alma’s ros

starkfrequentes gleichstromrauschen
wasser mäßig
rinnt vom dach  dunkel

es donnert          der baum da

weint sich in düstergrau hinab

in strömen

auch das
trübe
fensterlicht  sprich –

tränen sind der reine tau der seele
in der gosse vergangener liebe.

Vorahnung vor Vorfrühling

50 Liebes-Sonette für Freyja


Numero 14

Dann stelle ich mir vor wie du mit…
nein, das lasse ich besser sein und bleiben.
Das muss ich lieber fein umschreiben.
Dann stelle ich mir also nicht vor wie du mit, 
nein, das wäre zu simpel!
philosophiert der gezierte Gimpel vom Dach.
Er ist sich schon wieder mal zu allein.
Ach!
Also stelle ich mir dich gar nicht vor
sondern lieber die alte Weide im Moor
die nimmt mein Leid
die ist ein mitfühlend Weib.

Ich reich ihr meinen Kummer hin und all den schlimmen schweren Sinn,
da sagt sie fein:
Bleib froh und bescheiden! Stelle dir genau so
dein Allerbestes vor
nur das Schönste soll deine Biegsamkeit lohnen!
Dann, mein kleiner Menschentor,
wird Frieden dir bald innewohnen
und dein Leid geht dich verschonen!
Spricht’s und treibt ein Grün in mich
so frühlingsfrisch!
Da denke ich nicht mehr an dich
mein Kummer ist vom Tisch.

P.S. Ein leiser doch tiefer Dank geht zu einer Muse, die mich durch ihre Eingebung mein Wissen über Weiden intensivieren ließ und mir neue Einblicke brachte. Die daraus entstandenen Poems machten mir viel Freude zu schreiben. Es ist sehr schön, Kontakt zu anderen Künstlern und ihrem Werk zu bekommen und zu pflegen. 

erntedank

Liebe blogfreunde, 

heute inspirierte mich ein Austausch mit Arabella.

Danke. 

Gruß von der Karfunkelfee

 

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 6

 

manche dinge verschwinden

in den strudeln der zeit.

besser,

sich nicht zu sehr an sie zu binden.

das leben hält das neue bereit

für eine weile darin freude zu finden.

 

das weitergeben der freude

leuchtet aus der erinnerung

im lichten geleit der vergangenheit

weit in zukunft hinein.

 

wie kann zukunft sein?

 

am morgenhimmel noch von nacht

glüht

übrig gelassen ein nebelstreif dämmer

so fern schon kaum zu fassen

mehr zu ahnen denn zu wissen

eher schon zu losgelassen

mehr zu danken

denn zu missen

 

des altgeliebten

trauter schein

—-

Zwischentöne


In jedem Sonnensprenkel fand ich Klang und Ton in meiner vagabundierenden Obsession. In losen Klavierfolgen sternte ich die kleinen weißen Blüten wach und sog in der vom Regen gereinigten Luft herb linnenen Schlehenduft wie ein Lächeln auf eine Frage ohne Antwort. Sang dabei dem Ort einen geborgten Morgen, der ein spontanes Zeitfenster in den Ideen von dir schuf und erweckte. Es war mir, als ob dieser vermaledeite Kuckuck mich obendrein auch noch neckend rief, doch vielleicht träumte ich das auch nur. Als schliefe meine innigste Natur im satt getränkten Moos auf einem Stein und wurde zum stecknadelkopfgroßen Bauchgefühl in deinem komplexen Dasein. Meine Seele der Spiegel dieses Sees zu meinen Füßen. Tiefblauer Grund lässt sich von Bachwasser speisen und ineinanderfließen.


Hellgrün das Jung, asiatisches Aquarell führt den Blick zum Quellgrund. Steil und schräg umwalden gold gelaubte Ufer raschelnd grüne Blattpunkte, getupft zwischen Zweige. An diesem Ort neige ich mich hoch zu dir. Und ich vertraue dir an: genau hier starb vor langer Zeit eine Hoffnung, sie ist eine herzliche Erinnerung.


Die Stille dieses Schutzgebietes nordet mich neu ein, sie will mir ein heiliger Kraftort sein. Mir schmutziger Religionsfreier, mir dunkler Lichtfrau. Ich nehme es nicht so genau mit Dogmen. Ich glaube an die Sonnenkraft und daran, dass Licht Leben schafft bis es uns dahinrafft, uns ewig unser Glück im Lebenszweck Suchende. Dieser See liegt vor mir wie ein offenes bewegtes Buch, an diesem besonders beliebigen Tag aufgeschlagen.

Die dicken Karpfen sehen mich am Rande stehen und treiben glasig hoch. Gleich schwarzen Stämmen ziehen sie unter dem Wasser her wie unter einem blank gehämmerten Silbertuch. Es war ein Bild, es stellte dar bewegtes Meer im Kleinen. Dessen Unruhe dämmte mich schließlich ein. Ich wurde eins mit ich und du. Das Licht spielte ruhig mit dem Wind in den Ästen. (Unnötig zu betonen, dass es ein Westwind war, ist klar…) Nur eines wichtig: Ich war dankbar, meine Schwärze in diesen lichten Moment zu gießen, dabei zu wissen, dass er meine große Nacht ganz in sich einspiegeln konnte, weil er groß genug dafür war. So groß, dass sein Helles mein Dunkel überlichtete, meiner Sehnsüchte  Lärm in seiner windigen Stille verwahrte. Manche Momente wie zarte Sonnensprenkel, auf der Wege blühendem Klang. Lose Klavierfolgen in melancholischem Überschwang begleiten meine Schritte, meine vorsichtigen und umsichtigen, doch dabei nachdrücklichen Tritte. Fühle mich blühen, in mir dieses tiefe unablässig dunkelrot heiß sengende Glühen. Minimalistisch klein reduziert im Rotpunkt des ersten Morgenfrühen in seinem leicht melancholischem Beginn in jenem Moment wenn die Sonne aufsteigt. Zeigt sich der Zauber der Zwischentöne in einzeln verklingenden Sonnensprenkeln auf  vertrauten Wegen immer wieder  in scheinbar unwillkürlich gesetzten Akzenten. Da war es wieder das Leben, das mich in seinen schönsten Liedern berührte und umfing. Will sagen, es war erst Tagesbeginn. Im Spiegel des Sees verschwamm friedlich Sinn, Sein und Sorge, das Wasser umspielte meine Füße kühl und sacht. Ich legte alles Gefühl in die Melodie dieses Pianomorgens. Dabei habe ich in mehreren losen Folgen auch an dich gedacht.

——

doch

Liebe Blogfreunde,

Ich weiß, es ist Karfreitag.
Ich mag aber kein trauriges Gedicht posten.
Heute lieber Licht und Herzlyrik.
Für alle, die das gut brauchen können.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

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deine sorgen kann ich dir nicht nehmen
doch deine augen küssen…
deine dunkelheiten kann ich nicht sichten
…doch dich in meinen armen halten

deine wünsche kann ich dir nicht erfüllen
…doch deine heitere idee will ich sein
deine träume von uns
kann ich nicht deuten…

…doch ich habe sie auch

—-

Alien 14 – Tod, Teufel und Turnschuhe

  

Sie benützt Fahrradklammern, damit die Schlaghosenjeans während der Fahrt nicht in die Speichen geraten. Ich komme kaum hinterher, sie fährt wie eine Verrückte. Ihr Fahrradkorb, in den sie die Jacke gelegt hat und obendrauf das pinkfarbene Ringschloss, hüpft während der Fahrt auf und ab. Ich schreie gegen den pfeifenden Wind an: Fahr langsamer, achte die Vorfahrtstraßen! Doch sie lacht nur. Wild, laut und fährt noch schneller als vorher. Mir bricht jetzt der Schweiß aus. Sie tritt mit aller verfügbaren Kraft ihrer vierzehn Jahre in die Pedalen, schwimmt bei den Leistungsschwimmern mit und hat jede Menge Luft in ihren jungen Lungen. Ich kann sie nicht einholen, irgendwann verschwindet sie einfach aus meinem Sichtfeld. Ich suche sie an ihren Orten. Im Park, am Ententeich. Dort ist sie nicht. Im Wald, am Jugendkotten. Der alte Baumstamm liegt verlassen in der Sonne. Ich denke an den Friedhof. Wir hatten uns gestritten. Mal wieder. Wenn wir uns gestritten haben, besucht sie anschließend manchmal den Friedhof. Dort ist sie viel zu oft, finde ich. Aufmerksam suche ich mit den Augen die Straße ab, ob ich ihren langmähnigen Schopf mit den störrischen borstigen Haaren irgendwo leuchten sehe, doch die Straße ist leer. Endlich komme ich am Waldfriedhof an. Ich schiebe mein Rad den breiten Hauptweg entlang. Die Rhododendren und Azaleen blühen. Es ist Frühling, die Vögel singen. Auf dem Friedhof herrscht die eigenartige Stille der Toten. Während ich dem Weg folge, werfe ich Blicke in die Seitenwege, auf die alten moosbewachsenen Grabsteine. Dann biege ich links ab. Dort liegt der alte Kinderfriedhof mit den ungepflegten vergessenen Gräbern. Wie vermutet, steht sie vor Johanns Grab. Sie hat einen Strauß Vergissmeinnicht irgendwo im angrenzenden Wald gepflückt, er liegt auf dem alten verwitterten Grabstein aus grauem Granit, der seine gemeißelte Form schon lange unter dem Zahn der Zeit verloren hat, eher wie ein Findling wirkt. Die drei roten Streifen ihrer Turnschuhe schimmern durch das Grün des ungemähten Rasens. Ihre Messinghaare sehen struppig aus, zerzaust von der wilden Fahrt.

Ich lehne mein Rad gegen eine Bank am Rand des Weges und nähere mich ihr langsam von hinten. Sie sieht mich nicht kommen, steht völlig versunken vor dem kaum erhabenen Erdhügel, der von dem Kindergrab noch übrig geblieben ist. Der Name des Jungen ist kaum noch lesbar auf dem alten Grabstein, die Buchstaben wirken dunkel und verschwommen. Ich komme ihr so nahe, dass ich ihren Teenagergeruch wahrnehmen kann: Eine Mischung aus Schweiß, Jugend und auf Hochtouren arbeitenden Drüsen. Sie riecht nicht wie ein Mädchen. Eher wie ein Junge. Zu viel Testosteron, denke ich beiläufig. Sie trägt nur ein dünnes T-Shirt, unter dem sich das charakteristische Schwimmerkreuz abzeichnet. Dicht hinter ihr bleibe ich stehen. Sie hat mich immer noch nicht bemerkt oder sie will es nicht, das kann ich nicht genau sagen. Ihr Kopf ist gesenkt. Sie weint. Ich sehe Tränen auf das Gras tropfen. Es fällt mir schwer, sie anzusprechen, weil sie so unglücklich ist, doch ich fasse mir ein Herz und versuche es.

Hey, sage ich zu ihr. Hast du den Teufel schlagen können? Sie schüttelt stumm den Kopf. Ich sehe einen Knoten in ihren Haaren. Der wird abends beim Bürsten böse ziepen, das steht schon mal fest. Du warst einfach weg, hast mich hinter dir zurückgelassen, versuche ich erneut ein Gespräch zu beginnen. Doch sie schweigt. Sie hat die Hände vor ihrem Bauch verschlungen, dreht und knetet die Finger. You make me nervous, leave me alone. Sie spricht leise, beinahe tonlos. Warum bist du hier? Was willst du? Ich stelle mich neben sie, so dass ich ihr Profil beobachten kann. Ihr Gesicht ist gezeichnet von schwerer Akne. Sie blüht wie ein Streuselkuchen. Die Haut wirkt braun. Ich weiß, dass dies die dicke Schicht Make-Up ist, die sie sich trotzig jeden Morgen ins Gesicht schmiert, damit man die roten eitrigen Pusteln nicht so sieht. Ich weiß, dass sie sich schämt für ihre Haut. Sie ist kein typisches Mädchen, wirkt eher wie ein langmähniger Junge und doch hat sie etwas an sich, das zutiefst mädchenhaft wirkt. Schließlich wendet sie den Kopf und schaut mir ins Gesicht. Ihre Mimik ist unbewegt und starr, ihre hellen Augen glänzen feucht. Du kannst mir auch nicht helfen. Sagt sie und wendet sich wieder dem Grab zu. Glaubst du, Johann kann dir helfen? Frage ich sie und zeige auf den alten Grabstein, auf den sie den Strauß Vergissmeinnicht abgelegt hat. Sie zeichnen sich überhell blau ab vor dem verwitterten Granit. Er ist seit über vierzig Jahren tot, du besuchst einen toten Jungen. Trotzig schiebt sie ihre Unterlippe vor. Er versteht mich, sagt sie. Ihm kann ich das alles erzählen. Wem könnte ich das sonst erzählen? Er weiß wie es ist, tot zu sein. Er findet mich nicht hässlich wie die anderen. Er findet nicht, dass ich kein Mädchen bin. Ihn stört nicht meine Haut und auch nicht, dass ich oft ernst bin. Ich lese ihm Shakespeare vor. Er lacht mich nicht aus, weil ich auf Beethoven und Mozart stehe, weil ich eigenartig bin, nicht zuzuordnen, anders. Ein pickeliger schwammiger Weißfisch, nicht Junge, nicht Mädchen, irgendetwas anderes. Er spottet nicht, weil ich kein Rad schlagen kann, obwohl ich es immer wieder übe. Er weiß, wie es ist, immer allein zu sein und keine Freunde zu haben. Nicht eingeladen zu werden, wenn Feten gefeiert werden. Immer mit Jungs herumzuhängen, weil die Mädchen nichts von dir wissen wollen. Mit einem uralten Fahrrad herumzufahren, das älter ist als du selbst. Da ist so vieles, das er weiß. Er hatte keinen Mathelehrer, der ihm vor der ganzen Klasse sagte, dass du dumm bist, weil du nicht gut rechnen kannst und die Textaufgaben nicht verstehst. Er weiß auch nicht wie es ist, hinter den anderen herzurennen und zu versuchen wie sie zu sein, irgendwie normal. Doch er hinterfragt es nicht, so wie du es tust und alle anderen. Er hört mir irgendwie zu, obwohl er tot ist oder genau deswegen. Er ist so alt wie ich, lies die Inschrift. Er hat es hinter sich, dieses beschissene Leben. Wie lange muss ich leben? Kannst du mir das sagen? Wie lange noch muss ich das aushalten? Diese Einsamkeit, diese Fragen, dieses ganze Anderssein? Das Gemiedenwerden. Das Tuscheln hinter dem Rücken, wenn ich vorbeigehe. Das Lachen, wenn ich versage. Ich wollte, ich wäre tot.

Sie tut mir entsetzlich Leid. Ich kann sie verstehen und trete noch etwas näher an sie heran. Sie ist wie eine personifizierte Negation, dermaßen körperlich, dass allein ihre Ausstrahlung, ihre Präsenz wie eine geballte Abwehr wirkt. Fass mich nicht an! Zischt sie mich mit blitzenden Augen an. Ich stinke. Ständig stinke ich! Dieses Scheiß-Pubertät! Ich hasse sie! Ich hasse mich und dich hasse ich auch! Doch sie kann mich nicht schrecken, wie die anderen, die sie durch ihre Heftigkeit oft verjagt. Ich kenne ihre Ausbrüche, ihre ungeheure Wut auf das Leben und die Welt wie sie ist und ich kann sie verstehen, obwohl ich nicht Johann, der tote Junge bin. Das sage ich ihr. Die Pubertät wird vergehen, füge ich hinzu. Die Einsamkeit nicht. Du wirst einsam bleiben. Immer. Es gibt Menschen, die einfach so sind. Ich kann dir nicht sagen, warum es so ist. Sie sind wie Aliens. Sie verunsichern die anderen manchmal, eben weil sie anders sind. Mädchen im Teenageralter sind albern, kichern viel. Bei allen spielen die Hormone verrückt, nicht nur bei dir. Doch du hattest in deiner Genetik besonders viel Pech. Bei dir schwankte der Hormonhaushalt wie ein Wackelaugustin hin und her. Im Augenblick hast du zu viele männliche Hormone und ein paar Jahre später flippen deine Östrogene aus. Es wird lange dauern, bis es sich eingependelt hat. Viel länger als bei den anderen. Alles dauert bei dir viel länger. Das ganze große Erwachsenwerden. Weil du ein Mädchen bist und die Kommunikation brauchst und weil du leider auch wie ein Junge bist und ziemlich analytisch und lösungsorientiert zu denken pflegst. Damit jagst du den Mädchen Angst ein, weil du wie ein Typ denken kannst und den Jungs, weil du eben auch ein Mädchen bist und romantisch bis unter den Haaransatz. Das kann niemand wirklich einordnen. Verstehst du? Du bist kein Schubladenmädchen, du passt nirgendwo hinein! Jetzt und noch lange wird ein großes, ein riesiges Durcheinander in dir herrschen. Niemand wird dir dabei helfen können, das zu sortieren. Dein trockener und morbider Humor kann dir helfen, dir ein dickeres Fell wachsen zu lassen. Irgendwann wirst du feststellen, dass du den anderen voraus hast, was sie später im Alter vielleicht sehr bitter lernen müssen: Alleinsein zu können.

Alleinsein ist etwas, das du par excellence beherrscht. Weil du es von Kind auf lernen musstest, das auszuhalten, obwohl du dir dein Leben lang etwas anderes gewünscht hast. Du hast wenige Freunde, sehr wenige. Diese jedoch sind verlässlich und sie verzeihen dir, dass du ein Mensch bist, der immer wieder zu sich selbst die Nähe suchen muss, um sie den Freunden wiedergeben zu können. Selbst, wenn das bedeutet, dass du dich manchmal ganz zurückziehen musst.

Nun weint sie richtig. Sie schüttelt sich wie ein junger Hund und ich kann sehen, wie sie sich verzweifelt versucht, gegen diese Aussichten zu wehren. Wie soll das denn weitergehen? Schreit sie schließlich. Soll ich eine Einsiedlerin werden? Mein Leben lang unglücklich? Die anderen immer nur aus der Ferne betrachten? Wissend, dass sie mich ablehnen, weil ich bin wie ich bin? Kummer und Einsamkeit haben einen besonderen Geruch. Diesen kann ich jetzt bei ihr wahrnehmen. Es ist eine spezielle Mischung, die kaum zu beschreiben ist. Doch ich habe sie schon bei vielen Menschen gerochen, die zutiefst unglücklich waren. Ich streichele sanft, etwas unbeholfen über ihren Rücken. Du bist ganz schön stark, sage ich. Das wirst du bleiben. Du wirst an manchen Stellen deines Herzens eisenhart werden, eine echte Amazone. Doch auch eine weiche Frau. Die zeigst du anfangs nicht jedem. Lerne, es zu vereinen. In den richtigen Momenten hart zu sein, wenn Härte gebraucht wird. Denn da draußen ist die Wildbahn und es gibt in ihr jede Menge echter Arschlöcher. Gedankenlosigkeit, Berechnung und Falschheit kannst du immer nur Härte entgegensetzen. Du wirst lernen, es zu erkennen, wenn jemand dir etwas vormacht. Doch dir werden auch genügend ehrliche Leute begegnen, bei denen du weich sein darfst und ihnen das zeigen, das noch in dir ist. Die anderen lässt du vor deine Fassade knallen bis sie sich an dir die Zähne ausschlagen. Lerne! Mein Griff in ihr weiches verschwitztes weißes Fleisch wird härter. Es geht darum zu überleben! Verstehst du nicht? Das da draußen ist kein Zuckerschlecken, kein Picknick! Du bist geil nach Wissen, weil du weißt, dass du damit schlagfertiger wirst. Denen gegenüber, die meinen, dich fertigmachen zu können, weil sie glauben, dass du Frau gleich Opfer bist. Beiß sie weg! Fahre ihnen weg! Auch denen, die meinen, dass sie dich einfach vergessen können, obwohl du alles tatest, um ihnen eine Freundin zu sein. Vergessen ist die härteste Strafe, die du jemanden antun kannst. Vergessen werden will niemand. Lerne, dein Herz zu zähmen, doch zähme es nur für dich selbst. Bei den anderen darf es ruhig undomestiziert, wild und frei sein und bei denen, bei denen es sein muss, lass dein Herz der böse Wolf sein.

Sie schaut mich an. Der Wind kühlt mild und lau unseren Schweiß. Ich habe mich in Rage geredet. Sie lächelt tatsächlich unter ihren vielen Pickeln. Ich habe so viele Fehler, sagt sie leise. Was mache ich damit? Ich ziehe sie an mich heran und nun rieche ich das andere in ihr, das, was ein Mädchen ist, durch und durch. Irgendwie blumig und süß. Haben andere keine Fehler? Frage ich sie. Schau sie dir an, diese Welt. In ihrer ganzen Oberflächlichkeit und all dem Hype, der um alles Mögliche veranstaltet wird. Wer dich sucht, akzeptiert dich auch so wie du bist. Vielleicht freut er sich, wenn du an dir arbeitest und versuchst, dich besser zu machen, wenn du lernst, mitmenschlicher zu werden. Doch verbieg dich bloß nicht mehr und krieche um Gottes willen niemandem mehr in den Arsch. Schon gar nicht denen, die meinen, dass sie selbst ohne Fehl und Tadel seien. Und davon gibt es mehr auf der Welt als Grashalme hier auf diesem alten Kinderfriedhof. Frag deinen Johann! Er war vierzehn als er starb, noch nicht mal ganz vierzehn und er wurde auch vergessen, schau dir sein Grab an. Das ist doch der wahre Grund, warum du ihn besuchst. Es ist jener tiefe Wunsch, nicht vergessen zu werden von der vergesslichen gedankenlosen Welt. Nicht eingeebnet zu werden, weil du überflüssig bist wie ein altes Kindergrab mit einem Jungen, von dem du nicht einmal weißt, warum er damals in den Dreißigern starb. Für immer und ewig, lautet die Inschrift auf dem Stein. Du hast sie ernst genommen.

Weiß er es wohl, dass ich hier stehe? So oft, so lange und Blumen bringe? Ich lächele und ordne die wilde Mähne auf ihrem Rücken. Klar, antworte ich. Tote wissen alles. Sie hören alles, sie sind um uns. Er freut sich, dass du da bist. Er hat dich oft getröstet, still, in der besonderen Art und Weise, wie es Toten zu eigen ist. Ohne groß Worte zu machen. Einfach durch das Gefühl, dass sie sich freuen, wenn du an sie denkst. Sie sind Geister. Nun gehen wir, ja? Wir machen eine Reise durch die Zeit und du wirst sehen, dass manches bleibt, wie es immer war. Der Duft blühender Azaleen und der Geruch frischgemähten Grases, in das du dich gern legst. Manches wird auch anders sein. Die Welt ist lauter geworden als sie damals war. Du wirst oft die Stille deiner Jugend vermissen. Es wird mehr Autos geben und noch viel mehr Oberflächlichkeit. Doch wenn du zum Himmel schaust, wirst du die alten Sterne sehen. Sie haben sich in der kurzen Zeit nicht verändert und manchmal wirst du dort deine geliebte Stille finden im kosmischen Atemanhalten und Lauschen. Nun ist sie weich geworden, sie lässt ihre Schultern hängen. Ich sehe, wie sie in ihrer Jugend nach innen blutet, ohne dass es jemand bemerkt. Sie geht langsam zu ihrem Fahrrad, das sie an eine Föhre gelehnt hat. Eine alte hellblaue NSU, wird schon lange nicht mehr gebaut. Es gehörte ihrer Tante. Ihr Großvater hatte es ihr wieder hergerichtet, die Fichtel & Sachs-Gangschaltung repariert, die Kette geölt. Mein Bergamont-Trekking-Rad wartet an der alten verwitterten Bank. Ich grinse sie an. Weißt du eigentlich, was du für ein geiles Fahrrad hast? Es ist antik! Es ist inzwischen eine echte Rarität, das war es schon, als du es bekamst. Und du bist allen, auch den Jungens auf ihren tollen Rennrädern damit weggefahren. Was glaubst du, wie sehr du diese eingebildeten Typen damit geärgert und beeindruckt hast. Ist dir das klar? Sie steigt auf ohne sich anmerken zu lassen, ob sie gehört hat, was ich sagte. Dann tritt sie in die Pedalen. Ich muss mich gewaltig anstrengen, um ihr hinterherzukommen und ich staune, wie frei und gelassen sie jetzt schon wirkt, sobald sie auf ihrem uralten Fahrrad sitzt und mal wieder den Teufel schlägt. Ich denke, auch das, sollte ich ihr bei passender Gelegenheit unbedingt mal sagen.