Die Ausnahme von der Regel

Für C.

Da war diese Sache mit dem Friedhof. Ich war ein dreizehn Jahre altes büchervernarrtes Kind. In den Sommerferien durfte ich zu meiner Großmutter in den Norden Bielefelds, das Ravensberger Hügelland, nach Schildesche fahren.  Darauf freute ich mich genauso sehr wie auf die gemeinsamen Urlaube mit meiner Familie. Es war ein heißer langer Sommer gewesen und die Schulferien endeten spät. Opa war mal wieder auf einer seiner langen Reisen in Amerika verschollen. Dort besuchte er seine jüdischen Freunde. Wenn mein Großvater aus dem Haus war, tanzten meine Großmutter und ich buchstäblich auf dem Tisch wie die Mäuse. Denn er schwang mit hochherrschaftlichem Patriarchismus sein Zepter im Haus und wehe, das Mittagessen stand nicht pünktlich Schlag Mittag auf dem Tisch! Doch wenn er nicht da war, wurde meine Großmutter ein anderer Mensch. Obwohl sie die Sechzig schon weit hinter sich gelassen hatte, erschien sie mir sehr jugendlich, voller Leichtigkeit. Wenn mein Großvater abwesend war, fiel der hausfrauliche Pflichtdruck von ihren Schultern ab und sie mutierte von einer Großmutter zu einer echten Blutsschwester vereint mit mir im Geiste in der Anarchie der Herzensgüte. Wir standen morgens nicht um acht Uhr, sondern erst um zehn Uhr auf. Wir ließen das Frühstück ausfallen und gammelten mit einem Berg Bücher und Strickkram in himmlischem Chaos um uns herum verteilt auf dem Sofa im Arbeitszimmer herum und löffelten Grapefruits, bedeckt von einer zentimeterdicken Schicht Traubenzucker. Wir liefen zum Gigant, einem nahen Supermarkt und kauften lauter unnützes schönes Zeug für so wenig Geld wie möglich. Wenn das der Opa wüsste, brummte Großmutter unheilschwanger. Doch er weiß es nicht! rief ich und hüpkerte extra hoch. Nachmittags trieben wir es noch viel doller. Je öller, je döller, freute sich meine Großmutter gern und zerrte mich auf den Sportplatz. Schau dir nur mal diese gut trainierten Sportlerwaden an, schwärmte sie und senkte schamvoll wie ein junges Mädel die Augen. Ich interessierte mich zu dieser Zeit keinen Funken hoch für Fussballerbeine und fand das Gestüt mit den schönen Pferden auf der anderen Seite der Straße kurz vor dem Viadukt, weitaus reizvoller. Wir liefen in das Viadukt und sangen zwischen die Hallen der altehrwürdigen Römer-Steine: Wer ist der Bürgermeister von Wesel? Eseleselesel…..hallte es zurück. Im Schnatermann, dem angrenzenden Wald mit den Bombentrichtern suchten wir Pilze, Hallimasch und Kremplinge, brieten sie in einer gusseisernen Pfanne mit Speck, Zwiebeln und viel Petersilie in Butter. Aßen nur Brot dazu und fanden ansonsten unvollständige Mahlzeiten wie gebratene Tomaten mit Käse einfach himmlisch.

Ich war ein nachtaktives Kind. Oft las ich bis in die Puppen irgendein Buch. Du bist eine Bücherfresserin, meinte Großmutter und präsentierte mir gleich stapelweise ihre neuesten Errungenschaften aus der Bücherei, die in der Gesamtschule Schildesche untergebracht ist. Ständig schleppte sie etwas Neues an. Besonders gern las sie asiatische Literatur, sie hatte viele Bücher von Pearl S. Buck, die ich allesamt verschlang. Lin Yu-Tang mit seiner dreibändigen Abhandlung über Peking langweilte mich, als ich es später las, vielleicht war ich noch zu jung. Ich brauchte noch das Schwelgerische, das Überbordende, die unfassbar schwebende Romantik zarter Bambusgärten. Sie schimpfte nie mit mir, wenn ich lange aufblieb und stundenlang las. Hauptsache, ich hatte genügend Licht. Sie sagte mir einmal, dass sie mehr Angst davor haben würde, dass ich heimlich unter der Bettdecke mit unzureichendem Taschenlampenlicht meine Augen verderben würde als zu wissen, dass ich lese und aber mit ausreichendem Licht. Denk immer an Deine Augen, schütze sie gut, mahnte sie.

Eines Nachts konnte ich mal wieder nicht einschlafen. Ich tigerte mit einem Buch in der Hand in meinem Zimmer herum, ihrem Arbeitszimmer und alles machte mich verrückt: das Licht der Straßenlaterne, das durch die Gardinen ins Zimmer fiel. Die Scheinwerfer der Autos, die die Tapete schrägstreiften. Die obskuren Konturen der alten Fernsehantenne auf dem Schrank mit den Handtüchern. Sogar das leise Rauschen der endlos langen Güterzüge in der Ferne auf dem Viadukt in der Nacht, ein Geräusch, das mich sonst immer müde und geborgen machte. Irgendwann klopfte es an der Tür und sie kam herein. Nu, Steffel, kannst du auch nicht schlafen? Ich schüttelte den Kopf, etwas schuldbewusst, weil ich wusste, dass ich längst im Bett hätte liegen müssen. Das „Bett“ war eine Doppel-Liegecouch zum Auseinanderklappen. Mein Großvater hatte sie selbst gepolstert und bezogen. Die Sitzkissen waren stramm gefüllt mit Rosshaar und auf so einem Teil zu liegen bedeutete, dass man sich nicht zu sehr bewegen durfte, weil die Sofakissen Mini-Trampolins waren. Ständig kugelte ich von einer Seite zur anderen in die Mitte des Dings und landete folglich in der Gästeritze, in der ich dann festgequetscht hing wie eine Sardine in der Büchse. Ich fand dieses Sofa schrecklich und dennoch konnte ich irgendwie darauf schlafen. Wir hatten ein zusammengerolltes Handtuch in die Gästeritze gestopft. Das machte zwar jeden Abend Arbeit, doch es lohnte sich, denn von da an schlief ich weitaus besser.

Mehr zu schaffen machte mir die Helligkeit in dem Raum. Für einen guten Schlaf brauchte ich schon immer möglichst viel Dunkelheit um mich herum. Was machen wir denn jetzt? Ich kann nämlich auch nicht schlafen?, fragte mich meine Großmutter. Sie sah ordentlich zerzaust auf dem Kopf aus, ihre ansonsten stets ordentlich ondulierten von wenigen weißen Silberfäden durchzogenen tiefschwarzen  Locken standen in alle Richtungen ab. Nun begann sie obendrein darin herumzuwühlen, was die Sache nicht besser machte. In ihrem rüschenbesetzten Schlafanzug wirkte sie ein wenig wie ein weiblicher Clown oder wie ein kleines altes Mädchen. Sie lächelte verschmitzt und ihre dunklen Augen glänzten. Hast du Lust auf ein kleines Abenteuer? Ihre Silhouette, nur wenig größer als ich es war, stand schwarz im Türrahmen. Na, keine Frage! Natürlich hatte ich Lust auf ein kleines Abenteuer. Ich wäre auch mitgegegangen, wenn sie mir eröffnet hätte, sie wolle in dieser Nacht nach Australien trampen um endlich einmal ein Känguru zu sehen. Ich wollte mir meinen Schlafanzug ausziehen, doch sie winkte ab. Wie bitte? Ich dachte, ich höre nicht richtig! Sie wollte im Schlafanzug vor die Tür? Ich riss die Augen auf. Das passte überhaupt nicht zu ihr. Sie war eine echte Lady. Sie ging grundsätzlich nur vollständig und ordentlich bekleidet vor die Haustür. Alles andere machten nur leichte Mädchen und Polinnen, war ihre Auffassung. Mit den Polinnen hatte sie es allerdings. Das war wirklich ein rotes Tuch. Sie mochte keine Polinnen. Es war etwas Übrig gebliebenes aus dem Krieg. Als Polen Schlesien besetzte, wurde sie zur Dienstmagd im eigenen Haus, denn die neuen Herren setzten ihr eine neue Familie ins Haus und forderten sie auf, schnellstmöglich zu gehen. Anfangs musste sie mit ihrem Besteck und ihren Tellern fremden Frauen dienen, die eben Polinnen waren und mit vollem Siegerstolz Großmutters Haus in Beschlag nahmen und sich von hinten und vorn nicht nehmen ließen sie zu demütigen wie und wo sie es nur konnten. Sie war eine stolze Frau mit italienischem Blut. Leidenschaftliche Menschen wie sie einer war, vergessen Demütigungen niemals und obwohl sie später, als sie älter wurde versuchte, diesen alten Hass zu begraben, weil ich ihr jedes Mal widersprach und den Polinnen dieser Welt Lanzen brach, gelang es ihr nie ganz. Ich habe ihr dies  sehr gut verzeihen können, weil ich mir vorstellen kann, wie hart es ist, das eigene Haus von anderen besetzt zu wissen und nichts dagegen unternehmen zu können. Sie war ein Opfer des Krieges, in jeder Beziehung, die man sich nur vorstellen kann, doch sie konnte darüber sprechen, das tat ihr gut. In mir fand sie eine jederzeit willige Zuhörerin, denn mich faszinieren bis heute die Geschichten aus der Zeit des letzten Weltkrieges und wie Menschen es schafften ihn zu überleben, obwohl das was sie erlebten, so viel war, dass es mich immer wieder staunen lässt, wie viel Grauen sie schafften zu überleben, vor allem auch die Frauen dieses Krieges, die allein, mit nichts außer ihren Kindern und weniger Habe eine lange Flucht ins Ungewisse ohne ihre Männer antreten mussten. Meine Großmutter bewahrte sich über alledem ihre jugendliche Unbeschwertheit bis sie starb. Viel zu stark war ihre Sehnsucht nach einem aktiven und schönen Leben, viel zu jung war ihr Herz trotz alledem geblieben. Sie hatte sich meine Strick-Jacke über den Arm gehängt. Ich wusste als Backfisch schon sehr genau, wann es gut war etwas näher zu hinterfragen und wann es ratsamer ist, einfach die Klappe zu halten in diesen gewissen Momenten.

Ich wusste, dass mir hier gerade das Leben etwas vorzaubern wollte, also fragte ich nach gar nichts mehr. Ich nahm meine Strickjacke und zog sie schnell über. Großmutter wickelte sich in ihren Trenchcoat. Ich sah auf meine Füße, die in Stoff-Puschen steckten. Großmutter sah auf ihre Füße, die in Lammfell-Puschen steckten. Dann hob sie den Kopf, grinste mich breit an, zückte eine Taschenlampe und marschierte forsch vorweg die Treppe abwärts. Im schwachen Licht der Lampe konnte ich erkennen, dass ihre schwarzen Augen blitzten und funkelten wie zwei blank geputzte Taler. Wir traten vor die Haustür und eine laue Augustnacht umfing uns sanft. Kurz nach Elf war kein Mensch mehr auf der Straße, die Straßenlaternen beleuchteten matt die Häuserfronten, die Luft roch noch leicht nach dem Regen, der nachmittags gefallen war. Die Hängebirke vor dem Haus hatte erste gelblich-schwarz gesprenkelte kleine Blätter auf die Wiese im Vorgarten gestreut und in der Luft lag jene Vorahnung künftiger Frische, die das bevorstehende Ende des Sommers ankündigt. Wir nahmen uns an den Händen und liefen in Puschen die Straße hoch. Am Kindergarten gingen wir rechts Richtung Park. Meine Großmutter zog sich die Puschen aus und lief barfuß weiter. Komm, Steffel, das ist gut für die Durchblutung, sagt Kneipp! Ich tat es ihr gleich und genoss das Gefühl des Grases und Untergrundes an meinen Füßen. Wir hielten auf den Friedhof zu. Himmel, meine Großmutter wollte mit mir zur Geisterstunde auf den Friedhof! Immer wieder schaute ich sie an. Irgend etwas strahlte aus ihr heraus, ich kann heute immer noch nicht sagen, was es war. Wir liefen schweigend über die Wiese. Der Duft schlafender Bäume streifte mich, ihr Nachtgeruch, wenn sie sich abends beginnen zusammenzufalten. Im Vorbeigehen berührten meine Finger weiche Gräser, dorniges Brombeergestrüpp, eine Brennessel und immer wieder auch die raurindigen Baumstämme. Zeitweise schloss ich die Augen und konzentrierte mich nur noch auf meine fühlenden Sinne. Wir erreichten den Friedhof und sofort veränderte sich der Geruch der Umgebung, wurde schwarz, schwer und satt. Meine kindliche Phantasie mochte sich nicht ausmalen, von was diese Erde so dermaßen satt war (weil sie Menschen fraß und in Erde verwandelte durch unzählige Helferchen wie Würmer, Maden und solche Dinge) und warum die Büsche, die Blumen und alles, was darauf wuchs, irgendwie besser gedüngt und prächtiger wirkte als die übliche Parkbepflanzung. Auch haben Friedhöfe jenen speziellen Geruch, den ich kaum beschreiben kann, der ihnen jedoch so sehr zueigen ist wie jener seltsame Zwang zur Entschleunigung und Ruhe, die sie ebenfalls ausstrahlen. Vielleicht liegt es am Geist dieser Orte. Dort überwiegen traurige Gefühle, als hätte mit den dort zur Ruhe gegebenen Leibern der gesamte Ort die Vergänglichkeit zusammengefasst in einer einzigen schwarzen langen Schwingung. So wirken alle Friedhöfe dieser Welt schon seit jeher auf mich.

Wir betraten den Friedhof denkbar unangemessen gekleidet, doch Großmutter sagte, dass vor dem Tod jeder nackt sei und dass die Toten keinerlei Scham kennen würden. Wir flüsterten nur noch miteinander. Vor ehrwürdigen Familiengräbern mit monumentalen Steinen und Einfassungen blieben wir stehen und beleuchteten mit unseren Taschenlampen die Namen. Wir setzten uns auf eine Bank. Der Mond war etwas herausgekommen und gab eher indirektes und diffuses Licht, projiziierte Schattenwürfe von Büschen auf den Weg. Meine Großmutter wollte wissen, ob ich Angst haben würde, hier, in der Geisterstunde auf dem Friedhof, in bettfertiger Ausstattung. Ich überlegte, ob ich irgendwo in mir Angst finden würde. Dann betrachtete ich nachdenklich die Grabsteine. Dann erzählte ich ihr wie oft ich auf dem Friedhof im Wald sei, mit meinem Fahrrad. Dass ich dort friedlich würde und ruhig. Sie wurde nachdenklich und sagte mir dann, dass ihr das gar nicht gut gefiele. Ein junges Mädchen solle nicht so viel Zeit mit den Toten verbringen, das wäre nicht gut. Sie kannte mein Problem, Freunde zu finden oder gesellig zu sein. Ein Nachtvogel begann zu singen. Wir sprachen über Gustav Meyrink und den Golem. Sie wollte von mir wissen, ob ich an so etwas glauben würde, ob es das wirklich gäbe? Für was ich es halten würde? Es fiel mir schwer, darauf eine Antwort zu finden. Schließlich fand ich ein Arbeitsbild und benannte den Golem als die Angst der Menschen vor Liebe. Ich fand, dass der Golem eine zutiefst bemitleidenswerte Figur sei. So wie Shelley Winters Frankenstein, der uns auch immer wieder unglaublichsten Gesprächsstoff über die Jahre lieferte. Da meinte meine Großmutter, dass ich jetzt reif sei für Poe. Doch erst musstest du den Golem lesen und ihn verstehen, sagte sie. Und erst musste ich mit dir auf den Friedhof um dich zu prüfen. Denn Edgar Allan Poe ist besonders und auch noch anders als Gustav Meyrink, das wirst du schnell bemerken. Er hat in seinen Erzählungen und Gedichten die tiefsten Ängste des Menschen ausgesprochen und Realität werden lassen. Er war krank. Seine Literatur kann Menschen, die nicht stark genug sind, ihn zu verstehen, die nicht angstfrei sind, sehr ängstigen und bei Dir muss ich mit so etwas vorsichtig sein. Denn du bist noch sehr jung und hast schon vieles gelesen, was noch gar nicht für so junge Augen bestimmt ist. Andererseits stellst du mir viele Fragen nach dem Tod, das Thema lässt dich nicht los und deswegen solltest du Edgar Allan Poe lesen, denn der verstand etwas von der Angst vor dem Tod. Seine allergrößte Angst war es, lebendig begraben zu werden. Er litt als Mensch sehr darunter und Du wirst viele Geschichten finden, die sich um diese Ur-Angst des Menschen drehen.

Ich sog die Nachtluft ein und stellte mir vor, der Golem käme plötzlich und unerwartet um die Ecke. Oder der junge Mann mit dem teigigen weißen Gesicht, als lebten Larven darin und ich schüttelte mich, meinen Rücken überzog ein Gänsehautschauer. Du gruselst dich ja doch, rief Oma begeistert und vergaß einen Moment lang respektvoll und leise auf dem Friedhof kurz vor Zwölf in der Geisterstunde zu sein. Wenn du wüsstest, dachte ich und spürte, wie meine Ohren sich rot aufsteigend erhitzten. Wir blieben noch ein wenig auf der Bank sitzen und schwiegen. Ich zerfloss. Anders kann ich es nicht beschreiben, dieses Gefühl, in einen Moment zu fließen, der zufrieden ist mit dem blanken Dasein. Es gibt in meiner Kindheit unzählige Momente, die so waren, doch oft sind sie so kurz und klein, eine winzig bemessene Zeitspanne in all dieser üblichen Lebenszeit, dass sie wie Sternschnuppen am Augusthimmel verglühen. Ein Quantum Sternasche der erfüllten Wünsche und Träume. Vor den Mond waren Wolken gezogen und die Leuchtziffern meiner Armbanduhr zeigten fünf Minuten bis zur Geisterstunde. Meine Großmutter erhob sich langsam und etwas steif. Sie streckte sich, nahm ihre Puschen und trat auf dem Wiesenstreifen neben dem Hauptweg den Rückmarsch an. Ich gesellte mich zu ihr. Hörst du diese Ruhe?, wollte sie wissen. Ich kickte einen Tannenzapfen mit dem Fuß vor mir her und nickte mit dem Kopf. Plötzlich stolperte ich über etwas und machte einen regelrechten Satz. Meine Großmutter war ein Stück vorausgelaufen. Sie hörte mich leise fluchen, weil mein großer Zeh verdammt weh tat und fragte, ob mir etwas passiert sei. Der Teufel höchstselbst ritt mich, es musste an der mitternächtlichen Stunde liegen. Ich flüsterte so laut wie möglich, dass ich über einen Knochen gestolpert sei und fragte, ob sie hier in letzter Zeit wohl Gräber umgebettet hätten? Meine Großmutter sagte kein einziges Wort, sondern begann zu rennen, als sei sie ein Scherenschleifer. Ich konnte gar nicht so schnell hinterherkommen wie sie rannte. Im Nu war sie aus meinem Blick entschwunden und ich lief breit grinsend langsam hinterher. Natürlich entschuldigte ich mich für den miesen Scherz auf Kosten der Toten und bereute tatsächlich zutiefst, dass ich meinen Schabernack mit ihnen getrieben hatte um meiner lebenserfahrenen Großmutter einen tüchtigen Schrecken einzujagen. Doch ich freute mich diebisch dabei, das muss ich ehrlich gestehen. Im Park holte ich meine Großmutter ein. Sie hielt sich etwas atemlos die Brust und keuchte. Du hattest es ja ganz schön eilig plötzlich, legte ich immer noch flüsternd los. Sie sah mich bestürzt und entsetzt an. Das war doch nicht wirklich ein Knochen, über den du da auf dem Friedhof gestolpert bist, oder? Ich schüttelte den Kopf. Natürlich nicht, ich habe dich doch nur vergackeiert. Oh, das wirst du mir büßen, schimpfte sie erleichtert los. Du böses böses Kind! Mir ist vor lauter Schreck das Herz fast stehengeblieben! Haben Tote Humor? fragte ich mich im Laufe der Jahre und nach dem ausgiebigen Konsum von Edgar Allan Poe in schriftlicher und vertonter Form ein ums andere Mal. Heute, als erwachsener Mensch, bin ich mir ziemlich sicher, dass Tote Humor haben und zwar jede Menge davon. Anders wäre das Totseinmüssen doch gar nicht auszuhalten, oder? Meine Großmutter wollte mir gegenüber nicht zugeben, dass ich sie tatsächlich in Panik versetzt hatte. Ich drang jedoch auch nicht darauf. Dazu hatte ich viel zu viel Spaß an der Sache und ließ ihr nur zu gern ihr dreimal wiederholtes Argument, sie habe lediglich etwas schneller vorlaufen wollen, weil ich wieder einmal herumgetrödelt habe.

Wir fassten uns an den Händen und liefen nach Hause. Ich kroch endlich einmal müde und dankbar schlafen zu können, auf mein improvisiertes Bett und schlief bis zum nächsten Morgen durch wie eine Tote. Meine Großmutter verbot mir, meinen Eltern von unserem nächtlichen Ausflug zu erzählen. Großmütter und ihre Enkel dürfen, nein müssen sogar unbedingt Geheimnisse miteinander teilen, die Eltern auf keinen Fall nicht wissen dürfen, begründete sie ihren dringlichen Wunsch. Es fiel mir sehr leicht, ihn zu beherzigen. Nur dank ihr hatte ich diese fantastischen und abenteuerlichen Erlebnisse. Sie bot mir Spannung und vor allem den literarischen Austausch, den ich mir wünschte. Ich liebte sie nicht dafür, dass sie mir Regeln und Grenzen gab, sondern dafür, dass sie sie außer Kraft setzte und das scheinbar Unmögliche möglich werden ließ. Meine Großmutter war meine Ausnahme von der Regel.

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Zwischenruf aus der Sommerfrische

Bald ist Midsun, die Mittsommerwende, ging es mir durch den Kopf. Einen Balkon tiefer brüllt das Baby und ein Mann hält schreiend dagegen. Lauer Sommerwind in Bäumen. Die Stimmen schweigen, ich lausche dem Wind und summe ein altes Kinderlied um die Wut da unter mir zu lindern. Es duftet nach Heckenrosen und Lavendel. Das Baby unter mir legt wieder los. Es ist ein russisches Baby, doch sein Schreien spricht noch alle Sprachen der Welt. Das versteht jeder. Nun schlägt diehohe Stimme in ein rasselndes Crescendo um, treibt mir in kläglichsten, dennoch hellroten Dissonanzen den Schweiß auf die Stirn. Ich will losrennen, der evolutionäre Drang einem Menschenkind in Not zu helfen wird überstark. Ich singe etwas lauter. Summe vor mich hin. Kommt eine sehr seltsame Melodie bei heraus. Irgendwie schwermütig und alt fühlt sie sich in mir an. Abend. Das traumlos vergossene Sonnenblut in den Schattengeflechten der sommergrünen Bäume. Eine Amsel singt mir entgegen und unter mir höre ich jetzt die Frau mit dem Kind sprechen. Sie lacht. Ich stelle mir vor, wie sie sich ihr Kind auf die Arme legt und hinaus auf den Balkon geht. Wie sie es hält und seine erboste Süße wie Rahmbutterhonig am Nackenansatz in sich hineinsaugt. Ihr Kopf neigt sich tief zum kleinen hochroten Gesicht und pustet die Zornesfalten glatt wie nur sie es kann. In den Klang ihrer leisen tröstenden Worte, in die Stille des Kindes summe ich leise die fremdartige Melodie, die ich im Kopf habe, als hätte jemand sie mir als ein Geheimnis anvertraut, das ich nur Zornigen und Traurigen singen darf. Die Zornigen sind manchmal so hilflos wie kleine Kinder. Singen hilft gut gegen Zorn, lehrten mich die Vögel, als ich ihnen das frische Wasser im Brunnen auffüllte. Der Lavendelduft vermischt sich mit blauem Heliotrop, üppigen Nelken und Rosmarin. Unter mir Schritte. Die Balkontür öffnet sich und ich höre das Baby schnaufen und glucksen. Die Frau singt leise ein Lied, das ich nicht kenne oder verstehe, weil es ein russisches Lied ist. Doch es ist sehr schön. Ich schweige und lausche. Dann ist da nur noch der Wind in den Bäumen und ich bin ein Ton, der sich wieder verliert, noch während er erklingt.

Vater, Tochter und Monet

Heute besuchte ich mal wieder den Monet. Der Drang, seine Mohnblumen wiederzusehen, wurde übermächtig. Was sollte ich anziehen? Einer der Eisheiligen blies kühlen Wind über den Balkon und trocknete die Wäsche auf dem Ständer obwohl oder gerade weil es ein Feiertag war. Draußen zogen lärmend ein paar große betrunkene Kinder mit einem Bollerwagen vorbei. Sie hatten den Stimmbruch bereits weit hinter sich gelassen und waren dabei sich zu Kleinkindern in der Trotz- und Grölphase zurück zu entwickeln. Ich überlegte, was ich anziehen könne. Schön machen wollte ich mich für ihn. Es war schlimm genug, dass er an einem solchen Tag im Bett liegen musste und noch schlimmer, dass dieses Bett in einem Krankenhaus stand und nicht in der Reha-Klinik, in der er längst sein sollte. Ich zog das enge Röckchen an, darüber das noch engere T-Shirt samt Jäckchen und stellte mich probehalber in die steife Brise. Da spitzte doch was? Ich befand, dass dies überhaupt gar nicht ginge und pappte auf die vorwitzigen Spitzen diese hübschen Gel-Silikon-Blümchen, die so etwas züchtig verdecken sollen. Hochhackige Boots und den grünen Feen-Mantel an, hinaus in den Frühling. Im Bus verstöpselte ich meine Ohren, sah Landschaft und Straße vorbeiziehen und hörte dabei Tango. Vor mir saß eine alte Dame. Sie diskutierte heftig mit ihrer Sitznachbarin und schimpfte sie lauthals aus, weil diese bei Mark so viel Kaffee getrunken hatte. Darum sei ihr jetzt so beschissen übel und aus keinem anderen Grund. Die andere rechtfertigte sich, dass Mark ihr den Kaffee extra gekocht hätte, sie habe ihn trinken müssen, sonst sei das unhöflich gewesen. Der Tango in meinem Ohr wurde untermalt von einer Quetschkommode und ein Piano unterlegte lasziv die Worte „beschissen, extra und unhöflich“ mit plätschernden Tönen. Die beiden stritten noch eine Weile weiter, dann stiegen sie aus. Beim Umsteigen in die Straßenbahn umwehten mich Knoblauchdüfte. Ich schaute mich dezent um und blickte direkt in ein paar blaue Augen, die mir von hinten in den Ausschnitt zu fallen drohten. Mein Geist intonierte für  sich: „beschissen, extra und unhöflich“ und versuchte Lyrik daraus zu machen. Zwei Stationen mit den blauen Augen und den sie umwabernden Knoblauchschwaden waren gerade noch erträglich, dann durfte ich endlich aussteigen.

Ich lief zwischen blühenden Bäumen den Rosenberg hoch und betrat das vertraute Krankenhaus. Der frisch Operierte lag im fünften Stock. Ich wetzte die Treppen hoch in den zweiten und wollte Monet und die Mohnblumen knipsen. Drei Minuten schwelgte ich mit der behuteten Dame und den Mohnblumen im Feld, dann hüpfte ich weiter in den dritten Stock. Dort war die Geriatrie untergebracht, die weiße Treppenhauswand schmückte irgendein postmodernes Kunstverbrechen, das aussah wie ein Verkehrsunfall mit Gedärmen. Bevor ich einen epileptischen Anfall bekam, hastete ich weiter hoch in den vierten Stock. Dort herrschte kontemplative Ruhe in Form eines Weisen auf einem Stein. Überdimensional. Genial. Sollte ich knipsen? Nein, nur noch ein Stock höher lag er doch schon. Keine lindgrünen Wände mehr. Orange und freundlich mit Makrofotografien von Blüten an den Wänden. Das Schwesternkabuff hatte leichte Ähnlichkeit mit dem Yellow Submarine von den Beatles. Vergnügt prustete ich ein paar Schwestern einen zackigen Himmelfahrtsgruß zu. Ich klopfte an die Tür seines Zimmers und freute mich über sein überraschtes Gesicht als ich eintrat. Er sah aus wie ein Marsianer. Überall hingen Schläuche aus ihm heraus. Hier ein Beutel und da eine Flasche, Drainagen und irgendwo dazwischen er. Er war weiß im Gesicht, doch seine Augen leuchteten. Ich verfluchte sein Missgeschick und setzte mich an den Bettrand. Er erzählte mir genau, was ihm geschehen war und letztendlich hatte er doch viel Glück in allem Unglück gehabt. Im Fernsehen bolzte sich gerade die Fußballdamenmannschaft FFC Frankfurt mit vollem Einsatz zu ihrem formidablen Champions-League-Sieg 2:1 gegen die Mädels von Paris St. Germain. Ein gutes Omen, befand ich. Dann kam Mustafa, der Pfleger und brachte Abendbrot. Da sah ich es mit schreckgeweiteten Augen: Eines meiner transparenten Silikon-Busenbedeck-Blümchen hatte sich unter meinem T-Shirt hergestohlen, war zu Boden gefallen und lag nun wie eine übergroße durchsichtige schwabbelige Linse vor dem Bett. Ich schwankte hin und her zwischen Entsetzen und einem völlig unpassenden hysterischen Lachanfall. Der Kranke fragte mich, was denn bloß los sei, ich sähe plötzlich so angespannt und spitz um die Nase aus. Och, nichts, gar nichts, sinnierte ich, sah zur Decke und behielt dabei genau Mustafa mit dem Abendbrottablett im Auge, jubelte weiter euphorisch dem Fernseher zu und zeigte so lange mit dem Finger auf die sich dort verausgabenden Fußballdamen bis beide Männer den Apparat an der Wand fixierten. Schnell kickte ich mit einem gezielten Tritt flach gegen die durchsichtige Silkon-Busenbedecklinse, die mit einem nahezu elegant anmutendem Satz unters Krankenbett flog. Was machst du denn da bloß? Wollte der Kranke wissen, während Mustafa das Tablett mit dem Essen vor dem Bett abstellte. Mustafa, das ist meine Tochter, wurde ich förmlich vorgestellt. Der Kranke im Bett lächelte und schmierte sich sein Butterbrot. Nun esse ich dir auch noch etwas vor, kam es vergnügt kauend von ihm. Fein, mach nur, ich bin nämlich völlig vollkornbrotresistent, konterte ich. Während Mustafa die Medikamente in die Spenderbox einsortierte, sprachen wir über die Familie und die Kinder, darüber wie ich meine Tochter im Auto beim Zurückschieben der Sitze hinten eingequetscht hatte und sie gequiekt hatte wie ein Ferkel. Dass mein Sohn auf dem Notsitz zusammengeklappt mit den Knien am Kinn hing wie ein großes „N“, weil Mama ebenfalls zu weit nach hinten gerutscht war. Wir lachten laut. Da war er endlich mal unbeschwert. Ich liebe es, wenn er lacht. Mustafa verließ leise wieder den Raum. Eine Weile blieb ich noch. Bevor ich ging, täuschte ich noch einen heftigen Wadenkrampf vor. Ich muss mich dringend mal strecken, sagte ich und versuchte dabei so gelangweilt wie möglich auszusehen, beugte mich zu meinen Schuhen herab und fummelte mit dem linken Fuß unauffällig die mittlerweile zugestaubte und trübe gewordene Silikonlinse unter dem Bett hervor. Auf der Toilette entledigte ich mich dann vorsichtshalber auch des zweiten Silikonteils, das bereits verdächtig schief und völlig deplatziert zur Seite hing und verfluchte Silikon im Allgemeinen und meine Prüderie im Besonderen. Aus mir wird wirklich niemals eine richtige Dame, dachte ich und war einen Moment lang versucht, die glibberige Silikonlinse einfach an den Spiegel über dem Waschtisch als Trophäe zu pappen. No-go! Was sollten die Krankenschwestern denken? Am Ende unterstellten sie ihm noch irgendwelche Ungehörigkeiten! Ich hörte ihn fragen, was es denn auf der Toilette so Lustiges zu quickern gäbe? Hast Du eine Ahnung, flüsterte ich dem Spiegel zu und verließ frisch händedesinfiziert die Lokalität. Spiel, Satz, Sieg, Fussball und Tango, triumphierte mein zufriedenes Ego und gab, bevor ich ging, noch ein Küsschen auf seine blasse Wange, die nun wieder ein wenig mehr Farbe hatte. Operationen sind doch Mist, oder? Bist bald wieder auf dem Damm! Er lächelte ein wenig schief, doch nicht ohne Optimismus.

Im zweiten Stock begegneten mir wieder Monet und seine Mohnblumen. Ich betrachtete erneut die Dame im roten Feld, darüber blaute der Wiesenhimmel. Das ist wenigstens eine Dame, dachte ich noch. Drauf gepfiffen! Dann hüpfte ich die Stufen herunter, aus dem Krankenhaus heraus und den Rosenberg hinab zur Straßenbahnhaltestelle. Die Straßenbahn war gerade gekommen und stand am Gleis, ich musste nur noch die Gleise überqueren und rannte darum wie der Teufel, um noch einsteigen zu können. Der Fahrer sah gelassen zu, wie ich heranhetzte, warf mir einen wie mir schien, hämischen Blick zu und gab dann grinsend Gas. Arschloch!, dachte ich und war einen Moment lang versucht, völlig undamenhaft den Mittelhandknochen….aber nein. Da sei Monet vor. Und die Lady mit dem Hut in den roten Mohnblumen.

Im Nachgang zu Kurt Tucholskys Sonntagmorgengedanken am Sonntag Abend zum Internationalen Weltlachtag. Pressefreiheit war gestern.

Für Birgit
http://saetzeundschaetze.com/2015/05/03/kurt-tucholsky-sonntagmorgen-im-bett/

  
Ochottochott, es ist nicht Sonnabend Abend, sondern ein ein gewöhnlicher Sonntag Abend, die Familie wurde passend zum Internationalen Welt-Lachtag mit guter Laune entertaint und Du hast Recht, wenn Du am heiligen gottgewollten Sonntag mit dem Handwerker Deines Vertrauens wie mit einem Teppichhändler um den Stundenlohn feilscht. Der Typ spinnt, vertrödelt den Morgen im Bett und schaut sich im Fernsehen lieber: Hör mal, wer da hämmert! an, statt endlich seine Bohrmaschine zu bemühen. Unterdessen benennt die Menschheit, nicht klüger geworden als zu Deinen seligen Lebzeiten ihre allgemeine Sprachlosigkeit in die übliche Phrasendrescherei und braucht tatsächlich Erinnerungsdaten, um endlich mal wieder zu lachen. Wo soll das bloß noch hin mit uns allen? Demnächst datieren wir noch internationale Tage zum Weinen, Pipimachen und Jammern, weil wir das sonst auch noch vergessen würden. Ab unter die Bettdecke, wohlig die Knie bis zum Kinn ziehen und auf den Klempner warten, sage ich Dir! Dem Tiger sind die Streifen verrutscht, und ich, ja ich wünsch mir einen Pyjama für zwei, bist Du dabei? Das waren noch Zeiten, mein Lieber! Ach Gottchen, einmal Spionin in Spitzenunterhöschen möchte ich wieder sein, seufze ich Herrn Hauser ins geneigte Ohr, schnappe mir das verruchte granatenrote Spitzenseidenteilchen kurzerhand am Zwickel und lasse es sehnsüchtig am Mittelfingerchen baumeln. Wo war mein Pyjama stehengeblieben? Ah, ja, ich ließ ihn im warmen Bett als Morgenpfand mit dem Versprechen, so alsbald wie möglich wieder in ihn zurückzuschlüpfen, ich wirbelloses Tierchen! Wenn das Tante Alma wüsste, die arme fromme Seele, doch die weiß es lieber nicht! Was für ein Glück ich doch mit meiner Verwandtschaft habe, weit genug fort von mir unanständigen Kreatur im Süden lebend, um keinen Krakeelelefanten machen zu können aus kleinen Zuckmückchen. Ich drehe ihnen frech die lange Nase. Knips doch mal Licht an, der Abend dunkelte schon lange vor der Heide und ich habe ein Blind-Date. Am Sonntag Abend, hier mit Dir, mein Bester. Ach, ja doch, stopf Dir mal ruhig noch Dein Pfeifchen und lächele so verschmitzt wie nur Du es kannst. Jaja, ich hör ja schon auf zu denken, ich sei eine Frau. Die können nicht denken, weiß ich doch. Bitte, sag mir, dass ich kein Mann bin, nur ein einziges Mal, ja bitte? Dann schenk ich Dir auch mein allerschönstes Sonntagslächeln, ganz für Dich allein, Du großer Spötter vor dem Herrn. Ach, Du, ich habe Dich so schrecklich irreversibel gern. Du mich auch? Ab unter die Bett-Decke, dann lachen wir gemeinsam über die ewig gestrige Pressefreiheit und spielen Mau-Mau.

Weil heute nämlich Welt-Lachtag ist und weil ich Dich so furchtbar vermiss.
Und ja. Du hast Recht, ich bin respektlos, gedankenlos obendrein und weiß es schon längst:
Ich arme Sau bin ja doch bloß eine Frau.

Hammerschlag-Grau

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Das war, bevor die Zeit sich in hammerschlaggrau einfärbte wie irgendeine Maschine, stampfend und rumorend, weitere graue Zeit produzierend, die sich um ihn legte wie eine erstickende Decke. Diese Frau entsprach genau seinen Vorstellungen, sie war wie ein Märchenwesen aus einer anderen Welt. Wenn sie schrieb, pochte sein Herz und als er sie sah, wusste er, dass er nie mehr eine andere wollte. Doch es war kompliziert. Sie war verheiratet mit einem gut verdienenden Computerspezialisten,  der die meiste Zeit über im Ausland geschäftlich unterwegs war. Sie hatten sich über das Internet kennengelernt, eine dieser zahllosen Flirt-Plattformen, weil sie in ihrer Ehe einsam geworden war. Sie wünschte sich Kontakt, wie sie sagte, Freunde. Denn die hatte sie nicht. Dafür jedoch zwei kleine Kinder, die sie ans Haus banden und für ein Auto reichte das Geld nicht aus.

Sie war eine seltsame Frau. Wie ein Kind erschien sie ihm, wie jungfräulich, obwohl sie Kinder hatte. Für ihn war klar, dass er sie retten musste aus dieser gutsituierten Welt in der sie lebte und drohte an der Einsamkeit innerlich zu verhungern. Tiefe Labialfalten hatten sich in ihr Gesicht gegraben, das ihm als ein schönes Gesicht erschien, denn sie hatte sich strahlende Augen bewahrt. Da er ein scheuer Mann war, eher zurückhaltend, entspann sich die virtuelle Konversation nur zögerlich und langsam. Doch nach und nach taute er auf und sie verabredeten sich in einem Café in ihrer Stadt. Sie erzählte von ihrer Ehe, in der längst alles an Gefühlen versickert war in den Alltäglichkeiten und der ständigen Abwesenheit ihres Ehemannes. Wie er fremdging und sie es über Dritte erfuhr. Er hatte anscheinend mehrere Geliebte gleichzeitig, doch nachprüfen konnte sie es natürlich nicht. Kaum ertrug er das zeitweise Erlöschen des Glanzes in ihren dunkelbraunen Augen, während sie sprach. Dann erzählte er von sich, wie er von seiner Freundin verlassen wurde und monatelang darunter litt, nicht mehr essen konnte und zu dünn wurde für all seine Kleidung. Er hatte einen Job als kaufmännischer Angestellter in einer kleinen Spedition, kam ganz gut klar, wie er ihr sagte. Sein größter Traum war es, einmal nach Italien zu reisen, nach Rom, um genau zu sein und dort im Kolosseum zu sitzen oder über die spanische Treppe zu laufen, es sei ein italienisches Gefühl, wie er sagte.

Als sie erzählte wie eifersüchtig ihr Mann war, sie kontrollierte mit mindestens sechs Kontrollanrufen pro Tag, ahnte er, dass es komplizierter werden könnte zwischen ihnen. Er fragte sie, ob diese Eifersucht schon weitergeführt hätte, da schob sie den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte ihm ein paar blaue Flecken. Er vermöbelt mich manchmal, sagte sie. Dabei kenne ich doch niemanden und habe auch kaum Kontakt. Er verdächtigt jeden und mich am meisten, dass ich ihn betrügen könnte, dass ich fremdgehen könnte. Ja, sagte er, das ist der Fluch der eigenen bösen Tat, der Menschen so werden lässt. Sie meinte allerdings, das sei zu absolut gedacht. Schließlich könne Eifersucht auch daher rühren, dass man verletzt würde, einmal zu oft. Dass man dann das Vertrauen verlöre in den anderen. Er räumte ein, dass dies natürlich auch möglich sei, ob sie ihren Mann in Schutz nehmen wolle? Er spürte, wie Aggression in ihm hochkochte, eine heiße rote Wut auf diesen unbekannten Ehemann, den er noch nie gesehen hatte. Sie zeigte ihm Bilder ihrer Kinder und er bewunderte die Bilder höflich, sagte, dass er die Kinder hübsch fände, obwohl er sie hässlich fand, weil es nicht seine eigenen waren.

Nach einer Stunde traute er sich, seine Hand auf ihre zu legen. Sie hatte sie auf den Tisch gelegt, die Finger leicht zusammengekrampft. Ihre Hand war eiskalt, obwohl es ein warmer Sommertag war. Später gingen sie zu ihm und dann war es doch nicht so, wie er es sich so sehr erhoffte. Sie küsste nicht gern und er schon. Sie legte sich hin und ließ ihn gewähren, zuckte zwischendurch, doch er war sich nicht sicher, ob sie nun wirklich gekommen war oder ihm etwas vormachte. Dennoch war sein Begehren nach wie ungebrochen und nachdem sie sich getrennt hatten, sie in ihre Welt zurückkehrte, träumte er in der Nacht von ihr und davon, dass sie auch ganz anders sein könnte als so, wie sie wirklich war und dass er ihre Gefühle für ihn erweckte.

Sie telefonierten ein paar Mal. Es waren hastige, atemlose Gespräche, immer überschattet von der Möglichkeit, dass ihr Mann versuchen könne anzurufen, um zu kontrollieren, ob sie zu Hause war und brav Mutter und Hausfrau spielte. Es war eine zugegebenermaßen ziemlich verfahrene Kiste und ihm war klar, dass sie wenig bis keine Aussicht auf eine sonstwie geartete Zukunft hatte. Sie sahen sich wieder und wieder machte er sich Hoffnungen, dass sie ihn genauso sehr begehrte wie er sie. Doch er wurde ein weiteres Mal enttäuscht und als sie nach ihrem letzten Zusammensein ihre Nylons hochrollte, über den spitzengesäumten Slip zog, dämmerte ihm das erste Mal, dass er sich wirklich etwas vormachte mit dieser Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, ohne die näheren Umstände um die Verliebtheit herum näher zu kennen.

Dann, nach einem halben Jahr, eröffnete sie ihm in einem letzten Telefonat, dass sie ihn nicht wiedersehen wolle. Er fragte warum und sie blieb ihm die Antwort schuldig, legte einfach auf. Er begann sie zu suchen. In den Bäumen, im Himmel, in Wasserspiegeln. Er träumte jede Nacht von ihren Brüsten und der Weichheit ihrer Scham. Tagelang lief er mit einer Dauererektion herum, von der er sich nicht immer befreien konnte. In der Spedition, in der er arbeitete, verzog er sich auf die Herrentoiletten und wichste schnell und hastig, spritzte ab, um sich zu erleichtern. Es wütete wie ein unseliges Fieber in ihm. Er hoffte, dass die Kollegen es nicht bemerken würden, wenn er manchmal stöhnte, weil er sich sie vorstellte, wenn er seinen Schwanz mit schnellen Auf- und Ab-Bewegungen rieb, immer wieder ihre Brüste, ihre weißen Brüste mit den rosa Spitzen, die sie verbarg unter einem rosengeblümten BH, den er ihr aufhaken durfte. Noch nie hatte eine Frau ihn derart erotisiert. Noch nie hatte er wegen einer Frau derart gelitten, schien es ihm. Die Tage wurden hammerschlaggrau, wie die Maschinen, die er manchmal in den Versandpapieren beschrieb.

Hammerschlaggrau waren auch die Gewissheiten auf eine fehlende Erlösung seiner Qualen. Die alte Frau begegnete ihm am Ententeich, an dem er manchmal nach Feierabend saß und aufs Wasser sah. Wasser beruhigte ihn, sein zuckendes pochendes Herz, sein Verzehren nach ihr. Sie saß einfach nur da, auf dieser Parkbank und las. Er setzte sich eine Bank weiter und drehte sich eine Zigarette. Sie warf Blicke zu ihm und dann fragte sie, ob er unbedingt rauchen müsse? Sie hätte ein Lungenleiden. C.O.P.D., um genau zu sein, sie sei kurzatmig und könne nicht gut Luft bekommen. Entschuldigend senkte sie den Blick. Ich verschimmele von innen, wissen Sie? Es war ihm so gesehen, in diesen Momenten herzlich egal, ob jemand verschimmelte, er zersetzte sich von innen und genau das antwortete er ihr auch. Sie legte den billigen Liebesschundroman von Julia, den sie gerade las zur Seite und fragte höflich, ob sie sich einen Moment zu ihm setzen dürfe. Widerwillig nickte er und legte schweren Herzens seine frisch gedrehte Zigarette zurück in das Päckchen mit dem Tabak. Was rauchen Sie denn? Wollte die alte Dame von ihm wissen. Vanille-Tabak, lächelte er und wunderte sich, dass er lächeln konnte. Mein Mann hat immer Reval geraucht. Die stanken zum Gotteserbarmen, lachte die Frau und ihre Gesicht verzog sich wie das eines Hush-Puppies. Ihre hängenden Backen schwabbelten ein wenig, sie war ziemlich korpulent. Sie wies ihn auf den schönen Tag hin, die Sonnenstrahlen, die über den See wanderten und dann erzählte sie ihm von ihrer Tochter. Sie musste ja unbedingt diesen Safari-Urlaub in Afrika machen, sagte die alte Frau. Allein. Sie wissen schon. Sie wurde ermordet von Wilderern. Ich erfuhr es erst Monate später. Es war schrecklich. Er wollte Mitgefühl empfinden und konnte es nicht. Sein eigenes Herz war hammerschlaggrau. Und was drückt Sie? Fragte die alte Frau neugierig und starrte ihn an.

Erstaunt wandte er ihr sein bislang halb abgewandtes Gesicht gänzlich  zu und entdeckte echtes Interesse in ihren Augen.  Liebeskummer, sagte er, von der übelsten Sorte. Ach, wissen Sie, lachte sie, Liebeskummer ist wie eine Grippe. Das geht vorbei. Es schmerzt eine Weile und dann ist es wieder gut. Erzählen Sie doch mal. Er erzählte. Es sprudelte aus ihm heraus und als er endete, nickte sie mitfühlend mit dem Kopf. Das hat Sie ganz schön erwischt, mein Lieber. Er hasste es wie die Pest, wenn andere „Mein Lieber“ zu ihm sagten. Ich bin nicht Ihr Lieber, sagte er mit belegter Stimme. Die Frau entschuldigte sich, stand auf und warf ein paar Brotkrumen ins Wasser. Dann drehte sie sich zu ihm um und fragte ihn, ob er Kinder habe. Nein, sagte er. Nur Freundinnen, ein paar wenige. Alle Beziehungen zerbrachen und nun sei er bereits seit sieben Jahren auf der Suche nach einer neuen Freundin. Wieder nickte sie und zerkrümelte gedankenverloren das Brot in ihrer Hand, so dass es auf ihre Füße fiel. Ein paar Enten kamen keck heran und balgten sich um die Stücke.

Wissen Sie wie es ist, ein Kind zu überleben? Meine Tochter war mein Ein und Alles. Ich liebte sie so sehr. Genau wie meinen Mann, der ist schon seit zwanzig Jahren tot. Lungenkrebs. Ein klassischer Fall. Ich habe niemanden mehr, lebe dort drüben in einem Altersheim. Der Rest der Familie kümmert sich nicht um mich, hier, die Enten, das sind meine besten Freunde. Und eine der Pflegerinnen im Heim. Das ist ein Goldstück. Sie kauft mir meine Lieblingsschokolade. Noisette. Das ist übrig von meinem Leben. Schokolade und Erinnerungen. Ich hätte so gern Enkel gehabt. Ich hätte mein Kind so gern aufwachsen sehen. Ich hätte so gern meinen Mann an meiner Seite. Eine Träne tropfte aus ihren Augen. Nun heult sie auch noch, Gott hilf mir, dachte er und bot ihr ein Papiertaschentuch an.

Ich bin achtzig Jahre alt und manchmal hoffe ich, der liebe Gott hat mit mir alter Frau ein Einsehen, schniefte sie. Er soll mich zu sich nehmen, endlich zu sich nehmen. Dieses traurige einsamen Leben ertrage ich nicht mehr gut. Ich bin jeden Tag hier am See. Dort finde ich meine Lieben eher als in diesem sterilen Heim. Ich halte die Besucher der anderen nicht gut aus. Doch meine Lungenkrankheit wird schon dafür sorgen, dass ich nicht mehr allzu alt werde. Ich lebe nun schon zwanzig Jahre so. Doch Sie sind noch jung. Bedenken Sie das. Wie alt sind Sie überhaupt? Fünfzig Jahre, sagte er und senkte den Kopf, um sie nicht länger ansehen zu müssen. Er hielt sie kaum noch aus, warum, konnte er nicht sagen. Ich muss jetzt gehen, ich wünsche Ihnen alles Gute. Er machte Anstalten aufzustehen. Sie hielt ihn zurück, umklammerte seinen Arm mit erstaunlich festem Griff. Sie sind noch jung, sagte sie beschwörend. Machen Sie ihr Glück nicht an jemandem fest, der Sie nicht will. Suchen Sie weiter, hören Sie? Versprechen Sie mir das? Er wollte garnichts versprechen, am wenigsten dieser alten Frau, die ihn langsam begann zu nerven. Er bedankte sich höflich für ihren Rat und machte sich auf den Weg in seine leere Wohnung.

Beim Abendbrot kamen ihm plötzlich die Tränen. Er weinte nie. Er schämte sich zu sehr für Tränen, für seine eigenen wie für die anderer. Doch er konnte nichts dagegen tun, dass sie einfach liefen, auf sein mit Senf bestrichenes Wurstbrot tropften, auf die Gurkenscheibchen und sich mit der Remoulade zu einer schlierig-weißen Soße vermischten. Er konnte überhaupt nichts gegen diese Tränen machen und er weinte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Er sah zum stillen Telefon, dachte an sie. Doch etwas in ihm hatte sich verändert. Er konnte noch nicht sagen, wie. Es war, als hätte eine stille Gewissheit seiner Sehnsucht den Platz weggenommen, es war, als hätte sich in ihm etwas davongestohlen, das am Tag vorher noch dagewesen war. Er ging zur Arbeit und brauchte nicht zu wichsen. Alles in ihm war schlaff geworden, genauso wie sein Schwanz. Als er am Abend zum See kam, wusste er nicht genau, was er dort wollte und wunderte sich über sich selbst. Doch die alte Frau war nicht da. Vielleicht war sie schon gegangen oder an diesem Tag nicht gekommen. Er holte sein Päckchen Tabak aus der Tasche und wollte sich eine Zigarette drehen, so wie sonst auch. Doch irgendwie war ihm der Appetit vergangen. Er dachte an verschimmelte Lungen und an Krebs, an lebenserhaltende Maßnahmen und palliative Begleitung und er fühlte sich für so etwas definitiv noch zu jung.

Was vom Tag noch übrig blieb 

(Foto: Noel S.)

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für Noel
Atem legt sich ruhig in die Brust wie Wind über Straße streicht.
In flüsternden Schatten den Abend kaltend, so weit die Bäume reichen.
Die vergangenen betriebsamen Stunden noch eine Runde weit entfernt in schrägen tiefen Parallelstrahlen.
Lichtmomente, vom Nachtwald hochauflösend zu Sternmehl vermahlen.
In ein freies Zeitfenster den unbeschwertesten Augenblick gesiebt.
Was vom Tag noch übrig blieb.

Aus den Dialogübungen: Bitte eine Tüte zum Einkauf

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I:Du siehst müde aus, du schläfst zu wenig.
M: Ach, der viele Stress, die Kindersorgen, du weißt schon und immer alles allein.
I: Kalle hat dauernd etwas zu stöhnen und ist dauernd müde. Wenn er nicht nörgelt, schläft er, regt sich entweder über die Kinder auf oder übers liebe Geld.
Für Sex würde er langsam zu alt, sagte er beim letzten Beischlaf, anders mag ich dieses bewegungsminimierte Drama im Ehebett wirklich nicht mehr nennen…
Kannst du mir bitte mal sagen, was ich von so einem 'zu zweit' habe, außer, dass er ab und zu die Kinder kutschiert? Er törnt mich nur noch ab.
Und bei dir?
M: ach, auch wieder ein Reinfall. Ich erzähl dir was. Kennst du die Geschichte von der Hasenpfote?
I: ja, klar, die Geschichte, in der es um das Wünschen geht und darum, dass Wünsche sich selten so erfüllen wie man es sich wünscht, dass es einen Pferdefuß, einen Haken daran gibt. Und? Was ist passiert?
M: Ivonne, das glaubst du nicht, ich sage es dir, das ist Magie!
Also er ist natürlich weg, ich wurde für unpassend befunden. Damit hatte ich die letzten Wochen zu kämpfen. Immer diese hartnäckige Hoffnung. Da ging es mir dreckig mit, das kannst du mir glauben!
I: Möchtest du Cappucchino? Sie kommt gerade.
M: Danke, ja.
I: was ist dann passiert, jetzt wird es spannend, oder?
M: ich fand einen alten Brief. Er lag im Schreibblock zwischen leeren Seiten, ich erinnerte mich überhaupt nicht mehr daran, dass ich ihn geschrieben hatte oder wann genau, denn er war undatiert. Ich schrieb ihn vor ein paar Jahren einer Freundin und schickte ihn nie ab.
In diesen Brief schrieb ich ihr unter anderem davon, wie sehr mich dieses ganze theoretische bei den Kerlen inzwischen annervt mit ihren Fragenkatalogen und ihrer Abhakerei.
Die Idealfrau, geht es nach ihren Vorstellungen, müsse, in der Mitte ihres Lebens angekommen, gut etabliert um die Ecke wohnen, wohl habend und bescheiden sein, ein Mutterherz haben, am allerbesten noch, ohne selbst Kinder zu haben, Idealfigur ohne sich anzustrengen, Lebenserfahrung wünschen sie sich reife, doch diese dann bitte im Körper einer jungen Frau, top gepflegt vom Scheitel bis zur Sohle, die Frau aus dem Ei gepellt in zehn Minuten, inklusive Maniküre und Pediküre für Sammetpfoten. Außerdem soll sie noch Verständnis haben für alles und sich seinen Bedürfnissen unterordnen. Natürlich soll sie auch noch ein heißer Feger sein. Aber bitte ein treuer und irgendwie züchtiger.

Jedenfalls wünschte ich mir nach all diesem Unsinn von Männern, die sich selbst so toll, klug, lebenserfahren und gebildet vorkamen, einen lieben ehrlichen und treuen Handwerker. Warum weiß ich selber nicht, aber kinderlieb sollte er auch sein, ganz wichtig. Am besten selbst welche haben.
I: und genau der tauchte ja dann ja auch passend auf…
M: Du sagst es! Das ist doch Magie oder?
Tiefdunkelschwarze…ich bin verflucht…
I: ach, Mara, nein, es war einfach Pech. Glaubst du, das Schicksal wollte dich bestrafen, in dem es dir einen kinderlieben Mann schickt, der dich dann nicht will, weil du versäumtest, dir auch das zu wünschen?
M: ich weiß nicht…ich denke manchmal so, dass es eine Strafe sein kann, sich etwas zu wünschen, das doch so unrealistisch gar nicht klingt?
I: vielleicht hängt es überhaupt mit dem wünschen zusammen? Ich habe meine schnarchlangweilige Ehe so leid…doch die Kinder sind noch klein und es ist auch eine Sicherheit. Ich hoffe ja auch irgendwie heimlich, ich könnte meinen Mann wieder anders spüren. So wie früher, als wir noch heiß aufeinander waren. Er spricht dauernd nur vom Älterwerden. Seine Kumpel scheinen ihm zu genügen und ich schmeiße den Haushalt, ist echt zum Kotzen mit ihm. Wo das noch hinführen soll, weiß ich auch nicht. I'm too low for zero und erfülle meine Pflicht. Ich gehe jetzt zum Zumba-Tanz, tu was für mich, so wie du das ja schon lange machst mit deinem Yoga.
Ich gehe unter Leute, jetzt kann ich endlich die Kinder auch schon mal allein lassen.
M: es ist wohl am besten sich nichts zu wünschen.
I: ich glaube, dass Wünsche wichtig sind, wenn wir damit aufhören uns etwas zu wünschen, erschlägt uns das Leben mit seinen Härten und wir werden zu traurig…
Los, wünsch dir schon einen. Dreh den Spieß um, wo bitte ist deine Power geblieben, altes Mädchen? Lies nochmal die Hexen von Eastwick und schau dir den Film mit Jack Nickolson an.
M: etwa so einen soll ich mir wünschen? So einen kinderlieben herrlich verruchten Teufel mit Herz und allen Sentimentalitäten und dem ganzen höllisch heißen Pipapo drumherum?
I: warum nicht? Dann aber einen, der dich dann auch wirklich will, das solltest du nicht versäumen, dir mit dabeizuwünschen wie die Tüte zum Einkauf!