Meine kleine Erde


Eine Laola der Naturgewalten, ausgelöst durch eine unterirdisches Erdbeben, ein winziger erdmanteltiefer Milimeterbruch epischen Ausmaßes. Es entsteht ein enormer Sog, ich kann im Doku-Video sehen, wie sich das Wasser von der Küstelinie unaufhaltsam langsam immer weiter zurückzieht, die Priele hinter sich herschleifend, geradewegs so, als laufe das Meer mit jedem Wellenschlag der Erde weiter davon.

Die Kamera zoomt den Rücksfluss näher heran, Menschen flüchten und hinter ihnen türmt sich am Horizont die Welle, übermannhaushoch, viele Meter, wie sie immer höher wächst, noch ist sie fern, doch jetzt schon so dermaßen hoch, dass kein Streifchen Horizont mehr hinter die dunkellila Wand passen will. Dann stürzt sie schlierig nach vorn kippt sie überschäumend überkront sie die

Panik, bricht ein in die Fliehenden wie der Hai in den Schwarm, löst das Schuppensilber, entgrätet die Heimat und der düstere Wellenhimmel droht schwanger vor Unheil. Ich presse mit den Fakten über Opfer und Hinterbliebene im Hintersinn meine Fäuste zusammen und hoffe inständig und das obwohl es ein Dokumentar-Film ist, irgend einer unter einem Schlagwort wie Tsunami aus den Meeren der Bilderfluten, doch kein gestellter sondern furchtbar wahrer mit totesten Toten und Opfern, irgendwo in den Polynesien und Hawaiis dieser exotischen Welt…

…und niemand umarmt sich theatralisch in diesen sekundenkurzen Kameoszenen, Schnappschüssen und niemand erkennt sich darin. Jeder rennt und flüchtet ganz für sich selbst alleine, den Blick starr geradeaus gewandt mit entsetzten fassungslosen Augen das Wasser im Rücken beflieht die Füße im ertrunkenen Wind.
Das hier ist keine narrende Wirklichkeit, in der die Zeit einen Platz fände für einen Abschied wie er vielleicht Liebenden gebühren mag, die sich in das Unvermeidliche fügen bevor sie mit immenser menschlicher Größe von der Bühne ihrer Eitelkeiten abtreten. Es gibt kein Erkennen einander ansonsten Wildfremder Strangers in the Night, die hier in Hardcore-Romantik im Angesicht des Todes plötzlich feststellen, dass sie eigentlich zusammengehören und dann doch tragischerweise überflutet und wieder auseinandergerissen werden, vereinzelt fortgespült, zusammen mit ihren Autos, Häusern, ganzen Leben, die vorbeischwemmen wie ein reißender Fluss als die Welle in sich zusammenstürzt und überschäumt, in Straßen schwemmt, sich ausbreitet und alles gierig verschlingt, das nicht niet- und nagelfest mit tausend Seemansknoten verzurrt ist. Also nimmt sie alles mit: Die ganze Stadt, sie reißt die Mauern ein und treibt sie davon in einem Strom der Steine, zusammen mit dem Lebensschutt, der übrig bleibt, wenn Naturgewalten ihre volle zerstörerische Kraft entwickeln können.

Geknickte Palmen strecken ihre Blätter wie grüne Flügel der Trauer in die See. Das Land ist überspült, ganze Felder schwimmen wie entwurzelte Samen im Meer, nur noch an Wurzelfäden hängend wie lose Zähne im Mund. Die heimatlos gewordenen suchen in langen Wanderkolonnen urbare Erde, sie trauen dem Meer nicht mehr, sie verurteilen die Gezeiten in das Exil ihrer sandigen durchlässigen Herzen.

Der Film endet mit lumpigen Gestalten, ausgemergelten Fischern und kleinen Mädchen in Fetzenkleidern. Sie hängen an Tantenhänden und reißen ihre Münder auf weil Mama und Papa aus ihnen herausgeflossen sind mit der Monsterwelle, die traurigen Tanten nicht erklären können, so wenig wie die Berichterstattung, während die nüchtern getrimmte Kommentatorenstimme des Reporters in schlechtem Englisch mit der Palme im Hintergrund um die Wette schwankt.

So abrupt wie es begann, wie die Bilder des Amateur-Handyvideos eines Rückwärtsrennenden das Geschehen in wackelnden Einstellungen formulieren, endet der Filmspuk mit einer Liste der Opfer. Der Bildschirm wird dunkel und ich lehne in der Nacht, fliegen ihre Treibgüter um mich herum und ich ahne im Getriebe der Fäden die minimalen Bewegungen an denen mein kleinstes Ganzes hängt wie eine Stabheuschrecke an einem Efeublatt mit beweglich zitternden Gelenken. Die Nacht ist ein Blatt im Wind wie ich, sie rauscht und ausnahmsweise steht der Wind richtig, aus milden südlicheren Gefilden.

Während meine Bilderfluten sich stetig und langsam unaufhörlich zurückziehen,
erinnere ich mich daran was Ur ist und dass es dynamisch ist und stehe im surrealen Traum am abstrakt weißen Strand. Ich fühle die gewaltige Welle langsam und brausend vor mir aufbäumen und sage: Komm nur du Schaumschläger, ich habe noch genug Zeit um so weit zu gehen, dass deine Ausläufer mir nur noch die Füße bekitzeln. Du magst mein Land versetzen wollen, ich hingegen traue mich sogar meine größten schwersten Berge zusammenzuklauben wie Murmeln um meinen Arm. So protzte ich, wusste ich ja meine Allerliebsten im Schutz meiner Sicherheit bestens geborgen.

Dann zappelten meine Füße vom vielen Surfen, ich zerwühlte die Sterne, wusste, ich hatte es wieder einmal in allerletzter Sekunde noch geschafft vorm Wellensturm vorher zu fliehen. Weil ich es mir so sehr wünschte, dass mir Schwalbenschwänze wuchsen, die, lang genug gewebt, mich endlich trugen.

An diesem Sommermorgen hatte sich durchsichtiger Morgentau gesammelt, er schlief noch fest im Dunkellila einer Blütendolde. Ich weckte den winzigen Spiegeltropfen mit der Fingerspitze und fragte ihn ob er irgendwann schon einmal eine riesige Welle gewesen war, vor unheimlich langer Zeit in einem südlich warmen Meer, an das wir uns noch aus großer Ferne vage zurückerinnern können. Das Wasser antwortete, dass es durch alles hindurchginge und war gelbvanillig süß geworden vom vielen Regenspülen auf meiner Zunge. Ich mahlte mein Salzkorn im Geziffer der Tagpfauenaugen, da zerrieb es sich am Schlaf der Zeit und flog seiner Katastrophe davon. Ich erkannte, dass ich ein dämmerfarbener Schattenstaub an der glatten Wand einer Riesenwelle war.

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(Bild: Sohnemann/Scharbeutz)

kleine Seitwärtsbewegung

In meiner Stadtwüste
kollere ich
wie ein Truthahn
schrappe über Weggeworfene
Colaflaschenmüll
Karmakonsumkunst

gehe, den fetten Rucksack
lieber lässig schulternd
inzwischen Fetzchen
blauen Chromhimmel einsammeln

spiegelt sich sogar noch
in viel stumpferen Fenstern
als dem Seitwärtsblick

der Kauerfrau
im Eingang vom Kaufhaus
die stinkende Selbstgedrehte
streichelt verträumt den Hund
mit pipigelben Fingern

krault sie meine Augen.

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Dr. House und das Gute an der Blogroll

Liebe blogfreunde,

Letzte Woche Sonntag richtete ich in meiner Küche ein lustiges Schlachtfest an. Mein Hals entkam dem mir Richtung Körper ausrutschenden Messer um Haaresbreite, mein wackerer Handy-Daumen hielt das hintertückische Schnitzelding vom Schlimmsten ab. Was die Sache nicht viel besser machte, denn das zersäbelte Fingerglied spritzte mit Lebenssaft um sich wie Michael Schumacher einst mit der Schampuspulle. Obwohl mir höchst blümerant zumute war, weil ich zu schnell auslief, gelang es mir einen erstklassigen Druckverband einhändig anzulegen: meine Hand schlief schon nach fünf Minute ein und lief erst in der Notaufnahme blau an, weil sie langsam begann abzusterben. In welchem Krankenhaus Dr. House arbeitet, weiß ich jetzt auch, nämlich in unserem. Der flickte meinen Daumen wieder an und als die Betäubung nicht richtig wirkte und ich deshalb herummeckerte, merkte er nur konzentriert die Flicknadel mit einem schönen Ruck hochziehend an, dass er selber gar nix merken würde. Toll…Wenn ich mich nicht so dermaßen über meine ungeschickte Dämlichkeit geärgert hätte, könnte ich über diese Art knochentrockenen Humor in uferloses Schwärmen entarten.
Nun habe ich Zeit, die ich eigentlich laut meinem Cheffe gar nicht hätte. Fahrradfahren und in die Sauna kann ich auch nicht und nun bin ich äußerst ungehalten und von positivem Denken so weit entfernt wie Mars von Jupiter. Allerdings mag ich Seneca, der behauptet, dass in allem Übel immer noch einen Gewinn zu suchen, Schule macht und dies ja auch tat.

Also nehme ich das Gute im Übel, nämlich meine verwahrloste blogroll und versuche mich in administrativer Technik. Was eine Herausforderung darstellt und heute Morgen jede Menge lästerliches Fuhrkutschergefluche nach sich zog. Doch dann kam ich WordPress druff! Jawoll, ich durchblickte endlich diesen administrativen Button-Wust, der so gar nicht in mein intuitiv glatt und gediegen auf Edelkrimskrams gebürstetes Technikgefühl einpassen wollte. Die Sache begann Spaß zu machen. Leider werden nur fünfzig blogs angezeigt. Ich lese aber noch viel mehr blogs. Nun habe ich schweren Herzens die blogs herausgenommen, die nur sehr wenig posten oder gar nicht mehr und denen Vorzug gegeben, die fleißig Beiträge fabrizieren.

Auf die Idee, meine blogroll zu überholen, neu einzupflegen kam ich, weil ich beobachtete, dass ich die blogrolls anderer blogger gern benutze. Darum möchte ich Euch diese Möglichkeit auch weiterhin zur Verfügung stellen. Es gab auch Stimmen, die meine blogroll vermissten. Manchmal brauche ich eine Weile, um in mich zu gehen und etwas in eine neue Form zu verändern. Darin bin ich so entschleunigte slow motion wie ansonsten hochgehypter speedy gonzales.
Wenn ich nicht gerade versuche im Partisanensystem (jeden Tag einen Anschlag!) einhändig administrative Befehle in die Tastatur zu kloppen.

Meine Bitte ist: Schaut doch bitte bei Gelegenheit mal nach, ob alles passt und ob die Linkwinkdingse zu Euren blog-behausungen funktionieren.

Weil das Wetter hier im Augenblick total bekloppt tut und statt dem notwendigen Regen nur jede Menge kalter Luft produziert, suche ich nachher noch eine schöne Musike.

Liebe Grüße aus dem Windkanal,

Eure Karfunkelfee

50 Liebes-Sonette für Frey’ja: Alban Hevin

50 Liebes-Sonette für Frey’ja

Numero 22

Noch brennen narbige Fußsohlen vom letzten Sprung über die Glut.
Meine Kinder werfe ich über das Feuer
damit sie stark und noch viel stärker werden.
Verbrenne einen Haufen alter Geldwörter um die Ahnen mit dem Kapitalismus ihrer Nachfahren zu versöhnen, ahne letztes Grün aus verblühtem Waldmeister und zähle unendlich rückwärts bis zum nächsten Überschwang
wollen
fette saftige Wiesenbäuche vor Blumen schier platzen und

kopflose Vögel bevölkern den blauesten Himmel der Saison
Wie Indiacas werfen sich Federbäusche in die Luft, knallen zuweilen zusammen
und stürzen ab
wie winzige Sonnenkönige

Beifuß und Gundermann klären mein trübes Mondwasser von weltlichen Dingen
Der Sporenstaub des Bärlapps explodiert in meinem Feuer
Ihr Bilwis segnet Felder mit Regen und Sonne
verleiht Arnika Wohl wie Eberesche Stärke und
Schwellenhüter Christopherus säumt aktäisch Feldraine
bannt den Kornwolf in die wachsenden Halme
Heute Nacht sprechen die Tiere
Feen und Zwischenwesen werden sichtbar an der Nahtstelle der Welten

weht noch sonnenhöchster Stand
blickdichten Tagen einen Hauch Unvergänglichkeit um die Nase
und die Welt scheint voller lachender altersloser Kinder

Im kleinsten Abstand zum gefühlten Mittelpunkt der Erde
kaue ich wilde Kräuter
heute heilen sie am besten
Morgen schon ist die Sonne tot
vor ihrem Wiedergang bürstet sich mein Fell gegen den Strich auf

selbst die schweren Einsamen tanzen wie Springteufelchen in der längsten heulenden Wolfsnacht
Johannis’ abgetrennter Kopf lacht schaurig
denn der alte Kreis wendet sich erneut
Le roi est morte. Vive le roi.
Blumen unterm Kopfkissen
Bitten um Baldurs Nähe, geliebter Alpträumer

Zwölf Tage will ich
meinen warmen großen Sommerleib hellauf halten
Klebrig süße Eistropfen von der Haut ablecken
nackt unterm Mond sitzen und ihn anbellen
als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun

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Kitze

Liebe blogfreunde,

Immer noch ist Frühling und nicht Sommer. Bald ist Sommersonnenwende, ich sitze wie jedes Jahr in den milden Nächten auf dem Balkon und würde am liebsten zu schlafen vergessen, weil ich keine Jacke brauche, weil es mir endlich mal warm genug für bloße Haut ist. Alles im Leben vergeht, lerne ich und umso mehr mit jedem Tag, den ich altere. Genauso unumstößlich wie das Leben mich immer wieder darauf hinweist, dass Endlichkeit natürlich ist, begreife ich den hohen Wert der Beständigkeit im Wandel aller Dinge. Es sind nur sehr wenige wechselvolle Gefühle, die über viele Jahre in eine Tiefe zu wurzeln schaffen, das Sterben überwinden und dabei eine Intensität entwickeln, die sie unverändert Höhen und Tiefen des Lebens überstehen lässt, geradewegs so, als seien sie die berühmte Ausnahme von einer Regel, die über mir steht.

Ich wünsche Euch einen schönen Feiertag.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

Diese Worte gebe ich niemandem.
Nur dir:

Mein rötliches Gewuchere
um dein Herz
– mein Gesicht an deinem pochenden Hals.

Dieses Gefühl gebe ich niemandem.
Nur dir.

—-

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ABC-Etüden: Shodo – Übung

Liebe blogfreunde,

Frau Wildgans hat mich heute Morgen wieder mit was angeflämmt und dann schrieb das Ding in mir los und eh ich es mich versah, hatte ich obendrein (daran werkelte mein Hintergrundprogramm munter weiter während ich nach vorn raus so tat als sei ich fleißig und strebsam) Red  Skies over Paradises etüdelige Worte mit verbaut in den Text. Tja. Da hab ich den Salat mit Eurem ganzen Input und das hier veröffentliche ich jetzt mal. Arabella ist auch und überhaupt Schuld, denn sie hat die Welle mit Rio Reiser und Junimond erst richtig ins poetische Wogen gebracht. 
So fließt wieder vieles ineinander. Blumen wie Texte.

Lieben Dank auch den Impulsgebern und Initiatoren der ABC-Etüden Christiane und Ludwig Zeidler, Herrn Textstaub.

Noch eine kleine Anmerkung: Dieser Text ist vom ‚Shodo‘, dem ‚Weg des Schreibens‘, und meiner Bewunderung für japanische Kalligraphiekunst beseelt. 

In diesem Sinn,

Liebe Grüße von der Fee

🌱

Gibt so Tage, die laufen rund und glänzend wie ein blank geputzter Taler auf der Straße. Die langsam nur auf krummen Füßen stolpernden Alltage sind hierfür die Wegbereiter, sie machen die Zeit begehbar und ebnen alte Grabstellen ein. Auf den noch unbekannten Wegen blühen unerwartete Erinnerungen auf; streifen Ehemalige kurz ein Gedenkemein über Sommergräser und an Lattenzäunen wuchern wilde Wicken.
Zwitschert so durch die Finger wie das Echo eines Frühlingsschreis und die Bauruinen mit der verwegenen Idee eines Kellerdurchbruchs stehen in Schutt und Trümmern von jedem Idealismus verlassen da. Die eskapistischen Wirklichkeiten im Rot eines Mohns hingegen brandschatzen bunt die Wiesen. Vom Flusswasser werden Barfüße umschlossen, eine Imagination der Kühle erfasst die heiß gelaufene Haut und es ist ein weiterer Vagabundensommer unter dem Heumond herangewachsen. Das Leben findet Wege aus dem hermetischen Dunkel zwischen Mauerritzen hoch ins Licht, ein nackter weißer Keim, dessen Zähigkeit und Lebenswillen sich zuerst über Steine schlängelnd gleich feingezeichneten Blumenkalligraphien auf brüchigen Reispapieren zeigt. Das eindringliche Gefühl im Taumorgen des Grases trägt noch deinen blinden Nachtgeruch und die Heckenrose beabsichtigt noch eine Weile mitten in den Tag hinein zu blühen bevor sie wieder verduftet, so wie du.