Frühling in Shanghai (Beitrag zu Ullis Bootparade)

Liebe Blogfreunde,

Vor einiger Zeit rief Ulli die Blogbootparade ins Leben. Das Gemeinschaftsprojekt ist abgeschlossen, ich habe jedoch einen Beitrag zugesagt, der hier kommt und auch, weil die Little-Witty-Künstlerin heute Morgen in ihrem blog sich von mir tatsächlich eine Kurzgeschichte wünschte. Here you are…es ist mir eine Freude…. Inspirieren ließ ich mich von der heute statt finden Hochzeit der Royals Prinz Harry und Meghan Markle in Great Britain und von einer Reiseskizze, die zu meiner Martha Jungblut wurde und diese findet sich hier.

Frohe Pfingsten für Euch und meinen Feendank zu Euch für die Inspiration.

Eure Karfunkelfee

———————————————————————————————————————————

Der Bus schaukelt gemächlich über die sonnengefleckte Straße und Alfons stellt sich die Straße vor wie einen  Geparden, dass die Straße ein Raubtier ist, die den Bus trägt und nicht umgekehrt der Bus über die Straße rollt. Alfons Mutter macht sich oft Sorgen über Alfons Phantasie. Sie blüht wie ein Rapsfeld im Mai und ständig denkt er sich Geschichten aus und erzählt sie überall als wahr herum obwohl sie frei erfunden sind. Er hat einen Queen-Elizabeth-Fimmel und über Alfons Bett hängt die Flagge des British Empire. Als Alfons in den Nachrichten hörte, dass England aus der Europäischen Union austreten will, brach ihm heimlich hintenherum das Herz. Es war als hätte England, das er liebte wie kaum etwas anderes, ihn heimlich verlassen, ihn im Stich gelassen mit seiner großen Liebe und sich abgewandt von dem europäischen Rest. Doch darüber kann er mit Mama ja nicht sprechen. Sie wirft ihm einen gequälten Seitenblick zu und hält sich ihr Knie, das sie sich heute Morgen beim Gardinenaufhängen an der Leiter verdreht und womöglich gestaucht hat. Großes Drama, sie schrie vor Schmerz als es passierte und holte ihn vom Fernseher weg, vor dem er sich, zusammen mit Kater Carlo auf das Sofa mit Keksen und Kakao verkrümelt hatte, voller Ungeduld auf den Beginn der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan wartend. 

Nun muss aber Alfons statt die Hochzeit anzusehen, Mama zum Arzt begleiten, was ihn fürchterlich wütend auf sie macht, ja sogar so wütend, dass er sie hasst, weil er nun mit ihr zum Arzt muss, zu einem Nottermin, den sie stundenlang telefonierend, bei einem Orthopäden in Sieker endlich machen konnte. Auf dem Weg über knapp hundert Meter bis zur Haltestelle stützt sie sich mehr hüpfend als laufend auf Alfons, legt sich mit ihrer Hand das schwere Gewicht ihres fülligen Körpers auf seine schmächtigen Schultern, denn Alfons ist kein kräftiger Junge, eher klein für sein Alter und zartgliedrig. In der Schule wird er deshalb oft ausgelacht und auch wegen seiner schwarzen Haare und der dunklen Augen, der braunen Haut, einem Erbe seines spanischen toten Vaters. Als sie beide an der Haltestelle anlangen, ist er in Schweiß gebadet, Jeans und auch das T-Shirt kleben ekelig an der Haut und seiner Mutter ist es auch nicht viel besser ergangen, sie tupft sich mit einem Taschentuch seufzend die Stirn und streicht stöhnend über ihr angeschwollenes Knie, über das sie keine Hosenbein mehr in der Lage war zu streifen, so dick war das Knie angeschwollen, so dass sie nur noch einen Rock anziehen konnte, einen schwarzen, ihren Trauerrock, weil sie außer diesem einen keine Röcke trägt und den Alfons ihr widerwillig half anzuziehen, weil sie bei jeder Bewegung des Beines starke Schmerzen hatte und zusammenzuckte unter hochwehen Vogelpiepslauten, die Alfons kaum in den Ohren ertragen konnte.

Der Busfahrer hilft zum Glück beim Einsteigen und sie finden auch gleich vorne im Bus einen der Viererplätze mit viel Beinfreiheit. Alfons sitzt am Fenster, seine Mutter neben ihm am Gang und sie scheint duselig zu sein, denn sie hat zu Hause ein starkes Schmerzmedikament eingenommen. Ihre Pupillen waren eben stark erweitert, wie vernebelt und Alfons kennt die Augen seiner Mutter wenn sie so aussehen und dann hat er Angst um sie mit ihren vielen Schmerzmedikamenten, die sie schluckt, gegen Depressionen, gegen Schmerzen jedweder Art, bunte kleine Pillen, jeden Morgen eine Handvoll und zwischendurch noch mehr, doch er sagt es ihr nie, dass er deshalb Angst hat um sie.

Der Bus hält an der Haltestelle am Stadtteich, Alfons sieht die Tretboote in den Primärfarben, wie Kinderkunst, die „Entenerschrecker“ nennt er diese Boote, nachdem er beobachtet hat, wie ein paar Jugendliche sich einen derben Spaß daraus machen, mit den Tretbooten die Enten mit den Jungtieren aufzuscheuchen und quer über den See zu hetzen und nun steigen auch schon wieder Leute zu, darunter auch eine Frau, die sofort Alfons Aufmerksamkeit für sich ganz beansprucht, denn sie trägt eine kleine britische Papierfahne in der Hand und grinst vorfreudig wie ein Honigkuchenpferd. Ihr Gesicht ist freundlich und rund, Alfons schätzt sie etwa zehn Jahre älter als seine fünfundvierzig Jahre alte Mutter. Ihre kräftige große Figur ist auffällig gekleidet, quietschbunt wie ein Clown. Ihre Haare sehen aus wie Shanghai im Frühling, also Shrimps, Rind und Huhn im Nudelvogelnest zum Mittagessen beim Chinamann, denkt Alfons und prompt knurrt sein Magen, weil er noch nicht richtig gefrühstückt hat. Seine Mutter zischt ihm leise zu: „die sieht hinten am Kopf aus wie ein ungemachtes Bett. Bei solchen Frisuren denke ich immer, was diese Frauen wohl für ein Trümmerfeld in der Vergangenheit haben, dass sie so chaotisch nach hinten weg aussehen müssen, von vorn in die Zukunft wirkt sie ja recht ordentlich. Wie gut, dass die Frau das nicht hört, denkt seinerseits Alfons und schämt sich mal wieder fremd für seine Mama, die eine ziemlich böse Zunge haben kann.

Die Frau trägt eine Zeitung unter dem Arm und lässt sich Alfons gegenüber nieder. Sie heißt Martha Jungblut, arbeitet als Sekretärin in einem Autohaus und ist vierundfünfzig Jahre alt. Alfons lag also gar nicht so verkehrt mit seiner Schätzung ihres Alters und Martha registriert etwas verwundert, mit welcher Akribie die Augen des kleinen olivbraunen Jungen ihr gegenüber ihre Erscheinung gekonnt abchecken. Sie lächelt Alfons unverbindlich an und dieser schaut schnell zur Seite aus dem Fenster, weil es ihm unheimlich peinlich ist, wenn fremde ältere Frauen ihn anlächeln. Er spürt wie seine Ohren heiß und rot zu werden drohen und schaut deshalb schnell auf die Füße der Frau. Füße sind etwas Unverbindliches. Füße kann man immer anschauen ohne dass Leute unruhig zu werden beginnen, weiß Alfons aus der Erfahrung seiner zwölf Jahre. Manchmal zeichnet er zu Hause in stillen Stunden Füße, weil ihn Füße faszinieren. Noch weiß er nicht genau warum. Wenn er älter ist, wird er es wissen als es ihm seine Mutter in einem ihrer Vollrausche unter Tränen erzählt: Seinem Vater wurden, bei dem Angriff, bei dem er starb, die Füße weggeschossen. Er verblutete daran.

„Alfons, starr die Frau da nicht so an, das ist total unhöflich“, zischt es neben Alfons wie ein unter Hochdruck stehender Dampfkessel und Alfons senkt schnell den Blick noch tiefer, irgendwohin auf seine eigenen Füße. Nun kann er nur noch hören, was ihm gegenüber geschieht, fühlt sich jedoch noch unangenehm im Mittelpunkt, im Fokus des gestrengen Mutterblicks. Die Entenerschrecker verschwinden aus Alfons Blickfeld und Geraschel wird ihm gegenüber laut, gefolgt von einem leiseren Knarzen des Sitzes als Martha sich in eine bequemere Sitzposition bringt um die Sonderbeilage der Zeitung genüsslich Wort für Wort und Bild für Bild zu studieren, ein kleiner Ausflug in die Welt der Reichen und der Schönen. Komischer Junge, denkt Martha Jungblut, versenkt den Blick in ein strahlend lächelndes Foto der dunkelrassigen Prinzessin Meghan Markle. Dann saugt sie sich mit ein paar Seitensprungblicken in einem Infoblisterkästchen im Text im Detail über die sündhaft teure und zig Stockwerke hohe Hochzeitstorte fest und das Sahnehäubchen ist natürlich das heiß diskutierte Kleid, wird es cremefarben, wie bei Prinzessin Di? Deren Hochzeit mit Prince Charles wird Martha niemals im Leben wieder vergessen und auch nicht ihre maßlose Trauer, als dann der tragische Unfall geschah, dieses unbeschreibliche Unglück, das mit Lady Di’s Tod über die Queen und ihre Familie hereinbrach und sie seufzt leise und ihrer bunten Kleidung widersprechend, grau und schwer. Der Bus schaukelt vor sich hin, stoppt ab und zu, doch es steigen kaum Leute ein, die Zeit verstreicht sich dehnend zwischen den Haltestellen, zeitweise stockend im Verkehr und ungeduldig vor Ampeln wartend. 

Das Gleichtönige der Fahrt lullt die kurzfristig entstandene Aufregung durch die Neuankömmlinge ein, Alfons Mutter entspannt sich so gut, dass sie beginnt leise wie ein Wieselweibchen zu rasseln und vor sich hin zu schnorcheln. Alfons hebt bei dem bekannten Geräusch seiner Mutter den Kopf und beobachtet aus dem Augenwinkel die bunt leuchtende Sonderbeilage. 

Die Zeitung insgesamt ist dermaßen umfänglich, dass sich die doppelseitige Beilage aufgeregt wie ein Prinzessinnenreifrock bis zur vordersten Spitze von Alfons Knie rüscht und ihn dabei sehr leicht berührt. Das Papier knistert wie Seidentaft an einer Brautschleppe. Am Fenster sieht Alfons dieweil lauter hübsch bewaldete Hügel vorbeiziehen, für Engländer wären es fast schon Berge, denkt er. Ist das schönes Hochzeitswetter heute, überlegt hingegen Martha Jungblut nach einem kurzen Blick ihrerseits durch das dreckige Busfenster, der Wald schimmert ja heute richtig- prächtig, prächtig und freut sich auf ihre durchgeknallte Freundin, Rose.   

Heute wird Martha die britische Märchenhochzeit bei Rose gebührend mit englischem Tee und säuberlich randbefreiten Gurkensandwiches sowie englischen Pralinen in der Zweizimmerwohnung des Wohnsilos in der Mitte der City feiern gehen, auch die britische Flagge habe Rose bereits gebügelt, wie sie Martha geheimnisvoll flüsternd am Telefon gestern anvertraute. Sie wollte sie zur Feier des Tages gut sichtbar im Fenster platzieren, gleich über der türkischen Flagge des Nachbarn und unter der DSC-Arminia-Flagge des  fussballverrückten Künstlerehepaares, das einen Stock über ihr wohnte und das immer so einen unglaublichen Bohei beim Sex machte, dass sie schon zweimal die Polizei holen musste, weil sie dachte, da würde jemand umgebracht. Denn dieses Künstlerehepaar stritt sich mindestens ebenso oft wie sie anschließend lautstark miteinander schliefen. Martha hat sich bewusst in englisch gekleidet, wie sie findet: denn bunt, fröhlich und verrückt, so muss England für sie sein. Wie blinkende singende Weihnachten oder eine Party mit viel Herzkitsch und Rosengerüsche, ja, wie die Rosenrüschen an ihren eigenen Tapeten oder das mit dem englischen Königswappen bestickte Sofakissen  oder die zierlichen blumenbemalten und hauchzarten Porzellantässchen, einer dem Original nachempfundenen Teegeschirrreplik des britischen Königshauses. Marthas allergrößter Stolz allerdings ist die königsblaue Kosmetiktasche, die sie einmal geschenkt bekam von einer Frau, die im Kensington-Palast gearbeitet hat. Der Ehrenplatz für diese Tasche ist das weiße Kommodenklötzchen aus dem billigen Möbeldiscounter und sie verströmt, leer und ausgepolstert mit Luftpolsterfolie, damit sie schön prall gefüllt wirkt, eine Art kühle königliche Würde auf dem schlichten Kommodenwürfel. Könnte schon Kunst sein, so schlichte und pragmatische, denkt Martha manchmal stolz und beobachtet nun die Mutter von Alfons, welche mittlerweile laut schnarchend auf dem Platz neben ihrem Sohn zusammengebrochen ist. Ihr Kopf lehnt an seiner Schulter, so dass er eingequetscht zwischen seiner Mutter und dem Fenster hängt.

Das Kind tut Martha Leid. Er sieht so schmächtig und gequält aus, sie nimmt ihn näher in Augenschein. Alfons, der sich von Martha beobachtet fühlt, schaut auf. Ein mehr als vorsichtiger erster zaghafter Blickkontakt entsteht zwischen den Beiden. Neugierig schielt Alfons zur Sonderbeilage der Zeitung. Er würde sehr gerne mitlesen, doch traut sich nicht zu fragen. Also verrenkt er sich lieber die Augen. Doch er kann die auf dem Kopf stehende Schrift unmöglich vernünftig und schnell genug entziffern, geschweige denn sie im Sinn zu verstehen und sieht sich unvermittelt Marthas Inspektionsblick ausgeliefert. Ihre graublauen Augen über der Lesebrille mustern ihn leicht verkniffen und ihr Mund schürzt sich zu einer Lippenstiftkussschnute. In einem der kajalgeschwärzten Augenwinkel krümelt sich eine winzige Träne. Alfons fragt sich ob es eine Reizung vom Kajal ist oder ob die Frau so gerührt ist von dem, was sie da an praller Romantik zu lesen bekommt. Martha fühlt sich so in Augenschein von Alfons genommen, dass sie ihn anspricht: „Interessierst du dich für die Royals? Der Junge schrumpft erst etwas in sich zusammen und sie befürchtet schon, ihn verschreckt zu haben, indem sie ihn so unvermittelt anquatscht, obwohl seine neben ihm in sich zusammen gefallene schlafende Mutter offensichtlich völlig abwesend ist. Martha will ja nicht in Verruf geraten und etwas Unsittliches schleicht sich neben sie, etwas Hundsgemeines und Übles, das so gar nicht in ihr ist, dass sie aber beinah jedem Menschen imho unterstellt über sie denken und meinen zu können und sie kann sich keinen Reim darauf machen, warum sie so misstrauisch ist und wann sie so wurde. 

Alfons hingegen fragt sich, über was die Frau ihm gegenüber sich gleichermaßen wie zu schütteln scheint  und beschließt, ihr zu antworten, bevor sie noch mehr Verwirrung verströmt und am Ende noch seine Mutter aufweckt, denn der unangenehmste Teil dieser Fahrt steht Alfons schließlich erst noch bevor: Das endlose Warten im Wartezimmer, der antiseptische Kranheits- und Medizingeruch, die Nähe der Spritzen und unangenehmen Untersuchungen. Es würde Stunden dauern, das wusste Alfons jetzt schon. Bevor er jedoch noch über Marthas Frage nachdenken kann, flüstert er zu seiner großen Überraschung schon, leise und hastig, schnell und flüchtig, so unbemerkt wie möglich:

„Ich will die Royals unbedingt mal kennenlernen, besonders die Queen und über meinem Bett hängt die Flagge des Empire!“ Alfons träumt fast jede Nacht, er stünde als Wachtposten mit einer Bärenmütze und einem Bajonett vor dem Palast und beschütze die Königin. Manchmal ist er auch ihr Chauffeur oder (doch das ist so dermaßen verwegen, dass er sich das nur heimlich zu träumen wagt und das nicht einmal seinem Tagebuch anvertrauen kann: manchmal ist er der persönliche Leibdiener der Queen und berät sie in sämtlichen wichtigen Lebenslagen und Fragen, die eine Queen von England so beschäftigen. Am liebsten mag er es, wenn sie fliederlila Hüte trägt und als er die verblüfften Augen von Martha sieht, weiß er zu seinem namenlosen Schrecken ,dass er die ganze Zeit laut in ihre Richtung gedacht hat, als könne sie das verstehen! Erwachsene verstehen Kinder nie. Am wenigsten jedoch verstehen Erwachsene, was Kinder antreibt, ihren Helden zu folgen. Am allerschlimmsten ist es nun, dass neben ihm die Schnarchgeräusche verstummt sind und auch seine Mutter aufgewacht ist und ihn streng von der Seite observiert wie ein Insekt auf einem Objektträger. Der Mamamikroskopblick. „Über was sprecht Ihr Beiden denn da?“ 

Martha lächelt groß. So richtig groß. Nicht nur so, wie ein dahingehuschtes Zähneverziehen. Nicht so ein oberflächliches Smalltalklächeln, das gleich wieder vergisst, dass es war, noch während es die Zähne fletscht. Nein. Marthas Lächeln ist mehrstöckig wie die Hochzeitstorte bei Prinz Harry. Verschwörerisch wedelt sie Alfons Mutter mit der britischen Fahne zu: „Wir sind beide England-Fans, Ihr Sohn und ich auch. Ich bin auf dem Weg zur großen Hochzeit.“

Alfons Mutter seufzt schwer und ergeben. Sie könnte viele Geschichten darüber erzählen (sorgenvolle Geschichten!) wie es ist, Mutter eines kleinen Jungen mit einem verstorbenem spanischen Vater zu sein. Eines Jungen, welcher bis über beide Ohren in England und die Queen vernarrt ist und welcher der Welt alle möglichen Lügenmärchen auftischt. Als Alfons vier Jahre alt war, gelang es ihm beinahe einen  Kaufhausweihnachtsmann bei Karstadt davon zu überzeugen, er sei ein Verwandter des englischen Königshauses, der auf mysteriöse Weise nach Bielefeld verschleppt worden war und seine Mutter sei die Kammerzofe von Queen Elizabeth gewesen. Oh ja, Alfons Mutter könnte Martha sogar noch viel mehr erzählen. Seit dem Tod seines Vaters ist Alfons nämlich verstrickt in seine Traumwelt, aus der sie ihn manchmal kaum noch aufwecken und in die Wirklichkeit zurückholen kann. Warum musste es ausgerechnet die Queen sein? Hätte es nicht auch die Feuerwehr getan? Oder der Schützenverein? Noch einmal seufzt Alfons Mutter tief aus dem verdrehten Bein herauf und unterdrückt den stechenden Schmerz, der sofort darin hoch schießt, als sie sich zu erheben versucht. Der Bus ruckelt und schleudert, es ist nicht einfach und das Schmerzmedikament macht sie benommen. Schnell greift Martha ihren Arm und hält sie fest. Die Zeitung rutscht auf den Boden, Alfons hebt sie auf und faltet sie sorgfältig an den Ecken zusammen. „Wo müssen Sie denn hin?“, fragt Martha. Alfons Mutter nennt ihr die Adresse in Sieker. „Wenn Sie möchten, begleite ich Sie. Ich habe noch etwas Zeit, die Hochzeit geht den ganzen Tag, hat der Doktor denn Notdienst heute? „Ja, seufzt Alfons Mutter, ich habe den ganzen frühen Morgen telefoniert. Er kommt extra wegen mir in die Praxis. Dieser Arzt ist ein Schatz und das so kurz vor Pfingsten!

„Ach“, lacht Martha, das passt nun aber sehr gut! Meine Freundin wohnt nämlich in Sieker, nahe Mitte und wir wollen uns die königliche Hochzeit im Fernsehen anschauen und meine Freundin schmiert bestimmt gerade Gurkensandwiches und auch welche mit Orangenmarmelade. Ich schreibe ihr gerade übers Handy, dass ich etwas später komme und helfe Ihnen zum Arzt zu kommen, was meinen Sie?

Entschlossen steckt Martha die Sonderbeilage der Zeitung in ihren Beutel und hebt fragend die Augenbrauen in die Richtung von Alfons Mutter. Diese streckt die Hand aus: „Ich heiße Silke Gonzales und ich bin Alfons Mutter, habe mir heute Morgen mein Bein in der Küche verdreht und kann nicht mehr auftreten, das Knie ist total dick und geschwollen, auch ganz heiß. Mein Junge hier hat schwer an mir zu schleppen und er wollte eigentlich Fernsehen schauen und nun muss er wegen meiner Dummheit darauf verzichten. Ich danke Ihnen sehr und nehme gerne Ihre Hilfe an. Doch Sie sind doch auch ein Fan der Queen und Sie verpassen doch jetzt den Beginn der Hochzeit!.“, ruft Alfons Mutter.  

Alfons ist völlig fassungslos. Die Hochzeit der Royals wird gleich beginnen und es ist schon schlimm genug, dass er nicht, wie geplant, den Tag wie gebannt  vorm Fernseher verbringen kann. Eigentlich sollte er vielleicht die spanischen Royals bewundern und das tut er auch, denn seine Mutter hatte Alfons erzählt, wie königstreu der Vater war, bevor er bei einem Einsatz in einem Kampfgebiet ums Leben kam und sie schwanger mit seinem Sohn zurück ließ. Doch irgendwie bekam er zum spanischen Königshaus nicht den richtigen Draht. Die Queen erlebte er zum ersten Mal bei einer Parade im Fernsehen als er beinahe vier Jahre alt war. Das Bild der kleinen im Auto stehenden und winkenden alten Frau mit dem lieben Lächeln, ließ ihn nicht mehr los. Seine Großeltern in Spanien kennt er nicht und die Eltern seiner Mutter bringen null Verständnis für seine Liebe zu Queen Elizabeth auf. Er glaubt nicht, dass sie ihn besonders mögen. Sie wohnen in Hameln und er sieht sie zweimal im Jahr. Doch die Queen ist anders. Ihr Lächeln begleitet ihn seit er es sah abends, wenn er ins Bett muss und ihr Lächeln tröstet ihn, wenn er an seinen Vater denkt, den er nie kennengelernt hat und Alfons beneidet jedes Kind um seinen Vater. Die Queen ist Alfons ferne Familie, sie ist so fern wie sein Vater ihm immer bleiben muss, doch sie lebt und das macht den Unterschied. Alfons verfolgt alles, was es an Berichten und Beiträgen, Bildern oder Geschichten zu der englischen Königsfamilie zu lesen oder anzusehen gibt. Er weiß, was es bedeutet, ein echter Fan zu sein. Verächtlich sieht er Martha an. „Sie verzichten freiwillig auf die Hochzeit von Prinz Harry?“

„Nein, nicht freiwillig. Doch manchmal muss man auf etwas verzichten zugunsten von etwas anderem, das  noch wichtiger ist. Du hilfst Deiner Mama heute sehr, weißt Du wie sehr?

Doch Alfons schweigt. Noch ist er zu befangen, noch ist er auch zu wütend auf Martha. Es ist, als habe sich seine eigene angestaute Enttäuschung und Wut zu ihr hinbewegt, ihn als eigentliches Subjekt aus dem Fokus genommen und statt dessen Martha hinein gestellt. Seltsamerweise fühlt sich Alfons etwas freier beim Atmen, wo ihm vorher eine Beklemmung auf der Brust hockte und seinen Willen befing.

Der Bus hält und die drei steigen aus. Alfons Mutter stützt sich auf Marthas Arm und Alfons stabilisiert sie von der anderen Seite. So geht es ganz gut mit dem kranken Hoppvogel in der Mitte. Die Sonne spielt auf dem Weg und wieder überkommt Alfons das absurde Gefühl, dass der Weg sich unter seinen vorwärts gehenden Füßen ebenfalls bewegt und nicht nur umgekehrt, ein geflecktes Raubtier, auf dessen Rücken er läuft, jetzt eher langsam und etwas stolperig und er zählt die Schatten der ausladenden Bäume rechts und links neben der Straße. Als er bei Baum Numero fünfundzwanzig angelangt ist und sie in etwa dreihundert Meter zurückgelegt haben auf der Allee, kommt die Praxis in Sicht. Der Arzt ist schon da und bittet Alfons Mutter gleich in den Behandlungsraum. Martha und Alfons setzen sich auf Stühle, die im Flur der Praxis aufgereiht stehen. Es ist still und ungewöhnlich an einem Samstag in einer großen Arztpraxis. Über den abgedeckten Computern und Druckern, den Behandlungsgeräten und den blank geputzten Instrumenten in den durchsichtigen Behältern auf den langen weißen Arbeitsflächen, schwebt steriles Schweigen. Irgendwann wendet sich Martha leise zu Alfons: „Ich habe die Queen vor zehn Jahren auf einer Parade in London selbst erlebt – und ich kann Dir sagen, sie lächelt umwerfend, noch viel umwerfender als Du Dir vorstellen kannst. Immer wenn ich seither etwas über sie und ihre Familie erfahre, hilft mir das bei etwas. Ich hatte nämlich vor zwölf Jahren eine kleine Tochter und wenn sie noch am Leben wäre, dann wäre sie jetzt ungefähr so alt wie Du. Ich liebte England schon immer. Mir hilft meine Royalliebe zu Queen Elizabeth und ihrer Familie, wenn ich mein Kind vermisse.“ Alfons sitzt mit der aufgeschlagenen Zeitungsbeilage auf dem Schoß neben ihr. Er kann Martha riechen, ihren irgendwie pludrigen Veilchenblutgeruch, mit einer Spur Minze von einem Kaugummi in ihrem Mund vielleicht und ihre Tränen, die sie zurückhält. Ihr aufgeregtes Schwitzen nach dem Marsch. Warum schwitzen eigentlich ältere Frauen immer so stark, fragt Alfons sich nachdenklich während er die überaus überraschende Information verdaut, dass Queen Elizabeth die Frau mit dem Vogelnest auf dem Kopf am Ende sogar noch persönlich kennen könnte und er hält sich schnell die Hand vor den Mund, weil er befürchtet wieder laut zu denken.

Martha Jungblut fühlt sich plötzlich und ganz unerwartet ein wenig unwohl in ihren bunten Sachen, die ihr jetzt, in dieser Situation, in einem Notfalltermin, etwas unangemessen fröhlich erscheinen, doch sie denkt daran, mit wie viel Mühe sie ihre Haare in exakt so einen Dutt formte und fixierte wie sie es bei Prinzessin Meghan in der Zeitung beim Friseur gesehen hat. Erfüllt von Stolz streicht sie sich unbewusst über eine kecke Strähne, die aus den wirbelsturmartig ineinander verdrehten Strähnen spitzt. Damit das so aussehen konnte, verbrachte Martha eine Stunde im Badezimmer vor dem Spiegel mit  hoch gereckten Armen und ein paar ausgesprochen unköniglichen Flüchen. 

„Was ist denn eigentlich Schlimmes mit Deiner Frisur passiert?“ will Alfons nun von Martha wissen und erschrickt, denn jetzt hat er ja doch laut gedacht und draußen vorm Fenster spiegelt sich die Sonne, zwitschert es, so laut und von fern durch die Isolierverglasung im Fenster, wie im Frühling in Shanghai.

——

Advertisements

Kleiner Kirschbaum

Meine Lüttje schwächelt: „Mom“, sagt sie, mir ist so schwindelig und das seit einem halben Jahr. Außerdem habe ich einen Tinnitus, Kopfschmerzen und mir ist dauernd schlecht.“ Was soll ich dazu sagen? Sie hat meinen niedrigen Blutdruck geerbt. Das sage ich ihr auch. Sie schluckt es nicht. Von Schilddrüsenunter-/ oder überfunktion über Diabetes, Typ besonders schlimm, bis hin zu massiven organischen Deformationen oder Auswüchsen, könnte es ihrer Beschreibung beim Doc im Behandlungszimmer, alles sein. Faulfieber ist es nicht, das weiß ich. Sie trägt Zahnspange, ist hart im Nehmen. Dafür, dass sie ihre Nuckelzähne loswird, nimmt sie so Einiges in Kauf: Jeden Tag muss sie konsequent die Drahtkonstruktion in ihrem Mund sorgfältig und genau putzen. Speisereste können Entzündungen auslösen. Außerdem leidet sie, wenn spitze Drahtenden sich lösen und in den weichen empfindlichen Gaumen schneiden und ritzen, immer wieder unter offenem Zahnfleisch. Das ist sehr schmerzhaft und wenn sie zum Nachjustieren und Festerziehen der Brackets muss, kommt sie oft mit von Tränen verquollenen Augen nach Hause, leidet zwei Tage Spannungschmerzen im Kiefer und ich koche Kartoffelbrei, weil sie nichts anderes mehr essen kann. Seit mehreren Jahren betreibt sie jeden Tag eine akribische Mundhygiene und duldet überwiegend still die Schmerzen, die die Spange ihr jeden Tag bereitet. Alles für die Schönheit – wer schön sein will muss leiden.  Später fällt sie kopsterdibolter vom Pferd, steht wieder auf, rafft ihre verstreuten und geprellten Knochen um sich wie Hui-Buh das Schlossgespenst, richtet sich ihr Prinzessin Knallerbse- Krönchen und macht weiter, sie läuft viele Kilometer zu Fuß als sei das gar nichts und sie ist so sportlich wie ich es noch nie war, da ist sie viel härter und konsequenter als ich.

Doch sie hat Angst vor Nadeln. Als der Doc sich leise höflich beschwert und fragt, warum wir wegen so etwas Diffusen wie ihrem verschwommenen Krankheitsbild, bestehend aus mindestens drei oder vier Kranheiten, die andere Menschen sofort wegen akut totalen Unwohlseins in Krankenhäuser, auf Intensivstationen, in Notfallambulanzen und Betten treiben würden,  in seinem schwer verseuchten und hustenden Wartezimmer aufschlagen müssten. kontere ich: „Bevor man an eine Ursache herangeht, muss ein Ausschlussverfahren betrieben werden und Ihr fachmedizinisches Wort wiegt einfach tausendmal schwerer als mein Halbfachchinesisch in Anatomie und Körperkunde.“ Sachtes Wippen des blonden Pferdeschwanzes rechts, dann wird sie schon abgetastet, in den Mund gehorcht und die Augen machen Ah wie die allgemeine Unwissenheit, die sich in zunehmend ratloseren Gesichtern der Anwesenden allerseits bemerkbar zu machen beginnt. „Diffuse Krankheitsbilder, oh mein Gott“, stöhnt mein schwer geprüfter Doc, der meine Sippe schon seit Jahrzehnten kennt und betreut. Doch hier geht es um etwas anderes, nämlich um eine Sicherheit und um ein Ernstgenommenwerden. Das Dramarama beginnt, denn jetzt will der Doc dem Töchting an die Venen und ihr kostbares Blut! Sie fährt sofort zu voller Abwehr-Stärke hoch und ihre Kratzbürste aus: „Niemals! Das mach ich nicht! Keine Nadeln in meinem Arm! Davor habe ich Angst!“ Es ist zwecklos. Der Doc zuckt mit den Achseln wie ein waschechter Franzose, dabei ist er gar keiner. So ein original französisches Achselzucken ist eine Ganzkörper-Performance, eine bewegte Sozialplastik, eine in einem großen Gefühl der Hilf- und Ratlosigkeit übereinstimmende große Koalition von Geist und Körper, die sich gerade so richtig am Ende allen Medizinerlateins versammelt fühlt. Ich zucke solidarisch mit.

Nix zu machen. Auch geduldiges Zureden, das Versprechen von Leckerli, vertrauengewinnende „Ich bleib bei dir wenn’s piekt und puste auch“, helfen nix. Ich packe Gleichnisse und Parabeln, Schwänke aus meiner unrühmlichen Jugend aus. Wie mir damals beim Kinderarzt als ich sieben war, die Helferin mit einem nur vorgegaukelten Kirschbaum, der in Wahrheit überhaupt nicht existierte, das Blutabnehmen erträglich machte. Ich sah diesen angeblichen Baum vorm Fenster und auch die Kirschen, die daran hingen, überhaupt kein bisschen, fühlte mich ziemlich veräppelt, machte aber trotzdem mit der freundlichen jungen Artzhelferin mit, weil sie sich solche Mühe mit mir gab und weil ich fürchtete, wenn ich weiter bockig bliebe, würde es die alte Kinderärztin mit dem Feldwebellächeln, den kalten Fingern und der respekteinflößenden Reibeisenstimme machen, vor der ich noch zigmal mehr Angst hatte als vor der Nadel, mit der ich gestochen werden sollte.

Ich fühlte diese Nadel und  dann war es lange nicht so schlimm wie ich es mir ausgemalt hatte. Denn die Phantasie ist dein Diener also mach dich nicht zu ihrem Knecht!. Leider ist gegen talentfreie Karbolvampire noch kein Kirschbaum gewachsen und es gab Zeiten, da sahen meine Arme aus als sei ich ein Junkie, voll auf Kirschen und sie mussten in den Kopf, in die Füße und überall hin mit dieser dicken Nadel um überhaupt noch Blut von mir zu bekommen.

Davon erzähle ich meinem Mädchen aber nichts. Blut abnehmen ist einfach unangenehm und doof, sogar wenn es, wie meistens, nicht weh tut. Und manchmal muss es sein. Sie weiß noch nicht so genau wie stark sie wirklich ist. Wie soll ich ihr bloß klarmachen, dass Blutabnehmen zwar so lästig ist wie Mistharken im Pferdestall oder Mücken im Sommer und so blöde wie die langweiligste Unterrichtsstunde der Welt oder Zimmeraufräumen – aber eben manchmal auch notwendig um herauszufinden ob man gesund oder krank ist? Dass es viel weniger schlimm ist als Zahnspangenmarathon? Es nutzt nichts. Sie krampft, sie buckelt, sie bockt. Sie will nicht. Die Angst ist zu groß. Die Angst hat dieses Mal gewonnen.

Der Doc erkennt es und gibt auf, meint, da sei wohl nix zu machen, wenn sie nicht will, will sie nicht. Der blonde Trotzkopf neben mir erbleicht bis in die Sommersprossen auf der Nase. Dann sind wir schon draußen, die Sonne scheint, der Frühling ruft, noch kalt, mit Winterrotz auf den Straßen und Eisgeklirr in Windes Sprechstimme. Es ist fast schon schön und der blonde Panikvogel neben mir flattert herum. Diskutiert über das Blutabnehmen und ihre Entscheidung dagegen. Passt mein Töchting wohl in meine hohle Hand wie ein klammkleiner Spatz, der sie im Moment ist? Der Spatz ist sperrig und laut wie ein Südstaatendrama von Tennessee Williams: „Du verstehst mich einfach nicht“, beschwert sie sich empört und mit einer gestikulatorischen Mimik, welcher einer Elisabeth Taylor als Katze auf dem heißen Blechdach ein bewundernd perfekt geformtes Oh! entrungen hätte. Ich widerspreche ihr nicht wirklich, nur mit ein paar hübschen Allgemeinplätzchen und beliebig austauschbaren Fangfragen wie: „Was ist ein Keks unter einem Kirschbaum?“ „Ein schattiges Plätzchen und der ist übrigens uralt, boah Mom!“

Sie ist groß, größer als ich, sie ist stark und sie weiß noch nicht wie stark sie eigentlich ist und noch wird. Ihr Körper ist gesund, schlank und sportlich. Zwar hat sie schwierige Füße und braucht Einlagen, doch diesen Zahnspangen-Folter-Marathon läuft sie nun schon seit ein paar Jahren mit außerordentlicher Ausdauer und Hingabe, zieht ihr Ding eisern durch und sie kämpft sich durch die Schule, hat ein Superzeugnis nach Hause gebracht. So ein bisschen Blutabnehmen, das macht sie wie ich mit links Haare kämmen, das schafft sie ganz locker und das weiß ich einfach und ich wünsche mir, dass sie sich irgendwann  zutraut, es zu machen, wenn es sein muss. Wenn sie es dann will, werde ich wie immer bei ihr sein, so wie damals, als ihr gleich zwei Zähne auf einmal für die Spange gezogen werden mussten und als ich ihre Hand hielt und aufpassen musste, dass ich sie ihr nicht zerquetschte vor lauter Mitleid. Sie hat keinen Schmerz gezeigt, wie eine echte Indianerin. Was beim Zahnarzt schlimm ist, weil man die Zähne eben nicht zusammenbeißen kann. Das machte ich dann für sie mit, mir tat anschließend noch tagelang der Kiefer weh, so laut knirschte ich vor mich hin um meinen noch auf einem Baum sitzenden und Nüsse pulenden, Läuse suchenden unleugbar rhesus-positiven Mutterinstinkt zu beherrschen.

Die Ärztin kniete halb auf ihr drauf, drückte ihr das Knie in die Brust und zog mit Leibeskräften, weil diese beiden Backen-Zähne noch fest im Kiefer verankert waren und ich hoffte inständig, dass sie nicht zertrümmert werden müssten. Jedesmal, wenn die Ärztin wieder ansetzte und begann zu ziehen, kam ihr Kopf ein Stückchen mit hoch und sie war puddinggelb  und rosenrot im Gesicht angelaufen –  vor lauter Anstrengung.

Meine Kleine oder jetzt schon Große hat immer schon viel durchgestanden, vom Beginn ihres Lebens an. Schon als Baby, als sie wegen ihres KISS-Syndroms (KopfgelenkInduzierteSymmetrieStörung) den Kopf nicht drehen konnte und wenige Tage alt, in Herford eingerenkt werden musste, weil der Atlas -und der Axialwirbel ineinander verkantet waren aufgrund der schwierigen Geburt bei der sie fast gestorben wäre, weil ihr die Nabelschnur die Luft zum Atmen abwürgte. Alles war ziemlich dramatisch damals, ich bin so froh, dass die Kopfskoliose, die ihren Kopf verformte von einem Ostheopathen geheilt werden konnte. Ihr Kopf war platt und schief, der rechte Lauscher zusammengefaltet wie ein Origami-Ohr und die andere Seite war plastisch normal ausgebildet. Aufgrund der schweren Geburt war auch ihre Motorik entwicklungsverzögert – doch vor allem schief. Jeden Tag bekam sie von mir indische Babymassage und anschließend Krankgengymnastik, eine Stunde lang. Ein dreiviertel Jahr lang mussten wir jede Woche zweimal zur Therapie – eine Menge Stress für ein so junges Leben, das doch sorglos sein soll und fröhlich. Fröhlich war sie trotzdem und immer. Das ist ihr Wesen.

Irgendwann wird die Notwendigkeit einer Blutabnahme auch zu meinem Töchting kommen. Nur wenn sie es dann will, werde ich wieder bei ihr sein, egal wie alt sie dann ist,  ihre Hand festhalten und ihr spannungsgeladene, komische und äußerst hörenswerte, da haarsträubende Kirschbäume erzählen, sie ablenken und beruhigende urmütterliche Grunz- und Ächzlaute wie Kirschkerne spucken – in der Hoffnung auf fruchtbaren Boden. Anschließend werde ich wieder zu ihr sagen: „Wow, das hast du aber souverän durchgezogen, meine liebe Prinzessin Knallerbse!“ und stolz auf sie sein, weil sie ein so tapferes und mutiges Mädel ist. Angst vor dem Blutabnehmen zu haben,  ist kein Grund sich deswegen feige oder kümmerlich zu fühlen. Sie weiß schon wie man im Moment einer Angst schnell mal einen Kirschbaum pflanzt und in die Wirklichkeit hochzieht. Sie weiß schon wie man später seine Früchte erntet, süß, rot und prall vor Stolz und Erfolg. Das alles und noch viel mehr – weiß sie schon und das ist allerhand.

—-

Carsten, der Kinderschreck

Carsten elf oder zwölf Jahre alt, wohnt eine Straße weiter und nur weil er zweimal sitzen blieb, besucht er seit zwei Jahren die vierte Klasse meiner Grundschule. Sein Aussehen täuscht über sein Wesen hinweg. Vielleicht ist Carsten auch so geworden, eben genau weil er so unschuldig aussieht, als könne er kein Wässerchen trüben mit seinen blonden Locken  und den Kornblumenaugen. Er lacht meistens und meistens laut und am liebsten darüber, wenn andere leiden.

Carsten, der Kinderschreck, Carsten mit dem immer sonnigen Gemüt, sieht man nie ohne seinen Hofstaat, der aus drei oder vier meist etwas jüngeren Jungen als er selbst besteht, immer wieder wechselnde Favoriten, denen Carsten seine Huld schenkt und diese unter ihnen verteilt wie ein Gönner Almosen unter Bedürftigen. Ich sehe zu, dass ich Carsten aus dem Weg gehe. Er ist zwei Jahre älter und viel stärker als ich. Größer als ich ist er obendrein, ungefähr einen Kopf. Doch leider leider hat Carsten mich auf dem Kieker. Mit Vergnügen jagt er mich durch die schluchtenartigen Gänge des verschachtelten Labyrinths der Wege durch die Reihenhäuser, von denen eines meine Eltern bewohnen. Es sind Heckenwege, zwischen Gärten, um tausend und eine Ecke herum, die ich samt und sonders kenne, weil ich jeden Quadratzentimeter meiner Nachbarschaft längst ausgespäht hatte.

Carsten verfährt, wenn sie mich jagen, wie ein Schlachtengeneral mit seinem Adjutantenstab  – mit System und strategischem Gespür für die Schwachstellen des Feindes. Irgendwie erwischt Carsten mich mit seinen kleinen sadistischen Quälereien immer gerade zufällig passend in einer für mich äußerst ungünstigen Position, so erscheint es mir jedenfalls. Carsten ist so gar nicht blöd, leider. Er postiert seinen Hofstaat gerne an strategisch sinnvollen Ecken um mich zu stellen wie ein Jagdhund den Fuchs. Mehr als einmal muss ich über den Gartenzaun bei Kerkas hechten um mich hinter dem Gartenhaus in Sicherheit zu bringen und Carstens und seiner Freunde Prügellust zu entkommen. Ein oder zweimal packen sie mich doch. Schläge und Tritte bis ich denke, mein Rücken bricht durch, weil einer von denen darauf herumtanzt, während ein anderer mir büschelweise Haare ausreißt. Mich wundert manches Mal, dass ich überhaupt noch aufstehen kann, nachdem sie endlich von mir abgelassen haben und ich daliege wie eine Puppe, der man den Kopf zertreten hat. Doch ich kann irgendwie immer wieder aufstehen. Man kann so vieles, überraschend vieles, selbst wenn man glaubt, dass es nicht weitergeht, lerne ich aus den leider regelmäßig stattfinden Quälereien mit Carsten. Mam rastet aus, wenn ich mit Beulen, Kratzern oder Schrammen vom Kloppen wiederkomme, weil das so gut wie nie vorkommt. Weil ich Kloppe aus dem Weg gehe. Wer mag schon Schmerzen?

An diesem Tag, zwei Tage nach Mams Geburtstag im Mai, spiele ich Gummi-Twist, ein Stück weiter den Plattenweg hoch, doch unser Reihenmittelhaus liegt nur fünfzehn Meter entfernt, also noch gut in Sichtweite. Es ist warm auf der kurzbeärmelten Haut, die Sonne spielt mit den Schatten in den Bäumen Fangen, ein großer Lichtertanz ist das und ich vertagträume mich, während ich mit den Augen ihrem Gehusche folge. Mam hat mir ein Gummiband aus dem Nähkasten mitgegeben, ein dickes weißes und festes Hosengummi, bestens dafür geeignet, um es spannen zu können, ohne dass es reißt. Ich habe das Gummiband verknotet und befestige es über den Weg, gespannt zwischen die Zaunlatten, so dass es stramm genug sitzt, um die Abfolgen und Figuren des Spieles darin herumspringen und -turnen zu können. Im Idealfall funktioniert Gummi-Twist mit drei Kindern am besten: Zwei halten das Gummi mit ihren Füßen fest, eines springt eine Choreographie und dann kommt das nächste Kind an die Reihe um zeigen was es drauf hat. Doch ich finde mir nur selten mal zwei Kinder zusammen, mit denen ich Gummi-Twist spielen könnte und so spiele ich meistens allein an den Zäunen am Weg, im Labyrinth.

Carsten höre ich bereits zwei Häuserreihen oberhalb im Labyrinth mit seiner Truppe johlen und grölen. Ein ungutes Gefühl schiebt sich wie ein schwarzer eiskalter Schatten vor meine Zufriedenheit. So kündigt sich Ärger an, ich fühle ihn wie einen unausweichlich herannahenden Zug, Doch hier bin ja sicher. Schließlich ist das Haus meiner Eltern nah bei, ich kann sogar den Eingang sehen. Mam werkelt bestimmt in der Küche. Hier ist mein Revier und ich sehe keine Notwendigkeit wegen der feindlichen Gesinnung eines Nachbarjungen kneifen zu  sollen, meinen Schwanz einzuziehen, weil ich Angst habe vor diesem zornigen Pusteengel. Trotz kocht in mir hoch. Was will er hier? Wieso trauen die sich bis an das Haus meiner Eltern heran?

Als Carsten mich sieht und den von meinem Gummi blockierten Weg, kommt er langsam mit seinen Kumpeln näher. Es sind drei, ich kenne sie aus der Parallelklasse der Grundschule. Es sind alles Rabauken der übelsten Sorte. Einer davon heißt Thomas. Sein Gesicht ist von schwerer Akne eitrig verpickelt und er ist schlurskig gebaut, wie ein dreimal um den Schornstein gewickelter Heringsschwanz. Ständig droht ihm die Jeans über die Hüften zu rutschen und einmal habe ich seine Arschritze gesehen als er sich bückte und dass sie nicht sauber war, wunderte mich bei ihm nicht ein bisschen. „Ach, wen haben wir denn da? Die Hexe!“ blökt Carsten in seiner üblichen höhnischen Tonlage, die er nur für spezielle Opfer wie mich parat hält.

Ich beschließe, mich tot und völlig unwissend zu stellen. In manchen Situationen kann das hilfreich sein, lernte ich schon im Kindergarten, wenn ich etwas ausgefressen hatte, so wie damals, als ich die Triangel heimlich entwendete und dabei ertappt wurde wie ich sie justamente in meine hellblaue Kindergartentasche stopfen wollte. Mich sofort tot zu stellen wie ein Marienkäfer auf der Hand, war Plan A, Plan B war meine zerknirschte Entschuldigung. Ich ertrug ergeben die Schimpfe der Kindergärtnerin, Mams Vorhaltungen und beichtete später alles dem Pfarrer, der mich für fünf Vaterunser und zehn Avemarias von meiner Diebstahlsünde frei sprach.

Stumpf springe ich eine kleine Parade mit dem Gummiband und tu gerade so als würden Carsten und seine Bande gar nicht existieren. Er kommt wie in Zeitlupe immer näher bis er direkt vor mir steht. „Na, haben wir unsere Zunge und Ohren für ein hübsches Hallo verschenkt, du hässliche Hexe oder haben sie sie dir schon abgeschnitten? Wollen wir sie jetzt brennen lassen bis sie laut schreit, die hässliche Hexe?“ Johlendes Gelächter und lautes Zurufen des Hofstaats. Mir wird langsam tatsächlich brennend heiß, denn das was mir blüht, kämpft Eins zu Vier und das schafft niemand, schon gar nicht ich. Fieberhaft überlege ich, wie ich die Situation entschärfen kann und gehe in die Hocke, weil ich das Gummi losbinden will um den Weg frei zu machen, um die Jungen durchzulassen. Friedlich bleiben, mahnt mein Verstand.

Als Carsten bemerkt was ich vorhabe, bückt er sich erstaunlich schnell für seinen unförmigen Körper und noch während ich herumfummele um das Gummi vom Zaun zu lösen, macht er das andere Ende des straff gespannten Gummibandes am gegenüberliegenden Zaunpfahl los, so dass es mir gegen den Daumennagel fletscht. Zuerst spüre ich gar nichts und dann geht es aber los, Tränen schießen ein und mir fehlt Luft zum Schreien, es  tut zu weh. Was allerdings noch in mir hochdämmert wie eine böse Prophezeiung ist die rote Grenze und diese schreit nach Vergeltung wie ein wütender Pavian.

Carsten und seinen Hofstaat höre ich jetzt bereits auf der Höhe der Rosenbeete am Eckreihenhaus meiner Großtante. Eine Mischung aus Wut über die ungerechte Behandlung reißt mich aus der Hocke hoch und vorwärts in den Sprint, direkt von null auf hunderttausend. Ich sehe Carsten mit den anderen vieren dort stehen und er hält sich den Bauch vor Lachen. Er prustet und höhnt: „Der Hexe haben wir es aber gegeben! Wetten, das tut ihr richtig lange weh!“. Er ist so sehr damit beschäftigt, seine Heldentat zu loben, dass er nicht bemerkt, dass ich von hinten ankomme.

Einer seiner Vasallen, der picklige lange Thomas sieht es und will ihn noch warnen: „Carsten pass auf, die hässliche Hexe kommt, sie ist völlig verrückt geworden!“ Ich springe Carsten mit ordentlich Anlauf in den Rücken und kralle mich mit den Füßen in seinen Fettrollen fest.  Durch den Anprall meines Körpers fällt er mit dem Gesicht vornüber direkt in die dornigen Rosenbeete meiner Großtante. Er quiekt hoch und verzweifelt wie ein abgestochenes Schwein als die Dornen sein Gesicht, Arme, Brust und Bauch zerkratzen. Carstens treu ergebene Kumpel sind schon geflüchtet und ich mache mich so schwer wie ich nur kann. Carsten fühlt sich unter mir an wie eine schwabbelige Qualle, sein bleicher hervorquellender Bauch hängt dreck -und blutverschmiert in den pinken Rosen. Der Stoff seines T-Shirts ist ihm aus der Hose gerutscht und ich kann seine Hinterbacken sehen. Ich ekele mich unaussprechlich vor diesem Jungen, vor dieser Situation, die ich nicht wollte. Ich lasse Carsten los, er kommt ebenfalls mühsam hoch und sieht mich lange und undefinierbar an, während seine Hände versuchen, irgend etwas von seiner Anführerwürde an den Hosen wieder hochzuziehen und zu retten, immer wieder fahren seine Hände verwirrt in sein zerkratztes Gesicht als könne er gar nicht glauben, dass ausgerechnet jemand wie ich ihm so etwas antun könne, dass überhaupt jemand ihm etwas tun könne. Er stürmt gesenktem und hochroten Kopf wie ein zutiefst gekränkter Stier um die Ecke und hinterlässt diese im Tag zerrissene Stille.

Mein Daumen legt wieder los, ein Schmerzgewitter blitzt und hämmert in meinen Kopf. Adrenalin klopft heiß in mir, ich zittere bis in die letzte Wimper. Meine Großtante macht mir wegen ihrer zerquetschten Rosen keine Vorwürfe und auch Mam, die die Szene vom Küchenfenster aus mitbekam und keine Zeit mehr fand schnell einzugreifen, weil alles viel zu schnell dafür ging, streicht nur  über meinen Kopf. Carsten grüßt mich ab diesem Tag mit einem zerkratzten Hallo aus der Ferne. Der schwarzblau verfärbte Daumennagel löst sich ein paar Wochen später  vollständig ab wie ein Salamanderschwanz. Darunter bildet sich bereits der neue Nagel nach, noch weich und empfindlich, aber nur dann, wenn man zu fest drauf drückt.

——

In der Ewigkeit eines Jetzt

Liebe blogfreunde, heute geht es um die erste Liebe. Ich trug zusammen. Scherben, Bruchstücke, Trümmer und malte draus ein Sippengemälde. Auch ein Sittengemälde, je nachdem, wie man es betrachtet. Ich wünsche Euch Lesevergnügen. Habt es gut.

Liebe Grüße von der Fee

—————————————————————————————————————————-

Solange diese Teewurst noch essbar ist, geht das noch auf die Pausenstulle. Nur wegen der Lebensmittelaffinität seiner Oma war Kris im Krankenhaus gelandet. Es war zum Verrücktwerden. Nein, noch schlimmer als das, weil es keinen Ausweg gab. Kris und seine Oma wohnten in dieser Zweiraumwohnung. Sie war eine Überlebende des Krieges, geflohen aus Niederschlesien, war hier in dieser für Kriegsflüchtlinge konzipierten Satellitenstadt gelandet mit ihrer Familie, genau wie meine Eltern. Ich mochte sie auch irgendwie auf eine spezielle Weise, obwohl wir  uns oft über sie lustig machten und ich mit ihr auch häufig aneinandergeriet wegen ihrer Auffassungen oder Ansichten über Kris.

„Credo ist Natur!“ jubelte unser Freund Urs im Treppenhaus und tupfte sich Weihwasser unter den Arm, mit dem er sich aus dem kleinen Steinbecken mit der Aufschrift „Credo“, das am Türpfosten vor der Wohnungstür von Kris‘ Oma hing, freizügig und nach allen Seiten spritzend bediente. Kris‘ Oma holte das höchstselbst vom Pfarrer gesegnete Weihwasser für das Steinbecken zum Bekreuzigen an ihrer Eingangstür aus der hiesigen Kirche. Einmal die Woche zog sie mit einer kleinen Glasflasche bewaffnet los um sich ihren Wochenvorrat Weihwasser vom Pfarrer  abzuholen. Sie pflegte es Kris und mir auf die Stirn zu tupfen um uns zu beschützen. Dabei bekreuzigte sie sich und murmelte LobetdenHerrn-Worte. Ich fand das immer irgendwie süß und nun trieb Urs es auf die Spitze. „Dir werde ich helfen, Du Lauselümmel, du Bürschchen!“, brüllte empört Kris’ Oma, schnappte  sich den Besen, der in der Ecke lehnte und stürmte wild das Kehrutensil schwingend mit einer erstaunlichen Kraft und Geschwindigkeit hinter dem treppabwärts flüchtenden Urs her. Ohne ihn einzuholen natürlich. Es wäre Urs schlecht bekommen und das wusste er. An diesem Nachmittag sahen wir ihn jedenfalls nicht wieder.

Und nun war Kris krank und alles nur wegen seiner Oma und weil sie ihm diese fragwürdige Leberwurst auf sein Pausenbrot geschmiert hatte, denn sie bestand darauf, ihm seine Brote zu schmieren und er hatte es aufgegeben, dagegen anzuargumentieren. Schließlich schmierte sie schon seit Kindergarten- und Schulzeiten Kris’ Stullen und würde das auch während seiner Ausbildungszeit tun, solange er eben Brote brauchte, hörte ich sie einmal im heftigen Streit mit Kris. Dabei hatte er sie nur höflich gebeten, sich seine Butterbrote selbst machen zu dürfen. Es kommt einem Landesverrat gleich, Frauen ihre Küchenrechte und die Ernährungsbefugnis für die Familienmitglieder nehmen zu wollen, ja auch nur ihre Funktion in Frage zu stellen und in dieser Hinsicht reagierte Kris’Oma folgerichtig wie ein geputschter und vom Sockel gestürzter Präsident. In ihrem Kühlschrank tummelten sich abgelaufene und teilweise verschimmelte Joghurts, uralter Streichkäse, der einem schon in unangenehmen Ausdünstungen entgegen lief, sobald man die Kühlschranktür nur einen Spalt weit öffnete. Wir ernährten uns, wenn wir bei ihm waren, am liebsten von Fertigpizza. Fertigpizza ging irgendwie immer. Bisschen Käse, Tomate und Pizzagewürz, alles bestens, nur auf Dauer etwas eintönig.

Einmal kam ich zu Besuch zu Kris’ und diese kleine Wohnung stank noch schlimmer nach irgend welchen unmöglich zu definierenden Substanzen als sonst. Mir wurde nach den ersten Atemzügen dermaßen speiübel, dass mein überzuschwappen drohender Magen gerade noch ein Hallo herauswürgen konnte, bevor ich Tschüss! gleich hinterherrief ohne die Oma zu begrüßen und nach unten an die frische Luft floh. Kris rannte hinter mir her. „Ey, wir wollten doch das Heft mit den Minispionen anschauen, ich habe da was Interessantes, das will ich dir unbedingt zeigen.“ Ein Wunder, dass Kris noch lebte und so gesund aussah. Ich fühlte mich gerade wie schon längst gestorben und hockte zusammengedrückt auf dem Bordstein vor der Haustür des Mietblockes. „Kris, ich kann nicht… Was immer deine Oma da kocht, es stinkt als würde sie Leichen sieden, bitte versteh doch…“ Unglücklich sondierten meine Augen den Fleck grobkörnigen Asphalts zwischen meinen Beinen. „Es gibt Gerüche, die halte ich schlicht nicht aus. Das ist einfach zu viel für meinen Rüssel. Ich meine, was zur Hölle kocht sie da? Elefantenfüße?“ Wenn Kris lachte, lachte jede seiner dunklen widerspenstigen Locken mit. Er lernte Fernmeldeelektroniker. Das war seine Welt, die der Elektronik und der digitalen Daten. Stolz präsentierte er mir seinen Commodore PC 64. Er hatte sein Lehrlingsgehalt von Siemens gespart, damit er sich dieses Vorzeigeprodukt menschlicher Intelligenz und Entwicklung kaufen konnte. Der Computer war mein größter Feind, denn Kris konnte Tage und Nächte damit verbringen, stundenlang Programme zu schreiben, neue Computersprachen zu lernen oder Spiele zu spielen. Ich verstand diese Faszination nicht, fand es draußen oder zusammen viel schöner. Doch Kris war ein Stubenhocker und es war ihm relativ egal ob gerade Frühling, Sommer, Herbst oder Winter war.

Kris war mein erster „richtiger Freund“und ich verstand nicht, warum er bei seiner Oma, nur durch einen Vorhang getrennt, schlafen und leben musste und sein Bruder nicht. Denn Kris‘ Mutter bewohnte eine kleine adrette Wohnung ein paar Straßen weiter und dort gab es drei Zimmer. Eines davon bewohnte Kris’ drei Jahre jüngerer Bruder. Das Schlafzimmer war ein teilweiser Rückzugsbereich von Hans-Ullrich, dem Lebensgefährten von Kris‘ Mutter. Hans-Ullrich war mir vom ersten schlaffen Handschlag an unsympathisch. Seine Stimme klang als würde er jeden Moment anfangen wollen zu weinen. Irgendwie kam er mir eher wie ein Kind der Familie vor.  Im Schlafzimmer stand seine Stabo-Funkanlage. Oft saß er dort, wenn wir zu Besuch waren und hörte den Polizeifunk ab. Gab es irgendwo einen Unfall, sprang Hans-Ullrich noch in Jogginghose und Feinrippunterhemd schleunigst in seinen Golf und jagte zum Unfallort um zu gaffen. Ich sagte ihm, dass das nicht in Ordnung sei, erklärte was von Behinderung der Polizei, Opferwürde, solche Sachen. Doch er meinte, ich solle mich gefälligst um meine eigenen Angelegenheiten kümmern, das sei nur seine Sache, wollte zornesgeballt wissen, was ich mich überhaupt einmischen würde. Sein Aggressionspotential wenn es um sein Hobby, die Unfallgafferei ging, war beachtlich. Er konnte sich aufblasen wie ein Kugelfisch. Mit meiner jugendlichen Selbstgerechtigkeit stand ich nicht allein, denn in Kris fand ich einen glühenden Verbündeten in meiner Aversion gegen Hans-Ullrich.

Kris liebte seine Mutter sehr und verwöhnte sie mit Umarmungen und kleinen Geschenken oder verrückten Ideen, die sie zum Lachen brachten, so wie damals als er dieses Deko-Entenpaar in die Mikrowelle steckte und sie anstellte bis sie kochend heiß waren und zu platzen drohten. Er verbog die kleine Küchenlampe mit dem Schwanenhals dermaßen, dass sie aussah wie eine besoffene Doppelhelix und drapierte das elegante Kristallwindlicht gut sichtbar im Kühlschrank neben der Salami, die einen Rüschen-Hut der Biedermeier-Puppe auf dem Sofa trug. Seine Mutter fand ihre Socken in eng umschlungener Umarmung mit dem artigen Meißener Porzellanbarockpärchen wieder. Sie sagte: „Was machst Du bloß wieder für einen Unsinn mit mir armer Frau“? Sie lachte dann, unbeschwert wie ein Mädchen. Ich glaube, es war dieses Lachen, das er an ihr so liebte wie ich das seine an ihm. Doch ich kenne keinen einzigen Menschen, den Kris‘ nicht zu becircen schaffte mit seinem Charme. Als ich zwei Jahre später im Krankenhaus lag und nur am Wochenende raus durfte zu meinen Eltern, lagen wir auf der Schlafcouch in meinem Zimmer und im Radio lief Cutting Crew, I will die in your Arms tonight und ich mochte diesen Song, fand ihn romantisch, doch Kris machte sich mit Vorliebe lustig darüber, was mich wiederum ärgerte. Ich musste doch gleich wieder ins Krankenhaus zurück und das Lied lief geradewegs mit einer Träne in meinen Augenwinkel hinein. Vor Kris war ein Verstecken unmöglich, er erriet meine Gemütszustände mühelos. Als er meine Dramaträne entdeckte, zog er eine seiner besten Grimassen, das sah so dermaßen komisch aus, dass ich losprustete, ich konnte nicht dagegen anhalten. Gegen meinen Willen weinte und lachte ich  gleichzeitig. „Bitte, mach das noch mal!“, flehte ich nach Luft ringend, mir die Seiten haltend und er wiederholte den Gesichtsausdruck, Augen hochgezogen, das Gesicht zu diesem absurden Jokergrinsen verzerrt. Wenn mich jemand zum Lachen bringt, obwohl mir zum Weinen zumute ist, fühle ich mich da geborgen. Das ist eine Art Zärtlichkeit. Kris hatte sie im Übermaß.

Endlich war er heute aus dem Krankenhaus heraus gekommen. Es war eine Lebensmittelvergiftung gewesen und es tat so gut ihn zu sehen. Noch sehr dünn, spitz und blasshäutig, noch nicht richtig wieder er selbst, doch schon wieder vertraut von einem Ohr zum anderen grinsend. Ich umarmte und küsste ihn und lehnte die Stirn gegen seine. „Was hat deine Oma damals gekocht als mir so schlecht von dem Geruch wurde?“, fragte ich ihn, dabei war diese Sache ja schon Wochen her und eignete sich bestimmt nicht um einen lange vermissten Liebsten herzlich im Leben wieder willkommen zu heißen. Kris wurde unter seiner Krankenhausblässe sofort noch etwas grauer im Gesicht. „Es heißt Jure und es ist so ein Zeuchs aus ihrer Heimat Schlesien. Gekochtes Kalbs- oder Schweinehirn mit Graupen und Gewürzen“. Nun war eindeutig eine grünliche Nuance zu seiner grauen Gesichtsfarbe hinzugekommen. „Ihpfuideibel, wie heißt dieses Zeuchs?“, fragte ich entgeistert. „Jure“, stöhnte Kris „bitte erinnere mich nicht daran…“

„Das kann man doch nicht essen“, stellte ich fest und beschloss das Thema nicht weiter zu erörtern, weil auch mir schon wieder blümerant zu werden begann. Ein paar Tage später fragte ich meine Oma nach diesem Jure oder wie es hieß und sie meinte, es käme wohl aus Niederschlesien, sie selbst habe es aber nie gekocht. Es sei ein typisches Arme-Leute-Essen.

Ich fragte Kris also nicht länger nach dem seltsamen Zeuchs, das seine Oma ungefähr einmal monatlich zelebrierte wie ein urschlesisches Ritual. Wenn sie Gehirn kochte, floh Kris auf schnellstem Wege aus der Wohnung. Auf der Kommode in ihrem Wohnzimmer lächelte goldumrahmt Papst Johannes, der Zweite huldvoll und segnend über alle diese Seltsamkeiten und Eigenarten  hinweg. Papst Johannes hatte Kris’ Oma mal auf einer Audienz getroffen, begeistert erzählte sie mir in ihrem breiten Dialekt von dieser großen Sache. Das muss für sie einer der wichtigsten Momente im Leben gewesen sein. Weihnachten schenkte sie mir Süßigkeiten und liebevoll mit Buntstiftblümchen verzierte und gemalte Karten. In ihrer langsamen und zittrigen Alteleuteschrift schrieb sie mir kleine Gedichte und Segens- Sprüche. Wahrscheinlich hoffte sie im Stillen, dass irgend etwas davon bei mir verzogener Göre ankommen würde.

Mit der gleichen Schrift schrieb sie einmal meinen Eltern einen Brief und echauffierte sich darin über deren unerträgliche Tochter. Ihr Enkel käme schließlich aus einem guten Hause. Nicht nur von ihr, auch von Kris’ Mutter flatterte ein solcher Beschwerdebrief ungestempelt von der Post in unseren Briefkasten. Dass nicht der jüngere Bruder auch noch geschrieben hatte, wunderte mich. Besonders mein Vater tobte herum wie ein wütender Grizzly. Er kann sehr beeindruckend werden, wenn ihn ein richtig gerechter Zorn packt. Schließlich hatte er mich gut erzogen, was für ein Affront! Und dann noch von der Familie meines Freundes! Oh lalà! Aus einem guten Hause. Pah, wie bitte?  So stand er wütend wie ein Hugenotte seiner Vorahnenreihe mit rotem Gesicht vor mir und verfasste etwas später, nachdem er wieder reden konnte ohne dabei zu schreien, einen entsprechenden Antwortbrief, in kollaboratischer Verschwörung mit meiner ebenso stinksauren Mutter, die mit ihrem italienischen Temperament auch nicht zu verachten war. Eine leidenschaftliche Rechtfertigung in formvollendetem Amtsdeutsch wurde entworfen und zum Empfänger ab die Post geschickt. Natürlich war ich entsetzt, dass mich Kris’ Mutter, Hans-Ullrich oder seine Großmutter ganz offensichtlich nicht leiden konnten, mich frech und vorlaut fanden. Weil ich immer schon so frei war auszusprechen was ich dachte und das waren manchmal nicht gerade nette Dinge.

Wie ich zum Beispiel Hans-Ullrich angriff mit seinem Gaffer-Hobby und auch bei jeder sich ansonsten bietenden Gelegenheit. Ich brachte Unruhe in dieses betuliche Familien-Gefüge und mein undankbares Querulantentum störte die vom Papst persönlich abgesegnete Ordnung erheblich. Außerdem war ich Kris’ erste Freundin. Ach, war das alles schlimm. Mein Opa weigerte sich, als er mit meiner Mutter telefonierte, rundheraus, Kris‘  noch einmal in seinem Haus empfangen zu wollen und donnerte ein Hausverbot mit sofortig eintretender Wirksamkeit in das Telefon, so laut, dass ich seine Stimme aus dem Hörer, den meine Mutter angestrengt umkrampfte, wie Jerichos Posaunenchor deutlich vernehmen konnte.

Erst genoss ich diese versammelte Solidarität ganz unbedarft. Doch beschlich mich noch ein weiteres Gefühl wie eine stille kleine und unausgesprochene Wahrheit hoch über den Emotionswogen thronend, ein Wissen, in dem ich selbst nur eine untergeordnete Rolle als eine Randfigur spielte. Es ging hier um viel mehr als nur um die Beleidigung und den Angriff von mir als Tochter der Familie. Vielmehr war diese Sache zu einer hochpolitischen Angelegenheit der Familienehre mit äußerst hoher Brisanz geworden und das hatte mit Kinderliebe natürlich auch etwas zu tun, doch erst an zweiter Stelle. Meine Eltern fühlten sich persönlich in ihren Grundfesten und Überzeugungen der Erziehung ihrer Kinder angefeindet.

Ein paar Wochen lang und auch über Ostern hing bei uns der Haussegen gründlich schief. Mein Vater hätte es selbstredend am liebsten gesehen, wenn ich Kris’ mitsamt  seiner indiskutablen Familie direkt zum Kuckuck gewünscht hätte und meine Mutter war hin – und hergerissen in ihrer große Zuneigung zu Kris’, der ihr wie ein zweiter Sohn geworden war und befangen von ihrer Solidarität zu ihrem Mann, was auch nicht gerade für Entspannung bei uns sorgte.

Ich hing irgendwie als Hauptursache in der Mitte und fühlte mich so seltsam wie immer. Was hatte ich jetzt wieder für einen Schlamassel angerichtet? Okay, ich war frech und vorlaut, das wusste ich auch. Die Meinung verbieten ließ ich mir noch nie. Manches war ja auch einfach ungerecht. Zum Beispiel, dass Kris’ sämtliche Kapriolen und Eigenarten seiner Großmutter still zu dulden haben sollte – ohne eine Gegenwehr und das obwohl sie ihn nachweislich mit Schimmelpilzen krank fütterte. Dagegen muckte ich auf und das wurde als Respektlosigkeit betrachtet. Heute verstehe ich, dass ich mich da besser überhaupt nicht hätte reinhängen und einmischen dürfen – es waren fremde Angelegenheiten. Doch damals mit blutigen achtzehn Jahren stach mich wie wild der Hafer und ich war weit davon entfernt, etwas von Taktgefühl, einer Achtung oder Anstand zu wissen, weil ich einfach zu ungebärdig war und nicht, weil meine Eltern es mir nicht beigebracht hätten. Ich lernte, immer frei und offen auszusprechen wie ich denke. Ein freidenkerisches und liberales Erbe aus der Vergangenheit meiner Erzeuger, in der es Menschen verboten war, frei auszusprechen wie und was sie worüber denken. Eine Zeit, in der Rassenmerkmale wichtiger waren als Wesensmerkmale. Da konnte man sehr schnell mal verschwinden, eingesperrt, erschossen oder vergast werden.

Wir gingen den Parkweg Hand in Hand, Kris und ich. Er war ungefähr einen Kopf größer als ich und er hatte diese windigen Sommerhimmelaugen, die irgendwie scheinbar nie vom Leben genug bekommen konnten. Wir sprachen nicht. Ich mied den Baumschatten, mir war kalt. Ich dachte, das nichts ewig zu halten sei unter der Sonne und ich wünschte mir aber eine Ewigkeit dieses Jetzt. „Er wollte nur schnell Zigaretten holen wie er mir sagte und kam nicht wieder“, erzählte mir Kris’ Mutter vor ein paar wenigen Tagen, es ist noch nicht so lange her und während ich Kris‘ warme Hand in meiner spürte, dachte ich an das Gespräch zurück.

„Und dann…“….Seine Mutter, die am Esszimmertisch in der Sonne saß, konnte nicht weitersprechen, ihre Lippen bewegten sich, formten Worte, Tränen traten in ihre Augen, so wie immer, wenn sie über Kris’ Vater sprach oder manchmal wenn sie ihn in dieser bestimmten Weise ansah, mit leicht schräg gelegtem Kopf, weicher Mimik und Träumeaugen. Wir saßen in ihrem Esszimmer. Lichtstrahlen tanzten mit flirrendem in der Luft schwebendem Staub vermischt in rötlichen Reflexen auf ihren kurz und fedrig geschnittenen Haarspitzen. Ich nahm ihre kleine runde Hand. Warm, schwer und traurig wie ein kaputter Vogel lag sie in meiner. Kris’ Mutter hatte abgewaschen, ihre Haut duftete noch schwach nach Spülmittel. Immer putzte sie, es war ihr Job, sie arbeitete als Hauswirtschafterin. Wenn sie putzte, dann mit System und Wissen. Bei ihr konnte man vom Boden essen, so dermaßen sauber und ordentlich war diese Wohnung, vollgestopft mit kleinem Nippes, Engelchen, die vorm Fenster hingen, federgefüllten Osterkückenkitscheiern an gelben Bändern über den exotischen Blüten der Orchideen. Porzellanfigürchen turnten in barock gestelzten Posen auf Rüschenuntersetzern in den Ablagen der eicherustikalen Schrankwand herum. Ganze Engelschwadronen reisten in langen Karawanen  durch unser Schweigen. Der Gummibaum behängte sich mit in der Luft herumflirrendem Staub, der dem Federfeudel von Kris‘ Mutter soeben noch entkommen war.

Sie sah mich immer noch nicht an und startete einen neuen leisen Sprechversuch, der gelang, wenn auch mit kaum hörbarer Stimme:  „Ich ging in die Garage und der Motor lief. Manfred hatte unseren Gartenschlauch über den Auspuff gezogen. Sein Gesicht sah rosig aus…“. Ich wollte nicht, dass sie weitersprach und erinnere mich nicht, was sie weiter sagte, es schien mir unerträglich zu sein, jemanden so auffinden zu müssen, wie sie ihren Mann, tot im Auto der Familie. Das ist wie ein Tritt in den Arsch aller Liebe. Am liebsten hätte ich es ihr so gesagt, doch ich konnte es nicht. Sie wollte mir diese Sache erzählen, ich fragte nicht warum und als sie die Reglosigkeit beschrieb, den Tod, schloss ich meine Augen und versuchte, nicht an Kris’ zu denken.

„Ich hab ihn so geliebt. Kannst Du das schon verstehen, du bist doch noch so jung?“ Aber ja doch. Ich konnte sie sogar so gut verstehen. „Und deine Söhne sind da“, warf ich unsicher ein. „Du hast zwei gesunde Jungs. Die bleiben…“. Ihr Flackerblick verlor die Kitsch-Kücken, den Tinneff, den Nippes, die Farce dieses Lebensgefährten, der auch nur eine Zweckbeziehung war, wie ein drittes Kind, doch kein Ersatz für das unrettbar Verlorene. Hans-Ullrich nörgelte oft an Kris, auch an ihr herum. Was tut Ullrich für dich? hätte ich sie am liebsten fragen wollen. Sie wusch seine Wäsche, kochte, bügelte, putzte, war für ihn da, umsorgte ihn – warum das alles? Ich wurde daraus nicht schlau und niemand war da, ich saß allein mit seiner Mutter in dieser Wohnung, die mir wie eine traurige Maskerade erschien, hielt ihre Hand und war dankbar, dass sie mir ihre nicht entzog.

Sie nahm ein Taschentuch an, das ich wie ein Houdini mit einer Hand aus meinem Pulloverärmel friemelte und ihr hinhielt. Etwas beschämt, denn meine Pullover- und Busentaschentücher sind eigentlich nur für meinen Privatgebrauch und nicht zum Verleih an tränenüberströmte Mitmenschen bestimmt. Mit einem Anflug der Resolutheit meiner Mutter, beschloss ich etwas zu unternehmen, legte ihre Hand so sanft ich konnte auf der Resopalplatte des Tisches ab, stand auf und ging in die Küche um Wasser für Tee zu kochen. Da bin ich ja wie eine Engländerin. Wenn irgendwo etwas brennt oder sich die Welt mal wieder droht auf links umzustülpen:, erst mal Tee kochen. Hinsetzen. Reden und Tee trinken. Heute fand ich in ihrem übersichtlich sortierten und garantiert erst vor zwei Tagen gründlich ausgeputzten Küchenschrank nur Hagebutte. Ich wollte ihr Zeit verschaffen, um ihre Würde wiederherstellen zu können. Das hatte ich irgendwo im schwarzen Herz bei Eric van Lustbader gelesen. Ich verschlang zu dieser Zeit nämlich gerade einen Kampfsportroman nach dem anderen. Als ich ins lichtdurchflutete Esszimmer zurückkam und die dampfende Tasse vor sie hinstellte, blickte sie endlich auf und mich an. Sie kann auf diese ganz bestimmte Weise in die Welt schauen, so gütig wie fässeweise Liebe. „Weißt du…,“ begann sie und holte tief Luft. „Es geht um Kris’ Oma, meine Stiefmutti, sie wird nächstes Jahr schon vierundachtzig. Sie hatte bereits einen Stall voller eigener Kinder. Mich nahm sie nach Kriegsende auf der Flucht im Winter ’45 dann auch noch mit. Ich war neun Jahre alt und hatte meine Familie bei den chaotischen Umständen der überstürzten Flucht meiner Familie verloren. Ich war ganz allein, auf mich selbst angewiesen und es war eine bitterkalte Nacht. Sie fragte nicht, nach nichts, nicht wer meine Eltern waren oder woher ich gekommen war. Sie klaubte mich einfach vom Straßenrand auf wie ein aus dem Nest gefallenes Kleines und behandelte mich genauso wie ihre eigenen Kinder, kein Stück weniger gut und liebevoll. Deshalb muss ich ihr bis an mein Lebensende dankbar sein. Ich weiß, sie ist manchmal sehr schwierig und nicht gut umgänglich. Sie macht komische Sachen, sie ist stur und oft wunderlich. Doch in ihrem Kern ist sie eine herzensgute Natur.“ Irgendwie war Kris’ Mutter von ihrem toten Mann hin zu ihrer Stiefmutter hinübergesprungen, doch es war eine Erklärung für die Briefe, es war eine Erklärung für ziemlich vieles, vielleicht nicht alles, doch mir genügte es vollauf, ich wusste nun genug. Auf diese Weise verstand ich das Unglück besser, den Schatten der Dankbarkeit, der über Kris’ Mutter lag, ihre stumme selbst auferlegte Verpflichtung Arme und Hilfebedürftige wie ihren Lebensgefährten aufzunehmen und für ihn zu sorgen, so wie damals ihre Stiefmutter sie aufnahm, obwohl sie nicht wusste wie und ob sie das zusätzliche Maul stopfen sollte.

Auf dem Sims der großen Schrankwand standen viele Fotos von Kris’ Mutter und Hans-Ullrich. Auf keinem dieser Bilder lächelten ihre Augen, schauten eher traurig und ergeben. Nur auf einem einzigen Bild, auf dem sie mit ihren beiden Söhnen zu sehen ist, lebt sie auf. Kris ist auf diesem Bild so um die zwölf Jahre alt und sein jüngerer Bruder muss ungefähr neun sein. Sie sitzt im Hintergrund und die beiden Jungs posieren mit strahlenden Lächeln, in Ringelpullis und Jeans gekleidet, Kris’ mit widerspenstigen Locken, sein jüngerer Bruder säuberlich gescheitelt und gekämmt bis in die letzte perfekt liegende Haarspitze. Sie breitet auf diesem Bild ihre Arme aus wie ein Vogel, der im Sinkflug seine Flügel um etwas bettet um es zu beschützen. Auf diesem Bild strahlen ihre Augen wie dunkle Kristalle in einem Milchschaum.

In mehr als amicitia

…schrieb ich jenen besonderen Brief vor Jahren an einem regnerischen Sommerabend.

Opulente Lavendel- und Lilienfragmente stürzten mit dem Juliwind durch die offene Balkontür in mein Zimmer. Meine Haare noch feuchtkringelig und offen. Ich trug nichts weiter als diesen völlig verruchten Seidenkimono und diesen obendrein auch noch ohne Gürtel. An dem Gedicht schrieb ich eine Stunde lang sorgfältig bei Kerzenschein. Die lustvollen Verse klangen waidwund und blutig wie erlegtes Wild. Ich hatte die Idee wie ich die Faszination so steil wie einen erregenden Duft auf die Haut meiner Worte lege.

Dieser Brief, so nehme ich an, wurde später als feige Todsünde im Namen und auf dem Opferaltar von amicitia verbrannt oder noch viel profaner: einfach weggeworfen.

Er duftete noch schwach nach mir als ich ihn übergab. Alle folgenden gemailten oder dahin gesprochenen Worte verrieten die Bilder bis Pandora fest stellte, dass die Hoffnung längst mausetot gewesen war, sogar bereits dann als die Worte noch vor frisch geprägter Zuversicht so neu wie Falschgeld glänzten.

Wirklich und wahr bleibt als letzter greifbarer Beleg der Zuneigung in der Gegenwart nur der Abdruck einer deutlichen Erinnerung an das Schreiben der Worte wie Lippen über Haut streifen.

Wie hingegen der Empfänger mir später mit feierlicher Miene und Licht in den Augen versicherte meine Worte bei Kerzenschein in aller Stille lesen und beantworten zu wollen weiß ich nicht mehr und sein vor Freude glühendes Lächeln habe ich vergessen.

——

Unter anderem leben wir noch

Seit ein paar Tagen dudele ich einen türkischen Popsong rauf und runter. Keine Zeit für Deprimusik, der Herbst ist ja jetzt schon schwarz und dunkel genug, wenn man ihn denn unbedingt und um jeden Preis so sein lassen mag. Fröhliches Trauern wünsche ich munter in die Runde. Noch nie fiel mir eine Wahl dermaßen schwer wie diese. Ich wähle schon seit Jahren per Brief. An den Urnen mangelt es mir am nötigen deutschen Respekt, dafür entwickele ich in von Pappe eingeschachtelten Wahl-Kabinen bedrohliche Symptome der Taucherkrankheit bis hin zur Schockstarre und den Wahlhelfern würde ich gerne mal Bonbons zustecken um auszuprobieren ob sie manipulierbar sind, deswegen nehme ich mich lieber zurück und verwirre meinen Stadtteil gar nicht erst mit meiner chaotischen Anwesenheit im hochernsten und würdevollen Wahllokal.

Am Mittwoch, so hatte ich es beschlossen, sollten meine Kringelkreuzchen fallen. Als ich den Schlucks von Stimmzettel heroldisch aufrollte, wusste ich beinahe sofort wen ich alles schon mal lieber gar nicht wählen wollen würde, denn ich hatte mich in den Wochen zuvor mit Parteiprogrammen beschäftigt und mich stundenlang mit Selbstdarstellungen gelangweilt. So boring, diese Selbstdarsteller auf Wahlpappplakaten. Allein dieses Wort ist schon ein Sicherheitsrisiko. Dass sie an Laternenmasten so aufgehängt werden, dass Autofahrer sie im Rasiersitz anstarren müssen, also mit nach oben statt nach geradeaus auf den Verkehr konzentrierten Augen, macht sie zu gefährlichen Ablenkmanövern im Straßenverkehr. Verhübschzieren, damit sie etwas lustiger werden, darf man auch nicht, das ist eine Straftat, klärte mich mein empörter Vater auf, der sich völlig zu Recht Sorgen machte, dass seine Tochter sich, mit einem Edding bewaffnet, nächtens an demokratischem Volksgut in spottender Weise zu schaffen machen könnte.

Sehr gut, dass an unserer Laterne vor dem Haus kein Pappplakat hing. Pappplakat. Pappplakat. Ich könnte das dauernd schreiben. Man spuckt, wenn man es sagt. Sag mal laut und vernehmlich mit leicht geöffneten, dann aber heftig zuschnappenden Lippen: Pappplakat! Es spuckt wie ein Lama. Der störende Sicherheitsaspekt wird flankiert vom höchst unökonomischen Aspekt der Herstellung von Pappplakaten. Wie viele Bäume mussten wieder sterben um Politiker abzubllden? Da brummt die Karfunkelfee wie ein Kampfhubschrauber über Afrika.

Alles was mir an Parteien zu radikal, aufgeblasen, arrogant, selbstherrlich oder übermenschlich erschien, wurde radikal ignoriert. Also alles. Nichtbeachtung macht frei. Nun konnte ich nirgendwo mehr mein Kreuzchen machen. Ich erwog, um guten Willen zur Wahl zu bekunden überall etwas hinzukreuzkringeln: Kreuzchen für alle! Aber das entgültigt und verwertet den Stimmzettel zu Gemülle. Am Dienstag quälte ich zwei Freunde mit meinen ungebildeten Fragen und unausgegorenen Gedankenkonstrukten von einem lila Weltfrieden. Omm.

Mein Sohn hört SDP, diese Musiker bezeichnen sich als der „bunten Seite der Macht“ zugehörig. Darum haben sie meine Sympathie, denn ich stand schon immer genau zwischen der dunklen und der hellen Seite der Macht. Wir sprachen auch über die Wahl und ich staunte über seine konservativen und traditionellen Ansichten. Damit hatte er sich in den Tagen zuvor bedeckt gehalten, nun wollte er meine Meinung. Ich nickte seine Entscheidung ab. Andere Alternativen für Deutschland zu suchen ist auf jeden Fall immer besser als blau zu machen.

Am Mittwoch nervte ich dann noch einen weiteren Freund mit politischen Fragen. Ja, das sind wahre Freunde. Die dir ergeben und geduldig zuhören und kluge Gedanken ins Gespräch einbringen, deine Perspektiven erweitern und in andere Ecken leuchten. Die sich mit dir austauschen und die dich immer noch gerne mögen obwohl du es bist.

Am Mittwoch Nachmittag zuckelte ich zum Kamm hoch und legte mich in die Kuhle bei der alten Ringwallanlage aus der Steinzeit um mich mal wieder so richtig uralt zu fühlen. Das Laub raschelte unter meinem Rücken und der Eichelhäher rief mir irgend etwas zu. Ich kam erst nicht zur Ruhe, doch dieser Ort ist so dermaßen äonisch und hat deshalb auch viel mehr Geduld mit mir als ich kleines dummelndes Mensch für mich selber aufringen kann. Er war schon lange vor mir da und wird noch da sein, wenn ich längst mit meiner Asche irgendwelche Fische am Meeresgrund füttere oder vor meiner Wohnungstür verschimmelt bin, jedenfalls längst vergessen, vergeben und versöhnt. Den ganzen Weg zurück raschelte und säuselte ich also wie ein leichtes auf links gekrempeltes Blatt im Wind vor mich hin und mein Lächeln welkte, während ich den Hang halb auf dem Hosenboden hinabrutschte und mich mal wieder baumwärts abwärts über Matschstellen hinweg hangelte, doch ein bisschen Schwund ist ja immer. Vor allem in epiphanischen Momenten wie diesen.

Schweren Herzens setzte ich mich dann später am Küchentisch, nur noch beleuchtet von meiner Küchenfensteraussicht (Berge, Teuto) und machte brav meine Kringelkreuzchen, mehr in zögerlich größtmöglich schadenbegrenzender Weise als  kraftvoll begeistert von so einer tollen Partei… Erreichte schleichend wie eine Indianerin unbeobachtet von anderen den Briefkasten der Deutschen Post.. Hatte ich auch alles richtig gemacht? Nicht den Wahlschein in den Stimmzettelumschein gestopft und meine Kreuzchen in den Umbrief? Keine Blümchen und arabesken Ranken sowie unangemessene Spottbekundungen zu unerwünschten Parteien auf dem Stimmzettel gekrickelt während ich über die Tragweite meiner Entscheidung nachdachte? Nein, ich habe alles mit vorbildlicher deutttscher Zucht, Ordnung und Vorschrift erledigt. Kein Fall für die Sitte. Noch nicht. Feen genießen keine Immunität wie Politiker. Doch dafür können sich Feen fast unsichtbar machen. Ätschbätsch.

Am Donnerstag Morgen und auch am Freitag war ich dermaßen bedrückt von der Parteienlandschaft und den ganzen schlimmen Artikeln, die ich gelesen habe, dass ich mich fühlte wie ein ungelüfteter Schuhschrank.
Also hörte ich türkischen Pop. Koltuk! Ich glaube, meine Nachbarn unter mir haben den Song vom Balkon aus geshazamt, denn gestern dudelten die den Song nämlich auch. Sie haben mir schon Despacito geklaut, dabei sind das Polen und gar keine Spanier, allerdings Polen mit arabischen Freunden. Aber Hoppa, da wird getanzt und nicht lange debattiert! Debattiert manchmal auch (über die Songauswahl), ja doch, aber so laut und in unterschiedlichen Sprachen und dann werden wieder zwei drei getrunken (Allah kuckt gerade weg!) und dann ist wieder Hoppa! im Umkreis von mindestens zehn Beton-Wohnklötzchen und Umgebungsstraßen angesagt.
Überhaupt, wo war eigentlich Allah gestern Abend? Ja, der tanzte wie ein Derwisch und kuckte schon wieder mal weg, schon klar, Leute…

Donnerstag schwitzte ich mir in der Sauna die Seele aus dem Leib. Sauna ist Reinigung, auch von innen. Ich hatte nach dieser Wahl ein moddriges Gefühl, so innerlich war das, die Schleimhäute besetzend wie ein ordentlicher Katarrh mit richtig viel ekligem schleimigem Auswurf. Dagegen hilft nur Banja, ganz oben auf der Bank und Dampfbrühen. Das tötet alles ab: schleimige Mikroben und Bakterien und Politikgedanken auch. Wobei diese Politik-Leute einen harten und verantwortungsvollen Job machen, das könnte ich nie so. Muss ja auch mal so nebenbei bemerkt werden, wenn man sie schon unbedingt anfeinden will oder muss. Irgendwelche klugen Gedanken einbilden könnte ich mir ja vielleicht auch und diese sogar irgendwo veröffentlichen. Doch das machen andere besser, ich suche für mich nur nach einem Kurs, dem ich nachgehen kann und bleibe dabei so offen und beweglich wie nur irgend möglich. Starrköpfe und Schwarzweißschauer gibt es genug. Die bunte Seite der Macht ist stark in mir.

Hier am wilden ungezähmten Teuto, jenseits aller Zivilisationsgrenzen, im undomestizierten teutonischen Ackerland vor den lieblichen Hügeln des Osning…
(jaja, ich höre ja schon auf, sonst knebelt ihr mich noch an einen Baum wie Troubadix)…
…also im Teuto schien gestern beinah die Sonne. Aber nur beinahe. Man könnte sagen, dass es gutes Wahlwetter war. Nicht zu kalt und nicht zu warm. Nicht wirklich schönes Wetter aber auch nicht schlecht. Dementsprechend rege liefen die Leutchen unseres Viertels zur Urne. Die Älteren fein herausgeputzt im Sonntagsstaat. Wahltag, das war früher feinmachen. Da ging es um etwas Wichtiges, nämlich die Demokratie, um das Volk. Auch ein Kirschlikörchen vorm Kreuzchenmachen? Was heißt CDU nochmal? Fragte mich gestern meine Tochter und ich zog die Augenbrauen genauso hoch wie ihre Deutschlehrerin Frau Riechert, die ich so toll und sympathisch finde.
Weißt du doch, wie denn? klopf ich mal launig ab was bei ihr in ihrem Teenagerhirn so hängen geblieben ist von unserem Parteilandschaftsausflug vor ein paar Tagen im Internett. Teenager haben dauernd einen Shitstorm im Kopf, das weiß man ja. Christliche Deutsche Union, behauptete also mein Kind mit wichtiger Miene. Genau, grinse ich. Christlich Deutsche Union Deutschlands. Deutschland. Deutsch..deutsch…..und nochmal deutsch.
Ich kichere wie ein Huhn vorm Eierlegen, endlich mal gute Laune auf Kosten anderer!. Meine Tochter lacht erst mit Schmerzvoller Schnute und dann aber doch nach oben weg. Gesicht wahren geht eben viel besser mit einem Lächeln.
Wir ersetzten das zu viele Deutsch in der Christlichen Union durch einmal Demokratie.

Gestern brauchte ich nicht lange zum Einpellen in die Leberwurst-Sportsachen, schnell noch Luft auf die Reifen gepumpt, den Geist geschultert und abbi gehts, vier Stockwerke runter und raus vor die Tür, herrliches Wahlwetter, kann man prima Fahrrad fahren!
Gut, dass ich heute nicht in meine ehemalige Schule muss. Am Ende noch irgend welchen Wählern begegnen. Ich wähle Wald und ab die Post ging es hoch auf den Hermannsweg, ein wundersamer Fernblick, während in meinem Kopf die Wahlprognosen mit mir Schlitten fuhren bei höchstens minus 35 Grad, denn so kalt wäre es auf der Erde mindestens ohne eine schützende Atmosphäre aus atembarer Luft.

Die Wolken hingen da am Himmel wie schwere graue nasse Säcke, die Licht statt Wasser regneten, ein biblischer Himmel, passend zur Wahl. Die Vögel im Wald waren etwas schweigsam verschwommen, dafür die zahlreichen Wanderer umso lauter. Mir begegneten Rudel von Mountainbikern, die wie die Affen und meckernd wie Ziegen durch den Wald rasten, genussvolle Langsamschnelle wie mich und mindestens dreißig Hunde unterschiedlicher Bellart, Wuchsform und Gattung, vom Pudel bis zum Hütehund, vom verschäferten Spitzmopsdackel bis zum verbobtailten Boxpinscher mit Kampfsportsonderausstattung in der Kauleiste, es war einfach alles dabei, es blieb kein vierbeiniger Wunsch mehr offen. Alle. Ausnahmslos alle Hundebesitzer nahmen ihren Vierbeiner an die Leine und ließen mich mit dem Geist vorbei. Ich grüßte und dankte und dem Hund auch, weil er mich nicht verfolgte und in die Waden zwicken wollte. Einer sah erst so aus als ob er es wollte. So ein afghanischer langlockwelliger Hochwindbeiner, vibrierend misstrauisch mein großes Fahrrad beargwöhnend.
An so etwas muss man langsam und mit ein paar netten Worten zum Tier vorbei. Auch der gestrige entspannte sich wedelnd in mein Diplomatengebaren. Sofort grollten schlimmstdüstere Gedanken an meinen Stimmzettel und das herandräuende Wahlergebnis in mir auf, die ich erst nach dreißig Kilometern, drei Bergen, lauter abgelegenen Hasenpfaden, einer kurzfristigen doch sehr chaotischen Verirrung in einem engbebaumten und zugematschten Wasserschutzgebiet und einem Plausch mit fündigen Pilzsuchern in ostdeutschem Akzent halbwegs wieder los wurde.Ich stehe auf dieses knallsexy harte rollende r. Hier kann ich das ja endlich auch mal zugeben.

Zuhause badete ich erst mein Fahrrad und dann mich. Spekulationen meiner Freundin Clara, ich würde mich mit dem Fahrrad zusammen in die Wanne setzen, sind leider fruchtlos, denn meine Bade- Wanne ist zu klein. Sonst wäre ich ein Energiesparschwein. Und nach dem Bade mit dem Rade dreckiger als vorher wahrscheinlich auch. Darum schrubbte ich erst das schlammverkrustete Gefährt und dann kochte ich mich selber im Badewasser solange ab bis ich rot wie ein Krebs war. Anschließend kalte Dusche bis auch das letzte Härchen senkrecht stand und das Herz um Verzeihung für jeden einzelnen Liebeskummer und jede Fehlentscheidung winselte, die es mir jemals bescherte. Dich werd ich Mores lehren! schimpfe ich mit der störrischen Sprungtablette in meinem Inneren und bringe sie schmerzlüstern ins Herumhopsen unter dem eiskalten Wassergeschwalle.

Derart abgehärtet konnte ich die Wahlergebnisse besser aushalten als ich mich in den Lifestream zoomte. Dort redete erst Herr Gauland von der AfD und dann Herr Schulz von der SPD. Ich bemühte mich redlich hinzuhören ,doch nach fünf Minuten wurde mir schon wieder schwerst schummrig. Das lag daran, dass ich vorher Herrn Gauland zuhören musste, der Frau Merkel jagen will. Um den Parlamentstisch? Hasch mich, ich bin der schwarze Frühling? Dann diese Larmoyanzen der Verlierer. Ach, nee, kommt! Wem wollt ihr erzählen, ihr hättet das nicht gewusst? Heute Morgen hörte ich, dass Donald Trump kaum noch Koreaner nach Amiland reinlassen will. Kommen die Koreaner dann auch noch alle zu uns? Wo sollen die denn sonst hin? Zuhause bleiben geht ja auch nicht. Der Präsident hat eine Vollmeise und probt Selbstzerstörung, steckt den Iran mit seinen um eine Achse des Bösen rotierenden Atompilzphantasien an und die ganze Sandkastenbande steht wieder mal Kopf. Lauter Förmchenrocker. Was soll nur aus denen noch werden? Jetzt noch dieser Trumpelfix. Bringt die Welt in Aufruhr.
Bis auf ein kleines Dörfchen….

Hier trafen gestern Abend erste Wildgänse ein. Machen Zwischenquartier im Wasserschutzgebiet.
Wenn die Kraniche eintrudeln, wird es sentimental. Ich durfte einmal erleben, wie sich im Grau einer noch arg frühen Morgendämmerung ein Schwarm von mindestens zweihundert Tieren in die Luft hoch spiralte.

So, bevor jetzt diese ganz leicht sentimental angehauchte Stimmung mein fragil fröhliches Gleichgewicht destabilisieren kann, höre ich schnell noch einmal Koltuk, jenen lebensfrohen türkischen Song und sage: Aber Hoppa, lieb Vaterland, wer mag denn hier noch ruhig sein?

Hurra, wir leben noch… (M. Simmel)

..unter anderem…

——

Aus den Geist(er)geschichten: Frühlingsmanöver

Liebe blogfreunde,

das kann auch nur mir passieren: eine Frühlingsgeschichte im Herbst. Doch ist es nicht an der Zeit, sie jetzt zu erzählen, wenn es kälter draußen wird?

Herzliche Sonntagsgrüße von der Fee 

Ich kenne einige dieser schmalen Hasenpfade, die hinaus führen aus den Labyrinthen der Unzulänglichkeiten, den Festungen gegen die Fremdheit und den Scheinhausgefängnissen alter Schuld. Solche Wege sind ähnlich den schmalen Strauchpfaden, die ich im Wald mit meinem Mountie gerne suche, oft als Parallele zu den breiten kalkgekiesten Wanderwegen. Hier siehst du wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und die Wege sind teilweise zugewuchert, Stämme liegen quer oder Stümpfe ragen aus der Erde, glatte schmierige Steine spreizen sich auf dem Weg und ich muss so langsam fahren wie nur möglich, das Rad ist nicht sehr wendig im so einem engen Baum-Gestrüpp mit den großen 29-Zoll-Rädern.

Solche Waldwege sind so verschlungen wie oft auch meine inneren Wege und dieses Jahr im Frühling verhedderte ich mich auf einem von ihnen, allerdings draußen, in der Wirklichkeit. Magisch schimmert hier im Buchenwald das Aprillicht. Lichtfinger tanzen auf Schattenwegen vor dir her. In jedem Frühling besuche ich mittlerweile wie in einem Ritual den „Frühlingsberg“ bei Lämershagen, bewundere die weißen Schlehenschleier und suche Leberblümchen auf der Bergwiese.

Heute jedoch war ich in einem noch nicht von mir erkundetem Gebiet unterwegs. Ein Rudel Rehe stand am Hang. Ich befand mich in einem der für den Teuto typischen buchenbestandenen kleinen Talkessel und trug meine neongrüne Waldjacke. Auf die Rehe musste ich wie eine Riesenheuschrecke mit meinem seltsam knatternden Fortbewegungsmittel gewirkt haben, denn als sie mich hörten, sprangen sie erschrocken auf allen Vieren gleichzeitig hoch, rannten jedoch überraschenderweise nicht vor mir davon, sondern verhielten sich eher unschlüssig. Ich war ebenfalls eher unschlüssig und überlegte hin und her, was ich denn nun mal machen solle. Umkehren? Den ganzen beschwerlichen Weg zurück, den ich über zwei Kilometer das Rad hinter mir her schleifend, schiebend, durch Brombeerdornen und über Baumstämme zerrend bis hierher gekommen war um in einer Sackgasse gelandet zu sein?

In meiner inzwischen eher einer Verzweiflung ähnelnden Unschlüssigkeit fragte ich also die unschlüssigen Rehe um Rat, sie waren ja gerade sowieso da und ein wanderkundiger Mensch, der mir hätte weiterhelfen können, nirgendwo in Sichtweite. Die Rehe standen jedoch einfach nur herum, wackelten mit ihren Nasen, Ohren und weißen Blümchenhinterteilen. Sie schauten aus feuchten großen Rehaugen zu mir her und kauten friedlich dabei. Was mach ich denn jetzt, fragte ich sie hartnäckig noch einmal, gerade so als könnten Rehe mit Menschen reden. Ich habe mich total verlaufen, jammerte ich und futterte erst einmal meinen Reiseproviant, eine Banane. Etwas Solidarität zu bekunden, könnte ja nicht schaden, meinte ich. Die Rehe fraßen ständig und ich wünschte mir Gruppenanschluss also musste ich mitfuttern. Stolz zeigte ich den Rehen meine Banane, während diese zufrieden Weiterästen, was auch immer. Sie rupften an irgend etwas herum, ich zupfte die Bananenschale ebenfalls und legte sie an eine Stelle, an der ich hoffte, dass niemand vorbeikommen würde und womöglich ausrutschen bis mir aufging, dass das total bescheuert war, weil an diese Stelle eh niemand kommen würde, mit Ausnahme von mir Hornvieh mit Fahrrad.

Als ich aufstand, das Rad am Lenker packte und mich ergeben vorwärts in mein selbst erwähltes Schicksal schob, bewegte sich das Rudel Rehe ein Stück weit den Hang hinauf und strebte leichtfüßig zick zack tanzend  auf den Berggrat zu, auf dem ich einen schmalen Pfad vermutete. Ich beschloss ihnen zu folgen um es herauszufinden. Das Rad vor mir her bugsierend, stieg ich Meter um Meter die Böschung hoch und hangelte mich dabei an den Buchenstämmen aufwärts. Ich trat im raschelnden trockenen Vorjahres- Laub auf moosüberwucherte Buchenstämme, glitschig vom vielen Regen der Wochen zuvor und meine Beine rutschten ständig weg, loses Gerölle kullerte hinter mir den Hang hinunter. Ich blieb stehen und verschnaufte. Die Rehe sprangen vierzig Meter parallel von mir weiter munter voraus wie Slalomspringer den Bergrücken hoch, blieben dann jedoch erneut stehen und futterten natürlich erst einmal wieder etwas. Sie fanden auch immer etwas im Gegensatz zu mir, denn ich hatte nichts mehr, nicht mal ein albernes Power-Gel, was ich nun gut hätte brauchen können. Allerdings hatte ich auch null Hunger. So eine Banane stopft schon recht ordentlich und versorgt Krampfmuskeln sofort mit Magnesium. Mein Rad wiegt nur zehn Kilo. Doch selbst dieses Federgewicht von Kamel kann auch sehr schwer werden, wenn man nicht darauf sitzt und fährt, sondern es zusätzlich zum Körpergewicht als sperriges Zusatzteil mit sich führt. Ich schwitzte wie ein Affe, das Fleecefutter meiner grünen Fahrradjacke war klitschenass und durchgeweicht, meine Brille vom Geschnauft beschlagen.

Ich ahmte die Rehe nach und bewegte mich wie ein Slalomläufer, schob das Mountie am Hinterrad vorwärts, hangelte mich von Buchenstamm zu Buchenstamm langsam weiter nach oben, fing mich immer wieder durch das Verlagern des Oberkörpers ab, wenn ich abzurutschen oder zu kippen drohte und prüfte vor dem dem nächsten Schritt ob der Untergrund mein Rad und mich auch halten konnte.
Zwischendurch spähte ich immer wieder zu den Rehen hin oder nach oben, denn dort klebte ein Blauzipfel Himmelhoch und die Kuppe wirkte wie eine scharf vom Berg abgegrenzte lang gezogene Schwertklinge, bedeckt vom braunen Laub und moosüberwachsenen Stämmen. Doch wenigstens hatte ich kein Brombeergestrüpp mehr zu durchqueren, das mir die Knöchel blutig riss. Ich war noch ungefähr zwanzig Meter vom Bergrücken entfernt und das letzte Stück Steigung war gefährlich. Ich schaute mich um auf den zurückgelegten Weg und mir wurde blümerant zumute als ich sah, wie steil das hinter mir bergab ging, mein Magen schwappte sauer auf und ich hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Der Schweiß lief mir jetzt in Strömen am Körper, doch ich trug mein Stirnband und so konnte er mir nicht in die Augen laufen und brennen.

Ich musste mich sehr beherrschen nur schluckweise zu trinken, so, dass ich nicht mein ganzes Wasser austrank, die Flasche war noch halb voll und ich hatte noch ein gutes Stück Strecke zu bewältigen. Mein Rücken heulte und zeterte in den höchsten Tönen. Ich betete, während ich mein Rad weiter aufwärts schleppte, dass kein Mountainbikefahrer mich derart erbärmlich erleben musste. Ihr Spott und Hohn wären mir sicher gewesen. Das letzte Stück Steigung war oberfies.

Zum Glück fand ich immer Bäume zum Festhalten und zog mich meterweise weiter voran, bohrte die Absätze meiner flachen Fahrradschuhe in die raschelnden Laubgewölbe, klammerte mich wie ein Affe an den Buchen fest. Meine Hände waren völlig verkrampft, weil ich die Bremsen stop-and-go bedienen musste. Das Rad entwickelte einen ordentlichen Rückwärtsdrall, doch ich sprach leise mit dem Ding, als wärs ein Kamel aus Carbon: Du braver Geist bist doch mein Allerbester, wir schaffen das schon und dann fahren wir diesen blöden Weg nach Hause als wärs gar nix und dann kommst du in die Badewanne und wirst getränkt, geschrubbt und geölt bis du glänzt und quietscht vor Wonne.

Das half mir irgendwie noch weitere Kräfte zu mobilisieren, wenn ich nur an eine Badewanne dachte und die Rehe halfen auch, gewaltig sogar, denn ich fühlte mich gar nicht allein mit ihnen, sie waren Trost und Hilfe und sie wunderten sich vielleicht was dieser seltsame und schrill grün leuchtende Zweibeiner da mit seinem Knatter-Ding für einen ungebührlichen Lärm im Wald veranstaltete. Sie waren irritiert, das merkte ich schon, doch sie liefen nicht weg.
Ich muss hundert Meter gegen den Wind nach Mensch gestunken haben, doch sie blieben beinahe so als ahnten sie wie verzweifelt ich grad war und das war nicht meine erste Begegnung mit diesen Bambi-Viechern, wenn ich mal nicht weiter wusste. Rehe sind meine Delfine des Waldes.
Sie tauchen einfach immer irgendwie zum richtigen Zeitpunkt auf und begleiteten mich ein Stückchen auf meinen zeitweisen Irrwegen.

Der Wind blies ganz genau in ihre Richtung, sie mussten mich doch riechen können? Mein Jägerlatein ist sehr schlecht. Windrichtungen bestimme ich durch Anlecken meines Zeigefingers und halte ihn anschließend in den Wind. Achte auf den Sonnenstand. Ist eine Richtungsbestimmung anhand der „Windschur“ der Kronen möglich? Im Wald ist das schwierig, denn „Windschur“ findet man nur an Bäumen, die dem Wind ausgesetzt sind. Allerdings weisen die Buchenstämme an ihrer Südseite oft eine rissigere und borkigere Struktur auf, auch findet sich mehr Moos an der nach Süden gewandten „Wetterseite“. während die Nordseite glatt erscheint, wie vom Wind abgerieben. Doch dies ist nicht bei allen Buchen so und ich hatte die Orientierung verloren obwohl ein Rest inneres Gefühl noch da war, nur eben nicht klar und sicher. Mein Fahrrad wog inzwischen gefühlt Tonnen und ich kam mir vor wie eine Ameise, beladen mit dem Achtzigfachen ihres Gewichtes kurz vorm Einknicken in den Gelenken. Mein Körper veranstaltete einen Zirkus mit meinen Muskeln, dass ich dachte, ich käme jetzt keinen einzigen Zentimeter mehr weiter voran und als ich zu meinem Entsetzen auch noch feststellen musste, dass ein Baumstamm genau an der Stelle quer liegend wie ein Wall den von mir angestrebten Weg blockierte, hätte ich am liebsten vor Frust losgeheult.

Ich hatte schon Sternchen vor Augen und fühlte mich wie eine Comicfigur von Vögelchen umzwitschert als ich fest stellte, dass eine Sippe Kohlmeisen auf dem Bergrücken quasi über meinem Kopf saß und lautstark tratschte. Jetzt wusste ich es ganz sicher, dass ich eine Comic-Figur in einem Disney-Cartoon war. Es fehlte nur noch Micky Mouse. Die Meisen juckte allem Anschein nach kaum, dass ich stöhnend und ächzend mein knatterndes Rad schulterte und es unter inzwischen ziemlich vernehmbar gezischten Höllenflüchen über diesen Baumstamm zu bugsieren begann, während es mir vorkam, dass ich waagerecht vom Boden abstand und nicht senkrecht wie es richtig ist. Ich hatte Angst, dass ich hintenüber kippen könnte, nur dass dies kein Karussell mit Sicherheitsbügel und Lehne war, sondern hinter mir ein steil abfallender Hang mit scharfkantigem Kalkgeröll der nur wartete auf den Aufprall meines Körpers und meinem Fahrrad. Die Kohlmeisen flüchteten sich über dem Krach, den ich produzierte hinein in das Geäst einer jungen Birke, die sich versuchte einen kleinen Platz an der Sonne zwischen den hohen Buchenkronen zu erobern.

Entschieden blockierte ich die Idee, samt Rad hintenüber zu kippen und kopsterdibolter den Hang hinabzustürzen. Statt dessen pflanzte ich mir ein Bild in den Kopf, dass mich glücklich mit Meisen und Rehen kommunizierend (Original Disney!) fröhlich auf dem Rad sitzend und fahrend, darstellte. Diese sehr unangebrachte und haarsträubende Euphorie half mir mehr als alles andere, denn ich schaffte es irgendwie das Rad über den Baumstamm zu hieven und mich selbst hinterher zu zerren. Auf allen Vieren und mit Tannenzapfen und vielen kleinen Zweigen im Zopf. Das darf ich doch wirklich niemandem erzählen, da lachen ja die Hühner….

Ich fühlte mich wie Herkules nach dem Ausmisten der Ställe des Augias. Ich wollte einfach nur noch in stabiler Seitenlage liegen bleiben, die Augen schließen und in diesem wonnigen Zustand hinüber gleiten in einen total heroischen Tod. Mein höchstpersönliches Frühlingsmanöver war das hier. So eine kreuzdämliche Aktion bringst auch nur du hin! schimpfte ich.. Die Meisen saßen ein Stück weiter im Gebüsch und spotteten. Man muss auch Spott gönnen können und wer den Schaden hat, so wie ich, spottet bekanntlich jeder Beschreibung. „Lacht mich nur aus!“ moserte ich leise und beleidigt, eingepellt in mein schweiß triefendes Zeug wie eine Leberwurst.

Die Rehe verabschiedeten sich nicht von mir, das machen sie nur selten. Sie sprangen einfach davon. Ich beobachtete die leichte und behende Anmut, mit der sie über die laubbedeckten Hänge setzten und folgte den aus meinen Augen nun schnell entschwindenden Blümchenhinterteilen, das Rad schiebend, erst einmal auf dem schmalen matschigen Pfad in südlicher Richtung. Dieser Bergrücken nahe Lämershagen ist einer der reizvollsten, die ich in dieser Gegend kenne. Man braucht aber Kletterfestigkeit. Rechts und links wächst an den Hängen wilder Bärlauch, nach Knoblauch duftende Maiglöckchen, die heute in der regionalen Küche schon fest etabliert sind. Jetzt waren sie noch am Anfang, ein zarter Grünschimmer über den Hängen. Zum Ende des Weges wurde es dann doch noch einmal abenteuerlich, denn ich musste den Berg auf dem ich wie auf einem Drachenrücken entlang gegangen war, wieder hinunter und wieder ging es steil hangabwärts, doch diesmal geführt vom schmalen Pfad.

Wie zur Belohnung voran gegangener Strapazen öffnete sich vor meinen Augen eines der lieblichen Langtäler des Teutoburger Waldes. Der Blick auf die anderen Berge machte mir Kopf und Brust frei, ich ließ die Augen kuppenwandern und ausschwärmen bis ich mich fit genug fühlte um mich an die Abfahrt zu machen, ich hatte noch ein kurzes Stück Straße bis ins Tal und freute mich auf eine glatte schnelle Fahrt. Meine Knochen sehnten sich nach einem heißen Bad und frischer Wind wehte mir um die Nase, die ersten Amseln sangen laut und versprachen die Ankunft des herannahenen Sommers und dieser ließ sich dann Zeit bis der Herbst eintraf.

—-