Aus den Geist(er)geschichten: Frühlingsmanöver

Liebe blogfreunde,

das kann auch nur mir passieren: eine Frühlingsgeschichte im Herbst. Doch ist es nicht an der Zeit, sie jetzt zu erzählen, wenn es kälter draußen wird?

Herzliche Sonntagsgrüße von der Fee 

Ich kenne einige dieser schmalen Hasenpfade, die hinaus führen aus den Labyrinthen der Unzulänglichkeiten, den Festungen gegen die Fremdheit und den Scheinhausgefängnissen alter Schuld. Solche Wege sind ähnlich den schmalen Strauchpfaden, die ich im Wald mit meinem Mountie gerne suche, oft als Parallele zu den breiten kalkgekiesten Wanderwegen. Hier siehst du wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und die Wege sind teilweise zugewuchert, Stämme liegen quer oder Stümpfe ragen aus der Erde, glatte schmierige Steine spreizen sich auf dem Weg und ich muss so langsam fahren wie nur möglich, das Rad ist nicht sehr wendig im so einem engen Baum-Gestrüpp mit den großen 29-Zoll-Rädern.

Solche Waldwege sind so verschlungen wie oft auch meine inneren Wege und dieses Jahr im Frühling verhedderte ich mich auf einem von ihnen, allerdings draußen, in der Wirklichkeit. Magisch schimmert hier im Buchenwald das Aprillicht. Lichtfinger tanzen auf Schattenwegen vor dir her. In jedem Frühling besuche ich mittlerweile wie in einem Ritual den „Frühlingsberg“ bei Lämershagen, bewundere die weißen Schlehenschleier und suche Leberblümchen auf der Bergwiese.

Heute jedoch war ich in einem noch nicht von mir erkundetem Gebiet unterwegs. Ein Rudel Rehe stand am Hang. Ich befand mich in einem der für den Teuto typischen buchenbestandenen kleinen Talkessel und trug meine neongrüne Waldjacke. Auf die Rehe musste ich wie eine Riesenheuschrecke mit meinem seltsam knatternden Fortbewegungsmittel gewirkt haben, denn als sie mich hörten, sprangen sie erschrocken auf allen Vieren gleichzeitig hoch, rannten jedoch überraschenderweise nicht vor mir davon, sondern verhielten sich eher unschlüssig. Ich war ebenfalls eher unschlüssig und überlegte hin und her, was ich denn nun mal machen solle. Umkehren? Den ganzen beschwerlichen Weg zurück, den ich über zwei Kilometer das Rad hinter mir her schleifend, schiebend, durch Brombeerdornen und über Baumstämme zerrend bis hierher gekommen war um in einer Sackgasse gelandet zu sein?

In meiner inzwischen eher einer Verzweiflung ähnelnden Unschlüssigkeit fragte ich also die unschlüssigen Rehe um Rat, sie waren ja gerade sowieso da und ein wanderkundiger Mensch, der mir hätte weiterhelfen können, nirgendwo in Sichtweite. Die Rehe standen jedoch einfach nur herum, wackelten mit ihren Nasen, Ohren und weißen Blümchenhinterteilen. Sie schauten aus feuchten großen Rehaugen zu mir her und kauten friedlich dabei. Was mach ich denn jetzt, fragte ich sie hartnäckig noch einmal, gerade so als könnten Rehe mit Menschen reden. Ich habe mich total verlaufen, jammerte ich und futterte erst einmal meinen Reiseproviant, eine Banane. Etwas Solidarität zu bekunden, könnte ja nicht schaden, meinte ich. Die Rehe fraßen ständig und ich wünschte mir Gruppenanschluss also musste ich mitfuttern. Stolz zeigte ich den Rehen meine Banane, während diese zufrieden Weiterästen, was auch immer. Sie rupften an irgend etwas herum, ich zupfte die Bananenschale ebenfalls und legte sie an eine Stelle, an der ich hoffte, dass niemand vorbeikommen würde und womöglich ausrutschen bis mir aufging, dass das total bescheuert war, weil an diese Stelle eh niemand kommen würde, mit Ausnahme von mir Hornvieh mit Fahrrad.

Als ich aufstand, das Rad am Lenker packte und mich ergeben vorwärts in mein selbst erwähltes Schicksal schob, bewegte sich das Rudel Rehe ein Stück weit den Hang hinauf und strebte leichtfüßig zick zack tanzend  auf den Berggrat zu, auf dem ich einen schmalen Pfad vermutete. Ich beschloss ihnen zu folgen um es herauszufinden. Das Rad vor mir her bugsierend, stieg ich Meter um Meter die Böschung hoch und hangelte mich dabei an den Buchenstämmen aufwärts. Ich trat im raschelnden trockenen Vorjahres- Laub auf moosüberwucherte Buchenstämme, glitschig vom vielen Regen der Wochen zuvor und meine Beine rutschten ständig weg, loses Gerölle kullerte hinter mir den Hang hinunter. Ich blieb stehen und verschnaufte. Die Rehe sprangen vierzig Meter parallel von mir weiter munter voraus wie Slalomspringer den Bergrücken hoch, blieben dann jedoch erneut stehen und futterten natürlich erst einmal wieder etwas. Sie fanden auch immer etwas im Gegensatz zu mir, denn ich hatte nichts mehr, nicht mal ein albernes Power-Gel, was ich nun gut hätte brauchen können. Allerdings hatte ich auch null Hunger. So eine Banane stopft schon recht ordentlich und versorgt Krampfmuskeln sofort mit Magnesium. Mein Rad wiegt nur zehn Kilo. Doch selbst dieses Federgewicht von Kamel kann auch sehr schwer werden, wenn man nicht darauf sitzt und fährt, sondern es zusätzlich zum Körpergewicht als sperriges Zusatzteil mit sich führt. Ich schwitzte wie ein Affe, das Fleecefutter meiner grünen Fahrradjacke war klitschenass und durchgeweicht, meine Brille vom Geschnauft beschlagen.

Ich ahmte die Rehe nach und bewegte mich wie ein Slalomläufer, schob das Mountie am Hinterrad vorwärts, hangelte mich von Buchenstamm zu Buchenstamm langsam weiter nach oben, fing mich immer wieder durch das Verlagern des Oberkörpers ab, wenn ich abzurutschen oder zu kippen drohte und prüfte vor dem dem nächsten Schritt ob der Untergrund mein Rad und mich auch halten konnte.
Zwischendurch spähte ich immer wieder zu den Rehen hin oder nach oben, denn dort klebte ein Blauzipfel Himmelhoch und die Kuppe wirkte wie eine scharf vom Berg abgegrenzte lang gezogene Schwertklinge, bedeckt vom braunen Laub und moosüberwachsenen Stämmen. Doch wenigstens hatte ich kein Brombeergestrüpp mehr zu durchqueren, das mir die Knöchel blutig riss. Ich war noch ungefähr zwanzig Meter vom Bergrücken entfernt und das letzte Stück Steigung war gefährlich. Ich schaute mich um auf den zurückgelegten Weg und mir wurde blümerant zumute als ich sah, wie steil das hinter mir bergab ging, mein Magen schwappte sauer auf und ich hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Der Schweiß lief mir jetzt in Strömen am Körper, doch ich trug mein Stirnband und so konnte er mir nicht in die Augen laufen und brennen.

Ich musste mich sehr beherrschen nur schluckweise zu trinken, so, dass ich nicht mein ganzes Wasser austrank, die Flasche war noch halb voll und ich hatte noch ein gutes Stück Strecke zu bewältigen. Mein Rücken heulte und zeterte in den höchsten Tönen. Ich betete, während ich mein Rad weiter aufwärts schleppte, dass kein Mountainbikefahrer mich derart erbärmlich erleben musste. Ihr Spott und Hohn wären mir sicher gewesen. Das letzte Stück Steigung war oberfies.

Zum Glück fand ich immer Bäume zum Festhalten und zog mich meterweise weiter voran, bohrte die Absätze meiner flachen Fahrradschuhe in die raschelnden Laubgewölbe, klammerte mich wie ein Affe an den Buchen fest. Meine Hände waren völlig verkrampft, weil ich die Bremsen stop-and-go bedienen musste. Das Rad entwickelte einen ordentlichen Rückwärtsdrall, doch ich sprach leise mit dem Ding, als wärs ein Kamel aus Carbon: Du braver Geist bist doch mein Allerbester, wir schaffen das schon und dann fahren wir diesen blöden Weg nach Hause als wärs gar nix und dann kommst du in die Badewanne und wirst getränkt, geschrubbt und geölt bis du glänzt und quietscht vor Wonne.

Das half mir irgendwie noch weitere Kräfte zu mobilisieren, wenn ich nur an eine Badewanne dachte und die Rehe halfen auch, gewaltig sogar, denn ich fühlte mich gar nicht allein mit ihnen, sie waren Trost und Hilfe und sie wunderten sich vielleicht was dieser seltsame und schrill grün leuchtende Zweibeiner da mit seinem Knatter-Ding für einen ungebührlichen Lärm im Wald veranstaltete. Sie waren irritiert, das merkte ich schon, doch sie liefen nicht weg.
Ich muss hundert Meter gegen den Wind nach Mensch gestunken haben, doch sie blieben beinahe so als ahnten sie wie verzweifelt ich grad war und das war nicht meine erste Begegnung mit diesen Bambi-Viechern, wenn ich mal nicht weiter wusste. Rehe sind meine Delfine des Waldes.
Sie tauchen einfach immer irgendwie zum richtigen Zeitpunkt auf und begleiteten mich ein Stückchen auf meinen zeitweisen Irrwegen.

Der Wind blies ganz genau in ihre Richtung, sie mussten mich doch riechen können? Mein Jägerlatein ist sehr schlecht. Windrichtungen bestimme ich durch Anlecken meines Zeigefingers und halte ihn anschließend in den Wind. Achte auf den Sonnenstand. Ist eine Richtungsbestimmung anhand der „Windschur“ der Kronen möglich? Im Wald ist das schwierig, denn „Windschur“ findet man nur an Bäumen, die dem Wind ausgesetzt sind. Allerdings weisen die Buchenstämme an ihrer Südseite oft eine rissigere und borkigere Struktur auf, auch findet sich mehr Moos an der nach Süden gewandten „Wetterseite“. während die Nordseite glatt erscheint, wie vom Wind abgerieben. Doch dies ist nicht bei allen Buchen so und ich hatte die Orientierung verloren obwohl ein Rest inneres Gefühl noch da war, nur eben nicht klar und sicher. Mein Fahrrad wog inzwischen gefühlt Tonnen und ich kam mir vor wie eine Ameise, beladen mit dem Achtzigfachen ihres Gewichtes kurz vorm Einknicken in den Gelenken. Mein Körper veranstaltete einen Zirkus mit meinen Muskeln, dass ich dachte, ich käme jetzt keinen einzigen Zentimeter mehr weiter voran und als ich zu meinem Entsetzen auch noch feststellen musste, dass ein Baumstamm genau an der Stelle quer liegend wie ein Wall den von mir angestrebten Weg blockierte, hätte ich am liebsten vor Frust losgeheult.

Ich hatte schon Sternchen vor Augen und fühlte mich wie eine Comicfigur von Vögelchen umzwitschert als ich fest stellte, dass eine Sippe Kohlmeisen auf dem Bergrücken quasi über meinem Kopf saß und lautstark tratschte. Jetzt wusste ich es ganz sicher, dass ich eine Comic-Figur in einem Disney-Cartoon war. Es fehlte nur noch Micky Mouse. Die Meisen juckte allem Anschein nach kaum, dass ich stöhnend und ächzend mein knatterndes Rad schulterte und es unter inzwischen ziemlich vernehmbar gezischten Höllenflüchen über diesen Baumstamm zu bugsieren begann, während es mir vorkam, dass ich waagerecht vom Boden abstand und nicht senkrecht wie es richtig ist. Ich hatte Angst, dass ich hintenüber kippen könnte, nur dass dies kein Karussell mit Sicherheitsbügel und Lehne war, sondern hinter mir ein steil abfallender Hang mit scharfkantigem Kalkgeröll der nur wartete auf den Aufprall meines Körpers und meinem Fahrrad. Die Kohlmeisen flüchteten sich über dem Krach, den ich produzierte hinein in das Geäst einer jungen Birke, die sich versuchte einen kleinen Platz an der Sonne zwischen den hohen Buchenkronen zu erobern.

Entschieden blockierte ich die Idee, samt Rad hintenüber zu kippen und kopsterdibolter den Hang hinabzustürzen. Statt dessen pflanzte ich mir ein Bild in den Kopf, dass mich glücklich mit Meisen und Rehen kommunizierend (Original Disney!) fröhlich auf dem Rad sitzend und fahrend, darstellte. Diese sehr unangebrachte und haarsträubende Euphorie half mir mehr als alles andere, denn ich schaffte es irgendwie das Rad über den Baumstamm zu hieven und mich selbst hinterher zu zerren. Auf allen Vieren und mit Tannenzapfen und vielen kleinen Zweigen im Zopf. Das darf ich doch wirklich niemandem erzählen, da lachen ja die Hühner….

Ich fühlte mich wie Herkules nach dem Ausmisten der Ställe des Augias. Ich wollte einfach nur noch in stabiler Seitenlage liegen bleiben, die Augen schließen und in diesem wonnigen Zustand hinüber gleiten in einen total heroischen Tod. Mein höchstpersönliches Frühlingsmanöver war das hier. So eine kreuzdämliche Aktion bringst auch nur du hin! schimpfte ich.. Die Meisen saßen ein Stück weiter im Gebüsch und spotteten. Man muss auch Spott gönnen können und wer den Schaden hat, so wie ich, spottet bekanntlich jeder Beschreibung. „Lacht mich nur aus!“ moserte ich leise und beleidigt, eingepellt in mein schweiß triefendes Zeug wie eine Leberwurst.

Die Rehe verabschiedeten sich nicht von mir, das machen sie nur selten. Sie sprangen einfach davon. Ich beobachtete die leichte und behende Anmut, mit der sie über die laubbedeckten Hänge setzten und folgte den aus meinen Augen nun schnell entschwindenden Blümchenhinterteilen, das Rad schiebend, erst einmal auf dem schmalen matschigen Pfad in südlicher Richtung. Dieser Bergrücken nahe Lämershagen ist einer der reizvollsten, die ich in dieser Gegend kenne. Man braucht aber Kletterfestigkeit. Rechts und links wächst an den Hängen wilder Bärlauch, nach Knoblauch duftende Maiglöckchen, die heute in der regionalen Küche schon fest etabliert sind. Jetzt waren sie noch am Anfang, ein zarter Grünschimmer über den Hängen. Zum Ende des Weges wurde es dann doch noch einmal abenteuerlich, denn ich musste den Berg auf dem ich wie auf einem Drachenrücken entlang gegangen war, wieder hinunter und wieder ging es steil hangabwärts, doch diesmal geführt vom schmalen Pfad.

Wie zur Belohnung voran gegangener Strapazen öffnete sich vor meinen Augen eines der lieblichen Langtäler des Teutoburger Waldes. Der Blick auf die anderen Berge machte mir Kopf und Brust frei, ich ließ die Augen kuppenwandern und ausschwärmen bis ich mich fit genug fühlte um mich an die Abfahrt zu machen, ich hatte noch ein kurzes Stück Straße bis ins Tal und freute mich auf eine glatte schnelle Fahrt. Meine Knochen sehnten sich nach einem heißen Bad und frischer Wind wehte mir um die Nase, die ersten Amseln sangen laut und versprachen die Ankunft des herannahenen Sommers und dieser ließ sich dann Zeit bis der Herbst eintraf.

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Augustrosen

„Oma, Mama ging doch auf das Elysium, oder?“ Sie schneidet den Rosen verblühte Köpfe ab. „Das wär’s!“, ruft sie plötzlich und scheint meine Frage völlig überhört zu haben. „Stell dir mal vor, wir könnten uns unsere verblühten Köpfe einfach abschneiden und dann wüchse im nächsten Jahr ein neuer nach…“ Ihre Stirn wirft steile Falten und sie hält sich die Schere quer vor ihren Hals. „Na, was meinste, soll ich? Schnippeldischnapp, Rübe ab!“

Ich versuche sowohl meine aufsteigende Panik als auch den drohenden Schaden zu begrenzen. Sie wäre imstande das auszuprobieren. „Oma, was machst du denn dann im Herbst und Winter, wenn du kopflos bist? Das geht so nicht!“ In mir plustert sich etwas Wichtiges auf. „Dann halte ich aber den Opa viel besser aus“, entgegnet sie „und im Frühling wüchse mir ein neuer Kopf und ich wäre wieder strahlend jung“. Ich schüttele nachdrücklich den Kopf und sie beginnt von den Chinesen zu erzählen, die Todeskandidaten den Kopf abzusägen pflegen. Mir kommen die Rebellen vom Liang Shang Po in den Sinn. Diese Nachmittags-Serie bannt pünktlich jeden Sonntag unsere komplette Familie vor den Fernseher. In einer Folge gab es diese grausame Szene, in der einem schreienden Mann auf einem Hinrichtungsplatz mit einer riesigen Menschenmenge von einem Henker der Kopf mit einem großen gezackten Schwert abgesägt wurde. Natürlich stoppte in der Folge die Bildfolge als der Hals leicht angesägt war, so dass gerade das Blut herauszulaufen begann und sich die Augen des Mannes zu verdrehen begannen, wobei ich nicht wusste ob dies am Blutverlust oder an den Schmerzen lag und dann ging es bereits weiter mit der nächsten Szene, während mich meine Phantasie noch Tage später nachts in den Träumen plagte und die Hinrichtung in sämtlichen grausigen Details bis zum Ende ausführte. Die Bilder schießen jetzt wieder in meinen Kopf als ich an die Folge denke und ich besinne mich auf meine ursprüngliche Frage zurück: „Oma, wo war denn das Elysium von Mama jetzt eigentlich genau?“

Doch sie hört mich nicht, weil sie gerade kopfüber ins Beet abgetaucht ist, samt Heckenschere und Eimer. Mit einer Handvoll Giersch kommt sie wieder hoch. „Dieses Kroppzeuch! Schau dir bloß mal diese Wurzeln an, sie unterwandern meinen ganzen Garten!“ Die weißen Wurzeln des Giersch erinnern mich an blinde weiße Erdbewohner. Was mich am meisten daran fasziniert ist, das sie zwischendurch und noch tief unter der Erde schon wieder die nächsten grünen Triebe und Blätter ausbilden. „Das sind organische Invasoren, die meine Stachelbeeren umbringen wollen!“ Großmutter ist mit ihren krümeligen, von Erde geschwärzten Händen bereits wieder wühlend und zerrend in den Untergrund des Beetes abgetaucht. Sie sieht aus wie ein sich mit dem Kopf in den Sand bohrender Vogel Strauß. ihr Hinterteil hängt hoch oben in der Luft, sie bückt sich mit durchgestreckten Knien, während ich geduldig mit meiner Frage abwarte. In den Kronen der alten Lärchen, die Opa am Ende des Gartens pflanzte, lärmen Spatzen und balgen sich. Ein paar Mauersegler sirren ums Dach, sammeln sich für den Herbstzug. Im Winter wird mein Großvater wieder Flomen beim Metzger kaufen. Walnüsse feinhacken, unter das weiße flockige Tierfett mischen und die Masse in die hohlen Nuss-Schalen füllen. An dünnen Sisal-Bändeln werden die Hälften in die Bäume gehängt. Die Vögel reißen sich darum, es wird schnell die Runde machen, dass der alte Mitschkepaule wieder seinen Winterfutterplatz klar hat und dann werde ich sie wieder mit seinem alten Fernglas beobachten während er mir erklärt wie die Vögel heißen. Im kommenden Frühling wird er über die fette Nachbarkatze fluchen, die sich fünf beinah nestflügge Rotkehlchen holen wird und sie vor seinen Augen, eins nach dem anderen genüsslich zerbeißen, anschließend liegen lassen. Er wird sich furchtbar aufregen und die blutigen Federbündel in seinem Garten begraben. Gerade jetzt stromert die dicke grau getigerte Katze geduckt durch die Büsche. Auch meine Großmutter hat sie bereits entdeckt. „Gut, dass der Opa in Liechtenstein beim Georg ist, der würde jetzt wieder herumpoltern wenn sie in die Himbeeren kackt“, gehen ihr noch andere Gedanken durch den Kopf als mir und ich habe das Elysium meiner Mutter darüber völlig aus den Augen verloren.

„Oma, die Katze ist doch aber viel zu fett geworden, schau doch mal, was sie für einen Hängebauch unter sich herschleppt, die kann doch gar nicht mehr jagen oder? beschäftigt mich der Jagdtrieb der Katze eher als ihre stinkenden Hinterlassenschaften. Meine Großmutter greift sich die Hecken-Schere und massakriert in Sekundenschnelle eine verblühte, einen Meter hohe Stockrose regelrecht, indem sie sie kurz und klein säbelt und zerstückelt. Ihr schwarzer lockiger Schopf ist durchzogen von wenigen Silberfäden, ihre Haut tief gebräunt von der Sommersonne, sie spannt sich trocken und dünn über ihren Armen. Daran erkenne ich ihr Älterwerden, an ihren Armen, die aussehen als würde Pergament zerknittern. Sie arbeitet schweigend weiter, während ich die neben den Eimer gefallenen Pflanzenteile aufsammele und hineinwerfe.

Nebenan beginnt der Hund zu heulen. Sie stöhnt auf: „Oh, mein Gott, Dunnilein! Der auch noch…“, Remlers sind wieder nicht zu Hause.“ Remlers Dunja kläfft entweder oder heult. Dies ständig und vor allem ausdauernd. Ab und zu hören wir durch die Wand Frau Remlers hohe piepsige Stimme: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin!“

Meine Großmutter kann Frau  Remler perfekt imitieren. Auch jetzt: Sie stemmt sich die Arme in die Hüften, ordnet die Haare, fährt glättend über die Locken, doch statt dessen stehen sie noch viel wilder vom Kopf ab als vorher. Mit hoher verstellter Stimme äfft sie Frau Remler nach: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin, sonst trete ich dich in deinen kleinen verpipipudelten Pinscherpopo!“ Ich pruste los, ich kann nicht mehr, liege auf dem Rasen, mir den Bauch haltend, mich krümmend, weil meine Eingeweide und Därme versuchen zu atmen und genauso versagen wie mein Zwerchfell. Im Haus nebenan klappt die Terrassentür, nachdrücklich wird der Hebel umgelegt, so dass er laut und vernehmlich einschnappt. „Oh“, entfährt es meiner Großmutter und sie legt sich kichernd die Hände vor den Mund.

Ich erinnere mich jetzt auch wieder an das Elysium, auf das meine Mutter ging und wiederhole meine Frage. Unter einem Elysium kann ich mir gar nichts vorstellen, es muss eine Schule sein oder so etwas, vielleicht eine höhere Schule. Meine Großmutter hat uns in der dunklen kleinen Küche eine Limonade Sprudel mit Himbeersirup gemixt. Sie ist lauwarm, doch ich habe Durst, draußen im Garten in der Sonne war es sehr heiß. Als hätte meine Großmutter meine Gedanken erraten, pflichtet sie mir laut bei: „Heute ist es aber wirklich sehr heiß und übrigens heißt es nicht Elysium, sondern was du meinst, ist ein Lyzeum.“

Sie erklärt mir was sie über das Lyzeum weiß, nämlich dass es sich dabei um einen  aus der Mode gekommenen Begriff für eine höhere Töchterschule handelt. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht Elysium heißt, weil ich das Wort schöner finde. „Oma, was ist denn dann aber ein Elysium?“ bohre ich meine nächste Frage in das Brummen einer Stubenfliege. „Warte, die fange ich erst“, droht meine Großmutter und ich hoffe wie immer, dass die Fliege ihr zu entkommen schafft. Denn meine Großmutter richtet Fliegen ähnlich hin wie China seine Todeskandidaten. Ich finde das unheimlich und brutal, sie findet es hingegen fliegenfreundlich. „Ist doch ein schneller Tod mit der Schere den Kopf abgeschnitten zu bekommen?“, fragt sie. Ihre Miene wirkt völlig unschuldig. Meine Großmutter ist zwar temperamentvoll, doch nicht gewalttätig. Sie kann zwar streng sein, doch dabei ist sie immer noch milde und lässt mit sich reden.

Nur in punkto Fliegen kennt sie weder Kompromisse noch Gnade und es ist vollkommen egal, was ich argumentativ einbringe um sie vom Fliegenhinrichten abzubringen. Diese Fliege jetzt hat Glück. Sie entwischt der tödlichen Bedrohung durch meine Großmutter indem sie in das große Wohnzimmer um die Ecke fliegt. „Elysium ist ein anderes, ein altes Wort für das Paradies oder den Himmel“, erklärt meine Großmutter und zieht mich an meinen geflochtenen Affenschaukeln. „Komm, wir gehen mal nach oben ins Arbeitszimmer, da erkläre ich Dir das Elysium.“ Das Arbeitszimmer ist ebenfalls heiß, doch immerhin noch kühler als draußen, denn es beginnt schwül zu werden. Hier riecht es nach Nähmaschinenöl, nach dem Lanolin in der Wolle angefangener Handarbeiten in komplizierten Muschelhäkelmustern, sauber nach den frischen gestärkten Leinentischdecken sowie den bunten Stoffballen in der eichenen Kommode mit den Glastüren. Immer schwirrt Staub in der Luft und legt sich auf die Rücken der zerlesenen und vergilbten Taschenbücher im Regal. Ein feiner Hauch Chanel No. 5 liegt in der Luft, sie bewahrt es in einem kleinen Vitrinenschrank auf.

Auf einem großen Brett auf dem runden Arbeitstisch liegt eine gestern erst fertig gestellte feine weiße Strickjacke in einem Ajour-Lochstrickmuster, besetzt mit winzigen blau schimmernden Mondglasknöpfen. Sie wurde erst mit Wasser besprüht und dann mit etlichen Stecknadeln in Form gespannt. Auf meinem Arm kriechen winzige schwarze Gewitterwürmchen. „Das gibt heute noch was“, prophezeit meine Großmutter als sie ein paar von meinem Arm herunter wischt. Im Arbeitszimmer liegt noch der erste dicke Band vom Goethe, aus dem sie mir gestern noch vorgelesen hatte. Sie hat ihn auf der Armlehne der Schlafcouch abgelegt und nickt mit dem Kopf in Richtung Buch: „Hier, Goethe, der kann dir vom Elysium etwas erzählen“. Ich brauche nichts weiter zu sagen, ich brauche bei ihr immer nur aus den Augen leuchten. Sie liest in mir wie in einem Buch, setzt sich und nimmt den Goethe. „Du nun wieder, Mädchen, was soll nur noch aus dir werden?“

Ihre Stimme beginnt melodisch und, ruhig, spannt sich auf in ein Raunen: Uns gaben die Götter auf Erden Elysium, wie du das erste Mal lieb ahnend dem Fremdling entgegentratst und deine Hand ihm reichtest, fühlt er alles voraus, was ihm für Seligkeit entgegen keimte. Meine Großmutter kann wenn sie singt, keinen einzigen Ton halten, doch wenn sie liest, hält sie die Luft wie in einem Fass und nur sie bestimmt wie viel sie davon herauslassen will. Ihre Augen fixieren mich weich, dunkel und ernst. Sie spricht sehr deutlich und ihre Persönlichkeit verschwindet im Hintergrund, die andere Sprache beginnt sie zu beherrschen als sei sie nur noch ein Instrument reiner Wiedergabe. Wie macht sie das nur, dass sie so durchsichtig werden kann wie die weiße Gardine, die sich vor dem offen stehenden Fenster bauscht? Es ist diese Verwandlung, die jedes Mal mit ihr geschieht, wenn sie liest oder frei erzählt, sie mich immer wieder in ihren Bann zieht als sei sie eine Schlangenbetörerin und ich nichts weiter als ein Gewitterwürmchen auf ihrem braun gebrannten Arm.

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Unausgegorenes Gedankenskript No. 1 – Von der Schwermut nicht zu können was man will

Vor Angelika Schrobsdorff „Du bist nicht wie andere Mütter“ las ich das „Winterjournal“ von Paul Auster. Es zählt noch zu den Büchern meiner leseleeren Zeit, ich schaute es lange an bevor ich es überhaupt aufschlagen konnte. Doch auf Paul ist zum Glück immer Verlass, das mag ich so an ihm. Er brauchte genau zwei klar und präzise geschriebene Kapitel bis er mich mit seinen Sätzen wieder becirct hatte. Am liebsten hätte ich Tag und Nacht durch gelesen. Doch da gab es einen fetten Haken und an dieser Stelle hört das Verständnis meiner Mitmenschen gewöhnlich auf, denn selbst mir fällt es außerordentlich schwer zu berichten von dem, was mir so oft unbeschreiblich vorkommt.

Am ehesten gelingt es mir vielleicht noch mit Hilfe von Michael Ende und seiner unendlichen Geschichte: Der Verlust der Fähigkeit mehr als zwei Kapitel am Stück zu lesen ist wie das große Nichts, das die Handlung anfällt und alles in ein Schwarz reißt, weil die eigenen Gedanken die Überhand gewinnen und so ablenkend sind, dass der ständig abschweifende Geist irgendwann verzweifelt aufgibt. Das ist zutiefst verstörend, ein geradezu gigantischer Verlust für jemanden, der immer so gern und ausgiebig gelesen hatte wie ich.

Es begann vor ein paar Jahren. Ich konnte keinen einzigen Roman mehr lesen. Was ich auch begann und mir aus der Bücherei holte, war völlig egal. Ich versuchte alles, doch sobald ich den Roman aufschlug und die fremden Personen begannen zu agieren, verschwammen sie vor meinen Augen und ich konnte sie nicht mehr fest halten. Sätze zerfaserten vor meinen Augen, ich konnte Namen und Persönlichkeiten nicht mehr zuordnen, von denen ich einen Absatz zuvor noch las. Ich konnte sie nicht festhalten, sie flogen mir einfach davon.  Ich habe manches Buch vollgeheult, mit Tempotaschentüchern auf den Seiten, damit sie nicht nass wurden. Es war als hätte ich auf einen einzigen Schlag alle meine geliebten Freunde verloren. Zu dieser Zeit war ich Vorlesemama an der Grundschule meines Sohnes. Ein ehrenamtliches Projekt, das mir viel Spaß machte. Weil ich selbst nicht mehr richtig lesen konnte, versuchte ich für meine Kinder und die Schulkinder die besten und tollsten Kinderbücher zu finden, die es gerade gab. Auf diese Weise überlistete ich diesen verdammten Schweinehund in mir, der verhinderte, dass ich Romane lesen konnte oder Erzählungen. Ich lernte umwerfende Kinderbücher kennen und ich freute mich, wenn es mir gelang meine hungrigen Leseraubtiere zu begeistern.

Zwei Jahre lang las ich gar nichts mehr, nur noch die Kinderbücher und diese anderen vor, denn es war meine einzige Möglichkeit, überhaupt noch ganze Romane lesen zu können. Die Kinder hatten sehr viel Geduld mit mir bis ich das Intonieren so drauf hatte um sie damit wie mit einem Lasso einfangen zu können. Dann besann ich mich wieder auf den alten Heine, meinen Kindheitsdichter. Er hatte in meiner Idee die schlohweißen Haare meines Großvaters und roch immer nach Zigarrenrauch und Irisch Moos. Die toten Dichter besuchten mich in meinen Träumen. Weihnachten 2011 wünschte ich mir einen Armvoll von ihnen und bekam ihn von meiner Familie geschenkt. Kaum schaffte ich es, die beiden schweren Taschen, prallvoll mit Rolf-Dieter Brinkmanns Stand-Photos, Charles Bukowskis sämtlichen Gedichten, Ingeborg Bachmanns sämtlichen Gedichten, meinem besonderen Schatz, dem von Erich Fried übersetzten Shakespeare, Pablo Nerudas Gedichten, Gottfried Benns Gedichten in zwei fetten Bänden und Else-Lasker Schülers lyrischem Werk nach Hause zu schleppen. Meine Arme fühlten sich an wie die eines Gorillas und ich war noch nie so glücklich über Rückenschmerzen wie an diesem regnerischen kalten grauen Heiligabend. Mit der Hilfe und Inspiration meiner neuen Einsamkeitsgefährten schrieb ich wie eine Besessene los, versuchte immer wieder zu beschreiben, was diese Verlorenheit, die Isolation von anderen, dieses Unverständnis anderer, diese gewaltige Verlassenheit eigentlich wirklich ist, doch mein Ausdruck erschien mir immer unzureichender je mehr ich schrieb und alles unwichtiger um so mehr dachte, weil es ja nur um mich ging, mein blödes und mickriges Scheißleben, so langweilig wie Knäckebrot ohne Belag. Meinem vom Leben schwer angeschlagenen Gehirn halfen die Reime besser meinen insgesamten seelischen Totalschaden zu verstehen, so las ich eben Gedichtbände statt Romanen und Verse statt Kapiteln und ich war sehr dankbar, dass das funktionierte!

Auf meiner Truhe liegt der große schwermütige fette Dante Alighieri, den ich regelmäßig lese. Eines meiner wichtigsten Buch-Geschenke. Er begleitet mich mit den genialen Sandro Botticelli-Zeichnungen und alles, jedes Wort von dem was er über die Hölle schreibt, ist wahr. Auf dem Dante liegt niemals Staub. Der hat keine Zeit, sich niederzulassen auf dem Wälzer. Man kann sogar damit den Bizeps trainieren während man mit ausgestreckten Armen laut in den Raum liest.

Zwei Jahre später folgten kleinere Texte und ich begann wieder mit Lust Essays und Artikel zu lesen, auch längere, Fließtexte begannen sich mir wieder zu erschließen in Sinngehalt, Stil und Umbruch. Doch immer noch konnte ich keinen einzigen Roman anpacken und wenn ich es versuchte, starb ich nach höchstens zwei Seiten in fiktiven Welten kreuzerbärmlich drüber ab wie irgend ein Totholz. Innere Blockaden sind Ausdruck seelischer Lähmung.

Ich lasse mir nicht gern einfach etwas wegnehmen, was ich einmal liebte und schon gar nicht von meinem aufgeblasenen Ego oder meiner gelähmten Seele. Ich beschloss also trotzig mir meine Romane zurückzuholen wie Uma Thurman in Kill Bill sich ihre gelähmten Beine zurückholte, indem sie ihrem Zeh befahl zu wackeln. Ich befehle meiner Leselust unermüdlich dasselbe, notfalls eben wort- und satzweise und nicht kapitelweise. Dass ich ausgerechnet mit Pessoa wieder zu lesen loslegte, weil sein Buch der Unruhe in kleine Kapitel aufgeteilt ist, war mir erst gar nicht bewusst. Ich las jeden Abend ein zwei Sätze. Wenn ich sie nicht verstand, las ich sie am nächsten Tag nochmal bis ich erste Kapitel ganz durchzulesen schaffte. Ob ich sie verstanden habe, fragte ich mich anschließend im Bett vorm Einschlafen und träumte selbstredend in Pessoa, was mir nicht nur angenehme Nächte verschaffte.

Auf solche Weise entsteht eine sehr enge Bindung zu einem Buch und seinem Autor. Als ich Paul Auster zuklappte, heulte ich doch tatsächlich los? Anschließend fluchte ich wie verrückt und dann erst konnte ich mich freuen, weil ich endlich, endlich einmal wieder dieses heiß geliebte Gefühl im Bauch hatte, dass ich einen Bücherfreund hinzugewonnen hätte und manche dieser Sätze in dem Buch, die Paul über seine Frau Siri sagt, so gewaltig hell strahlen, dass ich mir alle Haare ausgerauft hätte, wenn ich erst nach meinem Tode erfahren hätte, dass sie mir im Leben entgangen sind weil ich zu bescheuert und verklemmt war, das lesen zu können.

Noch angefixt von Paul Auster tauchte ich anschließend ein in das Berlin der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre und ich bin noch mittendrin, gerade aber in Bulgarien, im Exil. Was und wie Angelika Schrobsdorff schreibt, beeindruckt mich tief. Ihre ganze Sippe habe ich ins Herz geschlossen als sei es meine eigene und gerade ist Oma Kirschner auf dem Weg nach Theresienstadt ins KZ. Ich weiß was dort mit ihr geschehen wird, das ist gemein, denn ich würde am liebsten die Geschichte umschreiben, doch dann wäre es nicht mehr die Geschichte so wie sie tatsächlich geschah. Das berührt mich an diesem Buch am meisten. Es ist ein Tatsachenbericht und ein Freund erinnerte mich vor ein paar Tagen an das Jack Kerouac-Zitat: Wer schreibt, legt Zeugnis ab. Mario Simmel sagt über Angelika Schrobsdorff: Sie hat in ihrem ganzen Leben nur wahre Sätze geschrieben. Was für eine Aussage.

Bald werde ich das Buch beendet haben und ich habe mir angewöhnt, mit dem Bleistift zarte Randnotizen zu schreiben. Manchmal auch kleine Blümchen, wenn es besonders schlimm wird wie jetzt gerade bei Mutter Else mit ihrer Gesichtslähmung. Doch ich habe jeden Satz verstanden und dann kam letzte Woche dieser gewisse Tag, einer, wie ich ihn schon ziemlich lange nicht mehr erlebte.

Ich hatte viel Zeit, war in der Sauna, das ist mein Urlaubstag in der Woche. Sechs Stunden am Stück die Seele mit den Beinen auf der Schwitzbank baumeln lassen zu dürfen, ist schon eine klare Ansage an den Stress. In die Sauna begleitet mich selbstredend Frau Schrobsdorff und das Handy wird weggeschlossen. In stündlichen Abständen schaue ich, ob sich meine Kinder gemeldet haben, ansonsten bleibt das Ding stumm wie ein Fisch.

Jedenfalls schaffte es das Buch mich zu fesseln, so dass ich fast den nächsten Aufguss verpasst hätte und ich nur noch rennend mit dem hinter mir her flatternden türkisen Saunahandtuch Einlass in die Schwitzhütte fand.

Gerade jetzt habe ich wieder einen heißen, mich weiterbildenden Lese-Tipp bekommen und bin dabei mir Lucia Berlin mit ihren Stories zu organisieren. „Was ich sonst noch verpasst habe“ ist ein Titel, der mir schon mal außerordentlich gefällt. Gestern sah ich, dass es auch ein Hörbuch davon gibt, von Anna Thalbach gelesen, ich hörte in eine Probe und nun überlege ich tatsächlich, mir mein erstes Hörbuch zu organisieren, weil ich es liebe, wenn mir jemand vorliest.

Ich weiß, wenn ich schreiben will muss ich lesen, mich immer weiterbilden und schulen. Von anderen Stilen lernen. Das Lesenkönnen von Romanen ist darum sehr wichtig. Die vergangenen Jahre waren insofern ziemlich bitter für mich. Weil ich das Gefühl hatte mit meinen erloschenen Augen in der Brust ganz neu lesen lernen zu müssen. Alles neu lernen zu müssen, das Hinausgehen, das Sprechen, das Baden, das Leben. In winzigen Sätzen, in kleinsten Schritten und umgeben vom oft engen Käfig der Sach- oder Zeitzwänge und der Lebensumstände. Angelika Schrobsdorff liegt jetzt neben meinem Bett und wartet darauf, sich diesen Schmuseplatz auch noch erobern zu dürfen mit den letzten sehr wichtigen Kapiteln, die sie mir noch erzählen muss und wird. Ein wenig wird  sie noch bei mir bleiben, mir ihre Familiengeschichte erzählen in dieser warmherzigen, großen und liebevollen Art und Weise und danach kommt dann erst einmal wieder diese weite hallende Leere, die zurückbleibt, wenn ein guter Freund oder eine Freundin gegangen ist.

In diese Leere setze ich meine unsteten fliegenden Worte und schreibe mit dem Wind. Meiner Familie ist schleierhaft warum ich das mache, es sei sowieso brotlose Kunst behaupten sie und ein fragwürdiger Freund munterte mich mal mit den ungeheuer zuversichtlichen Worten auf, ich könne ja ganz gut formulieren. Als Schreibkraft im Büro ausreichend. Meine Eitelkeit hat daran tatsächlich immer noch tüchtig zu schlucken, doch kommt mir auch mein Chef in den Sinn, der mir einmal sagte: Ein Text kann immer noch besser werden und dazu gewinnen. Das muss meine Motivation sein und bleiben. Solange bis ich zufrieden bin mit mir weil eine Grenze erreicht ist, die ich trotz Können oder Talent nicht mehr überschreiten kann und dies anderen überlassen muss, die es besser können.

„Solange ich schreibe, vergesse ich die Gitter vor dem Fenster“, (Hans Fallada)

My name is Jack.

Wo bist du denn schüchtern, Jack? feixt, nennen wir ihn mal P. zu mir rüber als ich meine Ansage, dass ich insgesamt schüchtern sei, zusammen mit meinem Namen Jack in seine Richtung mache. Bist Du denn ein Mann? Das erkennst du jetzt zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz, fasele ich verwegen weiter und denke darüber nach inwiefern ich nicht schüchtern bin, dafür ein Mann. Muss an meiner insgesamt draufgängerischen Art, mein Heil in einer plötzlichen Flucht zu suchen, liegen und an dem weiblichen Aussehen. Das weiß P. nur noch nicht. Weswegen er meinte mich in dem Lokal anquatschen zu müssen. Weswegen ich meinte, ihm sagen zu müssen, ich sei schüchtern? Ich Hornochsin. Ich versuche den in mir herumflatternden aufgescheuchten Panikvogel wieder einzufangen. Was will P. von mir? Ich versuche ihn abzuchecken. Flackernder Augenaufschlag in Verbindung mit Komplimenten ist total übel. Hoffentlich kommt er mir nicht noch mit so etwas wie einer schweren Kindheit oder so einem Gruselwort wie Altlasten?

Vorsicht verfänglich!, wedelt mein Zeigefinger hin und her. Erbarmung, ich wünsche mir vorbildliches und ein zierliches Benehmen, tobt aufgebracht Fräulein Rottenmeier, die sich dank meines manchmal ekelhaft akribischen Gedächtnisses als Anstandswauwau irgendwann in meinen späteren Jugendjahren nach einer Überdosis "Heidi" von Johanna Spyri in mir als posttraumatisches Stressyncrom samt ihrer hochgeschlossenen schwarzen Robe manifestierte. Seither zanke ich mit ihrem Geist herum und sie versucht aus mir eine „Dame von Welt" zu machen. In meiner Idee ist Fräulein Rottenmeier eine ältliche, stets nach Uralt Lavendel duftende altjüngferliche gestrenge Kriegerin unter der Flagge anständiger Benimmregeln und ausgestattet mit einem dicken Katalog von knigge'scher Verhaltensvorschriften von mindestens Anno Tuc.

Sie ist ziemlich besitzergreifend und von geradezu viktorianischer Strenge, aber heult manchmal dennoch nachts ihr einsames Kopfkissen voll mit ihrer Trostlosigkeit. Da sie eine Vorliebe für kühlschrankkühles Pfefferminzkonfekt an den Tag legt und außerdem eine beinah kitschige Affinität zu Veilchenpastillen pflegt, kann ich sie immer wieder mit Leckereien becircen.

P. weiß nichts von Fräulein Rottenmeier, die sich gerade in mir zu voller moralisierender Gutmenschgröße aufgeblasen hat. Ich habe aber keine Lust, meine Verbalattacken per Autopilot loszulassen und steche meine Augen in P’s  Richtung auf wie in zwei tiefe blickdichte Eier. Ich lasse ihn in vollem Ausmaß in einen überrandvoll mit Beleidigung gefüllten Fettpott latschen. Ja, entschuldige doch bitte mal, nun kuck doch bloß nicht so, so war das ja doch gar nicht gemeint, versucht P. einen etwas holperigen Landeanflug in Richtung Verständnis als er in meine Brunnenaugen blickt und die ganzen ersoffenen stinkenden Fischleichen darin treiben sieht.

Nö, schon klar, lächele ich entwaffnend in seine zuckenden Mundwinkel zurück, man kennt den andern doch niemals so ganz, was? Ich finde mich selbst mittlerweile kreuzdämlich, weil ich P. so etwas Großes wie meine mir angeborene und manchmal arg verkappte, mich ständig ausbremsende Schüchternheit verraten habe. Sie ist wie der berühmte Bremsklotz an der Schiffschaukel. Immer kurz bevor es spannend wird und überschlägt kommt meine Schüchternheit, dieser alte Schiffschaukelbremser!

So auch jetzt bei P. Ich überlege wie hoch das sonstige Kumpelpotential von P. wohl wäre, das er gerade im Begriff ist, mit den Enterhaken seines nicht vorhandenen Charmes einzureißen. Wann könnten wir uns denn mal wiedersehen, mein Engel? Startet P. einen neuen Anlauf. Er muss doch ganz furchtbar verzweifelt sein, überlegt mein Verstand während mein Herz längst das Weite gesucht hat.

Hä? frage ich dementsprechend entgeistert als sei Hä? eine angemessene Antwort auf die possessiv zu verwendende Anrede „mein Engel. P. fällt jetzt gar nichts mehr ein, diesem Bengel. Noch nicht so ganz trocken hinter den Ohren und keine Ahnung von schüchternen Menschen, was?. Null Empathie, wie langweilig, grübele ich mich unerbittlich außerhalb von P's Fangnetzarmen.

Fräulein Rottenmeier lässt sich lautstark die Luft raus, fliegt quietschend dreimal um mein inneres Leuchten um sich sich wieder in meinen Orkus zurückzuziehen, ihr war wohl zu langweilig mit P. Keine Herausforderung, sowas.

Dein Engel wird dich jetzt verlassen und wünscht dir noch ein geiles Leben, prophezeie ich P.  in munterem Plauderton, während ich mich langsam erhebe wie eine komplett dissiozative Verhaltenskatastrophe. Aber ich habe dich doch gerade erst gefunden, das geht doch so nicht! grätscht er verwegen zurück in meine Richtung. Ein Kämpfer auch noch, das hat mir gerade noch gefehlt.

Es gibt keinen Gott und Eva ist eine Erfindung von Adam. Sorry, dass ich es dir sagen muss. Tut mir echt leid. Ich kucke P. mitfühlend an und will mich justamente durch die Leute des Lokals zum Ausgang hin durchwühlen, da hält der Lümmel mich an meinem Zopfe zurück, was ich ja nun mal überhaupt kein bisschen leiden kann. . Ja, ich finde dich auch nett, spule ich also schleunigst noch hinterher um ihn loszuwerden. Kann ich dich mal anrufen?, fragt P. Ich sage nein, er fragt pompt wann.

Ich werde langsam total wahnsinnig mit P und sage, ich hätte gar kein Telefon. Im Telefon lebten gefährliche kosmische Strahlen, ich hätte auch meine ganze Wohnung mit Alu ausgekleidet deswegen und hätte nur heute meine Strahlenschutzhelm nicht auf. Nano nano. Er gibt immer noch nicht so richtig auf und fragt mich ob ich wüsste an wen ich mich mit meinem Problem wenden könne, er könne mir aber auch gern helfen, doch fachliche Hilfe wäre unbedingt anzuraten. Beim Wort „fachlich“ gurgelt er wie ein gequälter Kuckuck. Ich fliege mit Leichtigkeit über das Nest, das er mir so gern bauen würde.

Heimlich verfluche ich meine strategischen Qualitäten und weihe ihn verschwörerisch ein, dass ich heute Ausgang aus der geschlossenen Abteilung hätte. Da endlich gibt er auf. Du hast echt einen totalen Lattenschuss, oder? will er zweifelnd von mir wissen. Nein, flüstere ich. Ich habe heute nur meine Medikamente nicht genommen, das wäre eigentlich schon alles. Ich grinse P. an wie Jack Nickolson seinen entsetzten Sohn in Shining. Und übrigens Vorsicht: ich bin schüchtern.

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Tausendundeine Wellnässgeschichten, heute: Das erste Mal

Im Leben kommt irgendwann immer ein erstes Mal. Ich ging schon immer gern in die Sauna, seit ich zum ersten Mal bei über hundert Grad in einer finnischen Blockhaussauna saß, umwickelt von einem Badehandttuch unter lauter nackten schwitzenden Leuten und nicht wusste, wie ich ohne zu implodieren in der Handtuchzwangsjacke die kommenden acht Minuten Aufguss weiterhin atmend überstehen sollte. Ich war erst siebzehn Jahre alt und gschamig ohne Ende, so eine, die sich am Strand umständlich unterm Handtuch und Papas Bademantel umkleidet. So eine, die glaubt, dass ihr der Busen abfällt, wenn den ein Unbefugter zu Gesicht bekommt.

Meine gleichaltrige Freundin hatte gerade jenen neuen Freund, eine große Sache war das für sie, die erste große Liebe. Ihr Freund erschien mir bereits wie ein uralter Mann, denn er war schon unvorstellbare vierzig Jahre alt und ich wollte mir lieber nicht vorstellen wie er nackig aussah. Meine Freundin wollte in ein großes Spaßbad zum Saunieren und ausgerechnet ich sollte sie als moralische Unterstützung unter lauter Nackten begleiten. Ich war entsetzt und fasziniert zu gleicher Zeit. Also packte ich kurzerhand meine Schwimmtasche und machte mich bereit. Um fünfzehn Uhr rollte die Kutsche vor und ich lernte ganz nebenbei auch jenen mysteriösen neuen Freund meiner Freundin kennen. Er sah gar nicht so alt aus wie ich mir vorgestellt hatte und machte einen äußerst sympathischen Eindruck. Nur sein Geflirte ging mir auf den Keks. Ich war zu jener Zeit noch unvergeben und betrachtete alles Männliche als höchst obskur und mysteriös, will sagen, ich hatte von Liebe und solchen Dingen keinen Schimmer. Der Einzige, der es sich einmal traute, mir verwegen zwischen die Beine zu grapschen holte sich eine Maulschelle von der ihm vermutlich noch heute der große Kopf wackelt und seither betrachtete ich Männer mit Charme wie Bagger und beschloss sie auch wie Bagger zu behandeln: Schnell vorbei und weg, bevor die große Schaufel kommmt…

Die große Liebe meiner Freundin war ca. 1,75 m groß und hatte blondes, bereits etwas schütteres Haar. Er neigte zu tiefer Sonnenbräune und hatte Leberflecken auf seinen Armen. Seine blauen Augen waren von Lachfältchen plissiert, er war mitnichten ein Unattraktiver für sein methusalemisches Alter. Die Therme war gut besucht, meine schwimmeraffine Meeresnatur sog gierig den Chlorgeruch in die Nüstern. Er kündigte das Wasser an und ich bin eine totale Wasserratte. Wir gingen dann auch erst einmal schwimmen und ich tobte mich eine ganze Weile Bahnen ziehend aus. Ich traute mich nämlich nur noch äußerst selten in ein Schwimmbad und alleine zog mich gar nichts hin. Das hatte auch sehr gute Gründe, doch die erzähle ich vielleicht irgendwann einmal, jetzt und hier jedenfalls nicht.

Der Freund trug eine knappe türkis und blau gestreifte Badehose mit Kordelzug. Daran erinnere ich mich und ich glaube, der Bikini meiner groß gewachsenen dunkelhaarigen Freundin war rot und weiß gestreift, sicher bin ich mir aber nicht mehr so ganz. Ich trug meinen Sport-Badeanzug von Solar mit dem goldenen Schwimmabzeichen. An den Seiten war er orange und rot gestreift. Sportlich, sportlich, flappte der Freund meiner Freundin mir zu. Ich kann auch gemein werden, wenn ich mich ironisiert wahrgenommen fühle. Vor allem älteren Männern gegenüber, die ich schlecht bis überhaupt kein bisschen einschätzen kann. Charmant geht anders, stachelte ich also zurück und setzte hinterher: Schicke Badehose, ist die von der Marke Leger? Damit war die Sache zwischen uns vorläufig geklärt.

Bis es dann zum zweiten Teil unseres Spaßbadabenteuers kam, der Wellnäss-Phase. Solange ich in mein Badehandtuch eingerollt war wie ein Brathering in seiner Dose, ging es mir ja noch ganz gut. Der Freund meiner Freundin hatte fairerweise ein gestreiftes Handtuch um die schmalen Hüften geschlungen. Ein winziger höchst unsportlicher Bauchansatz lugte darüber. Auch meine Freundin hatte sich wie auch ich in ihr großes Saunahandtuch über der Brust eingewickelt und sich obendrein sicherheitshalber bei mir eingehakt, tat aber total lässig. Als könne sie das alles hier überhaupt nicht kratzen. Ich beschloss eine ähnlich unbeteiligte Miene aufzusetzen. Es funktionierte genau so lange bis mir der erste Dreiertrupp junger Männer laut miteinander schnatternd entgegenkam. Sie hatten sich ihre Saunatücher locker über die Schultern geworfen und genau da lag bzw. hing mein Problem.

Ich erinnere die gesichtslosen jungen Männer rückblickend wie einen Morsecode: kurz-lang-kurz. Das ist SOS, oder? Meine Augen frästen sich an den baumelnden Tatsachen fest und mein Puls jagte fünfzig Oktaven in die Höhe. Ich gab irgend etwas von mir und meine Freundin zischte mir ins Ohr: Um Himmels willen nun starr die doch bloß nicht so entgeistert an, was sollen die denn denken? Doch da wurde ich bereits mit dem nächsten Entsetzen in Form eines flott auf mich zuflipfloppenden alten Mannes mit einem geradezu sensationellen Monsterteil irritiert. Ein heftiger Rippenstoß katapultierte mich gnadenlos in die grausame Realität zurück: Ich war umzingelt von nackten Männern und ich hatte nur mein Sauna-Handtuch um mich gegen sie zu wehren. Warum wir ausgerechnet zuerst in die Blockhaussauna gingen, weiß ich heute auch nicht mehr. Sie ist knallheiß, über hundert Grad, das hält man doch echt nur nackig aus. Wir schafften fünf Minuten und einen Aufguss, dann rannten wir kurz vor der Verdampfung stehend, natürlich becknackterweise hochgeschlossen mit Saunahandtuch unter dem schallenden Gekicher der außer uns noch anwesenden jungen Männer nach draußen. Das war ein Super-Auftritt. Ich sagte das meiner Freundin. Dann kam ihr Freund auf uns zu. Sein Dingdong baumelte verwirrend in Größe S vor ihm her. Ich unterteilte sie inzwischen sicherheitshalber in XS, S, M, L und XL als ich ein XXL auf der Empore entdeckte. Ich war einfach fassungslos. Mir entglitt vor Schreck mein Saunahandtuch und ich stand plötzlich nackig vor dem Freund meiner Freundin. Da ich mir keinen anderen Ausweg mehr wusste und nur noch die schockierten Augen meiner Freundin registrieren konnte, trat ich mein Heil in der Flucht rückwärts in die Dampfe an. Das Handtuch um meine Füße raffte ich schnell noch um mich, was ohne sich zu bücken einigermaßen schwierig ist und schleppte es selbstredend auch mit ins Dampfbad. Es war natürlich sofort durchnässt, denn ich kannte ja die Dampfe noch nicht. Eingewickelt in mein klatschnasses Saunahandtuch überstand ich fünf weitere Minuten bis ich durch das Fenster in der Tür Freund und Freundin nicht mehr sehen konnte.

Als ich die Luft für rein erachtete, schoss ich schnell nach draußen und strahlte mich gefühlt fünf Minuten lang eisig kalt mit dem Wasserschlauch ab um den höllischen Schreck meiner ungewollten Ganzkörper- Sichtbarwerdung zu vertreiben. Mein Herz jagte irgendwo zwischen meinen Ohren herum. Geht es Ihnen gut?, wollte ein nackter und besorgter baumelnder junger Mann von mir wissen. Sind Sie auch Schweifträger? kam mir unsinnigerweise Loriot in den Sinn und beinah hätte ich dem jungen Mann diese völlig unverfrorene Frage gestellt.
Entschuldigend faselte ich völlig off-topic und triefenderweise irgend etwas in Richtung: Bin zum ersten Mal hier und das ist alles noch sehr ungewohnt für mich. Dabei wusste ich nicht, was ich zuerst festhalten sollte: meinen Busen oder meine Scham. Mit einer Hand quer bekam ich meinen Busen nicht ausreichend bedeckt, an dem sich gefühlt etwas festgesaugt hatte, was ich mich natürlich niemals getraut hätte durch einen kurzen Blick in das Gesicht meines Gegenübers zu überprüfen. Der zuckende Wasserschlauch in meinen Händen versuchte sich jedem meiner Versuche, ihn abzudrehen zu entwinden und weigerte sich sperrig sich zurück in die Halterung befördern zu lassen. Irgendwie gelang es mir dann doch noch und ich besann mich wieder auf meine totalitäre Nacktheit, die sich leider erwartungsgemäß an diesem Ort mit anderer Nacktheit konfrontiert sah. Seltsamerweise fiel mir nicht mein Busen ab und auch sein Dingdong hatte die Beäugungen irgendwie überstanden, denn er hing immer noch unübersehbar an ihm dran samt irgendwelcher anderer Teile, die ich meiner Phantasie überließ, während ich hartnäckig die Form seiner Zehennägel studierte.

Aus der etwas unangenehmen Situation retteten mich schließlich meine Freundin und ihr Freund. Wo warst Du? schrien ihre vorwurfsvollen Blicke und ich zuckte entschuldigend die Achseln und meinte, ich hätte mich verlaufen in der Therme, das sei alles so riesig und verwirrend hier. Ich beneidete meine Freundin heiß und innig um ihr noch halbwegs trockenes Saunahandtuch und ihr freundliches Gesicht lachte mich schon wieder an. Komm, wir gehen was essen, beschloss sie und wir machten uns auf in den Gastronomiebereich. Ich holte mir mein zweites trockenes Handtuch, froh und dankbar, irgendwie angezogen unter anderen halbwegs Bekleideten sitzen zu dürfen.

Meine Freundin und ich hatten trotz der tausendundeinen nackten Tatsachen einen Heidenspaß. An diesem Tag traute ich mich noch nicht, das Handtuch in den Saunen fallen zu lassen. Als ich vor ein paar Wochen in der Sauna war, saß vor mir ein junges Mädchen. Sie kam, vom Handtuch bedeckt hinein und platzierte sich damit auf einer Bank, die Beine übereinandergext und die Arme über dem Busen verschlungen. Ich erinnerte mich an mein „erstes Mal“ vor über dreißig Jahren als sei es gestern gewesen. Da war es ein windiger Frühlingstag im April gewesen und die Sonne blinzelte sporadisch durch dicke graue Wolken hindurch.

Als ich später abends gegen halb elf Uhr nach Hause kam, lag Papa bereits im Bett und Mama schaute sich Marnie von Alfred Hitchcock im Fernsehen an. Wir kannten den Film beide. Sie wollte wissen wie es im Spaßbad war und ich erzählte ihr von unseren Erlebnissen. Bevor uns der Film wie üblich auch in der zigsten Wiederholung wieder in seinen Bann bringen konnte, lachte sie über meine moralisierende Prüderie. Ach, das legt sich schon alles noch, prophezeite sie mir. Hab erst einmal einen Freund oder bringe eigene Kinder zur Welt, dann ändert sich deine Einstellung zu deinem Körper noch gewaltig. Dann sah Marnie schon wieder feuerrot und Furio, der blöde Superzossen ging endgültig durch mit einem Kreuz auf der Stirn und alles wurde sehr romantisch, theatralisch und furchtbar dramatisch, so wie es sich für erste Male nun einmal gehört.

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(Bild: Sohnemann, Urlaub Kroatien)

Hoppa! meint Philippa Marlowe

Diese Opferfest-Nächte machen Philippa Marlowe fix und foxi. Sie sitzt hektisch qualmend im wolkenumdrängten Mondlicht auf ihrem Balkon, trocknet von der ultraheißen Bade-Wanne ab und versucht der zwölf Grad kalten Sommernacht irgend etwas anderes als vorherbstlich fröstelnde Gefühle abzugewinnen.
Eine erschrockene Fledermaus umkreist Philipp und schießt schnell in die Sicherheit eines Baumdunkels. Wenn Philippa Frust schiebend auf ihrem verregneten Balkon hockt und den ersoffenen Lavendel bemitleidet, ist nicht gut mit ihr Kirschen essen. Die Fledermäuse kennen Philippa und wissen das.

Eine Wohnung unter Philippa schreien jetzt welche Hoppa! und dann geht aber die Post ab. Ein Kerl mit einer sonoren Bass-Stimme sagt etwas zu jemandem in ein Telefon , das man noch fünf Wohngebiete weiter hören kann und Philippa fragt sich wie die anderen Nachbarn es schaffen zu schlafen, während unten die Sause dieses Jahrtausends steigt in Nachbars 76-qm-Wohnwabe mit mindestens zwanzig Mann Besatzung. Es ist Philippa noch nicht eindeutig gelungen, den Anwesenden eine zweifelsfreie Nationalität zuzuordnen. Die Frau flucht auf russisch, der Mann entgegnet Dobsche, dobsche! auf Polnisch und sie haben eindeutig griechische Freunde. Endaksi, Hoppa.

Einen Stock unter Philippa wird inzwischen getanzt, dass Buddha in ihrer Vitrine herumhüpft. Diese steht auf zartgliedrigen Beinen. Philippa nennt die Vitrine manchmal Eleonore, weil sie so dermaßen blau ist, dass Philippa noch kein anderer Name dafür eingefallen ist. Jetzt klirrt Eleonore grade und die langmähnige Privatdetektivin beäugt mit misstrauischen Augen Eleonores schmale etwas wackligen Edelstahlfüße. Hoppa, Kristallgläser, das ist mindestens Polka da unter uns, halt durch Eleonore, verlass mich nicht wegen denen da unten! fleht Philippa das fragile Möbelstück an.

Im Rest des Mehrparteienplattenbetonklotzes herrscht fassungslose Ruhe. Es ist schon seltsam. Wenn von vielen ein einziger superlaut ist, fällt dieser Einzige besonders auf. Diesen Satz muss Philippa Marlowe sich sofort aufschreiben, denn er ist einfach so wahr und klar, dass er bestimmt sogar literarisch sein könnte wenn er nur genug wollte. Sie zuckt und zögert. Wenn sie den Satz aufschreiben will, muss sie Eleonore, die Vitrine loslassen und Eleonore schwebt in Lebensgefahr, während unten jetzt der vollfette Subwoofer tiefwummerfrequent zugeschaltet wird und nun auch noch Philipps Stehlampe mit dem ultraschweren, von Glaslibellen bewachsenen Tiffany-Schirm leicht zu vibrieren und zu schwanken beginnt. Der Satz ist Philippa scheißegal geworden. Die Kunst muss jetzt mal warten, brummt sie unwillig und versucht ihren mittlerweile ebenfalls vibrierenden Hintern zu beruhigen.

Unter Philippa singen jetzt ein paar Nachbarn ein paar sehr alte Volksweisen aus verschiedenen Kontinenten mit dem Subwoofer als Ryhthmus- und Impulsgeber. Der Mond funzelt heraus und Ramadan ist sowas von zu Ende. Alle Muslime sind jetzt gerade in total munterer Feierlaune. Sind denn aber Russen und Griechen nicht überhaupt christlich-orthodox? Was findet da unter mir überhaupt statt? fragt sich nun Philippa mit Eleonore im Arm und denkt erschrocken an finstere Rituale, von denen sie in einem Mondzauberbuch gelesen hat.
Noch ehe sie jedoch ihre losen Gedankenbeginne in einen Faden zu Ende weben kann, wird Philippa rüde abgeschnitten von einer arabischen Volksweise und jetzt beginnt ein Mann dröhnend zu singen. Yallah, yallah, Allah! johlt unter ihr nun auch noch eine Frau mit überschnappender Stimme. Philippa Marlowes Augenlider fühlen sich an wie schwere flämische Fensterläden. Sie wollen so gerne zuklappen. Die hohe (arabische???) Frauenstimme fällt girrend in den Männergesang mit ein und beginnt in den Höhen halbtonmäßig arabesk anmutendes Orient-Ambiente zu verströmen. Eindeutig arabische Tonleiter, konstatiert Philippa blitzschnell und dann schreit wer laut Endaksi, Hoppa! und sie umarmt verzweifelt ihre Vitrine Eleonore, damit diese nicht versucht aus dem Wohnzimmer herauszuhüpfen auf ihren zierlichen Vitrinenfüßen.

Es muss ein Ritual sein, ist sich Philippa Marlowe nun absolut sicher und wartet darauf, dass der Himmel seine dämonischen Pforten öffnet. Als hätte sie es vorhergesehen, beginnt es wie aus Kübeln zu schütten und Philippa sieht sich in echter Entscheidungsnot: Entweder Eleonore opfern oder ihren Computer, der noch draußen auf dem Balkon steht. Also Eleonore, du musst jetzt tapfer sein, sagt Philippa und klemmt unter Eleonores Tanzfuß entschlossen ein Stückchen Bierdeckelpappe fest. Versuchsweise springt Philippa etwas auf und ab und jubelt Hoppa! dabei, doch Eleonore steht solide wie eine echte deutsche Spanplatteneiche. Na siehste, geht doch, wenn man will und dumm kannste ruhig sein, musst dir nur immer zu helfen wissen, brummelt Philippa vor sich hin und rast auf den Balkon um den vollgepladderten Computer hereinzuholen. Glücklicherweise hat sie das Ding wenigstens zugeklappt. Hoppa, dröhnt unter ihr nun ein ganzer Chor und stampft herum wie eine große Herde Elefanten, so dass ein auf der Orchidee hockender Porzellanengel herunter fällt und sich mit protestierendem Scheppern auf dem Laminat in tausend Stücke zerkloppt. Jetzt reichts aber mit Hoppa!, brüllt nun Philippa nun höchlichst empört los und in niemandes bestimmte Richtung.

Wenn Engel beschließen zu sterben, bedeutet das Krieg und zwar auf der Stelle, Auge um Hoppa! Endaksi!Inschallah! Dobsche dobsche Trallala! Towaresch! tobt Philippa nun stinksauer, im Gesicht genauso hochrot wie ihre Haare und rafft schnaubend die jämmerlichen Überreste des Engels vom Fußboden zusammen. Sie beschließt, dem Treiben unter ihr nun Einhalt zu gebieten, notfalls mit polizeilicher Verstärkung. Es sind dämonische Priester, Abdul, es ist ganz furchtbar! wispert Philippa und krallt sich das Telefon. Sie will gerade das SEK-Sondereinsatzkommando anrufen, doch dann beginnt unter ihr wieder diese Frau zu singen…

…es ist seltsam ruhig geworden und der Regen hat draußen nachgelassen. Irgend jemand von denen da unten hat ein Akkordeon und ein anderer eine Klampfe. Die Anlage wird ausgestellt und Philippa hört melancholische Akkordeontöne, klingt wie Tango aus Argentinien. Nun vollkommen verwirrt setzt sie sich in den Schaukelstuhl auf ihrem Balkon und vergisst, dass das Polster noch vom vorherigen Regen trieft. Fluchend und mit klitschnassem Hinterteil wickelt sich Philippa kurzerhand in die uralte schottische Wolldecke ein, die sie von ihrem Großvater geerbt ha. Sie lauscht dem argentinischen Tango, der sich nun in etwas anderes zu verwandeln beginnt als die Gitarre dazufällt. Das ist eindeutig eher griechisch zuzuordnen. Rembetika? Philippa will sich gerade auf Griechenland einschießen (Hoppa! Endaksi!), doch da beginnt der Mann zu singen. Volltönend und ziemlich musikalisch. Die reinste Zigeunermusik ist das ja! Django Reinhardt is alive! Die Frau beginnt nun die zweite Stimme zu schluchzen und alles ist unbeschreiblich ergreifend, auch wenn Philippa immer noch null Ahnung davon hat, was für Musik das denn nun eigentlich ist.

Zum vergnügten Festausklang um fünf Uhr morgens schallt das Treppenhaus von gefühlt tausend schweren Schritten, Stimmen und natürlich auch den obligatorisch mit viel enthusiastischem Verve und Temperament ins Schloss geschmetterten Türen. Die Vitrine erbebt noch einmal gefährlich in den Grundfesten, dann ist es endlich ruhig bis auf die lautstarke Autobahn aus Westen. Als Philippa im Badezimmer ist, überträgt ihr die Schalleitung des Heizungsrohres eindeutige Würgegeräusche von einem Stock unter ihr. Sprachen und Kulturen mögen alle unterschiedlich einzigartig sein, doch dieses Geräusch, wenn Menschen Würfelhusten haben und sich gerade auf links krempeln, klingt bei jedem Menschen gleich.

Als Philippa endlich in ihrem Bett liegt und für die nächtliche Stille dankbar dem vertraut dröhnenden Autobahnlärm aus Richtung Südwest lauscht, denkt sie über Cocktails und ihren seltsamen Assistenten, den stolzen Beinahspanier Ronaldo Fuerzo di Garcia nach. Er ist dem Geheimnis des rätselhaften Regisseurs „Mime Misu“ auf der Spur. Er erzählte Philippa bei einem Koipiranja mit dezent traniger Fischnote, dass „Mime Misus" erste filmische Verarbeitung der Titanik-Katastrophe, der Stumm-Film „Titanic- In Nacht und Eis“ 1912 lange als verschollen galt, kaum bekannt ist und dessen Wunderkindmythos der Forschung immer noch schier unlösbare Rätsel aufgibt.

Philippa Marlowe lauscht in die Nacht, in der gerade ein LKW lautstark und ausgesprochen ausdauernd herumhupt und ihr kommt erneut die alte mysteriöse Goldmünze in den Sinn, die ihr der verrückte Muslime schenkte, dessen Herkunft genauso wenig eindeutig zuzuordnen ist wie die der Münze.Hat das Ding etwas mit Ronaldos rätselumwitterten „Mime Misu“ zu tun? Gibt es eine heiße Spur? Wo ist die Verbindung? Philippa spürt wie sie sich langsam zu echauffieren beginnt und in Wallung gerät wie immer, wenn sie eine heiße Spur wittert. Was hat mit all dieser Verrücktheit, die um sie herum geschieht, die altgermanische Irminsul zu tun, die Ronaldo seit Neuestem überall begegnet, sogar in Vorgärten, umgeben von Gartenzwergen? Ist sie ein Völkerverständigungssymbol nicht nur heidnischen, sondern sogar übergermanogigantischen Ausmaßes?
Philippas Herz will unbedingt zu rasen beginnen. Sie macht jedoch kurzen Prozess damit und schluckte schnell eine riesige Baldrian-Bombe, die einen kapitalen Kater zwei Nächte um den Verstand bringen würde.
Die sedative Dröhnung tut ihre WIrkung. Philippa beginnt einzuschlafen. In ihren Träumen beginnen die Puppen zu tanzen und sie flüstert leise schnaufend ein Hoppa! in die Sommernacht…

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Rokko – der Literaturpunk: Brief an meine Schöne

Liebe blogfreunde,

ja, ich bin sehr fleißig im Moment und schreibe Erzählungen. Rokko ist ein belesener Straßen-Punk. Er könnte zwischen zwanzig und dreißig sein, doch er weiß dafür schon viel vom Leben. Er ist eine Figur, mit der ich nun seit ungefähr fünf Jahren arbeite. Mal sehen, was aus Rokko noch alles werden kann. Hier schreibt er seiner Geliebten einen Abschiedsbrief. Na ja. Lest selbst wenn Ihr Lust habt.

Morgengrüße von der Karfunkelfee

Meine Schöne,

Ich muss jetzt in Worten losschreien was ich dir in Augenblicken nicht sagen kann, das ist etwas Langfristiges. Du könntest jede sein, jede beliebige. Denn du pflegst deine Wichtigkeiten. Das hast du von Anfang an klar gemacht und ich, Rokko, habe das auch akzeptiert. Nur bitte: Verschon mich mit deiner beschissenen Sehnsucht. Ich könnte nämlich gerade spontan loskotzen wenn ich so etwas von einer hoch gebildeten Frau wie dir lese. Meinst du das etwa ernst? Willst du dich vor mir so beschämen, so klein machen?
Du lebst dein Leben mit jemandem. Mich interessiert kein Cent ob du mit ihm zusammen lebst oder aneinander vorbei. Mich interessiert nur mit wem du überwiegend deine Tage oder auch Nächte verbringst. Auch die gemeinsamen Urlaube und all das, was man eben so mit Menschen zusammen tut, die man ehrlichen Gewissens sich selbst gegenüber gestatten kann vermissen zu dürfen.

Deine Zeilen haben mich völlig gerockt. Eine ganze Nacht machte ich durch deswegen. Weil ich überlegte wie ich auf deinen Brief reagieren soll. Was hast du dir bei dieser Schmachterei bloß gedacht? Sprichst von Liebe, ja spinnst du jetzt denn völlig?
Bedenke: Deine Sehnsucht nach mir ist eine glatte Lüge. Deine, nicht meine, wach doch endlich mal auf, Mädchen! Ich, der kleine Rokko-Punk, habe damit nichts zu tun, verstehst du?
Ich bin doch nur ein Symptom dessen, was in dir leer oder unausgelebt bleiben muss weil du die Sicherheit einer abgedudelten Beziehung für dich eben mehr brauchst als das abenteuerliche Leben eines Vagabunden wie mir. Das Reisen und das Gesellschaftliche, die Freundespflege und all diese herrlichen kleinen Bequemlichkeiten, die du dir mit ihm in den vergangenen zwanzig oder was weiß ich wie vielen Jahren gemeinsam errichtet hast, willst du das alles, was du mit den Händen aufgebaut hast jetzt mit deinem Arsch wieder einreißen? Du möchtest es dir gern so richtig hübsch bequem machen mit mir, nicht wahr? Mit einem dir verfallenen Geliebten, der sich nach dir verzehrt während du mit deinem Göttergatten irgendwo in der Gegend herumgondelst und einen auf vollfettes Leben machst.

Was bildest du dir ein wer du für mich sein könntest, Frau?
Die späteste Aphrodite der Welt oder die Krönung weiblicher Evolution?
Auf diese heimliche Nummer mit deinem unwissenden gehörnten Mann habe ich einfach keinen Bock mehr, das musst du doch einsehen. Ich will mich vor niemandem verstecken müssen in meiner Stadt, meinem Revier. Ich, Rokko, bin nur ein armer Straßenpunk. Das Leben hat mir eine vernünftige Arbeitsausstattung, ein nettes Aussehen und eine Pferdegesundheit in die schlecht begüterte Wiege gelegt. Meine Mutter war die liebevollste der Welt, nur ausgerechnet mich wollte sie nun eimal leider nicht haben, shit happens.

Seit über zehn Jahren lebe ich jetzt auf der Straße, übernachte ich bei Kumpels und unternehme ziemlich viel, damit ich mich nicht aus Versehen mal fortpflanze bei einer. Lauter kleine Rokkos, das hätte mir gerade noch gefehlt! Da kommst plötzlich du angezwitschert mit Augenaufschlag im Wiegeschritt, so gesellschaftlich fürnehm blassblondiert und zahngeweißt und du findest mich so dermaßen sexy wie ich da in meinen schwarzen abgerissenen Klamotten auf der Straße herumsitze, dass deine Stilettos glatt zu sabbern beginnen und du mir einen Fünfhunderter in meinen Tabaksbeutel steckst. (Warum nicht gleich in meinen Schritt?) Ey, der ist nicht für Geld, ich bin kein Bettler, protestierte ich damals. Doch das störte dich überhaupt nicht. Du hast nur noch meinen Hosenstall begutachtet und meinen knackigen Punkerarsch in den hautengen speckigen Lederhosen.

Du hast mich verführt, du Luder. Doch das ist schon verziehen und okay. Bist eine total Nette hinter deinen tausend Lagen Make-Up. Wenn man dich lange genug ableckt, kommst du zum Vorschein und dann bist du das schöne Mädchen nebenan, die so gut singen kann und dein Alter ist egal. Weißt du eigentlich, dass Make-Up Frauen alt aussehen lässt? Nicht die Falten, sondern der sichtbar geschminkte Versuch sie zu verdecken. Dich beeindrucken Sätze wie diese, das weiß ich. Ältere Frauen haben es nicht so leicht in unserer auf jung getrimmten Gesellschaft. Und doch bist du die Schönste wenn du es nur sein willst.

Ich sei ein sauberer Punk hast du gesagt, ein gepflegter Mann. Ja, das bin ich in der Tat. Das hat mir meine Mutter auch so bei gebracht. Mann muss sich immer gut pflegen, damit Mann gut riecht. Männer haben auch einen Duft und was für einen! Du schämst dich immerfort, warum? Weil du eine Frau sein musst? Warum bist du darüber traurig? Weil sie dir einimpften dass du stinkst wenn du mal so richtig nach Frau duftest? Da bekomme ich, Rokko, immer einen Hass auf die anderen Kerle, die Frauen so einen Schwachsinn erzählen: wie sie auszusehen haben, wie sie zu sein haben, gefügig und lieb und wenn die Frauen dann so geworden sind, werden sie verlassen von ihren Typen, weil sie zu langweilig geworden sind. Nur noch dressierte Frauchen. Du musst zuhause auch so eins sein, das weiß ich. Kinder habt ihr auch noch, zweie. Du bist eine kluge Frau und weißt das. Eigentlich sollte ich nur eine „süße Nacht“ für dich sein. Doch du hast dich ein wenig in den guten alten Rokko und seine Fähigkeiten verschossen. Du bist nicht die erste und du wirst auch nicht die letzte sein, meine Liebste.

Dich reizt gerade, dass ich so frei bin. Ein Peter Pan der Straße, ein Freigeist. Ich reize dich wie der Teufel persönlich und mit meiner Coolness kommst du überhaupt kein bisschen klar, das verwirrt dich ordentlich, das bist du nicht gewöhnt von Männern, denn normalerweise parieren sie lieb wenn du dich gönnerhaft präsentierst als seist du eine Aphrodite für Arme. Dabei hast du das gar nicht nötig. Du bist auch keine Aphrodite, denn diese lebte ihre Liebe frei und wie sie es fühlte und wollte und das bist du alles nicht. Du steckst tief in deinem Ehekorsett, das ist der Preis für deinen Wohlstand. Eine alte Geschichte, sollte man meinen, doch wird sie immer wieder neu geschrieben, nicht wahr? Das was wäre wenn, der Reiz des Verbotenen. Als du in meinen Armen lagst, zitierte ich dir einen meiner Lieblings-Dichter, ich glaube es war Rilke. Du warst hin und weg. Damit kann man alle beeindrucken. Niemand hat Zugang zu Lyrik, doch Poesie kann dennoch kaum jemand widerstehen, wenn sie nur richtig vorgetragen wird. Sie ist die Sprache der Engel und der Teufel.

Du batest mich um ein Gedicht. Das verweigerte ich dir. Ich schreibe niemandem Gedichte, nur mir selbst und der Welt. Schreib mir ein Liebesgedicht, schriest du mich an und standest da vor mir in deiner ganzen herrlichen Weibs-Pracht mit flammenden Augen und den hellsten Haaren, die mein Jungenherz jemals verzauberten, wie ein verdammter Glorienschein umwehten sie dich. Ich sagte nur einen Satz zu dir, erinnerst du dich? In allem Reinen liegt die größte Schönheit, selbst in deiner Wut, die dein Lächeln in eine Goya-Grimasse verzerrt. Darauf sprangst du Kulturmaus natürlich sofort an und warst wieder candy mit mir. Du magst meinen Jargon nicht, das weiß ich. Doch gerade der macht dich auch an, was? Immer dieses gestelzte Gesabe, das du den ganzen Tag lang hören musst. Was mach ich? Schleife dich mit zur Jam Session bei meinem Kumpel im Keller und du gibst mir da die Marlene Dietrich zu unseren Beats. Was für eine geniale Mischung. Du bist eine Rampensau, Frau. Wir beide, wir könnten was sein und es ist dieses Wissen, dieses Könntesein, ein Lustschmerz des Lebens an der haarfeinen Grenze von Glück und Leiden, in dem ich ruhe wie ein winziger glühender Fixpunkt.

Geh mir los mit Sehnsüchten und Vermissen. Das ist immer der Anfang vom Ende. Wir sind fou genug für Amore und dann ist es auch gut. Schau unsere Welten an: wer ich bin, wer du bist und dann versuch einmal über diesen gewaltigen Abgrund eine Brücke aus einem deiner langen blonden Haare zu spannen. Über diese Brücke müssten wir gehen und das willst du nicht, glaub mir und vertraue mir. Auch, wenn dich jetzt die Sehnsucht beutelt und quält. Reite sie einfach wie einen deiner Drachen und pfeif auf sie, doch voller Respekt, sonst frisst du sie und das wäre schlecht, dann vergiftet sie dich langsam von innen. Sie hat ihre Berechtigung, jede Sehnsucht hat ihre Berechtigung und ihren Ursprung in einer deiner Unzufriedenheiten. Schau dir dein Leben an, so wie es ist. Es erscheint mir, Rokko, der immer nur große Armut kannte, als ein großes, ein echtes mit gesunden Kindern und einem Mann, der dir Halt gibt, gerade auch jetzt, wo du beginnst älter zu werden und dein Körper nicht mehr ganz so perfekt ist wie er einmal war.

Menschen beginnen äußerlich zu welken, weil sie innerlich beginnen aufzublühen, wusstest du das, meine Möchtegernliebste? Das Bewusstsein braucht viele Erfahrungen um zu wachsen und natürlich verschleißt der Körper daran. Meine Kumpels denken oft nicht gut nach und pumpen sich mit lauter Drogenscheiß voll. So sehen sie jetzt bereits aus wie ich aussehen werde wenn ich Achtzig bin und immer noch headbange, während sie von Glück reden können, wenn sie überhaupt so ein biblisches Alter erreichen. Pass mit dem Wein auf, den sieht man dir an. Er nimmt dir viel von deiner natürlichen Schönheit weg. Nicht alle Heimatlosen saufen. Ich habe die Auswirkungen gesehen, die Alkis mit den verwässerten Augen.

Nun muss ich schließen, denn alles ist gesagt. Done and go. Manchmal muss man Türen schließen. Ich brauche dich nicht Liebste zu nennen. Lies diese Zeilen aufmerksam, ich weiß, du wirst es tun. Du wirst weinen dabei, sei gehalten. Und stehe zu deinem Leben, deinem Mann, deinen Kindern. Dein Vermissen wurde mir zu heftig. Diese Verantwortung kann und will ich nicht übernehmen. Was wir hatten, kann uns niemand mehr nehmen. Nach meinen Gefühlen hast du nie gefragt. Du hast mich genommen wie man ein Geschenk nimmt, von dem man genau weiß, dass man es nicht behalten darf weil sonst jemand den du liebst, leiden würde. Das war von Anfang an so, wir waren klar miteinander. Du wolltest die Regeln verändern weil dein Körper das Diktat übernahm. An dieser Stelle klemmt mir meine Punkerehre quer. ich kann dir weder ein Haus, noch Sicherheit und Schutz für deine Kinder bieten. Nur mein kleines türkises Rokko-Herz und das schlägt weiter für dich auch wenn ich jetzt meiner verstandesgeführten Verantwortung den Vortritt lassen muss.

Du brauchst mich nicht, meine Schöne, du glaubst nur, dass es so ist und es nützt auch nichts mehr wenn du zehnmal nacheinander auf meinem Uralthandy anrufst. Ich hinterlege diesen Brief in „unser“ Postfach am Bahnhof. Weine nicht um mich, kleine Eva. Wir werden uns auf der Straße begegnen, ich bin dort wo ich immer bin und ich werde dich grüßen als jemand, der dich kennt und wir werden uns in die Augen schauen und beide wissen und du wirst weggehen und dich nicht nach mir umdrehen weil du eine kluge Frau bist, die weiß was sie nicht will.

Adieu und pass auf dich auf wenn ich es nicht kann,

Dein Rokko