ABC-Etüden: De mortuis nihil nisi bene 

Liebe blogfreunde,

Da ich die letzten Etüden krankheitsbedingt schreibunlustig war, habe ich mich hier gleich zwei Wortschenkern zugewandt und aus den Schenkworten einen Text gewoben. Er ist auf das derzeitige wetterbedingte Geschehen und die Not durch Überschwemmung in vielen deutschen Städten und auch vom Tod Helmut Kohls inspiriert. Ich halte es für ganz großen Kokolores, immer nur gut über Tote sprechen zu wollen. in meinen Augen entseelt sie das zu sehr.
Einer, der Fehler macht und auch zugeben kann, steht mir immer näher als ein Maskierter im Mummenschanz seiner Etiketten.
Die letzten Zeilen sind schlesisch und stammen von meiner Großmutter. Trösteworte, die mir immer irgendwie halfen, wenn es mal heftig kam in meinem Leben. vielleicht, weil sie aus einer sehr hungrigen Nachkriegs-Zeit stammen, in der Klöße im Backrohr für ein Kind den Himmel auf Erden bedeuten konnten.
Wie immer bedanke ich mich bei Ludwig Zeidler. Besonders die zartblaue Illustration von Bruni’s Worten, sprach mich sehr an. Hier geht es in Brunis poetische Wortwelten.
Karin’s Film über den erst die Bühne verschönernden und dann richtig groovig abrockenden Paradiesvogel, macht bei meinen Kindern fröhlich die Runde. Der Vogel ist ein cooler Held.
Christiane, die Hüterin der ABC-Etüden und alle anderen Teilnehmenden grüße ich herzlich in den bei uns regnerischen Sonntag.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

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Mal wieder einzigartig:
Ein Sommer wie ein überlaufendes Vogelnest.
Sinnlos, seinen katastrophalen Auftritt leugnen zu wollen. Früher war alles besser.
In den Straßenschluchten schwallt heute unübersehbar das Wasser,
das Fahren mit dem Auto gerät zur Achterbahn auf Aquaplaningstraßen, Keller laufen voll,
die Ratten ersaufen in regenrauschenden Abwasserkanälen.
Leute sprechen Trauerreden ganz anders auf
als sie sich zu sagen trauen.
De mortuis nihil nisi bene.
Sterben tut‘ sich’s von ganz alleene.
Nu weene, Liebes
nu weene mal nicht.
Im Rohr steh’n die Kließla
du siehst se bloß nicht.

Die Verweigerung der Ohnmacht, still zu stehen.

Die diesjährige Projektwoche in der Schule befasst sich thematisch mit der Bundeswehr und ihren Funktionen. Sie steigt in den Bus, der sie zusammen mit der Klasse zur Bundeswehr-Kaserne bringt. Es ist noch kalt, sie hat die rote Cordjacke mit der Kapuze angezogen, doch den Frühling schmeckt sie bereits in der milden Luft. Aus dem Busfenster beobachtet sie einen Schwarm Kraniche und lauscht dem Stimmengesumm um sie herum. Ihre Schulkameradin hat einen Walkman dabei und hört Anne Clark. Ihr Kopf bewegt sich rhythmisch zu den Beats und sie formt mit den Lippen die Lyrics nach. Die Lümmel aus der letzten Reihe sitzen natürlich auch im Bus wieder ganz hinten in der letzten Reihe und halten wie üblich den Klassenlehrer auf Trab. Es riecht nach Leibnitz Butterkeksen und Schinken-Butterbroten, nach Äpfeln , mit Papier gefüllten Tornistern und Schule. Sie schließt die Augen und lässt sich treiben, der Bus schaukelt ihren Körper sanft hin und her.

Die Fahrt dauert eine knappe Dreiviertelstunde. Ein junger Feldwebel nimmt ihre Klasse in Empfang, spricht ein paar Begrüßungsworte und erklärt, was es mit der Bundeswehr im Allgemeinen und den Pflichten und Diensten hier in der Kaserne so auf sich habe. Stolz präsentiert er seinen tadellos aufgeräumten Spind. Alles riecht hier nach Kontrolle bis in die kleinste Knickfalte der in Stapeln säuberlich gefalteten Pullover in den Spindfächern. Auch das ordnungsgemäße Falten und Zusammenlegen eines Kleidungsstückes demonstriert der Feldwebel und führt vor, wie man ein Hemd nach Vorschrift in ein perfektes Quadrat verwandelt. Die Lümmel aus der letzten Reihe setzen betont verweigernde und trotzige Mienen auf. Ihr Klassenlehrer behält sie wachsam im Auge, denn sie machen Anstalten sich verdrücken zu wollen und zappeln während der Demonstration des Feldwebels unruhig mit den Füßen.

Anschließend besichtigen sie den Speisesaal und lassen sich über Küchendienste und Dienstbereitschaften aufklären. Als nächstes betreten sie einen Seminarraum und werden ausgiebig über die Funktion der Bundeswehr in Deutschland informiert. Dann spricht der Feldwebel über Waffen. Er hat einen selbst ladenden Karabiner Carbine M1 dabei und klärt die Klasse darüber auf, dass dieses Gewehr im zweiten Weltkrieg eingeführt wurde und bis heute eingesetzt wird. Sogar die Lümmel aus der letzten Reihe halten jetzt gebannt ihre vorlauten Mäuler und sogar ihre Klassenkameradin, die sagt, dass sie Krieg und Waffen hassen würde, folgt gebannt den Ausführungen des Feldwebels. Sie findet Waffen so richtig scheiße und laut sind sie obendrein auch noch. Schusswaffen sind gemein und tückisch, denkt sie und beobachtet wie der junge Feldwebel die Waffe mit lautem Klicken auseinandernimmt und routiniert schnell wieder zusammensetzt, eine millionenmal eingeübte Geste, dabei erklärt er wie wichtig die Einhaltung der korrekten Reihenfolge sei, damit man sich nicht aus Versehen ins Knie schießt. Die Klasse lacht laut. Sie findet das hier alles andere als komisch oder witzig. Eher bierernst. Schusswaffen lassen dem anderen keine Chance, seine Stärke zu beweisen oder zu fliehen. Schusswaffen sind sowas von feige und unkriegerisch! zischt sie verächtlich und Matthias neben ihr nickt sanft, das Gesicht vor Ekel verzogen. Er hat lange Haare wie ein Mädchen. Seit dem Praktikum auf dem Schlachthof zu dem ihn seine Eltern genötigt hatten, ist er strikter Vegetarier und lehnt Gewalt grundsätzlich ab. Matthias gehört zu ihrer Clique, sie hört sehr gern Platten mit ihm. Er ist irgendwie noch ganz anders als die anderen. Sie weiß, dass er niemals ein Soldat werden könnte. Bei den anderen ist sie sich da nicht so sicher.

Sie hat noch keinen Freund, so wie die anderen Mädchen. Sie hat nur ihre Kumpel, ihre Clique. Manchmal denkt sie darüber nach wie es wäre wenn sie mit Matthias „ginge“. Doch sie denkt den Gedanken nie bis zu Ende. Endlich ist die halbstündige Vorführung mit Waffe und Diaprojektor beendet. Erleichtert geht sie mit den anderen aus dem Raum. Der Exerzierplatz ist der nächste Anlaufpunkt. Sie muss mal. Es wird langsam dringend. Also fragt sie ihren Klassenlehrer ob sie mal zur Toilette dürfe. Er nickt und spricht kurz mit dem Feldwebel. Dieser bringt sie zu einer Toilette. Es ist ein seltsames Gefühl an einem Ort zu sein, an dem es nur Männer gibt. Doch 1984 ist das bei der Bundeswehr noch so, auch hier. Die Toilette ist wie alles in dieser Kaserne sehr sauber und gepflegt. Nirgendwo ein Stäubchen. Sie tritt in den langen leeren Flur. Von fern hört sie Stimmen und versucht darin die ihrer Klassenkameraden ausfindig zu machen. Sie sucht den Weg Richtung Ausgang, verläuft sich in den Gängen, immer neuen Abzweigungen, bis sie sich völlig darin verloren hat. Ewigkeiten scheinen ihr seither vergangen zu sein. Am Ende des langen Flurs ist eine Ausgangstür nach Draußen, sie lässt sich öffnen. Sie steht in der Sonne auf einem Exerzierplatz, doch es ist ein anderer als der, auf dem sie sich vorher mit ihrer Klasse befand. Hinter dem Exerzierplatz standen aufgereiht die großen Panzer. Sie kommen ihr vor wie raubgierige große Tiere in Lauerstellung, zum Sprung bereit. Neugierig geht sie näher an die Panzer heran. Es sind gewaltige Maschinen. Sie betrachtet sie und nimmt wieder diesen Waffengeruch wahr, diese Melange aus Schmiere und Metall. Alles ist still, sie hört keine Stimmen und sieht niemanden. Also beschließt sie, weiter nach ihrer verschwundenen Schulklasse zu suchen. Sie dreht sich um, den Panzern den Rücken zu und bewegt sich auf die Stirnseite des Gebäudes zu, an der sie den anderen Platz und auch ihre Klasse vermutet. Die Sonne brennt heiß auf ihren Rücken, ihr wird schwitzig und warm in ihrer dicken Cordjacke. Sie bleibt stehen und nestelt am Reissverschluss.

Hinter ihr entsteht abrupt ein lautes Geräusch, es kommt von einer Maschine und sie fährt überrascht herum, die Hand am halb heruntergezogenen Reißverschluss ihrer Jacke. Einer der großen Panzer bewegt sich! 70 Tonnen Panzerstahl halten auf sie zu, die schweren Gleisketten erzeugen ein nervenzerfetzendes Gekreische und kommen ein Stück von ihr entfernt schließlich zum Stillstand. Der Geschützturm dreht sich und richtet das Rohr exakt auf ihren Körper aus. Entgeistert blickt sie direkt in die Mündung und hört ein lautes Klicken, das aus dem Innern des Panzers dring. Eine stählern zwingende Lähmung, schwer und giftig wie Blei breitet sich in ihr aus. Sie fühlt sich winzigklein, riecht den heißen Militärgestank, ihr wird übel. Sie kann sich nicht bewegen, sie will fortrennen, doch es geht nicht! Sie steht da wie festgewurzelt. Sie erkennt die letzten Augenblicke des Kaninchens mit der Schlage.  Heiße Angst schießt in ihr hoch. Was, wenn sich ein Schuss lösen würde? Was bliebe übrig von ihr? Würde das Sterben wohl lange weh tun? Wie weh würde es tun von einem solchen Geschoss in Blut und Fleischfetzen, Gehirn und sonstige matschige Innereien verwandelt zu werden? Nur noch Masse zu sein, rohes Fleisch? Etwas in sich eindringen zu fühlen, das alles so dunkelrot und glänzend zerreißt wie ihre Cordjacke? Sie spürt wie sie zittert, ihr Magen sich hebt und senkt. Sie kann es nicht kontrollieren. Das Zittern erfasst ihren Körper ganz, sie verliert jegliches Gefühl, sie fühlt auf ihrer toten Winterblasshaut nun gar nichts mehr. Sie spürt wie ihr Geist fliehen will, raus aus diesem Körper, der sowieso sterben muss, ja jetzt gleich und auf der Stelle durch einen saublöden Unfall oder so etwas und sie versucht sich festzuhalten an sich selbst, doch es geht nicht, sie kann ihre Hände nicht bewegen. Sie kommt zwar just vom Klo, doch seltsamerweise hat ihr Körper Flüssigkeit in der Blase gespeichert, wo er sie hernimmt, weiß sie nicht mehr, spürt nur wie ihre warme Pisse mit ihrer Beherrschung an ihren Beinen herunterläuft und als sei dies nicht schlimm genug, beginnt etwas in ihr zu würgen und will raus, unbedingt und sofort sich von innen nach außen stülpen. Jetzt lassen sich ihre Hände endlich bewegen, sie registriert, dass sich oben auf dem Panzer eine Klappe öffnet, doch da kotzt sie schon und das erbrochene Morgenmüsli tropft auf ihre Füße, auf ihre Turnschuhe mit den Streifen und alles riecht sauer in ihr und um sie herum. Irgendwer ist aus dem Panzer ausgestiegen, dann wird alles schwarz. Sie bemerkt nicht mehr, wie Arme um sie herumgreifen und versuchen aufzuhalten, dass sie umkippt und mit dem Kopf auf die Steine schlägt, eine Platzwunde am Kopf hinterlassen, das Blut läuft raus. Krieg tut immer nur weh, das weiß sie nun auch ohne, dass sie zerschossen wird und in Menschenmatsch verwandelt. Krieg ist so rot wie die Scham, wie ihre Scham, weil sie sich eingepisst und vollgekotzt hat wie ein Kleinkind.

Niemand aus ihrer Klasse sagt etwas. Alle wirken irgendwie betreten, am allermeisten der Soldat, der den Panzer fuhr und sich mit seinen Kumpeln einen Heidenspaß erlauben wollte. Er entschuldigt sich bei ihr, seine rote Mütze unbeholfen in den langen Fingern knautschend, drehend, wendend. Es war doch nur ein harmloser kleiner Jux. Es sollte doch nur lustig sein. Dass so etwas passiert, habe er doch nicht ahnen können und seine Kumpel doch auch nicht! Der Feldwebel hat den Soldaten oberstreng schweigend ins Fixier genommen. Nun brennt die Scham in ihr noch tausendmal heißer, flammt ihr Gesicht, brennt die Ohren rot. Sie ist eine richtige Spaßbremse! Nun würde dieser Soldat Ärger wegen ihr bekommen, nur weil sie sich dem Spaß verweigerte. Sie erinnert sich an Indianerspiele mit Kleinkindfreunden. Ihr Name ist zwei Federn. Sie trägt sie immer im Haar. Sie ist eine Medizinfrau und hängt öfter am Marterpfahl als ihr lieb ist. Die anderen finden sie einfach immer viel zu schnell bei Versteckspielen, sie ist nicht raffiniert genug, es ist schlimm. Immer fühlt sie sich so leicht durchschaubar und zu beeindrucken auch. Mit ihr können es die anderen gut machen.

Matthias, der auf der Heimfahrt neben ihr sitzt, hat sich in ein Buch vertieft. Animal Farm von Orwell, nehmen sie gerade in Englisch durch. Sie fragt sich ob sie wohl noch nach Kotze stinkt, obwohl sie versucht hat, sich in der Toilette der Kaserne notdürftig mit grauen dünnen Papiertüchern zu reinigen, schnüffelt prüfend an sich herum. Sie meint immer noch etwas zu riechen und ekelt sich vor sich selbst, fühlt sich beobachtet von den anderen. Endlich erreichen sie die Schule. Matthias fragt sie ob sie nachher noch vorbeikäme zum Musikhören. Er habe eine affentittengeile neue Scheibe von Bowie. Hot stuff. Sie hat sich noch nie so sehr über eine Einladung zum Plattenhören gefreut wie jetzt gerade. Nicht nur wegen Bowie, den sie anhimmelt. Strahlend in ihrem Kotzgestank sagt sie zu. Später sprechen sie kein einziges Wort über den Vorfall in der Kaserne.

Doch als sie später am Nachmittag auf seiner karierten Couch in seinem Jungszimmer sitzen mit der Wattenmeerfototapete im Rücken, erzählt ihr Matthias von dem Praktikum auf dem Schlachthof. Sie will von ihm wissen ob es das Blut gewesen sei, der Gestank, das Rohe, das ihn so ekelte. Matthias denkt nach. Eine blonde Strähne seiner langen Wuschelmähne ist ihm über die Schulter gefallen und er fixiert ein Wattwurmloch auf der Fototapete. Er spricht nicht besonders viel, auch nicht gern. Manchmal sei er selbst  nur so wie ein Wattwurm wie auf seiner Fototapete, sagt er. Seine schlaksige Gestalt klappt leicht vornüber, die Schultern rund, so wirkt Matthias auf sie wie einer dieser Steinengel auf Friedhöfen, nur wie einer ohne Flügel. Es sei die Angst der Tiere gewesen, die ihn so abgestoßen habe. Er habe sehen müssen wie sie verzweifelt zu fliehen versuchten und schrien vor Qual und Panik. Das Blut an den weißen Kachelwänden. Das sei einfach alles viel zu viel für ihn gewesen. Er habe es irgendwie zu Ende gebracht, mit Todesverachtung vor den Menschen im wörtlichen Sinn. Menschen  stinken doch nach dem Tier, das sie quälen, schlachten und fressen, sagt er. Seine Nase hat sich angeekelt hochgezogen und zuckt. Er sagt, diesen Geruch nach Verwesung, Angst, Blut und totem Fleisch im Schlachthaus könne er niemals wieder vergessen. Sie glaubt ihm jedes einzelne Wort und einen Moment lang überlegt sie ob sie ihm gestehen soll, dass sie sich nicht nur vollgekotzt hat und ohnmächtig umgekippt ist, sondern sich obendrein auch noch vor Angst eingepisst hat. Doch dann lässt sie das lieber. Sie ist ja schließlich ein Mädchen und die dürfen über sowas nicht sprechen mit Jungs sonst ekeln die sich vor Mädchen, lernte sie von einer verbitterten Älteren, die Mädchen generell ekliger fand als Jungs.

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Konzeptionelle Fotokunst: Uwe Schramm

(mit freundlicher Genehmigung und Dank)

Dieses unerträgliche Mädchen

Sie ist zehn Jahre alt und ihr Stock klappert fröhlich an den Zaunlatten am Gehwegrand entlang. Der lange Pferdeschwanz hüpkert vergnügt hinter ihrem Schatten her. Komm doch mal rein, ich will dir was zeigen. Im ersten Gefühl will sie die Stimme unbeachtet an sich vorbeifließen lassen, doch das wäre unhöflich. Ihre Eltern würden mit ihr schimpfen, wenn sie nicht wenigstens die alte Nachbarin grüßen würde. Wie ein Kloppstock steht diese in ihren Türpfosten und seziert sie mit ihren Blicken als sei sie ein Insekt auf einem Objektträger. Die  Nachbarin ist ihr unheimlich. Vielleicht, weil diese Frau allein lebt und nur selten Besuch erhält. Sie gehört irgend einer komischen Sekte an. Ihre Mutter erzählte, dass die Anhänger dieser Sekte glauben, dass ihnen im Jenseits  ein Arm abgehackt wird, wenn sie es nicht zu Lebzeiten schaffen, dem lieben Herrgott eine bekehrte Seele zu bringen. Zögerlich bleibt sie stehen, der Stock hängt schlaff in ihrer Hand, in ihren Haaren speichert sich zart kitzelnd heiße Sonne. Die Stimme der Nachbarin wiederholt hartnäckig ihre Einladung: Nun komm schon! Es ist etwas ganz Tolles, was ich Dir zeigen will! Sie überlegt zweifelnd hin und her. Ihre Eltern haben ihr beigebracht, nicht in fremde Wohnungen zu gehen. Dies ist eine fremde Wohnung, auch wenn es nur das Nachbarhaus ist. Froh, eine gute Ausrede für ihr Fernbleiben gefunden zu haben, antwortet sie der schmalen Silhouette im Hauseingang, dass sie nicht in fremde Wohnungen gehen dürfe. Ihre Eltern hätten ihr das total verboten. Nun komm schon, deine Eltern kennen mich doch gut. Es wird schon alles in Ordnung sein. Irgend etwas in ihr sträubt sich, in die Wohnung dieser Frau zu gehen, sie kann sich dieses Gefühl selbst nicht recht erklären. Bei einigen Menschen hat sie es einfach. Es sagt ihr, dass es besser sei, diese Menschen zu meiden. Es ist ein Angstgefühl und nun wummert es dunkel in ihr. Von der Nachbarin strahlt eine Art Kälte aus, obwohl sie versucht ihr gegenüber alle Herzlichkeit der Welt aufzubringen, fast schon in einer andienenden Weise und vielleicht ist es dieses Verstellte und im Hintergrund Lauernde, was ihr diese unerklärliche Angst einflößt.

Sie ist sich unschlüssig was sie nun tun soll, sucht nach einer Ausweichmöglichkeit, einem offenen Fluchtweg. Ich muss erst Mama um Erlaubnis fragen gehen, versucht sie eine Entschuldigung anzubringen. Doch wie still befürchtet, ist die Nachbarin auch hier beweglich wie ein Reptil und steuert entgegen, dass das, was sie ihr zeigen wolle nur wenige Minuten in Anspruch nähme. Sie ahnt dunkel, dass sie aus dieser Zwickmühle der Höflichkeiten schlecht wieder herauskommen würde. Resignierend wirft sie noch einen Blick auf ihren Braken, den sie sich im Wald gesucht hatte, lehnt ihn an den Zaun und bewegt sich widerwillig auf den Hauseingang zu, in dem die Nachbarin steht und wartet. Papa hatte sie apodiktisch angewiesen, dass sie immer sehr aufmerksam ihr gegenüber sein müsse, da sie so einsam sei und allein lebe, weil sie ihren Mann schon vor vielen Jahren, als sie selbst noch gar nicht geboren war, im Krieg verloren habe. Zu solchen Menschen müsse man lieb sein, weil sie immer traurig sind, dass sie jemanden verloren haben, bestimmte der Vater.

Sie betritt also das stille Haus und im dunklen Flurschlauch schimmert ein Bild aus Worbswede. An allen Wänden hängen die Bilder, Aquarelle und Ölbilder  in wuchtigen Barockrahmen mit goldenen Ornamentiken, bunte Blumensträuße in schlichten Rahmen und und die geduckten Häuser im Worbsweder Moor, eine Dame in einem bunten Blumenfeld, mit einem altmodischen Hut. Eine Art schwebend ferner Zauber geht von diesen Bildern aus. In der Wohnung riecht es genauso so seltsam wie sie ihre Nachbarin insgeheim empfindet. Zwar reinlich, doch dabei irgendwie muffig und schlecht gelüftet. Ein leicht fischiger Unterton schwingt in der Luft. Der Schnitt des Hauses ist identisch mit dem ihres Elternhauses. Doch bei ihren Eltern steht die Terrassentür mit den ersten Sonnenstrahlen im Februar weit offen und es duftet immer frisch nach dem Garten. Hier, nur ein Haus weiter jedoch, kommt sie sich vor wie in einer Gruft mit Bildern, die das Draußen larmoyant und verschwommen spiegeln. Die Bilder riechen komisch, der Fischgeruch geht von ihnen aus, wie ihre Nase feststellt. Auf einem hohen Regal an der Stirnseite des Wohnzimmers befindet sich ein hohes Bücherregal. Die Sitzgruppe aus eleganten cremefarbenen Möbeln steht am gleichen Platz wie bei ihren Eltern. Doch das ist auch schon alles, was die beiden Häuser außer ihrem Schnitt an Ähnlichkeit gemeinsam haben. Ansonsten unterscheidet sich dieses Haus von der Stimmung her gänzlich vom Haus ihrer Eltern. Hier ist das Leben abwesend, es ist wie gemalt. Die schweren Holzrolläden sind heruntergelassen, der Raum wird in dämmriges Halbdunkel getaucht. Sie liest die Titel der Bücher im Regal, es sind hauptsächlich Kunstbände über Malerei, Reiseberichte aus fernen Ländern und das oberste Bord belegt eine lange Reihe dicker Bücher. Ihre Nachbarin steigt auf einen kleinen Hocker und holt das dickste Buch vom obersten Regal.  Setz dich doch! wird sie nachdrücklich dazu aufgefordert, in einem der mit cremefarbenen Stoff bezogenen kleinen Sessel Platz zu nehmen. Dann wird ihr das dicke Goldbuch in den Schoß gelegt. Schau mal, kennst du das Buch? Natürlich erkennt sie es. Das ist eine Bibel und zwar eine dermaßen schwere und dicke Bibel wie sie sie noch niemals zuvor sah, außer vielleicht in der Kirche, von fern, auf dem Altar. Du darfst sie dir ansehen, wenn du willst, ermuntert sie die Nachbarin. Sie schlägt die dicke Bibel auf. Ihre Augen quellen über. Was für ein prächtiges Buch! Die biblischen Szenen sind wie in einem bunten Bilderrausch gemalt, ihr fällt dazu nur das Wort überschwänglich ein. Mit gesenktem Kopf blättert sie sich bis hin zur Kreuzigungsszene. Sie will schnell weiter, doch  ihre Nachbarin legt die Hand auf die Seite. Warte, befiehlt sie und es klingt jetzt streng und bestimmter als zuvor. Diese Szene hier ist besonders wichtig, das weißt du doch. Sie will das nicht sehen. Sie findet das Bild mit Jesus am Kreuz furchtbar grausam. Versteht nicht, warum so etwas so angebetet und verherrlicht wird. Ich kann das nicht gut anschauen, mir wird da schlecht von, sagt sie und spürt hilflos, wie ihr Magen beginnt sich in anschwellenden  Zuckungen auf und ab zu bewegen, als habe er ein Eigenleben mit schwerem Seegang entwickelt, noch während sie das rote Blut anstarrt, das aus Jesus’ Wunde für immer und ewig herausläuft.  Er starb nur für uns! raspelt in ihre Übelkeitswallungen die wie ausgetrocknet klingende Altstimme der Nachbarin was dazu führt, dass ihr noch erbärmlicher als zuvor zumute wird.Etwas regt sich in ihr, ein Trotz, ein Willen und es bricht aus ihr heraus: Das habe ich nicht gewollt! Für mich hätte er niemals sterben müssen! Ich will das nicht! Sie verkrampft ihren rechten Fuß bis er brüllt vor Schmerzen. Sie spürt wie groß ihre Wut wächst. Niemand hat das Recht einfach für mich zu sterben! platzt sie plötzlich los. Ich kann überhaupt nichts dafür, dass Jesus tot ist! Warum muss ich mir das dann ansehen?

Sie verspürt einen anarchischen und tief sitzenden Mut. Sorgfältig vermeidet sie während ihres Ausbruchs den Blickkontakt zur Nachbarin. Diese sieht etwas erschrocken aus, so dass sich beginnt zu schämen, weil sie so heftig war. Schnell fügt sie an, dass sie immer in die Kirche geht. Jesus Blut fließt weiter aus dem Bild, sie riecht den ozeanischen Trangeruch in der Zimmerluft und sehnt sich immer stärker und immer drängender nach dieser Luft da draußen, nach dem Frühling und der warmen Sonne, nach dem Wald und seinem Duft, ihr Körper fiebert nun regelrecht danach, er giert und will nicht länger hier sein. Doch die Nachbarin gibt keine Ruhe und will von ihr wissen wie oft sie in die Kirche ginge und ob sie vielleicht Lust habe, öfter mal bei ihr vorbeizukommen um die schöne Bibel anzuschauen? Sie sei in einer ganz  tollen Gemeinde und da gäbe es auch Spielangebote für kleine Mädchen wie sie eines sei.

Sie geht nicht gern in die Kirche. Sie mag das gar nicht. Dort sind immer viele Menschen auf einmal, die sie alle nicht kennt und die alle unterschiedlich riechen. Die einen nach Zwiebeln, die anderen nach Knoblauch oder Alkohol oder einfach unangenehm nach fremden Menschen. Es ist laut in der Kirche. Viele singen furchtbar falsch, das tut ihren Ohren weh. Die Predigten findet sie furchteinflößend und manchmal auch gemein, weil diese Worte ihr Angst machen wollen und sie nicht versteht warum. Ihr Kindergott ist kein Angstgott, ist nicht einmal ein Mann oder eine Frau, doch die Kirche tut so als sei es ein Mann. Doch das alles in ihr verrät sie ihrer Nachbarin nicht. Sie will vermeiden, dass sie weiterhin über dieses Thema sprechen muss, immer obskurer erscheint ihr dieses Zimmer mit seinem verblichenem Gilbtapeten, immer bedrohlicher spitzt sich diese Situation zu. Sie ahnt, wie schrecklich in dieser Bibel die Höllenbilder erst aussehen müssen, ein Panoptikum der Qualen und sie fragt sich, wie Menschen so etwas Furchtbares malen können ohne wahnsinnig zu sein. Gepresster als sie es will stößt sie hervor, dass sie nun aber schnell gehen müsse, ihre Mutter würde sich sonst Sorgen machen.

Wenn sie im Wald unterwegs ist, vergisst sie manchmal, dass ihre Mutter sich Sorgen um sie macht, verliert sie ihre Zeitpflichten. Das gibt oft tüchtig Ärger. Doch diese Situation hier ist etwas anderes. Ihre Eltern wären alles andere als einverstanden mit dem, was hier gerade geschieht, das weiß sie. Sie soll hier auf etwas vorbereitet werden und sie spürt in der Stimme ihrer Nachbarin ein Drängen gleich  etwas Sonderbarem und Getriebenen. Das verursacht ihr große Angst. Ihre Großmutter hat ihr beigebracht, dass es Menschen gibt, die den bösen Blick haben. Sie sind Seelenfänger, hat sie ihr erklärt, sie solle sich vor solchen vorsehen und gut Acht geben, weil Menschen Masken der Freundlichkeit aufsetzen und sich dahinter ein fresslustiger Dämon verbergen könne. Verstohlen beobachtet sie die Augen ihrer Nachbarin. Sie scheinen zu flackern, eine Art ungesundes Leben ist in diese Augen getreten, wie etwas, das untergründig in der Frau geschlafen hat und nun erwacht war wie ein gieriges Raubtier auf Beutesuche. Sie fühlt sich wie eine kleine Schlange unter dem Kreuz Christi. Eine Blindschleiche, etwas Harmloses, etwas, das leicht zertreten werden kann. Unter dem Buchdeckel der schweren Bibel streckt sie Zeige- und Mittelfinger zum waagerechten V gegen den bösen Blick. Heimlich, so dass die andere die Schutzgeste nicht mitbekommt. Sofort fühlt sie sich viel besser.  Behutsam klappt sie die schwere Bibel zu. Das ist eine wunderschöne Bibel, kommentiert sie höflich ihre Geste. Dann hebt sie den Wälzer hoch und reicht ihn der Nachbarin. Sofort fühlt sie sich besser. Ihre Arme leichter und freier. Beinah widerwillig nimmt die Nachbarin das Buch entgegen. Ihre Enttäuschung riecht nach alten sauren Träumen oder so wie sich vorstellt, dass kranke Seelen riechen müssen. Sie will nur noch weg. Raus aus diesem Mief angesammelter Vergangenheitsstücke, weg von dieser Abwesenheit jeden Lebens, sogar die Blumen auf dem Fensterbrett wirken hier leblos und zwischen grünen Sanseverienblättern stecken Textilblumen. Ich muss jetzt wirklich gehen, drängelt sie und steht endlich auf. Die Wände schwanken auf sie zu, ihr ist übel und klamm, ihre Knie fühlen sich weich und wabbelig an. Sie denkt an die Sonne, die da draußen warm scheint und die Vögel rufen sie. Eilig strebt sie durch den Flur mit den Ölgemälden. Sie hätte gern gefragt, ob die Nachbarin sie alle selbst gemalt hat, doch dazu müsste sie weitere Zeit mit ihr verbringen und sie ahnt, dass jede Antwort wiederum von irgendwelchen religiösen oder frommen Schattierungen gefärbt sein würde und das ist der tiefste intuitive Ursprung einer regelrechten Höllenangst in ihr. Als sie endlich in der Eingangstür steht, erleichtert die warme duftende Luft im Rücken fühlt, schon halb mit dem Fuß von der Stufe auf dem Gehweg steht, fragt sie die Nachbarin, warum sie die Terrassentür nicht öffnen würde um den fröhlichen Frühling einzulassen? Weil mich der laute Gesang der Vögel so stört, antwortet diese mit lebloser Stimme. Ich kann ihn nicht ertragen.

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Windrodung

Sturmflammen fetzen unerbittlich vorwärts, die Füße müssen mit, ein Rückengefühl wie aufgezogen. Die blaugraue Taube mit der Tupfenkette um den Hals hat sich in den Windschatten der Beine gehängt, lässt sich mitziehen. Gesichterverhetzte Unruhe, die Lippen zusammengepresst das hastige, das gelbe Starren wirkt wichtig wie die aufgeblasenen unheilschwangeren alten Plusterwolkensäcke. Der Regen steht waagerecht, die Schaufensterpuppen spritzen frühlingsfrisch herum. Blaulichtspiegelnde Pfützen, glanznasse Fassaden. In engen Straßenschluchten heult und johlt die Kakophonie des Sturms einen schrägfalschen Song, rebbelt sich wie ein Buhmann in die Ohren. Es ist die Karikatur eines Liedes, das sich irgendwann zwei oder mehr schrieben. Alles kommt irgendwann verzerrt als Symptom wieder zurück. Das grell geifernde Orangelicht der Straßenlaternen wird von den schwarzen Löchern zerbrochener Fensterscheiben aufgeschluckt. Sie wurden vor langer Zeit von aufständischen Jugendlichen mit Steinen eingeworfen. Erinnert sich jemand daran? Dem ergebenen Verwehten steht die Nase schief ins Gesicht geschrieben. Wurde ihm irgendwann in seiner Sturm- und Drangzeit von den Bullen gebrochen weil er unartig war. Sein Lächeln schafft es bis kurz vor die Zähne, dann sackt es wieder müde in sich zusammen. Seine Worte reißt der Sturm auseinander. Irgendwann gebrochen höhnt es zurück, pfeift hohl in der Gosse, den Rest rauscht Regen weg.

Das Kreischen nimmt an der Treppenströmung noch zu, es hat sich durch den Tunnel hochgegeilt, pfeift aufgestaut den Zügen hinterher, ist die millionennamige schubsende Hand im Rücken. Augenlose Neonschlangen winden sich die Mauern hoch, die fetten Protzbunker schwanken auf der Fresspromenade. Es hat ein Steakhouseschild umgerissen. Entfesselt stolpert es über das helle Feinfliesentrottoir und rammt mit voller Windwucht eine der Betonvitrinen mit den Plastikorchideen aus dem chinesischen Wokladen. Die Vitrine steht wie der Fels in der Brandung, doch das Schild hat es vollständig in seine Einzelteile zerlegt.

Aufgeplusterte Menschenballungen klumpen in Durchgängen, unter Kaufhausvordächern, warten den nächsten Schauer ab. Einige umarmen sich, zwei schreien sich an und vertragen sich schnell wieder. Es ist zu nass zum Streiten. Andere stehen wie unbeteiligte Hühner. Einige fragen sogar bevor sie bei jemand ganz Fremdem anbucken und herumknudeln wollen vorher ob sie das auch dürfen. Andere wehen einsamselig in sich versunken weiter mit flatternden Mänteln und Schals. Einer in feinem Zwirn versucht tatsächlich, mit einem bloßen Schirm bewaffnet, die angesagt hochtourig gestylte Surfbretttolle im Kuckucksnest gegen Windrodung und Klatschregen zu verteidigen. Nach kurzem Kampf reißt ihm ein stürmischer Stoß das verbogene Flatterding aus den Händen und pfeffert es vor die weiße Hotelmauer an der es hängen bleibt wie ein alter trauriger schwarzer Modervogel, der so aussieht, als hätte er erst alle Stürme dieser Erde erleben müssen bevor ihn dieser verödete.

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ABC-Etüden: Nereidenfarben

Liebe blogfreunde,

Textstaub lässt mich nicht los. Ein Text, der durch einige blogfreunde mitinspiriert wurde. 

Ich verarbeitete so verknappt wie möglich mehr als drei abc-wörter, doch nicht alle, zum Beispiel gefielen mir die Backerbsen hier drin nicht und ich baute meine gestnächtliche Wanderey durch die fensterklappernde Wind-Nacht mit ein. 

Einige Beiträge von heute Morgen flossen ein in meinen Text. Hier die Links zu den Beiträgen, die mich zu diesem Text verlockten:

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/19/schreibeinladung-abc-etueden-kuerzestgeschichten-textwoche-8-17-mit-neuen-woertern-hinten-dran/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/17/abc-etueden-kw-7-17-worte-koenigin-backerbsen-korallenriff-die-inszenierung/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/12/schreibeinladung-abc-etueden-kw-7-17-worte-by-margarete-helminger/

Kata-Strophen No. 5 / abc-Etüden (der Buchgeist und der Schokoladenengel)

https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/02/21/coolsein-war-gestern/

https://wildgans.wordpress.com/2017/02/21/wort-des-tages-21-februar-2/

https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2017/02/19/fading-2/
Ich wünsche Euch viel Lesefreude.

Hans Christian Andersen hat leider keinen blog, doch ich bedanke mich auch bei seinem Geist für die große Fülle, die er in mir hinterlässt.

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Es ist ein Trugschluss zu glauben, es höre jemals auf. Untröstlich bleibt so manches: die goldene Hochzeit niemals erleben zu können, weil zu viele Träume gewaltsam mit dem Recht der ersten Nacht entjungfert wurden. Klar können sie nach wilden verschwitzten Nächten mit Schokolade besänftigt werden. Doch wie lange hält das vor? Nicht einmal eine Buchseite lang. Kein Wort kann die kosmische Kälte der Nächte erfassen. Kein Stern ist weit genug entfernt um die Vergeblichkeit dieses Lichtes zu beschreiben.
Die Bücher waren in einem unruhigen Wellengang in lauter Leerzeichnungen untergegangen und dafür blähte sich ein Angstmond auf. Im Wald wieder Knalleffekte, Störgeräusche und dann das tropfende Schweigen der erbeuteten Geduld, mit der dünnes Blut in kleinen Pfützen auf dem Küchenboden herumschwimmt. Zu spät die Scherbe gesehen, das Trümmerstück des alten Spiegels, ein Schmerzgesicht zuletzt. 
Vergeblich zum Schrank zu gehen mit dem nur schlampig verbundenen Fuß, das sammetwilde Meerjungfrauengrüne Maulbeerseidene herauszukramen und sich wie eine Königin die Korallenkette der Mutter um den Hals zu legen, sie dabei heimlich zu fragen, warum immer noch den Frauen wenn sie lieben wollen, die Sprache fehlt als hätten sie abgeschnittene Zungen und warum ihnen bei jedem Schritt ihr Gefühl wie tausend Messer in die Füße fahren muss. Dann blutet der Fuß wieder los. Diese untröstliche Wunde verweigert einfach die Heilung. Der Raum schmeckt metallisch nereidenfarben. Sie  zerrinnt darin. Korallenrot.

Die Steinernen

 

Da sitzt er Stein auf Stein in seinem alten Armeeparka und den grauen Kordhosen auf dem Trottoir in einer Ecke, in der es nicht so zugig ist wie anderswo. Seine langen grauen Haare wirken ungewaschen, fettig und ungepflegt. Sie spreizen sich ab von seinem Kopf wie Stachelgefieder. Er schreit mit wahnsinnigen Augen über die Masse Mensch hinweg die ausgezehrte Frau mit dem alten Pferdeschwanz an. Ihr Gesicht ist verlebt, das Elend der Welt und sie saugt an ihrer Zigarette als hinge der Rest ihres Lebens von diesem Zug ab; ihre Füße trampeln unruhig auf dem Boden herum. Mitten in ihre müde Leere hinein schreit seine dunkle raue Stimme: Ich will, dass man meine Persönlichkeit wahrnimmt! Meine! Ich bin doch schließlich wer!

Die Reste des Satzes trägt der eisige Wind fort, die Worte zerreißen wie ein leichtes Tuch. Der Schäferhund an der Leine wartet geduldig. Sein Blick hängt hündisch und ergeben an seinem zeternden Herrchen fest. Der Topf vor den Füßen ist mit Kupfergeld gefüllt. Darin schwimmt einen Moment lang ein Fünf-Euro-Schein herum, den jemand im schnell vorbeigehenden Herabbeugen wie zufällig verlor und er greift ihn schnell ab und steckt ihn sich in die Tasche. Die Frau hustet katarrhig, röhrt und rotzt braunen Schleim aus, spuckt es neben seine Füße in den alten abgewetzten Boots. Sie sagt etwas, doch es geht unter in den vielen Stimmen der vorbeihastenden Menschen. Ihr Gesicht hat einen gehetzten Ausdruck bekommen, sie gestikuliert mit Händen und Füßen. Sag nicht Schätzchen zu mir, weht ein hohes zusammenhängendes Fragment an die Schaufensterscheibe mit den grellbunten Brautmoden. Ihr Gesicht ist nun rotfleckig geflammt: Ich hasse Verniedlichungen, darin steckt mir zu viel Ih! Du weißt das ganz genau!

Er holt zu einer Entgegnung aus, doch dann winkt er kraftlos ab, der Versuch einer müden Phrase. Du bist doch einfach zu bescheuert, du blöde Kuh, du merkst doch sowieso gar nichts mehr, immer das Gleiche mit euch Weibern! Ihr seid alle scheiße! Er popelt geistesabwesend in seiner Nase herum. Hockt auf einem alten Froteehandtuch, lehnt an der grauschwarzen Häuserfassade, dieser architektonischen Nachkriegssünde und schwitzt seinen Weltschmerz  in die Masse bis er erneut hochflammt, gärt und überkocht:

Alles verantwortungslose Arschlöcher, brüllt er und du bist auch eins! Ihr Weiber seid doch überhaupt am schlimmsten von allen! Die Frau wendet sich mit flammendroten Ohren zum Gehen, zurrt ihr Gewicht vorwärts, die Zigarette schwenkt sie beim Laufen wie einen Blindenstock. Ihr Pferdeschwanz winkt hektisch, von Grau durchzogen. Sie stampft die Straße hoch als pflüge sie ein Mistfeld.

Er sieht der Frau unbewegt nach, streichelt dabei geistesabwesend dem Hund den Kopf. Schätzchen, Schätzchen! flüstert er und zählt sein eingenommenes Geld. Meistens stinkt es an der abgerissenen und schäbigen Fassade an der er lehnt, nach alter Pisse. Nur heute mal nicht.

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Streckenabschnitt

Gestern las ich bei Birgit von Sätze & Schätze einen toll geschriebenen und fundierten Beitrag zur Beat-Generation.
Das hat mich getriggert.
Ich habe mal  für den gedanklichen Anreiz und den Schreibimpuls zu danken.

Lieben Gruß von der Karfunkelfee

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Die blutvolle Zeit der Züge. Unterwegs auf Streckenabschnitten. Hoffnungsvolle Frühlingsspiegelungen in Zugfenstern. Wir lasen uns Kerouac vor, ich kniete vor dem Klang deiner Stimme. Kerouac und Kredo begann ich beides mit K. Dieses ständige Gefühl explodierender Sterne in meinem Bauch und hinter meiner Stirn kochende Blutlava.

Wir saßen in Duisburg und warteten. Das feuerrote Spielmobil parkte neben mir und quoll über von diesem ganzen Zeug: Wickeltasche, Flasche, Schmuseschafspieluhr. Es passte nicht zusammen. Das Kleinstlebewesen gehörte doch in eine Wiege um diese Zeit! Doch sie schlief auf dem rissigen Bahnsteig wie ein Ästchen. Ich saß im Leermoment und fragte mich was mein Leben sei und wie zum Teufel es weitergehen solle. Wir kamen von einer Lesung aus Krefeld und ich erinnere mich später im Park noch an den Geruch von Gras, irgendwie fleischig, so, wie diese ganze Zeit hautprallgefüllt war, durchdrungen von Lebensgier und von Träumen, die sich zwischen Buchdeckeln verbargen, die wir uns fanden, die wir einander vorlasen, augehungert nach Worten, die uns irgendwie beschreiblich träumen konnten. Ich wusste von Anfang an, dass unsere Wortmusik nur in uns selbst geschrieben werden musste. Mit irgend etwas mussten wir unsere säurigen Hungerlöcher stopfen. Der Moment allein auf dem Steig mit dem Kinderwagen klapperte hohl leer, eingeschlossen zwischen zwei Zügen, noch zart nach Heckenrosen in der Vase neben dem zerwühlten Bett duftend, nach unserer Frühe. Ich ahnte, lange bevor es gewisslicher wurde eine Schärfe in der Erinnerung, dass die zukünftige Vergangenheit unsere Blumenkinderbilder längst an den Felsen der Wirklichkeit zerschlagen haben würde, dass unsere Sonnen ausgeglüht sein würden und dass endlich eindeutig bewiesen sei, dass es auf dem Mars immer schon zu kalt gewesen war als dass es dort jemals hätte flüssiges Wasser geben können.

Mein kleiner Stern schlief. Sie bekam von alledem nichts mit. Damals. Das schlechte Gewissen sie herumzuschieben triezte mich die ganze Zeit, die Morgendämmerung war bleigrauer Schwermut und der Park war so fettgrün, so nass und saftig, dass ich meine Schuhe auszog und barfuß weiterlief. Damals, das war, als die Kinderwagen noch bunt waren. Und damals, das war als du neben mir gingst und ich deine Stimme schlürfte weil sie nach Morgentau schmeckte und weil sie deinen blinden Nachtgeruch wie lüsterne Schweißflecken trug.
Ich kannte die Gleisbetten, die Kiesherzen auf den Überlandstrecken, das hohle Rattern, die Müdigkeit der durchgemachten Nächte dumpf hinter den Augen drückend und brennend. Wir waren zwischen den Zügen und immer wieder waren wir das Trennen, das ständige ewige Abschiednehmen, kaum, dass wir uns mal in den Armen hielten. Wir waren grenzenlos zusammen für eine Lesung, für ein paar Stunden, abgetrotzt, abgerungen, dennoch war es unsere Alleinzeit. Wir stellten uns etwas zusammen vor, wie das wäre, so mit dir und uns als Parallelzüge. Du hattest viel übrig für den kleinen Stern. Du hieltest sie in den Armen wie ein kosmisches Wunder, so eine Krebsin, der Panzer noch ganz weich und verletzlich wie die pochende offene nach Butterkaramell duftende Hautstelle auf ihrem Flaumkopf. So eine wie die könnte glatt meine sein, sagtest du mal als sei dies so einfach wie dir klar war, dass zwischen Würde und Wollen viele Züge hin und herreisen in unterschiedlichen Richtungen, sie zerrten das Wollen immer wieder auseinander. Doch die Tränen nahmen wir würdevoll und vollmundig in Kauf. Wir dachten, wir seien romantisch und das alles war irgendwie groß und dramatisch.
Wir standen in der Dämmerung im nassen Gras und ich bewunderte deine nackten Füße. Das mit feuerrotem Bärchenmotivstoff gepanzerte Spielmobil parkte zwischen uns, doch kein Hauch war daraus zu vernehmen, nicht mal ein Spieluhrzittern. Was, wenn wir schon geschrieben sind? Fragte ich dich und fand mich sinnlos. Starrte auf den Roststreif in diesem asphaltgrauen Sackhimmel über uns, roch das fette grüne Gras und fand uns genauso der unwillkürlichen Beliebigkeit künftiger Geschehnisse ausgeliefert wie das Gras.

Wir lebten so blutvoll weil wir uns jeden Moment wieder entrissen wurden, immerfort ständig aufs Neue und wir berührten uns so, als sei dies total verboten und wir dachten, dass das was wir waren falscher überhaupt nicht hätte sein können, geschweige denn dürfen und wir waren der Moral hingebungsvollste Delinquenten im Leugnen der Unmöglichkeit. Da war diese Gewissheit, dass das alles schon seine Richtigkeit hätte und es war so als kannten wir uns schon seit Zeitaltern und mit unseren nach Heckenrosen und Schweiß duftenden Worten, den gierigen Sätzen mit den vielen Händen überall gleichzeitig, besonders jedoch innenhäutig, streichelten wir uns die Seelenhäute, das, was noch übrig war von dem Vertrauen, dass Leben mehr zu vergeben hat als funktionell und strebsam darin zu hamstern wie eine gut geölte Maschine und dass es so etwas noch gibt wie eine Fügung, die Menschen zusammenführt obwohl alles gegen sie ist.

Wir waren die Trotzkinder und Rebellen, wir waren anarchisch und hörten Punk und wenn nicht den, hörten wir Nick Cave, Lisa Germano, die Queens und lasen uns Kerouac vor, Mexico City Blues. Du sagtest, die Beats brauchen viele Nachkommen. Das war in der hoffnungsvollen Zeit der Züge, der Lupinenzeit. Sie ist immer noch mein Gesicht in verschmierten Zugfenstern gespiegelt, ein ständiges Ankommen und wieder Abschiednehmen, ein verwahrlostes Vermissen, wild zärtlich wuchernd wie der Efeu am verrosteten Gitter des Balkons der Frau mit den schlechten Zähnen. Wir waren Giergrün in dieser ansonsten heruntergekommenen und abblätternden Umgebung, ein Augenfraß, hungrig bis in alle Zeiten.
Du sagtest, ich solle die Zeit der Züge aufschreiben, ich fände schon irgendwie Worte dafür, ich solle meinen Worten vertrauen.
Nun, hier sind wieder ein paar, der Vergangenheit abgetrotzt und sie sind aus einem Damals, das sich damaliger als sich heute das Jetzt anfühlt.

Frühlingsknospen an nackten Zweigen, Verklärung berührt Wirklichkeit. Die alten Leute schauen den Spaziergängern und Müttern mit Kinderwagen verträumt nach, so als hielten sie ein vergebliches Hoffen an einer Drachenschnur ohne Drachen.
Sie sollen sich doch nicht auf diese eiskalte Bänke setzen, haben die Schwestern, die Pfleger ihnen befohlen.
Sie werden sich Blasen und Nieren verkühlen.
Sie kommen in die Höllehöllehölle!
Doch sie tun es trotzdem…

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