hier der Link: https://wordpress.com/read/post/id/78230463/872/

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  1. Frigide
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  5. Grotesk
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  7. Tango
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  9. Liebevoll
  10. Rilke

Tango, Szene 1

Draußen tobt der Sturm. Er hat Kerzen angezündet und Roxanes Thema aus Moulin Rouge aufgelegt. Sanft umfasst er ihre Hüfte.

„Wiege dich. Tu’s für mich. Ich führe dich.“

Ihr schlanker Körper biegt sich nach hinten, ihre Haare schleifen am Boden. Eine Bö schlägt gegen das Fenster, die Scheibe zittert leicht.

„Das ist grotesk“, lacht sie „… ich kann überhaupt keinen Tango!“

„Lass es zu, mein Krokus, ich halte dich.“ Er lächelt und beugt sich über sie, flüstert in die Musik:

Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche Sterne dir zu, dass du sie spürtest. Es hob sich eine Woge heran im Vergangenen, oder da du vorüberkamst am geöffneten Fenster, gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag. Aber bewältigtest du’s? Warst du nicht immer noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles eine Geliebte dir an?“

Du kommst mir mit Rilke, du Verführer? Du bist mir ein rechter Strippenzieher, mein starker Held, schrecklich ist deine Stärke, wie die eines Greifvogels, der seine Beute jagt, wie soll ich dir nur widerstehen? Ich müsste völlig frigide sein, um dies zu können!“

Statt einer Antwort, dreht er sie mit leichten Schwung und einem weiten Schritt in die andere Richtung, so dass ihre Füße gezwungen werden mitzuziehen.

„Wiegeschritt“, flüstert er und schlingt seinen Fuß um ihr Bein mit den halterlosen Nylons.

„Schön geschmeidig machen, mein kleiner Krokus, dies ist erst der Anfang. Willst du mehr? Sag, dass du mehr willst. Sanft zieht sein Finger die Linie ihres nach hinten gebogenen Halses nach. Komm, mach dich geschmeidig für mich, die Strapse kommen später dran. Dann darfst du mich zu Recht einen Strippenzieher schimpfen.“

Leises atemloses Lachen liegt über dem Klavierthema . An der Wand das Schattenspiel verschlungener Körper.

„Halt mich bloß gut fest“, lacht sie, „hey, wo willst du mit mir hin? Mitten in die Leichtigkeit hineintanzen?“

„Weißt du, was Tango ist in Kombination mit Rilke?“

Er hält sie nun mit beiden Armen von hinten umfangen, nimmt ihre Hände. „Weißt du es?“ Sanft bewegt er sich hin und her mit ihr, in einer wellenförmigen Bewegung.

„Tango, das ist das Gefühl, die Schwerkraft zu besiegen in der getanzten Poesie von Mann und Frau. Das gezügelte Begehren in der Ungezügeltheit des getanzten Ausdrucks. Spürst du mich? Komm, noch näher, der Tango will es so, bis kein Blütenblatt mehr zwischen uns passt. So nah sollst du mir kommen in deinem Begehren. Lass dich fallen, ich halte dich, vertrau mir. Tango ist Vertrauen und Hingabe zugleich.“

Sie lacht. Etwas unsicher.

„Ja, lass uns tanzen. Du zwängest selbst die Engel in den Wiegeschritt deiner Körperlichkeit. Du machst Metaphysisches zur wahren Begierde, mein Liebster.“ Sie atmet schneller.
Schattenspiele tanzen an der Wand. Die Kerzen flackern. Draußen vor dem Fenster tobt der Frühlingssturm. Sie dreht sich zu ihm um und schaut ihm in die Augen.

„Morgen werden die Krokusse am Boden liegen. Ich wünschte, der Sturm könnte sie liebevoll beugen. Dank dir ist es das erste Mal, dass ich sie nicht darum beneide, dass es etwas gibt, das stärker und ungebärdiger sein wird als sie.“

Er lächelt und nähert sein Gesicht dem ihren, bis sie seine Wärme an der Haut ihrer Lippen spürt.

„Dann wollen wir hoffen, dass der Sturm die zarten Krokusse nicht zerknickt, sondern nur biegt. Geküsst wird später, mein Krokus. Jetzt tanzen wir, bis wir stark genug geworden sind füreinander. Und über die dumme Email sprechen wir nicht mehr, okay?“

Mr. Spock, der Froschkönig und die Regenwürmer

Rest in peace, Leonard Nimoy

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Oma: Und dann nahm die Prinzessin den Frosch und klatschte ihn an die Wand.

Ich: …und dann war der arme Kerl total tot.

Oma: Nein, Steffel, natürlich nicht, denn es ist ein Märchen. Er verwandelte sich nämlich. In einen wunderschönen Prinzen und dann lebten sie bis an ihr Lebensende selig und…

Ich: Stop, Oma! 

Oma: Oh, nein…bitte nicht…Steffel, schau mal auf die Uhr…

Ich: Das ist ein unmögliches Ende. Außerdem ist es unlogisch.

Oma: Sag doch nicht immer „unlogisch“. Du bist mir unheimlich, genauso wie dieser Vulkanier mit den langen Ohren von Raumschiff Enterprise. 

Weißt Du, dass Du mich manchmal an ihn erinnerst?

Ich: Faszinierend…

Oma: Gute Nacht!

Ich: Nee….warte mal…

Oma: Was noch?

Ich: Das Märchen ist unmöglich von vorn bis hinten. Und dann wird die blöde Kuh auch noch belohnt dafür, dass sie sich wie eine Zicke benimmt? Den Frosch an die Wand klatscht? Der hat sich doch bestimmt weh getan…

Oma: …darum geht es doch gar nicht!

Ich: Doch! Es ist voll unlogisch, Oma! Es geht genau darum, dass jemand auch noch belohnt dafür wird, wenn er das, was er versprach nicht einhält. Ihr Vater, der König, hat die Prinzessin dazu gezwungen, den Frosch mitessen und mittrinken zu lassen von ihrem Essen, es alles mit ihm zu teilen. Und ihn mitzunehmen auf ihr Zimmer. Sie wurde dazu gezwungen, sie hat sich verweigert…. Dann hat sie den Frosch auch noch an die Wand geklatscht. Das ist doch keine Art…

Ich würd das Märchen gern umschreiben….da passt was nicht…

Oma: Mach doch…

Ich: jetze…?

Oma: Jetzt bin ich aber irgendwie neugierig geworden….was würdest du denn tun, wenn du die Prinzessin wärst…?

Ich: In den Brunnen springen und meinen Ball wiederholen….

Oma: Der Brunnen ist zu tief, da kannst du nicht hinein, du würdest ertrinken.

Ich: Okay. Dann erlaube ich dem Frosch mir zu helfen.

Oma: wie überaus gnädig…Gnädigste…

Ich: Dann würde ich meine Versprechen halten.

Oma: Obwohl er kalt und glitschig ist?

Ich: Frösche sind nicht kalt und glitschig. Die sehen bloß so aus. Doch wenn man sie anfasst, sind sie trocken und ganz warm…

Oma: Ihgitt

Ich: Und dann würde ich ihn…

Oma: Oh, nein…das will ich lieber nicht so genau wissen…du wärst glatt dazu in der Lage…

Ich: Ja, Oma, denk an die Regenwürmer….

Oma: Erinnere mich jetzt bloß nicht an die Regenwürmer…

Ich: Die finde ich aber süß….

Oma: Wehe, du machst das nochmal…ein ganzer Eimervoll, oje…

Ich: Die quaddelten aber so schön durcheinander auf deinem Sofa…ich wollte dir bloß zeigen, wie harmlos die sind….und du fällst einfach in Ohnmacht…das wolltichnich….wirklichnich….

Oma: du musst jetzt wirklich schlafen. Es ist schon ganz spät und Opa schläft auch schon.

Ich: ich muss das Märchen umschreiben…

Oma: Träumschön….

 

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