In der Ewigkeit eines Jetzt

Liebe blogfreunde, heute geht es um die erste Liebe. Ich trug zusammen. Scherben, Bruchstücke, Trümmer und malte draus ein Sippengemälde. Auch ein Sittengemälde, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich wünsche Euch Lesevergnügen. Habt es gut.

Liebe Grüße von der Fee

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Solange diese Teewurst noch essbar ist, geht das noch auf die Pausenstulle. Nur wegen der Lebensmittelaffinität seiner Oma war Kris im Krankenhaus gelandet. Es war zum Verrücktwerden. Nein, noch schlimmer als das, weil es keinen Ausweg gab. Kris und seine Oma wohnten in dieser Zweiraumwohnung. Sie war eine Überlebende des Krieges, geflohen aus Niederschlesien, war hier in dieser für Kriegsflüchtlinge konzipierten Satellitenstadt gelandet mit ihrer Familie, genau wie meine Eltern. Ich mochte sie auch irgendwie auf eine spezielle Weise, obwohl wir  uns oft über sie lustig machten und ich mit ihr auch häufig aneinandergeriet wegen ihrer Auffassungen oder Ansichten über Kris.

„Credo ist Natur!“ jubelte unser Freund Urs im Treppenhaus und tupfte sich Weihwasser unter den Arm, mit dem er sich aus dem kleinen Steinbecken mit der Aufschrift „Credo“, das am Türpfosten vor der Wohnungstür von Kris‘ Oma hing, freizügig und nach allen Seiten spritzend bediente. Kris‘ Oma holte das höchstselbst vom Pfarrer gesegnete Weihwasser für das Steinbecken zum Bekreuzigen an ihrer Eingangstür aus der hiesigen Kirche. Einmal die Woche zog sie mit einer kleinen Glasflasche bewaffnet los um sich ihren Wochenvorrat Weihwasser vom Pfarrer  abzuholen. Sie pflegte es Kris und mir auf die Stirn zu tupfen um uns zu beschützen. Dabei bekreuzigte sie sich und murmelte LobetdenHerrn-Worte. Ich fand das immer irgendwie süß und nun trieb Urs es auf die Spitze. „Dir werde ich helfen, Du Lauselümmel, du Bürschchen!“, brüllte empört Kris’ Oma, schnappte  sich den Besen, der in der Ecke lehnte und stürmte wild das Kehrutensil schwingend mit einer erstaunlichen Kraft und Geschwindigkeit hinter dem treppabwärts flüchtenden Urs her. Ohne ihn einzuholen natürlich. Es wäre Urs schlecht bekommen und das wusste er. An diesem Nachmittag sahen wir ihn jedenfalls nicht wieder.

Und nun war Kris krank und alles nur wegen seiner Oma und weil sie ihm diese fragwürdige Leberwurst auf sein Pausenbrot geschmiert hatte, denn sie bestand darauf, ihm seine Brote zu schmieren und er hatte es aufgegeben, dagegen anzuargumentieren. Schließlich schmierte sie schon seit Kindergarten- und Schulzeiten Kris’ Stullen und würde das auch während seiner Ausbildungszeit tun, solange er eben Brote brauchte, hörte ich sie einmal im heftigen Streit mit Kris. Dabei hatte er sie nur höflich gebeten, sich seine Butterbrote selbst machen zu dürfen. Es kommt einem Landesverrat gleich, Frauen ihre Küchenrechte und die Ernährungsbefugnis für die Familienmitglieder nehmen zu wollen, ja auch nur ihre Funktion in Frage zu stellen und in dieser Hinsicht reagierte Kris’Oma folgerichtig wie ein geputschter und vom Sockel gestürzter Präsident. In ihrem Kühlschrank tummelten sich abgelaufene und teilweise verschimmelte Joghurts, uralter Streichkäse, der einem schon in unangenehmen Ausdünstungen entgegen lief, sobald man die Kühlschranktür nur einen Spalt weit öffnete. Wir ernährten uns, wenn wir bei ihm waren, am liebsten von Fertigpizza. Fertigpizza ging irgendwie immer. Bisschen Käse, Tomate und Pizzagewürz, alles bestens, nur auf Dauer etwas eintönig.

Einmal kam ich zu Besuch zu Kris’ und diese kleine Wohnung stank noch schlimmer nach irgend welchen unmöglich zu definierenden Substanzen als sonst. Mir wurde nach den ersten Atemzügen dermaßen speiübel, dass mein überzuschwappen drohender Magen gerade noch ein Hallo herauswürgen konnte, bevor ich Tschüss! gleich hinterherrief ohne die Oma zu begrüßen und nach unten an die frische Luft floh. Kris rannte hinter mir her. „Ey, wir wollten doch das Heft mit den Minispionen anschauen, ich habe da was Interessantes, das will ich dir unbedingt zeigen.“ Ein Wunder, dass Kris noch lebte und so gesund aussah. Ich fühlte mich gerade wie schon längst gestorben und hockte zusammengedrückt auf dem Bordstein vor der Haustür des Mietblockes. „Kris, ich kann nicht… Was immer deine Oma da kocht, es stinkt als würde sie Leichen sieden, bitte versteh doch…“ Unglücklich sondierten meine Augen den Fleck grobkörnigen Asphalts zwischen meinen Beinen. „Es gibt Gerüche, die halte ich schlicht nicht aus. Das ist einfach zu viel für meinen Rüssel. Ich meine, was zur Hölle kocht sie da? Elefantenfüße?“ Wenn Kris lachte, lachte jede seiner dunklen widerspenstigen Locken mit. Er lernte Fernmeldeelektroniker. Das war seine Welt, die der Elektronik und der digitalen Daten. Stolz präsentierte er mir seinen Commodore PC 64. Er hatte sein Lehrlingsgehalt von Siemens gespart, damit er sich dieses Vorzeigeprodukt menschlicher Intelligenz und Entwicklung kaufen konnte. Der Computer war mein größter Feind, denn Kris konnte Tage und Nächte damit verbringen, stundenlang Programme zu schreiben, neue Computersprachen zu lernen oder Spiele zu spielen. Ich verstand diese Faszination nicht, fand es draußen oder zusammen viel schöner. Doch Kris war ein Stubenhocker und es war ihm relativ egal ob gerade Frühling, Sommer, Herbst oder Winter war.

Kris war mein erster „richtiger Freund“und ich verstand nicht, warum er bei seiner Oma, nur durch einen Vorhang getrennt, schlafen und leben musste und sein Bruder nicht. Denn Kris‘ Mutter bewohnte eine kleine adrette Wohnung ein paar Straßen weiter und dort gab es drei Zimmer. Eines davon bewohnte Kris’ drei Jahre jüngerer Bruder. Das Schlafzimmer war ein teilweiser Rückzugsbereich von Hans-Ullrich, dem Lebensgefährten von Kris‘ Mutter. Hans-Ullrich war mir vom ersten schlaffen Handschlag an unsympathisch. Seine Stimme klang als würde er jeden Moment anfangen wollen zu weinen. Irgendwie kam er mir eher wie ein Kind der Familie vor.  Im Schlafzimmer stand seine Stabo-Funkanlage. Oft saß er dort, wenn wir zu Besuch waren und hörte den Polizeifunk ab. Gab es irgendwo einen Unfall, sprang Hans-Ullrich noch in Jogginghose und Feinrippunterhemd schleunigst in seinen Golf und jagte zum Unfallort um zu gaffen. Ich sagte ihm, dass das nicht in Ordnung sei, erklärte was von Behinderung der Polizei, Opferwürde, solche Sachen. Doch er meinte, ich solle mich gefälligst um meine eigenen Angelegenheiten kümmern, das sei nur seine Sache, wollte zornesgeballt wissen, was ich mich überhaupt einmischen würde. Sein Aggressionspotential wenn es um sein Hobby, die Unfallgafferei ging, war beachtlich. Er konnte sich aufblasen wie ein Kugelfisch. Mit meiner jugendlichen Selbstgerechtigkeit stand ich nicht allein, denn in Kris fand ich einen glühenden Verbündeten in meiner Aversion gegen Hans-Ullrich.

Kris liebte seine Mutter sehr und verwöhnte sie mit Umarmungen und kleinen Geschenken oder verrückten Ideen, die sie zum Lachen brachten, so wie damals als er dieses Deko-Entenpaar in die Mikrowelle steckte und sie anstellte bis sie kochend heiß waren und zu platzen drohten. Er verbog die kleine Küchenlampe mit dem Schwanenhals dermaßen, dass sie aussah wie eine besoffene Doppelhelix und drapierte das elegante Kristallwindlicht gut sichtbar im Kühlschrank neben der Salami, die einen Rüschen-Hut der Biedermeier-Puppe auf dem Sofa trug. Seine Mutter fand ihre Socken in eng umschlungener Umarmung mit dem artigen Meißener Porzellanbarockpärchen wieder. Sie sagte: „Was machst Du bloß wieder für einen Unsinn mit mir armer Frau“? Sie lachte dann, unbeschwert wie ein Mädchen. Ich glaube, es war dieses Lachen, das er an ihr so liebte wie ich das seine an ihm. Doch ich kenne keinen einzigen Menschen, den Kris‘ nicht zu becircen schaffte mit seinem Charme. Als ich zwei Jahre später im Krankenhaus lag und nur am Wochenende raus durfte zu meinen Eltern, lagen wir auf der Schlafcouch in meinem Zimmer und im Radio lief Cutting Crew, I will die in your Arms tonight und ich mochte diesen Song, fand ihn romantisch, doch Kris machte sich mit Vorliebe lustig darüber, was mich wiederum ärgerte. Ich musste doch gleich wieder ins Krankenhaus zurück und das Lied lief geradewegs mit einer Träne in meinen Augenwinkel hinein. Vor Kris war ein Verstecken unmöglich, er erriet meine Gemütszustände mühelos. Als er meine Dramaträne entdeckte, zog er eine seiner besten Grimassen, das sah so dermaßen komisch aus, dass ich losprustete, ich konnte nicht dagegen anhalten. Gegen meinen Willen weinte und lachte ich  gleichzeitig. „Bitte, mach das noch mal!“, flehte ich nach Luft ringend, mir die Seiten haltend und er wiederholte den Gesichtsausdruck, Augen hochgezogen, das Gesicht zu diesem absurden Jokergrinsen verzerrt. Wenn mich jemand zum Lachen bringt, obwohl mir zum Weinen zumute ist, fühle ich mich da geborgen. Das ist eine Art Zärtlichkeit. Kris hatte sie im Übermaß.

Endlich war er heute aus dem Krankenhaus heraus gekommen. Es war eine Lebensmittelvergiftung gewesen und es tat so gut ihn zu sehen. Noch sehr dünn, spitz und blasshäutig, noch nicht richtig wieder er selbst, doch schon wieder vertraut von einem Ohr zum anderen grinsend. Ich umarmte und küsste ihn und lehnte die Stirn gegen seine. „Was hat deine Oma damals gekocht als mir so schlecht von dem Geruch wurde?“, fragte ich ihn, dabei war diese Sache ja schon Wochen her und eignete sich bestimmt nicht um einen lange vermissten Liebsten herzlich im Leben wieder willkommen zu heißen. Kris wurde unter seiner Krankenhausblässe sofort noch etwas grauer im Gesicht. „Es heißt Jure und es ist so ein Zeuchs aus ihrer Heimat Schlesien. Gekochtes Kalbs- oder Schweinehirn mit Graupen und Gewürzen“. Nun war eindeutig eine grünliche Nuance zu seiner grauen Gesichtsfarbe hinzugekommen. „Ihpfuideibel, wie heißt dieses Zeuchs?“, fragte ich entgeistert. „Jure“, stöhnte Kris „bitte erinnere mich nicht daran…“

„Das kann man doch nicht essen“, stellte ich fest und beschloss das Thema nicht weiter zu erörtern, weil auch mir schon wieder blümerant zu werden begann. Ein paar Tage später fragte ich meine Oma nach diesem Jure oder wie es hieß und sie meinte, es käme wohl aus Niederschlesien, sie selbst habe es aber nie gekocht. Es sei ein typisches Arme-Leute-Essen.

Ich fragte Kris also nicht länger nach dem seltsamen Zeuchs, das seine Oma ungefähr einmal monatlich zelebrierte wie ein urschlesisches Ritual. Wenn sie Gehirn kochte, floh Kris auf schnellstem Wege aus der Wohnung. Auf der Kommode in ihrem Wohnzimmer lächelte goldumrahmt Papst Johannes, der Zweite huldvoll und segnend über alle diese Seltsamkeiten und Eigenarten  hinweg. Papst Johannes hatte Kris’ Oma mal auf einer Audienz getroffen, begeistert erzählte sie mir in ihrem breiten Dialekt von dieser großen Sache. Das muss für sie einer der wichtigsten Momente im Leben gewesen sein. Weihnachten schenkte sie mir Süßigkeiten und liebevoll mit Buntstiftblümchen verzierte und gemalte Karten. In ihrer langsamen und zittrigen Alteleuteschrift schrieb sie mir kleine Gedichte und Segens- Sprüche. Wahrscheinlich hoffte sie im Stillen, dass irgend etwas davon bei mir verzogener Göre ankommen würde.

Mit der gleichen Schrift schrieb sie einmal meinen Eltern einen Brief und echauffierte sich darin über deren unerträgliche Tochter. Ihr Enkel käme schließlich aus einem guten Hause. Nicht nur von ihr, auch von Kris’ Mutter flatterte ein solcher Beschwerdebrief ungestempelt von der Post in unseren Briefkasten. Dass nicht der jüngere Bruder auch noch geschrieben hatte, wunderte mich. Besonders mein Vater tobte herum wie ein wütender Grizzly. Er kann sehr beeindruckend werden, wenn ihn ein richtig gerechter Zorn packt. Schließlich hatte er mich gut erzogen, was für ein Affront! Und dann noch von der Familie meines Freundes! Oh lalà! Aus einem guten Hause. Pah, wie bitte?  So stand er wütend wie ein Hugenotte seiner Vorahnenreihe mit rotem Gesicht vor mir und verfasste etwas später, nachdem er wieder reden konnte ohne dabei zu schreien, einen entsprechenden Antwortbrief, in kollaboratischer Verschwörung mit meiner ebenso stinksauren Mutter, die mit ihrem italienischen Temperament auch nicht zu verachten war. Eine leidenschaftliche Rechtfertigung in formvollendetem Amtsdeutsch wurde entworfen und zum Empfänger ab die Post geschickt. Natürlich war ich entsetzt, dass mich Kris’ Mutter, Hans-Ullrich oder seine Großmutter ganz offensichtlich nicht leiden konnten, mich frech und vorlaut fanden. Weil ich immer schon so frei war auszusprechen was ich dachte und das waren manchmal nicht gerade nette Dinge.

Wie ich zum Beispiel Hans-Ullrich angriff mit seinem Gaffer-Hobby und auch bei jeder sich ansonsten bietenden Gelegenheit. Ich brachte Unruhe in dieses betuliche Familien-Gefüge und mein undankbares Querulantentum störte die vom Papst persönlich abgesegnete Ordnung erheblich. Außerdem war ich Kris’ erste Freundin. Ach, war das alles schlimm. Mein Opa weigerte sich, als er mit meiner Mutter telefonierte, rundheraus, Kris‘  noch einmal in seinem Haus empfangen zu wollen und donnerte ein Hausverbot mit sofortig eintretender Wirksamkeit in das Telefon, so laut, dass ich seine Stimme aus dem Hörer, den meine Mutter angestrengt umkrampfte, wie Jerichos Posaunenchor deutlich vernehmen konnte.

Erst genoss ich diese versammelte Solidarität ganz unbedarft. Doch beschlich mich noch ein weiteres Gefühl wie eine stille kleine und unausgesprochene Wahrheit hoch über den Emotionswogen thronend, ein Wissen, in dem ich selbst nur eine untergeordnete Rolle als eine Randfigur spielte. Es ging hier um viel mehr als nur um die Beleidigung und den Angriff von mir als Tochter der Familie. Vielmehr war diese Sache zu einer hochpolitischen Angelegenheit der Familienehre mit äußerst hoher Brisanz geworden und das hatte mit Kinderliebe natürlich auch etwas zu tun, doch erst an zweiter Stelle. Meine Eltern fühlten sich persönlich in ihren Grundfesten und Überzeugungen der Erziehung ihrer Kinder angefeindet.

Ein paar Wochen lang und auch über Ostern hing bei uns der Haussegen gründlich schief. Mein Vater hätte es selbstredend am liebsten gesehen, wenn ich Kris’ mitsamt  seiner indiskutablen Familie direkt zum Kuckuck gewünscht hätte und meine Mutter war hin – und hergerissen in ihrer große Zuneigung zu Kris’, der ihr wie ein zweiter Sohn geworden war und befangen von ihrer Solidarität zu ihrem Mann, was auch nicht gerade für Entspannung bei uns sorgte.

Ich hing irgendwie als Hauptursache in der Mitte und fühlte mich so seltsam wie immer. Was hatte ich jetzt wieder für einen Schlamassel angerichtet? Okay, ich war frech und vorlaut, das wusste ich auch. Die Meinung verbieten ließ ich mir noch nie. Manches war ja auch einfach ungerecht. Zum Beispiel, dass Kris’ sämtliche Kapriolen und Eigenarten seiner Großmutter still zu dulden haben sollte – ohne eine Gegenwehr und das obwohl sie ihn nachweislich mit Schimmelpilzen krank fütterte. Dagegen muckte ich auf und das wurde als Respektlosigkeit betrachtet. Heute verstehe ich, dass ich mich da besser überhaupt nicht hätte reinhängen und einmischen dürfen – es waren fremde Angelegenheiten. Doch damals mit blutigen achtzehn Jahren stach mich wie wild der Hafer und ich war weit davon entfernt, etwas von Taktgefühl, einer Achtung oder Anstand zu wissen, weil ich einfach zu ungebärdig war und nicht, weil meine Eltern es mir nicht beigebracht hätten. Ich lernte, immer frei und offen auszusprechen wie ich denke. Ein freidenkerisches und liberales Erbe aus der Vergangenheit meiner Erzeuger, in der es Menschen verboten war, frei auszusprechen wie und was sie worüber denken. Eine Zeit, in der Rassenmerkmale wichtiger waren als Wesensmerkmale. Da konnte man sehr schnell mal verschwinden, eingesperrt, erschossen oder vergast werden.

Wir gingen den Parkweg Hand in Hand, Kris und ich. Er war ungefähr einen Kopf größer als ich und er hatte diese windigen Sommerhimmelaugen, die irgendwie scheinbar nie vom Leben genug bekommen konnten. Wir sprachen nicht. Ich mied den Baumschatten, mir war kalt. Ich dachte, das nichts ewig zu halten sei unter der Sonne und ich wünschte mir aber eine Ewigkeit dieses Jetzt. „Er wollte nur schnell Zigaretten holen wie er mir sagte und kam nicht wieder“, erzählte mir Kris’ Mutter vor ein paar wenigen Tagen, es ist noch nicht so lange her und während ich Kris‘ warme Hand in meiner spürte, dachte ich an das Gespräch zurück.

„Und dann…“….Seine Mutter, die am Esszimmertisch in der Sonne saß, konnte nicht weitersprechen, ihre Lippen bewegten sich, formten Worte, Tränen traten in ihre Augen, so wie immer, wenn sie über Kris’ Vater sprach oder manchmal wenn sie ihn in dieser bestimmten Weise ansah, mit leicht schräg gelegtem Kopf, weicher Mimik und Träumeaugen. Wir saßen in ihrem Esszimmer. Lichtstrahlen tanzten mit flirrendem in der Luft schwebendem Staub vermischt in rötlichen Reflexen auf ihren kurz und fedrig geschnittenen Haarspitzen. Ich nahm ihre kleine runde Hand. Warm, schwer und traurig wie ein kaputter Vogel lag sie in meiner. Kris’ Mutter hatte abgewaschen, ihre Haut duftete noch schwach nach Spülmittel. Immer putzte sie, es war ihr Job, sie arbeitete als Hauswirtschafterin. Wenn sie putzte, dann mit System und Wissen. Bei ihr konnte man vom Boden essen, so dermaßen sauber und ordentlich war diese Wohnung, vollgestopft mit kleinem Nippes, Engelchen, die vorm Fenster hingen, federgefüllten Osterkückenkitscheiern an gelben Bändern über den exotischen Blüten der Orchideen. Porzellanfigürchen turnten in barock gestelzten Posen auf Rüschenuntersetzern in den Ablagen der eicherustikalen Schrankwand herum. Ganze Engelschwadronen reisten in langen Karawanen  durch unser Schweigen. Der Gummibaum behängte sich mit in der Luft herumflirrendem Staub, der dem Federfeudel von Kris‘ Mutter soeben noch entkommen war.

Sie sah mich immer noch nicht an und startete einen neuen leisen Sprechversuch, der gelang, wenn auch mit kaum hörbarer Stimme:  „Ich ging in die Garage und der Motor lief. Manfred hatte unseren Gartenschlauch über den Auspuff gezogen. Sein Gesicht sah rosig aus…“. Ich wollte nicht, dass sie weitersprach und erinnere mich nicht, was sie weiter sagte, es schien mir unerträglich zu sein, jemanden so auffinden zu müssen, wie sie ihren Mann, tot im Auto der Familie. Das ist wie ein Tritt in den Arsch aller Liebe. Am liebsten hätte ich es ihr so gesagt, doch ich konnte es nicht. Sie wollte mir diese Sache erzählen, ich fragte nicht warum und als sie die Reglosigkeit beschrieb, den Tod, schloss ich meine Augen und versuchte, nicht an Kris’ zu denken.

„Ich hab ihn so geliebt. Kannst Du das schon verstehen, du bist doch noch so jung?“ Aber ja doch. Ich konnte sie sogar so gut verstehen. „Und deine Söhne sind da“, warf ich unsicher ein. „Du hast zwei gesunde Jungs. Die bleiben…“. Ihr Flackerblick verlor die Kitsch-Kücken, den Tinneff, den Nippes, die Farce dieses Lebensgefährten, der auch nur eine Zweckbeziehung war, wie ein drittes Kind, doch kein Ersatz für das unrettbar Verlorene. Hans-Ullrich nörgelte oft an Kris, auch an ihr herum. Was tut Ullrich für dich? hätte ich sie am liebsten fragen wollen. Sie wusch seine Wäsche, kochte, bügelte, putzte, war für ihn da, umsorgte ihn – warum das alles? Ich wurde daraus nicht schlau und niemand war da, ich saß allein mit seiner Mutter in dieser Wohnung, die mir wie eine traurige Maskerade erschien, hielt ihre Hand und war dankbar, dass sie mir ihre nicht entzog.

Sie nahm ein Taschentuch an, das ich wie ein Houdini mit einer Hand aus meinem Pulloverärmel friemelte und ihr hinhielt. Etwas beschämt, denn meine Pullover- und Busentaschentücher sind eigentlich nur für meinen Privatgebrauch und nicht zum Verleih an tränenüberströmte Mitmenschen bestimmt. Mit einem Anflug der Resolutheit meiner Mutter, beschloss ich etwas zu unternehmen, legte ihre Hand so sanft ich konnte auf der Resopalplatte des Tisches ab, stand auf und ging in die Küche um Wasser für Tee zu kochen. Da bin ich ja wie eine Engländerin. Wenn irgendwo etwas brennt oder sich die Welt mal wieder droht auf links umzustülpen:, erst mal Tee kochen. Hinsetzen. Reden und Tee trinken. Heute fand ich in ihrem übersichtlich sortierten und garantiert erst vor zwei Tagen gründlich ausgeputzten Küchenschrank nur Hagebutte. Ich wollte ihr Zeit verschaffen, um ihre Würde wiederherstellen zu können. Das hatte ich irgendwo im schwarzen Herz bei Eric van Lustbader gelesen. Ich verschlang zu dieser Zeit nämlich gerade einen Kampfsportroman nach dem anderen. Als ich ins lichtdurchflutete Esszimmer zurückkam und die dampfende Tasse vor sie hinstellte, blickte sie endlich auf und mich an. Sie kann auf diese ganz bestimmte Weise in die Welt schauen, so gütig wie fässeweise Liebe. „Weißt du…,“ begann sie und holte tief Luft. „Es geht um Kris’ Oma, meine Stiefmutti, sie wird nächstes Jahr schon vierundachtzig. Sie hatte bereits einen Stall voller eigener Kinder. Mich nahm sie nach Kriegsende auf der Flucht im Winter ’45 dann auch noch mit. Ich war neun Jahre alt und hatte meine Familie bei den chaotischen Umständen der überstürzten Flucht meiner Familie verloren. Ich war ganz allein, auf mich selbst angewiesen und es war eine bitterkalte Nacht. Sie fragte nicht, nach nichts, nicht wer meine Eltern waren oder woher ich gekommen war. Sie klaubte mich einfach vom Straßenrand auf wie ein aus dem Nest gefallenes Kleines und behandelte mich genauso wie ihre eigenen Kinder, kein Stück weniger gut und liebevoll. Deshalb muss ich ihr bis an mein Lebensende dankbar sein. Ich weiß, sie ist manchmal sehr schwierig und nicht gut umgänglich. Sie macht komische Sachen, sie ist stur und oft wunderlich. Doch in ihrem Kern ist sie eine herzensgute Natur.“ Irgendwie war Kris’ Mutter von ihrem toten Mann hin zu ihrer Stiefmutter hinübergesprungen, doch es war eine Erklärung für die Briefe, es war eine Erklärung für ziemlich vieles, vielleicht nicht alles, doch mir genügte es vollauf, ich wusste nun genug. Auf diese Weise verstand ich das Unglück besser, den Schatten der Dankbarkeit, der über Kris’ Mutter lag, ihre stumme selbst auferlegte Verpflichtung Arme und Hilfebedürftige wie ihren Lebensgefährten aufzunehmen und für ihn zu sorgen, so wie damals ihre Stiefmutter sie aufnahm, obwohl sie nicht wusste wie und ob sie das zusätzliche Maul stopfen sollte.

Auf dem Sims der großen Schrankwand standen viele Fotos von Kris’ Mutter und Hans-Ullrich. Auf keinem dieser Bilder lächelten ihre Augen, schauten eher traurig und ergeben. Nur auf einem einzigen Bild, auf dem sie mit ihren beiden Söhnen zu sehen ist, lebt sie auf. Kris ist auf diesem Bild so um die zwölf Jahre alt und sein jüngerer Bruder muss ungefähr neun sein. Sie sitzt im Hintergrund und die beiden Jungs posieren mit strahlenden Lächeln, in Ringelpullis und Jeans gekleidet, Kris’ mit widerspenstigen Locken, sein jüngerer Bruder säuberlich gescheitelt und gekämmt bis in die letzte perfekt liegende Haarspitze. Sie breitet auf diesem Bild ihre Arme aus wie ein Vogel, der im Sinkflug seine Flügel um etwas bettet um es zu beschützen. Auf diesem Bild strahlen ihre Augen wie dunkle Kristalle in einem Milchschaum.

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In mehr als amicitia

…schrieb ich jenen besonderen Brief vor Jahren an einem regnerischen Sommerabend.

Opulente Lavendel- und Lilienfragmente stürzten mit dem Juliwind durch die offene Balkontür in mein Zimmer. Meine Haare noch feuchtkringelig und offen. Ich trug nichts weiter als diesen völlig verruchten Seidenkimono und diesen obendrein auch noch ohne Gürtel. An dem Gedicht schrieb ich eine Stunde lang sorgfältig bei Kerzenschein. Die lustvollen Verse klangen waidwund und blutig wie erlegtes Wild. Ich hatte die Idee wie ich die Faszination so steil wie einen erregenden Duft auf die Haut meiner Worte lege.

Dieser Brief, so nehme ich an, wurde später als feige Todsünde im Namen und auf dem Opferaltar von amicitia verbrannt oder noch viel profaner: einfach weggeworfen.

Er duftete noch schwach nach mir als ich ihn übergab. Alle folgenden gemailten oder dahin gesprochenen Worte verrieten die Bilder bis Pandora fest stellte, dass die Hoffnung längst mausetot gewesen war, sogar bereits dann als die Worte noch vor frisch geprägter Zuversicht so neu wie Falschgeld glänzten.

Wirklich und wahr bleibt als letzter greifbarer Beleg der Zuneigung in der Gegenwart nur der Abdruck einer deutlichen Erinnerung an das Schreiben der Worte wie Lippen über Haut streifen.

Wie hingegen der Empfänger mir später mit feierlicher Miene und Licht in den Augen versicherte meine Worte bei Kerzenschein in aller Stille lesen und beantworten zu wollen weiß ich nicht mehr und sein vor Freude glühendes Lächeln habe ich vergessen.

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Unter anderem leben wir noch

Seit ein paar Tagen dudele ich einen türkischen Popsong rauf und runter. Keine Zeit für Deprimusik, der Herbst ist ja jetzt schon schwarz und dunkel genug, wenn man ihn denn unbedingt und um jeden Preis so sein lassen mag. Fröhliches Trauern wünsche ich munter in die Runde. Noch nie fiel mir eine Wahl dermaßen schwer wie diese. Ich wähle schon seit Jahren per Brief. An den Urnen mangelt es mir am nötigen deutschen Respekt, dafür entwickele ich in von Pappe eingeschachtelten Wahl-Kabinen bedrohliche Symptome der Taucherkrankheit bis hin zur Schockstarre und den Wahlhelfern würde ich gerne mal Bonbons zustecken um auszuprobieren ob sie manipulierbar sind, deswegen nehme ich mich lieber zurück und verwirre meinen Stadtteil gar nicht erst mit meiner chaotischen Anwesenheit im hochernsten und würdevollen Wahllokal.

Am Mittwoch, so hatte ich es beschlossen, sollten meine Kringelkreuzchen fallen. Als ich den Schlucks von Stimmzettel heroldisch aufrollte, wusste ich beinahe sofort wen ich alles schon mal lieber gar nicht wählen wollen würde, denn ich hatte mich in den Wochen zuvor mit Parteiprogrammen beschäftigt und mich stundenlang mit Selbstdarstellungen gelangweilt. So boring, diese Selbstdarsteller auf Wahlpappplakaten. Allein dieses Wort ist schon ein Sicherheitsrisiko. Dass sie an Laternenmasten so aufgehängt werden, dass Autofahrer sie im Rasiersitz anstarren müssen, also mit nach oben statt nach geradeaus auf den Verkehr konzentrierten Augen, macht sie zu gefährlichen Ablenkmanövern im Straßenverkehr. Verhübschzieren, damit sie etwas lustiger werden, darf man auch nicht, das ist eine Straftat, klärte mich mein empörter Vater auf, der sich völlig zu Recht Sorgen machte, dass seine Tochter sich, mit einem Edding bewaffnet, nächtens an demokratischem Volksgut in spottender Weise zu schaffen machen könnte.

Sehr gut, dass an unserer Laterne vor dem Haus kein Pappplakat hing. Pappplakat. Pappplakat. Ich könnte das dauernd schreiben. Man spuckt, wenn man es sagt. Sag mal laut und vernehmlich mit leicht geöffneten, dann aber heftig zuschnappenden Lippen: Pappplakat! Es spuckt wie ein Lama. Der störende Sicherheitsaspekt wird flankiert vom höchst unökonomischen Aspekt der Herstellung von Pappplakaten. Wie viele Bäume mussten wieder sterben um Politiker abzubllden? Da brummt die Karfunkelfee wie ein Kampfhubschrauber über Afrika.

Alles was mir an Parteien zu radikal, aufgeblasen, arrogant, selbstherrlich oder übermenschlich erschien, wurde radikal ignoriert. Also alles. Nichtbeachtung macht frei. Nun konnte ich nirgendwo mehr mein Kreuzchen machen. Ich erwog, um guten Willen zur Wahl zu bekunden überall etwas hinzukreuzkringeln: Kreuzchen für alle! Aber das entgültigt und verwertet den Stimmzettel zu Gemülle. Am Dienstag quälte ich zwei Freunde mit meinen ungebildeten Fragen und unausgegorenen Gedankenkonstrukten von einem lila Weltfrieden. Omm.

Mein Sohn hört SDP, diese Musiker bezeichnen sich als der „bunten Seite der Macht“ zugehörig. Darum haben sie meine Sympathie, denn ich stand schon immer genau zwischen der dunklen und der hellen Seite der Macht. Wir sprachen auch über die Wahl und ich staunte über seine konservativen und traditionellen Ansichten. Damit hatte er sich in den Tagen zuvor bedeckt gehalten, nun wollte er meine Meinung. Ich nickte seine Entscheidung ab. Andere Alternativen für Deutschland zu suchen ist auf jeden Fall immer besser als blau zu machen.

Am Mittwoch nervte ich dann noch einen weiteren Freund mit politischen Fragen. Ja, das sind wahre Freunde. Die dir ergeben und geduldig zuhören und kluge Gedanken ins Gespräch einbringen, deine Perspektiven erweitern und in andere Ecken leuchten. Die sich mit dir austauschen und die dich immer noch gerne mögen obwohl du es bist.

Am Mittwoch Nachmittag zuckelte ich zum Kamm hoch und legte mich in die Kuhle bei der alten Ringwallanlage aus der Steinzeit um mich mal wieder so richtig uralt zu fühlen. Das Laub raschelte unter meinem Rücken und der Eichelhäher rief mir irgend etwas zu. Ich kam erst nicht zur Ruhe, doch dieser Ort ist so dermaßen äonisch und hat deshalb auch viel mehr Geduld mit mir als ich kleines dummelndes Mensch für mich selber aufringen kann. Er war schon lange vor mir da und wird noch da sein, wenn ich längst mit meiner Asche irgendwelche Fische am Meeresgrund füttere oder vor meiner Wohnungstür verschimmelt bin, jedenfalls längst vergessen, vergeben und versöhnt. Den ganzen Weg zurück raschelte und säuselte ich also wie ein leichtes auf links gekrempeltes Blatt im Wind vor mich hin und mein Lächeln welkte, während ich den Hang halb auf dem Hosenboden hinabrutschte und mich mal wieder baumwärts abwärts über Matschstellen hinweg hangelte, doch ein bisschen Schwund ist ja immer. Vor allem in epiphanischen Momenten wie diesen.

Schweren Herzens setzte ich mich dann später am Küchentisch, nur noch beleuchtet von meiner Küchenfensteraussicht (Berge, Teuto) und machte brav meine Kringelkreuzchen, mehr in zögerlich größtmöglich schadenbegrenzender Weise als  kraftvoll begeistert von so einer tollen Partei… Erreichte schleichend wie eine Indianerin unbeobachtet von anderen den Briefkasten der Deutschen Post.. Hatte ich auch alles richtig gemacht? Nicht den Wahlschein in den Stimmzettelumschein gestopft und meine Kreuzchen in den Umbrief? Keine Blümchen und arabesken Ranken sowie unangemessene Spottbekundungen zu unerwünschten Parteien auf dem Stimmzettel gekrickelt während ich über die Tragweite meiner Entscheidung nachdachte? Nein, ich habe alles mit vorbildlicher deutttscher Zucht, Ordnung und Vorschrift erledigt. Kein Fall für die Sitte. Noch nicht. Feen genießen keine Immunität wie Politiker. Doch dafür können sich Feen fast unsichtbar machen. Ätschbätsch.

Am Donnerstag Morgen und auch am Freitag war ich dermaßen bedrückt von der Parteienlandschaft und den ganzen schlimmen Artikeln, die ich gelesen habe, dass ich mich fühlte wie ein ungelüfteter Schuhschrank.
Also hörte ich türkischen Pop. Koltuk! Ich glaube, meine Nachbarn unter mir haben den Song vom Balkon aus geshazamt, denn gestern dudelten die den Song nämlich auch. Sie haben mir schon Despacito geklaut, dabei sind das Polen und gar keine Spanier, allerdings Polen mit arabischen Freunden. Aber Hoppa, da wird getanzt und nicht lange debattiert! Debattiert manchmal auch (über die Songauswahl), ja doch, aber so laut und in unterschiedlichen Sprachen und dann werden wieder zwei drei getrunken (Allah kuckt gerade weg!) und dann ist wieder Hoppa! im Umkreis von mindestens zehn Beton-Wohnklötzchen und Umgebungsstraßen angesagt.
Überhaupt, wo war eigentlich Allah gestern Abend? Ja, der tanzte wie ein Derwisch und kuckte schon wieder mal weg, schon klar, Leute…

Donnerstag schwitzte ich mir in der Sauna die Seele aus dem Leib. Sauna ist Reinigung, auch von innen. Ich hatte nach dieser Wahl ein moddriges Gefühl, so innerlich war das, die Schleimhäute besetzend wie ein ordentlicher Katarrh mit richtig viel ekligem schleimigem Auswurf. Dagegen hilft nur Banja, ganz oben auf der Bank und Dampfbrühen. Das tötet alles ab: schleimige Mikroben und Bakterien und Politikgedanken auch. Wobei diese Politik-Leute einen harten und verantwortungsvollen Job machen, das könnte ich nie so. Muss ja auch mal so nebenbei bemerkt werden, wenn man sie schon unbedingt anfeinden will oder muss. Irgendwelche klugen Gedanken einbilden könnte ich mir ja vielleicht auch und diese sogar irgendwo veröffentlichen. Doch das machen andere besser, ich suche für mich nur nach einem Kurs, dem ich nachgehen kann und bleibe dabei so offen und beweglich wie nur irgend möglich. Starrköpfe und Schwarzweißschauer gibt es genug. Die bunte Seite der Macht ist stark in mir.

Hier am wilden ungezähmten Teuto, jenseits aller Zivilisationsgrenzen, im undomestizierten teutonischen Ackerland vor den lieblichen Hügeln des Osning…
(jaja, ich höre ja schon auf, sonst knebelt ihr mich noch an einen Baum wie Troubadix)…
…also im Teuto schien gestern beinah die Sonne. Aber nur beinahe. Man könnte sagen, dass es gutes Wahlwetter war. Nicht zu kalt und nicht zu warm. Nicht wirklich schönes Wetter aber auch nicht schlecht. Dementsprechend rege liefen die Leutchen unseres Viertels zur Urne. Die Älteren fein herausgeputzt im Sonntagsstaat. Wahltag, das war früher feinmachen. Da ging es um etwas Wichtiges, nämlich die Demokratie, um das Volk. Auch ein Kirschlikörchen vorm Kreuzchenmachen? Was heißt CDU nochmal? Fragte mich gestern meine Tochter und ich zog die Augenbrauen genauso hoch wie ihre Deutschlehrerin Frau Riechert, die ich so toll und sympathisch finde.
Weißt du doch, wie denn? klopf ich mal launig ab was bei ihr in ihrem Teenagerhirn so hängen geblieben ist von unserem Parteilandschaftsausflug vor ein paar Tagen im Internett. Teenager haben dauernd einen Shitstorm im Kopf, das weiß man ja. Christliche Deutsche Union, behauptete also mein Kind mit wichtiger Miene. Genau, grinse ich. Christlich Deutsche Union Deutschlands. Deutschland. Deutsch..deutsch…..und nochmal deutsch.
Ich kichere wie ein Huhn vorm Eierlegen, endlich mal gute Laune auf Kosten anderer!. Meine Tochter lacht erst mit Schmerzvoller Schnute und dann aber doch nach oben weg. Gesicht wahren geht eben viel besser mit einem Lächeln.
Wir ersetzten das zu viele Deutsch in der Christlichen Union durch einmal Demokratie.

Gestern brauchte ich nicht lange zum Einpellen in die Leberwurst-Sportsachen, schnell noch Luft auf die Reifen gepumpt, den Geist geschultert und abbi gehts, vier Stockwerke runter und raus vor die Tür, herrliches Wahlwetter, kann man prima Fahrrad fahren!
Gut, dass ich heute nicht in meine ehemalige Schule muss. Am Ende noch irgend welchen Wählern begegnen. Ich wähle Wald und ab die Post ging es hoch auf den Hermannsweg, ein wundersamer Fernblick, während in meinem Kopf die Wahlprognosen mit mir Schlitten fuhren bei höchstens minus 35 Grad, denn so kalt wäre es auf der Erde mindestens ohne eine schützende Atmosphäre aus atembarer Luft.

Die Wolken hingen da am Himmel wie schwere graue nasse Säcke, die Licht statt Wasser regneten, ein biblischer Himmel, passend zur Wahl. Die Vögel im Wald waren etwas schweigsam verschwommen, dafür die zahlreichen Wanderer umso lauter. Mir begegneten Rudel von Mountainbikern, die wie die Affen und meckernd wie Ziegen durch den Wald rasten, genussvolle Langsamschnelle wie mich und mindestens dreißig Hunde unterschiedlicher Bellart, Wuchsform und Gattung, vom Pudel bis zum Hütehund, vom verschäferten Spitzmopsdackel bis zum verbobtailten Boxpinscher mit Kampfsportsonderausstattung in der Kauleiste, es war einfach alles dabei, es blieb kein vierbeiniger Wunsch mehr offen. Alle. Ausnahmslos alle Hundebesitzer nahmen ihren Vierbeiner an die Leine und ließen mich mit dem Geist vorbei. Ich grüßte und dankte und dem Hund auch, weil er mich nicht verfolgte und in die Waden zwicken wollte. Einer sah erst so aus als ob er es wollte. So ein afghanischer langlockwelliger Hochwindbeiner, vibrierend misstrauisch mein großes Fahrrad beargwöhnend.
An so etwas muss man langsam und mit ein paar netten Worten zum Tier vorbei. Auch der gestrige entspannte sich wedelnd in mein Diplomatengebaren. Sofort grollten schlimmstdüstere Gedanken an meinen Stimmzettel und das herandräuende Wahlergebnis in mir auf, die ich erst nach dreißig Kilometern, drei Bergen, lauter abgelegenen Hasenpfaden, einer kurzfristigen doch sehr chaotischen Verirrung in einem engbebaumten und zugematschten Wasserschutzgebiet und einem Plausch mit fündigen Pilzsuchern in ostdeutschem Akzent halbwegs wieder los wurde.Ich stehe auf dieses knallsexy harte rollende r. Hier kann ich das ja endlich auch mal zugeben.

Zuhause badete ich erst mein Fahrrad und dann mich. Spekulationen meiner Freundin Clara, ich würde mich mit dem Fahrrad zusammen in die Wanne setzen, sind leider fruchtlos, denn meine Bade- Wanne ist zu klein. Sonst wäre ich ein Energiesparschwein. Und nach dem Bade mit dem Rade dreckiger als vorher wahrscheinlich auch. Darum schrubbte ich erst das schlammverkrustete Gefährt und dann kochte ich mich selber im Badewasser solange ab bis ich rot wie ein Krebs war. Anschließend kalte Dusche bis auch das letzte Härchen senkrecht stand und das Herz um Verzeihung für jeden einzelnen Liebeskummer und jede Fehlentscheidung winselte, die es mir jemals bescherte. Dich werd ich Mores lehren! schimpfe ich mit der störrischen Sprungtablette in meinem Inneren und bringe sie schmerzlüstern ins Herumhopsen unter dem eiskalten Wassergeschwalle.

Derart abgehärtet konnte ich die Wahlergebnisse besser aushalten als ich mich in den Lifestream zoomte. Dort redete erst Herr Gauland von der AfD und dann Herr Schulz von der SPD. Ich bemühte mich redlich hinzuhören ,doch nach fünf Minuten wurde mir schon wieder schwerst schummrig. Das lag daran, dass ich vorher Herrn Gauland zuhören musste, der Frau Merkel jagen will. Um den Parlamentstisch? Hasch mich, ich bin der schwarze Frühling? Dann diese Larmoyanzen der Verlierer. Ach, nee, kommt! Wem wollt ihr erzählen, ihr hättet das nicht gewusst? Heute Morgen hörte ich, dass Donald Trump kaum noch Koreaner nach Amiland reinlassen will. Kommen die Koreaner dann auch noch alle zu uns? Wo sollen die denn sonst hin? Zuhause bleiben geht ja auch nicht. Der Präsident hat eine Vollmeise und probt Selbstzerstörung, steckt den Iran mit seinen um eine Achse des Bösen rotierenden Atompilzphantasien an und die ganze Sandkastenbande steht wieder mal Kopf. Lauter Förmchenrocker. Was soll nur aus denen noch werden? Jetzt noch dieser Trumpelfix. Bringt die Welt in Aufruhr.
Bis auf ein kleines Dörfchen….

Hier trafen gestern Abend erste Wildgänse ein. Machen Zwischenquartier im Wasserschutzgebiet.
Wenn die Kraniche eintrudeln, wird es sentimental. Ich durfte einmal erleben, wie sich im Grau einer noch arg frühen Morgendämmerung ein Schwarm von mindestens zweihundert Tieren in die Luft hoch spiralte.

So, bevor jetzt diese ganz leicht sentimental angehauchte Stimmung mein fragil fröhliches Gleichgewicht destabilisieren kann, höre ich schnell noch einmal Koltuk, jenen lebensfrohen türkischen Song und sage: Aber Hoppa, lieb Vaterland, wer mag denn hier noch ruhig sein?

Hurra, wir leben noch… (M. Simmel)

..unter anderem…

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Aus den Geist(er)geschichten: Frühlingsmanöver

Liebe blogfreunde,

das kann auch nur mir passieren: eine Frühlingsgeschichte im Herbst. Doch ist es nicht an der Zeit, sie jetzt zu erzählen, wenn es kälter draußen wird?

Herzliche Sonntagsgrüße von der Fee 

Ich kenne einige dieser schmalen Hasenpfade, die hinaus führen aus den Labyrinthen der Unzulänglichkeiten, den Festungen gegen die Fremdheit und den Scheinhausgefängnissen alter Schuld. Solche Wege sind ähnlich den schmalen Strauchpfaden, die ich im Wald mit meinem Mountie gerne suche, oft als Parallele zu den breiten kalkgekiesten Wanderwegen. Hier siehst du wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und die Wege sind teilweise zugewuchert, Stämme liegen quer oder Stümpfe ragen aus der Erde, glatte schmierige Steine spreizen sich auf dem Weg und ich muss so langsam fahren wie nur möglich, das Rad ist nicht sehr wendig im so einem engen Baum-Gestrüpp mit den großen 29-Zoll-Rädern.

Solche Waldwege sind so verschlungen wie oft auch meine inneren Wege und dieses Jahr im Frühling verhedderte ich mich auf einem von ihnen, allerdings draußen, in der Wirklichkeit. Magisch schimmert hier im Buchenwald das Aprillicht. Lichtfinger tanzen auf Schattenwegen vor dir her. In jedem Frühling besuche ich mittlerweile wie in einem Ritual den „Frühlingsberg“ bei Lämershagen, bewundere die weißen Schlehenschleier und suche Leberblümchen auf der Bergwiese.

Heute jedoch war ich in einem noch nicht von mir erkundetem Gebiet unterwegs. Ein Rudel Rehe stand am Hang. Ich befand mich in einem der für den Teuto typischen buchenbestandenen kleinen Talkessel und trug meine neongrüne Waldjacke. Auf die Rehe musste ich wie eine Riesenheuschrecke mit meinem seltsam knatternden Fortbewegungsmittel gewirkt haben, denn als sie mich hörten, sprangen sie erschrocken auf allen Vieren gleichzeitig hoch, rannten jedoch überraschenderweise nicht vor mir davon, sondern verhielten sich eher unschlüssig. Ich war ebenfalls eher unschlüssig und überlegte hin und her, was ich denn nun mal machen solle. Umkehren? Den ganzen beschwerlichen Weg zurück, den ich über zwei Kilometer das Rad hinter mir her schleifend, schiebend, durch Brombeerdornen und über Baumstämme zerrend bis hierher gekommen war um in einer Sackgasse gelandet zu sein?

In meiner inzwischen eher einer Verzweiflung ähnelnden Unschlüssigkeit fragte ich also die unschlüssigen Rehe um Rat, sie waren ja gerade sowieso da und ein wanderkundiger Mensch, der mir hätte weiterhelfen können, nirgendwo in Sichtweite. Die Rehe standen jedoch einfach nur herum, wackelten mit ihren Nasen, Ohren und weißen Blümchenhinterteilen. Sie schauten aus feuchten großen Rehaugen zu mir her und kauten friedlich dabei. Was mach ich denn jetzt, fragte ich sie hartnäckig noch einmal, gerade so als könnten Rehe mit Menschen reden. Ich habe mich total verlaufen, jammerte ich und futterte erst einmal meinen Reiseproviant, eine Banane. Etwas Solidarität zu bekunden, könnte ja nicht schaden, meinte ich. Die Rehe fraßen ständig und ich wünschte mir Gruppenanschluss also musste ich mitfuttern. Stolz zeigte ich den Rehen meine Banane, während diese zufrieden Weiterästen, was auch immer. Sie rupften an irgend etwas herum, ich zupfte die Bananenschale ebenfalls und legte sie an eine Stelle, an der ich hoffte, dass niemand vorbeikommen würde und womöglich ausrutschen bis mir aufging, dass das total bescheuert war, weil an diese Stelle eh niemand kommen würde, mit Ausnahme von mir Hornvieh mit Fahrrad.

Als ich aufstand, das Rad am Lenker packte und mich ergeben vorwärts in mein selbst erwähltes Schicksal schob, bewegte sich das Rudel Rehe ein Stück weit den Hang hinauf und strebte leichtfüßig zick zack tanzend  auf den Berggrat zu, auf dem ich einen schmalen Pfad vermutete. Ich beschloss ihnen zu folgen um es herauszufinden. Das Rad vor mir her bugsierend, stieg ich Meter um Meter die Böschung hoch und hangelte mich dabei an den Buchenstämmen aufwärts. Ich trat im raschelnden trockenen Vorjahres- Laub auf moosüberwucherte Buchenstämme, glitschig vom vielen Regen der Wochen zuvor und meine Beine rutschten ständig weg, loses Gerölle kullerte hinter mir den Hang hinunter. Ich blieb stehen und verschnaufte. Die Rehe sprangen vierzig Meter parallel von mir weiter munter voraus wie Slalomspringer den Bergrücken hoch, blieben dann jedoch erneut stehen und futterten natürlich erst einmal wieder etwas. Sie fanden auch immer etwas im Gegensatz zu mir, denn ich hatte nichts mehr, nicht mal ein albernes Power-Gel, was ich nun gut hätte brauchen können. Allerdings hatte ich auch null Hunger. So eine Banane stopft schon recht ordentlich und versorgt Krampfmuskeln sofort mit Magnesium. Mein Rad wiegt nur zehn Kilo. Doch selbst dieses Federgewicht von Kamel kann auch sehr schwer werden, wenn man nicht darauf sitzt und fährt, sondern es zusätzlich zum Körpergewicht als sperriges Zusatzteil mit sich führt. Ich schwitzte wie ein Affe, das Fleecefutter meiner grünen Fahrradjacke war klitschenass und durchgeweicht, meine Brille vom Geschnauft beschlagen.

Ich ahmte die Rehe nach und bewegte mich wie ein Slalomläufer, schob das Mountie am Hinterrad vorwärts, hangelte mich von Buchenstamm zu Buchenstamm langsam weiter nach oben, fing mich immer wieder durch das Verlagern des Oberkörpers ab, wenn ich abzurutschen oder zu kippen drohte und prüfte vor dem dem nächsten Schritt ob der Untergrund mein Rad und mich auch halten konnte.
Zwischendurch spähte ich immer wieder zu den Rehen hin oder nach oben, denn dort klebte ein Blauzipfel Himmelhoch und die Kuppe wirkte wie eine scharf vom Berg abgegrenzte lang gezogene Schwertklinge, bedeckt vom braunen Laub und moosüberwachsenen Stämmen. Doch wenigstens hatte ich kein Brombeergestrüpp mehr zu durchqueren, das mir die Knöchel blutig riss. Ich war noch ungefähr zwanzig Meter vom Bergrücken entfernt und das letzte Stück Steigung war gefährlich. Ich schaute mich um auf den zurückgelegten Weg und mir wurde blümerant zumute als ich sah, wie steil das hinter mir bergab ging, mein Magen schwappte sauer auf und ich hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Der Schweiß lief mir jetzt in Strömen am Körper, doch ich trug mein Stirnband und so konnte er mir nicht in die Augen laufen und brennen.

Ich musste mich sehr beherrschen nur schluckweise zu trinken, so, dass ich nicht mein ganzes Wasser austrank, die Flasche war noch halb voll und ich hatte noch ein gutes Stück Strecke zu bewältigen. Mein Rücken heulte und zeterte in den höchsten Tönen. Ich betete, während ich mein Rad weiter aufwärts schleppte, dass kein Mountainbikefahrer mich derart erbärmlich erleben musste. Ihr Spott und Hohn wären mir sicher gewesen. Das letzte Stück Steigung war oberfies.

Zum Glück fand ich immer Bäume zum Festhalten und zog mich meterweise weiter voran, bohrte die Absätze meiner flachen Fahrradschuhe in die raschelnden Laubgewölbe, klammerte mich wie ein Affe an den Buchen fest. Meine Hände waren völlig verkrampft, weil ich die Bremsen stop-and-go bedienen musste. Das Rad entwickelte einen ordentlichen Rückwärtsdrall, doch ich sprach leise mit dem Ding, als wärs ein Kamel aus Carbon: Du braver Geist bist doch mein Allerbester, wir schaffen das schon und dann fahren wir diesen blöden Weg nach Hause als wärs gar nix und dann kommst du in die Badewanne und wirst getränkt, geschrubbt und geölt bis du glänzt und quietscht vor Wonne.

Das half mir irgendwie noch weitere Kräfte zu mobilisieren, wenn ich nur an eine Badewanne dachte und die Rehe halfen auch, gewaltig sogar, denn ich fühlte mich gar nicht allein mit ihnen, sie waren Trost und Hilfe und sie wunderten sich vielleicht was dieser seltsame und schrill grün leuchtende Zweibeiner da mit seinem Knatter-Ding für einen ungebührlichen Lärm im Wald veranstaltete. Sie waren irritiert, das merkte ich schon, doch sie liefen nicht weg.
Ich muss hundert Meter gegen den Wind nach Mensch gestunken haben, doch sie blieben beinahe so als ahnten sie wie verzweifelt ich grad war und das war nicht meine erste Begegnung mit diesen Bambi-Viechern, wenn ich mal nicht weiter wusste. Rehe sind meine Delfine des Waldes.
Sie tauchen einfach immer irgendwie zum richtigen Zeitpunkt auf und begleiteten mich ein Stückchen auf meinen zeitweisen Irrwegen.

Der Wind blies ganz genau in ihre Richtung, sie mussten mich doch riechen können? Mein Jägerlatein ist sehr schlecht. Windrichtungen bestimme ich durch Anlecken meines Zeigefingers und halte ihn anschließend in den Wind. Achte auf den Sonnenstand. Ist eine Richtungsbestimmung anhand der „Windschur“ der Kronen möglich? Im Wald ist das schwierig, denn „Windschur“ findet man nur an Bäumen, die dem Wind ausgesetzt sind. Allerdings weisen die Buchenstämme an ihrer Südseite oft eine rissigere und borkigere Struktur auf, auch findet sich mehr Moos an der nach Süden gewandten „Wetterseite“. während die Nordseite glatt erscheint, wie vom Wind abgerieben. Doch dies ist nicht bei allen Buchen so und ich hatte die Orientierung verloren obwohl ein Rest inneres Gefühl noch da war, nur eben nicht klar und sicher. Mein Fahrrad wog inzwischen gefühlt Tonnen und ich kam mir vor wie eine Ameise, beladen mit dem Achtzigfachen ihres Gewichtes kurz vorm Einknicken in den Gelenken. Mein Körper veranstaltete einen Zirkus mit meinen Muskeln, dass ich dachte, ich käme jetzt keinen einzigen Zentimeter mehr weiter voran und als ich zu meinem Entsetzen auch noch feststellen musste, dass ein Baumstamm genau an der Stelle quer liegend wie ein Wall den von mir angestrebten Weg blockierte, hätte ich am liebsten vor Frust losgeheult.

Ich hatte schon Sternchen vor Augen und fühlte mich wie eine Comicfigur von Vögelchen umzwitschert als ich fest stellte, dass eine Sippe Kohlmeisen auf dem Bergrücken quasi über meinem Kopf saß und lautstark tratschte. Jetzt wusste ich es ganz sicher, dass ich eine Comic-Figur in einem Disney-Cartoon war. Es fehlte nur noch Micky Mouse. Die Meisen juckte allem Anschein nach kaum, dass ich stöhnend und ächzend mein knatterndes Rad schulterte und es unter inzwischen ziemlich vernehmbar gezischten Höllenflüchen über diesen Baumstamm zu bugsieren begann, während es mir vorkam, dass ich waagerecht vom Boden abstand und nicht senkrecht wie es richtig ist. Ich hatte Angst, dass ich hintenüber kippen könnte, nur dass dies kein Karussell mit Sicherheitsbügel und Lehne war, sondern hinter mir ein steil abfallender Hang mit scharfkantigem Kalkgeröll der nur wartete auf den Aufprall meines Körpers und meinem Fahrrad. Die Kohlmeisen flüchteten sich über dem Krach, den ich produzierte hinein in das Geäst einer jungen Birke, die sich versuchte einen kleinen Platz an der Sonne zwischen den hohen Buchenkronen zu erobern.

Entschieden blockierte ich die Idee, samt Rad hintenüber zu kippen und kopsterdibolter den Hang hinabzustürzen. Statt dessen pflanzte ich mir ein Bild in den Kopf, dass mich glücklich mit Meisen und Rehen kommunizierend (Original Disney!) fröhlich auf dem Rad sitzend und fahrend, darstellte. Diese sehr unangebrachte und haarsträubende Euphorie half mir mehr als alles andere, denn ich schaffte es irgendwie das Rad über den Baumstamm zu hieven und mich selbst hinterher zu zerren. Auf allen Vieren und mit Tannenzapfen und vielen kleinen Zweigen im Zopf. Das darf ich doch wirklich niemandem erzählen, da lachen ja die Hühner….

Ich fühlte mich wie Herkules nach dem Ausmisten der Ställe des Augias. Ich wollte einfach nur noch in stabiler Seitenlage liegen bleiben, die Augen schließen und in diesem wonnigen Zustand hinüber gleiten in einen total heroischen Tod. Mein höchstpersönliches Frühlingsmanöver war das hier. So eine kreuzdämliche Aktion bringst auch nur du hin! schimpfte ich.. Die Meisen saßen ein Stück weiter im Gebüsch und spotteten. Man muss auch Spott gönnen können und wer den Schaden hat, so wie ich, spottet bekanntlich jeder Beschreibung. „Lacht mich nur aus!“ moserte ich leise und beleidigt, eingepellt in mein schweiß triefendes Zeug wie eine Leberwurst.

Die Rehe verabschiedeten sich nicht von mir, das machen sie nur selten. Sie sprangen einfach davon. Ich beobachtete die leichte und behende Anmut, mit der sie über die laubbedeckten Hänge setzten und folgte den aus meinen Augen nun schnell entschwindenden Blümchenhinterteilen, das Rad schiebend, erst einmal auf dem schmalen matschigen Pfad in südlicher Richtung. Dieser Bergrücken nahe Lämershagen ist einer der reizvollsten, die ich in dieser Gegend kenne. Man braucht aber Kletterfestigkeit. Rechts und links wächst an den Hängen wilder Bärlauch, nach Knoblauch duftende Maiglöckchen, die heute in der regionalen Küche schon fest etabliert sind. Jetzt waren sie noch am Anfang, ein zarter Grünschimmer über den Hängen. Zum Ende des Weges wurde es dann doch noch einmal abenteuerlich, denn ich musste den Berg auf dem ich wie auf einem Drachenrücken entlang gegangen war, wieder hinunter und wieder ging es steil hangabwärts, doch diesmal geführt vom schmalen Pfad.

Wie zur Belohnung voran gegangener Strapazen öffnete sich vor meinen Augen eines der lieblichen Langtäler des Teutoburger Waldes. Der Blick auf die anderen Berge machte mir Kopf und Brust frei, ich ließ die Augen kuppenwandern und ausschwärmen bis ich mich fit genug fühlte um mich an die Abfahrt zu machen, ich hatte noch ein kurzes Stück Straße bis ins Tal und freute mich auf eine glatte schnelle Fahrt. Meine Knochen sehnten sich nach einem heißen Bad und frischer Wind wehte mir um die Nase, die ersten Amseln sangen laut und versprachen die Ankunft des herannahenen Sommers und dieser ließ sich dann Zeit bis der Herbst eintraf.

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Augustrosen

„Oma, Mama ging doch auf das Elysium, oder?“ Sie schneidet den Rosen verblühte Köpfe ab. „Das wär’s!“, ruft sie plötzlich und scheint meine Frage völlig überhört zu haben. „Stell dir mal vor, wir könnten uns unsere verblühten Köpfe einfach abschneiden und dann wüchse im nächsten Jahr ein neuer nach…“ Ihre Stirn wirft steile Falten und sie hält sich die Schere quer vor ihren Hals. „Na, was meinste, soll ich? Schnippeldischnapp, Rübe ab!“

Ich versuche sowohl meine aufsteigende Panik als auch den drohenden Schaden zu begrenzen. Sie wäre imstande das auszuprobieren. „Oma, was machst du denn dann im Herbst und Winter, wenn du kopflos bist? Das geht so nicht!“ In mir plustert sich etwas Wichtiges auf. „Dann halte ich aber den Opa viel besser aus“, entgegnet sie „und im Frühling wüchse mir ein neuer Kopf und ich wäre wieder strahlend jung“. Ich schüttele nachdrücklich den Kopf und sie beginnt von den Chinesen zu erzählen, die Todeskandidaten den Kopf abzusägen pflegen. Mir kommen die Rebellen vom Liang Shang Po in den Sinn. Diese Nachmittags-Serie bannt pünktlich jeden Sonntag unsere komplette Familie vor den Fernseher. In einer Folge gab es diese grausame Szene, in der einem schreienden Mann auf einem Hinrichtungsplatz mit einer riesigen Menschenmenge von einem Henker der Kopf mit einem großen gezackten Schwert abgesägt wurde. Natürlich stoppte in der Folge die Bildfolge als der Hals leicht angesägt war, so dass gerade das Blut herauszulaufen begann und sich die Augen des Mannes zu verdrehen begannen, wobei ich nicht wusste ob dies am Blutverlust oder an den Schmerzen lag und dann ging es bereits weiter mit der nächsten Szene, während mich meine Phantasie noch Tage später nachts in den Träumen plagte und die Hinrichtung in sämtlichen grausigen Details bis zum Ende ausführte. Die Bilder schießen jetzt wieder in meinen Kopf als ich an die Folge denke und ich besinne mich auf meine ursprüngliche Frage zurück: „Oma, wo war denn das Elysium von Mama jetzt eigentlich genau?“

Doch sie hört mich nicht, weil sie gerade kopfüber ins Beet abgetaucht ist, samt Heckenschere und Eimer. Mit einer Handvoll Giersch kommt sie wieder hoch. „Dieses Kroppzeuch! Schau dir bloß mal diese Wurzeln an, sie unterwandern meinen ganzen Garten!“ Die weißen Wurzeln des Giersch erinnern mich an blinde weiße Erdbewohner. Was mich am meisten daran fasziniert ist, das sie zwischendurch und noch tief unter der Erde schon wieder die nächsten grünen Triebe und Blätter ausbilden. „Das sind organische Invasoren, die meine Stachelbeeren umbringen wollen!“ Großmutter ist mit ihren krümeligen, von Erde geschwärzten Händen bereits wieder wühlend und zerrend in den Untergrund des Beetes abgetaucht. Sie sieht aus wie ein sich mit dem Kopf in den Sand bohrender Vogel Strauß. ihr Hinterteil hängt hoch oben in der Luft, sie bückt sich mit durchgestreckten Knien, während ich geduldig mit meiner Frage abwarte. In den Kronen der alten Lärchen, die Opa am Ende des Gartens pflanzte, lärmen Spatzen und balgen sich. Ein paar Mauersegler sirren ums Dach, sammeln sich für den Herbstzug. Im Winter wird mein Großvater wieder Flomen beim Metzger kaufen. Walnüsse feinhacken, unter das weiße flockige Tierfett mischen und die Masse in die hohlen Nuss-Schalen füllen. An dünnen Sisal-Bändeln werden die Hälften in die Bäume gehängt. Die Vögel reißen sich darum, es wird schnell die Runde machen, dass der alte Mitschkepaule wieder seinen Winterfutterplatz klar hat und dann werde ich sie wieder mit seinem alten Fernglas beobachten während er mir erklärt wie die Vögel heißen. Im kommenden Frühling wird er über die fette Nachbarkatze fluchen, die sich fünf beinah nestflügge Rotkehlchen holen wird und sie vor seinen Augen, eins nach dem anderen genüsslich zerbeißen, anschließend liegen lassen. Er wird sich furchtbar aufregen und die blutigen Federbündel in seinem Garten begraben. Gerade jetzt stromert die dicke grau getigerte Katze geduckt durch die Büsche. Auch meine Großmutter hat sie bereits entdeckt. „Gut, dass der Opa in Liechtenstein beim Georg ist, der würde jetzt wieder herumpoltern wenn sie in die Himbeeren kackt“, gehen ihr noch andere Gedanken durch den Kopf als mir und ich habe das Elysium meiner Mutter darüber völlig aus den Augen verloren.

„Oma, die Katze ist doch aber viel zu fett geworden, schau doch mal, was sie für einen Hängebauch unter sich herschleppt, die kann doch gar nicht mehr jagen oder? beschäftigt mich der Jagdtrieb der Katze eher als ihre stinkenden Hinterlassenschaften. Meine Großmutter greift sich die Hecken-Schere und massakriert in Sekundenschnelle eine verblühte, einen Meter hohe Stockrose regelrecht, indem sie sie kurz und klein säbelt und zerstückelt. Ihr schwarzer lockiger Schopf ist durchzogen von wenigen Silberfäden, ihre Haut tief gebräunt von der Sommersonne, sie spannt sich trocken und dünn über ihren Armen. Daran erkenne ich ihr Älterwerden, an ihren Armen, die aussehen als würde Pergament zerknittern. Sie arbeitet schweigend weiter, während ich die neben den Eimer gefallenen Pflanzenteile aufsammele und hineinwerfe.

Nebenan beginnt der Hund zu heulen. Sie stöhnt auf: „Oh, mein Gott, Dunnilein! Der auch noch…“, Remlers sind wieder nicht zu Hause.“ Remlers Dunja kläfft entweder oder heult. Dies ständig und vor allem ausdauernd. Ab und zu hören wir durch die Wand Frau Remlers hohe piepsige Stimme: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin!“

Meine Großmutter kann Frau  Remler perfekt imitieren. Auch jetzt: Sie stemmt sich die Arme in die Hüften, ordnet die Haare, fährt glättend über die Locken, doch statt dessen stehen sie noch viel wilder vom Kopf ab als vorher. Mit hoher verstellter Stimme äfft sie Frau Remler nach: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin, sonst trete ich dich in deinen kleinen verpipipudelten Pinscherpopo!“ Ich pruste los, ich kann nicht mehr, liege auf dem Rasen, mir den Bauch haltend, mich krümmend, weil meine Eingeweide und Därme versuchen zu atmen und genauso versagen wie mein Zwerchfell. Im Haus nebenan klappt die Terrassentür, nachdrücklich wird der Hebel umgelegt, so dass er laut und vernehmlich einschnappt. „Oh“, entfährt es meiner Großmutter und sie legt sich kichernd die Hände vor den Mund.

Ich erinnere mich jetzt auch wieder an das Elysium, auf das meine Mutter ging und wiederhole meine Frage. Unter einem Elysium kann ich mir gar nichts vorstellen, es muss eine Schule sein oder so etwas, vielleicht eine höhere Schule. Meine Großmutter hat uns in der dunklen kleinen Küche eine Limonade Sprudel mit Himbeersirup gemixt. Sie ist lauwarm, doch ich habe Durst, draußen im Garten in der Sonne war es sehr heiß. Als hätte meine Großmutter meine Gedanken erraten, pflichtet sie mir laut bei: „Heute ist es aber wirklich sehr heiß und übrigens heißt es nicht Elysium, sondern was du meinst, ist ein Lyzeum.“

Sie erklärt mir was sie über das Lyzeum weiß, nämlich dass es sich dabei um einen  aus der Mode gekommenen Begriff für eine höhere Töchterschule handelt. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht Elysium heißt, weil ich das Wort schöner finde. „Oma, was ist denn dann aber ein Elysium?“ bohre ich meine nächste Frage in das Brummen einer Stubenfliege. „Warte, die fange ich erst“, droht meine Großmutter und ich hoffe wie immer, dass die Fliege ihr zu entkommen schafft. Denn meine Großmutter richtet Fliegen ähnlich hin wie China seine Todeskandidaten. Ich finde das unheimlich und brutal, sie findet es hingegen fliegenfreundlich. „Ist doch ein schneller Tod mit der Schere den Kopf abgeschnitten zu bekommen?“, fragt sie. Ihre Miene wirkt völlig unschuldig. Meine Großmutter ist zwar temperamentvoll, doch nicht gewalttätig. Sie kann zwar streng sein, doch dabei ist sie immer noch milde und lässt mit sich reden.

Nur in punkto Fliegen kennt sie weder Kompromisse noch Gnade und es ist vollkommen egal, was ich argumentativ einbringe um sie vom Fliegenhinrichten abzubringen. Diese Fliege jetzt hat Glück. Sie entwischt der tödlichen Bedrohung durch meine Großmutter indem sie in das große Wohnzimmer um die Ecke fliegt. „Elysium ist ein anderes, ein altes Wort für das Paradies oder den Himmel“, erklärt meine Großmutter und zieht mich an meinen geflochtenen Affenschaukeln. „Komm, wir gehen mal nach oben ins Arbeitszimmer, da erkläre ich Dir das Elysium.“ Das Arbeitszimmer ist ebenfalls heiß, doch immerhin noch kühler als draußen, denn es beginnt schwül zu werden. Hier riecht es nach Nähmaschinenöl, nach dem Lanolin in der Wolle angefangener Handarbeiten in komplizierten Muschelhäkelmustern, sauber nach den frischen gestärkten Leinentischdecken sowie den bunten Stoffballen in der eichenen Kommode mit den Glastüren. Immer schwirrt Staub in der Luft und legt sich auf die Rücken der zerlesenen und vergilbten Taschenbücher im Regal. Ein feiner Hauch Chanel No. 5 liegt in der Luft, sie bewahrt es in einem kleinen Vitrinenschrank auf.

Auf einem großen Brett auf dem runden Arbeitstisch liegt eine gestern erst fertig gestellte feine weiße Strickjacke in einem Ajour-Lochstrickmuster, besetzt mit winzigen blau schimmernden Mondglasknöpfen. Sie wurde erst mit Wasser besprüht und dann mit etlichen Stecknadeln in Form gespannt. Auf meinem Arm kriechen winzige schwarze Gewitterwürmchen. „Das gibt heute noch was“, prophezeit meine Großmutter als sie ein paar von meinem Arm herunter wischt. Im Arbeitszimmer liegt noch der erste dicke Band vom Goethe, aus dem sie mir gestern noch vorgelesen hatte. Sie hat ihn auf der Armlehne der Schlafcouch abgelegt und nickt mit dem Kopf in Richtung Buch: „Hier, Goethe, der kann dir vom Elysium etwas erzählen“. Ich brauche nichts weiter zu sagen, ich brauche bei ihr immer nur aus den Augen leuchten. Sie liest in mir wie in einem Buch, setzt sich und nimmt den Goethe. „Du nun wieder, Mädchen, was soll nur noch aus dir werden?“

Ihre Stimme beginnt melodisch und, ruhig, spannt sich auf in ein Raunen: Uns gaben die Götter auf Erden Elysium, wie du das erste Mal lieb ahnend dem Fremdling entgegentratst und deine Hand ihm reichtest, fühlt er alles voraus, was ihm für Seligkeit entgegen keimte. Meine Großmutter kann wenn sie singt, keinen einzigen Ton halten, doch wenn sie liest, hält sie die Luft wie in einem Fass und nur sie bestimmt wie viel sie davon herauslassen will. Ihre Augen fixieren mich weich, dunkel und ernst. Sie spricht sehr deutlich und ihre Persönlichkeit verschwindet im Hintergrund, die andere Sprache beginnt sie zu beherrschen als sei sie nur noch ein Instrument reiner Wiedergabe. Wie macht sie das nur, dass sie so durchsichtig werden kann wie die weiße Gardine, die sich vor dem offen stehenden Fenster bauscht? Es ist diese Verwandlung, die jedes Mal mit ihr geschieht, wenn sie liest oder frei erzählt, sie mich immer wieder in ihren Bann zieht als sei sie eine Schlangenbetörerin und ich nichts weiter als ein Gewitterwürmchen auf ihrem braun gebrannten Arm.

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Unausgegorenes Gedankenskript No. 1 – Von der Schwermut nicht zu können was man will

Vor Angelika Schrobsdorff „Du bist nicht wie andere Mütter“ las ich das „Winterjournal“ von Paul Auster. Es zählt noch zu den Büchern meiner leseleeren Zeit, ich schaute es lange an bevor ich es überhaupt aufschlagen konnte. Doch auf Paul ist zum Glück immer Verlass, das mag ich so an ihm. Er brauchte genau zwei klar und präzise geschriebene Kapitel bis er mich mit seinen Sätzen wieder becirct hatte. Am liebsten hätte ich Tag und Nacht durch gelesen. Doch da gab es einen fetten Haken und an dieser Stelle hört das Verständnis meiner Mitmenschen gewöhnlich auf, denn selbst mir fällt es außerordentlich schwer zu berichten von dem, was mir so oft unbeschreiblich vorkommt.

Am ehesten gelingt es mir vielleicht noch mit Hilfe von Michael Ende und seiner unendlichen Geschichte: Der Verlust der Fähigkeit mehr als zwei Kapitel am Stück zu lesen ist wie das große Nichts, das die Handlung anfällt und alles in ein Schwarz reißt, weil die eigenen Gedanken die Überhand gewinnen und so ablenkend sind, dass der ständig abschweifende Geist irgendwann verzweifelt aufgibt. Das ist zutiefst verstörend, ein geradezu gigantischer Verlust für jemanden, der immer so gern und ausgiebig gelesen hatte wie ich.

Es begann vor ein paar Jahren. Ich konnte keinen einzigen Roman mehr lesen. Was ich auch begann und mir aus der Bücherei holte, war völlig egal. Ich versuchte alles, doch sobald ich den Roman aufschlug und die fremden Personen begannen zu agieren, verschwammen sie vor meinen Augen und ich konnte sie nicht mehr fest halten. Sätze zerfaserten vor meinen Augen, ich konnte Namen und Persönlichkeiten nicht mehr zuordnen, von denen ich einen Absatz zuvor noch las. Ich konnte sie nicht festhalten, sie flogen mir einfach davon.  Ich habe manches Buch vollgeheult, mit Tempotaschentüchern auf den Seiten, damit sie nicht nass wurden. Es war als hätte ich auf einen einzigen Schlag alle meine geliebten Freunde verloren. Zu dieser Zeit war ich Vorlesemama an der Grundschule meines Sohnes. Ein ehrenamtliches Projekt, das mir viel Spaß machte. Weil ich selbst nicht mehr richtig lesen konnte, versuchte ich für meine Kinder und die Schulkinder die besten und tollsten Kinderbücher zu finden, die es gerade gab. Auf diese Weise überlistete ich diesen verdammten Schweinehund in mir, der verhinderte, dass ich Romane lesen konnte oder Erzählungen. Ich lernte umwerfende Kinderbücher kennen und ich freute mich, wenn es mir gelang meine hungrigen Leseraubtiere zu begeistern.

Zwei Jahre lang las ich gar nichts mehr, nur noch die Kinderbücher und diese anderen vor, denn es war meine einzige Möglichkeit, überhaupt noch ganze Romane lesen zu können. Die Kinder hatten sehr viel Geduld mit mir bis ich das Intonieren so drauf hatte um sie damit wie mit einem Lasso einfangen zu können. Dann besann ich mich wieder auf den alten Heine, meinen Kindheitsdichter. Er hatte in meiner Idee die schlohweißen Haare meines Großvaters und roch immer nach Zigarrenrauch und Irisch Moos. Die toten Dichter besuchten mich in meinen Träumen. Weihnachten 2011 wünschte ich mir einen Armvoll von ihnen und bekam ihn von meiner Familie geschenkt. Kaum schaffte ich es, die beiden schweren Taschen, prallvoll mit Rolf-Dieter Brinkmanns Stand-Photos, Charles Bukowskis sämtlichen Gedichten, Ingeborg Bachmanns sämtlichen Gedichten, meinem besonderen Schatz, dem von Erich Fried übersetzten Shakespeare, Pablo Nerudas Gedichten, Gottfried Benns Gedichten in zwei fetten Bänden und Else-Lasker Schülers lyrischem Werk nach Hause zu schleppen. Meine Arme fühlten sich an wie die eines Gorillas und ich war noch nie so glücklich über Rückenschmerzen wie an diesem regnerischen kalten grauen Heiligabend. Mit der Hilfe und Inspiration meiner neuen Einsamkeitsgefährten schrieb ich wie eine Besessene los, versuchte immer wieder zu beschreiben, was diese Verlorenheit, die Isolation von anderen, dieses Unverständnis anderer, diese gewaltige Verlassenheit eigentlich wirklich ist, doch mein Ausdruck erschien mir immer unzureichender je mehr ich schrieb und alles unwichtiger um so mehr dachte, weil es ja nur um mich ging, mein blödes und mickriges Scheißleben, so langweilig wie Knäckebrot ohne Belag. Meinem vom Leben schwer angeschlagenen Gehirn halfen die Reime besser meinen insgesamten seelischen Totalschaden zu verstehen, so las ich eben Gedichtbände statt Romanen und Verse statt Kapiteln und ich war sehr dankbar, dass das funktionierte!

Auf meiner Truhe liegt der große schwermütige fette Dante Alighieri, den ich regelmäßig lese. Eines meiner wichtigsten Buch-Geschenke. Er begleitet mich mit den genialen Sandro Botticelli-Zeichnungen und alles, jedes Wort von dem was er über die Hölle schreibt, ist wahr. Auf dem Dante liegt niemals Staub. Der hat keine Zeit, sich niederzulassen auf dem Wälzer. Man kann sogar damit den Bizeps trainieren während man mit ausgestreckten Armen laut in den Raum liest.

Zwei Jahre später folgten kleinere Texte und ich begann wieder mit Lust Essays und Artikel zu lesen, auch längere, Fließtexte begannen sich mir wieder zu erschließen in Sinngehalt, Stil und Umbruch. Doch immer noch konnte ich keinen einzigen Roman anpacken und wenn ich es versuchte, starb ich nach höchstens zwei Seiten in fiktiven Welten kreuzerbärmlich drüber ab wie irgend ein Totholz. Innere Blockaden sind Ausdruck seelischer Lähmung.

Ich lasse mir nicht gern einfach etwas wegnehmen, was ich einmal liebte und schon gar nicht von meinem aufgeblasenen Ego oder meiner gelähmten Seele. Ich beschloss also trotzig mir meine Romane zurückzuholen wie Uma Thurman in Kill Bill sich ihre gelähmten Beine zurückholte, indem sie ihrem Zeh befahl zu wackeln. Ich befehle meiner Leselust unermüdlich dasselbe, notfalls eben wort- und satzweise und nicht kapitelweise. Dass ich ausgerechnet mit Pessoa wieder zu lesen loslegte, weil sein Buch der Unruhe in kleine Kapitel aufgeteilt ist, war mir erst gar nicht bewusst. Ich las jeden Abend ein zwei Sätze. Wenn ich sie nicht verstand, las ich sie am nächsten Tag nochmal bis ich erste Kapitel ganz durchzulesen schaffte. Ob ich sie verstanden habe, fragte ich mich anschließend im Bett vorm Einschlafen und träumte selbstredend in Pessoa, was mir nicht nur angenehme Nächte verschaffte.

Auf solche Weise entsteht eine sehr enge Bindung zu einem Buch und seinem Autor. Als ich Paul Auster zuklappte, heulte ich doch tatsächlich los? Anschließend fluchte ich wie verrückt und dann erst konnte ich mich freuen, weil ich endlich, endlich einmal wieder dieses heiß geliebte Gefühl im Bauch hatte, dass ich einen Bücherfreund hinzugewonnen hätte und manche dieser Sätze in dem Buch, die Paul über seine Frau Siri sagt, so gewaltig hell strahlen, dass ich mir alle Haare ausgerauft hätte, wenn ich erst nach meinem Tode erfahren hätte, dass sie mir im Leben entgangen sind weil ich zu bescheuert und verklemmt war, das lesen zu können.

Noch angefixt von Paul Auster tauchte ich anschließend ein in das Berlin der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre und ich bin noch mittendrin, gerade aber in Bulgarien, im Exil. Was und wie Angelika Schrobsdorff schreibt, beeindruckt mich tief. Ihre ganze Sippe habe ich ins Herz geschlossen als sei es meine eigene und gerade ist Oma Kirschner auf dem Weg nach Theresienstadt ins KZ. Ich weiß was dort mit ihr geschehen wird, das ist gemein, denn ich würde am liebsten die Geschichte umschreiben, doch dann wäre es nicht mehr die Geschichte so wie sie tatsächlich geschah. Das berührt mich an diesem Buch am meisten. Es ist ein Tatsachenbericht und ein Freund erinnerte mich vor ein paar Tagen an das Jack Kerouac-Zitat: Wer schreibt, legt Zeugnis ab. Mario Simmel sagt über Angelika Schrobsdorff: Sie hat in ihrem ganzen Leben nur wahre Sätze geschrieben. Was für eine Aussage.

Bald werde ich das Buch beendet haben und ich habe mir angewöhnt, mit dem Bleistift zarte Randnotizen zu schreiben. Manchmal auch kleine Blümchen, wenn es besonders schlimm wird wie jetzt gerade bei Mutter Else mit ihrer Gesichtslähmung. Doch ich habe jeden Satz verstanden und dann kam letzte Woche dieser gewisse Tag, einer, wie ich ihn schon ziemlich lange nicht mehr erlebte.

Ich hatte viel Zeit, war in der Sauna, das ist mein Urlaubstag in der Woche. Sechs Stunden am Stück die Seele mit den Beinen auf der Schwitzbank baumeln lassen zu dürfen, ist schon eine klare Ansage an den Stress. In die Sauna begleitet mich selbstredend Frau Schrobsdorff und das Handy wird weggeschlossen. In stündlichen Abständen schaue ich, ob sich meine Kinder gemeldet haben, ansonsten bleibt das Ding stumm wie ein Fisch.

Jedenfalls schaffte es das Buch mich zu fesseln, so dass ich fast den nächsten Aufguss verpasst hätte und ich nur noch rennend mit dem hinter mir her flatternden türkisen Saunahandtuch Einlass in die Schwitzhütte fand.

Gerade jetzt habe ich wieder einen heißen, mich weiterbildenden Lese-Tipp bekommen und bin dabei mir Lucia Berlin mit ihren Stories zu organisieren. „Was ich sonst noch verpasst habe“ ist ein Titel, der mir schon mal außerordentlich gefällt. Gestern sah ich, dass es auch ein Hörbuch davon gibt, von Anna Thalbach gelesen, ich hörte in eine Probe und nun überlege ich tatsächlich, mir mein erstes Hörbuch zu organisieren, weil ich es liebe, wenn mir jemand vorliest.

Ich weiß, wenn ich schreiben will muss ich lesen, mich immer weiterbilden und schulen. Von anderen Stilen lernen. Das Lesenkönnen von Romanen ist darum sehr wichtig. Die vergangenen Jahre waren insofern ziemlich bitter für mich. Weil ich das Gefühl hatte mit meinen erloschenen Augen in der Brust ganz neu lesen lernen zu müssen. Alles neu lernen zu müssen, das Hinausgehen, das Sprechen, das Baden, das Leben. In winzigen Sätzen, in kleinsten Schritten und umgeben vom oft engen Käfig der Sach- oder Zeitzwänge und der Lebensumstände. Angelika Schrobsdorff liegt jetzt neben meinem Bett und wartet darauf, sich diesen Schmuseplatz auch noch erobern zu dürfen mit den letzten sehr wichtigen Kapiteln, die sie mir noch erzählen muss und wird. Ein wenig wird  sie noch bei mir bleiben, mir ihre Familiengeschichte erzählen in dieser warmherzigen, großen und liebevollen Art und Weise und danach kommt dann erst einmal wieder diese weite hallende Leere, die zurückbleibt, wenn ein guter Freund oder eine Freundin gegangen ist.

In diese Leere setze ich meine unsteten fliegenden Worte und schreibe mit dem Wind. Meiner Familie ist schleierhaft warum ich das mache, es sei sowieso brotlose Kunst behaupten sie und ein fragwürdiger Freund munterte mich mal mit den ungeheuer zuversichtlichen Worten auf, ich könne ja ganz gut formulieren. Als Schreibkraft im Büro ausreichend. Meine Eitelkeit hat daran tatsächlich immer noch tüchtig zu schlucken, doch kommt mir auch mein Chef in den Sinn, der mir einmal sagte: Ein Text kann immer noch besser werden und dazu gewinnen. Das muss meine Motivation sein und bleiben. Solange bis ich zufrieden bin mit mir weil eine Grenze erreicht ist, die ich trotz Können oder Talent nicht mehr überschreiten kann und dies anderen überlassen muss, die es besser können.

„Solange ich schreibe, vergesse ich die Gitter vor dem Fenster“, (Hans Fallada)

My name is Jack.

Wo bist du denn schüchtern, Jack? feixt, nennen wir ihn mal P. zu mir rüber als ich meine Ansage, dass ich insgesamt schüchtern sei, zusammen mit meinem Namen Jack in seine Richtung mache. Bist Du denn ein Mann? Das erkennst du jetzt zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz, fasele ich verwegen weiter und denke darüber nach inwiefern ich nicht schüchtern bin, dafür ein Mann. Muss an meiner insgesamt draufgängerischen Art, mein Heil in einer plötzlichen Flucht zu suchen, liegen und an dem weiblichen Aussehen. Das weiß P. nur noch nicht. Weswegen er meinte mich in dem Lokal anquatschen zu müssen. Weswegen ich meinte, ihm sagen zu müssen, ich sei schüchtern? Ich Hornochsin. Ich versuche den in mir herumflatternden aufgescheuchten Panikvogel wieder einzufangen. Was will P. von mir? Ich versuche ihn abzuchecken. Flackernder Augenaufschlag in Verbindung mit Komplimenten ist total übel. Hoffentlich kommt er mir nicht noch mit so etwas wie einer schweren Kindheit oder so einem Gruselwort wie Altlasten?

Vorsicht verfänglich!, wedelt mein Zeigefinger hin und her. Erbarmung, ich wünsche mir vorbildliches und ein zierliches Benehmen, tobt aufgebracht Fräulein Rottenmeier, die sich dank meines manchmal ekelhaft akribischen Gedächtnisses als Anstandswauwau irgendwann in meinen späteren Jugendjahren nach einer Überdosis "Heidi" von Johanna Spyri in mir als posttraumatisches Stressyncrom samt ihrer hochgeschlossenen schwarzen Robe manifestierte. Seither zanke ich mit ihrem Geist herum und sie versucht aus mir eine „Dame von Welt" zu machen. In meiner Idee ist Fräulein Rottenmeier eine ältliche, stets nach Uralt Lavendel duftende altjüngferliche gestrenge Kriegerin unter der Flagge anständiger Benimmregeln und ausgestattet mit einem dicken Katalog von knigge'scher Verhaltensvorschriften von mindestens Anno Tuc.

Sie ist ziemlich besitzergreifend und von geradezu viktorianischer Strenge, aber heult manchmal dennoch nachts ihr einsames Kopfkissen voll mit ihrer Trostlosigkeit. Da sie eine Vorliebe für kühlschrankkühles Pfefferminzkonfekt an den Tag legt und außerdem eine beinah kitschige Affinität zu Veilchenpastillen pflegt, kann ich sie immer wieder mit Leckereien becircen.

P. weiß nichts von Fräulein Rottenmeier, die sich gerade in mir zu voller moralisierender Gutmenschgröße aufgeblasen hat. Ich habe aber keine Lust, meine Verbalattacken per Autopilot loszulassen und steche meine Augen in P’s  Richtung auf wie in zwei tiefe blickdichte Eier. Ich lasse ihn in vollem Ausmaß in einen überrandvoll mit Beleidigung gefüllten Fettpott latschen. Ja, entschuldige doch bitte mal, nun kuck doch bloß nicht so, so war das ja doch gar nicht gemeint, versucht P. einen etwas holperigen Landeanflug in Richtung Verständnis als er in meine Brunnenaugen blickt und die ganzen ersoffenen stinkenden Fischleichen darin treiben sieht.

Nö, schon klar, lächele ich entwaffnend in seine zuckenden Mundwinkel zurück, man kennt den andern doch niemals so ganz, was? Ich finde mich selbst mittlerweile kreuzdämlich, weil ich P. so etwas Großes wie meine mir angeborene und manchmal arg verkappte, mich ständig ausbremsende Schüchternheit verraten habe. Sie ist wie der berühmte Bremsklotz an der Schiffschaukel. Immer kurz bevor es spannend wird und überschlägt kommt meine Schüchternheit, dieser alte Schiffschaukelbremser!

So auch jetzt bei P. Ich überlege wie hoch das sonstige Kumpelpotential von P. wohl wäre, das er gerade im Begriff ist, mit den Enterhaken seines nicht vorhandenen Charmes einzureißen. Wann könnten wir uns denn mal wiedersehen, mein Engel? Startet P. einen neuen Anlauf. Er muss doch ganz furchtbar verzweifelt sein, überlegt mein Verstand während mein Herz längst das Weite gesucht hat.

Hä? frage ich dementsprechend entgeistert als sei Hä? eine angemessene Antwort auf die possessiv zu verwendende Anrede „mein Engel. P. fällt jetzt gar nichts mehr ein, diesem Bengel. Noch nicht so ganz trocken hinter den Ohren und keine Ahnung von schüchternen Menschen, was?. Null Empathie, wie langweilig, grübele ich mich unerbittlich außerhalb von P's Fangnetzarmen.

Fräulein Rottenmeier lässt sich lautstark die Luft raus, fliegt quietschend dreimal um mein inneres Leuchten um sich sich wieder in meinen Orkus zurückzuziehen, ihr war wohl zu langweilig mit P. Keine Herausforderung, sowas.

Dein Engel wird dich jetzt verlassen und wünscht dir noch ein geiles Leben, prophezeie ich P.  in munterem Plauderton, während ich mich langsam erhebe wie eine komplett dissiozative Verhaltenskatastrophe. Aber ich habe dich doch gerade erst gefunden, das geht doch so nicht! grätscht er verwegen zurück in meine Richtung. Ein Kämpfer auch noch, das hat mir gerade noch gefehlt.

Es gibt keinen Gott und Eva ist eine Erfindung von Adam. Sorry, dass ich es dir sagen muss. Tut mir echt leid. Ich kucke P. mitfühlend an und will mich justamente durch die Leute des Lokals zum Ausgang hin durchwühlen, da hält der Lümmel mich an meinem Zopfe zurück, was ich ja nun mal überhaupt kein bisschen leiden kann. . Ja, ich finde dich auch nett, spule ich also schleunigst noch hinterher um ihn loszuwerden. Kann ich dich mal anrufen?, fragt P. Ich sage nein, er fragt pompt wann.

Ich werde langsam total wahnsinnig mit P und sage, ich hätte gar kein Telefon. Im Telefon lebten gefährliche kosmische Strahlen, ich hätte auch meine ganze Wohnung mit Alu ausgekleidet deswegen und hätte nur heute meine Strahlenschutzhelm nicht auf. Nano nano. Er gibt immer noch nicht so richtig auf und fragt mich ob ich wüsste an wen ich mich mit meinem Problem wenden könne, er könne mir aber auch gern helfen, doch fachliche Hilfe wäre unbedingt anzuraten. Beim Wort „fachlich“ gurgelt er wie ein gequälter Kuckuck. Ich fliege mit Leichtigkeit über das Nest, das er mir so gern bauen würde.

Heimlich verfluche ich meine strategischen Qualitäten und weihe ihn verschwörerisch ein, dass ich heute Ausgang aus der geschlossenen Abteilung hätte. Da endlich gibt er auf. Du hast echt einen totalen Lattenschuss, oder? will er zweifelnd von mir wissen. Nein, flüstere ich. Ich habe heute nur meine Medikamente nicht genommen, das wäre eigentlich schon alles. Ich grinse P. an wie Jack Nickolson seinen entsetzten Sohn in Shining. Und übrigens Vorsicht: ich bin schüchtern.

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