Politisch unkorrekt

Ich weiß, dass fast dreißig Prozent in UK dieser Entscheidung ihre Stimme enthielten und dass überwiegend Briten ab 64 aufwärts für den Brexit stimmten. Fühl mich traurig, weil so eine Entscheidung gerade jetzt in den schweren Zeiten so bitter trifft, sie sich erst einmal imho wie eine Absage an eine Länderfreundschaft anfühlt und England ist auch Europa und Europa empfinde ich als ein Ganzes – schon immer und lange, schon als die EU noch als Quark im Schaufenster stand. 
Obwohl ich noch nie in England, Schottland oder Irland war, fühlen sich Sprache und Leute vertraut an. Ich arbeitete im Export. Da lernte ich unterschiedlichste Kulturen kennen und auch wie ähnlich manche sich sind und auch wie fremd andere sich sein können.

Jetzt gerade habe ich erst einmal Angst. Ich möchte am liebsten rüber über den Teich und mich da drüben mal eben vergewissern, ob wir noch Freunde sind, England und ich. Hey- I Love your Orange Marmelade, Serien wie das Haus am Eaton Place und  Monthy Pythons flying circus prägten mich nachhaltig! Wir Deutschen sind verunsichert. Dieser Austritt fühlt sich an wie ein Wegtritt. Eine Katastrophe. Eure jungen Leute hingegen bewiesen Vertrauen in diese zugegeben eierige und schwierige EU-Angelegenheit. In sie setze ich Hoffnung, ihnen gehört meine Stimme. Wie könnte ich mich gegen junge Zuversicht stellen, nur weil meine so genannte Lebenserfahrung mich ein ums andere Mal lehrte, dass Vertrauen ein Fehler ist? Es gab die Ausnahmen in denen es sich auszahlte, einander zu vertrauen und aufeinander zu bauen, zueinander zu stehen. Nicht immer ist der Alleingang der richtige Weg und wenn die schönste Unabhängigkeit ein auf tönernes Misstrauen gebautes Haus ist, bleibt sie einsam und schwach. Bei aller Freiheit des Respektes und mit Verlaub, liebe britische Freunde und Nachbarn, bitte bedenkt das. Ihr habt den Frieden in diesen Zeiten etwas ungewisser, unsicherer und unverlässlicher gemacht. Ihr werdet uns in der EU an der Seite sehr fehlen.

Ich wünschte wirklich, es gäbe irgend eine Möglichkeit, diese Entscheidung noch einmal rückgängig zu machen. Es ist mehr als eine politische Entscheidung. Die Fassungslosigkeit und Traurigkeit der Leute auf der Straße zeigen mir das. Wenn fremde Menschen mich ansprechen, so wie gestern dieser Mann auf dem Supermarktparkplatz, ein schon sehr alter Mann, der mich anschaute und fragte, wie lange der Frieden jetzt denn wohl noch stand hielte? Ihm sprang der zweite Weltkrieg förmlich aus den Augen und im Autoradio liefen gerade die Nachrichten. Als das Brexit-Thema zur Sprache kam, bemerkte ich das Weiten der Pupillen im Auge dieses Fremden und seine Angst übertrug sich politisch völlig unkorrekt auf mich. Ich suchte nach einer Antwort und drosch eine Phrase, etwas Besseres fand ich nicht: Der Frieden hält so lange stand wie es ausreichend Menschen gibt, die gemeinsam (dieses Wort intonierte ich mit mindestens fünfzig Ausrufezeichen doch ohne dabei zu zischen und zu spucken) für dieses Ziel einstehen wollen.

Was, wenn noch mehr auseinanderbricht? Was, wenn Frankreich und Holland einknicken, die Rechten ein Referendum fordern? Dies fragte ich den Mann nicht. Und ob wir Freunde seien auch nicht. Sind wir es? Diesen Wunsch will ich über allem anderen leben. Ob mit oder ohne die Brexits dieser Welt. Bei einer Tasse Darjeeling und einem Gurkensandwich. Mit Shakespeare und Bitter Orange Juice und der zugegebenermaßen sehr idealistischen Idee davon, wie Völker zusammenwachsen könnten, wenn sie Verständigung und Gemeinsinn statt darüber zu reden und dem ständig kleinformatig zuwider zu handeln, wirklich vorbildlich leben würden. Doch eine große Form kann nur entstehen, wenn es die kleinsten Strukturen vorgeben und erlauben und solange es Shitstorms, Verfehmdungen und Hexenjagden zwischen all zu vielen Eigenarten, Schwächen und Menschlichkeiten gibt, ist dieser große Gedanke leider unmöglich, da zu sehr von sich selbst eingenommen und daher befangen. 

Unbefangenheit ist ein Privileg der vom Leben noch weitgehend ungeprägten Jugend. Sie sich im Älterwerden über den schlechten Lebenserfahrungen und Eitelkeiten zu bewahren, ist eine hohe Lebenskunst. God s(h)ave  the Queen. Ich könnte hier jetzt musikalisch perfekt Pomp and Circumstances von Elgar beitragen. Doch den fände  ich unangemessen. Wir haben hier nämlich gerade jede Menge Circumstances, allerdings leider ganz ohne Pomp, dafür mit jeder Menge Fiderallala. Dieser Beitrag ist politisch total unkorrekt. Ich habe mir jetzt doch in aller Freundschaft mal Luft machen müssen. Und das alles ohne Misstrauensvotum und Referendum, liebe englische Nachbarn und Freunde. Allerdings nicht in der Weltsprache Englisch. Doch wenn nur einer von Euch nach einer translation fragen würde, weil ihn interessiert wer ich bin und was ich sage, setze ich mich sofort hin, stehle mir alle Zeit die ich brauche und bemühe mich um eine Übersetzung ins Englische. Die wird dauern, das ist unbequem, ich muss viel nachschlagen in Cassell’s Dictionary, doch das wäre mir schnurzpiepe. (Was heißt schnurzpiepe auf Englisch???) Ich würde es trotzdem machen. Weil England es mir wert wäre.

Bis das Maß voll ist

  
In deine Augen weine ich herbstrote Blätter; in meine kleine Ewigkeit den kurzen gewaltig großen Trost randvoll betrachtet im Wellenmaß haltlos umnachtet als ich in dich vollkommen komme suche ich Frieden im Glanz deiner Stadt vor den offenen Toren; liege ich im Sand das Wasser aufgebraucht die Tränen vergoren verbrannt und verloren in all dem was du bist, wirst du in meiner Erinnerung Schall und Rauch. Ist es der Mond der mich mit meiner Blöße bedeckt ist es dein abgewandter Blick der mich erneut aufschlägt als ich erkenne, dass jede Träne die ich dir einst schenkte Trugs flüssiger Schein ist, der nichts vergisst. Ich renne in meine Vergänglichkeiten zu dir und komme bei mir an. Am Ende kreise ich über der strukturellen Zerstörung in einem neuen Anfang. 

Du nimmst mich im Zwielicht meines Wissens und reißt mich auf bis auf den tiefsten blassesten Grund. Ich werde wild, singe dir ein Kriegerlied vom Leben, vom Lieben, vom Vermissen, schlage dir entgegen, werde in deinem Begehren gesund. 

Bis das Maß voll ist will ich leben, will ich lieben, will ich geben. Alles was ich weiß schenke ich dir. Das Alte und das Neue. Das beständige und treue. Das was nicht ist und noch wird. Das Ungewisse, das eine neue Zeit gebiert. Das Harte findet das Weiche im unermüdlichen Umkreisen rund.

Einsam geht es sich auf unvertrauten Pfaden. Herbst ist ein Lied: blau wie Blut, bunt voll Gier, fahl wie die zarte Haut an deinem Hals, in den ich so gern beiße. Zukunftsangst ist ein wütendes Tier, Ressentiments will es wie Impalas auf der Flucht in hohen Sprüngen reißen. Ich will es wegbeißen. Habe es sämtlicher Illusionen beraubt. Wer träumt, der noch glaubt.

—-

Take Five

IMG_0627

Ey, was ist mir dir, Mann? Warum liegst du da? Hast du nichts Besseres zu tun? Ayar ist stehengeblieben. Vor ihm auf dem Weg liegt ein Junge, ungefähr in seinem Alter. Er ist übersät von Sommersprossen, seine roten Haare stehen borstig vom Kopf ab. Ayar kennt den Jungen nicht, hat ihn noch nie gesehen. Auf seine Schule geht er auch nicht, dort wäre er ihm längst aufgefallen, wegen der roten leuchtenden Haare. Die Straße flimmert in der Mittagssonne. Es ist sehr heiß, Ayars Stirn ist überzogen von einem feinen Schweißfilm, weil er schnell gelaufen ist, um nach Hause zu kommen. Er ist immer noch völlig außer Atem.

Unschlüssig streicht sich Ayar eine schwarze Kringellocke aus der blassen Stirn und beäugt den Jungen, der sich mit beiden Händen, die Knöchel weiß hervortretend an den Zaunlatten festklammert, während sein seltsam verrenkter und verdrehter Körper zuckt und sich windet, seine Füße ausschlagen ins Leere. Ayar geht in die Knie und versucht eine der verkrampften Hände des Jungen des Jungen vom Zaun zu lösen, doch es gelingt ihm nicht. Irgendwo in einem der Häuser rechts dudelt ein Radio. Doch es ist niemand weit und breit zu sehen, die Straße wirkt wie ausgestorben. Überall sind die Rolläden heruntergelassen. Die Hitze steht.

Ey, Mann, das kannst du nicht bringen hier, das ist ja voll krank! Was soll ich denn machen? Was hast du? Sag schon, Alter! Der Mund des Jungen, öffnet und schließt sich, als wolle er Worte formen, schließlich sieht Ayar zu seinem Entsetzen, wie sich davor weißlicher Schaum bildet.

Ey Alter, ich weiß nicht was ich tun kann, Mann! Sag doch irgendwas!

Ayar beginnt zu schreien. Nicht einfach nur so. Dieses Spaßschreien, was er manchmal macht, wenn er bei den Raufereien seiner Freunde um Hilfe ruft und es lustig findet, wenn niemand kommt. Weil das spannend ist, obwohl das alles ja nur ein Spiel ist: Dieses Raufen und um Gnadewinseln in irgendeinem Schwitzkasten steckend und im Wissen zu schreien, dass die Luft tatsächlich knapp wird. Doch es ist dennoch ein Spiel, bei dem er auch schon aus echtem Schmerz schrie, obwohl er wusste, dass es doch nur seine Kumpel waren, die ihn drangsalierten. Ayar hat in Filmen schon Leute in höchster Panik schreien gehört. Zum Beispiel in Horrorfilmen, die Ayars älterer Bruder ihn manchmal anschauen lässt. Doch das ist nur ein Film, weiß Ayar und auch, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen wirklich laut um Hilfe rufen hörte.

HILFE! brüllt Ayar aus voller Lunge. Seine Hilferufe verhallen zwischen den Miethausfronten mit den vielen Fenstern. Keines öffnet sich, niemand schaut heraus. Es ist auch nirgendwo ein Passant zu sehen, den Ayar um Hilfe hätte bitten können. Nur die alte rote Katze vom Nachbarn überquert langsam die Straße und verschwindet unter einem der geparkten Autos.

HILFE, HILFE, HIER STIRBT JEMAND!

Ayar ist verzweifelt. Er weiß nicht, was er tun soll und der Anfall des Jungen am Zaun wird immer schlimmer, immer heftiger verkrümmt sich der Körper, biegt sich nach hinten, wirft sich wieder nach vorn, verkrümmt bis zum Äußersten. In den nach hinten verdrehten Augen des Jungen, ist nur noch das Weiße erkennbar. Ayar beginnt den zuckenden Jungen vorsichtig zu schütteln. Zwischendurch ruft er immer wieder um Hilfe. Schreit schließlich den rothaarigen Jungen an:

Hör doch auf, Mann, was ist denn mit dir?

Er überlegt wegzulaufen, jemanden zu holen, schiebt dann jedoch den Gedanken wieder beiseite. Was, wenn der Junge in der Zwischenzeit zu sich kommt oder es ihm noch schlechter geht? Mittlerweile ist es Ayar gelungen, eine der völlig verkrampften Hände des Jungen vom Zaun, an den er sich klammert, zu lösen. Die Hand schnellt ab und verkrallt sich dann mit schier unglaublicher Kraft an Ayars Arm, so dass Ayar mitgeschüttelt wird von dem sich hin- und herwerfenden Körper des Jungen. Ayar erinnert sich an das, was sein Vater ihn lehrte, wenn er sich in einer Notsituation befindet:

FEUER! FEUER! Es BRENNT! Schreit Ayar. HIER BRENNT ES! FEUER!

Endlich öffnet sich im Block gegenüber ein abblätterndes Fenster. Das Gesicht einer alten Frau erscheint. Es ist Mittagsruhe, ruft sie quer über die Straße zu Ayar hinüber. Spielt leiser, hier schlafen welche!Ayar schreit zurück, so laut er kann: Dies ist ein Notfall, er hat einen Anfall, irgendwas Komisches, ich glaube, er stirbt, bitte rufen Sie einen Krankenwagen!

Die Frau lehnt sich etwas weiter aus der Fensteröffnung, versucht zu erkennen, was sich abspielt auf der anderen Straßenseite. Dann schließt sie das Fenster und zieht die Gardine vor. Fünf endlose Minuten später sieht Ayar, wie sie aus dem Haus tritt und langsam die Straße überquert. Die alte Frau geht in winzigen Schritten und schiebt einen Rollator vor sich her. Sie trägt einen rosafarbenen Bademantel und komische Hausschuhe mit türkisenen Bommeln. Ihre dünnen weißen Beine sind von Krampfadern übersät. Sie sieht aus, als sei sie geradewegs aus dem Bett gestiegen. Ihre weißen Locken stehen in sämtliche Richtungen wirr vom Kopf ab, den sie beim Gehen leicht vornüberbeugt, was Ayar an den Gang einer Schildkröte erinnert. Wäre alles nicht so dramatisch gewesen, hätte Ayar darüber lachen können, doch so ist er einfach nur froh, jemanden zu sehen, der vielleicht helfen kann.

Er flüstert in die weißen verdrehten Augen des Jungen, zu dem wild hin- und herschlingernden Kopf und den zuckenden Gliedern: Alles wird gut, hörst du, Alter? Du kommst wieder voll in Ordnung, wirst schon sehen! Ist bestimmt nur so ein Anfall, das kommt vor, okay, Mann? Gleich kommt auch ein Arzt. Der kann dir helfen.

Ayar betet zu Allah so fest er kann. Er schwänzt manchmal den Koranunterricht und sein Vater schlägt ihn dann windelweich mit dem Hosengürtel. Doch jetzt erinnert er sich an einige Suren, die er dringend brauchen kann in dieser Situation. Weißer Schaum tropft vom Mund des Jungen auf die Straße. Ayar kann den zuckenden Körper des nicht festhalten, alles an diesem Körper ist Krampf geworden. Er hat so etwas noch nie zuvor gesehen, weiß nicht einmal, ob der andere überhaupt bemerkt, dass er da ist, obwohl die Hand des Jungen immer noch um seinen Arm gekrallt ist. Unendlich langsam kommt die alte Frau näher, quälend langsam, viel zu langsam für Ayars Empfinden.Er flüstert aufgeregt: Da kommt jemand, hörst du? Alter, halte durch! Das machen die in den Filmen auch! Da kommt jemand, der wird uns helfen.

Das sagt Ayar obwohl er mit einem heißen Gefühl im Bauch daran zweifelt, dass diese alte Frau überhaupt helfen kann. So, wie sie aussieht, ist sie selbst halbtot, hoffentlich kann sie wirklich etwas tun, denkt Ayar und versucht weiterhin völlig erfolglos, den zuckenden Körper des Jungen festzuhalten, ruhigzustellen. Er weiß nicht, was er tun soll, also streichelt er beruhigend seinen Rücken. Unbeeindruckt wirft sich der Junge weiter hin und her, verändert sekündlich die Stellung, zieht Grimassen, spuckt weißen Schaum vor Ayars Füße.

Die alte Frau ist inzwischen angekommen bei Ayar und atmet schnell. Sie japst und holt schwer Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, dann bedeutet sie Ayar mit einer Geste ihrer rechten Hand, die sie auf die Brust legt, dass sie zu Atem kommen muss.

Ayar schreit sie an: ER STIRBT! Hoffentlich kann sie ihn auch hören. Alte Leute sind manchmal schwerhörig. Also wiederholt er noch einmal alles, nur vorsichtshalber: HÖREN SIE? HABEN SIE MICH VERSTANDEN? ER STIRBT! WIRBRAUCHEN EINEN KRANKENWAGEN! Das Wort Krankenwagen betont Ayar besonders. Der stirbt so schnell nicht, sagt die Frau zu Ayar. Eher beiläufig, in lockerem Ton: Wie heißt du denn? Meine Güte, ist das heiß heute! Fügt sie noch an und tupft sich mit einem Tempotaschentuch die Stirn ab.

Ayar kann es einfach nicht fassen! Sie will tatsächlich von ihm wissen wie er heißt, während dieser Junge hier im Begriff ist zu sterben, fragt sie tatsächlich nach seinem Namen, als ob das jetzt irgendwie wichtig sei? Er hat mal gehört, dass manche alte Leute komisch werden und nicht mehr richtig denken können. Ayar wird kochend heiß zumute: Was, wenn diese alte Dame vielleicht überhaupt nicht helfen kann? Vielleicht ist sie sogar selbst hilfebedürftig? Tickt nicht mehr richtig, oder so etwas? Ayar schüttelt entmutigt den Kopf. Er weiß nicht, was er tun soll.

Das ist Marko. Die alte Frau hat den Rollator beiseite gestellt und ist neben Ayar in die Hocke gegangen. Vorsichtig und sehr langsam. Er hat einen Anfall. Komm, du, lass mich mal an ihn heran, ich will schauen. Ah, ich sehe, er hat sich an dir festgekrampft, das ist gut, dann ist er beruhigt.

WAAAS? brüllt Ayar außer sich. Was labern Sie da? Der ist beruhigt? Ey, der stirbt! Sie spinnen ja! Sie bleiben jetzt hier und ich hole den Krankenwagen, okay Lady? Ich habe gerade kein Handy, ich muss jemanden suchen, der eins hat…und Sie warten hier auf mich und passen auf.

Haben Sie das verstanden? SIE WARTEN HIER AUF MICH! ICH HOLE EINEN KRANKENWAGEN!

Die alte Frau untersucht kurz den zuckenden Jungen. Sie überprüft, ob er sich irgendwo verletzt hat. Mittlerweile kommt kein weißer Schaum mehr aus seinem Mund und auch die Krämpfe scheinen nachzulassen. Alles ist gut, Marko, sagt sie. Du hast jemanden gefunden, der sich sehr schön um dich kümmert. Gleich ist es vorbei. Wir sagen Mama und Papa Bescheid, ja? Ganz ruhig, Marko, du hast es gleich geschafft? Tapferer Junge! Sie streicht Marko sanft über den Kopf. Gut, sagt sie zu Ayar gewandt, er hat sich nicht gebissen. Das geschieht manchmal. Sie beißen sich auf die Lippen. Du darfst aber nichts dazwischenschieben, hörst du? Das kann die Atmung blockieren. Du hast alles richtig gemacht mit Marko. Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat und krampft, ist das, was er braucht, Berührung und Beruhigung. Öffne mal sein Hemd, da wo es ihn beengt, die obersten Knöpfe, er bekommt nicht gut Luft, siehst du? Mach sie alle auf, damit er atmen kann.

Ayar folgt den Anweisungen der Frau ohne Widerspruch. Du machst es gut, Ayar, lobt sie ihn. Keine Angst, Marko ist gleich wieder der Alte. Diese Krankheit hat er schon, seit er vier Jahre alt ist. Dann ist es mit einem Mal vorbei. Ayar spürt, wie Markos Hand sich entspannt, sein Körper erschlafft, der Atem sich beruhigt und nicht mehr länger unregelmäßig ein- und wieder aussetzt in krampfenden Stößen. Eine Krankheit wie ein Gewitter im Kopf, denkt Ayar. Jetzt scheint die Sonne wieder.

Hei…sagt der Marko auf einmal mit lallender Stimme…hao..bin Mar..o…allis…lar..? Ayar sieht ihn überrascht an. Der kann reden? Heio…macht Marko und versucht dabei zu lächeln, was jedoch noch nicht ganz gelingt, auch die Worte gelingen noch nicht ganz. Marko verzieht vor Anstrengung das Gesicht, als täte ihm jeder einzelne Muskel darin weh. Du bist echt krass, Mann, sagte Ayar, wie heißt das, was du hast? Marko verzieht das Gesicht und sagt etwas, das klingt wie: E..leppie…

Epilepsie meint er, sagt die alte Frau, als sie Ayars fragend hochgezogene Augenbrauen bemerkt. Er kann noch nicht wieder richtig sprechen. Er erinnert sich auch nicht an das, was gerade geschah. Ayar, bring doch Marko gerade nach Hause, er kann gleich wieder aufstehen und gehen, damit würdest du ihm eine Riesenfreude machen und mir auch. Es ist einfach zu heiß zum Laufen für mich alte Frau.

Okay, mach ich. Mit steifen Beinen vom langen Knien steht Ayar langsam auf und hilft der alten Frau ebenfalls hochzukommen. Danke, sagt sie. Ich heiße Magdalena Engelin. Ich wohne hier im Block, im zweiten Obergeschoss oben links. Hausnummer 75. Sie zeigt mit der aufgerichteten linken Hand zwei Finger und dann zeigt sie Ayar beide Hände, einmal mit sieben Fingern und nach einer kurzen Pause noch einmal fünf Finger der linken Hand. Alles klar? Sie lacht. Wenn mal was ist, dann komm ruhig vorbei. Auch, wenn du Fragen zu Marko haben solltest. Er ist ein besonderer Junge. In jeder Beziehung.

Marko versucht inzwischen ungelenk und noch unsicher aufzustehen, zieht sich mit einer Hand am Zaun hoch und hält sich mit der anderen an Ayars Arm fest, bis er schwankend und noch etwas zittrig auf die Füße kommt. Er ist ungefähr einen Kopf größer als Ayar und sehr schlank. Ayar hilft ihm und legte ihm stützend einen Arm um die Hüfte. Wo wohnst du, Alter? fragt er Marko. Marko lässt den Zaun los und winkt mit dem linken Arm die Straße hinunter, gut zweihundert Meter weiter auf einen rosa gestrichenen Block, an dem teilweise der Putz abblättert.

Ayar bemerkt eine helle, ungefähr 10 Zentimeter lange scharf gezackte, an den Rändern wellig aufgeworfene Narbe auf Markos sommersprossenübersätem Unterarm. Er würde Marko gern fragen, wie er zu ihr gekommen ist. Sie sieht eindrucksvoll aus. Marko zeigt Ayar drei Finger der linken Hand und macht eine Kopfbewegung hin zu dem rosa Miet-Block. Ayar fragt: Linkes Obergeschoss, dritte Etage? Marko nickt und hält zwei Finger hoch. Dann grinst er breit und zeigt Ayar erst fünf Finger, dann hält er ihm die offene Handfläche hin. Fragend sieht er Ayar an. Hausnummer 25. Ayar schlägt ein.

Take Five.

In Ungnade

IMG_6916

Eine Nachbarin erzählte ihr von der seltsamen Frau zwei Blocks weiter. Es hatte gestunken, obwohl es so draußen eisig kalt war. Sie hatte nie Freunde, Kinder wohl, aber zu weit weg. Es gab niemanden, nur die Frau und ihre stinkende Wohnung. Immerhin. Drei volle Monate lang bemerkte niemand im Haus in all den anderen menschlichen Ausdünstungen, dass es unter der schlecht schließenden Haustür herstank, da rief endlich jemand einen Klempner.
Ey, die Alte hat sich erhängt und niemand hat es bemerkt.
Erzählte die Nachbarin mit roten Backen vor Aufregung.
Sie fragte, ob die Nachbarin die Frau gekannt habe, sie wohnte schließlich im Erdgeschoss des Selbstmordblocks.

Selbstmordblock,
sagte die Nachbarin langsam und zerrieb das Schlagwort genüsslich zwischen den Zähnen.
Nein, sie hätte sie kaum gesehen, doch wenn, dann hätten sie sich stets freundlich gegrüßt.
Diese Frau habe ein Problem damit gehabt, die Wohnung zu verlassen, sei überhaupt schrullig gewesen, ereifert sich die Nachbarin.
Sie habe vor Jahren immer Weihnachtsplätzchen gebacken und den Nachbarn gebracht. Damals sei sie noch anders gewesen als zuletzt, als sie nur noch, den Kopf gesenkt, schnell durchs Treppenhaus huschte.
Zum Schluss hätte sie kaum noch gesprochen.
Du, stell dir vor,
tippt ihr die Nachbarin einen nikotingelben Finger auf die Schulter,
ich traf sie, es ist noch nicht einmal so lange her. Sie sah so traurig aus und ich fragte sie, wie es ihr ginge, ich weiß selbst nicht, warum ich sie überhaupt angesprochen habe.
Aber glaubst du, die Alte hätte mir eine Antwort gegeben? Sie sah mich nur an auf diese komische Weise, die allen hier unheimlich war. So durchdringend und ohne ein einziges weiteres Wort.
Dann verzog sich ihr Gesicht komisch und sie ging einfach.
Mal ehrlich, was sind das für Freaks, mit denen ich hier leben muss?
Dann bringt die sich auch noch um in unserem Haus.
Als wäre alles andere nicht schon schlimm genug.

Apfelkuchen

IMG_5426

Dima ist jetzt fünfzig Jahre alt. Dima hat kurze schwarze, mit sehr wenig Grau melierte Haare, die sie noch genauso raspelkurz trägt wie damals, als sie noch 20 Jahre alt war.
Sie hat sich ihre Haare nie anders frisieren lassen als raspelkurz. Wenn sie beim Friseur saß und die Friseurin ihre Schere zückte, dann konnte man sicher sein, dass Dima sagte:
Aber bitte raspelkurz.

Die alte Dame fragte Dima, warum sie ihre schwarzen schönen glänzenden Haare immer nur raspelkurz trüge?
Da wurde Dima still und sagte eine Weile gar nichts.
Sie überlegte, sie warf den Kopf hin und her, sie zappelte auf dem Stuhl und man konnte sehen an der Art und Weise wie sie ihre Stirn in Falten gelegt hatte, dass es ihr sehr schwer fiel, gedanklich zu formulieren was sie sagen wollte und an ihren zuckenden Mundwinkeln konnte man erkennen dass sie etwas zu sagen hatte.

Sie sah ihr Gegenüber an, eine schon sehr betagte Dame, mit Schlohweißhaaren, die einen Hauch zart ins Lavendelne abdrifteten

Wissen Sie, begann Dima, und dann verstummte sie wieder.
Sie rührte mit dem Löffel unschlüssig in ihren Cappuccino herum, der schon ganz dünn geworden war vom vielen Rühren.
Dann nahm sie den langen Löffel und rührte damit vorsichtig alle verbliebenen kleinen Milchschaumkrönchen zu kleinen sich überlappenden Wellen, die sich in ihrem Zentrum zusammenfügten und einen winzigen Schaumberg bildeten.

Sorgfältig platzierte Dima den kleinen Schaumberg. punktgenau auf ihren Kaffee-Löffel. Dann schob sie ihn nachdenklich und hingebungsvoll in ihren Mund und ließ den Schaumberg auf ihrer Zunge schmelzen. Ihr war nicht bewusst, dass sie die alte Dame die ganze Zeit über gedankenversunken mit ihren dunkelbraunen Augen fixierte.

Die alte Dame begann an ihrem Haar herum zu spielen als ob etwas mit den vom Friseur sorgsam ondulierten Locken in Unordnung geraten sei.

Wir kennen uns noch nicht so lange, sagte Dima.
Was geschieht wenn wir glücklich sind?

Die leicht arthritis gekrümmten altersfleckenübersäten Finger der Dame erstarrten in der Luft und verharrten dort unschlüssig wie unruhige Vögel.

Fragend sah sie Dima an und wiederholte leise die Frage:
Was geschieht, wenn wir glücklich sind?
Als wolle sie sich deren Kerngehalt noch einmal bewusst machen bevor sie eine Antwort gab.
Dabei legte sie den Kopf schief.
Sie sagte:
Glücklich.
Dann lächelte sie. Ihre alten Augen leuchteten.

Dima strich sich mit einer knappen Bewegung über ihre raspelkurzen schwarzen Bürstenhaare.
Die Bewegung hatte etwas Beiläufiges, Laszives, wie eine Geste, die bereits unzählige Male wiederholt worden war, sich noch nicht erschöpft hatte in sich selbst.

Wir kennen uns noch nicht so lange, sagte Dima dann. Ihre Hand hielt den Kaffeelöffel so fest umschlossen, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen vertrauen kann.
Die alte Dame zeigte keinerlei Reaktion.

Ich trage meine Haare seit dreißig Jahren niemals anders als ich sie jetzt trage. Alle zwei Wochen gehe ich zum Friseur und lasse sie nachschneiden.
Wenn ich glücklich sein will, stelle ich mir einen laut lachenden kleinen Jungen auf einer Sommerwiese vor.
Manchmal funktioniert das, wissen Sie?

Nach dieser Ansprache, nahm Dima beinahe zärtlich ihr linkes Ohrläppchen in die Hand und knetete es sanft.
Da sitzen wichtige Akupunkturpunkte, wissen Sie?
Die Haare fallen nicht alle alle auf einmal aus. Sie fallen in Büscheln aus, jeden Tag ein paar zuviel.
Die Glatze ist am schlimmsten.
Immerfort juckt es unter der Perücke und die Haut wird wund rot und trocken.
Sie dürfen die Haut nicht einreiben und pflegen, weil sie bestrahlt wird.
Dann darf man das nicht, wissen Sie?

Dimas dunkle Augen sind Brunnen geworden.
Sie sind trockengelegt, nur in ihrem tiefsten weißlich grundierten Kern ist ein feuchtes Schimmern zu erahnen und die Falten an ihrer Stirn scheinen sich etwas vertieft zu haben, insgesamt wirkt Dimas Gesicht etwas müde und etwas bleicher als noch ein paar Augenblicke zuvor.

Nun lächelt die alte Dame.
Wissen Sie? sagt sie laut, so das Dima zusammenzuckt, weil alle im Lokal jedes Wort verstehen konnten und sich bereits einige andere Gäste zu ihnen umgedreht hatten .

So etwas Dummes aber auch! schreit die alte Dame, immer noch mit erhobener Stimme, so dass alle es verstehen können in Dimas entsetzte Stille.

Also nein! Wie konnte mir das nur passieren?
Die alte Dame lacht nervös und fährt sich nun mit beiden Händen durch ihre sorgsam ondulierten Locken.
Ich bin letztes Jahr 90 Jahre alt geworden müssen Sie wissen.
Meine liebe junge Dame, in diesem Alter wird man manchmal etwas vergesslich.
Ich finde Sie wirklich entzückend mit Ihren raspelkurzen schwarzen Haaren, Sie sehen so frech und jung damit aus, bald wie mein Bub‘ als er klein war.
Es würde mich einfach zu sehr interessieren, warum Sie Ihre Haare schon immer so tragen wie jetzt. Das habe ich doch richtig verstanden, dass Sie sie nie anders trugen als so wie jetzt?
Leider habe ich mein Hörgerät zu Hause liegen lassen und kann Sie deshalb nur äußerst schwer verstehen.
Ich schäme mich, Ihnen gestehen zu müssen, dass ich die ganze Zeit, während Sie so freundlich waren mir erklären zu wollen warum sie ihre Haare immer so tragen wie jetzt, kein einziges Wort von dem verstanden habe was Sie sagten, und ich möchte wirklich nicht so unhöflich sein, von Ihnen zu verlangen, dass Sie dies alles noch einmal für mich wiederholen, nur weil ich alte Frau so dumm war, mein Hörgerät in meinem Zimmer liegen zu lassen. Darf ich Sie wegen meiner kleinen beschämten Heimlichkeit und weil ich mich nicht traute, Ihnen zu sagen, dass ich Sie gar nicht gut verstehen kann, dennoch oder gerade deswegen zu einem schönen Stückchen Kuchen einladen, was hielten Sie davon?
Der Apfelkuchen dieses Hauses ist sehr zu empfehlen.

Im roten Schatten an der Wand

2015/01/img_6919.jpg

Das war damals, als sie noch darauf gewartet hatte, dass dieser Anruf kam, der dann auch kam, doch ein ganzes Jahr später erst. Und nun blinkte der Anrufbeantworter, dieser pragmatische Phrasendreschflegel komprimierter Höflichkeit und signalisierte ein geisterhaftes Lebenszeichen aus einer, wie sie meinte, längst schon vergangenen Zeit, die sie für immer gewesen glaubte. Einer Zeit, die sich immer noch nicht gut von ihr berühren lassen konnte, weil sie ihr allzu giftig erschien wie eine obskure Essenz, die sowohl heilen konnte im Kennen ihres Maßes wie auch vergiften, im Unmaß des Rausches.

Der Anrufbeantworter schüttete sein zuckendes rotes Licht an die Wand, die dämmrig am Abend ihr spärliches Weiß in den unschlüssigen Raum lichtete.
Befangenheit mauerte wankelmütige Steine, baute Festungen auf Felsspitzen über tiefschwarzen Abgründen, die, in diffuses Sepialicht getaucht, wie eine weichgezeichnete Qual im roten Schatten an der Wand widerhallten in den Echos erkalteter Gespräche und Worte, die sich in der Beliebigkeit des Alltags entfühlt hatten in leere leichte Hüllen, die Überbleibsel einer Metarmorphose, deren Geschöpf längst ein eigenes Leben zu führen gelernt hatte.
Im roten Licht wartete die Botschaft, Zahl für Zahl so vertraut wie das Klingeln des Telefons, das sie verpasst hatte in ihrer Abwesenheit.

Tod

2015/01/img_5200.jpg

Manchmal kommst du,
fliegst vor dem Morgen her
noch lange bevor die Sonne aufgeht.
Berührst mit deinen schwarzen kalten Fingern,
versuchst im ersten Licht der Dämmerung
das entsetzte Bewusstsein zu klammern so dass es aus dem Fenster springen möchte, in der Gewissheit, dass alles allein sinnlos ist, dass das Leben vergänglich, zu müde zu fragen, wozu dieses dauernde Einsamsein dient, einzig der Erkenntnis, allein zu bleiben, Selbstgespräche zu führen, um nicht allein zu sein oder ein Lied zu pfeifen, wenn niemand da ist, bis auf dich und deinen dunklen Sinn, der tief in sich pervertiert und entartet dem Leben zuwiderlaufen und befehlen will,
stark wie eine Armee
verführerisch wie Bewusstlosigkeit
weit wie das All
sternlos, mondlos und seltsam gleichgültig fremd, erscheinst du in dem nackten Schmerz, der bloß gelegten Angst, der traurigen Einsamkeit voll bekleidet als ein inniger Freund, der erlösen will, der etwas zu geben hat, obwohl er nur nimmt.

Vor dir wird jedes Alter ein hilfloses nacktes und verwirrtes Kind sein, blind und ergeben, dir vertrauend, während du sein Leben nimmst und du seine Seele wer weiß wohin beamst.
Wehe dem, der deine schreckliche Schönheit verkennt, Gnade dem, der dich, Tod, einen lieben Freund nennt.