Augustrosen

„Oma, Mama ging doch auf das Elysium, oder?“ Sie schneidet den Rosen verblühte Köpfe ab. „Das wär’s!“, ruft sie plötzlich und scheint meine Frage völlig überhört zu haben. „Stell dir mal vor, wir könnten uns unsere verblühten Köpfe einfach abschneiden und dann wüchse im nächsten Jahr ein neuer nach…“ Ihre Stirn wirft steile Falten und sie hält sich die Schere quer vor ihren Hals. „Na, was meinste, soll ich? Schnippeldischnapp, Rübe ab!“

Ich versuche sowohl meine aufsteigende Panik als auch den drohenden Schaden zu begrenzen. Sie wäre imstande das auszuprobieren. „Oma, was machst du denn dann im Herbst und Winter, wenn du kopflos bist? Das geht so nicht!“ In mir plustert sich etwas Wichtiges auf. „Dann halte ich aber den Opa viel besser aus“, entgegnet sie „und im Frühling wüchse mir ein neuer Kopf und ich wäre wieder strahlend jung“. Ich schüttele nachdrücklich den Kopf und sie beginnt von den Chinesen zu erzählen, die Todeskandidaten den Kopf abzusägen pflegen. Mir kommen die Rebellen vom Liang Shang Po in den Sinn. Diese Nachmittags-Serie bannt pünktlich jeden Sonntag unsere komplette Familie vor den Fernseher. In einer Folge gab es diese grausame Szene, in der einem schreienden Mann auf einem Hinrichtungsplatz mit einer riesigen Menschenmenge von einem Henker der Kopf mit einem großen gezackten Schwert abgesägt wurde. Natürlich stoppte in der Folge die Bildfolge als der Hals leicht angesägt war, so dass gerade das Blut herauszulaufen begann und sich die Augen des Mannes zu verdrehen begannen, wobei ich nicht wusste ob dies am Blutverlust oder an den Schmerzen lag und dann ging es bereits weiter mit der nächsten Szene, während mich meine Phantasie noch Tage später nachts in den Träumen plagte und die Hinrichtung in sämtlichen grausigen Details bis zum Ende ausführte. Die Bilder schießen jetzt wieder in meinen Kopf als ich an die Folge denke und ich besinne mich auf meine ursprüngliche Frage zurück: „Oma, wo war denn das Elysium von Mama jetzt eigentlich genau?“

Doch sie hört mich nicht, weil sie gerade kopfüber ins Beet abgetaucht ist, samt Heckenschere und Eimer. Mit einer Handvoll Giersch kommt sie wieder hoch. „Dieses Kroppzeuch! Schau dir bloß mal diese Wurzeln an, sie unterwandern meinen ganzen Garten!“ Die weißen Wurzeln des Giersch erinnern mich an blinde weiße Erdbewohner. Was mich am meisten daran fasziniert ist, das sie zwischendurch und noch tief unter der Erde schon wieder die nächsten grünen Triebe und Blätter ausbilden. „Das sind organische Invasoren, die meine Stachelbeeren umbringen wollen!“ Großmutter ist mit ihren krümeligen, von Erde geschwärzten Händen bereits wieder wühlend und zerrend in den Untergrund des Beetes abgetaucht. Sie sieht aus wie ein sich mit dem Kopf in den Sand bohrender Vogel Strauß. ihr Hinterteil hängt hoch oben in der Luft, sie bückt sich mit durchgestreckten Knien, während ich geduldig mit meiner Frage abwarte. In den Kronen der alten Lärchen, die Opa am Ende des Gartens pflanzte, lärmen Spatzen und balgen sich. Ein paar Mauersegler sirren ums Dach, sammeln sich für den Herbstzug. Im Winter wird mein Großvater wieder Flomen beim Metzger kaufen. Walnüsse feinhacken, unter das weiße flockige Tierfett mischen und die Masse in die hohlen Nuss-Schalen füllen. An dünnen Sisal-Bändeln werden die Hälften in die Bäume gehängt. Die Vögel reißen sich darum, es wird schnell die Runde machen, dass der alte Mitschkepaule wieder seinen Winterfutterplatz klar hat und dann werde ich sie wieder mit seinem alten Fernglas beobachten während er mir erklärt wie die Vögel heißen. Im kommenden Frühling wird er über die fette Nachbarkatze fluchen, die sich fünf beinah nestflügge Rotkehlchen holen wird und sie vor seinen Augen, eins nach dem anderen genüsslich zerbeißen, anschließend liegen lassen. Er wird sich furchtbar aufregen und die blutigen Federbündel in seinem Garten begraben. Gerade jetzt stromert die dicke grau getigerte Katze geduckt durch die Büsche. Auch meine Großmutter hat sie bereits entdeckt. „Gut, dass der Opa in Liechtenstein beim Georg ist, der würde jetzt wieder herumpoltern wenn sie in die Himbeeren kackt“, gehen ihr noch andere Gedanken durch den Kopf als mir und ich habe das Elysium meiner Mutter darüber völlig aus den Augen verloren.

„Oma, die Katze ist doch aber viel zu fett geworden, schau doch mal, was sie für einen Hängebauch unter sich herschleppt, die kann doch gar nicht mehr jagen oder? beschäftigt mich der Jagdtrieb der Katze eher als ihre stinkenden Hinterlassenschaften. Meine Großmutter greift sich die Hecken-Schere und massakriert in Sekundenschnelle eine verblühte, einen Meter hohe Stockrose regelrecht, indem sie sie kurz und klein säbelt und zerstückelt. Ihr schwarzer lockiger Schopf ist durchzogen von wenigen Silberfäden, ihre Haut tief gebräunt von der Sommersonne, sie spannt sich trocken und dünn über ihren Armen. Daran erkenne ich ihr Älterwerden, an ihren Armen, die aussehen als würde Pergament zerknittern. Sie arbeitet schweigend weiter, während ich die neben den Eimer gefallenen Pflanzenteile aufsammele und hineinwerfe.

Nebenan beginnt der Hund zu heulen. Sie stöhnt auf: „Oh, mein Gott, Dunnilein! Der auch noch…“, Remlers sind wieder nicht zu Hause.“ Remlers Dunja kläfft entweder oder heult. Dies ständig und vor allem ausdauernd. Ab und zu hören wir durch die Wand Frau Remlers hohe piepsige Stimme: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin!“

Meine Großmutter kann Frau  Remler perfekt imitieren. Auch jetzt: Sie stemmt sich die Arme in die Hüften, ordnet die Haare, fährt glättend über die Locken, doch statt dessen stehen sie noch viel wilder vom Kopf ab als vorher. Mit hoher verstellter Stimme äfft sie Frau Remler nach: „Dunnilein, komm jetzt sofort hierhin, sonst trete ich dich in deinen kleinen verpipipudelten Pinscherpopo!“ Ich pruste los, ich kann nicht mehr, liege auf dem Rasen, mir den Bauch haltend, mich krümmend, weil meine Eingeweide und Därme versuchen zu atmen und genauso versagen wie mein Zwerchfell. Im Haus nebenan klappt die Terrassentür, nachdrücklich wird der Hebel umgelegt, so dass er laut und vernehmlich einschnappt. „Oh“, entfährt es meiner Großmutter und sie legt sich kichernd die Hände vor den Mund.

Ich erinnere mich jetzt auch wieder an das Elysium, auf das meine Mutter ging und wiederhole meine Frage. Unter einem Elysium kann ich mir gar nichts vorstellen, es muss eine Schule sein oder so etwas, vielleicht eine höhere Schule. Meine Großmutter hat uns in der dunklen kleinen Küche eine Limonade Sprudel mit Himbeersirup gemixt. Sie ist lauwarm, doch ich habe Durst, draußen im Garten in der Sonne war es sehr heiß. Als hätte meine Großmutter meine Gedanken erraten, pflichtet sie mir laut bei: „Heute ist es aber wirklich sehr heiß und übrigens heißt es nicht Elysium, sondern was du meinst, ist ein Lyzeum.“

Sie erklärt mir was sie über das Lyzeum weiß, nämlich dass es sich dabei um einen  aus der Mode gekommenen Begriff für eine höhere Töchterschule handelt. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht Elysium heißt, weil ich das Wort schöner finde. „Oma, was ist denn dann aber ein Elysium?“ bohre ich meine nächste Frage in das Brummen einer Stubenfliege. „Warte, die fange ich erst“, droht meine Großmutter und ich hoffe wie immer, dass die Fliege ihr zu entkommen schafft. Denn meine Großmutter richtet Fliegen ähnlich hin wie China seine Todeskandidaten. Ich finde das unheimlich und brutal, sie findet es hingegen fliegenfreundlich. „Ist doch ein schneller Tod mit der Schere den Kopf abgeschnitten zu bekommen?“, fragt sie. Ihre Miene wirkt völlig unschuldig. Meine Großmutter ist zwar temperamentvoll, doch nicht gewalttätig. Sie kann zwar streng sein, doch dabei ist sie immer noch milde und lässt mit sich reden.

Nur in punkto Fliegen kennt sie weder Kompromisse noch Gnade und es ist vollkommen egal, was ich argumentativ einbringe um sie vom Fliegenhinrichten abzubringen. Diese Fliege jetzt hat Glück. Sie entwischt der tödlichen Bedrohung durch meine Großmutter indem sie in das große Wohnzimmer um die Ecke fliegt. „Elysium ist ein anderes, ein altes Wort für das Paradies oder den Himmel“, erklärt meine Großmutter und zieht mich an meinen geflochtenen Affenschaukeln. „Komm, wir gehen mal nach oben ins Arbeitszimmer, da erkläre ich Dir das Elysium.“ Das Arbeitszimmer ist ebenfalls heiß, doch immerhin noch kühler als draußen, denn es beginnt schwül zu werden. Hier riecht es nach Nähmaschinenöl, nach dem Lanolin in der Wolle angefangener Handarbeiten in komplizierten Muschelhäkelmustern, sauber nach den frischen gestärkten Leinentischdecken sowie den bunten Stoffballen in der eichenen Kommode mit den Glastüren. Immer schwirrt Staub in der Luft und legt sich auf die Rücken der zerlesenen und vergilbten Taschenbücher im Regal. Ein feiner Hauch Chanel No. 5 liegt in der Luft, sie bewahrt es in einem kleinen Vitrinenschrank auf.

Auf einem großen Brett auf dem runden Arbeitstisch liegt eine gestern erst fertig gestellte feine weiße Strickjacke in einem Ajour-Lochstrickmuster, besetzt mit winzigen blau schimmernden Mondglasknöpfen. Sie wurde erst mit Wasser besprüht und dann mit etlichen Stecknadeln in Form gespannt. Auf meinem Arm kriechen winzige schwarze Gewitterwürmchen. „Das gibt heute noch was“, prophezeit meine Großmutter als sie ein paar von meinem Arm herunter wischt. Im Arbeitszimmer liegt noch der erste dicke Band vom Goethe, aus dem sie mir gestern noch vorgelesen hatte. Sie hat ihn auf der Armlehne der Schlafcouch abgelegt und nickt mit dem Kopf in Richtung Buch: „Hier, Goethe, der kann dir vom Elysium etwas erzählen“. Ich brauche nichts weiter zu sagen, ich brauche bei ihr immer nur aus den Augen leuchten. Sie liest in mir wie in einem Buch, setzt sich und nimmt den Goethe. „Du nun wieder, Mädchen, was soll nur noch aus dir werden?“

Ihre Stimme beginnt melodisch und, ruhig, spannt sich auf in ein Raunen: Uns gaben die Götter auf Erden Elysium, wie du das erste Mal lieb ahnend dem Fremdling entgegentratst und deine Hand ihm reichtest, fühlt er alles voraus, was ihm für Seligkeit entgegen keimte. Meine Großmutter kann wenn sie singt, keinen einzigen Ton halten, doch wenn sie liest, hält sie die Luft wie in einem Fass und nur sie bestimmt wie viel sie davon herauslassen will. Ihre Augen fixieren mich weich, dunkel und ernst. Sie spricht sehr deutlich und ihre Persönlichkeit verschwindet im Hintergrund, die andere Sprache beginnt sie zu beherrschen als sei sie nur noch ein Instrument reiner Wiedergabe. Wie macht sie das nur, dass sie so durchsichtig werden kann wie die weiße Gardine, die sich vor dem offen stehenden Fenster bauscht? Es ist diese Verwandlung, die jedes Mal mit ihr geschieht, wenn sie liest oder frei erzählt, sie mich immer wieder in ihren Bann zieht als sei sie eine Schlangenbetörerin und ich nichts weiter als ein Gewitterwürmchen auf ihrem braun gebrannten Arm.

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Nick Cave & The Bad Seeds – Sorrow’s Child

Okay, heute mal opulent und schwelgerisch, nach so einem Karggedicht.

Für mich heute die schönste Ergänzung, denn ich habe diesen grandiosen Song ewig nicht gehört und „The God Son“ ist eine von Nicks besten Scheiben ever.

Also hier und heute und viel Spaß beim Lauschen.

Ich tauche wieder ein Weilchen ab, auch kommentarisch.

Lesehausaufgaben. Elfriede Jelinek + Lucia Berlin. Zwei sehr starke Frauen begleiten mich grad literarisch. Elfriede quatscht mich derart gekonnt an die Wand und mir aus der Seele, was noch viel schlimmer ist, dass ich inzwischen heil- und hoffnungslos in sie…, ach egal. Lucia kenne ich noch nicht. Ich soll mit Kurzgeschichte Numero Zwo beginnen, das, wo ich mich doch gerade erst von Elfriede losgewühlt habe. Lucia soll mir den Kopf waschen, genauso wie Stefanie Sargnagel, doch ich schweife ab und Ich fürchte, wenn Lucia Berlin so schreibt wie die Frau auf dem Cover kuckt, ist ihr noch was ganz anderes als nur eine Kopfwäsche glatt zuzutrauen. Einmal Schleudergang mit 1400 Umdrehungen und es geht downtown zu lauter Subterreaneans wie mir. Ja. Ich freu mich drauf, ich habe ein neues Buch. Es ist gebunden und duftet ganz ganz leicht nach Papierpappe (schön fest und griffig), also papierpappig und nach einem Hauch Parfum, das ich zwar genau von irgendwoher kenne, aber noch nicht eindeutig zuordnen kann. Wer weiß, wem Lucia Berlin vor mir gehört hat? So. Nun lasse ich Euch allein mit Nick Cave und den Bad Seeds. Genug erzählt, ich hab noch was vor. Huch, da liegt ein fremdes ausgezogenes Buch in meinem Bett, ach  wie nett…..

 

Liebe, leicht lüsterne Grüße von der Fee

Sorgenkind

 

Du Sorgenkind, das Sorgen macht, das selten lacht

Du Sorgenkind.

Warum bist du schon wieder krank, tu deine Pflicht!

…sei ordentlich

nicht vorlaut dumm

(warum bist du jetzt wieder stumm…?)

bockst schließt hinter dir die Tür

zockst um den letzten Funken deines Willens

du Sorgenkind du Mickerding

und suchst dein Heil in Schallplattenrillen.

 

Wirst mehr geliebt als alle andern im vorwurfsvollen Unterton

was fällt dir ein mach dich nicht breit

 

Dein Undank ist unserer Liebe Lohn!

 

Darum wirst du zurechtgestutzt

damit du überhaupt was nutzt

du Sorgenkind

nur dich siehst du

der Rest bleibt blind

weil alle andern draußen sind

(und dreh dich nicht im bunten Kleid, das ist nur deine Eitelkeit)

Nothing but thieves- Trip Switch

An dieser Stelle allen Dank, die mich grad lektorisch, gedanklich und freundschaftlich begleiten, mir auf die Sprünge helfen, Tipps geben…✨

Bitte wundert Euch nicht, wenn sich Jack, meine etwas kuriose Kurzgeschichte noch ein wenig verändert. Ich arbeite noch an Jacks femininer Ausstrahlung und P's tief greifender Oberflächlichkeit.
Für Herrn Lector: Jack ist unschwul. Sie weiß es nur noch nicht. Werde dran arbeiten. An der Sündtax auch. Immer diese Fremdwörter🤔

DANKE…sehr…
…Euch…
allen!

🦋

https://youtu.be/xrq6tf2nIiI

Unausgegorenes Gedankenskript No. 1 – Von der Schwermut nicht zu können was man will

Vor Angelika Schrobsdorff „Du bist nicht wie andere Mütter“ las ich das „Winterjournal“ von Paul Auster. Es zählt noch zu den Büchern meiner leseleeren Zeit, ich schaute es lange an bevor ich es überhaupt aufschlagen konnte. Doch auf Paul ist zum Glück immer Verlass, das mag ich so an ihm. Er brauchte genau zwei klar und präzise geschriebene Kapitel bis er mich mit seinen Sätzen wieder becirct hatte. Am liebsten hätte ich Tag und Nacht durch gelesen. Doch da gab es einen fetten Haken und an dieser Stelle hört das Verständnis meiner Mitmenschen gewöhnlich auf, denn selbst mir fällt es außerordentlich schwer zu berichten von dem, was mir so oft unbeschreiblich vorkommt.

Am ehesten gelingt es mir vielleicht noch mit Hilfe von Michael Ende und seiner unendlichen Geschichte: Der Verlust der Fähigkeit mehr als zwei Kapitel am Stück zu lesen ist wie das große Nichts, das die Handlung anfällt und alles in ein Schwarz reißt, weil die eigenen Gedanken die Überhand gewinnen und so ablenkend sind, dass der ständig abschweifende Geist irgendwann verzweifelt aufgibt. Das ist zutiefst verstörend, ein geradezu gigantischer Verlust für jemanden, der immer so gern und ausgiebig gelesen hatte wie ich.

Es begann vor ein paar Jahren. Ich konnte keinen einzigen Roman mehr lesen. Was ich auch begann und mir aus der Bücherei holte, war völlig egal. Ich versuchte alles, doch sobald ich den Roman aufschlug und die fremden Personen begannen zu agieren, verschwammen sie vor meinen Augen und ich konnte sie nicht mehr fest halten. Sätze zerfaserten vor meinen Augen, ich konnte Namen und Persönlichkeiten nicht mehr zuordnen, von denen ich einen Absatz zuvor noch las. Ich konnte sie nicht festhalten, sie flogen mir einfach davon.  Ich habe manches Buch vollgeheult, mit Tempotaschentüchern auf den Seiten, damit sie nicht nass wurden. Es war als hätte ich auf einen einzigen Schlag alle meine geliebten Freunde verloren. Zu dieser Zeit war ich Vorlesemama an der Grundschule meines Sohnes. Ein ehrenamtliches Projekt, das mir viel Spaß machte. Weil ich selbst nicht mehr richtig lesen konnte, versuchte ich für meine Kinder und die Schulkinder die besten und tollsten Kinderbücher zu finden, die es gerade gab. Auf diese Weise überlistete ich diesen verdammten Schweinehund in mir, der verhinderte, dass ich Romane lesen konnte oder Erzählungen. Ich lernte umwerfende Kinderbücher kennen und ich freute mich, wenn es mir gelang meine hungrigen Leseraubtiere zu begeistern.

Zwei Jahre lang las ich gar nichts mehr, nur noch die Kinderbücher und diese anderen vor, denn es war meine einzige Möglichkeit, überhaupt noch ganze Romane lesen zu können. Die Kinder hatten sehr viel Geduld mit mir bis ich das Intonieren so drauf hatte um sie damit wie mit einem Lasso einfangen zu können. Dann besann ich mich wieder auf den alten Heine, meinen Kindheitsdichter. Er hatte in meiner Idee die schlohweißen Haare meines Großvaters und roch immer nach Zigarrenrauch und Irisch Moos. Die toten Dichter besuchten mich in meinen Träumen. Weihnachten 2011 wünschte ich mir einen Armvoll von ihnen und bekam ihn von meiner Familie geschenkt. Kaum schaffte ich es, die beiden schweren Taschen, prallvoll mit Rolf-Dieter Brinkmanns Stand-Photos, Charles Bukowskis sämtlichen Gedichten, Ingeborg Bachmanns sämtlichen Gedichten, meinem besonderen Schatz, dem von Erich Fried übersetzten Shakespeare, Pablo Nerudas Gedichten, Gottfried Benns Gedichten in zwei fetten Bänden und Else-Lasker Schülers lyrischem Werk nach Hause zu schleppen. Meine Arme fühlten sich an wie die eines Gorillas und ich war noch nie so glücklich über Rückenschmerzen wie an diesem regnerischen kalten grauen Heiligabend. Mit der Hilfe und Inspiration meiner neuen Einsamkeitsgefährten schrieb ich wie eine Besessene los, versuchte immer wieder zu beschreiben, was diese Verlorenheit, die Isolation von anderen, dieses Unverständnis anderer, diese gewaltige Verlassenheit eigentlich wirklich ist, doch mein Ausdruck erschien mir immer unzureichender je mehr ich schrieb und alles unwichtiger um so mehr dachte, weil es ja nur um mich ging, mein blödes und mickriges Scheißleben, so langweilig wie Knäckebrot ohne Belag. Meinem vom Leben schwer angeschlagenen Gehirn halfen die Reime besser meinen insgesamten seelischen Totalschaden zu verstehen, so las ich eben Gedichtbände statt Romanen und Verse statt Kapiteln und ich war sehr dankbar, dass das funktionierte!

Auf meiner Truhe liegt der große schwermütige fette Dante Alighieri, den ich regelmäßig lese. Eines meiner wichtigsten Buch-Geschenke. Er begleitet mich mit den genialen Sandro Botticelli-Zeichnungen und alles, jedes Wort von dem was er über die Hölle schreibt, ist wahr. Auf dem Dante liegt niemals Staub. Der hat keine Zeit, sich niederzulassen auf dem Wälzer. Man kann sogar damit den Bizeps trainieren während man mit ausgestreckten Armen laut in den Raum liest.

Zwei Jahre später folgten kleinere Texte und ich begann wieder mit Lust Essays und Artikel zu lesen, auch längere, Fließtexte begannen sich mir wieder zu erschließen in Sinngehalt, Stil und Umbruch. Doch immer noch konnte ich keinen einzigen Roman anpacken und wenn ich es versuchte, starb ich nach höchstens zwei Seiten in fiktiven Welten kreuzerbärmlich drüber ab wie irgend ein Totholz. Innere Blockaden sind Ausdruck seelischer Lähmung.

Ich lasse mir nicht gern einfach etwas wegnehmen, was ich einmal liebte und schon gar nicht von meinem aufgeblasenen Ego oder meiner gelähmten Seele. Ich beschloss also trotzig mir meine Romane zurückzuholen wie Uma Thurman in Kill Bill sich ihre gelähmten Beine zurückholte, indem sie ihrem Zeh befahl zu wackeln. Ich befehle meiner Leselust unermüdlich dasselbe, notfalls eben wort- und satzweise und nicht kapitelweise. Dass ich ausgerechnet mit Pessoa wieder zu lesen loslegte, weil sein Buch der Unruhe in kleine Kapitel aufgeteilt ist, war mir erst gar nicht bewusst. Ich las jeden Abend ein zwei Sätze. Wenn ich sie nicht verstand, las ich sie am nächsten Tag nochmal bis ich erste Kapitel ganz durchzulesen schaffte. Ob ich sie verstanden habe, fragte ich mich anschließend im Bett vorm Einschlafen und träumte selbstredend in Pessoa, was mir nicht nur angenehme Nächte verschaffte.

Auf solche Weise entsteht eine sehr enge Bindung zu einem Buch und seinem Autor. Als ich Paul Auster zuklappte, heulte ich doch tatsächlich los? Anschließend fluchte ich wie verrückt und dann erst konnte ich mich freuen, weil ich endlich, endlich einmal wieder dieses heiß geliebte Gefühl im Bauch hatte, dass ich einen Bücherfreund hinzugewonnen hätte und manche dieser Sätze in dem Buch, die Paul über seine Frau Siri sagt, so gewaltig hell strahlen, dass ich mir alle Haare ausgerauft hätte, wenn ich erst nach meinem Tode erfahren hätte, dass sie mir im Leben entgangen sind weil ich zu bescheuert und verklemmt war, das lesen zu können.

Noch angefixt von Paul Auster tauchte ich anschließend ein in das Berlin der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre und ich bin noch mittendrin, gerade aber in Bulgarien, im Exil. Was und wie Angelika Schrobsdorff schreibt, beeindruckt mich tief. Ihre ganze Sippe habe ich ins Herz geschlossen als sei es meine eigene und gerade ist Oma Kirschner auf dem Weg nach Theresienstadt ins KZ. Ich weiß was dort mit ihr geschehen wird, das ist gemein, denn ich würde am liebsten die Geschichte umschreiben, doch dann wäre es nicht mehr die Geschichte so wie sie tatsächlich geschah. Das berührt mich an diesem Buch am meisten. Es ist ein Tatsachenbericht und ein Freund erinnerte mich vor ein paar Tagen an das Jack Kerouac-Zitat: Wer schreibt, legt Zeugnis ab. Mario Simmel sagt über Angelika Schrobsdorff: Sie hat in ihrem ganzen Leben nur wahre Sätze geschrieben. Was für eine Aussage.

Bald werde ich das Buch beendet haben und ich habe mir angewöhnt, mit dem Bleistift zarte Randnotizen zu schreiben. Manchmal auch kleine Blümchen, wenn es besonders schlimm wird wie jetzt gerade bei Mutter Else mit ihrer Gesichtslähmung. Doch ich habe jeden Satz verstanden und dann kam letzte Woche dieser gewisse Tag, einer, wie ich ihn schon ziemlich lange nicht mehr erlebte.

Ich hatte viel Zeit, war in der Sauna, das ist mein Urlaubstag in der Woche. Sechs Stunden am Stück die Seele mit den Beinen auf der Schwitzbank baumeln lassen zu dürfen, ist schon eine klare Ansage an den Stress. In die Sauna begleitet mich selbstredend Frau Schrobsdorff und das Handy wird weggeschlossen. In stündlichen Abständen schaue ich, ob sich meine Kinder gemeldet haben, ansonsten bleibt das Ding stumm wie ein Fisch.

Jedenfalls schaffte es das Buch mich zu fesseln, so dass ich fast den nächsten Aufguss verpasst hätte und ich nur noch rennend mit dem hinter mir her flatternden türkisen Saunahandtuch Einlass in die Schwitzhütte fand.

Gerade jetzt habe ich wieder einen heißen, mich weiterbildenden Lese-Tipp bekommen und bin dabei mir Lucia Berlin mit ihren Stories zu organisieren. „Was ich sonst noch verpasst habe“ ist ein Titel, der mir schon mal außerordentlich gefällt. Gestern sah ich, dass es auch ein Hörbuch davon gibt, von Anna Thalbach gelesen, ich hörte in eine Probe und nun überlege ich tatsächlich, mir mein erstes Hörbuch zu organisieren, weil ich es liebe, wenn mir jemand vorliest.

Ich weiß, wenn ich schreiben will muss ich lesen, mich immer weiterbilden und schulen. Von anderen Stilen lernen. Das Lesenkönnen von Romanen ist darum sehr wichtig. Die vergangenen Jahre waren insofern ziemlich bitter für mich. Weil ich das Gefühl hatte mit meinen erloschenen Augen in der Brust ganz neu lesen lernen zu müssen. Alles neu lernen zu müssen, das Hinausgehen, das Sprechen, das Baden, das Leben. In winzigen Sätzen, in kleinsten Schritten und umgeben vom oft engen Käfig der Sach- oder Zeitzwänge und der Lebensumstände. Angelika Schrobsdorff liegt jetzt neben meinem Bett und wartet darauf, sich diesen Schmuseplatz auch noch erobern zu dürfen mit den letzten sehr wichtigen Kapiteln, die sie mir noch erzählen muss und wird. Ein wenig wird  sie noch bei mir bleiben, mir ihre Familiengeschichte erzählen in dieser warmherzigen, großen und liebevollen Art und Weise und danach kommt dann erst einmal wieder diese weite hallende Leere, die zurückbleibt, wenn ein guter Freund oder eine Freundin gegangen ist.

In diese Leere setze ich meine unsteten fliegenden Worte und schreibe mit dem Wind. Meiner Familie ist schleierhaft warum ich das mache, es sei sowieso brotlose Kunst behaupten sie und ein fragwürdiger Freund munterte mich mal mit den ungeheuer zuversichtlichen Worten auf, ich könne ja ganz gut formulieren. Als Schreibkraft im Büro ausreichend. Meine Eitelkeit hat daran tatsächlich immer noch tüchtig zu schlucken, doch kommt mir auch mein Chef in den Sinn, der mir einmal sagte: Ein Text kann immer noch besser werden und dazu gewinnen. Das muss meine Motivation sein und bleiben. Solange bis ich zufrieden bin mit mir weil eine Grenze erreicht ist, die ich trotz Können oder Talent nicht mehr überschreiten kann und dies anderen überlassen muss, die es besser können.

„Solange ich schreibe, vergesse ich die Gitter vor dem Fenster“, (Hans Fallada)

My name is Jack.

Wo bist du denn schüchtern, Jack? feixt, nennen wir ihn mal P. zu mir rüber als ich meine Ansage, dass ich insgesamt schüchtern sei, zusammen mit meinem Namen Jack in seine Richtung mache. Bist Du denn ein Mann? Das erkennst du jetzt zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz, fasele ich verwegen weiter und denke darüber nach inwiefern ich nicht schüchtern bin, dafür ein Mann. Muss an meiner insgesamt draufgängerischen Art, mein Heil in einer plötzlichen Flucht zu suchen, liegen und an dem weiblichen Aussehen. Das weiß P. nur noch nicht. Weswegen er meinte mich in dem Lokal anquatschen zu müssen. Weswegen ich meinte, ihm sagen zu müssen, ich sei schüchtern? Ich Hornochsin. Ich versuche den in mir herumflatternden aufgescheuchten Panikvogel wieder einzufangen. Was will P. von mir? Ich versuche ihn abzuchecken. Flackernder Augenaufschlag in Verbindung mit Komplimenten ist total übel. Hoffentlich kommt er mir nicht noch mit so etwas wie einer schweren Kindheit oder so einem Gruselwort wie Altlasten?

Vorsicht verfänglich!, wedelt mein Zeigefinger hin und her. Erbarmung, ich wünsche mir vorbildliches und ein zierliches Benehmen, tobt aufgebracht Fräulein Rottenmeier, die sich dank meines manchmal ekelhaft akribischen Gedächtnisses als Anstandswauwau irgendwann in meinen späteren Jugendjahren nach einer Überdosis "Heidi" von Johanna Spyri in mir als posttraumatisches Stressyncrom samt ihrer hochgeschlossenen schwarzen Robe manifestierte. Seither zanke ich mit ihrem Geist herum und sie versucht aus mir eine „Dame von Welt" zu machen. In meiner Idee ist Fräulein Rottenmeier eine ältliche, stets nach Uralt Lavendel duftende altjüngferliche gestrenge Kriegerin unter der Flagge anständiger Benimmregeln und ausgestattet mit einem dicken Katalog von knigge'scher Verhaltensvorschriften von mindestens Anno Tuc.

Sie ist ziemlich besitzergreifend und von geradezu viktorianischer Strenge, aber heult manchmal dennoch nachts ihr einsames Kopfkissen voll mit ihrer Trostlosigkeit. Da sie eine Vorliebe für kühlschrankkühles Pfefferminzkonfekt an den Tag legt und außerdem eine beinah kitschige Affinität zu Veilchenpastillen pflegt, kann ich sie immer wieder mit Leckereien becircen.

P. weiß nichts von Fräulein Rottenmeier, die sich gerade in mir zu voller moralisierender Gutmenschgröße aufgeblasen hat. Ich habe aber keine Lust, meine Verbalattacken per Autopilot loszulassen und steche meine Augen in P’s  Richtung auf wie in zwei tiefe blickdichte Eier. Ich lasse ihn in vollem Ausmaß in einen überrandvoll mit Beleidigung gefüllten Fettpott latschen. Ja, entschuldige doch bitte mal, nun kuck doch bloß nicht so, so war das ja doch gar nicht gemeint, versucht P. einen etwas holperigen Landeanflug in Richtung Verständnis als er in meine Brunnenaugen blickt und die ganzen ersoffenen stinkenden Fischleichen darin treiben sieht.

Nö, schon klar, lächele ich entwaffnend in seine zuckenden Mundwinkel zurück, man kennt den andern doch niemals so ganz, was? Ich finde mich selbst mittlerweile kreuzdämlich, weil ich P. so etwas Großes wie meine mir angeborene und manchmal arg verkappte, mich ständig ausbremsende Schüchternheit verraten habe. Sie ist wie der berühmte Bremsklotz an der Schiffschaukel. Immer kurz bevor es spannend wird und überschlägt kommt meine Schüchternheit, dieser alte Schiffschaukelbremser!

So auch jetzt bei P. Ich überlege wie hoch das sonstige Kumpelpotential von P. wohl wäre, das er gerade im Begriff ist, mit den Enterhaken seines nicht vorhandenen Charmes einzureißen. Wann könnten wir uns denn mal wiedersehen, mein Engel? Startet P. einen neuen Anlauf. Er muss doch ganz furchtbar verzweifelt sein, überlegt mein Verstand während mein Herz längst das Weite gesucht hat.

Hä? frage ich dementsprechend entgeistert als sei Hä? eine angemessene Antwort auf die possessiv zu verwendende Anrede „mein Engel. P. fällt jetzt gar nichts mehr ein, diesem Bengel. Noch nicht so ganz trocken hinter den Ohren und keine Ahnung von schüchternen Menschen, was?. Null Empathie, wie langweilig, grübele ich mich unerbittlich außerhalb von P's Fangnetzarmen.

Fräulein Rottenmeier lässt sich lautstark die Luft raus, fliegt quietschend dreimal um mein inneres Leuchten um sich sich wieder in meinen Orkus zurückzuziehen, ihr war wohl zu langweilig mit P. Keine Herausforderung, sowas.

Dein Engel wird dich jetzt verlassen und wünscht dir noch ein geiles Leben, prophezeie ich P.  in munterem Plauderton, während ich mich langsam erhebe wie eine komplett dissiozative Verhaltenskatastrophe. Aber ich habe dich doch gerade erst gefunden, das geht doch so nicht! grätscht er verwegen zurück in meine Richtung. Ein Kämpfer auch noch, das hat mir gerade noch gefehlt.

Es gibt keinen Gott und Eva ist eine Erfindung von Adam. Sorry, dass ich es dir sagen muss. Tut mir echt leid. Ich kucke P. mitfühlend an und will mich justamente durch die Leute des Lokals zum Ausgang hin durchwühlen, da hält der Lümmel mich an meinem Zopfe zurück, was ich ja nun mal überhaupt kein bisschen leiden kann. . Ja, ich finde dich auch nett, spule ich also schleunigst noch hinterher um ihn loszuwerden. Kann ich dich mal anrufen?, fragt P. Ich sage nein, er fragt pompt wann.

Ich werde langsam total wahnsinnig mit P und sage, ich hätte gar kein Telefon. Im Telefon lebten gefährliche kosmische Strahlen, ich hätte auch meine ganze Wohnung mit Alu ausgekleidet deswegen und hätte nur heute meine Strahlenschutzhelm nicht auf. Nano nano. Er gibt immer noch nicht so richtig auf und fragt mich ob ich wüsste an wen ich mich mit meinem Problem wenden könne, er könne mir aber auch gern helfen, doch fachliche Hilfe wäre unbedingt anzuraten. Beim Wort „fachlich“ gurgelt er wie ein gequälter Kuckuck. Ich fliege mit Leichtigkeit über das Nest, das er mir so gern bauen würde.

Heimlich verfluche ich meine strategischen Qualitäten und weihe ihn verschwörerisch ein, dass ich heute Ausgang aus der geschlossenen Abteilung hätte. Da endlich gibt er auf. Du hast echt einen totalen Lattenschuss, oder? will er zweifelnd von mir wissen. Nein, flüstere ich. Ich habe heute nur meine Medikamente nicht genommen, das wäre eigentlich schon alles. Ich grinse P. an wie Jack Nickolson seinen entsetzten Sohn in Shining. Und übrigens Vorsicht: ich bin schüchtern.

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