alma’s ros

starkfrequentes gleichstromrauschen
wasser mäßig
rinnt vom dach  dunkel

es donnert          der baum da

weint sich in düstergrau hinab

in strömen

auch das
trübe
fensterlicht  sprich –

tränen sind der reine tau der seele
in der gosse vergangener liebe.

unerreicht

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 8

wir sind
nicht reich
doch vermögend
hart oder weich strömend
uns verbunden
gesund umrundend
haltend verwaltend
in herzensangelegenheiten

sind wir zeitweit
uns beschieden
doch nicht ausschließlich
oft gut gelaunt
doch auch verdrießlich
ideell künftige zukünfte gestaltend
einzeln jeder für sich
werden wir älter
geborgen in
getrennten welten
teilen sorgen
in der bewältigung leben
gestern heute, morgen

sind
zusammen gegangen
wurden belangt befangen
hingen uns auf
auch irgendwann wieder ab
hielten uns aufrecht
im kurs auf trab
doch manchmal verloren wir ihn auch
in kursschlusspanik
trieben ziellos umher
vermissten einander sehr
tief aus dem bauch
nahmen dinge schwer
wieder leicht

bleibst unerreicht
jemand den ich mag
tag gleich nacht

sag, hättest du das gedacht?
soll ein alter hut sein nun
soll er dir nur gut dir tun

damit du wieder lachst

—-

Haibun – Der Park im November

  

 Auf den langen gewundenen Wegen liegen verwirbelte Laubhaufen in glänzenden rotbraunen Schattierungen. Ich suche schwarze Schatten in der abendlichen Dämmerung. Es hat den ganzen Tag lang leicht geregnet. Mein Gesicht ist nass von feinem Wasserstaub. Als ich mir mit der Zunge über die Oberlippe streiche, schmecke ich noch das Salz auf meiner feuchten Haut. Nach drei Stunden Training im Studio schafft es der Regen immer noch nicht, es mir abzuwaschen. 

Rechts und links des Weges kleine waldige Abschnitte. Die Berge liegen verborgen unter Nebelmützen. Die Luft ist so lau, ich genieße die Stille im Park, den Regen und den Duft des nahen Waldes.

Die Bäume singend

ihr Lied tropft aus den Kronen

vor meine Füße

Eine Frau mit einem großen Hund undefinierbarer Rasse kommt mir entgegen. Das letzte Tageslicht spiegelt sich in ihren freundlich grüßenden Augen. Am Ende des Weges sehe ich den Sportplatz von gleißendem Flutlicht überschüttet. Ich schaue den wenigen Fußballern, die sich in der oberen linken Ecke versammelt haben eine Weile zu, lausche ihren jungen Stimmen und wünsche mir, dass sie nicht ausrutschen auf der nassen roten Asche.

Das große Spielfeld

in helles Licht getaucht

für so wenige Spieler

Ich löse mich aus der Betrachtung des Sportplatzes und gehe zügig weiter, überquere die Straße, auf der heute Abend kein Auto unterwegs ist. Es ist ein schönes Gefühl, durch den Regen zu laufen, sich überall am Körper warm zu fühlen. Einige Kinder mit Laternen kommen mir singend entgegen. Da fällt es mir ein: Heute ist Martinstag, Lichterfest! Die Eltern gehen ein Stück weiter hinten. Sie tragen brennende Fackeln. Ich gehe mitten durch die Gruppe hindurch und nehme etwas von ihnen mit mir. Eine Art Gemeinschaftsgefühl, das mich jedoch gleich wieder verlässt.

Laterne, Laterne

ich lief mit meinen Kindern 

oh, nun sind sie groß!

Der Spielplatz liegt behütet von der Dunkelheit. Der stille Weg windet sich zwischen den verlassenen Spielgeräten steil bergan. Dahinter erkenne ich die Umrisse der Grundschule. Es ist so dunkel geworden, dass ich die Hand vor Augen nicht mehr erkennen kann. Doch meine Füße finden den Weg auch ohne Beleuchtung. Er ist mir so vertraut wie mein Schatten. Bald werde ich zu Hause sein, freue mich darauf, die Füße hochlegen zu können, mit meinen Kindern zusammenzusitzen und später im Bett noch ein wenig lesen zu können. Mein Herz ist leicht und weich wie der milde Regen dieses Tages. Ich denke an die Menschen, die mir wichtig sind und wünsche ihnen gesund zu bleiben und denen, die es nicht sein können, es schnell wieder zu werden. Begegnungen kommen mir in den Sinn, die flüchtigen, die oberflächlichen und die, die für immer im Herzen bestehen bleiben. November ist ein ernster Monat und die Vergänglichkeit des späten Herbstes hat einen mahnenden Charakter, den Reichtum der Andersartigkeiten und das Geheimnis der Ähnlichkeiten, die Menschen miteinander verbindet, liebevoll zu bedenken. Manche bleiben, andere gehen und bleiben in der Erinnerung ein stiller Glanz. 

Sich so ähnlich sein

wie ein Herbstblatt dem anderen

welch ein großes Glück!
—-

Die Magie der Gegenwart – Ein modernes Märchen

  
Ich überlegte, was ich anziehen sollte zu diesem sehr speziellen Anlass, der mich mitten ins dunkle Mittelalter führen sollte. Ich dachte an die bevorstehende Frequentierung von Menschenmassen und daran, dass viele Menschen auf einmal mir oft Angst einjagen. Doch ich bekam wie so oft, wenn etwas geschehen soll, unverhoffte Verstärkung. Meine Tochter, erst zweifelnd, dann sich anders besinnend, wollte nun doch gern mit mir mitkommen. Ich suche dort jemanden, erklärte ich ihr. Weiß ich doch, Mama, hast du erzählt. Die Frau K., mit der du dir schreibst. Wie wollen wir sie denn nun finden? Fragte meine Tochter und pellte sich in das Dirndl, das sie von der Schwägerin geschenkt bekommen hatte. Was meinst du? Zöpfe? Rechts und links? Klaro! Befürwortete ich ihren zünftigen Oktoberfestlook, der jedoch auch als Burgfräuleinlook durchging und zog das mittelalterlich anmutende zipfelige Hexenkleid vom Bügel. Das? Der Daumen meiner Tochter zeigte gen Himmel. Bombastisch, verhext! Hexhex! Kam es entzückt aus ihrer Richtung und verdonnerte somit sämtliche anderen Alternativen zurück auf den Bügel in den Schrank. 

 Auf dem Weg zur Bushaltestelle fragte mich erneut das Burgfräulein wie wir denn nun die Unbekannte finden sollten auf diesem riesigen Mittelalterfest? Vielleicht findet sie ja uns? Wandte ich hoffnungsvoll ein. Und wenn nicht? Dann finden wir sie… Sie trägt eine dunkelhelllila kleine Aster im Haar, sagte ich verträumt und verbannte den Rest des Gedichtes von Gottfried Benn auf den stahlblitzenden Pathologentisch, auf den er zwischen die Zähne geklemmt, gehörte. Sonst weiter nichts? Nur eine Blume im Haar? Fragte das Burgfräulein und spielte nachdenklich an den blonden Zöpfen. Ich schwöre bei meiner Feenehre, grinste ich. Und brombeerenen Nagellack. Und falls sie sonst nichts weiter trägt, werden wir sie mit Sicherheit finden unter lauter bekleideten Menschen. Ich zwinkerte verschwörerisch und fing mir einen entrüsteten Blick vom Burgfräulein ein. Mama, du nimmst mich schon wieder mal nicht ernst! Ich überkreuzte hinter dem Rücken zwei Finger: Dich nehme ich immer ernst, Euro Durchschnittlauchigst Prinzessin Knallerbse! Sagte ich und meinte es trotz Blitzableitergestik auch so. Dann beschrieb ihr eine schwarzhaarige Frau mit einem hellen Gesicht. Ah, ja. Kam es von meiner Tochter. Das ist ja richtig viel, was du von ihrem Aussehen weißt! Ich fügte hinzu: Außerdem hat sie noch Augen, dero vermutlich zweier Stücker, ferner ein Paar Ohren und sogar eine ganze Nase zum Riechen. Und einen Mund auch. Glaube ich jedenfalls… Ich fing mir einen herzhaften Rippenstoß ein. Aua! Protestierte ich und rieb mir die unsanft traktierte Seite. 

 Wir warteten eine Viertelstunde auf den Bus. Es war warm, das Wetter spielte Hochsommer. Ich hoffte, dass dies so bleiben würde und beobachtete das Gewölk am blaudunstigen Spätnachmittags-Himmel. Mit uns fuhren auch ein paar ältere Herrschaften. Die Damen warfen uns verzückte Blicke zu. Wir waren schon ein herziges Gespann, angetan mit unseren dem Mittelalter so ähnlich wie nur möglich nachempfundenen Gewandungen. 
Die Sparrenburg, Bielefelds Augenweyde einer Räuberburg, war umlagert von mittelalterlicher Budenzauberey. Auf den Wegen tummelten sich unzählige Menschen. Uns begegneten Elfen und Feen in neckischen Zipfeltrachten, hochedle Hof-Damen in eleganten Seiden- und Samtroben mit und ohne Schleppe, die Röcke anmutig gerafft, Marketenderinnen in roten schwingenden Röcken, mit Glöckchen an den Hüften, kraftvolle Weibsbilder in Samt und Ledergewändern, samt Trinkhorn an der Seite sowie kernige Herren, zünftig in Wams und Leder, mehr oder weniger nacktes Brusthaar zeigend oder an schwer anmutenden Rüstungen schleppend, inklusive schweren Eisenschwertern. Die Luft roch nach gebratenem Fleisch und Feuer und vis-à-vis las eine Wahrsagerin im roten Zelt einer blonden Dame in Cargohosen die Zukunft, als säße diese nicht bereits mit gezücktem Smartphone sowie digitaler Spiegelreflexkamera in ihrem Zelt.
Da hängt ein ganzes totes Schwein am Spieß, Igitt! kam es entsetzt von meiner Tochter, die begann zu bocken wie ein altes Maultier. Da will ich nicht vorbeigehen, protestierte sie. Liebchen, fragte ich sie zuckersüß, was glaubst du eigentlich, was du am Leibe trägst? Das ist die mausetote Haut eines Tieres, philosophierte ich dramatisch. Sie strich sich das Lederröckchen glatt und konterte: Da musste kein halbes Schwein für sterben und sieht auch nicht so eklig aus! Da musste ich ihr allerdings Recht geben. Entspann dich, tröstete ich sie, komm, wir gehen dort entlang. Nein! Kam es widerspenstig von ihr, da hängen Kuhhäute aufgespannt! Ich überlegte, wie ich ihrem Widerwillen gegen das aufgespannte tote Viechzeuch überall begegnen könne und gab ihr den dringenden Auftrag, eine Frau mit einer dunkelhelllilafarbenen kleinen Aster im schwarzen Haar zu suchen. Brav fixierte sie die uns entgegenkommenden Damen und bemerkte dabei gar nicht, dass wir geradewegs an einer Bude mit lauter scheckigen Kuhfellen und verendeten angespannten Langhaarschafen vorbeiflanierten. Hier stinkt es angebrannt, kam es fürnehm naserümpfend von meiner pingeligen Begleitung. Fein, antwortete ich, Rauch konserviert, du bleibst everyoung, komm wir stellen uns mal ein bisschen in den Räucher-Dunst. Sie preschte daraufhin noch schneller voran und starrte angestrengt ein paar prächtig dekorierte, uns entgegenkommenden Hofdamen in Haare und Augen. Da! Die hat eine Blume im Haar, rief sie aufgeregt und zeigte höchst undanenhaft auf eine propere Walküre mit dekolletiert herfürquellendem Donnerbusen sowie feuerwehrrot gefärbter hochgetürmter Haarpracht und giftgrünem Gewand. Nee, die doch nicht! Ich schüttelte mich vor Lachen. Wieso denn nicht? Wollte das Burgfräulein wissen. Frau K. ist tausendmal hübscher, erstens und hat zweitens, schwarze Haare. Außerdem ist die da dreimal Frau K….Dann die da! Rief das Kind entzückt und zeigte auf eine schwarzhaarig bezopfte Gothic-Braut Anfang Zwanzig in kohlschwarzer Sado-Maso-Lederkluft samt Umhang und Peitsche, die uns daraufhin finster wie das Mittelalter selbst mit einem missbilligendem Blick heimsuchte. Das ist die Frau des Henkers, schwadronierte ich und wies auf den ihr zugehörigen Prachtkerl in Lederhose. Außerdem hat sie keine Blume im Haar, merkte ich weiterhin an und hübsch ist sie auch nicht! Woraufhin ich eine lebhafte Diskussion lostrat, was hübsch war und was nicht. Meine Tochter und ich pflegten völlig unterschiedliche Ansichten. Was ich hübsch fand, fand sie so lalà und was sie hübsch fand, fand ich so lalà oder gar überhaupt nicht.

  
Fünfzig entgegenkommende Elfen und Hofdamen später, ließen wir uns ermattet neben dem handbetriebenen Karussell auf die Burgwiese fallen und überlegten, womit wir uns für die weitere Suche stärken könnten. Kommt sie überhaupt? Wollte das Burgfräulein wissen. Klar kommt sie! Brummelte ich. Wenn sie sagt, sie kommt, kommt sie. Woher weißt du das denn? Entnervter Seitenblick. Gespiele an den blonden Zöpfen. Weil sie das gesagt hat. Basta, Pasta. Ich holte die höchst moderne Plastikwasserflasche aus dem Rucksack und gab ihr etwas zu trinken. Was wollen wir futtern? Bloß kein Fleisch! Klare Ansage meiner Tochter. Fein, dann futtern wir eben Seelen, freute ich mich. Waaaas? Seelen? Die kann man doch nicht essen! Ich lachte. Hast du eine Ahnung! Und ob! Die kann man verkaufen, kaufen und sogar essen, kryptisierte ich mich weiter in ihren überraschten Blick. Komm schon! Ich zog das Burgfräulein an den Händen hoch und steuerte mit ihr im Schlepptau eine der Buden an. Neben der Bude stand ein gusseiserner großer schwarzer Ofen, aus dem es herrlich nach frisch gebackenem Brot duftete. 
Der Verkäufer stand hinter der Auslage und schwitzte in der Ofenhitze vor sich hin. Die ebenfalls feilgebotenen Rosinenbrötchen wurden hartnäckig von Wespenschwärmen umlagert. Der arme Mann tat mir Leid. Eine dickliche Marketenderin in blassblauer Tafttüllrobe wusste nicht was sie wollte und schwankte zwischen Seelen und Rosinenbrötchen. Ja, nun entscheiden Sie sich doch mal! Brummte der genervte Lederbewamste hinter seiner Auslage und wedelte ein paar Wespen fort, die aggressiv seinen kahlen schweißbeperlten Kopf umschwirrten. Die in Entscheidungsnot geratene Hof-Dame geriet nun ebenfalls ins Schwitzen und bekam rote Backen und ein fleckiges Dekolletée vor lauter Aufregung. Sie hat keine Blume im Haar! Flüsterte meine Tochter. Sie ist blond! Und obendrein gefärbt. Zischte ich zurück. Hä? Fragte der Verkäufer. Ein Glas mit Marmeladenwasser könnte Ihnen Erleichterung verschaffen, sagte ich freundlich. Geben Sie den Viechern was zum Naschen und Drinersaufenkönnen. Er brummte ob meiner Klugscheißerey etwas Unverständliches, ließ die erregte Kundin, die sich immer noch nicht entschieden hatte kurzerhand links liegen und fragte, was wir kaufen wollten. Wir wollen Seelen kaufen, Herr Seelenverkäufer, antwortete ich. Drei Stück, um genau zu sein. Ich gebe sechs Ablässe in blanken Talern dafür.
Er packte uns die ofenwarmen kleinen festen mit Kümmel und Sesam bestreuten Hefe-Weißbrote in eine Papiertüte und wischte sich mit einem feuchten Lappen den Schweiß von der roten schweißfeuchten Stirne. Sein Blick verriet mir, dass er mich für komplett meschugge hielt. Es ist kein Vergnügen, hier in der Wärme zu stehen, lächelte ich ihn an. Doch der arme Kerl war viel zu beschäftigt damit, sich die zornig um ihn herumbrummenden Wespen vom Leibe zu halten, als dass er auf höflichen mitfühlenden Small Talk aus war.   

 Während das Burgfräulein und ich uns in Richtung Hauptbühne auf den Weg begaben, naschten wir von unseren ofenwarmen knusprigen Seelen. Sie schmeckten köstlich. Unterwegs schoss ich Bilder vom bunten Treiben und auch eins vom Burgfräulein. Wir lachten und staunten über die Vielfalt, die uns begegnete, die bunten Buden, die märchenhaft gekleideten Menschen und die Normalos in Alltagsklamotten, die neben dem bunten Mittelaltervolk langweilig und alltäglich daherkamen. Wir sahen etliche Frauen mit Blumen in den Haaren. Doch keine einzige trug eine echte dunkelhelllila Aster im Haar. Wohin gehen wir jetzt? Fragte das Burgfräulein. Zu Corvus Corax, den Königen der Spielmannsleute, antwortete ich ihr. Wohin??? Erstaunter Blick. Wilde raue Gesellen, lachte ich. Wir hörten bereits die Dudelsäcke und wildes Getrommel und Gepfeife. In diese Richtung müssen wir, meine Holde, sagte ich und zog das Burgfräulein in den dichter werdenden Menschenstrom, Richtung Gedränge. Der Platz vor der Hauptbühne, auf der bereits die musikalischen Mannsbilder ihr Publikum begeisterten und mittels eines langen Lederschlauches, der wie ein Tornadorüssel in der Menge hing, ihre Fans mit Met abfüllten, war restlos überfüllt. Hier sollen wir eine Blume im Haar finden? Fragte mich das Burgfräulein entgeistert. Na, klar, lachte ich und wenn wir sie nicht finden, findet sie uns. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und hielt Ausschau nach einer kleinen Aster und einem hellen Gesicht mit schwarzem Wimpernvorhang.  

 Wir hatten uns direkt neben der Fan-Bude von Corvus Corax positioniert, in der man höchst unmittelalterliche Fanartikel wie CD’s und T-Shirts erwerben konnte. Die Luft war erfüllt von Dudelsackpfeifen und Trommeln, wildem Gesang, einer Mischung aus Latein und Deutsch, die Bretter der Bühne und der Wiesengrund vibrierten vom Stampfen vieler ungebärdiger Füße. Die wilden Gesellen von Corvus Corax steckten in engen Lederhosen, der schwarzhaarige langmähnige Sänger trug einen prächtig goldbrokatdurchwirkten Umhang über der schwarzbehaarten nackten Brust. Mama, die sind ja fast nackig! Kam es fasziniert vom Burgfräulein. Ich erklärte ihr kurz und bündig, was die Bedeutung von ‚archaisch‘ ist und summte verträumt den Anfang von „Ja, so san’s, ja, so san’s die alten Rittersleut’….“, was nun intonationsmäßig und musikalisch überhaupt kein bisschen zum wilden Treiben auf der Bühne passen wollte. Hinter uns tanzte einer, der sich in eine Decke gewickelt hatte und dauernd brüllte: Lauter! Sind wir hier auf einer Beerdigung? Lauter doch! Sein Blick war schwer irre und leicht durchgedreht wahnhaft, während sich der blondbezopfte sich tranig hin und herwiegende Wikingerjüngling unmittelbar neben mir scheinbar in einem fortgeschrittenen Zustand wahnhafter Entrücktheit zu befinden schien. Geistesabwesend streifte er mit der das wüste Treiben dirigierenden Hand meinen Arm, seine Augen fielen in mein Dekolletee und er lächelte dermaßen abwesend und verklärt, dass ich mich fragte, ob er entweder einmal zu oft den langen Metschlauch in den Schlund bekommen hatte oder zu oft gezogen an anderen glückseligmachenden Drogen. Ich leuchtete ihn zackig grinsend an, lachte und schwenkte die Arme, womit ich mir einen vollends verliebten Blick seinerseits einfing. Mama, was ist denn mit dem? Wieso starrt der Dich so an? Ist der verknallt? Wollte meine Tochter wissen und zeigte unanständigerweise mit dem Zeigefinger auf den Winkingerzopf. Der ist jenseits von Gut und Böse, vollends der Musik verfallen, versuchte ich den zaghaften Ansatz einer Erklärung, die nicht ins Detail der Mutmaßungen gehen wollte und überprüfte sicherheitshalber, ob sich meine Mirabellen noch dort befanden, wo sie hingehörten. Wieso schwankt der denn so? Wollte nun das Burgfräulein weiter wissen. Vielleicht war er in seinem vorigen Leben ein Zirkuselefant? Spekulierte ich zurück und bemerkte mit einem Seitenblick den schwerhörigen Stampfefuß mit der Indianerdecke, der mir nun bedrohlich nah von hinterwärts auf die Pelle zu rücken begann. 
Der Platz wurde immer voller. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und äugte nach schwarzhaarigen Damen mit Blumen im Haar. Da waren wohl ein paar Schwarzhaarige, sogar ziemlich Hübsche dabei, doch keine einzige trug eine kleine Aster im Haar und schon gar nicht hatte eine von denen brombeerroten Nagellack, soweit ich das abschätzen konnte bei den hin- und herfuchtelnden Armen und all dem Gestampfe und Gewoge der stark euphorisierten Leiber um mich herum.  

 Da traf mich ein jadegrüner Blick. Ich wusste – das war sie! Sie sah mich durchdringend an und winkte mir zu. Ha! Schrie ich triumphierend und hopste vor Aufregung auf meinem Quadratmillimeter Freifläche herum, touchierte den Wikingerjüngling und trat beinahe dem Indianer hinter mir auf den Tanzfuß. Sie drehte sich zur Seite und da sah ich die kleine Aster im schwarzen Haar schimmern. Ich zupfte mein Burgfräulein am Blusen-Ärmel, legte den Arm um sie, damit niemand von den wild Tanzenden um uns sie treffen konnte und bugsierte sie zu der schwarzhaarigen lächelnden Dame mit der dunkelhelllila kleinen Aster im Haar. Ach, Gottfried Benn, dachte ich. Schau nur, wie schön heute die Astern leuchten und wie lebendig sie doch sind, Du alter Schwerenöter…

Stefanie? Fragte die kleine, höchst quirlige Aster mit einem Hauch Berlin in der sanften Stimme. Ich sah nur noch grüne Pupillendingserey und Wimpernvorhänge samt und verkomplettiert mit brombeerfarbenem Nagellack und schloss das Gesamtkunstwerk unendlich erleichtert, sie gefunden zu haben in all dem Gewühl endlich in die Arme. War das eine Freude! Wir hörten den CoraxCorvussen noch eine ganze Weile gemeinsam zu und klatschten begeistert mit. Meine Tochter war verzückt von der Willkür des uns gnädigen Schicksals und das Fest hatte seinen Höhepunkt gefunden. Der Himmel war so erleichtert, dass er sich prompt grau umwölkte und zu weinen begann. Wir stärkten uns mit Bier und Tee und viel zu sagen war nicht nötig. Manches Erkennen findet wortlos statt und lässt, wenn es denn leibhaftig vonstatten geht, nichts als die pure stumme Freude zurück. 
Ich dachte an die Magie der Gegenwart und an Verlorenes, Gefundenes und Bewahrtes, umgeben von bretonischen Märschen, alten Trinkliedern und prostete im Stillen dem eben noch wild behuldigtem Bacchus mit meinem Mango-Maracuja-Tee zu. Ich könnte jetzt viel über diese Begegnung mit einem besonderen Menschen schreiben, die, wie manche Begegnungen eine Zeit des Anlaufes benötigte. Doch die Magie der Gegenwart ist so beschaffen, dass sich sucht was sich finden will und besonders dann, wenn es vom logischen Verständnis her so gut wie aussichtslos erscheint. Der von Menschenmassen getrübte Blick fand die Nadel im Heuhaufen der Leiber um uns herum. Oben im Himmel lachten sich mal wieder sämtliche Götter darüber kaputt, dass wir Menschen glauben, alles verstehen zu können oder wissenschaftliche Erklärungen suchen zu müssen für Dinge, die sich jedweder Logik oder dem Verständnis der Vernunft entziehen.  

 Später, wieder Zuhause, voll von festlichen Eindrücken, im Pyjama auf dem Bett des Burgfräuleins, kam die Frage: Mama, wie konnte das möglich sein? Zwischen all diesen Menschen, diesen einen speziellen zu finden? Ich antwortete ihr: Dieser Mensch hat uns gefunden, weil er uns suchte, so wie wir ihn. Dann kann es gelingen. Auch, wenn alles dagegen spricht und auch, wenn die Suche vorher aussichtslos war. Wir haben in dem Moment gefunden, wo wir darauf vertrauten und die Hoffnung frei ließen. Weißt du noch? Du sagtest: Wir finden sie niemals, Mama! Und ich antwortete dir: Dann ist jetzt die Hoffnung besonders groß, in diesem Moment, wo wir sie loslassen, so, wie die wilden Kerle auf der Bühne ihre Musik losgelassen haben, ohne darauf zu warten, dass ihre vielen treuen Fans diese Musik mögen oder toll finden. Weißt du noch, wie wir suchten? Manchmal muss man sich im Leben von Wunsch und Willen auf manche falsche Fährte locken lassen und in viele Augen blicken, nur um festzustellen, dass es nicht die richtigen sind. Aber Mama, wollte mein Kind wissen, woran erkennen wir, welche Augen wir suchen müssen? Wenn es doch alles die falschen sind? Ich sagte: Weil die richtigen Augen uns suchen, so wie wir sie. Nur so funktioniert die Magie. Wir sind alle miteinander verbunden. Durch unsichtbare Drähte, durch Antennen. Wenn einer nicht gefunden werden will, wird er es auch nicht werden, denn sein Blick wendet sich ab und seine Seele bleibt unbeteiligt. Doch die Kräfte der Anziehung wirken magnetisch. Was sich sucht, findet sich auch. Empirischer Wert. Mama, was ist empirisch? Ich grinste. Empirisch? Feldforschung. Das, was du durch gezielte Beobachtung lernst. Ein wissenschaftlicher Begriff. Mama, ist das Empire State Building auch empirisch? Ich lachte. Da kannst du deine beiden blonden Zöpfe drauf verwetten! Weißt du, wie viele Wolkenkratzer zusammenkrachen mussten, bevor man wusste, wie man das Ding bauen musste, damit es stehenbleiben konnte?
Du warst heute das hübscheste Burgfräulein auf der Sparrenburg. Ich nahm sie in die Arme und drückte sie an mich. Fein, dass du mitgekommen bist! Nächstes Jahr gehe ich als Hofdame. Kam es verträumt und kostümverliebt aus meinem Arm. Und du? Gehst du wieder als als Hexe verkleidete Fee…? Als das, was ich eben bin, grinste ich. Eben, sagte sie. Kannst ja doch nichts anderes sein, oder? Nein, lachte ich und zupfte an ihren Zöpfchen. Ich bin, was ich bin. Eine Fee. Sowas vermaledeit Verhextes aber auch!

——

Liebe Blogfreunde, hier geht es zu der Gegendarstellung meiner märchenhaften Begegnung, wir haben ohne es zu voneinander zu wissen, zeitgleich aufgeschrieben:

https://bittemito.wordpress.com/2015/07/27/geschichtstraechtigeschoenpraechtiggeschichte/

It’s a Kind of Magic✨

Viel Spaß beim Lesen,

Eure Karfunkelfee

 

Aus den Geist(er)geschichten: Überland

  
Der Geist war leicht verstaubt. Er schien mich vorwurfsvoll anzuschauen, spitzreifig, schwarzlenkrig. Na, Piratin? Schien er zu fragen, während ich versuchte ihn zu ignorieren und das ‚R‘ in Entrrada meiner Spanisch-Lektion besonders hartnäckig rollte. Cuenta corrriente! Herrschte ich ihn grollend an. Kam ein leises ‚Pling‘ aus einer der scharfen Schwertspeichen? Ich könnte mich auch getäuscht haben.

Nada, Nietzschewo, philosophierte ich mit einem skeptischen Blick in die Wolken vorm Fenster. Volcarse, das heißt stürzen! Schnappte ich und wirbelte ein paar Staubflusen dabei auf. Chocar, alles klar? Ballerte ich hinterher und tigerte unruhig auf und ab. Sag nicht Lusche zu mir, Du Drahtesel! Schimpfte ich. Usche… wisperten leise die Speichen als Echo. Uschi? Intonierte ich, Uschi, mach kein Quatsch! Leises Lachen, natürlich nur in meinem Kopf. Stephan Sulke war schon ulkig.

  
Draußen schien mittlerweile die Sonne. Schönes Wetter draußen, Rennradwetter! Hörte ich den schwarzen Schatten hinter mir sehnsüchtig flüstern. Gegenwind, jede Menge davon! Konterte ich etwas lahm. Gegenwind formt den Charakter, schien es zu entgegnen. Autos, die sind pöse! Jammerte ich. Leises Lachen hinter mir? Ich fragte mich, ob ich langsam durchdrehte, schnappte mir die Straßen-Karte und suchte eine Route. Los doch! Hörte ich es wieder hinter mir. Entrada, esta un dìa marivilloso! Dominarse el carrera! Das Metallding hinter mir grinste. Ich halluzinierte fröhlich weiter und setzte probehalber die Brille auf. Flocht wie in Trance die langen Haare in einen strammen Zopf, stülpte den Helm auf und stand ein paar Minuten lang unschlüssig in der Gegend herum. Soy solo! Siempre solo.. Flüsterte ich kläglich und leise und hörte etwas, das klang wie: olé! Ich stieg wie aufgezogen in meine Radhose und pellte mich in das enge Blümchentrikot. Zog die Handschuhe an, füllte die Wasserpulle auf. Alles mechanisch, der Geist steuerte mich fern! Zog die Schuhe an. Jetzt wirst Du entstaubt, sagte ich zum Geist. Der lachte mich ja doch aus! Die Speichen klongten leise als ich ihn schulterte und durchs Treppenhaus ein paar Stockwerke tiefer trug.

  
Vor der Tür empfing uns der laue Wind, ein vager Fliederduft aus einem der Gärten. Es packte mich. Ich stieg auf und fuhr durch die Wohnsiedlung auf die Landstraße. Den völlig kaputten unbefahrbaren Radweg ignorierte ich und wurde gleich beim Abbiegen von einem freundlich hupenden Autofahrer mit dreißig Zentimeter Notabstand euphorisch begrüßt. Ich brüllte ihm ein zackiges: Arschloch und Pajero! hinterher, obwohl er kein Auto dieser Marke fuhr, sondern einen verbeulten Fiat Punto. Auch noch in Rot. Glatt zum Rotsehen war dieser Affe. 

  
Dann ging es weiter. Kleine Straßen über Land, wenig bis keine Autos. Dafür lauter alte Männer, die spazieren gingen und mein strahlendes Tausendwattlächeln winkend erwiderten. Ein anderer Renner setzte sich vor mich, dem ich mich solange an die Fersen heftete, bis er wieder woanders abbog. Er drehte sich kurz um und verabschiedete sich freundlich von mir. Schade, dachte ich. Es macht viel mehr Spaß zu zweit. Ich ratterte einen Waldweg im Stand entlang und fuhr langsam an einer Krähe vorbei. Sie sah mich durchdringend an. Was heißt Piep auf Spanisch? flüsterte ich ihr zu. Sie krächzte irgend etwas als Antwort auf Krähisch und machte in ein paar zierlich hüpfenden Vogelschritten den Weg frei, so dass ich sie langsam überholen konnte.

Straße frei, flüsterte ich und lachte leise, als ich an Herrn Ärmel dachte. Auf dem Weg nach Verl kam mir eine munter quatschende Rennradtruppe entgegen. Ich schaute ihnen etwas sehnsüchtig hinterher und schlug mich zwischen die Felder.

  
Gerüche streiften meine Nase: Heckenrosen, berauschend, Gülle, erbärmlich stinkend, Waldwürze. Kein Geräusch, nur der Wind in den Bäumen, im Korn. Steht schon hoch, das Korn, sagte ich zum Geist und drückte ein Tränchen aus der Erinnerung beiseite, beschleunigte, Straße frei, vierzig, tückischer Seitenwind,ich beschleunigte, Spurt…fünfzig…herrliches leichtes Gefühl…hohe Konzentration…ich lachte in den pfeifenden Fahrtwind und legte mich so flach wie möglich auf den Lenker. Am Marterl mit dem blühenden Rhododendron machte ich Pinkelpause, soff die halbe Pulle leer und setzte mich an den Feldrand. Ich träumte ein wenig vor mich hin, der Geist lag mit sandigen Reifen neben mir. Ich streichelte selbstvergessen das schwarzmatte Gestänge. 
Dann weiter mit den Wolken treiben, das Blut voller Samba, Tango im Kopf, die Sinne unbeschwert.

  
Die Sonne kam heraus, Heuduft kitzelte meine Nase. Sofort kam mir ungehörig Verschwenderisches in den Sinn bei derart dekadenter Grasessüße. Heuduft erotisiert mich bis zum Äußersten. Ich trieb weiter über Land, suchte immer neue Wege, bis ich zum Schluss den einen wählte, der mich wieder nach Hause fand.Nun ist erst mal Ruhe. Bis zum nächsten günstigen Wind, dann bin ich schon wieder drei Spanisch-Lektionen weiter. Sehr gut, lobte mich meine App.Wer bei diesem Wetter drinnen bleibt, der ist ein Depp!Der Geist parkt vorerst halbwegs zufriedengestellt vor der alten katalonischen Truhe mit den sieben Mönchen. Vorerst…

Gedankenstau 

  
Die letzten Monate waren zu kalt und zu trocken. Die Bauern besprengten ihre Bäume, damit sich in den Nachtfrösten eine schützende Eisschicht um die zarten Obstblüten legt. Der Regen duftet schwer und süß, nach Erde und Land. Der Bach beschleunigte, ein Wasserhochgefühl schnellt mit den Bruchstückchen der Bäume, die der letzte Sturm zurückließ.
Erinnerungen an ein lautes Singen werden wach, es klingt Jahre her, dass die Stimme im Schlagregen in Myriaden Wassertropfen kakophonisch brach und umschlug in ein eher demütiges Raunen. Die filigranen Wassergräser halten die Feuchtigkeit zurück. Flüstern leise, erzählen der langsamen Seele auf den unermüdlich voraneilenden Beinen von Schönheit und ein wenig auch von erahntem schnell strömenden Lebensglück, es sammelte sich in einem Rückhaltebecken wie sehr alte Tränen, sie ließen ihr Salz am Ufer in weißlichen Ablagerungen zurück. Leben ist Süßwasser, sagt die Natur. Auch Salz ist Heil, ist Leben. Den Leuten, die das tote Meer mit dem Zufluss süßen Wassers trinkbar machen wollen, sei ihr menschlich verständlicher, doch törichter Wunsch, vergeben. 
Gedankenstau, Wolkenbilder in schlierigen Pfützen. Wasserheller Himmel breitet sich grau über Buchenhellgrün: Das Frühlings-Aquarell über einem alten Paar, sie breitet sorgfältig die warme Decke über seine zittrigen Knie, schiebt ihn langsam bergan. 
Das Herz will glauben, dass vom einstigen stromschnell schießenden Gefühl eine tiefe Verbundenheit als ruhiges dahinfließendes Wasser zurückbleibt, die sich aus den Quellen der wissenden gemeinsam weit gereisten Lebenserfahrung speist. 
Doch vielleicht ist es anders und sie ist nur eine bezahlte Pflegerin, die eine Dienstleistung erbringt.
Ein junges Mädchen, duftet sauber nach Jugend, geht vorbei, während es irgendeinen bekannten Popsong trällert, am Waldhang, verträumte Augen, während im milden Regen ihr Pferdeschwanz im Takt ihrer schnellen Füße schwingt.

Hammerschlag-Grau

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Das war, bevor die Zeit sich in hammerschlaggrau einfärbte wie irgendeine Maschine, stampfend und rumorend, weitere graue Zeit produzierend, die sich um ihn legte wie eine erstickende Decke. Diese Frau entsprach genau seinen Vorstellungen, sie war wie ein Märchenwesen aus einer anderen Welt. Wenn sie schrieb, pochte sein Herz und als er sie sah, wusste er, dass er nie mehr eine andere wollte. Doch es war kompliziert. Sie war verheiratet mit einem gut verdienenden Computerspezialisten,  der die meiste Zeit über im Ausland geschäftlich unterwegs war. Sie hatten sich über das Internet kennengelernt, eine dieser zahllosen Flirt-Plattformen, weil sie in ihrer Ehe einsam geworden war. Sie wünschte sich Kontakt, wie sie sagte, Freunde. Denn die hatte sie nicht. Dafür jedoch zwei kleine Kinder, die sie ans Haus banden und für ein Auto reichte das Geld nicht aus.

Sie war eine seltsame Frau. Wie ein Kind erschien sie ihm, wie jungfräulich, obwohl sie Kinder hatte. Für ihn war klar, dass er sie retten musste aus dieser gutsituierten Welt in der sie lebte und drohte an der Einsamkeit innerlich zu verhungern. Tiefe Labialfalten hatten sich in ihr Gesicht gegraben, das ihm als ein schönes Gesicht erschien, denn sie hatte sich strahlende Augen bewahrt. Da er ein scheuer Mann war, eher zurückhaltend, entspann sich die virtuelle Konversation nur zögerlich und langsam. Doch nach und nach taute er auf und sie verabredeten sich in einem Café in ihrer Stadt. Sie erzählte von ihrer Ehe, in der längst alles an Gefühlen versickert war in den Alltäglichkeiten und der ständigen Abwesenheit ihres Ehemannes. Wie er fremdging und sie es über Dritte erfuhr. Er hatte anscheinend mehrere Geliebte gleichzeitig, doch nachprüfen konnte sie es natürlich nicht. Kaum ertrug er das zeitweise Erlöschen des Glanzes in ihren dunkelbraunen Augen, während sie sprach. Dann erzählte er von sich, wie er von seiner Freundin verlassen wurde und monatelang darunter litt, nicht mehr essen konnte und zu dünn wurde für all seine Kleidung. Er hatte einen Job als kaufmännischer Angestellter in einer kleinen Spedition, kam ganz gut klar, wie er ihr sagte. Sein größter Traum war es, einmal nach Italien zu reisen, nach Rom, um genau zu sein und dort im Kolosseum zu sitzen oder über die spanische Treppe zu laufen, es sei ein italienisches Gefühl, wie er sagte.

Als sie erzählte wie eifersüchtig ihr Mann war, sie kontrollierte mit mindestens sechs Kontrollanrufen pro Tag, ahnte er, dass es komplizierter werden könnte zwischen ihnen. Er fragte sie, ob diese Eifersucht schon weitergeführt hätte, da schob sie den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte ihm ein paar blaue Flecken. Er vermöbelt mich manchmal, sagte sie. Dabei kenne ich doch niemanden und habe auch kaum Kontakt. Er verdächtigt jeden und mich am meisten, dass ich ihn betrügen könnte, dass ich fremdgehen könnte. Ja, sagte er, das ist der Fluch der eigenen bösen Tat, der Menschen so werden lässt. Sie meinte allerdings, das sei zu absolut gedacht. Schließlich könne Eifersucht auch daher rühren, dass man verletzt würde, einmal zu oft. Dass man dann das Vertrauen verlöre in den anderen. Er räumte ein, dass dies natürlich auch möglich sei, ob sie ihren Mann in Schutz nehmen wolle? Er spürte, wie Aggression in ihm hochkochte, eine heiße rote Wut auf diesen unbekannten Ehemann, den er noch nie gesehen hatte. Sie zeigte ihm Bilder ihrer Kinder und er bewunderte die Bilder höflich, sagte, dass er die Kinder hübsch fände, obwohl er sie hässlich fand, weil es nicht seine eigenen waren.

Nach einer Stunde traute er sich, seine Hand auf ihre zu legen. Sie hatte sie auf den Tisch gelegt, die Finger leicht zusammengekrampft. Ihre Hand war eiskalt, obwohl es ein warmer Sommertag war. Später gingen sie zu ihm und dann war es doch nicht so, wie er es sich so sehr erhoffte. Sie küsste nicht gern und er schon. Sie legte sich hin und ließ ihn gewähren, zuckte zwischendurch, doch er war sich nicht sicher, ob sie nun wirklich gekommen war oder ihm etwas vormachte. Dennoch war sein Begehren nach wie ungebrochen und nachdem sie sich getrennt hatten, sie in ihre Welt zurückkehrte, träumte er in der Nacht von ihr und davon, dass sie auch ganz anders sein könnte als so, wie sie wirklich war und dass er ihre Gefühle für ihn erweckte.

Sie telefonierten ein paar Mal. Es waren hastige, atemlose Gespräche, immer überschattet von der Möglichkeit, dass ihr Mann versuchen könne anzurufen, um zu kontrollieren, ob sie zu Hause war und brav Mutter und Hausfrau spielte. Es war eine zugegebenermaßen ziemlich verfahrene Kiste und ihm war klar, dass sie wenig bis keine Aussicht auf eine sonstwie geartete Zukunft hatte. Sie sahen sich wieder und wieder machte er sich Hoffnungen, dass sie ihn genauso sehr begehrte wie er sie. Doch er wurde ein weiteres Mal enttäuscht und als sie nach ihrem letzten Zusammensein ihre Nylons hochrollte, über den spitzengesäumten Slip zog, dämmerte ihm das erste Mal, dass er sich wirklich etwas vormachte mit dieser Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, ohne die näheren Umstände um die Verliebtheit herum näher zu kennen.

Dann, nach einem halben Jahr, eröffnete sie ihm in einem letzten Telefonat, dass sie ihn nicht wiedersehen wolle. Er fragte warum und sie blieb ihm die Antwort schuldig, legte einfach auf. Er begann sie zu suchen. In den Bäumen, im Himmel, in Wasserspiegeln. Er träumte jede Nacht von ihren Brüsten und der Weichheit ihrer Scham. Tagelang lief er mit einer Dauererektion herum, von der er sich nicht immer befreien konnte. In der Spedition, in der er arbeitete, verzog er sich auf die Herrentoiletten und wichste schnell und hastig, spritzte ab, um sich zu erleichtern. Es wütete wie ein unseliges Fieber in ihm. Er hoffte, dass die Kollegen es nicht bemerken würden, wenn er manchmal stöhnte, weil er sich sie vorstellte, wenn er seinen Schwanz mit schnellen Auf- und Ab-Bewegungen rieb, immer wieder ihre Brüste, ihre weißen Brüste mit den rosa Spitzen, die sie verbarg unter einem rosengeblümten BH, den er ihr aufhaken durfte. Noch nie hatte eine Frau ihn derart erotisiert. Noch nie hatte er wegen einer Frau derart gelitten, schien es ihm. Die Tage wurden hammerschlaggrau, wie die Maschinen, die er manchmal in den Versandpapieren beschrieb.

Hammerschlaggrau waren auch die Gewissheiten auf eine fehlende Erlösung seiner Qualen. Die alte Frau begegnete ihm am Ententeich, an dem er manchmal nach Feierabend saß und aufs Wasser sah. Wasser beruhigte ihn, sein zuckendes pochendes Herz, sein Verzehren nach ihr. Sie saß einfach nur da, auf dieser Parkbank und las. Er setzte sich eine Bank weiter und drehte sich eine Zigarette. Sie warf Blicke zu ihm und dann fragte sie, ob er unbedingt rauchen müsse? Sie hätte ein Lungenleiden. C.O.P.D., um genau zu sein, sie sei kurzatmig und könne nicht gut Luft bekommen. Entschuldigend senkte sie den Blick. Ich verschimmele von innen, wissen Sie? Es war ihm so gesehen, in diesen Momenten herzlich egal, ob jemand verschimmelte, er zersetzte sich von innen und genau das antwortete er ihr auch. Sie legte den billigen Liebesschundroman von Julia, den sie gerade las zur Seite und fragte höflich, ob sie sich einen Moment zu ihm setzen dürfe. Widerwillig nickte er und legte schweren Herzens seine frisch gedrehte Zigarette zurück in das Päckchen mit dem Tabak. Was rauchen Sie denn? Wollte die alte Dame von ihm wissen. Vanille-Tabak, lächelte er und wunderte sich, dass er lächeln konnte. Mein Mann hat immer Reval geraucht. Die stanken zum Gotteserbarmen, lachte die Frau und ihre Gesicht verzog sich wie das eines Hush-Puppies. Ihre hängenden Backen schwabbelten ein wenig, sie war ziemlich korpulent. Sie wies ihn auf den schönen Tag hin, die Sonnenstrahlen, die über den See wanderten und dann erzählte sie ihm von ihrer Tochter. Sie musste ja unbedingt diesen Safari-Urlaub in Afrika machen, sagte die alte Frau. Allein. Sie wissen schon. Sie wurde ermordet von Wilderern. Ich erfuhr es erst Monate später. Es war schrecklich. Er wollte Mitgefühl empfinden und konnte es nicht. Sein eigenes Herz war hammerschlaggrau. Und was drückt Sie? Fragte die alte Frau neugierig und starrte ihn an.

Erstaunt wandte er ihr sein bislang halb abgewandtes Gesicht gänzlich  zu und entdeckte echtes Interesse in ihren Augen.  Liebeskummer, sagte er, von der übelsten Sorte. Ach, wissen Sie, lachte sie, Liebeskummer ist wie eine Grippe. Das geht vorbei. Es schmerzt eine Weile und dann ist es wieder gut. Erzählen Sie doch mal. Er erzählte. Es sprudelte aus ihm heraus und als er endete, nickte sie mitfühlend mit dem Kopf. Das hat Sie ganz schön erwischt, mein Lieber. Er hasste es wie die Pest, wenn andere „Mein Lieber“ zu ihm sagten. Ich bin nicht Ihr Lieber, sagte er mit belegter Stimme. Die Frau entschuldigte sich, stand auf und warf ein paar Brotkrumen ins Wasser. Dann drehte sie sich zu ihm um und fragte ihn, ob er Kinder habe. Nein, sagte er. Nur Freundinnen, ein paar wenige. Alle Beziehungen zerbrachen und nun sei er bereits seit sieben Jahren auf der Suche nach einer neuen Freundin. Wieder nickte sie und zerkrümelte gedankenverloren das Brot in ihrer Hand, so dass es auf ihre Füße fiel. Ein paar Enten kamen keck heran und balgten sich um die Stücke.

Wissen Sie wie es ist, ein Kind zu überleben? Meine Tochter war mein Ein und Alles. Ich liebte sie so sehr. Genau wie meinen Mann, der ist schon seit zwanzig Jahren tot. Lungenkrebs. Ein klassischer Fall. Ich habe niemanden mehr, lebe dort drüben in einem Altersheim. Der Rest der Familie kümmert sich nicht um mich, hier, die Enten, das sind meine besten Freunde. Und eine der Pflegerinnen im Heim. Das ist ein Goldstück. Sie kauft mir meine Lieblingsschokolade. Noisette. Das ist übrig von meinem Leben. Schokolade und Erinnerungen. Ich hätte so gern Enkel gehabt. Ich hätte mein Kind so gern aufwachsen sehen. Ich hätte so gern meinen Mann an meiner Seite. Eine Träne tropfte aus ihren Augen. Nun heult sie auch noch, Gott hilf mir, dachte er und bot ihr ein Papiertaschentuch an.

Ich bin achtzig Jahre alt und manchmal hoffe ich, der liebe Gott hat mit mir alter Frau ein Einsehen, schniefte sie. Er soll mich zu sich nehmen, endlich zu sich nehmen. Dieses traurige einsamen Leben ertrage ich nicht mehr gut. Ich bin jeden Tag hier am See. Dort finde ich meine Lieben eher als in diesem sterilen Heim. Ich halte die Besucher der anderen nicht gut aus. Doch meine Lungenkrankheit wird schon dafür sorgen, dass ich nicht mehr allzu alt werde. Ich lebe nun schon zwanzig Jahre so. Doch Sie sind noch jung. Bedenken Sie das. Wie alt sind Sie überhaupt? Fünfzig Jahre, sagte er und senkte den Kopf, um sie nicht länger ansehen zu müssen. Er hielt sie kaum noch aus, warum, konnte er nicht sagen. Ich muss jetzt gehen, ich wünsche Ihnen alles Gute. Er machte Anstalten aufzustehen. Sie hielt ihn zurück, umklammerte seinen Arm mit erstaunlich festem Griff. Sie sind noch jung, sagte sie beschwörend. Machen Sie ihr Glück nicht an jemandem fest, der Sie nicht will. Suchen Sie weiter, hören Sie? Versprechen Sie mir das? Er wollte garnichts versprechen, am wenigsten dieser alten Frau, die ihn langsam begann zu nerven. Er bedankte sich höflich für ihren Rat und machte sich auf den Weg in seine leere Wohnung.

Beim Abendbrot kamen ihm plötzlich die Tränen. Er weinte nie. Er schämte sich zu sehr für Tränen, für seine eigenen wie für die anderer. Doch er konnte nichts dagegen tun, dass sie einfach liefen, auf sein mit Senf bestrichenes Wurstbrot tropften, auf die Gurkenscheibchen und sich mit der Remoulade zu einer schlierig-weißen Soße vermischten. Er konnte überhaupt nichts gegen diese Tränen machen und er weinte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Er sah zum stillen Telefon, dachte an sie. Doch etwas in ihm hatte sich verändert. Er konnte noch nicht sagen, wie. Es war, als hätte eine stille Gewissheit seiner Sehnsucht den Platz weggenommen, es war, als hätte sich in ihm etwas davongestohlen, das am Tag vorher noch dagewesen war. Er ging zur Arbeit und brauchte nicht zu wichsen. Alles in ihm war schlaff geworden, genauso wie sein Schwanz. Als er am Abend zum See kam, wusste er nicht genau, was er dort wollte und wunderte sich über sich selbst. Doch die alte Frau war nicht da. Vielleicht war sie schon gegangen oder an diesem Tag nicht gekommen. Er holte sein Päckchen Tabak aus der Tasche und wollte sich eine Zigarette drehen, so wie sonst auch. Doch irgendwie war ihm der Appetit vergangen. Er dachte an verschimmelte Lungen und an Krebs, an lebenserhaltende Maßnahmen und palliative Begleitung und er fühlte sich für so etwas definitiv noch zu jung.