ABC-Etüden: Nereidenfarben

Liebe blogfreunde,

Textstaub lässt mich nicht los. Ein Text, der durch einige blogfreunde mitinspiriert wurde. 

Ich verarbeitete so verknappt wie möglich mehr als drei abc-wörter, doch nicht alle, zum Beispiel gefielen mir die Backerbsen hier drin nicht und ich baute meine gestnächtliche Wanderey durch die fensterklappernde Wind-Nacht mit ein. 

Einige Beiträge von heute Morgen flossen ein in meinen Text. Hier die Links zu den Beiträgen, die mich zu diesem Text verlockten:

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/19/schreibeinladung-abc-etueden-kuerzestgeschichten-textwoche-8-17-mit-neuen-woertern-hinten-dran/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/17/abc-etueden-kw-7-17-worte-koenigin-backerbsen-korallenriff-die-inszenierung/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/12/schreibeinladung-abc-etueden-kw-7-17-worte-by-margarete-helminger/

Kata-Strophen No. 5 / abc-Etüden (der Buchgeist und der Schokoladenengel)

https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/02/21/coolsein-war-gestern/

https://wildgans.wordpress.com/2017/02/21/wort-des-tages-21-februar-2/

https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2017/02/19/fading-2/
Ich wünsche Euch viel Lesefreude.

Hans Christian Andersen hat leider keinen blog, doch ich bedanke mich auch bei seinem Geist für die große Fülle, die er in mir hinterlässt.

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Es ist ein Trugschluss zu glauben, es höre jemals auf. Untröstlich bleibt so manches: die goldene Hochzeit niemals erleben zu können, weil zu viele Träume gewaltsam mit dem Recht der ersten Nacht entjungfert wurden. Klar können sie nach wilden verschwitzten Nächten mit Schokolade besänftigt werden. Doch wie lange hält das vor? Nicht einmal eine Buchseite lang. Kein Wort kann die kosmische Kälte der Nächte erfassen. Kein Stern ist weit genug entfernt um die Vergeblichkeit dieses Lichtes zu beschreiben.
Die Bücher waren in einem unruhigen Wellengang in lauter Leerzeichnungen untergegangen und dafür blähte sich ein Angstmond auf. Im Wald wieder Knalleffekte, Störgeräusche und dann das tropfende Schweigen der erbeuteten Geduld, mit der dünnes Blut in kleinen Pfützen auf dem Küchenboden herumschwimmt. Zu spät die Scherbe gesehen, das Trümmerstück des alten Spiegels, ein Schmerzgesicht zuletzt. 
Vergeblich zum Schrank zu gehen mit dem nur schlampig verbundenen Fuß, das sammetwilde Meerjungfrauengrüne Maulbeerseidene herauszukramen und sich wie eine Königin die Korallenkette der Mutter um den Hals zu legen, sie dabei heimlich zu fragen, warum immer noch den Frauen wenn sie lieben wollen, die Sprache fehlt als hätten sie abgeschnittene Zungen und warum ihnen bei jedem Schritt ihr Gefühl wie tausend Messer in die Füße fahren muss. Dann blutet der Fuß wieder los. Diese untröstliche Wunde verweigert einfach die Heilung. Der Raum schmeckt metallisch nereidenfarben. Sie  zerrinnt darin. Korallenrot.

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Der reine kalte Duft von Schnee

Liebe blogfreunde,

Heute beflügelte mich textstaub. Es gibt so Texte…
…Du sowas Leises und Feingewirktes liest und denkst: Oh, ja. Bitte davon mehr. Danke sehr.

Liebe Grüße von der Fee✨

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Da ist die Nähe der verbliebenen Dinge, bemalt mit den zärtlichen Körperlauten, stofflich wie zwischen feine Wäsche gelegt. Als hätten die Dinge den Nachhall, das Glühen kerngespeichert. Sind sie die Trophäen möglichster Nahbarkeit, die Fangstücke gemeinsamer Jagden und der Trost zurück gelassener Einsamkeit, wenn sich das alles allein wieder in die Leere trennen muss wie zigfach zerfasert und wirbelnd in die kalte Nacht der Nichtigkeit. Viel schwebend Leicht verdichtet sich zur schweren Masse der Dinge.

Sie haben aufgehört ein leises abgekehrtes Leben führen zu wollen und sengen heiß vertraut hinter Augen. Unlöschbar gierig verbrennen sie die Haut und duften dabei so laut. Sie erscheinen beliebig berührbar im Unmaß ihrer ständigen Verfügbarkeit. Sachte fallen die lieblichen Dinge und beginnen den vereisenden See schweigend in verschlungenen Spuren zu bedecken mit der weißen Asche, dem Rückstand der Nähe, verführt vom reinen kalten Duft von Schnee.

Ganz leise über Nacht

50 Liebes-Sonette für Freyja:

 

ist sommer gegangen

unaufhörlich weiter

aus grünen blättern

verfremdet  gelb in

weiteren distanzen

*

an der bushaltestelle

stehen menschen

griesgrämig grau

gedrückt klein

unbeweglich im regen

*

kommen nebelzeiten

kommt überzeitiges

in  neue traumsaison

still wartet will

worte fließen

richtung oktobergold

suchende gedanken:

herz zieh dich wärmer an!

*

komm an…

leise über nacht

in zärtlichem

gibt nur zu verlieren

was noch nicht einmal war

*

ganz leise über nacht

bleibt frühling treu

an nächstjährigem

dieses versprechen

lockt süß verlangend

im letzten sommerheu

*

kommt tod

sperrt was vorher begehbar

leert was voll

ernüchtert was toll

flüchtet ausleben

um haaresbreite

zoll um zoll

bricht augen

tötet  blind

bis immerdunkel

lang novemberschatten

abendsonnenstrahlen

ein letztes mal atmen

*

ganz leise über nacht

not sich wiegend

mit  zweifel

haut an haut

um das gewicht

von tautropfen

aus dunkleren gründen

pfuhlt sich ein

stellt uhren

gemächlich

schon mal

eine stunde nach

fragt sich wie lange

wie oft die zeiger

noch unruhig um ihre mitte

wandernd

schatten kreisen tanzen werfen

zusammen mit dem andern

 

fragt: wie tief wird wann mein eigenes grab

ausgehoben werden um alles was ich war

zutiefst mit scham und erde zu bedecken?

aschener november dämmert asphalten

am gestrigen horizont herauf

*

ganz leise über nacht

in verschlafenem grau

zusammengerafft was geliebt blieb

überschrieben mit

edelrotem blutblau

bis zum nächsten großen übermut

im sprung anlanden

im ungewissen

nichts für verzagte

dauernd nur

um ihr ständig sterbendes behakt

wird der herbst lang?

wer erkennt seiner

morbider schönheit

wehen klang in

seinem welken unterschwang

*

noch zu lebendig für ein requiem

doch schon zu tot für

hoffnungsvollen frühlingsklang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fatum Atem

 

Verwunschenes Gefühl. Herbstglut im Blut. 

  
 Entlaubtes Herz vorm vom Licht enteigneten Himmel. Warme alte Seelen an den Händen haltend. 

  
Vertraute Stimmen, hoch die Wege. Wiegend gegangen, wild wie ein Tier. Schritt für Schritt steil voran. In fließender Mitte. 

  
Ruht auch die Angst in den schwarzen Tannen. vorm letztem Licht. Kein Zagen, kein Bangen. Siehst mich nicht.
  
Im lezten Stück ein Kleingeist Dunkelheit mich neigt. Weigere mich schweigend im Fatum meines schnelleren Atems.

  Finde die alten Wege im Berg immer. Springe bergab mit der Kraft der Kindheit. Zeit rast sich im Duft der Erde überholend an mir vorbei. Ein Blatt weht vom Baum, verendet vor meinen Füßen. Gelbzackig süß, unendlich frei zu sein was es will. Ich halte im Lauf inne, stehe still. Nehme es auf und streichele ihm den Tod aus den Adern. Tadele es sanft. Wer wird denn hadern?   
Vergängliche Wunden heilen von innen nach außen in steter Bewegung. Inniges regeneriert unaufhaltsam in jeder Regung Bist du mit dir allein wissend. Ein Nächster grüßt, hat dich gesehen. 
  

Wie tote Blätter vor Füße wehen. 

  

Zufällige Anordnung

  
Dann die behutsame Flucht. Alles was dazugehört, einfach alles. Entsprechend den Tageszeiten gibt es immer mal wieder ein abstraktes Finden scheinbarer Ähnlichkeiten. Schwer zu vergessen, was einmal grüne Blätter trug. Die leere Fortbewegung während des Stillstands in Akzeptanz zu loten und in den Grenzen erinnerter Stille nach Gemeinsamkeiten neu zu vermessen. Schräg verlaufend die tiefen Laufmaschen alter Räderspuren. Nichts, was sich ändern könnte von hier nach dort. Mitten auf einer grünen Wiese die Eigendynamik eines sich fortsetzenden Gefühls. Langsam verschwinden ohne sich zu bewegen, verloren im Weitergehen, Schritt für Schritt. Landschaften im Kopf, die in Schatten treiben, als gäbe es sie nicht mehr außerhalb davon und wenn, würden sie nicht wiedererkannt. 

Tageslicht fällt durch Maschen von Grün. Der missverständliche Geruch der Wiese. Jeder Halm ein Wort zuviel. Das abwesende Geräusch einer Stimme, die sich zum nackten Flüstern entblößt. Zu bekleideten Lauten fehlt ihr die Kraft. Es wäre entschieden zu viel. Was wäre noch glaubhaft, außer dass alles am Ende nichts genutzt hat? Gleich neuen Puppen treiben heute an silbernen Fäden kleinste Spinnen durch warme Straßen, feinziseliert wie vertrautes Glück. Unter dem trockenen Atem später Sommertage glüht keine Aussicht auf baldige Besserung. Es ist kurz nach Ladenschluss, die Sprache ist leicht wie der Tod, ein unausrottbares Elend hinter vertrockneten Augen. Die Mühsal einer weiteren Nacht wächst in schwarzer Farbe hinauf, sie treibt ein dunkles Meer zwischen alles was einmal war. 

Es bietet sich an, heiter weiterzuleben, belanglos, bis eine neue Stunde die Abendglocken schlägt. Im Stundenglas der Erinnerung das entgangene Trugbild, ein Positiv der Schatten. Meinetwegen das Unglück ausgeworfener Köder, vielleicht Rosen, die auf der Zunge zergehen wie Schnee. Das Wort zu Ende gedacht, bis es sich in Wasser auflöste und noch während des Schluckens die langen Wege in Pfützen aufweichte, als seien sie aus nichtrostendem Edelstahl. Ein Himmel nach dem anderen mit dem Rasiermesser zerteilt: Was nicht aufhört, was nicht beginnt, in der zufälligen Anordnung eines weiteren Blau im zerteilten Bild.
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Alien 14 – Tod, Teufel und Turnschuhe

  

Sie benützt Fahrradklammern, damit die Schlaghosenjeans während der Fahrt nicht in die Speichen geraten. Ich komme kaum hinterher, sie fährt wie eine Verrückte. Ihr Fahrradkorb, in den sie die Jacke gelegt hat und obendrauf das pinkfarbene Ringschloss, hüpft während der Fahrt auf und ab. Ich schreie gegen den pfeifenden Wind an: Fahr langsamer, achte die Vorfahrtstraßen! Doch sie lacht nur. Wild, laut und fährt noch schneller als vorher. Mir bricht jetzt der Schweiß aus. Sie tritt mit aller verfügbaren Kraft ihrer vierzehn Jahre in die Pedalen, schwimmt bei den Leistungsschwimmern mit und hat jede Menge Luft in ihren jungen Lungen. Ich kann sie nicht einholen, irgendwann verschwindet sie einfach aus meinem Sichtfeld. Ich suche sie an ihren Orten. Im Park, am Ententeich. Dort ist sie nicht. Im Wald, am Jugendkotten. Der alte Baumstamm liegt verlassen in der Sonne. Ich denke an den Friedhof. Wir hatten uns gestritten. Mal wieder. Wenn wir uns gestritten haben, besucht sie anschließend manchmal den Friedhof. Dort ist sie viel zu oft, finde ich. Aufmerksam suche ich mit den Augen die Straße ab, ob ich ihren langmähnigen Schopf mit den störrischen borstigen Haaren irgendwo leuchten sehe, doch die Straße ist leer. Endlich komme ich am Waldfriedhof an. Ich schiebe mein Rad den breiten Hauptweg entlang. Die Rhododendren und Azaleen blühen. Es ist Frühling, die Vögel singen. Auf dem Friedhof herrscht die eigenartige Stille der Toten. Während ich dem Weg folge, werfe ich Blicke in die Seitenwege, auf die alten moosbewachsenen Grabsteine. Dann biege ich links ab. Dort liegt der alte Kinderfriedhof mit den ungepflegten vergessenen Gräbern. Wie vermutet, steht sie vor Johanns Grab. Sie hat einen Strauß Vergissmeinnicht irgendwo im angrenzenden Wald gepflückt, er liegt auf dem alten verwitterten Grabstein aus grauem Granit, der seine gemeißelte Form schon lange unter dem Zahn der Zeit verloren hat, eher wie ein Findling wirkt. Die drei roten Streifen ihrer Turnschuhe schimmern durch das Grün des ungemähten Rasens. Ihre Messinghaare sehen struppig aus, zerzaust von der wilden Fahrt.

Ich lehne mein Rad gegen eine Bank am Rand des Weges und nähere mich ihr langsam von hinten. Sie sieht mich nicht kommen, steht völlig versunken vor dem kaum erhabenen Erdhügel, der von dem Kindergrab noch übrig geblieben ist. Der Name des Jungen ist kaum noch lesbar auf dem alten Grabstein, die Buchstaben wirken dunkel und verschwommen. Ich komme ihr so nahe, dass ich ihren Teenagergeruch wahrnehmen kann: Eine Mischung aus Schweiß, Jugend und auf Hochtouren arbeitenden Drüsen. Sie riecht nicht wie ein Mädchen. Eher wie ein Junge. Zu viel Testosteron, denke ich beiläufig. Sie trägt nur ein dünnes T-Shirt, unter dem sich das charakteristische Schwimmerkreuz abzeichnet. Dicht hinter ihr bleibe ich stehen. Sie hat mich immer noch nicht bemerkt oder sie will es nicht, das kann ich nicht genau sagen. Ihr Kopf ist gesenkt. Sie weint. Ich sehe Tränen auf das Gras tropfen. Es fällt mir schwer, sie anzusprechen, weil sie so unglücklich ist, doch ich fasse mir ein Herz und versuche es.

Hey, sage ich zu ihr. Hast du den Teufel schlagen können? Sie schüttelt stumm den Kopf. Ich sehe einen Knoten in ihren Haaren. Der wird abends beim Bürsten böse ziepen, das steht schon mal fest. Du warst einfach weg, hast mich hinter dir zurückgelassen, versuche ich erneut ein Gespräch zu beginnen. Doch sie schweigt. Sie hat die Hände vor ihrem Bauch verschlungen, dreht und knetet die Finger. You make me nervous, leave me alone. Sie spricht leise, beinahe tonlos. Warum bist du hier? Was willst du? Ich stelle mich neben sie, so dass ich ihr Profil beobachten kann. Ihr Gesicht ist gezeichnet von schwerer Akne. Sie blüht wie ein Streuselkuchen. Die Haut wirkt braun. Ich weiß, dass dies die dicke Schicht Make-Up ist, die sie sich trotzig jeden Morgen ins Gesicht schmiert, damit man die roten eitrigen Pusteln nicht so sieht. Ich weiß, dass sie sich schämt für ihre Haut. Sie ist kein typisches Mädchen, wirkt eher wie ein langmähniger Junge und doch hat sie etwas an sich, das zutiefst mädchenhaft wirkt. Schließlich wendet sie den Kopf und schaut mir ins Gesicht. Ihre Mimik ist unbewegt und starr, ihre hellen Augen glänzen feucht. Du kannst mir auch nicht helfen. Sagt sie und wendet sich wieder dem Grab zu. Glaubst du, Johann kann dir helfen? Frage ich sie und zeige auf den alten Grabstein, auf den sie den Strauß Vergissmeinnicht abgelegt hat. Sie zeichnen sich überhell blau ab vor dem verwitterten Granit. Er ist seit über vierzig Jahren tot, du besuchst einen toten Jungen. Trotzig schiebt sie ihre Unterlippe vor. Er versteht mich, sagt sie. Ihm kann ich das alles erzählen. Wem könnte ich das sonst erzählen? Er weiß wie es ist, tot zu sein. Er findet mich nicht hässlich wie die anderen. Er findet nicht, dass ich kein Mädchen bin. Ihn stört nicht meine Haut und auch nicht, dass ich oft ernst bin. Ich lese ihm Shakespeare vor. Er lacht mich nicht aus, weil ich auf Beethoven und Mozart stehe, weil ich eigenartig bin, nicht zuzuordnen, anders. Ein pickeliger schwammiger Weißfisch, nicht Junge, nicht Mädchen, irgendetwas anderes. Er spottet nicht, weil ich kein Rad schlagen kann, obwohl ich es immer wieder übe. Er weiß, wie es ist, immer allein zu sein und keine Freunde zu haben. Nicht eingeladen zu werden, wenn Feten gefeiert werden. Immer mit Jungs herumzuhängen, weil die Mädchen nichts von dir wissen wollen. Mit einem uralten Fahrrad herumzufahren, das älter ist als du selbst. Da ist so vieles, das er weiß. Er hatte keinen Mathelehrer, der ihm vor der ganzen Klasse sagte, dass du dumm bist, weil du nicht gut rechnen kannst und die Textaufgaben nicht verstehst. Er weiß auch nicht wie es ist, hinter den anderen herzurennen und zu versuchen wie sie zu sein, irgendwie normal. Doch er hinterfragt es nicht, so wie du es tust und alle anderen. Er hört mir irgendwie zu, obwohl er tot ist oder genau deswegen. Er ist so alt wie ich, lies die Inschrift. Er hat es hinter sich, dieses beschissene Leben. Wie lange muss ich leben? Kannst du mir das sagen? Wie lange noch muss ich das aushalten? Diese Einsamkeit, diese Fragen, dieses ganze Anderssein? Das Gemiedenwerden. Das Tuscheln hinter dem Rücken, wenn ich vorbeigehe. Das Lachen, wenn ich versage. Ich wollte, ich wäre tot.

Sie tut mir entsetzlich Leid. Ich kann sie verstehen und trete noch etwas näher an sie heran. Sie ist wie eine personifizierte Negation, dermaßen körperlich, dass allein ihre Ausstrahlung, ihre Präsenz wie eine geballte Abwehr wirkt. Fass mich nicht an! Zischt sie mich mit blitzenden Augen an. Ich stinke. Ständig stinke ich! Dieses Scheiß-Pubertät! Ich hasse sie! Ich hasse mich und dich hasse ich auch! Doch sie kann mich nicht schrecken, wie die anderen, die sie durch ihre Heftigkeit oft verjagt. Ich kenne ihre Ausbrüche, ihre ungeheure Wut auf das Leben und die Welt wie sie ist und ich kann sie verstehen, obwohl ich nicht Johann, der tote Junge bin. Das sage ich ihr. Die Pubertät wird vergehen, füge ich hinzu. Die Einsamkeit nicht. Du wirst einsam bleiben. Immer. Es gibt Menschen, die einfach so sind. Ich kann dir nicht sagen, warum es so ist. Sie sind wie Aliens. Sie verunsichern die anderen manchmal, eben weil sie anders sind. Mädchen im Teenageralter sind albern, kichern viel. Bei allen spielen die Hormone verrückt, nicht nur bei dir. Doch du hattest in deiner Genetik besonders viel Pech. Bei dir schwankte der Hormonhaushalt wie ein Wackelaugustin hin und her. Im Augenblick hast du zu viele männliche Hormone und ein paar Jahre später flippen deine Östrogene aus. Es wird lange dauern, bis es sich eingependelt hat. Viel länger als bei den anderen. Alles dauert bei dir viel länger. Das ganze große Erwachsenwerden. Weil du ein Mädchen bist und die Kommunikation brauchst und weil du leider auch wie ein Junge bist und ziemlich analytisch und lösungsorientiert zu denken pflegst. Damit jagst du den Mädchen Angst ein, weil du wie ein Typ denken kannst und den Jungs, weil du eben auch ein Mädchen bist und romantisch bis unter den Haaransatz. Das kann niemand wirklich einordnen. Verstehst du? Du bist kein Schubladenmädchen, du passt nirgendwo hinein! Jetzt und noch lange wird ein großes, ein riesiges Durcheinander in dir herrschen. Niemand wird dir dabei helfen können, das zu sortieren. Dein trockener und morbider Humor kann dir helfen, dir ein dickeres Fell wachsen zu lassen. Irgendwann wirst du feststellen, dass du den anderen voraus hast, was sie später im Alter vielleicht sehr bitter lernen müssen: Alleinsein zu können.

Alleinsein ist etwas, das du par excellence beherrscht. Weil du es von Kind auf lernen musstest, das auszuhalten, obwohl du dir dein Leben lang etwas anderes gewünscht hast. Du hast wenige Freunde, sehr wenige. Diese jedoch sind verlässlich und sie verzeihen dir, dass du ein Mensch bist, der immer wieder zu sich selbst die Nähe suchen muss, um sie den Freunden wiedergeben zu können. Selbst, wenn das bedeutet, dass du dich manchmal ganz zurückziehen musst.

Nun weint sie richtig. Sie schüttelt sich wie ein junger Hund und ich kann sehen, wie sie sich verzweifelt versucht, gegen diese Aussichten zu wehren. Wie soll das denn weitergehen? Schreit sie schließlich. Soll ich eine Einsiedlerin werden? Mein Leben lang unglücklich? Die anderen immer nur aus der Ferne betrachten? Wissend, dass sie mich ablehnen, weil ich bin wie ich bin? Kummer und Einsamkeit haben einen besonderen Geruch. Diesen kann ich jetzt bei ihr wahrnehmen. Es ist eine spezielle Mischung, die kaum zu beschreiben ist. Doch ich habe sie schon bei vielen Menschen gerochen, die zutiefst unglücklich waren. Ich streichele sanft, etwas unbeholfen über ihren Rücken. Du bist ganz schön stark, sage ich. Das wirst du bleiben. Du wirst an manchen Stellen deines Herzens eisenhart werden, eine echte Amazone. Doch auch eine weiche Frau. Die zeigst du anfangs nicht jedem. Lerne, es zu vereinen. In den richtigen Momenten hart zu sein, wenn Härte gebraucht wird. Denn da draußen ist die Wildbahn und es gibt in ihr jede Menge echter Arschlöcher. Gedankenlosigkeit, Berechnung und Falschheit kannst du immer nur Härte entgegensetzen. Du wirst lernen, es zu erkennen, wenn jemand dir etwas vormacht. Doch dir werden auch genügend ehrliche Leute begegnen, bei denen du weich sein darfst und ihnen das zeigen, das noch in dir ist. Die anderen lässt du vor deine Fassade knallen bis sie sich an dir die Zähne ausschlagen. Lerne! Mein Griff in ihr weiches verschwitztes weißes Fleisch wird härter. Es geht darum zu überleben! Verstehst du nicht? Das da draußen ist kein Zuckerschlecken, kein Picknick! Du bist geil nach Wissen, weil du weißt, dass du damit schlagfertiger wirst. Denen gegenüber, die meinen, dich fertigmachen zu können, weil sie glauben, dass du Frau gleich Opfer bist. Beiß sie weg! Fahre ihnen weg! Auch denen, die meinen, dass sie dich einfach vergessen können, obwohl du alles tatest, um ihnen eine Freundin zu sein. Vergessen ist die härteste Strafe, die du jemanden antun kannst. Vergessen werden will niemand. Lerne, dein Herz zu zähmen, doch zähme es nur für dich selbst. Bei den anderen darf es ruhig undomestiziert, wild und frei sein und bei denen, bei denen es sein muss, lass dein Herz der böse Wolf sein.

Sie schaut mich an. Der Wind kühlt mild und lau unseren Schweiß. Ich habe mich in Rage geredet. Sie lächelt tatsächlich unter ihren vielen Pickeln. Ich habe so viele Fehler, sagt sie leise. Was mache ich damit? Ich ziehe sie an mich heran und nun rieche ich das andere in ihr, das, was ein Mädchen ist, durch und durch. Irgendwie blumig und süß. Haben andere keine Fehler? Frage ich sie. Schau sie dir an, diese Welt. In ihrer ganzen Oberflächlichkeit und all dem Hype, der um alles Mögliche veranstaltet wird. Wer dich sucht, akzeptiert dich auch so wie du bist. Vielleicht freut er sich, wenn du an dir arbeitest und versuchst, dich besser zu machen, wenn du lernst, mitmenschlicher zu werden. Doch verbieg dich bloß nicht mehr und krieche um Gottes willen niemandem mehr in den Arsch. Schon gar nicht denen, die meinen, dass sie selbst ohne Fehl und Tadel seien. Und davon gibt es mehr auf der Welt als Grashalme hier auf diesem alten Kinderfriedhof. Frag deinen Johann! Er war vierzehn als er starb, noch nicht mal ganz vierzehn und er wurde auch vergessen, schau dir sein Grab an. Das ist doch der wahre Grund, warum du ihn besuchst. Es ist jener tiefe Wunsch, nicht vergessen zu werden von der vergesslichen gedankenlosen Welt. Nicht eingeebnet zu werden, weil du überflüssig bist wie ein altes Kindergrab mit einem Jungen, von dem du nicht einmal weißt, warum er damals in den Dreißigern starb. Für immer und ewig, lautet die Inschrift auf dem Stein. Du hast sie ernst genommen.

Weiß er es wohl, dass ich hier stehe? So oft, so lange und Blumen bringe? Ich lächele und ordne die wilde Mähne auf ihrem Rücken. Klar, antworte ich. Tote wissen alles. Sie hören alles, sie sind um uns. Er freut sich, dass du da bist. Er hat dich oft getröstet, still, in der besonderen Art und Weise, wie es Toten zu eigen ist. Ohne groß Worte zu machen. Einfach durch das Gefühl, dass sie sich freuen, wenn du an sie denkst. Sie sind Geister. Nun gehen wir, ja? Wir machen eine Reise durch die Zeit und du wirst sehen, dass manches bleibt, wie es immer war. Der Duft blühender Azaleen und der Geruch frischgemähten Grases, in das du dich gern legst. Manches wird auch anders sein. Die Welt ist lauter geworden als sie damals war. Du wirst oft die Stille deiner Jugend vermissen. Es wird mehr Autos geben und noch viel mehr Oberflächlichkeit. Doch wenn du zum Himmel schaust, wirst du die alten Sterne sehen. Sie haben sich in der kurzen Zeit nicht verändert und manchmal wirst du dort deine geliebte Stille finden im kosmischen Atemanhalten und Lauschen. Nun ist sie weich geworden, sie lässt ihre Schultern hängen. Ich sehe, wie sie in ihrer Jugend nach innen blutet, ohne dass es jemand bemerkt. Sie geht langsam zu ihrem Fahrrad, das sie an eine Föhre gelehnt hat. Eine alte hellblaue NSU, wird schon lange nicht mehr gebaut. Es gehörte ihrer Tante. Ihr Großvater hatte es ihr wieder hergerichtet, die Fichtel & Sachs-Gangschaltung repariert, die Kette geölt. Mein Bergamont-Trekking-Rad wartet an der alten verwitterten Bank. Ich grinse sie an. Weißt du eigentlich, was du für ein geiles Fahrrad hast? Es ist antik! Es ist inzwischen eine echte Rarität, das war es schon, als du es bekamst. Und du bist allen, auch den Jungens auf ihren tollen Rennrädern damit weggefahren. Was glaubst du, wie sehr du diese eingebildeten Typen damit geärgert und beeindruckt hast. Ist dir das klar? Sie steigt auf ohne sich anmerken zu lassen, ob sie gehört hat, was ich sagte. Dann tritt sie in die Pedalen. Ich muss mich gewaltig anstrengen, um ihr hinterherzukommen und ich staune, wie frei und gelassen sie jetzt schon wirkt, sobald sie auf ihrem uralten Fahrrad sitzt und mal wieder den Teufel schlägt. Ich denke, auch das, sollte ich ihr bei passender Gelegenheit unbedingt mal sagen.

Aus den Geist(er)geschichten: Überland

  
Der Geist war leicht verstaubt. Er schien mich vorwurfsvoll anzuschauen, spitzreifig, schwarzlenkrig. Na, Piratin? Schien er zu fragen, während ich versuchte ihn zu ignorieren und das ‚R‘ in Entrrada meiner Spanisch-Lektion besonders hartnäckig rollte. Cuenta corrriente! Herrschte ich ihn grollend an. Kam ein leises ‚Pling‘ aus einer der scharfen Schwertspeichen? Ich könnte mich auch getäuscht haben.

Nada, Nietzschewo, philosophierte ich mit einem skeptischen Blick in die Wolken vorm Fenster. Volcarse, das heißt stürzen! Schnappte ich und wirbelte ein paar Staubflusen dabei auf. Chocar, alles klar? Ballerte ich hinterher und tigerte unruhig auf und ab. Sag nicht Lusche zu mir, Du Drahtesel! Schimpfte ich. Usche… wisperten leise die Speichen als Echo. Uschi? Intonierte ich, Uschi, mach kein Quatsch! Leises Lachen, natürlich nur in meinem Kopf. Stephan Sulke war schon ulkig.

  
Draußen schien mittlerweile die Sonne. Schönes Wetter draußen, Rennradwetter! Hörte ich den schwarzen Schatten hinter mir sehnsüchtig flüstern. Gegenwind, jede Menge davon! Konterte ich etwas lahm. Gegenwind formt den Charakter, schien es zu entgegnen. Autos, die sind pöse! Jammerte ich. Leises Lachen hinter mir? Ich fragte mich, ob ich langsam durchdrehte, schnappte mir die Straßen-Karte und suchte eine Route. Los doch! Hörte ich es wieder hinter mir. Entrada, esta un dìa marivilloso! Dominarse el carrera! Das Metallding hinter mir grinste. Ich halluzinierte fröhlich weiter und setzte probehalber die Brille auf. Flocht wie in Trance die langen Haare in einen strammen Zopf, stülpte den Helm auf und stand ein paar Minuten lang unschlüssig in der Gegend herum. Soy solo! Siempre solo.. Flüsterte ich kläglich und leise und hörte etwas, das klang wie: olé! Ich stieg wie aufgezogen in meine Radhose und pellte mich in das enge Blümchentrikot. Zog die Handschuhe an, füllte die Wasserpulle auf. Alles mechanisch, der Geist steuerte mich fern! Zog die Schuhe an. Jetzt wirst Du entstaubt, sagte ich zum Geist. Der lachte mich ja doch aus! Die Speichen klongten leise als ich ihn schulterte und durchs Treppenhaus ein paar Stockwerke tiefer trug.

  
Vor der Tür empfing uns der laue Wind, ein vager Fliederduft aus einem der Gärten. Es packte mich. Ich stieg auf und fuhr durch die Wohnsiedlung auf die Landstraße. Den völlig kaputten unbefahrbaren Radweg ignorierte ich und wurde gleich beim Abbiegen von einem freundlich hupenden Autofahrer mit dreißig Zentimeter Notabstand euphorisch begrüßt. Ich brüllte ihm ein zackiges: Arschloch und Pajero! hinterher, obwohl er kein Auto dieser Marke fuhr, sondern einen verbeulten Fiat Punto. Auch noch in Rot. Glatt zum Rotsehen war dieser Affe. 

  
Dann ging es weiter. Kleine Straßen über Land, wenig bis keine Autos. Dafür lauter alte Männer, die spazieren gingen und mein strahlendes Tausendwattlächeln winkend erwiderten. Ein anderer Renner setzte sich vor mich, dem ich mich solange an die Fersen heftete, bis er wieder woanders abbog. Er drehte sich kurz um und verabschiedete sich freundlich von mir. Schade, dachte ich. Es macht viel mehr Spaß zu zweit. Ich ratterte einen Waldweg im Stand entlang und fuhr langsam an einer Krähe vorbei. Sie sah mich durchdringend an. Was heißt Piep auf Spanisch? flüsterte ich ihr zu. Sie krächzte irgend etwas als Antwort auf Krähisch und machte in ein paar zierlich hüpfenden Vogelschritten den Weg frei, so dass ich sie langsam überholen konnte.

Straße frei, flüsterte ich und lachte leise, als ich an Herrn Ärmel dachte. Auf dem Weg nach Verl kam mir eine munter quatschende Rennradtruppe entgegen. Ich schaute ihnen etwas sehnsüchtig hinterher und schlug mich zwischen die Felder.

  
Gerüche streiften meine Nase: Heckenrosen, berauschend, Gülle, erbärmlich stinkend, Waldwürze. Kein Geräusch, nur der Wind in den Bäumen, im Korn. Steht schon hoch, das Korn, sagte ich zum Geist und drückte ein Tränchen aus der Erinnerung beiseite, beschleunigte, Straße frei, vierzig, tückischer Seitenwind,ich beschleunigte, Spurt…fünfzig…herrliches leichtes Gefühl…hohe Konzentration…ich lachte in den pfeifenden Fahrtwind und legte mich so flach wie möglich auf den Lenker. Am Marterl mit dem blühenden Rhododendron machte ich Pinkelpause, soff die halbe Pulle leer und setzte mich an den Feldrand. Ich träumte ein wenig vor mich hin, der Geist lag mit sandigen Reifen neben mir. Ich streichelte selbstvergessen das schwarzmatte Gestänge. 
Dann weiter mit den Wolken treiben, das Blut voller Samba, Tango im Kopf, die Sinne unbeschwert.

  
Die Sonne kam heraus, Heuduft kitzelte meine Nase. Sofort kam mir ungehörig Verschwenderisches in den Sinn bei derart dekadenter Grasessüße. Heuduft erotisiert mich bis zum Äußersten. Ich trieb weiter über Land, suchte immer neue Wege, bis ich zum Schluss den einen wählte, der mich wieder nach Hause fand.Nun ist erst mal Ruhe. Bis zum nächsten günstigen Wind, dann bin ich schon wieder drei Spanisch-Lektionen weiter. Sehr gut, lobte mich meine App.Wer bei diesem Wetter drinnen bleibt, der ist ein Depp!Der Geist parkt vorerst halbwegs zufriedengestellt vor der alten katalonischen Truhe mit den sieben Mönchen. Vorerst…