unerreicht

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 8

wir sind
nicht reich
doch vermögend
hart oder weich strömend
uns verbunden
gesund umrundend
haltend verwaltend
in herzensangelegenheiten

sind wir zeitweit
uns beschieden
doch nicht ausschließlich
oft gut gelaunt
doch auch verdrießlich
ideell künftige zukünfte gestaltend
einzeln jeder für sich
werden wir älter
geborgen in
getrennten welten
teilen sorgen
in der bewältigung leben
gestern heute, morgen

sind
zusammen gegangen
wurden belangt befangen
hingen uns auf
auch irgendwann wieder ab
hielten uns aufrecht
im kurs auf trab
doch manchmal verloren wir ihn auch
in kursschlusspanik
trieben ziellos umher
vermissten einander sehr
tief aus dem bauch
nahmen dinge schwer
wieder leicht

bleibst unerreicht
jemand den ich mag
tag gleich nacht

sag, hättest du das gedacht?
soll ein alter hut sein nun
soll er dir nur gut dir tun

damit du wieder lachst

—-

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Die Ausnahme von der Regel

Für C.

Da war diese Sache mit dem Friedhof. Ich war ein dreizehn Jahre altes büchervernarrtes Kind. In den Sommerferien durfte ich zu meiner Großmutter in den Norden Bielefelds, das Ravensberger Hügelland, nach Schildesche fahren.  Darauf freute ich mich genauso sehr wie auf die gemeinsamen Urlaube mit meiner Familie. Es war ein heißer langer Sommer gewesen und die Schulferien endeten spät. Opa war mal wieder auf einer seiner langen Reisen in Amerika verschollen. Dort besuchte er seine jüdischen Freunde. Wenn mein Großvater aus dem Haus war, tanzten meine Großmutter und ich buchstäblich auf dem Tisch wie die Mäuse. Denn er schwang mit hochherrschaftlichem Patriarchismus sein Zepter im Haus und wehe, das Mittagessen stand nicht pünktlich Schlag Mittag auf dem Tisch! Doch wenn er nicht da war, wurde meine Großmutter ein anderer Mensch. Obwohl sie die Sechzig schon weit hinter sich gelassen hatte, erschien sie mir sehr jugendlich, voller Leichtigkeit. Wenn mein Großvater abwesend war, fiel der hausfrauliche Pflichtdruck von ihren Schultern ab und sie mutierte von einer Großmutter zu einer echten Blutsschwester vereint mit mir im Geiste in der Anarchie der Herzensgüte. Wir standen morgens nicht um acht Uhr, sondern erst um zehn Uhr auf. Wir ließen das Frühstück ausfallen und gammelten mit einem Berg Bücher und Strickkram in himmlischem Chaos um uns herum verteilt auf dem Sofa im Arbeitszimmer herum und löffelten Grapefruits, bedeckt von einer zentimeterdicken Schicht Traubenzucker. Wir liefen zum Gigant, einem nahen Supermarkt und kauften lauter unnützes schönes Zeug für so wenig Geld wie möglich. Wenn das der Opa wüsste, brummte Großmutter unheilschwanger. Doch er weiß es nicht! rief ich und hüpkerte extra hoch. Nachmittags trieben wir es noch viel doller. Je öller, je döller, freute sich meine Großmutter gern und zerrte mich auf den Sportplatz. Schau dir nur mal diese gut trainierten Sportlerwaden an, schwärmte sie und senkte schamvoll wie ein junges Mädel die Augen. Ich interessierte mich zu dieser Zeit keinen Funken hoch für Fussballerbeine und fand das Gestüt mit den schönen Pferden auf der anderen Seite der Straße kurz vor dem Viadukt, weitaus reizvoller. Wir liefen in das Viadukt und sangen zwischen die Hallen der altehrwürdigen Römer-Steine: Wer ist der Bürgermeister von Wesel? Eseleselesel…..hallte es zurück. Im Schnatermann, dem angrenzenden Wald mit den Bombentrichtern suchten wir Pilze, Hallimasch und Kremplinge, brieten sie in einer gusseisernen Pfanne mit Speck, Zwiebeln und viel Petersilie in Butter. Aßen nur Brot dazu und fanden ansonsten unvollständige Mahlzeiten wie gebratene Tomaten mit Käse einfach himmlisch.

Ich war ein nachtaktives Kind. Oft las ich bis in die Puppen irgendein Buch. Du bist eine Bücherfresserin, meinte Großmutter und präsentierte mir gleich stapelweise ihre neuesten Errungenschaften aus der Bücherei, die in der Gesamtschule Schildesche untergebracht ist. Ständig schleppte sie etwas Neues an. Besonders gern las sie asiatische Literatur, sie hatte viele Bücher von Pearl S. Buck, die ich allesamt verschlang. Lin Yu-Tang mit seiner dreibändigen Abhandlung über Peking langweilte mich, als ich es später las, vielleicht war ich noch zu jung. Ich brauchte noch das Schwelgerische, das Überbordende, die unfassbar schwebende Romantik zarter Bambusgärten. Sie schimpfte nie mit mir, wenn ich lange aufblieb und stundenlang las. Hauptsache, ich hatte genügend Licht. Sie sagte mir einmal, dass sie mehr Angst davor haben würde, dass ich heimlich unter der Bettdecke mit unzureichendem Taschenlampenlicht meine Augen verderben würde als zu wissen, dass ich lese und aber mit ausreichendem Licht. Denk immer an Deine Augen, schütze sie gut, mahnte sie.

Eines Nachts konnte ich mal wieder nicht einschlafen. Ich tigerte mit einem Buch in der Hand in meinem Zimmer herum, ihrem Arbeitszimmer und alles machte mich verrückt: das Licht der Straßenlaterne, das durch die Gardinen ins Zimmer fiel. Die Scheinwerfer der Autos, die die Tapete schrägstreiften. Die obskuren Konturen der alten Fernsehantenne auf dem Schrank mit den Handtüchern. Sogar das leise Rauschen der endlos langen Güterzüge in der Ferne auf dem Viadukt in der Nacht, ein Geräusch, das mich sonst immer müde und geborgen machte. Irgendwann klopfte es an der Tür und sie kam herein. Nu, Steffel, kannst du auch nicht schlafen? Ich schüttelte den Kopf, etwas schuldbewusst, weil ich wusste, dass ich längst im Bett hätte liegen müssen. Das „Bett“ war eine Doppel-Liegecouch zum Auseinanderklappen. Mein Großvater hatte sie selbst gepolstert und bezogen. Die Sitzkissen waren stramm gefüllt mit Rosshaar und auf so einem Teil zu liegen bedeutete, dass man sich nicht zu sehr bewegen durfte, weil die Sofakissen Mini-Trampolins waren. Ständig kugelte ich von einer Seite zur anderen in die Mitte des Dings und landete folglich in der Gästeritze, in der ich dann festgequetscht hing wie eine Sardine in der Büchse. Ich fand dieses Sofa schrecklich und dennoch konnte ich irgendwie darauf schlafen. Wir hatten ein zusammengerolltes Handtuch in die Gästeritze gestopft. Das machte zwar jeden Abend Arbeit, doch es lohnte sich, denn von da an schlief ich weitaus besser.

Mehr zu schaffen machte mir die Helligkeit in dem Raum. Für einen guten Schlaf brauchte ich schon immer möglichst viel Dunkelheit um mich herum. Was machen wir denn jetzt? Ich kann nämlich auch nicht schlafen?, fragte mich meine Großmutter. Sie sah ordentlich zerzaust auf dem Kopf aus, ihre ansonsten stets ordentlich ondulierten von wenigen weißen Silberfäden durchzogenen tiefschwarzen  Locken standen in alle Richtungen ab. Nun begann sie obendrein darin herumzuwühlen, was die Sache nicht besser machte. In ihrem rüschenbesetzten Schlafanzug wirkte sie ein wenig wie ein weiblicher Clown oder wie ein kleines altes Mädchen. Sie lächelte verschmitzt und ihre dunklen Augen glänzten. Hast du Lust auf ein kleines Abenteuer? Ihre Silhouette, nur wenig größer als ich es war, stand schwarz im Türrahmen. Na, keine Frage! Natürlich hatte ich Lust auf ein kleines Abenteuer. Ich wäre auch mitgegegangen, wenn sie mir eröffnet hätte, sie wolle in dieser Nacht nach Australien trampen um endlich einmal ein Känguru zu sehen. Ich wollte mir meinen Schlafanzug ausziehen, doch sie winkte ab. Wie bitte? Ich dachte, ich höre nicht richtig! Sie wollte im Schlafanzug vor die Tür? Ich riss die Augen auf. Das passte überhaupt nicht zu ihr. Sie war eine echte Lady. Sie ging grundsätzlich nur vollständig und ordentlich bekleidet vor die Haustür. Alles andere machten nur leichte Mädchen und Polinnen, war ihre Auffassung. Mit den Polinnen hatte sie es allerdings. Das war wirklich ein rotes Tuch. Sie mochte keine Polinnen. Es war etwas Übrig gebliebenes aus dem Krieg. Als Polen Schlesien besetzte, wurde sie zur Dienstmagd im eigenen Haus, denn die neuen Herren setzten ihr eine neue Familie ins Haus und forderten sie auf, schnellstmöglich zu gehen. Anfangs musste sie mit ihrem Besteck und ihren Tellern fremden Frauen dienen, die eben Polinnen waren und mit vollem Siegerstolz Großmutters Haus in Beschlag nahmen und sich von hinten und vorn nicht nehmen ließen sie zu demütigen wie und wo sie es nur konnten. Sie war eine stolze Frau mit italienischem Blut. Leidenschaftliche Menschen wie sie einer war, vergessen Demütigungen niemals und obwohl sie später, als sie älter wurde versuchte, diesen alten Hass zu begraben, weil ich ihr jedes Mal widersprach und den Polinnen dieser Welt Lanzen brach, gelang es ihr nie ganz. Ich habe ihr dies  sehr gut verzeihen können, weil ich mir vorstellen kann, wie hart es ist, das eigene Haus von anderen besetzt zu wissen und nichts dagegen unternehmen zu können. Sie war ein Opfer des Krieges, in jeder Beziehung, die man sich nur vorstellen kann, doch sie konnte darüber sprechen, das tat ihr gut. In mir fand sie eine jederzeit willige Zuhörerin, denn mich faszinieren bis heute die Geschichten aus der Zeit des letzten Weltkrieges und wie Menschen es schafften ihn zu überleben, obwohl das was sie erlebten, so viel war, dass es mich immer wieder staunen lässt, wie viel Grauen sie schafften zu überleben, vor allem auch die Frauen dieses Krieges, die allein, mit nichts außer ihren Kindern und weniger Habe eine lange Flucht ins Ungewisse ohne ihre Männer antreten mussten. Meine Großmutter bewahrte sich über alledem ihre jugendliche Unbeschwertheit bis sie starb. Viel zu stark war ihre Sehnsucht nach einem aktiven und schönen Leben, viel zu jung war ihr Herz trotz alledem geblieben. Sie hatte sich meine Strick-Jacke über den Arm gehängt. Ich wusste als Backfisch schon sehr genau, wann es gut war etwas näher zu hinterfragen und wann es ratsamer ist, einfach die Klappe zu halten in diesen gewissen Momenten.

Ich wusste, dass mir hier gerade das Leben etwas vorzaubern wollte, also fragte ich nach gar nichts mehr. Ich nahm meine Strickjacke und zog sie schnell über. Großmutter wickelte sich in ihren Trenchcoat. Ich sah auf meine Füße, die in Stoff-Puschen steckten. Großmutter sah auf ihre Füße, die in Lammfell-Puschen steckten. Dann hob sie den Kopf, grinste mich breit an, zückte eine Taschenlampe und marschierte forsch vorweg die Treppe abwärts. Im schwachen Licht der Lampe konnte ich erkennen, dass ihre schwarzen Augen blitzten und funkelten wie zwei blank geputzte Taler. Wir traten vor die Haustür und eine laue Augustnacht umfing uns sanft. Kurz nach Elf war kein Mensch mehr auf der Straße, die Straßenlaternen beleuchteten matt die Häuserfronten, die Luft roch noch leicht nach dem Regen, der nachmittags gefallen war. Die Hängebirke vor dem Haus hatte erste gelblich-schwarz gesprenkelte kleine Blätter auf die Wiese im Vorgarten gestreut und in der Luft lag jene Vorahnung künftiger Frische, die das bevorstehende Ende des Sommers ankündigt. Wir nahmen uns an den Händen und liefen in Puschen die Straße hoch. Am Kindergarten gingen wir rechts Richtung Park. Meine Großmutter zog sich die Puschen aus und lief barfuß weiter. Komm, Steffel, das ist gut für die Durchblutung, sagt Kneipp! Ich tat es ihr gleich und genoss das Gefühl des Grases und Untergrundes an meinen Füßen. Wir hielten auf den Friedhof zu. Himmel, meine Großmutter wollte mit mir zur Geisterstunde auf den Friedhof! Immer wieder schaute ich sie an. Irgend etwas strahlte aus ihr heraus, ich kann heute immer noch nicht sagen, was es war. Wir liefen schweigend über die Wiese. Der Duft schlafender Bäume streifte mich, ihr Nachtgeruch, wenn sie sich abends beginnen zusammenzufalten. Im Vorbeigehen berührten meine Finger weiche Gräser, dorniges Brombeergestrüpp, eine Brennessel und immer wieder auch die raurindigen Baumstämme. Zeitweise schloss ich die Augen und konzentrierte mich nur noch auf meine fühlenden Sinne. Wir erreichten den Friedhof und sofort veränderte sich der Geruch der Umgebung, wurde schwarz, schwer und satt. Meine kindliche Phantasie mochte sich nicht ausmalen, von was diese Erde so dermaßen satt war (weil sie Menschen fraß und in Erde verwandelte durch unzählige Helferchen wie Würmer, Maden und solche Dinge) und warum die Büsche, die Blumen und alles, was darauf wuchs, irgendwie besser gedüngt und prächtiger wirkte als die übliche Parkbepflanzung. Auch haben Friedhöfe jenen speziellen Geruch, den ich kaum beschreiben kann, der ihnen jedoch so sehr zueigen ist wie jener seltsame Zwang zur Entschleunigung und Ruhe, die sie ebenfalls ausstrahlen. Vielleicht liegt es am Geist dieser Orte. Dort überwiegen traurige Gefühle, als hätte mit den dort zur Ruhe gegebenen Leibern der gesamte Ort die Vergänglichkeit zusammengefasst in einer einzigen schwarzen langen Schwingung. So wirken alle Friedhöfe dieser Welt schon seit jeher auf mich.

Wir betraten den Friedhof denkbar unangemessen gekleidet, doch Großmutter sagte, dass vor dem Tod jeder nackt sei und dass die Toten keinerlei Scham kennen würden. Wir flüsterten nur noch miteinander. Vor ehrwürdigen Familiengräbern mit monumentalen Steinen und Einfassungen blieben wir stehen und beleuchteten mit unseren Taschenlampen die Namen. Wir setzten uns auf eine Bank. Der Mond war etwas herausgekommen und gab eher indirektes und diffuses Licht, projiziierte Schattenwürfe von Büschen auf den Weg. Meine Großmutter wollte wissen, ob ich Angst haben würde, hier, in der Geisterstunde auf dem Friedhof, in bettfertiger Ausstattung. Ich überlegte, ob ich irgendwo in mir Angst finden würde. Dann betrachtete ich nachdenklich die Grabsteine. Dann erzählte ich ihr wie oft ich auf dem Friedhof im Wald sei, mit meinem Fahrrad. Dass ich dort friedlich würde und ruhig. Sie wurde nachdenklich und sagte mir dann, dass ihr das gar nicht gut gefiele. Ein junges Mädchen solle nicht so viel Zeit mit den Toten verbringen, das wäre nicht gut. Sie kannte mein Problem, Freunde zu finden oder gesellig zu sein. Ein Nachtvogel begann zu singen. Wir sprachen über Gustav Meyrink und den Golem. Sie wollte von mir wissen, ob ich an so etwas glauben würde, ob es das wirklich gäbe? Für was ich es halten würde? Es fiel mir schwer, darauf eine Antwort zu finden. Schließlich fand ich ein Arbeitsbild und benannte den Golem als die Angst der Menschen vor Liebe. Ich fand, dass der Golem eine zutiefst bemitleidenswerte Figur sei. So wie Shelley Winters Frankenstein, der uns auch immer wieder unglaublichsten Gesprächsstoff über die Jahre lieferte. Da meinte meine Großmutter, dass ich jetzt reif sei für Poe. Doch erst musstest du den Golem lesen und ihn verstehen, sagte sie. Und erst musste ich mit dir auf den Friedhof um dich zu prüfen. Denn Edgar Allan Poe ist besonders und auch noch anders als Gustav Meyrink, das wirst du schnell bemerken. Er hat in seinen Erzählungen und Gedichten die tiefsten Ängste des Menschen ausgesprochen und Realität werden lassen. Er war krank. Seine Literatur kann Menschen, die nicht stark genug sind, ihn zu verstehen, die nicht angstfrei sind, sehr ängstigen und bei Dir muss ich mit so etwas vorsichtig sein. Denn du bist noch sehr jung und hast schon vieles gelesen, was noch gar nicht für so junge Augen bestimmt ist. Andererseits stellst du mir viele Fragen nach dem Tod, das Thema lässt dich nicht los und deswegen solltest du Edgar Allan Poe lesen, denn der verstand etwas von der Angst vor dem Tod. Seine allergrößte Angst war es, lebendig begraben zu werden. Er litt als Mensch sehr darunter und Du wirst viele Geschichten finden, die sich um diese Ur-Angst des Menschen drehen.

Ich sog die Nachtluft ein und stellte mir vor, der Golem käme plötzlich und unerwartet um die Ecke. Oder der junge Mann mit dem teigigen weißen Gesicht, als lebten Larven darin und ich schüttelte mich, meinen Rücken überzog ein Gänsehautschauer. Du gruselst dich ja doch, rief Oma begeistert und vergaß einen Moment lang respektvoll und leise auf dem Friedhof kurz vor Zwölf in der Geisterstunde zu sein. Wenn du wüsstest, dachte ich und spürte, wie meine Ohren sich rot aufsteigend erhitzten. Wir blieben noch ein wenig auf der Bank sitzen und schwiegen. Ich zerfloss. Anders kann ich es nicht beschreiben, dieses Gefühl, in einen Moment zu fließen, der zufrieden ist mit dem blanken Dasein. Es gibt in meiner Kindheit unzählige Momente, die so waren, doch oft sind sie so kurz und klein, eine winzig bemessene Zeitspanne in all dieser üblichen Lebenszeit, dass sie wie Sternschnuppen am Augusthimmel verglühen. Ein Quantum Sternasche der erfüllten Wünsche und Träume. Vor den Mond waren Wolken gezogen und die Leuchtziffern meiner Armbanduhr zeigten fünf Minuten bis zur Geisterstunde. Meine Großmutter erhob sich langsam und etwas steif. Sie streckte sich, nahm ihre Puschen und trat auf dem Wiesenstreifen neben dem Hauptweg den Rückmarsch an. Ich gesellte mich zu ihr. Hörst du diese Ruhe?, wollte sie wissen. Ich kickte einen Tannenzapfen mit dem Fuß vor mir her und nickte mit dem Kopf. Plötzlich stolperte ich über etwas und machte einen regelrechten Satz. Meine Großmutter war ein Stück vorausgelaufen. Sie hörte mich leise fluchen, weil mein großer Zeh verdammt weh tat und fragte, ob mir etwas passiert sei. Der Teufel höchstselbst ritt mich, es musste an der mitternächtlichen Stunde liegen. Ich flüsterte so laut wie möglich, dass ich über einen Knochen gestolpert sei und fragte, ob sie hier in letzter Zeit wohl Gräber umgebettet hätten? Meine Großmutter sagte kein einziges Wort, sondern begann zu rennen, als sei sie ein Scherenschleifer. Ich konnte gar nicht so schnell hinterherkommen wie sie rannte. Im Nu war sie aus meinem Blick entschwunden und ich lief breit grinsend langsam hinterher. Natürlich entschuldigte ich mich für den miesen Scherz auf Kosten der Toten und bereute tatsächlich zutiefst, dass ich meinen Schabernack mit ihnen getrieben hatte um meiner lebenserfahrenen Großmutter einen tüchtigen Schrecken einzujagen. Doch ich freute mich diebisch dabei, das muss ich ehrlich gestehen. Im Park holte ich meine Großmutter ein. Sie hielt sich etwas atemlos die Brust und keuchte. Du hattest es ja ganz schön eilig plötzlich, legte ich immer noch flüsternd los. Sie sah mich bestürzt und entsetzt an. Das war doch nicht wirklich ein Knochen, über den du da auf dem Friedhof gestolpert bist, oder? Ich schüttelte den Kopf. Natürlich nicht, ich habe dich doch nur vergackeiert. Oh, das wirst du mir büßen, schimpfte sie erleichtert los. Du böses böses Kind! Mir ist vor lauter Schreck das Herz fast stehengeblieben! Haben Tote Humor? fragte ich mich im Laufe der Jahre und nach dem ausgiebigen Konsum von Edgar Allan Poe in schriftlicher und vertonter Form ein ums andere Mal. Heute, als erwachsener Mensch, bin ich mir ziemlich sicher, dass Tote Humor haben und zwar jede Menge davon. Anders wäre das Totseinmüssen doch gar nicht auszuhalten, oder? Meine Großmutter wollte mir gegenüber nicht zugeben, dass ich sie tatsächlich in Panik versetzt hatte. Ich drang jedoch auch nicht darauf. Dazu hatte ich viel zu viel Spaß an der Sache und ließ ihr nur zu gern ihr dreimal wiederholtes Argument, sie habe lediglich etwas schneller vorlaufen wollen, weil ich wieder einmal herumgetrödelt habe.

Wir fassten uns an den Händen und liefen nach Hause. Ich kroch endlich einmal müde und dankbar schlafen zu können, auf mein improvisiertes Bett und schlief bis zum nächsten Morgen durch wie eine Tote. Meine Großmutter verbot mir, meinen Eltern von unserem nächtlichen Ausflug zu erzählen. Großmütter und ihre Enkel dürfen, nein müssen sogar unbedingt Geheimnisse miteinander teilen, die Eltern auf keinen Fall nicht wissen dürfen, begründete sie ihren dringlichen Wunsch. Es fiel mir sehr leicht, ihn zu beherzigen. Nur dank ihr hatte ich diese fantastischen und abenteuerlichen Erlebnisse. Sie bot mir Spannung und vor allem den literarischen Austausch, den ich mir wünschte. Ich liebte sie nicht dafür, dass sie mir Regeln und Grenzen gab, sondern dafür, dass sie sie außer Kraft setzte und das scheinbar Unmögliche möglich werden ließ. Meine Großmutter war meine Ausnahme von der Regel.

——

Karsamstag (Le roi est mort -Vive le roi)

Eine goldene Regel aus dem Shodokan-Karate: Spannung und Entspannung – alles.
Im richtigen Moment. Denke nicht ans Siegen. Denke daran, wie du nicht verlierst.
Mundu: Karate beginnt und endet mit Respekt.

(ich praktiziere selbst kein Karate, interessiere mich jedoch schon immer  für Kampfsport und die Philosophie dahinter, wende diese Regeln im menschlichen Miteinander gern für mich an, denn sie helfen mir in ihrer Klarheit, gut und respektvoll mit Menschen und Differenzen umzugehen).

Liebe Blogfreunde.

Heute ist Karsamstag. Noch immer ist meine Stimmung eher ernst und nachdenklich. Ostersonntag ist erst morgen.Die Karwoche beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit und dem Tod. Ostern ist das Fest der Transformation.
Noch einmal ein Beispiel zu einem bewegenden Thema in der stillen Hoffnung, dass es dem Verständnis dienlich sein möge in irgend einer guten Weise. Es ist mir sehr wichtig, das dabei zu sagen. Es gibt hier so viele Menschen im blogland, die ich inzwischen sehr mag. Sie sind völlig unterschiedlich und doch verbunden in einem guten Geist, darum lese ich so gern bei Euch, darum sind einige von Euch meine persönlichen besonderen Freunde. Es ist schön, dass es euch so gibt. Danke…

…also…
Ich lernte in meinen Berufsjahren das Mobbing am eigenen Leibe kennen und zwar in Reinstform bis hin zum Arbeitsplatzverlust und daraus resultierender schwererer Krankheit. Es war eine bittere und schmerzhafte Erfahrung, die ich niemandem wünsche. Iniatiatorin war eine Person, die dafür sorgte, dass ich in Misskredit geriet, obwohl ich Zeugen hatte, die meine Integrität bestätigten. Es war eine sehr schlau eingefädelte Intrige. Ich hatte keine Chance. Es ging um ihre Verliebtheit zu ihrem Chef, die sie mir gestand, obwohl ich das überhaupt nicht von ihr wissen wollte. Es war mir äußerst unangenehm es erfahren zu müssen. Ich musste mit diesem Chef arbeiten! Darüber will ich nicht so etwas Persönliches wissen…
Was ich erst später von einem Kollegen erfuhr, war, dass sie mich als Rivalin empfand. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon lange Jahre in dieser Firma tätig, ich erst seit einem Jahr. Sie hatte bislang immer allein mit den Männern gearbeitet, nun kam ich mit meinem Export dazu. Das gefiel ihr nicht. Ich arbeitete gern in dieser Firma. Manchmal dachte ich, dass es besser gewesen wäre, ich hätte irgendwie versucht, diese Person vors Arbeitsgericht zu schleifen um mein Recht zu bekommen. Doch die Firma verhielt sich mir gegenüber überaus großzügig und der Personalchef gestand mir, dass er es besser wüsste, auch das, dass ich diffamiert worden sei, doch er nichts daran ändern könne an dieser Entscheidung, mich als Unruhefaktor einfach zu beseitigen. Ich hatte so eine Riesenwut in mir und ganz verrauchen wird diese nie, denn mir geschah ein großes Unrecht…
Doch ich habe mich damit arrangiert und bin letztendlich stärker geworden, gewachsen daran. Heute würde ich so eine Person anders an den Hörnern packen und direkt mit ihr in den Clinch gehen, es austragen, vor der Tür, direktes und ehrliches Wort, face to face. Das habe ich mich damals, als ich so viel jünger war jedoch noch nicht getraut und vertraute auch nicht meiner rhetorischen Stärke. Auch war ich verletzt, denn ich hatte dieser Kollegin nie etwas zuleide getan oder bös über sie gesprochen.

Diese Kriege machen krank, lernte ich,….innerlich wie äußerlich, sie können Menschen und Leben zerstören.
Sie sind genauso gewalttätig wie Kriege, die mit Gewehren und Panzern ausgetragen werden und sie lassen Menschen einfach auf der Strecke liegen…

Heute bin ich der Meinung, es ist gut, dass ich es nicht auf eine gerichtliche Auseinandersetzung ankommen ließ. Ich war schon krank genug geworden durch das alles und konzentrierte mich lieber auf einen neuen und besseren Arbeitsplatz, den ich dann auch fand. Ich habe dieser Person bei meinem Abgang mit dem Karton in der Hand die Meinung gegeigt, doch sie hat nur wissend dazu gelächelt, genau wissend, dass sie gewonnen hatte und ich nur versuchte, mein Gesicht zu wahren.
Ist solchen Menschen bewusst, was sie anrichten können? Sind sie so skrupellos, dass ihnen das egal ist, wenn sie einen anderen aus Eitelkeit, Unsicherheit oder Angst heraus zerstören, diskreditieren? Wo bleibt dabei die Mitmenschlichkeit?

Ich habe mir damals vorgenommen, nicht so sein zu wollen wie diese Kollegin.
Wenn sie so ist, kann ich auch so sein, so eine Denke…
Das brauch ich nicht. Ich nehme lieber die andere Seite.
Was nicht bedeutet, dass ich freiwillig das Feld räumen würde, wenn mir wer ans Schienbein tritt. Weit gefehlt. Ich würde die Konfrontation suchen und mir eine gute Streitkultur auf die Fahnen schreiben. Sie gehört zum Leben dazu.
Doch Rivalitäten finde ich überflüssig, dafür will ich mal nicht zu jung sondern mittlerweile zu alt sein.

Ich wünsche Euch einen sonnigen Samstag.
Ostern ist das Fest der Wiederauferstehung.

Le roi est mort.
Vive le roi..

Liebe Grüße
von der Karfunkelfee

Fatum Atem

 

Verwunschenes Gefühl. Herbstglut im Blut. 

  
 Entlaubtes Herz vorm vom Licht enteigneten Himmel. Warme alte Seelen an den Händen haltend. 

  
Vertraute Stimmen, hoch die Wege. Wiegend gegangen, wild wie ein Tier. Schritt für Schritt steil voran. In fließender Mitte. 

  
Ruht auch die Angst in den schwarzen Tannen. vorm letztem Licht. Kein Zagen, kein Bangen. Siehst mich nicht.
  
Im lezten Stück ein Kleingeist Dunkelheit mich neigt. Weigere mich schweigend im Fatum meines schnelleren Atems.

  Finde die alten Wege im Berg immer. Springe bergab mit der Kraft der Kindheit. Zeit rast sich im Duft der Erde überholend an mir vorbei. Ein Blatt weht vom Baum, verendet vor meinen Füßen. Gelbzackig süß, unendlich frei zu sein was es will. Ich halte im Lauf inne, stehe still. Nehme es auf und streichele ihm den Tod aus den Adern. Tadele es sanft. Wer wird denn hadern?   
Vergängliche Wunden heilen von innen nach außen in steter Bewegung. Inniges regeneriert unaufhaltsam in jeder Regung Bist du mit dir allein wissend. Ein Nächster grüßt, hat dich gesehen. 
  

Wie tote Blätter vor Füße wehen. 

  

Sowelu- An die Sonne

  

Sowelu, kitzele mich wach mit deinen Strahlen in der NaseGrüne alle Bäume, wecke mich auf, in deiner Wärme entstanden Welten. Lass mich ihnen dienen, indem du mein Herz erhellst. Durch dich will ich wirken und gebenwas die Lebensfreude erhält. Du bist mein unbezwingbarer Glaube an die lichte Wirklichkeit kommender Tage. Meine Haut duftet salzig nach deinem Kuss. Du bist das Rad, in dem ich laufe und jeden Tag bist du mir archetypischer Gruß, selbst wenn Wolken dich verbergen. Mein Können badet ganz allein in deinem Wollen. Ich will mir deine Strahlen ins Haar flechten bis es kupferschimmert und achte deinen Brand auf meiner allzu weißen Haut. Mein Geschenk an dich ist das Vertrauen in mich, ich bin deine BrautSowelutakte mein Herz neu, ewig loyalist nirgends deine Welt mehr als in mir innen. In deinem Entstehen mit jedem einzelnen Schlag, sehe ich meine Vergangenheiten in Brand und Rauch zu beseeltem Atem zerrinnenBlicke ich in dich, schließe ich meine Wasseraugen vor deinem lebendigen Segen, fühle ich die Schatten fliehen in grünorangenen Nuancen, in fernen Ländern hinter fest geschlossenen Lidern verborgen. Kindlich werden wir am Morgen geboren, altern über den Tag und sterben in Abendröte gebadet als GreiseSowelu, in die Nacht Dunkelnde, ich bin in der Melancholie deiner Dämmerung geborgen und so frei, dass ich völlig in dir gefangen sein darf. Meine Seele befleckt wie dein Körper, langt nach den Flammen neuer TageDu belichtest das Negativ meiner dunkelsten Gedanken, ich will für dich singen und dir grünende Maienzweige von jungen Birken bringen. Ich bin dein Opfertier, eins deiner Wesen. Im Klang deiner Schönheit habe ich dein Liebeslied in hitzigen Noten wieder und wieder gelesen, bis es im Sand zu euphonischer Zärtlichkeit zerrann. Dein Schein zeigt und lehrt mich zutiefst durchdringend das uralte Wissen von dem was ich bin für das, was ich kann.

Take Five

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Ey, was ist mir dir, Mann? Warum liegst du da? Hast du nichts Besseres zu tun? Ayar ist stehengeblieben. Vor ihm auf dem Weg liegt ein Junge, ungefähr in seinem Alter. Er ist übersät von Sommersprossen, seine roten Haare stehen borstig vom Kopf ab. Ayar kennt den Jungen nicht, hat ihn noch nie gesehen. Auf seine Schule geht er auch nicht, dort wäre er ihm längst aufgefallen, wegen der roten leuchtenden Haare. Die Straße flimmert in der Mittagssonne. Es ist sehr heiß, Ayars Stirn ist überzogen von einem feinen Schweißfilm, weil er schnell gelaufen ist, um nach Hause zu kommen. Er ist immer noch völlig außer Atem.

Unschlüssig streicht sich Ayar eine schwarze Kringellocke aus der blassen Stirn und beäugt den Jungen, der sich mit beiden Händen, die Knöchel weiß hervortretend an den Zaunlatten festklammert, während sein seltsam verrenkter und verdrehter Körper zuckt und sich windet, seine Füße ausschlagen ins Leere. Ayar geht in die Knie und versucht eine der verkrampften Hände des Jungen des Jungen vom Zaun zu lösen, doch es gelingt ihm nicht. Irgendwo in einem der Häuser rechts dudelt ein Radio. Doch es ist niemand weit und breit zu sehen, die Straße wirkt wie ausgestorben. Überall sind die Rolläden heruntergelassen. Die Hitze steht.

Ey, Mann, das kannst du nicht bringen hier, das ist ja voll krank! Was soll ich denn machen? Was hast du? Sag schon, Alter! Der Mund des Jungen, öffnet und schließt sich, als wolle er Worte formen, schließlich sieht Ayar zu seinem Entsetzen, wie sich davor weißlicher Schaum bildet.

Ey Alter, ich weiß nicht was ich tun kann, Mann! Sag doch irgendwas!

Ayar beginnt zu schreien. Nicht einfach nur so. Dieses Spaßschreien, was er manchmal macht, wenn er bei den Raufereien seiner Freunde um Hilfe ruft und es lustig findet, wenn niemand kommt. Weil das spannend ist, obwohl das alles ja nur ein Spiel ist: Dieses Raufen und um Gnadewinseln in irgendeinem Schwitzkasten steckend und im Wissen zu schreien, dass die Luft tatsächlich knapp wird. Doch es ist dennoch ein Spiel, bei dem er auch schon aus echtem Schmerz schrie, obwohl er wusste, dass es doch nur seine Kumpel waren, die ihn drangsalierten. Ayar hat in Filmen schon Leute in höchster Panik schreien gehört. Zum Beispiel in Horrorfilmen, die Ayars älterer Bruder ihn manchmal anschauen lässt. Doch das ist nur ein Film, weiß Ayar und auch, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen wirklich laut um Hilfe rufen hörte.

HILFE! brüllt Ayar aus voller Lunge. Seine Hilferufe verhallen zwischen den Miethausfronten mit den vielen Fenstern. Keines öffnet sich, niemand schaut heraus. Es ist auch nirgendwo ein Passant zu sehen, den Ayar um Hilfe hätte bitten können. Nur die alte rote Katze vom Nachbarn überquert langsam die Straße und verschwindet unter einem der geparkten Autos.

HILFE, HILFE, HIER STIRBT JEMAND!

Ayar ist verzweifelt. Er weiß nicht, was er tun soll und der Anfall des Jungen am Zaun wird immer schlimmer, immer heftiger verkrümmt sich der Körper, biegt sich nach hinten, wirft sich wieder nach vorn, verkrümmt bis zum Äußersten. In den nach hinten verdrehten Augen des Jungen, ist nur noch das Weiße erkennbar. Ayar beginnt den zuckenden Jungen vorsichtig zu schütteln. Zwischendurch ruft er immer wieder um Hilfe. Schreit schließlich den rothaarigen Jungen an:

Hör doch auf, Mann, was ist denn mit dir?

Er überlegt wegzulaufen, jemanden zu holen, schiebt dann jedoch den Gedanken wieder beiseite. Was, wenn der Junge in der Zwischenzeit zu sich kommt oder es ihm noch schlechter geht? Mittlerweile ist es Ayar gelungen, eine der völlig verkrampften Hände des Jungen vom Zaun, an den er sich klammert, zu lösen. Die Hand schnellt ab und verkrallt sich dann mit schier unglaublicher Kraft an Ayars Arm, so dass Ayar mitgeschüttelt wird von dem sich hin- und herwerfenden Körper des Jungen. Ayar erinnert sich an das, was sein Vater ihn lehrte, wenn er sich in einer Notsituation befindet:

FEUER! FEUER! Es BRENNT! Schreit Ayar. HIER BRENNT ES! FEUER!

Endlich öffnet sich im Block gegenüber ein abblätterndes Fenster. Das Gesicht einer alten Frau erscheint. Es ist Mittagsruhe, ruft sie quer über die Straße zu Ayar hinüber. Spielt leiser, hier schlafen welche!Ayar schreit zurück, so laut er kann: Dies ist ein Notfall, er hat einen Anfall, irgendwas Komisches, ich glaube, er stirbt, bitte rufen Sie einen Krankenwagen!

Die Frau lehnt sich etwas weiter aus der Fensteröffnung, versucht zu erkennen, was sich abspielt auf der anderen Straßenseite. Dann schließt sie das Fenster und zieht die Gardine vor. Fünf endlose Minuten später sieht Ayar, wie sie aus dem Haus tritt und langsam die Straße überquert. Die alte Frau geht in winzigen Schritten und schiebt einen Rollator vor sich her. Sie trägt einen rosafarbenen Bademantel und komische Hausschuhe mit türkisenen Bommeln. Ihre dünnen weißen Beine sind von Krampfadern übersät. Sie sieht aus, als sei sie geradewegs aus dem Bett gestiegen. Ihre weißen Locken stehen in sämtliche Richtungen wirr vom Kopf ab, den sie beim Gehen leicht vornüberbeugt, was Ayar an den Gang einer Schildkröte erinnert. Wäre alles nicht so dramatisch gewesen, hätte Ayar darüber lachen können, doch so ist er einfach nur froh, jemanden zu sehen, der vielleicht helfen kann.

Er flüstert in die weißen verdrehten Augen des Jungen, zu dem wild hin- und herschlingernden Kopf und den zuckenden Gliedern: Alles wird gut, hörst du, Alter? Du kommst wieder voll in Ordnung, wirst schon sehen! Ist bestimmt nur so ein Anfall, das kommt vor, okay, Mann? Gleich kommt auch ein Arzt. Der kann dir helfen.

Ayar betet zu Allah so fest er kann. Er schwänzt manchmal den Koranunterricht und sein Vater schlägt ihn dann windelweich mit dem Hosengürtel. Doch jetzt erinnert er sich an einige Suren, die er dringend brauchen kann in dieser Situation. Weißer Schaum tropft vom Mund des Jungen auf die Straße. Ayar kann den zuckenden Körper des nicht festhalten, alles an diesem Körper ist Krampf geworden. Er hat so etwas noch nie zuvor gesehen, weiß nicht einmal, ob der andere überhaupt bemerkt, dass er da ist, obwohl die Hand des Jungen immer noch um seinen Arm gekrallt ist. Unendlich langsam kommt die alte Frau näher, quälend langsam, viel zu langsam für Ayars Empfinden.Er flüstert aufgeregt: Da kommt jemand, hörst du? Alter, halte durch! Das machen die in den Filmen auch! Da kommt jemand, der wird uns helfen.

Das sagt Ayar obwohl er mit einem heißen Gefühl im Bauch daran zweifelt, dass diese alte Frau überhaupt helfen kann. So, wie sie aussieht, ist sie selbst halbtot, hoffentlich kann sie wirklich etwas tun, denkt Ayar und versucht weiterhin völlig erfolglos, den zuckenden Körper des Jungen festzuhalten, ruhigzustellen. Er weiß nicht, was er tun soll, also streichelt er beruhigend seinen Rücken. Unbeeindruckt wirft sich der Junge weiter hin und her, verändert sekündlich die Stellung, zieht Grimassen, spuckt weißen Schaum vor Ayars Füße.

Die alte Frau ist inzwischen angekommen bei Ayar und atmet schnell. Sie japst und holt schwer Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, dann bedeutet sie Ayar mit einer Geste ihrer rechten Hand, die sie auf die Brust legt, dass sie zu Atem kommen muss.

Ayar schreit sie an: ER STIRBT! Hoffentlich kann sie ihn auch hören. Alte Leute sind manchmal schwerhörig. Also wiederholt er noch einmal alles, nur vorsichtshalber: HÖREN SIE? HABEN SIE MICH VERSTANDEN? ER STIRBT! WIRBRAUCHEN EINEN KRANKENWAGEN! Das Wort Krankenwagen betont Ayar besonders. Der stirbt so schnell nicht, sagt die Frau zu Ayar. Eher beiläufig, in lockerem Ton: Wie heißt du denn? Meine Güte, ist das heiß heute! Fügt sie noch an und tupft sich mit einem Tempotaschentuch die Stirn ab.

Ayar kann es einfach nicht fassen! Sie will tatsächlich von ihm wissen wie er heißt, während dieser Junge hier im Begriff ist zu sterben, fragt sie tatsächlich nach seinem Namen, als ob das jetzt irgendwie wichtig sei? Er hat mal gehört, dass manche alte Leute komisch werden und nicht mehr richtig denken können. Ayar wird kochend heiß zumute: Was, wenn diese alte Dame vielleicht überhaupt nicht helfen kann? Vielleicht ist sie sogar selbst hilfebedürftig? Tickt nicht mehr richtig, oder so etwas? Ayar schüttelt entmutigt den Kopf. Er weiß nicht, was er tun soll.

Das ist Marko. Die alte Frau hat den Rollator beiseite gestellt und ist neben Ayar in die Hocke gegangen. Vorsichtig und sehr langsam. Er hat einen Anfall. Komm, du, lass mich mal an ihn heran, ich will schauen. Ah, ich sehe, er hat sich an dir festgekrampft, das ist gut, dann ist er beruhigt.

WAAAS? brüllt Ayar außer sich. Was labern Sie da? Der ist beruhigt? Ey, der stirbt! Sie spinnen ja! Sie bleiben jetzt hier und ich hole den Krankenwagen, okay Lady? Ich habe gerade kein Handy, ich muss jemanden suchen, der eins hat…und Sie warten hier auf mich und passen auf.

Haben Sie das verstanden? SIE WARTEN HIER AUF MICH! ICH HOLE EINEN KRANKENWAGEN!

Die alte Frau untersucht kurz den zuckenden Jungen. Sie überprüft, ob er sich irgendwo verletzt hat. Mittlerweile kommt kein weißer Schaum mehr aus seinem Mund und auch die Krämpfe scheinen nachzulassen. Alles ist gut, Marko, sagt sie. Du hast jemanden gefunden, der sich sehr schön um dich kümmert. Gleich ist es vorbei. Wir sagen Mama und Papa Bescheid, ja? Ganz ruhig, Marko, du hast es gleich geschafft? Tapferer Junge! Sie streicht Marko sanft über den Kopf. Gut, sagt sie zu Ayar gewandt, er hat sich nicht gebissen. Das geschieht manchmal. Sie beißen sich auf die Lippen. Du darfst aber nichts dazwischenschieben, hörst du? Das kann die Atmung blockieren. Du hast alles richtig gemacht mit Marko. Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat und krampft, ist das, was er braucht, Berührung und Beruhigung. Öffne mal sein Hemd, da wo es ihn beengt, die obersten Knöpfe, er bekommt nicht gut Luft, siehst du? Mach sie alle auf, damit er atmen kann.

Ayar folgt den Anweisungen der Frau ohne Widerspruch. Du machst es gut, Ayar, lobt sie ihn. Keine Angst, Marko ist gleich wieder der Alte. Diese Krankheit hat er schon, seit er vier Jahre alt ist. Dann ist es mit einem Mal vorbei. Ayar spürt, wie Markos Hand sich entspannt, sein Körper erschlafft, der Atem sich beruhigt und nicht mehr länger unregelmäßig ein- und wieder aussetzt in krampfenden Stößen. Eine Krankheit wie ein Gewitter im Kopf, denkt Ayar. Jetzt scheint die Sonne wieder.

Hei…sagt der Marko auf einmal mit lallender Stimme…hao..bin Mar..o…allis…lar..? Ayar sieht ihn überrascht an. Der kann reden? Heio…macht Marko und versucht dabei zu lächeln, was jedoch noch nicht ganz gelingt, auch die Worte gelingen noch nicht ganz. Marko verzieht vor Anstrengung das Gesicht, als täte ihm jeder einzelne Muskel darin weh. Du bist echt krass, Mann, sagte Ayar, wie heißt das, was du hast? Marko verzieht das Gesicht und sagt etwas, das klingt wie: E..leppie…

Epilepsie meint er, sagt die alte Frau, als sie Ayars fragend hochgezogene Augenbrauen bemerkt. Er kann noch nicht wieder richtig sprechen. Er erinnert sich auch nicht an das, was gerade geschah. Ayar, bring doch Marko gerade nach Hause, er kann gleich wieder aufstehen und gehen, damit würdest du ihm eine Riesenfreude machen und mir auch. Es ist einfach zu heiß zum Laufen für mich alte Frau.

Okay, mach ich. Mit steifen Beinen vom langen Knien steht Ayar langsam auf und hilft der alten Frau ebenfalls hochzukommen. Danke, sagt sie. Ich heiße Magdalena Engelin. Ich wohne hier im Block, im zweiten Obergeschoss oben links. Hausnummer 75. Sie zeigt mit der aufgerichteten linken Hand zwei Finger und dann zeigt sie Ayar beide Hände, einmal mit sieben Fingern und nach einer kurzen Pause noch einmal fünf Finger der linken Hand. Alles klar? Sie lacht. Wenn mal was ist, dann komm ruhig vorbei. Auch, wenn du Fragen zu Marko haben solltest. Er ist ein besonderer Junge. In jeder Beziehung.

Marko versucht inzwischen ungelenk und noch unsicher aufzustehen, zieht sich mit einer Hand am Zaun hoch und hält sich mit der anderen an Ayars Arm fest, bis er schwankend und noch etwas zittrig auf die Füße kommt. Er ist ungefähr einen Kopf größer als Ayar und sehr schlank. Ayar hilft ihm und legte ihm stützend einen Arm um die Hüfte. Wo wohnst du, Alter? fragt er Marko. Marko lässt den Zaun los und winkt mit dem linken Arm die Straße hinunter, gut zweihundert Meter weiter auf einen rosa gestrichenen Block, an dem teilweise der Putz abblättert.

Ayar bemerkt eine helle, ungefähr 10 Zentimeter lange scharf gezackte, an den Rändern wellig aufgeworfene Narbe auf Markos sommersprossenübersätem Unterarm. Er würde Marko gern fragen, wie er zu ihr gekommen ist. Sie sieht eindrucksvoll aus. Marko zeigt Ayar drei Finger der linken Hand und macht eine Kopfbewegung hin zu dem rosa Miet-Block. Ayar fragt: Linkes Obergeschoss, dritte Etage? Marko nickt und hält zwei Finger hoch. Dann grinst er breit und zeigt Ayar erst fünf Finger, dann hält er ihm die offene Handfläche hin. Fragend sieht er Ayar an. Hausnummer 25. Ayar schlägt ein.

Take Five.

Salzwasserworte

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Du erzähltest und erzähltest. Salzwasserworte wie hin zum Meer. Die fielen dir schwer. Du sagtest: Nun, da du es weißt,
sei dir im Nachgang zu deiner Offenheit anschließend aus Angst vor der eigenen Courage abwechselnd kalt und heiß.
Ich fragte, wie hoch dein Preis sei für das was du mir sagst?
Kostete es dich Seelenschweiß? Würdest du dich winden?
Oder aber würde dieses Wissen uns näher bringen, weil wir Vertrauen darin finden und es einander verbinden?

Du lächeltest nicht. Du strengtest dich sichtlich an. Wurdest immer nervöser, holpertest beim Sprechen in sich überschlagenden Buchstaben.
Genommen die Worte, geborgen bei mir, schweigend gebunden wohl verwahrt in ordentlichen Satzgarben, heugelb und süß eingeschlossen, deiner Erinnerung schmerzende Farben.
Du fragtest, wie es sei für mich, nun mit diesem deinem nackten dunklen Wissen, das du mir anvertrautest und entblößtest vor mir mit unruhigem besorgtem Gewissen, als wollest du eine weiße Flagge hissen in einem unsichtbaren Krieg.
Vielleicht war dies der Grund dafür, dass ich dich nur zärtlich lange anschaute, doch ansonsten zu allem schwieg.