Hammerschlag-Grau

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Das war, bevor die Zeit sich in hammerschlaggrau einfärbte wie irgendeine Maschine, stampfend und rumorend, weitere graue Zeit produzierend, die sich um ihn legte wie eine erstickende Decke. Diese Frau entsprach genau seinen Vorstellungen, sie war wie ein Märchenwesen aus einer anderen Welt. Wenn sie schrieb, pochte sein Herz und als er sie sah, wusste er, dass er nie mehr eine andere wollte. Doch es war kompliziert. Sie war verheiratet mit einem gut verdienenden Computerspezialisten,  der die meiste Zeit über im Ausland geschäftlich unterwegs war. Sie hatten sich über das Internet kennengelernt, eine dieser zahllosen Flirt-Plattformen, weil sie in ihrer Ehe einsam geworden war. Sie wünschte sich Kontakt, wie sie sagte, Freunde. Denn die hatte sie nicht. Dafür jedoch zwei kleine Kinder, die sie ans Haus banden und für ein Auto reichte das Geld nicht aus.

Sie war eine seltsame Frau. Wie ein Kind erschien sie ihm, wie jungfräulich, obwohl sie Kinder hatte. Für ihn war klar, dass er sie retten musste aus dieser gutsituierten Welt in der sie lebte und drohte an der Einsamkeit innerlich zu verhungern. Tiefe Labialfalten hatten sich in ihr Gesicht gegraben, das ihm als ein schönes Gesicht erschien, denn sie hatte sich strahlende Augen bewahrt. Da er ein scheuer Mann war, eher zurückhaltend, entspann sich die virtuelle Konversation nur zögerlich und langsam. Doch nach und nach taute er auf und sie verabredeten sich in einem Café in ihrer Stadt. Sie erzählte von ihrer Ehe, in der längst alles an Gefühlen versickert war in den Alltäglichkeiten und der ständigen Abwesenheit ihres Ehemannes. Wie er fremdging und sie es über Dritte erfuhr. Er hatte anscheinend mehrere Geliebte gleichzeitig, doch nachprüfen konnte sie es natürlich nicht. Kaum ertrug er das zeitweise Erlöschen des Glanzes in ihren dunkelbraunen Augen, während sie sprach. Dann erzählte er von sich, wie er von seiner Freundin verlassen wurde und monatelang darunter litt, nicht mehr essen konnte und zu dünn wurde für all seine Kleidung. Er hatte einen Job als kaufmännischer Angestellter in einer kleinen Spedition, kam ganz gut klar, wie er ihr sagte. Sein größter Traum war es, einmal nach Italien zu reisen, nach Rom, um genau zu sein und dort im Kolosseum zu sitzen oder über die spanische Treppe zu laufen, es sei ein italienisches Gefühl, wie er sagte.

Als sie erzählte wie eifersüchtig ihr Mann war, sie kontrollierte mit mindestens sechs Kontrollanrufen pro Tag, ahnte er, dass es komplizierter werden könnte zwischen ihnen. Er fragte sie, ob diese Eifersucht schon weitergeführt hätte, da schob sie den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte ihm ein paar blaue Flecken. Er vermöbelt mich manchmal, sagte sie. Dabei kenne ich doch niemanden und habe auch kaum Kontakt. Er verdächtigt jeden und mich am meisten, dass ich ihn betrügen könnte, dass ich fremdgehen könnte. Ja, sagte er, das ist der Fluch der eigenen bösen Tat, der Menschen so werden lässt. Sie meinte allerdings, das sei zu absolut gedacht. Schließlich könne Eifersucht auch daher rühren, dass man verletzt würde, einmal zu oft. Dass man dann das Vertrauen verlöre in den anderen. Er räumte ein, dass dies natürlich auch möglich sei, ob sie ihren Mann in Schutz nehmen wolle? Er spürte, wie Aggression in ihm hochkochte, eine heiße rote Wut auf diesen unbekannten Ehemann, den er noch nie gesehen hatte. Sie zeigte ihm Bilder ihrer Kinder und er bewunderte die Bilder höflich, sagte, dass er die Kinder hübsch fände, obwohl er sie hässlich fand, weil es nicht seine eigenen waren.

Nach einer Stunde traute er sich, seine Hand auf ihre zu legen. Sie hatte sie auf den Tisch gelegt, die Finger leicht zusammengekrampft. Ihre Hand war eiskalt, obwohl es ein warmer Sommertag war. Später gingen sie zu ihm und dann war es doch nicht so, wie er es sich so sehr erhoffte. Sie küsste nicht gern und er schon. Sie legte sich hin und ließ ihn gewähren, zuckte zwischendurch, doch er war sich nicht sicher, ob sie nun wirklich gekommen war oder ihm etwas vormachte. Dennoch war sein Begehren nach wie ungebrochen und nachdem sie sich getrennt hatten, sie in ihre Welt zurückkehrte, träumte er in der Nacht von ihr und davon, dass sie auch ganz anders sein könnte als so, wie sie wirklich war und dass er ihre Gefühle für ihn erweckte.

Sie telefonierten ein paar Mal. Es waren hastige, atemlose Gespräche, immer überschattet von der Möglichkeit, dass ihr Mann versuchen könne anzurufen, um zu kontrollieren, ob sie zu Hause war und brav Mutter und Hausfrau spielte. Es war eine zugegebenermaßen ziemlich verfahrene Kiste und ihm war klar, dass sie wenig bis keine Aussicht auf eine sonstwie geartete Zukunft hatte. Sie sahen sich wieder und wieder machte er sich Hoffnungen, dass sie ihn genauso sehr begehrte wie er sie. Doch er wurde ein weiteres Mal enttäuscht und als sie nach ihrem letzten Zusammensein ihre Nylons hochrollte, über den spitzengesäumten Slip zog, dämmerte ihm das erste Mal, dass er sich wirklich etwas vormachte mit dieser Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, ohne die näheren Umstände um die Verliebtheit herum näher zu kennen.

Dann, nach einem halben Jahr, eröffnete sie ihm in einem letzten Telefonat, dass sie ihn nicht wiedersehen wolle. Er fragte warum und sie blieb ihm die Antwort schuldig, legte einfach auf. Er begann sie zu suchen. In den Bäumen, im Himmel, in Wasserspiegeln. Er träumte jede Nacht von ihren Brüsten und der Weichheit ihrer Scham. Tagelang lief er mit einer Dauererektion herum, von der er sich nicht immer befreien konnte. In der Spedition, in der er arbeitete, verzog er sich auf die Herrentoiletten und wichste schnell und hastig, spritzte ab, um sich zu erleichtern. Es wütete wie ein unseliges Fieber in ihm. Er hoffte, dass die Kollegen es nicht bemerken würden, wenn er manchmal stöhnte, weil er sich sie vorstellte, wenn er seinen Schwanz mit schnellen Auf- und Ab-Bewegungen rieb, immer wieder ihre Brüste, ihre weißen Brüste mit den rosa Spitzen, die sie verbarg unter einem rosengeblümten BH, den er ihr aufhaken durfte. Noch nie hatte eine Frau ihn derart erotisiert. Noch nie hatte er wegen einer Frau derart gelitten, schien es ihm. Die Tage wurden hammerschlaggrau, wie die Maschinen, die er manchmal in den Versandpapieren beschrieb.

Hammerschlaggrau waren auch die Gewissheiten auf eine fehlende Erlösung seiner Qualen. Die alte Frau begegnete ihm am Ententeich, an dem er manchmal nach Feierabend saß und aufs Wasser sah. Wasser beruhigte ihn, sein zuckendes pochendes Herz, sein Verzehren nach ihr. Sie saß einfach nur da, auf dieser Parkbank und las. Er setzte sich eine Bank weiter und drehte sich eine Zigarette. Sie warf Blicke zu ihm und dann fragte sie, ob er unbedingt rauchen müsse? Sie hätte ein Lungenleiden. C.O.P.D., um genau zu sein, sie sei kurzatmig und könne nicht gut Luft bekommen. Entschuldigend senkte sie den Blick. Ich verschimmele von innen, wissen Sie? Es war ihm so gesehen, in diesen Momenten herzlich egal, ob jemand verschimmelte, er zersetzte sich von innen und genau das antwortete er ihr auch. Sie legte den billigen Liebesschundroman von Julia, den sie gerade las zur Seite und fragte höflich, ob sie sich einen Moment zu ihm setzen dürfe. Widerwillig nickte er und legte schweren Herzens seine frisch gedrehte Zigarette zurück in das Päckchen mit dem Tabak. Was rauchen Sie denn? Wollte die alte Dame von ihm wissen. Vanille-Tabak, lächelte er und wunderte sich, dass er lächeln konnte. Mein Mann hat immer Reval geraucht. Die stanken zum Gotteserbarmen, lachte die Frau und ihre Gesicht verzog sich wie das eines Hush-Puppies. Ihre hängenden Backen schwabbelten ein wenig, sie war ziemlich korpulent. Sie wies ihn auf den schönen Tag hin, die Sonnenstrahlen, die über den See wanderten und dann erzählte sie ihm von ihrer Tochter. Sie musste ja unbedingt diesen Safari-Urlaub in Afrika machen, sagte die alte Frau. Allein. Sie wissen schon. Sie wurde ermordet von Wilderern. Ich erfuhr es erst Monate später. Es war schrecklich. Er wollte Mitgefühl empfinden und konnte es nicht. Sein eigenes Herz war hammerschlaggrau. Und was drückt Sie? Fragte die alte Frau neugierig und starrte ihn an.

Erstaunt wandte er ihr sein bislang halb abgewandtes Gesicht gänzlich  zu und entdeckte echtes Interesse in ihren Augen.  Liebeskummer, sagte er, von der übelsten Sorte. Ach, wissen Sie, lachte sie, Liebeskummer ist wie eine Grippe. Das geht vorbei. Es schmerzt eine Weile und dann ist es wieder gut. Erzählen Sie doch mal. Er erzählte. Es sprudelte aus ihm heraus und als er endete, nickte sie mitfühlend mit dem Kopf. Das hat Sie ganz schön erwischt, mein Lieber. Er hasste es wie die Pest, wenn andere „Mein Lieber“ zu ihm sagten. Ich bin nicht Ihr Lieber, sagte er mit belegter Stimme. Die Frau entschuldigte sich, stand auf und warf ein paar Brotkrumen ins Wasser. Dann drehte sie sich zu ihm um und fragte ihn, ob er Kinder habe. Nein, sagte er. Nur Freundinnen, ein paar wenige. Alle Beziehungen zerbrachen und nun sei er bereits seit sieben Jahren auf der Suche nach einer neuen Freundin. Wieder nickte sie und zerkrümelte gedankenverloren das Brot in ihrer Hand, so dass es auf ihre Füße fiel. Ein paar Enten kamen keck heran und balgten sich um die Stücke.

Wissen Sie wie es ist, ein Kind zu überleben? Meine Tochter war mein Ein und Alles. Ich liebte sie so sehr. Genau wie meinen Mann, der ist schon seit zwanzig Jahren tot. Lungenkrebs. Ein klassischer Fall. Ich habe niemanden mehr, lebe dort drüben in einem Altersheim. Der Rest der Familie kümmert sich nicht um mich, hier, die Enten, das sind meine besten Freunde. Und eine der Pflegerinnen im Heim. Das ist ein Goldstück. Sie kauft mir meine Lieblingsschokolade. Noisette. Das ist übrig von meinem Leben. Schokolade und Erinnerungen. Ich hätte so gern Enkel gehabt. Ich hätte mein Kind so gern aufwachsen sehen. Ich hätte so gern meinen Mann an meiner Seite. Eine Träne tropfte aus ihren Augen. Nun heult sie auch noch, Gott hilf mir, dachte er und bot ihr ein Papiertaschentuch an.

Ich bin achtzig Jahre alt und manchmal hoffe ich, der liebe Gott hat mit mir alter Frau ein Einsehen, schniefte sie. Er soll mich zu sich nehmen, endlich zu sich nehmen. Dieses traurige einsamen Leben ertrage ich nicht mehr gut. Ich bin jeden Tag hier am See. Dort finde ich meine Lieben eher als in diesem sterilen Heim. Ich halte die Besucher der anderen nicht gut aus. Doch meine Lungenkrankheit wird schon dafür sorgen, dass ich nicht mehr allzu alt werde. Ich lebe nun schon zwanzig Jahre so. Doch Sie sind noch jung. Bedenken Sie das. Wie alt sind Sie überhaupt? Fünfzig Jahre, sagte er und senkte den Kopf, um sie nicht länger ansehen zu müssen. Er hielt sie kaum noch aus, warum, konnte er nicht sagen. Ich muss jetzt gehen, ich wünsche Ihnen alles Gute. Er machte Anstalten aufzustehen. Sie hielt ihn zurück, umklammerte seinen Arm mit erstaunlich festem Griff. Sie sind noch jung, sagte sie beschwörend. Machen Sie ihr Glück nicht an jemandem fest, der Sie nicht will. Suchen Sie weiter, hören Sie? Versprechen Sie mir das? Er wollte garnichts versprechen, am wenigsten dieser alten Frau, die ihn langsam begann zu nerven. Er bedankte sich höflich für ihren Rat und machte sich auf den Weg in seine leere Wohnung.

Beim Abendbrot kamen ihm plötzlich die Tränen. Er weinte nie. Er schämte sich zu sehr für Tränen, für seine eigenen wie für die anderer. Doch er konnte nichts dagegen tun, dass sie einfach liefen, auf sein mit Senf bestrichenes Wurstbrot tropften, auf die Gurkenscheibchen und sich mit der Remoulade zu einer schlierig-weißen Soße vermischten. Er konnte überhaupt nichts gegen diese Tränen machen und er weinte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Er sah zum stillen Telefon, dachte an sie. Doch etwas in ihm hatte sich verändert. Er konnte noch nicht sagen, wie. Es war, als hätte eine stille Gewissheit seiner Sehnsucht den Platz weggenommen, es war, als hätte sich in ihm etwas davongestohlen, das am Tag vorher noch dagewesen war. Er ging zur Arbeit und brauchte nicht zu wichsen. Alles in ihm war schlaff geworden, genauso wie sein Schwanz. Als er am Abend zum See kam, wusste er nicht genau, was er dort wollte und wunderte sich über sich selbst. Doch die alte Frau war nicht da. Vielleicht war sie schon gegangen oder an diesem Tag nicht gekommen. Er holte sein Päckchen Tabak aus der Tasche und wollte sich eine Zigarette drehen, so wie sonst auch. Doch irgendwie war ihm der Appetit vergangen. Er dachte an verschimmelte Lungen und an Krebs, an lebenserhaltende Maßnahmen und palliative Begleitung und er fühlte sich für so etwas definitiv noch zu jung.

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Take Five

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Ey, was ist mir dir, Mann? Warum liegst du da? Hast du nichts Besseres zu tun? Ayar ist stehengeblieben. Vor ihm auf dem Weg liegt ein Junge, ungefähr in seinem Alter. Er ist übersät von Sommersprossen, seine roten Haare stehen borstig vom Kopf ab. Ayar kennt den Jungen nicht, hat ihn noch nie gesehen. Auf seine Schule geht er auch nicht, dort wäre er ihm längst aufgefallen, wegen der roten leuchtenden Haare. Die Straße flimmert in der Mittagssonne. Es ist sehr heiß, Ayars Stirn ist überzogen von einem feinen Schweißfilm, weil er schnell gelaufen ist, um nach Hause zu kommen. Er ist immer noch völlig außer Atem.

Unschlüssig streicht sich Ayar eine schwarze Kringellocke aus der blassen Stirn und beäugt den Jungen, der sich mit beiden Händen, die Knöchel weiß hervortretend an den Zaunlatten festklammert, während sein seltsam verrenkter und verdrehter Körper zuckt und sich windet, seine Füße ausschlagen ins Leere. Ayar geht in die Knie und versucht eine der verkrampften Hände des Jungen des Jungen vom Zaun zu lösen, doch es gelingt ihm nicht. Irgendwo in einem der Häuser rechts dudelt ein Radio. Doch es ist niemand weit und breit zu sehen, die Straße wirkt wie ausgestorben. Überall sind die Rolläden heruntergelassen. Die Hitze steht.

Ey, Mann, das kannst du nicht bringen hier, das ist ja voll krank! Was soll ich denn machen? Was hast du? Sag schon, Alter! Der Mund des Jungen, öffnet und schließt sich, als wolle er Worte formen, schließlich sieht Ayar zu seinem Entsetzen, wie sich davor weißlicher Schaum bildet.

Ey Alter, ich weiß nicht was ich tun kann, Mann! Sag doch irgendwas!

Ayar beginnt zu schreien. Nicht einfach nur so. Dieses Spaßschreien, was er manchmal macht, wenn er bei den Raufereien seiner Freunde um Hilfe ruft und es lustig findet, wenn niemand kommt. Weil das spannend ist, obwohl das alles ja nur ein Spiel ist: Dieses Raufen und um Gnadewinseln in irgendeinem Schwitzkasten steckend und im Wissen zu schreien, dass die Luft tatsächlich knapp wird. Doch es ist dennoch ein Spiel, bei dem er auch schon aus echtem Schmerz schrie, obwohl er wusste, dass es doch nur seine Kumpel waren, die ihn drangsalierten. Ayar hat in Filmen schon Leute in höchster Panik schreien gehört. Zum Beispiel in Horrorfilmen, die Ayars älterer Bruder ihn manchmal anschauen lässt. Doch das ist nur ein Film, weiß Ayar und auch, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen wirklich laut um Hilfe rufen hörte.

HILFE! brüllt Ayar aus voller Lunge. Seine Hilferufe verhallen zwischen den Miethausfronten mit den vielen Fenstern. Keines öffnet sich, niemand schaut heraus. Es ist auch nirgendwo ein Passant zu sehen, den Ayar um Hilfe hätte bitten können. Nur die alte rote Katze vom Nachbarn überquert langsam die Straße und verschwindet unter einem der geparkten Autos.

HILFE, HILFE, HIER STIRBT JEMAND!

Ayar ist verzweifelt. Er weiß nicht, was er tun soll und der Anfall des Jungen am Zaun wird immer schlimmer, immer heftiger verkrümmt sich der Körper, biegt sich nach hinten, wirft sich wieder nach vorn, verkrümmt bis zum Äußersten. In den nach hinten verdrehten Augen des Jungen, ist nur noch das Weiße erkennbar. Ayar beginnt den zuckenden Jungen vorsichtig zu schütteln. Zwischendurch ruft er immer wieder um Hilfe. Schreit schließlich den rothaarigen Jungen an:

Hör doch auf, Mann, was ist denn mit dir?

Er überlegt wegzulaufen, jemanden zu holen, schiebt dann jedoch den Gedanken wieder beiseite. Was, wenn der Junge in der Zwischenzeit zu sich kommt oder es ihm noch schlechter geht? Mittlerweile ist es Ayar gelungen, eine der völlig verkrampften Hände des Jungen vom Zaun, an den er sich klammert, zu lösen. Die Hand schnellt ab und verkrallt sich dann mit schier unglaublicher Kraft an Ayars Arm, so dass Ayar mitgeschüttelt wird von dem sich hin- und herwerfenden Körper des Jungen. Ayar erinnert sich an das, was sein Vater ihn lehrte, wenn er sich in einer Notsituation befindet:

FEUER! FEUER! Es BRENNT! Schreit Ayar. HIER BRENNT ES! FEUER!

Endlich öffnet sich im Block gegenüber ein abblätterndes Fenster. Das Gesicht einer alten Frau erscheint. Es ist Mittagsruhe, ruft sie quer über die Straße zu Ayar hinüber. Spielt leiser, hier schlafen welche!Ayar schreit zurück, so laut er kann: Dies ist ein Notfall, er hat einen Anfall, irgendwas Komisches, ich glaube, er stirbt, bitte rufen Sie einen Krankenwagen!

Die Frau lehnt sich etwas weiter aus der Fensteröffnung, versucht zu erkennen, was sich abspielt auf der anderen Straßenseite. Dann schließt sie das Fenster und zieht die Gardine vor. Fünf endlose Minuten später sieht Ayar, wie sie aus dem Haus tritt und langsam die Straße überquert. Die alte Frau geht in winzigen Schritten und schiebt einen Rollator vor sich her. Sie trägt einen rosafarbenen Bademantel und komische Hausschuhe mit türkisenen Bommeln. Ihre dünnen weißen Beine sind von Krampfadern übersät. Sie sieht aus, als sei sie geradewegs aus dem Bett gestiegen. Ihre weißen Locken stehen in sämtliche Richtungen wirr vom Kopf ab, den sie beim Gehen leicht vornüberbeugt, was Ayar an den Gang einer Schildkröte erinnert. Wäre alles nicht so dramatisch gewesen, hätte Ayar darüber lachen können, doch so ist er einfach nur froh, jemanden zu sehen, der vielleicht helfen kann.

Er flüstert in die weißen verdrehten Augen des Jungen, zu dem wild hin- und herschlingernden Kopf und den zuckenden Gliedern: Alles wird gut, hörst du, Alter? Du kommst wieder voll in Ordnung, wirst schon sehen! Ist bestimmt nur so ein Anfall, das kommt vor, okay, Mann? Gleich kommt auch ein Arzt. Der kann dir helfen.

Ayar betet zu Allah so fest er kann. Er schwänzt manchmal den Koranunterricht und sein Vater schlägt ihn dann windelweich mit dem Hosengürtel. Doch jetzt erinnert er sich an einige Suren, die er dringend brauchen kann in dieser Situation. Weißer Schaum tropft vom Mund des Jungen auf die Straße. Ayar kann den zuckenden Körper des nicht festhalten, alles an diesem Körper ist Krampf geworden. Er hat so etwas noch nie zuvor gesehen, weiß nicht einmal, ob der andere überhaupt bemerkt, dass er da ist, obwohl die Hand des Jungen immer noch um seinen Arm gekrallt ist. Unendlich langsam kommt die alte Frau näher, quälend langsam, viel zu langsam für Ayars Empfinden.Er flüstert aufgeregt: Da kommt jemand, hörst du? Alter, halte durch! Das machen die in den Filmen auch! Da kommt jemand, der wird uns helfen.

Das sagt Ayar obwohl er mit einem heißen Gefühl im Bauch daran zweifelt, dass diese alte Frau überhaupt helfen kann. So, wie sie aussieht, ist sie selbst halbtot, hoffentlich kann sie wirklich etwas tun, denkt Ayar und versucht weiterhin völlig erfolglos, den zuckenden Körper des Jungen festzuhalten, ruhigzustellen. Er weiß nicht, was er tun soll, also streichelt er beruhigend seinen Rücken. Unbeeindruckt wirft sich der Junge weiter hin und her, verändert sekündlich die Stellung, zieht Grimassen, spuckt weißen Schaum vor Ayars Füße.

Die alte Frau ist inzwischen angekommen bei Ayar und atmet schnell. Sie japst und holt schwer Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, dann bedeutet sie Ayar mit einer Geste ihrer rechten Hand, die sie auf die Brust legt, dass sie zu Atem kommen muss.

Ayar schreit sie an: ER STIRBT! Hoffentlich kann sie ihn auch hören. Alte Leute sind manchmal schwerhörig. Also wiederholt er noch einmal alles, nur vorsichtshalber: HÖREN SIE? HABEN SIE MICH VERSTANDEN? ER STIRBT! WIRBRAUCHEN EINEN KRANKENWAGEN! Das Wort Krankenwagen betont Ayar besonders. Der stirbt so schnell nicht, sagt die Frau zu Ayar. Eher beiläufig, in lockerem Ton: Wie heißt du denn? Meine Güte, ist das heiß heute! Fügt sie noch an und tupft sich mit einem Tempotaschentuch die Stirn ab.

Ayar kann es einfach nicht fassen! Sie will tatsächlich von ihm wissen wie er heißt, während dieser Junge hier im Begriff ist zu sterben, fragt sie tatsächlich nach seinem Namen, als ob das jetzt irgendwie wichtig sei? Er hat mal gehört, dass manche alte Leute komisch werden und nicht mehr richtig denken können. Ayar wird kochend heiß zumute: Was, wenn diese alte Dame vielleicht überhaupt nicht helfen kann? Vielleicht ist sie sogar selbst hilfebedürftig? Tickt nicht mehr richtig, oder so etwas? Ayar schüttelt entmutigt den Kopf. Er weiß nicht, was er tun soll.

Das ist Marko. Die alte Frau hat den Rollator beiseite gestellt und ist neben Ayar in die Hocke gegangen. Vorsichtig und sehr langsam. Er hat einen Anfall. Komm, du, lass mich mal an ihn heran, ich will schauen. Ah, ich sehe, er hat sich an dir festgekrampft, das ist gut, dann ist er beruhigt.

WAAAS? brüllt Ayar außer sich. Was labern Sie da? Der ist beruhigt? Ey, der stirbt! Sie spinnen ja! Sie bleiben jetzt hier und ich hole den Krankenwagen, okay Lady? Ich habe gerade kein Handy, ich muss jemanden suchen, der eins hat…und Sie warten hier auf mich und passen auf.

Haben Sie das verstanden? SIE WARTEN HIER AUF MICH! ICH HOLE EINEN KRANKENWAGEN!

Die alte Frau untersucht kurz den zuckenden Jungen. Sie überprüft, ob er sich irgendwo verletzt hat. Mittlerweile kommt kein weißer Schaum mehr aus seinem Mund und auch die Krämpfe scheinen nachzulassen. Alles ist gut, Marko, sagt sie. Du hast jemanden gefunden, der sich sehr schön um dich kümmert. Gleich ist es vorbei. Wir sagen Mama und Papa Bescheid, ja? Ganz ruhig, Marko, du hast es gleich geschafft? Tapferer Junge! Sie streicht Marko sanft über den Kopf. Gut, sagt sie zu Ayar gewandt, er hat sich nicht gebissen. Das geschieht manchmal. Sie beißen sich auf die Lippen. Du darfst aber nichts dazwischenschieben, hörst du? Das kann die Atmung blockieren. Du hast alles richtig gemacht mit Marko. Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat und krampft, ist das, was er braucht, Berührung und Beruhigung. Öffne mal sein Hemd, da wo es ihn beengt, die obersten Knöpfe, er bekommt nicht gut Luft, siehst du? Mach sie alle auf, damit er atmen kann.

Ayar folgt den Anweisungen der Frau ohne Widerspruch. Du machst es gut, Ayar, lobt sie ihn. Keine Angst, Marko ist gleich wieder der Alte. Diese Krankheit hat er schon, seit er vier Jahre alt ist. Dann ist es mit einem Mal vorbei. Ayar spürt, wie Markos Hand sich entspannt, sein Körper erschlafft, der Atem sich beruhigt und nicht mehr länger unregelmäßig ein- und wieder aussetzt in krampfenden Stößen. Eine Krankheit wie ein Gewitter im Kopf, denkt Ayar. Jetzt scheint die Sonne wieder.

Hei…sagt der Marko auf einmal mit lallender Stimme…hao..bin Mar..o…allis…lar..? Ayar sieht ihn überrascht an. Der kann reden? Heio…macht Marko und versucht dabei zu lächeln, was jedoch noch nicht ganz gelingt, auch die Worte gelingen noch nicht ganz. Marko verzieht vor Anstrengung das Gesicht, als täte ihm jeder einzelne Muskel darin weh. Du bist echt krass, Mann, sagte Ayar, wie heißt das, was du hast? Marko verzieht das Gesicht und sagt etwas, das klingt wie: E..leppie…

Epilepsie meint er, sagt die alte Frau, als sie Ayars fragend hochgezogene Augenbrauen bemerkt. Er kann noch nicht wieder richtig sprechen. Er erinnert sich auch nicht an das, was gerade geschah. Ayar, bring doch Marko gerade nach Hause, er kann gleich wieder aufstehen und gehen, damit würdest du ihm eine Riesenfreude machen und mir auch. Es ist einfach zu heiß zum Laufen für mich alte Frau.

Okay, mach ich. Mit steifen Beinen vom langen Knien steht Ayar langsam auf und hilft der alten Frau ebenfalls hochzukommen. Danke, sagt sie. Ich heiße Magdalena Engelin. Ich wohne hier im Block, im zweiten Obergeschoss oben links. Hausnummer 75. Sie zeigt mit der aufgerichteten linken Hand zwei Finger und dann zeigt sie Ayar beide Hände, einmal mit sieben Fingern und nach einer kurzen Pause noch einmal fünf Finger der linken Hand. Alles klar? Sie lacht. Wenn mal was ist, dann komm ruhig vorbei. Auch, wenn du Fragen zu Marko haben solltest. Er ist ein besonderer Junge. In jeder Beziehung.

Marko versucht inzwischen ungelenk und noch unsicher aufzustehen, zieht sich mit einer Hand am Zaun hoch und hält sich mit der anderen an Ayars Arm fest, bis er schwankend und noch etwas zittrig auf die Füße kommt. Er ist ungefähr einen Kopf größer als Ayar und sehr schlank. Ayar hilft ihm und legte ihm stützend einen Arm um die Hüfte. Wo wohnst du, Alter? fragt er Marko. Marko lässt den Zaun los und winkt mit dem linken Arm die Straße hinunter, gut zweihundert Meter weiter auf einen rosa gestrichenen Block, an dem teilweise der Putz abblättert.

Ayar bemerkt eine helle, ungefähr 10 Zentimeter lange scharf gezackte, an den Rändern wellig aufgeworfene Narbe auf Markos sommersprossenübersätem Unterarm. Er würde Marko gern fragen, wie er zu ihr gekommen ist. Sie sieht eindrucksvoll aus. Marko zeigt Ayar drei Finger der linken Hand und macht eine Kopfbewegung hin zu dem rosa Miet-Block. Ayar fragt: Linkes Obergeschoss, dritte Etage? Marko nickt und hält zwei Finger hoch. Dann grinst er breit und zeigt Ayar erst fünf Finger, dann hält er ihm die offene Handfläche hin. Fragend sieht er Ayar an. Hausnummer 25. Ayar schlägt ein.

Take Five.

Im Spiegel

Liebe Blogleser,

In den letzten Tagen durfte ich sehr kluge Beiträge von Frau Knobloch und Candy Bukowski lesen. Es geht um Herzensentscheidungen und Werte.
Aus dem Kommentar, den ich Frau Knobloch schrieb, da uns alle ein ähnliches Thema umzutreiben scheint, wenn auch mit unterschiedlichen Geschichten dahinter, entstand ein eigenständiger Text.

Frau Knobloch und Candy, es wäre mir eine Freude, wenn ich an dieser Stelle zu Euch hinlinkwinken dürfte- darf ich?
Eure Texte, die Kommentare dazu haben in mir tiefen Eindruck hinterlassen. Ein volles Maß Lebenserfahrung gibt es hier zu entdecken in den vielzähligen Berichten und Gedanken.

http://bittemito.wordpress.com/2014/10/26/ja-oder-ja/

http://candybukowski.com/2014/10/27/think-about-werte/comment-page-1/#comment-3043

Herzliche Grüße
von der Karfunkelfee

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Im Spiegel

Wann immer ich versuchte, mein Herz in den Kopf zu zwingen, scheiterte ich, wann immer ich dachte, ich könne das Tempo, in dem mein Herz zu heilen versucht, vorantreiben, verursachte ich Leid, mir und anderen. Wann immer ich versuchte, mir woanders als in meinem Bauch Absolution für meine Gewissensentscheidungen, meine Moral und meine Selbstzweifel zu holen, bekam ich statt mehr Kraft mehr Variationen eines spekulativen illusionären Themas, doch es machte mich schwerer und nicht leichter, wie ich erhoffte.

Ich dachte, ich könne mich irgendwie schützen vor den Entscheidungen anderer und blieb für mich.
Die Herzensentscheidungen treffen die anderen, die davon betroffen sind, aktiv mit, bewusst und unbewusst, durch ihr Verhalten, das Gesprochene und das, was in ihrem Schweigen verbleibt.

Wir sind Resonanzkörper, Spiegelwesen.
Unsere Gefühle verschleiern manchmal das, was wir nicht gern wahrnehmen wollen und unser Kopf denkt, er hätte alles mit dem Verstand in der Hand.

Wir fühlen ‚Nein‘ und denken dabei ‚Ja‘. Wir fallen aus dem scheinbar vertrauten ‚Wir‘ in das fremdere distanziertere und perspektivisch sich umschauende ‚Du-und-Du‘ zurück. Der ständig hoffende Verstand will Brücken schlagen und kämpft mit der Gewissheit des Herzens, die uns doch schon so lange immer wieder in Zweifeln hinterfragen wollte, auf die zu hören, es so schwer fällt, weil die Erkenntnis schon lange schwarz die Spiegel verhängte und das Erkennen im anderen Augenpaar ein Blick wurde, der nur noch den Schatten der Bewegung aus dem Seitenblick wahrnahm.

Unser Auge ist nicht in der Lage ein wahrhaft scharfes Bild von dem was wir sehen, an das Gehirn weiterzuleiten. Um ein Bild zu erhalten, muss unser Gehirn Details aus früher gespeicherten erinnerten Bildern und Eindrücken zu Hilfe nehmen. So funktioniert unser Sehen.

Warum sollte dies bei der Seele anders sein? Auch sie greift zurück auf die Erinnerungen, um ein schärferes Bild zu zeichnen.

Darum sind wir angewiesen auf unsere Erinnerungen. Sie dienen der Orientierung. Andere funktionieren genauso und was wissen wir wirklich über sie, die anderen?

Was, lassen sie uns sehen? Wie tief muss Vertrauen reichen, damit das Herz, sich selbst annehmen kann, auch wenn es verlassen wird?

Wir sind Spiegelwesen, Resonanzkörper und wir folgen unserer inneren Führung, der unsere Werte voranstehen, die die Richtung vorgeben für den zukünftigen Straßenverlauf.

Wir suchen bei anderen Ähnlichkeit, Synchronschwingungen, weil sie uns in uns selbst stärken, motivieren und glücklich machen wie Kinder, die angenommen und geliebt werden, in dem wie sie sind und für das, was sie sind, lange bevor sie gelernt haben, sich selbst im Spiegel zu erkennen und dabei tatsächlich zu denken, sie sähen ein ganzes Bild von sich.

Herzgewicht in Fleisch

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Ein Kopf, ein Gesicht, ein Lächeln. Vage Vorstellungen von einer Persönlichkeit, geformt aus den wenigen sie beschreibenden Worten, einige davon im Dialog, andere in Texten reflektierend. Als schreibender Mensch empfinde ich Worte sehr tief, vor allem wenn sie eine beredte Sprache sprechen, mich ergänzen, mir Sinn geben. So viel, so tief, so warm und zärtlich können alle Worte sein, sie kleiden sich einfach entsprechend ineinander ein.

Sie können auch schlagen in ein imaginäres Gesicht, von dem der Geist eine Vorstellung ersinnen will. Dann werden sie Schwerter und der geistgewordene Gedanke auf dem Screen flimmert Dir wütend entgegen, in feuerroten Buchstaben, will unbedingt so sein und bildet sich dabei ein, er könne ein Herzgewicht in Fleisch wiegen, als wären die Worte ausreichend, um eine Erinnerung an Präsenz zu pflegen, im Wissen der Erinnerung ruht die geistige Beständigkeit im Wandel der Zeit, denn es war für einen begegnenden Moment vielleicht körperlich geworden und es stand hinter den Worten ein ganzer kompletter Mensch mit Gesichtsausdruck, Gesten, einer Mimik und Zeit, sei es für eine Weile um hinter die Worte zu greifen, die im Vordergrund stehen, schwarz auf weiß, feuerrot oder grau, in allen Gefühlsfarben geschrieben, in Erinnerung geblieben, wenn auch abstrakt, langsam verschwommen, irgendwie ungenau und manchmal verweint, wie etwas Lang Getragenes, nun in den Schrank Verwiesenes, das behütet werden will.

Ich betrachte ein zweidimensionales Bild. Für die dritte, die Dimension von Tiefe, fehlt ihm leider die richtige Schärfe. Es scheint mir ein wenig verwackelt aufgenommen und es zeigt immer noch das Lächeln des Clowns, den Meister aller Mimiken. Doch dieses Bild ist alt, ein Sepiaschimmer, ich lege es lieber weg, sonst zerfällt es immer schlimmer. Das Bild kann ich fortlegen, die Erinnerung an einen echten lebendigen Menschen nicht.

 

 

Gedanken zu Valmont

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wollte dich fragen

wie es kam

dass es

letztlich

eine entartete form

deiner  scham war

die dich umbrachte

obwohl du lachtest

als dein auge brach

du warst entmachtet

mit dir starb

was dir fremd

zu umnachtet

zu stolz

zu eitel war

zu sehr

danach trachtete

sich in erster linie

anderen

dann sich selbst

zu verweigern;

es als sieg

zu verstehen

– dagegen bin ich machtlos -.

homonymes perpetuum

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Vom Gold

weiß Mensch

als Eigenschaft

dass es

dem Schönen hold

dem steten Edlen

die pure Ästhetik

abzollt

mit Gold wird

Beständigkeit

ausgeglückt

es schimmert

in Kronen

in silbernen Haaren

am Arm

am Revers

gewichtet es

unzenschwer

all die Jahre,

die waren

 

In den Zwischenzeiten

gingt Ihr Träume jagen

all die weißen, grünen, rosenen

die festen, die losen

die in den Dimensionen

wie Zielfäden herumschossen

während Leben

um Euch herumflossen

Dämme baute

die Strömung staute

triebt Ihr in den

gemeinsamen Jahren

wie ein verbundenes Schweigen

beredt doch stumm

wenn Eure Köpfe

im Zeitstromtreiben

einander zuneigen

als homonymes perpetuum.

das taktische Schweigen

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schlimmer als schläge

furchtbarer als drohung

nachhaltiger als  folter

beklemmender als ein verlies

gewalttätiger als jedes wort

– dein schweigen –

drückt deine abneigung

gegen mich aus

es ist dir geglückt

dass du mir deine

verachtung zeigst

wie fühlst du dich dabei?

mein leid scheint dir einerlei

du redest mit jedem

bloß nicht mit mir

ich fühle mich

zum stummsein verbannt

abgewandt degradiert

stilisierst du

jedes weitere wort

ohne bestand

zur unüberwindbaren hürde

du nimmst mir meine würde

gibst  mir

zu verstehen

würdest mich

nicht sehen wollen

ich bin dreck

für deinen respekt

alles was war

scheint

in meinem sollen

wegzutreiben

in deinem

taktischen schweigen

deinem mich

zu nichtstunkönnen

verdammenden wegneigen

als sei ich ein geist

von dem du nicht

mehr wissen willst

wie er heißt

du missbrauchst

das schöne schweigen

wenn du mich

damit strafen willst

ich weigere mich

dass du an mir

deine höchstpersönliche

richterpflicht erfüllst

deine erzieherischen

ambitionen stillst

deine erwartungen

zwingenringen

nur dich, nicht mich

angesichts deiner

unheilschwangeren mimik

deinem theatralischen gebaren

drehe ich mich weg

denn das,

was wir einander waren

war auch im schweigen

vertraut und frei

und es konnte sich>

alles sagen.