Frühling in Shanghai (Beitrag zu Ullis Bootparade)

Liebe Blogfreunde,

Vor einiger Zeit rief Ulli die Blogbootparade ins Leben. Das Gemeinschaftsprojekt ist abgeschlossen, ich habe jedoch einen Beitrag zugesagt, der hier kommt und auch, weil die Little-Witty-Künstlerin heute Morgen in ihrem blog sich von mir tatsächlich eine Kurzgeschichte wünschte. Here you are…es ist mir eine Freude…. Inspirieren ließ ich mich von der heute statt finden Hochzeit der Royals Prinz Harry und Meghan Markle in Great Britain und von einer Reiseskizze, die zu meiner Martha Jungblut wurde und diese findet sich hier.

Frohe Pfingsten für Euch und meinen Feendank zu Euch für die Inspiration.

Eure Karfunkelfee

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Der Bus schaukelt gemächlich über die sonnengefleckte Straße und Alfons stellt sich die Straße vor wie einen  Geparden, dass die Straße ein Raubtier ist, die den Bus trägt und nicht umgekehrt der Bus über die Straße rollt. Alfons Mutter macht sich oft Sorgen über Alfons Phantasie. Sie blüht wie ein Rapsfeld im Mai und ständig denkt er sich Geschichten aus und erzählt sie überall als wahr herum obwohl sie frei erfunden sind. Er hat einen Queen-Elizabeth-Fimmel und über Alfons Bett hängt die Flagge des British Empire. Als Alfons in den Nachrichten hörte, dass England aus der Europäischen Union austreten will, brach ihm heimlich hintenherum das Herz. Es war als hätte England, das er liebte wie kaum etwas anderes, ihn heimlich verlassen, ihn im Stich gelassen mit seiner großen Liebe und sich abgewandt von dem europäischen Rest. Doch darüber kann er mit Mama ja nicht sprechen. Sie wirft ihm einen gequälten Seitenblick zu und hält sich ihr Knie, das sie sich heute Morgen beim Gardinenaufhängen an der Leiter verdreht und womöglich gestaucht hat. Großes Drama, sie schrie vor Schmerz als es passierte und holte ihn vom Fernseher weg, vor dem er sich, zusammen mit Kater Carlo auf das Sofa mit Keksen und Kakao verkrümelt hatte, voller Ungeduld auf den Beginn der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan wartend. 

Nun muss aber Alfons statt die Hochzeit anzusehen, Mama zum Arzt begleiten, was ihn fürchterlich wütend auf sie macht, ja sogar so wütend, dass er sie hasst, weil er nun mit ihr zum Arzt muss, zu einem Nottermin, den sie stundenlang telefonierend, bei einem Orthopäden in Sieker endlich machen konnte. Auf dem Weg über knapp hundert Meter bis zur Haltestelle stützt sie sich mehr hüpfend als laufend auf Alfons, legt sich mit ihrer Hand das schwere Gewicht ihres fülligen Körpers auf seine schmächtigen Schultern, denn Alfons ist kein kräftiger Junge, eher klein für sein Alter und zartgliedrig. In der Schule wird er deshalb oft ausgelacht und auch wegen seiner schwarzen Haare und der dunklen Augen, der braunen Haut, einem Erbe seines spanischen toten Vaters. Als sie beide an der Haltestelle anlangen, ist er in Schweiß gebadet, Jeans und auch das T-Shirt kleben ekelig an der Haut und seiner Mutter ist es auch nicht viel besser ergangen, sie tupft sich mit einem Taschentuch seufzend die Stirn und streicht stöhnend über ihr angeschwollenes Knie, über das sie keine Hosenbein mehr in der Lage war zu streifen, so dick war das Knie angeschwollen, so dass sie nur noch einen Rock anziehen konnte, einen schwarzen, ihren Trauerrock, weil sie außer diesem einen keine Röcke trägt und den Alfons ihr widerwillig half anzuziehen, weil sie bei jeder Bewegung des Beines starke Schmerzen hatte und zusammenzuckte unter hochwehen Vogelpiepslauten, die Alfons kaum in den Ohren ertragen konnte.

Der Busfahrer hilft zum Glück beim Einsteigen und sie finden auch gleich vorne im Bus einen der Viererplätze mit viel Beinfreiheit. Alfons sitzt am Fenster, seine Mutter neben ihm am Gang und sie scheint duselig zu sein, denn sie hat zu Hause ein starkes Schmerzmedikament eingenommen. Ihre Pupillen waren eben stark erweitert, wie vernebelt und Alfons kennt die Augen seiner Mutter wenn sie so aussehen und dann hat er Angst um sie mit ihren vielen Schmerzmedikamenten, die sie schluckt, gegen Depressionen, gegen Schmerzen jedweder Art, bunte kleine Pillen, jeden Morgen eine Handvoll und zwischendurch noch mehr, doch er sagt es ihr nie, dass er deshalb Angst hat um sie.

Der Bus hält an der Haltestelle am Stadtteich, Alfons sieht die Tretboote in den Primärfarben, wie Kinderkunst, die „Entenerschrecker“ nennt er diese Boote, nachdem er beobachtet hat, wie ein paar Jugendliche sich einen derben Spaß daraus machen, mit den Tretbooten die Enten mit den Jungtieren aufzuscheuchen und quer über den See zu hetzen und nun steigen auch schon wieder Leute zu, darunter auch eine Frau, die sofort Alfons Aufmerksamkeit für sich ganz beansprucht, denn sie trägt eine kleine britische Papierfahne in der Hand und grinst vorfreudig wie ein Honigkuchenpferd. Ihr Gesicht ist freundlich und rund, Alfons schätzt sie etwa zehn Jahre älter als seine fünfundvierzig Jahre alte Mutter. Ihre kräftige große Figur ist auffällig gekleidet, quietschbunt wie ein Clown. Ihre Haare sehen aus wie Shanghai im Frühling, also Shrimps, Rind und Huhn im Nudelvogelnest zum Mittagessen beim Chinamann, denkt Alfons und prompt knurrt sein Magen, weil er noch nicht richtig gefrühstückt hat. Seine Mutter zischt ihm leise zu: „die sieht hinten am Kopf aus wie ein ungemachtes Bett. Bei solchen Frisuren denke ich immer, was diese Frauen wohl für ein Trümmerfeld in der Vergangenheit haben, dass sie so chaotisch nach hinten weg aussehen müssen, von vorn in die Zukunft wirkt sie ja recht ordentlich. Wie gut, dass die Frau das nicht hört, denkt seinerseits Alfons und schämt sich mal wieder fremd für seine Mama, die eine ziemlich böse Zunge haben kann.

Die Frau trägt eine Zeitung unter dem Arm und lässt sich Alfons gegenüber nieder. Sie heißt Martha Jungblut, arbeitet als Sekretärin in einem Autohaus und ist vierundfünfzig Jahre alt. Alfons lag also gar nicht so verkehrt mit seiner Schätzung ihres Alters und Martha registriert etwas verwundert, mit welcher Akribie die Augen des kleinen olivbraunen Jungen ihr gegenüber ihre Erscheinung gekonnt abchecken. Sie lächelt Alfons unverbindlich an und dieser schaut schnell zur Seite aus dem Fenster, weil es ihm unheimlich peinlich ist, wenn fremde ältere Frauen ihn anlächeln. Er spürt wie seine Ohren heiß und rot zu werden drohen und schaut deshalb schnell auf die Füße der Frau. Füße sind etwas Unverbindliches. Füße kann man immer anschauen ohne dass Leute unruhig zu werden beginnen, weiß Alfons aus der Erfahrung seiner zwölf Jahre. Manchmal zeichnet er zu Hause in stillen Stunden Füße, weil ihn Füße faszinieren. Noch weiß er nicht genau warum. Wenn er älter ist, wird er es wissen als es ihm seine Mutter in einem ihrer Vollrausche unter Tränen erzählt: Seinem Vater wurden, bei dem Angriff, bei dem er starb, die Füße weggeschossen. Er verblutete daran.

„Alfons, starr die Frau da nicht so an, das ist total unhöflich“, zischt es neben Alfons wie ein unter Hochdruck stehender Dampfkessel und Alfons senkt schnell den Blick noch tiefer, irgendwohin auf seine eigenen Füße. Nun kann er nur noch hören, was ihm gegenüber geschieht, fühlt sich jedoch noch unangenehm im Mittelpunkt, im Fokus des gestrengen Mutterblicks. Die Entenerschrecker verschwinden aus Alfons Blickfeld und Geraschel wird ihm gegenüber laut, gefolgt von einem leiseren Knarzen des Sitzes als Martha sich in eine bequemere Sitzposition bringt um die Sonderbeilage der Zeitung genüsslich Wort für Wort und Bild für Bild zu studieren, ein kleiner Ausflug in die Welt der Reichen und der Schönen. Komischer Junge, denkt Martha Jungblut, versenkt den Blick in ein strahlend lächelndes Foto der dunkelrassigen Prinzessin Meghan Markle. Dann saugt sie sich mit ein paar Seitensprungblicken in einem Infoblisterkästchen im Text im Detail über die sündhaft teure und zig Stockwerke hohe Hochzeitstorte fest und das Sahnehäubchen ist natürlich das heiß diskutierte Kleid, wird es cremefarben, wie bei Prinzessin Di? Deren Hochzeit mit Prince Charles wird Martha niemals im Leben wieder vergessen und auch nicht ihre maßlose Trauer, als dann der tragische Unfall geschah, dieses unbeschreibliche Unglück, das mit Lady Di’s Tod über die Queen und ihre Familie hereinbrach und sie seufzt leise und ihrer bunten Kleidung widersprechend, grau und schwer. Der Bus schaukelt vor sich hin, stoppt ab und zu, doch es steigen kaum Leute ein, die Zeit verstreicht sich dehnend zwischen den Haltestellen, zeitweise stockend im Verkehr und ungeduldig vor Ampeln wartend. 

Das Gleichtönige der Fahrt lullt die kurzfristig entstandene Aufregung durch die Neuankömmlinge ein, Alfons Mutter entspannt sich so gut, dass sie beginnt leise wie ein Wieselweibchen zu rasseln und vor sich hin zu schnorcheln. Alfons hebt bei dem bekannten Geräusch seiner Mutter den Kopf und beobachtet aus dem Augenwinkel die bunt leuchtende Sonderbeilage. 

Die Zeitung insgesamt ist dermaßen umfänglich, dass sich die doppelseitige Beilage aufgeregt wie ein Prinzessinnenreifrock bis zur vordersten Spitze von Alfons Knie rüscht und ihn dabei sehr leicht berührt. Das Papier knistert wie Seidentaft an einer Brautschleppe. Am Fenster sieht Alfons dieweil lauter hübsch bewaldete Hügel vorbeiziehen, für Engländer wären es fast schon Berge, denkt er. Ist das schönes Hochzeitswetter heute, überlegt hingegen Martha Jungblut nach einem kurzen Blick ihrerseits durch das dreckige Busfenster, der Wald schimmert ja heute richtig- prächtig, prächtig und freut sich auf ihre durchgeknallte Freundin, Rose.   

Heute wird Martha die britische Märchenhochzeit bei Rose gebührend mit englischem Tee und säuberlich randbefreiten Gurkensandwiches sowie englischen Pralinen in der Zweizimmerwohnung des Wohnsilos in der Mitte der City feiern gehen, auch die britische Flagge habe Rose bereits gebügelt, wie sie Martha geheimnisvoll flüsternd am Telefon gestern anvertraute. Sie wollte sie zur Feier des Tages gut sichtbar im Fenster platzieren, gleich über der türkischen Flagge des Nachbarn und unter der DSC-Arminia-Flagge des  fussballverrückten Künstlerehepaares, das einen Stock über ihr wohnte und das immer so einen unglaublichen Bohei beim Sex machte, dass sie schon zweimal die Polizei holen musste, weil sie dachte, da würde jemand umgebracht. Denn dieses Künstlerehepaar stritt sich mindestens ebenso oft wie sie anschließend lautstark miteinander schliefen. Martha hat sich bewusst in englisch gekleidet, wie sie findet: denn bunt, fröhlich und verrückt, so muss England für sie sein. Wie blinkende singende Weihnachten oder eine Party mit viel Herzkitsch und Rosengerüsche, ja, wie die Rosenrüschen an ihren eigenen Tapeten oder das mit dem englischen Königswappen bestickte Sofakissen  oder die zierlichen blumenbemalten und hauchzarten Porzellantässchen, einer dem Original nachempfundenen Teegeschirrreplik des britischen Königshauses. Marthas allergrößter Stolz allerdings ist die königsblaue Kosmetiktasche, die sie einmal geschenkt bekam von einer Frau, die im Kensington-Palast gearbeitet hat. Der Ehrenplatz für diese Tasche ist das weiße Kommodenklötzchen aus dem billigen Möbeldiscounter und sie verströmt, leer und ausgepolstert mit Luftpolsterfolie, damit sie schön prall gefüllt wirkt, eine Art kühle königliche Würde auf dem schlichten Kommodenwürfel. Könnte schon Kunst sein, so schlichte und pragmatische, denkt Martha manchmal stolz und beobachtet nun die Mutter von Alfons, welche mittlerweile laut schnarchend auf dem Platz neben ihrem Sohn zusammengebrochen ist. Ihr Kopf lehnt an seiner Schulter, so dass er eingequetscht zwischen seiner Mutter und dem Fenster hängt.

Das Kind tut Martha Leid. Er sieht so schmächtig und gequält aus, sie nimmt ihn näher in Augenschein. Alfons, der sich von Martha beobachtet fühlt, schaut auf. Ein mehr als vorsichtiger erster zaghafter Blickkontakt entsteht zwischen den Beiden. Neugierig schielt Alfons zur Sonderbeilage der Zeitung. Er würde sehr gerne mitlesen, doch traut sich nicht zu fragen. Also verrenkt er sich lieber die Augen. Doch er kann die auf dem Kopf stehende Schrift unmöglich vernünftig und schnell genug entziffern, geschweige denn sie im Sinn zu verstehen und sieht sich unvermittelt Marthas Inspektionsblick ausgeliefert. Ihre graublauen Augen über der Lesebrille mustern ihn leicht verkniffen und ihr Mund schürzt sich zu einer Lippenstiftkussschnute. In einem der kajalgeschwärzten Augenwinkel krümelt sich eine winzige Träne. Alfons fragt sich ob es eine Reizung vom Kajal ist oder ob die Frau so gerührt ist von dem, was sie da an praller Romantik zu lesen bekommt. Martha fühlt sich so in Augenschein von Alfons genommen, dass sie ihn anspricht: „Interessierst du dich für die Royals? Der Junge schrumpft erst etwas in sich zusammen und sie befürchtet schon, ihn verschreckt zu haben, indem sie ihn so unvermittelt anquatscht, obwohl seine neben ihm in sich zusammen gefallene schlafende Mutter offensichtlich völlig abwesend ist. Martha will ja nicht in Verruf geraten und etwas Unsittliches schleicht sich neben sie, etwas Hundsgemeines und Übles, das so gar nicht in ihr ist, dass sie aber beinah jedem Menschen imho unterstellt über sie denken und meinen zu können und sie kann sich keinen Reim darauf machen, warum sie so misstrauisch ist und wann sie so wurde. 

Alfons hingegen fragt sich, über was die Frau ihm gegenüber sich gleichermaßen wie zu schütteln scheint  und beschließt, ihr zu antworten, bevor sie noch mehr Verwirrung verströmt und am Ende noch seine Mutter aufweckt, denn der unangenehmste Teil dieser Fahrt steht Alfons schließlich erst noch bevor: Das endlose Warten im Wartezimmer, der antiseptische Kranheits- und Medizingeruch, die Nähe der Spritzen und unangenehmen Untersuchungen. Es würde Stunden dauern, das wusste Alfons jetzt schon. Bevor er jedoch noch über Marthas Frage nachdenken kann, flüstert er zu seiner großen Überraschung schon, leise und hastig, schnell und flüchtig, so unbemerkt wie möglich:

„Ich will die Royals unbedingt mal kennenlernen, besonders die Queen und über meinem Bett hängt die Flagge des Empire!“ Alfons träumt fast jede Nacht, er stünde als Wachtposten mit einer Bärenmütze und einem Bajonett vor dem Palast und beschütze die Königin. Manchmal ist er auch ihr Chauffeur oder (doch das ist so dermaßen verwegen, dass er sich das nur heimlich zu träumen wagt und das nicht einmal seinem Tagebuch anvertrauen kann: manchmal ist er der persönliche Leibdiener der Queen und berät sie in sämtlichen wichtigen Lebenslagen und Fragen, die eine Queen von England so beschäftigen. Am liebsten mag er es, wenn sie fliederlila Hüte trägt und als er die verblüfften Augen von Martha sieht, weiß er zu seinem namenlosen Schrecken ,dass er die ganze Zeit laut in ihre Richtung gedacht hat, als könne sie das verstehen! Erwachsene verstehen Kinder nie. Am wenigsten jedoch verstehen Erwachsene, was Kinder antreibt, ihren Helden zu folgen. Am allerschlimmsten ist es nun, dass neben ihm die Schnarchgeräusche verstummt sind und auch seine Mutter aufgewacht ist und ihn streng von der Seite observiert wie ein Insekt auf einem Objektträger. Der Mamamikroskopblick. „Über was sprecht Ihr Beiden denn da?“ 

Martha lächelt groß. So richtig groß. Nicht nur so, wie ein dahingehuschtes Zähneverziehen. Nicht so ein oberflächliches Smalltalklächeln, das gleich wieder vergisst, dass es war, noch während es die Zähne fletscht. Nein. Marthas Lächeln ist mehrstöckig wie die Hochzeitstorte bei Prinz Harry. Verschwörerisch wedelt sie Alfons Mutter mit der britischen Fahne zu: „Wir sind beide England-Fans, Ihr Sohn und ich auch. Ich bin auf dem Weg zur großen Hochzeit.“

Alfons Mutter seufzt schwer und ergeben. Sie könnte viele Geschichten darüber erzählen (sorgenvolle Geschichten!) wie es ist, Mutter eines kleinen Jungen mit einem verstorbenem spanischen Vater zu sein. Eines Jungen, welcher bis über beide Ohren in England und die Queen vernarrt ist und welcher der Welt alle möglichen Lügenmärchen auftischt. Als Alfons vier Jahre alt war, gelang es ihm beinahe einen  Kaufhausweihnachtsmann bei Karstadt davon zu überzeugen, er sei ein Verwandter des englischen Königshauses, der auf mysteriöse Weise nach Bielefeld verschleppt worden war und seine Mutter sei die Kammerzofe von Queen Elizabeth gewesen. Oh ja, Alfons Mutter könnte Martha sogar noch viel mehr erzählen. Seit dem Tod seines Vaters ist Alfons nämlich verstrickt in seine Traumwelt, aus der sie ihn manchmal kaum noch aufwecken und in die Wirklichkeit zurückholen kann. Warum musste es ausgerechnet die Queen sein? Hätte es nicht auch die Feuerwehr getan? Oder der Schützenverein? Noch einmal seufzt Alfons Mutter tief aus dem verdrehten Bein herauf und unterdrückt den stechenden Schmerz, der sofort darin hoch schießt, als sie sich zu erheben versucht. Der Bus ruckelt und schleudert, es ist nicht einfach und das Schmerzmedikament macht sie benommen. Schnell greift Martha ihren Arm und hält sie fest. Die Zeitung rutscht auf den Boden, Alfons hebt sie auf und faltet sie sorgfältig an den Ecken zusammen. „Wo müssen Sie denn hin?“, fragt Martha. Alfons Mutter nennt ihr die Adresse in Sieker. „Wenn Sie möchten, begleite ich Sie. Ich habe noch etwas Zeit, die Hochzeit geht den ganzen Tag, hat der Doktor denn Notdienst heute? „Ja, seufzt Alfons Mutter, ich habe den ganzen frühen Morgen telefoniert. Er kommt extra wegen mir in die Praxis. Dieser Arzt ist ein Schatz und das so kurz vor Pfingsten!

„Ach“, lacht Martha, das passt nun aber sehr gut! Meine Freundin wohnt nämlich in Sieker, nahe Mitte und wir wollen uns die königliche Hochzeit im Fernsehen anschauen und meine Freundin schmiert bestimmt gerade Gurkensandwiches und auch welche mit Orangenmarmelade. Ich schreibe ihr gerade übers Handy, dass ich etwas später komme und helfe Ihnen zum Arzt zu kommen, was meinen Sie?

Entschlossen steckt Martha die Sonderbeilage der Zeitung in ihren Beutel und hebt fragend die Augenbrauen in die Richtung von Alfons Mutter. Diese streckt die Hand aus: „Ich heiße Silke Gonzales und ich bin Alfons Mutter, habe mir heute Morgen mein Bein in der Küche verdreht und kann nicht mehr auftreten, das Knie ist total dick und geschwollen, auch ganz heiß. Mein Junge hier hat schwer an mir zu schleppen und er wollte eigentlich Fernsehen schauen und nun muss er wegen meiner Dummheit darauf verzichten. Ich danke Ihnen sehr und nehme gerne Ihre Hilfe an. Doch Sie sind doch auch ein Fan der Queen und Sie verpassen doch jetzt den Beginn der Hochzeit!.“, ruft Alfons Mutter.  

Alfons ist völlig fassungslos. Die Hochzeit der Royals wird gleich beginnen und es ist schon schlimm genug, dass er nicht, wie geplant, den Tag wie gebannt  vorm Fernseher verbringen kann. Eigentlich sollte er vielleicht die spanischen Royals bewundern und das tut er auch, denn seine Mutter hatte Alfons erzählt, wie königstreu der Vater war, bevor er bei einem Einsatz in einem Kampfgebiet ums Leben kam und sie schwanger mit seinem Sohn zurück ließ. Doch irgendwie bekam er zum spanischen Königshaus nicht den richtigen Draht. Die Queen erlebte er zum ersten Mal bei einer Parade im Fernsehen als er beinahe vier Jahre alt war. Das Bild der kleinen im Auto stehenden und winkenden alten Frau mit dem lieben Lächeln, ließ ihn nicht mehr los. Seine Großeltern in Spanien kennt er nicht und die Eltern seiner Mutter bringen null Verständnis für seine Liebe zu Queen Elizabeth auf. Er glaubt nicht, dass sie ihn besonders mögen. Sie wohnen in Hameln und er sieht sie zweimal im Jahr. Doch die Queen ist anders. Ihr Lächeln begleitet ihn seit er es sah abends, wenn er ins Bett muss und ihr Lächeln tröstet ihn, wenn er an seinen Vater denkt, den er nie kennengelernt hat und Alfons beneidet jedes Kind um seinen Vater. Die Queen ist Alfons ferne Familie, sie ist so fern wie sein Vater ihm immer bleiben muss, doch sie lebt und das macht den Unterschied. Alfons verfolgt alles, was es an Berichten und Beiträgen, Bildern oder Geschichten zu der englischen Königsfamilie zu lesen oder anzusehen gibt. Er weiß, was es bedeutet, ein echter Fan zu sein. Verächtlich sieht er Martha an. „Sie verzichten freiwillig auf die Hochzeit von Prinz Harry?“

„Nein, nicht freiwillig. Doch manchmal muss man auf etwas verzichten zugunsten von etwas anderem, das  noch wichtiger ist. Du hilfst Deiner Mama heute sehr, weißt Du wie sehr?

Doch Alfons schweigt. Noch ist er zu befangen, noch ist er auch zu wütend auf Martha. Es ist, als habe sich seine eigene angestaute Enttäuschung und Wut zu ihr hinbewegt, ihn als eigentliches Subjekt aus dem Fokus genommen und statt dessen Martha hinein gestellt. Seltsamerweise fühlt sich Alfons etwas freier beim Atmen, wo ihm vorher eine Beklemmung auf der Brust hockte und seinen Willen befing.

Der Bus hält und die drei steigen aus. Alfons Mutter stützt sich auf Marthas Arm und Alfons stabilisiert sie von der anderen Seite. So geht es ganz gut mit dem kranken Hoppvogel in der Mitte. Die Sonne spielt auf dem Weg und wieder überkommt Alfons das absurde Gefühl, dass der Weg sich unter seinen vorwärts gehenden Füßen ebenfalls bewegt und nicht nur umgekehrt, ein geflecktes Raubtier, auf dessen Rücken er läuft, jetzt eher langsam und etwas stolperig und er zählt die Schatten der ausladenden Bäume rechts und links neben der Straße. Als er bei Baum Numero fünfundzwanzig angelangt ist und sie in etwa dreihundert Meter zurückgelegt haben auf der Allee, kommt die Praxis in Sicht. Der Arzt ist schon da und bittet Alfons Mutter gleich in den Behandlungsraum. Martha und Alfons setzen sich auf Stühle, die im Flur der Praxis aufgereiht stehen. Es ist still und ungewöhnlich an einem Samstag in einer großen Arztpraxis. Über den abgedeckten Computern und Druckern, den Behandlungsgeräten und den blank geputzten Instrumenten in den durchsichtigen Behältern auf den langen weißen Arbeitsflächen, schwebt steriles Schweigen. Irgendwann wendet sich Martha leise zu Alfons: „Ich habe die Queen vor zehn Jahren auf einer Parade in London selbst erlebt – und ich kann Dir sagen, sie lächelt umwerfend, noch viel umwerfender als Du Dir vorstellen kannst. Immer wenn ich seither etwas über sie und ihre Familie erfahre, hilft mir das bei etwas. Ich hatte nämlich vor zwölf Jahren eine kleine Tochter und wenn sie noch am Leben wäre, dann wäre sie jetzt ungefähr so alt wie Du. Ich liebte England schon immer. Mir hilft meine Royalliebe zu Queen Elizabeth und ihrer Familie, wenn ich mein Kind vermisse.“ Alfons sitzt mit der aufgeschlagenen Zeitungsbeilage auf dem Schoß neben ihr. Er kann Martha riechen, ihren irgendwie pludrigen Veilchenblutgeruch, mit einer Spur Minze von einem Kaugummi in ihrem Mund vielleicht und ihre Tränen, die sie zurückhält. Ihr aufgeregtes Schwitzen nach dem Marsch. Warum schwitzen eigentlich ältere Frauen immer so stark, fragt Alfons sich nachdenklich während er die überaus überraschende Information verdaut, dass Queen Elizabeth die Frau mit dem Vogelnest auf dem Kopf am Ende sogar noch persönlich kennen könnte und er hält sich schnell die Hand vor den Mund, weil er befürchtet wieder laut zu denken.

Martha Jungblut fühlt sich plötzlich und ganz unerwartet ein wenig unwohl in ihren bunten Sachen, die ihr jetzt, in dieser Situation, in einem Notfalltermin, etwas unangemessen fröhlich erscheinen, doch sie denkt daran, mit wie viel Mühe sie ihre Haare in exakt so einen Dutt formte und fixierte wie sie es bei Prinzessin Meghan in der Zeitung beim Friseur gesehen hat. Erfüllt von Stolz streicht sie sich unbewusst über eine kecke Strähne, die aus den wirbelsturmartig ineinander verdrehten Strähnen spitzt. Damit das so aussehen konnte, verbrachte Martha eine Stunde im Badezimmer vor dem Spiegel mit  hoch gereckten Armen und ein paar ausgesprochen unköniglichen Flüchen. 

„Was ist denn eigentlich Schlimmes mit Deiner Frisur passiert?“ will Alfons nun von Martha wissen und erschrickt, denn jetzt hat er ja doch laut gedacht und draußen vorm Fenster spiegelt sich die Sonne, zwitschert es, so laut und von fern durch die Isolierverglasung im Fenster, wie im Frühling in Shanghai.

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Don’t panic!

Liebe blogfreunde,

So, nun sind meine beiden Datenschutzverordnungs- und Impressum-Seiten mittels Generator erstellt und ich juxe schon wieder höchst herausfordernd herum mit kecken Neuworterschaffungen wie „Europaweite Gartenputzverordnung“.

Gestern strampelte ich mir mit dem kleinen Geist auf den Straßen den Kopf frei, heute Nachmittag werde ich dasselbe mit dem großen Geist im Wald tun. Eigentlich wollte ich gestern gerne auch einen Cappuccino trinken. Ich überholte eine blonde Kinderwagenmama mit Bondwippzopf am Hinterkopf und fuhr frohgemut in den Ort. Im Eiscafé tummelten sich Gäste wie vormals Wespen und deswegen flüchtete ich mit einer eleganten Wendung und dem flotten Motto: Vorwärts, Kameraden! Wir müssen zurück…

Als ich auf dem Radweg war, kam mir die Kinderwagenmama wieder entgegen und meinte: „Sie haben mich doch eben erst überholt?“ Ich antwortete: „Ja, ich wollte mich Ihnen aber so gerne mal von meiner anderen Seite zeigen!“ Die Helligkeit ihres lauten Lachausbruchs hinterließ in mir ein Flummigefühl und das obwohl ich eher rollte als hüpfte.

Gestern Abend war ich dann platt wie ein frisch ausgerollter Plätzchenteig und zu müde für die Generatorenprüfung.

Beide Seiten stehen aber seit heute Morgen und ich kann nur hoffen, dass ich es richtig gemacht habe. Ich weiß, dass ich so ein Panikvogel sein kann und ich wünsche mir ein Saunatuch, wo draufsteht: Don’t Panic! Warum gibt es das noch nicht…? Nun, notfalls besticke ich mir eben eines wie andere Klorollenhauben für die Hutablage ihres Autos und stoße wacker in die aufklaffende Marktlücke vor. Das Ding darf ich hier dann bloß nicht bewerben und versuchen als mein Produkt zu verticken, sonst müsste ich nämlich diese schwierigen Verordnungen noch ganz anders ändern.

Mir brummt schon seit Wochen der Feenschädel (auch vom Heuschnupfen) – ich kam in keine Richtung mehr weiter voran im Dschungel des Internetrechts und je mehr ich darüber las in Foren, Blogbeiträgen und Artikeln, desto unsicherer wurde ich. In den Generatoren kreuzte ich jetzt im Zweifelsfall das was ich nicht wusste  und was sich hinter ominösen Abkürzungen verbarg oder mir gar nicht erschloss im Zweifel mit  einem „ja“ an und werde mich nun noch auf die Suche nach irgendwelchen datenräuberischen Einlagerungen im blog begeben, die ich vielleicht unwissend installiert haben könnte wie Verweise zu Cakelook  oder Britta. Ach, Ihr wisst schon.

Also…sollte jemandem von Euch etwas auffallen, etwas, das ich noch ändern muss oder beachten, bitte ich Euch sehr herzlich – sagt es mir. Hinter der Feenflachserei ruht der mir innewohnende große Ernst und verzieht keine Miene, denn es ist wichtig und mit solchen Sachen wie dem Schutz meiner und anderer Menschen Daten hört bei mir jeder Spaß auf – auch wenn ich hier herumfrotzele was der Spaß hergibt. Das soll nur Mut machen, nicht nur mir – auch anderen.

„Das Unkraut wuchernder Angst in aller Ruhe und mit Humor auszurotten ist schlauer als ihm den schönsten Platz im Rosengarten anzubieten.“ (Amélie Hauser)

Wenn ich unsicher werde, versuche ich mir irgendwie einen Plan zu basteln. Gerne auch mit Hilfe anderer Kundiger.

Ganz lieben herzlichen Dank für die viele Resonanz, die ich gestern von Euch bekam und für Eure Kommentierzeit. Ihr habt mir sehr damit geholfen!

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Einen schönen und sonnigen Sonntag wünscht Euch die Fee.

In eigener Sache

Liebe blogfreunde,

die neue Datenschutzverordnung wird bald Anwendung finden und das heißt bedeutet, mir  irgendwo Hilfe zu organisieren und auch abzuwarten, was den WP-Admins so einfällt, um kostenlose und leider computertechnikferne Nutzer wie mich für die neue Verordnung fit zu machen.

Noch weiß ich nicht, ob ich das bis zu diesem Datum schaffen werde, alles was darin gefordert ist, umzusetzen und werde als Übergangslösung meinen blog in ein paar Tagen vorsorglich erst einmal ins private Off versenken. Sollte ich mit dem technischen Gefriemele trotz Generatorhilfen nicht klarkommen, bedeutet das das Aus für den Karfunkelfee-blog.

Mein Impressum dümpelte bis jetzt verborgen in meinem Gravatar herum. Irgendjemand hat es mir freundlicherweise vor gefühlt tausend Jahren zur Benutzung angeboten und deshalb friemelte ich es in den Gravatar  hinein, weil ich nicht wusste, wo ich es ansonsten hätte hinpacken können.

Im Internet suchte ich mir so etwas hier:

https://datenschutz-generator.de

http://www.impressum-recht.de/impressum-generator/

Möglich, dass dieses hier mein letzter Eintrag ist. Ich habe große Schwierigkeiten im so genannten „real life“ Anschluss zu Menschen herzustellen, überwiegend bleibt es mir unmöglich – ich bin aus gutem Grund eine „Fee“.

Wie für viele andere solche Leute wie mich auch, die ansonsten drohen, sich ganz zu isolieren, war der blog für mich auch ein Tor nach Draußen, ich bedanke mich deshalb sehr für den besonders lebendigen Kommentar-Austausch der vergangenen Tage und natürlich bei meinen treuen Kommentatoren*innen, die regelmäßig zum Lesen vorbeikamen und Zeit fanden, ein paar Worte bei mir zu verlieren oder die treuen Leser, die mir ein Mögesternchen zurück ließen.

Noch hoffe ich – aber es sieht schlecht aus, Leute, da bin ich auch ganz ehrlich.

Ich vertraue mir zu wenig, das alles richtig zu machen.

Sorry und

liebe Grüße zu Euch,

Die Karfunkelfee

Dobsche dobsche trallala

Unter mir und um mich herum tobt wie verrückt der erste Mai. Er klingt nach polnischer Polka, aber Hoppa! Vergnügt brüllen sich unter mir die Polen an und ihre Babies kreischen im Zehnminutentakt los. Sie haben sich offensichtlich mit dem öffentlichen Nahverkehr abgesprochen.

Mein lärmempfindliches Gemüt plärrt jedes Mal nach Mama mit. Ich beruhige es. Was die Mutter unter mir mit ihren Kindern oftmals nicht tut. Sie meint vielleicht, ausgiebiges und lang anhaltendes Gebrüll kräftige die Lungenfunktionen.

Gestern wollte ich romantisch sein. Ich zündete sogar ein Kerzchen an und machte voll auf Fee. Tanzte zu Eminem ab, put it in the closet, yeah!

Dann wollte ich in den Wald. Es war allerdings schon herausfordernd, nicht vor Mitternacht einzuschlafen. Wovon mich allerdings meine wüst feiernden und des Deutschen komplett ohnmächtigen polnischen Nachbarn unter mir abhielten. Es hat sogar den türkischen Nachbarn, die sonst auch keine Kinder von Traurigkeit und Schweigen sind, die Sprache verschlagen. Dann, so um Elfe herum, wurde es mit einem Mal ruhig. Sie waren weggefahren und ihre schreienden Babies hatten sie zum Glück mitgenommen. Ich war allerdings überwältigt und geschockt von so viel Ruhe auf einmal. Jetzt erst vernahm ich den Wahnsinnsturm, der mit ohrenkreischendem Gejaule um die Hausecken pfiff.

Begleitet von den Polkarhythmen und Elefantengetrampele unter mir, konnte ich den Sturm bislang nur wahrnehmen, weil die Böen damit beginnen wollten, mein Fenster nach innen einzubeulen und bei einem verzagten Blick hinter die Gardine bemerkte ich etwas beunruhigt, dass die Birke vorm Haus quasi waagerecht stand und sich mit letzter Kraft im Sandboden festklammerte.

Ja, hoppa. Was für ein Walpurgis! Ich wollte den Vollmond knipsen, in diesem so unverhofft entstandenen besinnlichem Vakuum meiner durch ihre erfreuliche Abwesenheit wie frisch poliert glänzenden polnischen Nachbarn. Meine polnischen Nachbarn sind in Wirklichkeit Quasare. Jeder Einzelne von ihnen ist ein Sternfresser und Galaxienkiller.

Eingewickelt in meine schottische Wolldecke verwarf ich den Gedanken an einen romantischen Gang in den Wald. Ich wäre glatt weggeflogen. Als ich aus dem Küchenfenster schaute, hielt sich die bergige Aussicht so gerade noch an ein paar Hügelchen und Erhebungen fest und mit Schaudern meinte ich eine Rotfichte gen Himmel hochfahren zu sehen wie den heiligen Geist höchtpersönlich. Es war wahrlich Walpurgis gestern, eine richtige Hexenjagd mit Wolkenbesen und all dem teuflischen Getüdele.

Das Dunkelgewölk verschluckte immer wieder den Mond, bedeckte ihn wie ein schwarze zerfledderte Krähenflügel und weil ich übelst gelaunt war, weil ich nicht wie ursprünglich beabsichtigt, romantisch in den Wald gehen konnte, während es mir meine langen Zotteln im Sturm waagerecht zog und den Birken drohte all ihr mühselig ausgetriebenes Grün wieder abzureißen und weil ich depressiv, jawoll deprrrressiv (!) wurde von diesem Geheule da in den jung erblühten Baumkronen, schoss ich mindestens zwanzig Mondbilder ohne einen erwünschten Vollmond zur Gänze, dafür mit dramatischen Lichteffekten und immer wenn der Mond es wieder schaffte ein Loch in die düster dräuende Schwärze mit seinem Chromlicht zu pflügen, schrie ich laut: Aber hoppa, Polka, Alter, ach was red ich, wenn schon, dann richtig Tango auf Tuchfühlung, Mondbruder!

Bis Mitternacht versuchte ich noch romantisch in den Wald zu gehen und mich wie eine stonehenged- washed echte Fee zu verhalten, doch ich fühlte mich immer menschlicher und winziger vor lauter Verzagen. Inzwischen hatte es nämlich obendrein zu pladdern begonnen. Keine kleinen Tropfen, neinnein…. Jeder Tropfen gefühlt eine eiskalte Dusche bei unromantischen sieben Grad Plus. Also schrieb ich, statt in den Wald zu gehen, stinkwütend ein hochromantisches und total poetisches Walpurgisgedicht und sang trotzig um Mitternacht: Komm lieber Mai und mache …ähem….die Polen bitte leiser!. Bei dem Wort „leiser“ schrie ich genauso laut wie meine polnischen Nachbarn im Walpurgissturm. Wie ein Wolf den Vollmond heulte ich den ersten Mai an. Darum ist heute auch schlechtes Wetter hier, die Polen sind wieder zu Hause und hören schon mal wieder Polka.

Der erste Mai ist ein romantischer Steckenjunge, mit Flaumbärtchen und verträumten Augen. Hieße es „die erste Mai“ wäre sie eine Krinolinenschönheit mit rauschigen Röcken und hinreißenden Veilchenträumpupillen. Dieses Junggemüse will zart behandelt werden und nicht so stürmisch als gälte es, den Winter auszutreiben. Sturm- und Drangalter ist der Mai vielleicht sogar noch mehr als nur verträumt und romantisch und der diesjährige erste Mai ist eine einzige Trotzphase, die einer Fee viel Geduld und Humor abverlangt, wenn ihr mich fragt.

Unter mir knallt gerade ein Klodeckel, plärrt der Zweijährige, rasend vor Empörung und das Baby fällt solidarisch mit in das pralle Leben mit ein. Oh, so lasset uns alle frohgemut sein!

Draußen schüttelt es immer noch den Bambus durch und von Frühling keine Spur. Ob die Birken im Wald noch stehen oder auch inzwischen weggeflogen sind oder ob sie quer überm Wanderweg liegen, weiß nur Biel, der Waldgeist und ich habe keine Lust rauszugehen und ein Birkengrün zu organisieren.

Heute ist Tag der Arbeit. Da könnte man auch prima demonstrieren gehen. Tut allerdings hier wo ich wohne niemand und alleine mit einem Pappplakat (Komm lieber Mai und mache…) auf die Straße gehen will ich auch nicht. Heute sah ich noch nicht ein einziges Auto auf der Straße und die Vögel wurden alle weggeweht, hier singt bis auf die Nachbarn (und deren Musikanlage) nix.

Um fünf Uhr morgens legte allerdings das Baby einen hellhörigen Pappmaché-Stock tiefer unter meinem Kopfkissen los und dann knallten auch schon wieder lustig unbedarft und völlig hemmungslos Klodeckel, Türen und Fenster, weil die junge Mutter sehr schlechte Laune hatte, vermutlich weil sie zu früh aus dem Bett musste mit den Kopfschmerzen, dem übergärigen Alkoholmagen und dem daraus unweigerlich resultierenden flotten Heinrich. Alkohol ist eben doch ein Nervengift. Es raubt allen den letzten Nerv. Das ist so ähnlich wie mit Amerika. Das ist ein Auswandererland. Kann man nur noch auswandern.

In diesem Sinn und Euch einen schönen ersten Mai wünschend,

Eure Karfunkelfee

Árstidir – Ljód í sand (Live)

Liebe blogfreunde,

Ich gehe vom Schweb- in den Senk- in den Landeanflug. Muss mich mal erden. Zuhause steht ein großes Familienfest an und ich bereite mich darauf vor. Ich wünsche mir, dass meine Tochter einen murmelrunden Tag erlebt und die nächste Projektphase beginnt: kurz und knackig – es gibt viel für mich zu tun.

Passt auf Euch auf, ich wünsche uns allen warme friedliche Frühlingstage.

In diesem Sinn

Liebliche Grüße von der Karfunkelfee