Sterntänzer (für Kopernikus)

Liebe blogfreunde,

Der Herr Autopict hat sich ein astronomisches Gedicht von mir gewünscht. Also bin ich brav zu Tante Wicki und habe mich von Wissenschaft betören lassen. Ob ich was davon verstanden habe, werde ich spätestens dann erfahren, wenn ein erboster Kommentar mich darauf hinweist, dass ich kopernikanische Gesetze verbiege und fröhlich verdichte wie es mir zupass kommt. Nun, ich bin keine Wissenschaftlerin, aber durchaus lernfähig (wenn auch manchmal etwas schwerfällig und ungeschickt).
In diesem Sinne wünsche ich Euch Freude mit den Sterntänzern, die ich übrigens in der Bielefelder Altstadt in meinem Lieblingsblumenladen „Petite Fleur“ erstanden habe. Ich muss den mal ein wenig bewerben. Denn es gibt ihn schon sehr lange und ich wünsche mir noch viele interessante Blumenarten dort zu finden. Die Sterntänzer sind eine Sumpfpflanze und möchten gern immer nasse Füße haben, sonst machen sie Schlapp und lassen die Sterne hängen. Sie blühen monatelang.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

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Sterntänzer

Von Glitzerpartikelchen bestäubt der Bach, das Feuerlaub kurz vorm Verglimmen, ein lose hingetretener Teppich aus nassem Ahorn.

Zwingend kalter Nordost beschreibt die Keplerbahn als Ideal.
Was interessieren der Menschen ewige Träume wissenschaftliche Erkenntnisse?
Den Wind, den Wind, denn er ist ein nicht zu unterschätzendes Kind, welches vollkommen schwankend macht.

Im Sprungkraut summt es noch süß nach dem Überfluss der Blühwiesen vergangener Zeiten.
War ein Körper immer massereicher und wasserweicher als der andere gewesen und Insekten sanken tief ein in ihre Kelche.
Sie lesen die Samenfäden wie Apsidenlinien.

Der Eisvogel in seinem Blaugoldglanz stürzt als lang gestreckte Hyperbel in das zeitlose Umschwingen himmlischer Kreise einiger noch vom Sommer erhellter Sterntänzer.

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Aus den Geist(er)geschichten: Frühlingsmanöver

Liebe blogfreunde,

das kann auch nur mir passieren: eine Frühlingsgeschichte im Herbst. Doch ist es nicht an der Zeit, sie jetzt zu erzählen, wenn es kälter draußen wird?

Herzliche Sonntagsgrüße von der Fee 

Ich kenne einige dieser schmalen Hasenpfade, die hinaus führen aus den Labyrinthen der Unzulänglichkeiten, den Festungen gegen die Fremdheit und den Scheinhausgefängnissen alter Schuld. Solche Wege sind ähnlich den schmalen Strauchpfaden, die ich im Wald mit meinem Mountie gerne suche, oft als Parallele zu den breiten kalkgekiesten Wanderwegen. Hier siehst du wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und die Wege sind teilweise zugewuchert, Stämme liegen quer oder Stümpfe ragen aus der Erde, glatte schmierige Steine spreizen sich auf dem Weg und ich muss so langsam fahren wie nur möglich, das Rad ist nicht sehr wendig im so einem engen Baum-Gestrüpp mit den großen 29-Zoll-Rädern.

Solche Waldwege sind so verschlungen wie oft auch meine inneren Wege und dieses Jahr im Frühling verhedderte ich mich auf einem von ihnen, allerdings draußen, in der Wirklichkeit. Magisch schimmert hier im Buchenwald das Aprillicht. Lichtfinger tanzen auf Schattenwegen vor dir her. In jedem Frühling besuche ich mittlerweile wie in einem Ritual den „Frühlingsberg“ bei Lämershagen, bewundere die weißen Schlehenschleier und suche Leberblümchen auf der Bergwiese.

Heute jedoch war ich in einem noch nicht von mir erkundetem Gebiet unterwegs. Ein Rudel Rehe stand am Hang. Ich befand mich in einem der für den Teuto typischen buchenbestandenen kleinen Talkessel und trug meine neongrüne Waldjacke. Auf die Rehe musste ich wie eine Riesenheuschrecke mit meinem seltsam knatternden Fortbewegungsmittel gewirkt haben, denn als sie mich hörten, sprangen sie erschrocken auf allen Vieren gleichzeitig hoch, rannten jedoch überraschenderweise nicht vor mir davon, sondern verhielten sich eher unschlüssig. Ich war ebenfalls eher unschlüssig und überlegte hin und her, was ich denn nun mal machen solle. Umkehren? Den ganzen beschwerlichen Weg zurück, den ich über zwei Kilometer das Rad hinter mir her schleifend, schiebend, durch Brombeerdornen und über Baumstämme zerrend bis hierher gekommen war um in einer Sackgasse gelandet zu sein?

In meiner inzwischen eher einer Verzweiflung ähnelnden Unschlüssigkeit fragte ich also die unschlüssigen Rehe um Rat, sie waren ja gerade sowieso da und ein wanderkundiger Mensch, der mir hätte weiterhelfen können, nirgendwo in Sichtweite. Die Rehe standen jedoch einfach nur herum, wackelten mit ihren Nasen, Ohren und weißen Blümchenhinterteilen. Sie schauten aus feuchten großen Rehaugen zu mir her und kauten friedlich dabei. Was mach ich denn jetzt, fragte ich sie hartnäckig noch einmal, gerade so als könnten Rehe mit Menschen reden. Ich habe mich total verlaufen, jammerte ich und futterte erst einmal meinen Reiseproviant, eine Banane. Etwas Solidarität zu bekunden, könnte ja nicht schaden, meinte ich. Die Rehe fraßen ständig und ich wünschte mir Gruppenanschluss also musste ich mitfuttern. Stolz zeigte ich den Rehen meine Banane, während diese zufrieden Weiterästen, was auch immer. Sie rupften an irgend etwas herum, ich zupfte die Bananenschale ebenfalls und legte sie an eine Stelle, an der ich hoffte, dass niemand vorbeikommen würde und womöglich ausrutschen bis mir aufging, dass das total bescheuert war, weil an diese Stelle eh niemand kommen würde, mit Ausnahme von mir Hornvieh mit Fahrrad.

Als ich aufstand, das Rad am Lenker packte und mich ergeben vorwärts in mein selbst erwähltes Schicksal schob, bewegte sich das Rudel Rehe ein Stück weit den Hang hinauf und strebte leichtfüßig zick zack tanzend  auf den Berggrat zu, auf dem ich einen schmalen Pfad vermutete. Ich beschloss ihnen zu folgen um es herauszufinden. Das Rad vor mir her bugsierend, stieg ich Meter um Meter die Böschung hoch und hangelte mich dabei an den Buchenstämmen aufwärts. Ich trat im raschelnden trockenen Vorjahres- Laub auf moosüberwucherte Buchenstämme, glitschig vom vielen Regen der Wochen zuvor und meine Beine rutschten ständig weg, loses Gerölle kullerte hinter mir den Hang hinunter. Ich blieb stehen und verschnaufte. Die Rehe sprangen vierzig Meter parallel von mir weiter munter voraus wie Slalomspringer den Bergrücken hoch, blieben dann jedoch erneut stehen und futterten natürlich erst einmal wieder etwas. Sie fanden auch immer etwas im Gegensatz zu mir, denn ich hatte nichts mehr, nicht mal ein albernes Power-Gel, was ich nun gut hätte brauchen können. Allerdings hatte ich auch null Hunger. So eine Banane stopft schon recht ordentlich und versorgt Krampfmuskeln sofort mit Magnesium. Mein Rad wiegt nur zehn Kilo. Doch selbst dieses Federgewicht von Kamel kann auch sehr schwer werden, wenn man nicht darauf sitzt und fährt, sondern es zusätzlich zum Körpergewicht als sperriges Zusatzteil mit sich führt. Ich schwitzte wie ein Affe, das Fleecefutter meiner grünen Fahrradjacke war klitschenass und durchgeweicht, meine Brille vom Geschnauft beschlagen.

Ich ahmte die Rehe nach und bewegte mich wie ein Slalomläufer, schob das Mountie am Hinterrad vorwärts, hangelte mich von Buchenstamm zu Buchenstamm langsam weiter nach oben, fing mich immer wieder durch das Verlagern des Oberkörpers ab, wenn ich abzurutschen oder zu kippen drohte und prüfte vor dem dem nächsten Schritt ob der Untergrund mein Rad und mich auch halten konnte.
Zwischendurch spähte ich immer wieder zu den Rehen hin oder nach oben, denn dort klebte ein Blauzipfel Himmelhoch und die Kuppe wirkte wie eine scharf vom Berg abgegrenzte lang gezogene Schwertklinge, bedeckt vom braunen Laub und moosüberwachsenen Stämmen. Doch wenigstens hatte ich kein Brombeergestrüpp mehr zu durchqueren, das mir die Knöchel blutig riss. Ich war noch ungefähr zwanzig Meter vom Bergrücken entfernt und das letzte Stück Steigung war gefährlich. Ich schaute mich um auf den zurückgelegten Weg und mir wurde blümerant zumute als ich sah, wie steil das hinter mir bergab ging, mein Magen schwappte sauer auf und ich hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Der Schweiß lief mir jetzt in Strömen am Körper, doch ich trug mein Stirnband und so konnte er mir nicht in die Augen laufen und brennen.

Ich musste mich sehr beherrschen nur schluckweise zu trinken, so, dass ich nicht mein ganzes Wasser austrank, die Flasche war noch halb voll und ich hatte noch ein gutes Stück Strecke zu bewältigen. Mein Rücken heulte und zeterte in den höchsten Tönen. Ich betete, während ich mein Rad weiter aufwärts schleppte, dass kein Mountainbikefahrer mich derart erbärmlich erleben musste. Ihr Spott und Hohn wären mir sicher gewesen. Das letzte Stück Steigung war oberfies.

Zum Glück fand ich immer Bäume zum Festhalten und zog mich meterweise weiter voran, bohrte die Absätze meiner flachen Fahrradschuhe in die raschelnden Laubgewölbe, klammerte mich wie ein Affe an den Buchen fest. Meine Hände waren völlig verkrampft, weil ich die Bremsen stop-and-go bedienen musste. Das Rad entwickelte einen ordentlichen Rückwärtsdrall, doch ich sprach leise mit dem Ding, als wärs ein Kamel aus Carbon: Du braver Geist bist doch mein Allerbester, wir schaffen das schon und dann fahren wir diesen blöden Weg nach Hause als wärs gar nix und dann kommst du in die Badewanne und wirst getränkt, geschrubbt und geölt bis du glänzt und quietscht vor Wonne.

Das half mir irgendwie noch weitere Kräfte zu mobilisieren, wenn ich nur an eine Badewanne dachte und die Rehe halfen auch, gewaltig sogar, denn ich fühlte mich gar nicht allein mit ihnen, sie waren Trost und Hilfe und sie wunderten sich vielleicht was dieser seltsame und schrill grün leuchtende Zweibeiner da mit seinem Knatter-Ding für einen ungebührlichen Lärm im Wald veranstaltete. Sie waren irritiert, das merkte ich schon, doch sie liefen nicht weg.
Ich muss hundert Meter gegen den Wind nach Mensch gestunken haben, doch sie blieben beinahe so als ahnten sie wie verzweifelt ich grad war und das war nicht meine erste Begegnung mit diesen Bambi-Viechern, wenn ich mal nicht weiter wusste. Rehe sind meine Delfine des Waldes.
Sie tauchen einfach immer irgendwie zum richtigen Zeitpunkt auf und begleiteten mich ein Stückchen auf meinen zeitweisen Irrwegen.

Der Wind blies ganz genau in ihre Richtung, sie mussten mich doch riechen können? Mein Jägerlatein ist sehr schlecht. Windrichtungen bestimme ich durch Anlecken meines Zeigefingers und halte ihn anschließend in den Wind. Achte auf den Sonnenstand. Ist eine Richtungsbestimmung anhand der „Windschur“ der Kronen möglich? Im Wald ist das schwierig, denn „Windschur“ findet man nur an Bäumen, die dem Wind ausgesetzt sind. Allerdings weisen die Buchenstämme an ihrer Südseite oft eine rissigere und borkigere Struktur auf, auch findet sich mehr Moos an der nach Süden gewandten „Wetterseite“. während die Nordseite glatt erscheint, wie vom Wind abgerieben. Doch dies ist nicht bei allen Buchen so und ich hatte die Orientierung verloren obwohl ein Rest inneres Gefühl noch da war, nur eben nicht klar und sicher. Mein Fahrrad wog inzwischen gefühlt Tonnen und ich kam mir vor wie eine Ameise, beladen mit dem Achtzigfachen ihres Gewichtes kurz vorm Einknicken in den Gelenken. Mein Körper veranstaltete einen Zirkus mit meinen Muskeln, dass ich dachte, ich käme jetzt keinen einzigen Zentimeter mehr weiter voran und als ich zu meinem Entsetzen auch noch feststellen musste, dass ein Baumstamm genau an der Stelle quer liegend wie ein Wall den von mir angestrebten Weg blockierte, hätte ich am liebsten vor Frust losgeheult.

Ich hatte schon Sternchen vor Augen und fühlte mich wie eine Comicfigur von Vögelchen umzwitschert als ich fest stellte, dass eine Sippe Kohlmeisen auf dem Bergrücken quasi über meinem Kopf saß und lautstark tratschte. Jetzt wusste ich es ganz sicher, dass ich eine Comic-Figur in einem Disney-Cartoon war. Es fehlte nur noch Micky Mouse. Die Meisen juckte allem Anschein nach kaum, dass ich stöhnend und ächzend mein knatterndes Rad schulterte und es unter inzwischen ziemlich vernehmbar gezischten Höllenflüchen über diesen Baumstamm zu bugsieren begann, während es mir vorkam, dass ich waagerecht vom Boden abstand und nicht senkrecht wie es richtig ist. Ich hatte Angst, dass ich hintenüber kippen könnte, nur dass dies kein Karussell mit Sicherheitsbügel und Lehne war, sondern hinter mir ein steil abfallender Hang mit scharfkantigem Kalkgeröll der nur wartete auf den Aufprall meines Körpers und meinem Fahrrad. Die Kohlmeisen flüchteten sich über dem Krach, den ich produzierte hinein in das Geäst einer jungen Birke, die sich versuchte einen kleinen Platz an der Sonne zwischen den hohen Buchenkronen zu erobern.

Entschieden blockierte ich die Idee, samt Rad hintenüber zu kippen und kopsterdibolter den Hang hinabzustürzen. Statt dessen pflanzte ich mir ein Bild in den Kopf, dass mich glücklich mit Meisen und Rehen kommunizierend (Original Disney!) fröhlich auf dem Rad sitzend und fahrend, darstellte. Diese sehr unangebrachte und haarsträubende Euphorie half mir mehr als alles andere, denn ich schaffte es irgendwie das Rad über den Baumstamm zu hieven und mich selbst hinterher zu zerren. Auf allen Vieren und mit Tannenzapfen und vielen kleinen Zweigen im Zopf. Das darf ich doch wirklich niemandem erzählen, da lachen ja die Hühner….

Ich fühlte mich wie Herkules nach dem Ausmisten der Ställe des Augias. Ich wollte einfach nur noch in stabiler Seitenlage liegen bleiben, die Augen schließen und in diesem wonnigen Zustand hinüber gleiten in einen total heroischen Tod. Mein höchstpersönliches Frühlingsmanöver war das hier. So eine kreuzdämliche Aktion bringst auch nur du hin! schimpfte ich.. Die Meisen saßen ein Stück weiter im Gebüsch und spotteten. Man muss auch Spott gönnen können und wer den Schaden hat, so wie ich, spottet bekanntlich jeder Beschreibung. „Lacht mich nur aus!“ moserte ich leise und beleidigt, eingepellt in mein schweiß triefendes Zeug wie eine Leberwurst.

Die Rehe verabschiedeten sich nicht von mir, das machen sie nur selten. Sie sprangen einfach davon. Ich beobachtete die leichte und behende Anmut, mit der sie über die laubbedeckten Hänge setzten und folgte den aus meinen Augen nun schnell entschwindenden Blümchenhinterteilen, das Rad schiebend, erst einmal auf dem schmalen matschigen Pfad in südlicher Richtung. Dieser Bergrücken nahe Lämershagen ist einer der reizvollsten, die ich in dieser Gegend kenne. Man braucht aber Kletterfestigkeit. Rechts und links wächst an den Hängen wilder Bärlauch, nach Knoblauch duftende Maiglöckchen, die heute in der regionalen Küche schon fest etabliert sind. Jetzt waren sie noch am Anfang, ein zarter Grünschimmer über den Hängen. Zum Ende des Weges wurde es dann doch noch einmal abenteuerlich, denn ich musste den Berg auf dem ich wie auf einem Drachenrücken entlang gegangen war, wieder hinunter und wieder ging es steil hangabwärts, doch diesmal geführt vom schmalen Pfad.

Wie zur Belohnung voran gegangener Strapazen öffnete sich vor meinen Augen eines der lieblichen Langtäler des Teutoburger Waldes. Der Blick auf die anderen Berge machte mir Kopf und Brust frei, ich ließ die Augen kuppenwandern und ausschwärmen bis ich mich fit genug fühlte um mich an die Abfahrt zu machen, ich hatte noch ein kurzes Stück Straße bis ins Tal und freute mich auf eine glatte schnelle Fahrt. Meine Knochen sehnten sich nach einem heißen Bad und frischer Wind wehte mir um die Nase, die ersten Amseln sangen laut und versprachen die Ankunft des herannahenen Sommers und dieser ließ sich dann Zeit bis der Herbst eintraf.

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herbsthefe vorm abendbrot

Für die gern gemochte  Frau Wildgans für ihr Wort des Tages. Hier im Teuto bindet der Regen Fäden, ich sitz schon wieder, nein stehe, unter Termindruck und schlechtes Wetter weckt mein Lürikmonster auf. Dieser chronische Optimist reimte heute Morgen auf Hefe los weil er kalte Finger vom Schreiben bekommen hat, hier sind es zu wenig versammelte Plus-Grade für warme Hände. Kommt gut durch den Matscheherbst, mit herzlichen Modder- und Pampegrüßen, Eure Fee, die gerade zur Nixe mit Kiemen und Schwimmhäuten mutiert. Karfunkelnixe. Ich organisiere mir hier im Teuto bald ein knallrotes Gummiboot wie das von Wencke Myrrhe und erprobe die Schiffbarkeit des Senner Hellweges. Zum Gedicht mit der Hefe, es folgt nun hier für die Sonja, wie oben erwähnt:

Ein Hefeteig,

so weich wie Titti

lässt sich walken und matschen,

form schönen und auf die Arbeitsplatte klatschen!

Dafür dankt er,

verbindet sich um so besser

je heftiger Hände ihn berühren,

zum Abschluss zart glättend drüber spüren.

Ein solcher Laib ist wie ein Weib.

Die Hitze knackt die Roste glutig,

ab in den heißen Ofenschlot!

Die Küche duftet warm.

Am Berg hängt schon das Abend(b)rot.

Augustrosen

„Oma, Mama ging doch auf das Elysium, oder?“ Sie schneidet den Rosen verblühte Köpfe ab. „Das wär’s!“, ruft sie plötzlich und scheint meine Frage völlig überhört zu haben. „Stell dir mal vor, wir könnten uns unsere verblühten Köpfe einfach abschneiden und dann wüchse im nächsten Jahr ein neuer nach…“ Ihre Stirn wirft steile Falten und sie hält sich die Schere quer vor ihren Hals. „Na, was meinste, soll ich? Schnippeldischnapp, Rübe ab!“

Ich versuche sowohl meine aufsteigende Panik als auch den drohenden Schaden zu begrenzen. Sie wäre imstande das auszuprobieren. „Oma, was machst du denn dann im Herbst und Winter, wenn du kopflos bist? Das geht so nicht!“ In mir plustert sich etwas Wichtiges auf. „Dann halte ich aber den Opa viel besser aus“, entgegnet sie „und im Frühling wüchse mir ein neuer Kopf und ich wäre wieder strahlend jung“. Ich schüttele nachdrücklich den Kopf und sie beginnt von den Chinesen zu erzählen, die Todeskandidaten den Kopf abzusägen pflegen. Mir kommen die Rebellen vom Liang Shang Po in den Sinn. Diese Nachmittags-Serie bannt pünktlich jeden Sonntag unsere komplette Familie vor den Fernseher. In einer Folge gab es diese grausame Szene, in der einem schreienden Mann auf einem Hinrichtungsplatz mit einer riesigen Menschenmenge von einem Henker der Kopf mit einem großen gezackten Schwert abgesägt wurde. Natürlich stoppte in der Folge die Bildfolge als der Hals leicht angesägt war, so dass gerade das Blut herauszulaufen begann und sich die Augen des Mannes zu verdrehen begannen, wobei ich nicht wusste ob dies am Blutverlust oder an den Schmerzen lag und dann ging es bereits weiter mit der nächsten Szene, während mich meine Phantasie noch Tage später nachts in den Träumen plagte und die Hinrichtung in sämtlichen grausigen Details bis zum Ende ausführte. Die Bilder schießen jetzt wieder in meinen Kopf als ich an die Folge denke und ich besinne mich auf meine ursprüngliche Frage zurück: „Oma, wo war denn das Elysium von Mama jetzt eigentlich genau?“

Doch sie hört mich nicht, weil sie gerade kopfüber ins Beet abgetaucht ist, samt Heckenschere und Eimer. Mit einer Handvoll Giersch kommt sie wieder hoch. „Dieses Kroppzeuch! Schau dir bloß mal diese Wurzeln an, sie unterwandern meinen ganzen Garten!“ Die weißen Wurzeln des Giersch erinnern mich an blinde weiße Erdbewohner. Was mich am meisten daran fasziniert ist, das sie zwischendurch und noch tief unter der Erde schon wieder die nächsten grünen Triebe und Blätter ausbilden. „Das sind organische Invasoren, die meine Stachelbeeren umbringen wollen!“ Großmutter ist mit ihren krümeligen, von Erde geschwärzten Händen bereits wieder wühlend und zerrend in den Untergrund des Beetes abgetaucht. Sie sieht aus wie ein sich mit dem Kopf in den Sand bohrender Vogel Strauß. ihr Hinterteil hängt hoch oben in der Luft, sie bückt sich mit durchgestreckten Knien, während ich geduldig mit meiner Frage abwarte. In den Kronen der alten Lärchen, die Opa am Ende des Gartens pflanzte, lärmen Spatzen und balgen sich. Ein paar Mauersegler sirren ums Dach, sammeln sich für den Herbstzug. Im Winter wird mein Großvater wieder Flomen beim Metzger kaufen. Walnüsse feinhacken, unter das weiße flockige Tierfett mischen und die Masse in die hohlen Nuss-Schalen füllen. An dünnen Sisal-Bändeln werden die Hälften in die Bäume gehängt. Die Vögel reißen sich darum, es wird schnell die Runde machen, dass der alte Mitschkepaule wieder seinen Winterfutterplatz klar hat und dann werde ich sie wieder mit seinem alten Fernglas beobachten während er mir erklärt wie die Vögel heißen. Im kommenden Frühling wird er über die fette Nachbarkatze fluchen, die sich fünf beinah nestflügge Rotkehlchen holen wird und sie vor seinen Augen, eins nach dem anderen genüsslich zerbeißen, anschließend liegen lassen. Er wird sich furchtbar aufregen und die blutigen Federbündel in seinem Garten begraben. Gerade jetzt stromert die dicke grau getigerte Katze geduckt durch die Büsche. Auch meine Großmutter hat sie bereits entdeckt. „Gut, dass der Opa in Liechtenstein beim Georg ist, der würde jetzt wieder herumpoltern wenn sie in die Himbeeren kackt“, gehen ihr noch andere Gedanken durch den Kopf als mir und ich habe das Elysium meiner Mutter darüber völlig aus den Augen verloren.

„Oma, die Katze ist doch aber viel zu fett geworden, schau doch mal, was sie für einen Hängebauch unter sich herschleppt, die kann doch gar nicht mehr jagen oder? beschäftigt mich der Jagdtrieb der Katze eher als ihre stinkenden Hinterlassenschaften. Meine Großmutter greift sich die Hecken-Schere und massakriert in Sekundenschnelle eine verblühte, einen Meter hohe Stockrose regelrecht, indem sie sie kurz und klein säbelt und zerstückelt. Ihr schwarzer lockiger Schopf ist durchzogen von wenigen Silberfäden, ihre Haut tief gebräunt von der Sommersonne, sie spannt sich trocken und dünn über ihren Armen. Daran erkenne ich ihr Älterwerden, an ihren Armen, die aussehen als würde Pergament zerknittern. Sie arbeitet schweigend weiter, während ich die neben den Eimer gefallenen Pflanzenteile aufsammele und hineinwerfe.

Nebenan beginnt der Hund zu heulen. Sie stöhnt auf: „Oh, mein Gott, Dunnilein! Der auch noch…“, Remlers sind wieder nicht zu Hause.“ Remlers Dunja kläfft entweder oder heult. Dies ständig und vor allem ausdauernd. Ab und zu hören wir durch die Wand Frau Remlers hohe piepsige Stimme: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin!“

Meine Großmutter kann Frau  Remler perfekt imitieren. Auch jetzt: Sie stemmt sich die Arme in die Hüften, ordnet die Haare, fährt glättend über die Locken, doch statt dessen stehen sie noch viel wilder vom Kopf ab als vorher. Mit hoher verstellter Stimme äfft sie Frau Remler nach: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin, sonst trete ich dich in deinen kleinen verpipipudelten Pinscherpopo!“ Ich pruste los, ich kann nicht mehr, liege auf dem Rasen, mir den Bauch haltend, mich krümmend, weil meine Eingeweide und Därme versuchen zu atmen und genauso versagen wie mein Zwerchfell. Im Haus nebenan klappt die Terrassentür, nachdrücklich wird der Hebel umgelegt, so dass er laut und vernehmlich einschnappt. „Oh“, entfährt es meiner Großmutter und sie legt sich kichernd die Hände vor den Mund.

Ich erinnere mich jetzt auch wieder an das Elysium, auf das meine Mutter ging und wiederhole meine Frage. Unter einem Elysium kann ich mir gar nichts vorstellen, es muss eine Schule sein oder so etwas, vielleicht eine höhere Schule. Meine Großmutter hat uns in der dunklen kleinen Küche eine Limonade Sprudel mit Himbeersirup gemixt. Sie ist lauwarm, doch ich habe Durst, draußen im Garten in der Sonne war es sehr heiß. Als hätte meine Großmutter meine Gedanken erraten, pflichtet sie mir laut bei: „Heute ist es aber wirklich sehr heiß und übrigens heißt es nicht Elysium, sondern was du meinst, ist ein Lyzeum.“

Sie erklärt mir was sie über das Lyzeum weiß, nämlich dass es sich dabei um einen  aus der Mode gekommenen Begriff für eine höhere Töchterschule handelt. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht Elysium heißt, weil ich das Wort schöner finde. „Oma, was ist denn dann aber ein Elysium?“ bohre ich meine nächste Frage in das Brummen einer Stubenfliege. „Warte, die fange ich erst“, droht meine Großmutter und ich hoffe wie immer, dass die Fliege ihr zu entkommen schafft. Denn meine Großmutter richtet Fliegen ähnlich hin wie China seine Todeskandidaten. Ich finde das unheimlich und brutal, sie findet es hingegen fliegenfreundlich. „Ist doch ein schneller Tod mit der Schere den Kopf abgeschnitten zu bekommen?“, fragt sie. Ihre Miene wirkt völlig unschuldig. Meine Großmutter ist zwar temperamentvoll, doch nicht gewalttätig. Sie kann zwar streng sein, doch dabei ist sie immer noch milde und lässt mit sich reden.

Nur in punkto Fliegen kennt sie weder Kompromisse noch Gnade und es ist vollkommen egal, was ich argumentativ einbringe um sie vom Fliegenhinrichten abzubringen. Diese Fliege jetzt hat Glück. Sie entwischt der tödlichen Bedrohung durch meine Großmutter indem sie in das große Wohnzimmer um die Ecke fliegt. „Elysium ist ein anderes, ein altes Wort für das Paradies oder den Himmel“, erklärt meine Großmutter und zieht mich an meinen geflochtenen Affenschaukeln. „Komm, wir gehen mal nach oben ins Arbeitszimmer, da erkläre ich Dir das Elysium.“ Das Arbeitszimmer ist ebenfalls heiß, doch immerhin noch kühler als draußen, denn es beginnt schwül zu werden. Hier riecht es nach Nähmaschinenöl, nach dem Lanolin in der Wolle angefangener Handarbeiten in komplizierten Muschelhäkelmustern, sauber nach den frischen gestärkten Leinentischdecken sowie den bunten Stoffballen in der eichenen Kommode mit den Glastüren. Immer schwirrt Staub in der Luft und legt sich auf die Rücken der zerlesenen und vergilbten Taschenbücher im Regal. Ein feiner Hauch Chanel No. 5 liegt in der Luft, sie bewahrt es in einem kleinen Vitrinenschrank auf.

Auf einem großen Brett auf dem runden Arbeitstisch liegt eine gestern erst fertig gestellte feine weiße Strickjacke in einem Ajour-Lochstrickmuster, besetzt mit winzigen blau schimmernden Mondglasknöpfen. Sie wurde erst mit Wasser besprüht und dann mit etlichen Stecknadeln in Form gespannt. Auf meinem Arm kriechen winzige schwarze Gewitterwürmchen. „Das gibt heute noch was“, prophezeit meine Großmutter als sie ein paar von meinem Arm herunter wischt. Im Arbeitszimmer liegt noch der erste dicke Band vom Goethe, aus dem sie mir gestern noch vorgelesen hatte. Sie hat ihn auf der Armlehne der Schlafcouch abgelegt und nickt mit dem Kopf in Richtung Buch: „Hier, Goethe, der kann dir vom Elysium etwas erzählen“. Ich brauche nichts weiter zu sagen, ich brauche bei ihr immer nur aus den Augen leuchten. Sie liest in mir wie in einem Buch, setzt sich und nimmt den Goethe. „Du nun wieder, Mädchen, was soll nur noch aus dir werden?“

Ihre Stimme beginnt melodisch und, ruhig, spannt sich auf in ein Raunen: Uns gaben die Götter auf Erden Elysium, wie du das erste Mal lieb ahnend dem Fremdling entgegentratst und deine Hand ihm reichtest, fühlt er alles voraus, was ihm für Seligkeit entgegen keimte. Meine Großmutter kann wenn sie singt, keinen einzigen Ton halten, doch wenn sie liest, hält sie die Luft wie in einem Fass und nur sie bestimmt wie viel sie davon herauslassen will. Ihre Augen fixieren mich weich, dunkel und ernst. Sie spricht sehr deutlich und ihre Persönlichkeit verschwindet im Hintergrund, die andere Sprache beginnt sie zu beherrschen als sei sie nur noch ein Instrument reiner Wiedergabe. Wie macht sie das nur, dass sie so durchsichtig werden kann wie die weiße Gardine, die sich vor dem offen stehenden Fenster bauscht? Es ist diese Verwandlung, die jedes Mal mit ihr geschieht, wenn sie liest oder frei erzählt, sie mich immer wieder in ihren Bann zieht als sei sie eine Schlangenbetörerin und ich nichts weiter als ein Gewitterwürmchen auf ihrem braun gebrannten Arm.

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Nick Cave & The Bad Seeds – Sorrow’s Child

Okay, heute mal opulent und schwelgerisch, nach so einem Karggedicht.

Für mich heute die schönste Ergänzung, denn ich habe diesen grandiosen Song ewig nicht gehört und „The God Son“ ist eine von Nicks besten Scheiben ever.

Also hier und heute und viel Spaß beim Lauschen.

Ich tauche wieder ein Weilchen ab, auch kommentarisch.

Lesehausaufgaben. Elfriede Jelinek + Lucia Berlin. Zwei sehr starke Frauen begleiten mich grad literarisch. Elfriede quatscht mich derart gekonnt an die Wand und mir aus der Seele, was noch viel schlimmer ist, dass ich inzwischen heil- und hoffnungslos in sie…, ach egal. Lucia kenne ich noch nicht. Ich soll mit Kurzgeschichte Numero Zwo beginnen, das, wo ich mich doch gerade erst von Elfriede losgewühlt habe. Lucia soll mir den Kopf waschen, genauso wie Stefanie Sargnagel, doch ich schweife ab und Ich fürchte, wenn Lucia Berlin so schreibt wie die Frau auf dem Cover kuckt, ist ihr noch was ganz anderes als nur eine Kopfwäsche glatt zuzutrauen. Einmal Schleudergang mit 1400 Umdrehungen und es geht downtown zu lauter Subterreaneans wie mir. Ja. Ich freu mich drauf, ich habe ein neues Buch. Es ist gebunden und duftet ganz ganz leicht nach Papierpappe (schön fest und griffig), also papierpappig und nach einem Hauch Parfum, das ich zwar genau von irgendwoher kenne, aber noch nicht eindeutig zuordnen kann. Wer weiß, wem Lucia Berlin vor mir gehört hat? So. Nun lasse ich Euch allein mit Nick Cave und den Bad Seeds. Genug erzählt, ich hab noch was vor. Huch, da liegt ein fremdes ausgezogenes Buch in meinem Bett, ach  wie nett…..

 

Liebe, leicht lüsterne Grüße von der Fee

Sorgenkind

 

Du Sorgenkind, das Sorgen macht, das selten lacht

Du Sorgenkind.

Warum bist du schon wieder krank, tu deine Pflicht!

…sei ordentlich

nicht vorlaut dumm

(warum bist du jetzt wieder stumm…?)

bockst schließt hinter dir die Tür

zockst um den letzten Funken deines Willens

du Sorgenkind du Mickerding

und suchst dein Heil in Schallplattenrillen.

 

Wirst mehr geliebt als alle andern im vorwurfsvollen Unterton

was fällt dir ein mach dich nicht breit

 

Dein Undank ist unserer Liebe Lohn!

 

Darum wirst du zurechtgestutzt

damit du überhaupt was nutzt

du Sorgenkind

nur dich siehst du

der Rest bleibt blind

weil alle andern draußen sind

(und dreh dich nicht im bunten Kleid, das ist nur deine Eitelkeit)

Unausgegorenes Gedankenskript No. 1 – Von der Schwermut nicht zu können was man will

Vor Angelika Schrobsdorff „Du bist nicht wie andere Mütter“ las ich das „Winterjournal“ von Paul Auster. Es zählt noch zu den Büchern meiner leseleeren Zeit, ich schaute es lange an bevor ich es überhaupt aufschlagen konnte. Doch auf Paul ist zum Glück immer Verlass, das mag ich so an ihm. Er brauchte genau zwei klar und präzise geschriebene Kapitel bis er mich mit seinen Sätzen wieder becirct hatte. Am liebsten hätte ich Tag und Nacht durch gelesen. Doch da gab es einen fetten Haken und an dieser Stelle hört das Verständnis meiner Mitmenschen gewöhnlich auf, denn selbst mir fällt es außerordentlich schwer zu berichten von dem, was mir so oft unbeschreiblich vorkommt.

Am ehesten gelingt es mir vielleicht noch mit Hilfe von Michael Ende und seiner unendlichen Geschichte: Der Verlust der Fähigkeit mehr als zwei Kapitel am Stück zu lesen ist wie das große Nichts, das die Handlung anfällt und alles in ein Schwarz reißt, weil die eigenen Gedanken die Überhand gewinnen und so ablenkend sind, dass der ständig abschweifende Geist irgendwann verzweifelt aufgibt. Das ist zutiefst verstörend, ein geradezu gigantischer Verlust für jemanden, der immer so gern und ausgiebig gelesen hatte wie ich.

Es begann vor ein paar Jahren. Ich konnte keinen einzigen Roman mehr lesen. Was ich auch begann und mir aus der Bücherei holte, war völlig egal. Ich versuchte alles, doch sobald ich den Roman aufschlug und die fremden Personen begannen zu agieren, verschwammen sie vor meinen Augen und ich konnte sie nicht mehr fest halten. Sätze zerfaserten vor meinen Augen, ich konnte Namen und Persönlichkeiten nicht mehr zuordnen, von denen ich einen Absatz zuvor noch las. Ich konnte sie nicht festhalten, sie flogen mir einfach davon.  Ich habe manches Buch vollgeheult, mit Tempotaschentüchern auf den Seiten, damit sie nicht nass wurden. Es war als hätte ich auf einen einzigen Schlag alle meine geliebten Freunde verloren. Zu dieser Zeit war ich Vorlesemama an der Grundschule meines Sohnes. Ein ehrenamtliches Projekt, das mir viel Spaß machte. Weil ich selbst nicht mehr richtig lesen konnte, versuchte ich für meine Kinder und die Schulkinder die besten und tollsten Kinderbücher zu finden, die es gerade gab. Auf diese Weise überlistete ich diesen verdammten Schweinehund in mir, der verhinderte, dass ich Romane lesen konnte oder Erzählungen. Ich lernte umwerfende Kinderbücher kennen und ich freute mich, wenn es mir gelang meine hungrigen Leseraubtiere zu begeistern.

Zwei Jahre lang las ich gar nichts mehr, nur noch die Kinderbücher und diese anderen vor, denn es war meine einzige Möglichkeit, überhaupt noch ganze Romane lesen zu können. Die Kinder hatten sehr viel Geduld mit mir bis ich das Intonieren so drauf hatte um sie damit wie mit einem Lasso einfangen zu können. Dann besann ich mich wieder auf den alten Heine, meinen Kindheitsdichter. Er hatte in meiner Idee die schlohweißen Haare meines Großvaters und roch immer nach Zigarrenrauch und Irisch Moos. Die toten Dichter besuchten mich in meinen Träumen. Weihnachten 2011 wünschte ich mir einen Armvoll von ihnen und bekam ihn von meiner Familie geschenkt. Kaum schaffte ich es, die beiden schweren Taschen, prallvoll mit Rolf-Dieter Brinkmanns Stand-Photos, Charles Bukowskis sämtlichen Gedichten, Ingeborg Bachmanns sämtlichen Gedichten, meinem besonderen Schatz, dem von Erich Fried übersetzten Shakespeare, Pablo Nerudas Gedichten, Gottfried Benns Gedichten in zwei fetten Bänden und Else-Lasker Schülers lyrischem Werk nach Hause zu schleppen. Meine Arme fühlten sich an wie die eines Gorillas und ich war noch nie so glücklich über Rückenschmerzen wie an diesem regnerischen kalten grauen Heiligabend. Mit der Hilfe und Inspiration meiner neuen Einsamkeitsgefährten schrieb ich wie eine Besessene los, versuchte immer wieder zu beschreiben, was diese Verlorenheit, die Isolation von anderen, dieses Unverständnis anderer, diese gewaltige Verlassenheit eigentlich wirklich ist, doch mein Ausdruck erschien mir immer unzureichender je mehr ich schrieb und alles unwichtiger um so mehr dachte, weil es ja nur um mich ging, mein blödes und mickriges Scheißleben, so langweilig wie Knäckebrot ohne Belag. Meinem vom Leben schwer angeschlagenen Gehirn halfen die Reime besser meinen insgesamten seelischen Totalschaden zu verstehen, so las ich eben Gedichtbände statt Romanen und Verse statt Kapiteln und ich war sehr dankbar, dass das funktionierte!

Auf meiner Truhe liegt der große schwermütige fette Dante Alighieri, den ich regelmäßig lese. Eines meiner wichtigsten Buch-Geschenke. Er begleitet mich mit den genialen Sandro Botticelli-Zeichnungen und alles, jedes Wort von dem was er über die Hölle schreibt, ist wahr. Auf dem Dante liegt niemals Staub. Der hat keine Zeit, sich niederzulassen auf dem Wälzer. Man kann sogar damit den Bizeps trainieren während man mit ausgestreckten Armen laut in den Raum liest.

Zwei Jahre später folgten kleinere Texte und ich begann wieder mit Lust Essays und Artikel zu lesen, auch längere, Fließtexte begannen sich mir wieder zu erschließen in Sinngehalt, Stil und Umbruch. Doch immer noch konnte ich keinen einzigen Roman anpacken und wenn ich es versuchte, starb ich nach höchstens zwei Seiten in fiktiven Welten kreuzerbärmlich drüber ab wie irgend ein Totholz. Innere Blockaden sind Ausdruck seelischer Lähmung.

Ich lasse mir nicht gern einfach etwas wegnehmen, was ich einmal liebte und schon gar nicht von meinem aufgeblasenen Ego oder meiner gelähmten Seele. Ich beschloss also trotzig mir meine Romane zurückzuholen wie Uma Thurman in Kill Bill sich ihre gelähmten Beine zurückholte, indem sie ihrem Zeh befahl zu wackeln. Ich befehle meiner Leselust unermüdlich dasselbe, notfalls eben wort- und satzweise und nicht kapitelweise. Dass ich ausgerechnet mit Pessoa wieder zu lesen loslegte, weil sein Buch der Unruhe in kleine Kapitel aufgeteilt ist, war mir erst gar nicht bewusst. Ich las jeden Abend ein zwei Sätze. Wenn ich sie nicht verstand, las ich sie am nächsten Tag nochmal bis ich erste Kapitel ganz durchzulesen schaffte. Ob ich sie verstanden habe, fragte ich mich anschließend im Bett vorm Einschlafen und träumte selbstredend in Pessoa, was mir nicht nur angenehme Nächte verschaffte.

Auf solche Weise entsteht eine sehr enge Bindung zu einem Buch und seinem Autor. Als ich Paul Auster zuklappte, heulte ich doch tatsächlich los? Anschließend fluchte ich wie verrückt und dann erst konnte ich mich freuen, weil ich endlich, endlich einmal wieder dieses heiß geliebte Gefühl im Bauch hatte, dass ich einen Bücherfreund hinzugewonnen hätte und manche dieser Sätze in dem Buch, die Paul über seine Frau Siri sagt, so gewaltig hell strahlen, dass ich mir alle Haare ausgerauft hätte, wenn ich erst nach meinem Tode erfahren hätte, dass sie mir im Leben entgangen sind weil ich zu bescheuert und verklemmt war, das lesen zu können.

Noch angefixt von Paul Auster tauchte ich anschließend ein in das Berlin der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre und ich bin noch mittendrin, gerade aber in Bulgarien, im Exil. Was und wie Angelika Schrobsdorff schreibt, beeindruckt mich tief. Ihre ganze Sippe habe ich ins Herz geschlossen als sei es meine eigene und gerade ist Oma Kirschner auf dem Weg nach Theresienstadt ins KZ. Ich weiß was dort mit ihr geschehen wird, das ist gemein, denn ich würde am liebsten die Geschichte umschreiben, doch dann wäre es nicht mehr die Geschichte so wie sie tatsächlich geschah. Das berührt mich an diesem Buch am meisten. Es ist ein Tatsachenbericht und ein Freund erinnerte mich vor ein paar Tagen an das Jack Kerouac-Zitat: Wer schreibt, legt Zeugnis ab. Mario Simmel sagt über Angelika Schrobsdorff: Sie hat in ihrem ganzen Leben nur wahre Sätze geschrieben. Was für eine Aussage.

Bald werde ich das Buch beendet haben und ich habe mir angewöhnt, mit dem Bleistift zarte Randnotizen zu schreiben. Manchmal auch kleine Blümchen, wenn es besonders schlimm wird wie jetzt gerade bei Mutter Else mit ihrer Gesichtslähmung. Doch ich habe jeden Satz verstanden und dann kam letzte Woche dieser gewisse Tag, einer, wie ich ihn schon ziemlich lange nicht mehr erlebte.

Ich hatte viel Zeit, war in der Sauna, das ist mein Urlaubstag in der Woche. Sechs Stunden am Stück die Seele mit den Beinen auf der Schwitzbank baumeln lassen zu dürfen, ist schon eine klare Ansage an den Stress. In die Sauna begleitet mich selbstredend Frau Schrobsdorff und das Handy wird weggeschlossen. In stündlichen Abständen schaue ich, ob sich meine Kinder gemeldet haben, ansonsten bleibt das Ding stumm wie ein Fisch.

Jedenfalls schaffte es das Buch mich zu fesseln, so dass ich fast den nächsten Aufguss verpasst hätte und ich nur noch rennend mit dem hinter mir her flatternden türkisen Saunahandtuch Einlass in die Schwitzhütte fand.

Gerade jetzt habe ich wieder einen heißen, mich weiterbildenden Lese-Tipp bekommen und bin dabei mir Lucia Berlin mit ihren Stories zu organisieren. „Was ich sonst noch verpasst habe“ ist ein Titel, der mir schon mal außerordentlich gefällt. Gestern sah ich, dass es auch ein Hörbuch davon gibt, von Anna Thalbach gelesen, ich hörte in eine Probe und nun überlege ich tatsächlich, mir mein erstes Hörbuch zu organisieren, weil ich es liebe, wenn mir jemand vorliest.

Ich weiß, wenn ich schreiben will muss ich lesen, mich immer weiterbilden und schulen. Von anderen Stilen lernen. Das Lesenkönnen von Romanen ist darum sehr wichtig. Die vergangenen Jahre waren insofern ziemlich bitter für mich. Weil ich das Gefühl hatte mit meinen erloschenen Augen in der Brust ganz neu lesen lernen zu müssen. Alles neu lernen zu müssen, das Hinausgehen, das Sprechen, das Baden, das Leben. In winzigen Sätzen, in kleinsten Schritten und umgeben vom oft engen Käfig der Sach- oder Zeitzwänge und der Lebensumstände. Angelika Schrobsdorff liegt jetzt neben meinem Bett und wartet darauf, sich diesen Schmuseplatz auch noch erobern zu dürfen mit den letzten sehr wichtigen Kapiteln, die sie mir noch erzählen muss und wird. Ein wenig wird  sie noch bei mir bleiben, mir ihre Familiengeschichte erzählen in dieser warmherzigen, großen und liebevollen Art und Weise und danach kommt dann erst einmal wieder diese weite hallende Leere, die zurückbleibt, wenn ein guter Freund oder eine Freundin gegangen ist.

In diese Leere setze ich meine unsteten fliegenden Worte und schreibe mit dem Wind. Meiner Familie ist schleierhaft warum ich das mache, es sei sowieso brotlose Kunst behaupten sie und ein fragwürdiger Freund munterte mich mal mit den ungeheuer zuversichtlichen Worten auf, ich könne ja ganz gut formulieren. Als Schreibkraft im Büro ausreichend. Meine Eitelkeit hat daran tatsächlich immer noch tüchtig zu schlucken, doch kommt mir auch mein Chef in den Sinn, der mir einmal sagte: Ein Text kann immer noch besser werden und dazu gewinnen. Das muss meine Motivation sein und bleiben. Solange bis ich zufrieden bin mit mir weil eine Grenze erreicht ist, die ich trotz Können oder Talent nicht mehr überschreiten kann und dies anderen überlassen muss, die es besser können.

„Solange ich schreibe, vergesse ich die Gitter vor dem Fenster“, (Hans Fallada)