unerreicht

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 8

wir sind
nicht reich
doch vermögend
hart oder weich strömend
uns verbunden
gesund umrundend
haltend verwaltend
in herzensangelegenheiten

sind wir zeitweit
uns beschieden
doch nicht ausschließlich
oft gut gelaunt
doch auch verdrießlich
ideell künftige zukünfte gestaltend
einzeln jeder für sich
werden wir älter
geborgen in
getrennten welten
teilen sorgen
in der bewältigung leben
gestern heute, morgen

sind
zusammen gegangen
wurden belangt befangen
hingen uns auf
auch irgendwann wieder ab
hielten uns aufrecht
im kurs auf trab
doch manchmal verloren wir ihn auch
in kursschlusspanik
trieben ziellos umher
vermissten einander sehr
tief aus dem bauch
nahmen dinge schwer
wieder leicht

bleibst unerreicht
jemand den ich mag
tag gleich nacht

sag, hättest du das gedacht?
soll ein alter hut sein nun
soll er dir nur gut dir tun

damit du wieder lachst

—-

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10 Wörter in Pauls Brief an Anne

Liebe Blogfreunde,

Tausend rief und ich folgte dem Getrommel nur zu gern. Wenn es dann noch ein Brief mit von an und durch Goethe wird, umso besser! Ich bin sein Groupie schon seit ewigen Zeiten. Pauls übrigens auch, doch das weiß Paul noch nicht. Hier schreibt er Anne, die wiederum Goethe einen Brief schrieb. Einen derartig schönen Brief, dass Goethes Geist davon so betört war, dass er Paul suchte und ihn fand. In 1.500 Zeichen beantwortet Paul Anne ihre Fragen mit Goethes Worten. Vielleicht habt ihr auch Lust einen Brief zu schreiben? Schaut doch mal bei Tausend vorbei, sie würde sich bestimmt freuen, wenn noch mehr Lust haben mitzumachen.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

 

Liebe Anne,

Hier ist Paul. Letzte Nacht zwang mich ein Gespenst namens Goethe Deinen Brief zu lesen! Das Gespenst sagte, es lebt jetzt in Arkadien. Liegt das in Australien? Goethe will, dass ich Dir antworte. Ich sagte, ich müsse nachts schlafen, er solle seinen Schnabel halten. Doch Goethe antwortete, dass meine Worte wie Zikadengesumm in seinen Ohren seien. Ich wollte ihn einen Esel schimpfen, doch er schaute mich so finster an. Du schreibst was von  Sonnenfinsternis. Goethe sagte, er habe sogar ein Gedicht während einer geschrieben, weil ihn das Dämmerlicht so tief bewegte. Er sei nicht wegen der Zikaden nach Italien gefahren. Und weise Augusturen (oder so ähnlich) gäbe es in Weimar auch. „Lebemann“ fand Goethe kein so schönes Wort für sich. Das habe einen faulen Beiklang. Er habe versucht, der Welt etwas zu geben und ihr zu dienen mit dem was er tat. Ich glaub, er war bisschen beleidigt. Bin ich ein „Lebejunge“, wenn ich keine Hausaufgaben aufhabe? Dann zeigte ich Goethe meinen Malkasten. Goethe sagte, dass er in Italien zusammen mit seinem Kumpel Tischbein seine Liebe zum Malen fand. Er habe sogar mit dem Gedanken gespielt, künftig mit Bildern statt mit Gedichten Umsatz zu machen. Ich kann übrigens nicht gut an einem Tau hochklettern, aber Sport und Mathe finde ich supertoll. So, nun muss ich aber los, meinen Fahrradlenker gerade biegen. Ich habe mich nämlich gemault, darum habe ich auch so viel Zeit, Dir zu schreiben, denn Goethe drohte mir mit irgend so einem komischen Mefistotilis wenn ich es nicht täte. Dabei hat er aber so ein bisschen schief gegrinst. Ich glaube, das war nicht so richtig böse  gemeint von ihm. Goethes Geist wollte wissen, was ein Eyeliner ist, ein Malwerkzeug?

Bleib so ein liebes Mädchen (soll ich Dir von Goethe noch sagen),

Dein Paul

 

(Bildquelle: Naomi Schick)

Thema: kalenderweise – wochensplitter

 

Beim Meeting habe ich meine Lauscher sperrangelweit auf Empfang ausgerichtet. Manchmal stellt er mir Fragen zu Recherchen die ich durchgeführt habe und ich gerate ins Nachdenken, wann und wo ich recherchierte, winde mich in Erklärungsnot und sitze mit verschluckter Zunge schuldbewusst und zerstreut wie ein beim Träumen ertappter Pennäler neben ihm. Meistens fällt es mir nach unangenehm lang erscheinenden Nachdenklichkeiten doch noch ein und ich bin erleichtert wenn das abgespeicherte Wissen auf dringende Anfrage abgerufen werden kann. Was ich lerne, lernen Volontäre. Sprachschulung, Sprachstil, klare verständliche Informationen, ungefärbt und sachlich. So, wie ich es mag.  Manchmal sind in Interviews sehr viele Informationen und komplexe Zusammenhänge zu verarbeiten. Ich habe klare Vorgaben, wie lang ein Artikel sein darf. 2000 Zeichen, die Sätze nicht länger als fünfzehn Worte. So wenig Fremdworte wie nur möglich.

Nach einem Interview gehe ich mit meinen gesammelten Stichpunkten nach Hause und schreibe sie teilweise schon in ganze Sätze um, erstelle ein Textbaugerüst. Dann recherchiere ich und lasse das Interview noch einmal wirken, gehe in Gedanken das Gespräch noch einmal durch und komprimiere die Inhalte in kurz gefasste schlüssige Zusammenhänge. Ich lerne vom Chef, dass es jeder verstehen können muss, egal wie alt oder gebildet er ist. Adjektive vermeiden, die sind oft wertend. Synonyme suchen und kurze knackige Formulierungen. Wenn ich so einen Artikel verfasse, habe ich das Bild eines Diamantschleifers vor Augen. Es ist ein Arbeitsbild. Aus einem rohen Stein schleift er etwas, das das Licht reflektieren und brechen kann. Ich nehme mir an Wissen mit soviel hineinpasst in meinen Kopf.

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Der Kalenderspruch der vergangenen Woche auf meinem Schottland-Wochenplaner lautet: Der Stil erhöht die Schönheit der Gedanken. Er ist von Arthur Schopenhauer. Ich mag dieses Zitat, ich glaube, ich kann damit gut arbeiten. Es passt in mein Bild vom Diamantschleifer. Da entdeckte ich einen Satz in einem der Artikel, der sich mir querstellte. Ich nahm dem Satz das Adjektiv weg, krempelte ihn von hinten nach vorn auf, drehte ihn auf links, fügte ein schöneres Synonym für „sagen“ ein und präsentierte ihn dann  meinem Brötchengeber. Dieser strahlte über beide Ohren und meinte, ich hätte das mit den Adjektiven und der Eleganz gut verstanden. Ich setze Neugelerntes so gern am liebsten gleich mal in die Tat um. Es ist wie ein neues Spielzeug, das sofort und auf der Stelle ausprobiert werden will.

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Ich denke an den Frühling letzten Jahres zurück, die ersten Interviews, die riesige Unsicherheit, fremde Menschen etwas zu fragen, teils sogar persönliche und private Dinge. Es fiel mir unsäglich schwer und ständig hatte ich Angst, jemandem zu nahe zu treten. Andererseits habe ich die Gelegenheit Menschen in unterschiedlichsten Berufszweigen und Ausrichtungen kennenlernen und über sie berichten zu können. Das, was sie tun anderen vorzustellen und zu zeigen. Das macht Spaß. Im letzten Jahr besuchte ich eine Posaunenwerkstatt. In der Ausstellung die blitzenden Instrumente, von der Posaune über die Trompete, Saxophone bis hin zur großen Tuba. In dieser Werkstatt wäre ich sehr gern noch eine Weile geblieben. 

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Zwei Meister fertigen die Instrumente von Hand. Sie erzählten lachend Anekdoten. Wie sie einmal eine von einem Auto plattgefahrene Trompete wieder auswuchten sollten. Die platt gefahrene Trompete ist eine Trophäe in der Werkstatt. Die hier gefertigten Instrumente werden in die ganze Welt geliefert. Ich sah die verschiedenen Entstehungsstufen einer Trompete, die Werkzeuge, säuberlich aufgereiht an der Wand. Endemische Werkzeuge, so speziell, dass sie nur für diesen einen einzigen Zweck eingesetzt werden können, für den sie entwickelt wurden. So, wie die Rohlinge, die der Trompete aus dem dünnen Blech die spätere Form geben. Eine ganze Wand mit Hämmern in verschiedenen Gewichten und Größen. Einer davon sieht aus wie diese Reflexhämmerchen, mit denen Ärzte die Kniegelenke ihrer Patienten traktieren. Ich darf  länger bleiben. Mein Chef hat bemerkt, dass ich begeistert bin von den Instrumentenbauern. Das darf natürlich nicht in jedem Detail in den Artikel, also schreibe ich es heute mal hier im Rahmen meiner kleinen Wochenhausaufgabe, die ich mir gestellt habe: Jede Woche meinem schottischen Wochenplaner einen Text zum Kalenderspruch zu widmen. Es dürfen alle möglichen Texte sein, darin habe ich mir Freiheit gelassen. Es dürfen Gedichte sein, kleine Geschichten oder Erlebnisse, die Form ist hierbei völlig frei. Was zählt, ist das übergeordnete Thema: kalenderweise  (das ich allein wegen des Wortklangs schon mag) und der Spruch der Woche.

  
Es geht um den Transport althergebrachter Weisheit in eine zeitgenössische Form. Das reizte mich schon immer. Darum texte ich so gern auch immer wieder mythologisch bezogen, arbeite mit den alten bekannten Bildern und ihren darin enthaltenen oft mehrseitig auslegbaren Wahrheiten. Suche die meine. Meine Unsicherheit ist manchmal groß. Ich habe nicht studiert, bin halbwegs literarisch belesen und politisch nicht so gut aufgeräumt und informiert wie ich das gern wäre. Macht alles nix, denke ich mir und gehe unbeirrt weiter den Weg, den ich gehen will, weil Sprache die pure Lust ist, weil sie lebendig ist und weil ich es liebe, mit ihr zu arbeiten und zu spielen, genauso wie ich manchmal etwas lese und ehrfürchtig werde, weil es so eindringlich geschrieben ist. Sprache ist ein Handwerk, das gelernt werden will und immer wenn ich gerade denke, ich hätte schon eine Menge begriffen, stelle ich fest, dass ich an Stellen vor vorn beginne oder etwas komplett überholen, umstrukturieren und revidieren muss, von dem ich glaubte, es sei schon ganz gut.

Jeden Tag lese ich mindestens zwei Gedichte von unterschiedlichen Lyrikern. Das dürfen zeitgenössische oder auch Blogger sein, das dürfen große alte Meister sein, das darf alles sein, was mich berührt, mitnimmt und bewegt. Ich nehme mir Zeit und tauche tief in die Sprache ab, genieße die Berührung mit einem fremden Ausdruck oder Gefühl. Manche großen Gedichte tragen mich auf ihren Flügeln durch den ganzen Tag; wenn sie leiserer Natur sind, bauschen sie meine Gedanken wie die Gardine vorm Fenster. Wenn ich selbst Texte oder Gedichte schreibe, weiß ich nicht, ob sie gut oder schlecht oder sonst was sind. Sie sind pure Lust in Textform mit dem Anspruch an Daseinsfreude, in guten wie in schlechten Zeiten. Für mich dürfen sie alles sein, weil ich sie schrieb. Für die anderen dürfen sie alles das sein, was sie darin fühlen können oder wollen.

Der dieswöchige Kalenderspruch lautet: „Es sollte jedes Haus der schöne Leib, das schöne Werk von einer eignen Seele sein.“ Er ist von Friedrich Schleiermacher. Das ist schon wieder mal jemand, den ich nicht kenne, doch diesen Spruch habe ich mir direkt in die Tasche gesteckt, weil er mich so berührte in seiner Weisheit und schlichten Aufrichtigkeit. Das Bild dieser Woche stellt das 1863 errichtete Hotel Inverlochy Castle dar. Es sieht aus wie ein Bollwerk, typisch schottisch eben. Ob es dort wohl ein Gespenst gibt? Auf der Wiese vor dem Castle toben zwei Langhornrinder herum. Auf dem Bild blüht vor Inverlochy Castle ein riesengroßer rosafarbener Rhododendron, was mich gedanklich direkt nach Manderley zu Daphne du Mauriers „Rebecca“ führt. Ich staune über das Bild, da wir März haben, doch das Monatsbild eines vom Frühsommer ist und lese etwas über Toni Morrison, die erste afroamerikanische Nobelpreisträgerin für Literatur. Ihr 1970 erschienener Debütroman heißt „Sehr blaue Augen“. Das klingt nach einem Buch, das ich gern lesen möchte. Ich kenne übrigens Toni Morrison nicht. Schon wieder so eine unschöne Bildungslücke! Auf der Rückseite des Kalenders befinden sich geschichtshistorische Informationen. Das Geburtstagskind der Woche ist Königin Maria I. von England. Bloody Mary. Sie köpfte gern Protestanten und schlug ihre Cousine Jane Grey im Kampf um den Thron. Hatte sie der auch die Rübe abgehackt? Fragt mich mein lückenhaftes Geschichtswissen und will schon wieder recherchieren.

1553 wurde sie zur Königin von England gekrönt, ah ja. Das erinnere ich noch halbwegs aus dem Geschichtsunterricht. Statt die abenteuerlichen Blutrünstigkeiten und abgeschlagenen Protestantenköpfe ausführlich zu diskutieren, lernten wir Hofetikette bei Tudors sowie schnöde Zahlen. This was so boring!

Mit Schopenhauer und Schleiermacher im Handschuhfach zum Auswendiglernen und Verinnerlichen cruise ich weiter. Ich könnte schauen, welcher Kalenderspruch meine Hausaufgabe für die nächste Woche werden wird und noch weiß ich nicht ob ich sie jede Woche erstellen können werde, wenn ich viel arbeiten muss. Doch die Idee ist ein schönes Geistkind, ein selbst gesetztes Ziel, ein freier Anspruch, ein unermüdlicher Motivator der Lust und diese will gepflegt werden weil sie scheu ist und sich schnell mal zusammen mit dem Einfallsreichtum in verschwörerische Ideenlosigkeit verflüchtigt, wenn sie sich zu unbeachtet fühlt.

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Licht und Liebe

   
    

  

  

Das Jahr läuft Revue. Es hat sich Frühlingsklamotten angezogen und kurz vor Weihnachten sehe ich unterwegs eine japanische Kirsche in vollem Blütenprunk.  
Es war schön, nach all der Arbeit, Stress, den kleinen und großen Sorgen, den Alltagspflichten und schlaflosen Nächten, dem Druck heute zu entkommen.   
    
 
Der Wunsch nach Natur war längst übermächtig geworden. Kann die Dankbarkeit sie gesund zu erleben, sie in voller Bewegungsfreiheit zu genießen maßlos sein? Alles kann maßlos sein. Doch meistens wird dieses Wort im Zusammenhang mit negativen Dingen verwendet. Maßlose Dankbarkeit zeigt sich in einem euphorischen vor Glück überquellenden Herzen und durchdringt Muskeln, Nerven, Mark und Knochen. Das Glück wird bebildert an jeder erdenklichen Wegecke. Es zeigt sich groß und mächtig in 80 km entfernten Aussichten bis ins Sauerland,
  
 in kraftvollen Momenten an alten mystischen Kraftorten, wie es im Teutoburger Wald so viele gibt. Die alte Antoniuskapelle ist dem heiligen Antonius geweiht. Er wurde liebevoll„Tönis“ genannt und so kam der Tönsberg im Teutoburger Wald zu seinem Namen. Im 15. Jahrhundert diente die alte Kapelle einem Mönch als Enklave und wurde in den Dreißiger Jahren restauriert. Heute ist sie eine offene Ruine. Als ich in ihr stehe, spüre ich vieles. Wie so oft drängen die Jahrhunderte nah an mich heran. Irgend jemand hat einen kleinen Steinhaufen in eine der Mauernischen gebaut. Ein großes Holzkreuz symbolisiert die Säkularisierung eines Ortes, der in seinen Schwingungen weit über jeder Religion steht. Hier fanden sich viele Geister zusammen. Kein Wunder, dass die Kirche über so etwas eine Oberhoheit ausüben will. Doch das, was erhalten blieb in den alten Steinen, überdauerte alles. Säkularisierung, Oberhoheit und Machtdenken. Die alte Ruine ist von Föhren umgeben. Der Wind rauscht friedlich in den hohen Kronen. Rechts vom Weg öffnet sich der Blick über das weite Lipperland mit seinen kleinen Dörfern. Am Horizont verschwimmen blau die Berge des Weserberglandes. 
   
    
 
Als ich innerhalb der alten Mauern stehe, höre ich viele Stimmen aus der Vergangenheit. Sie hoffen, bitten und wünschen. Sie singen mit dem Wind in den Bäumen. Es ist ein friedlicher guter Ort, er gibt mir Hoffnung für alles Kommende. Ich spüre Verbundenheit und Kraft.

   
  
Die Wege im Wald sind teilweise matschig und schlecht begehbar. Wie die Wege des Lebens. Auch in ihnen sinke ich zuweilen ein und mache mir die Schuhe schmutzig. Meine Schuhe sind leichte, dennoch solide Lederboots. Ich habe sie wie meine eigene Haut sehr gut imprägniert gegen die Nässe und die Pfützen im Wald. Haut will gepflegt werden. Ob tot oder lebendig. Auf der Bank in der Sonne mit der weiten Aussicht über das Land Richtung Paderborn genieße ich die guten Gespräche, die das Leben mir schenkt.
  
Sie sind offen, menschlich, tiefgründig, vertraut wie die Menschen, die mir begegnen und nahe kommen in allem was und wie sie sind. Ihr Vertrauen ehrt mich. Mein Blick schweift über die weite Landschaft. Ich sehe einen großen Ilex, eine Stechpalme. Einsam steht er im niedrigen Gebüsch, ragt trotzig heraus. Die Erdfarben vermischt mit dem klaren Himmelsblau tränken die Leinwand meiner Seele, bis ich einem Bilderbogen gleiche. Wind stößt mir mild in die langen Haare, streichelt mir einzelne Strähnen aus der Stirn. Ich genieße es unendlich, jetzt hier sein zu dürfen, in dieser Frühlingssonne, mitten im Dezember. Auch das Kleine bittet um Beachtung. Winzige Trichter-Flechten bewachsen den Sandstein. Strukturwunder, die Minimalisten unter den Pflanzen.

   
  
Als ich noch ein Kind war, unternahmen meine Eltern mit uns Kindern lange Wanderungen durch die Wälder. Hier, an diesem Ort, war ich zuletzt als Dreikäsehoch. 

  
Ich freue mich unbändig darauf, meinen Eltern, die nicht mehr gut laufen können, diese Bilder zu zeigen. Sie werden die schönsten Erinnerungen in ihnen wecken und sie werden noch etwas anderes mit ihnen tun: Sie werden sie daran erinnern, dass sie uns Kindern das Geschenk der Heimat zu Füßen legten wie eine schlichte Gabe, die nach den tiefen Wäldern der Freiheit duftet. Ich schenke ihnen meine Dankbarkeit zurück. Auf stille und auf unaufdringliche Weise. Das Kind ist erwachsen und hat über den unbeständigen Jahren, die es auf Wanderschaft ist, viel über das Wesen des Glücks gelernt.
   
   
Verirrungen und Umwege gehören zu Wanderungen dazu. Sie sind sportliche Herausforderungen und fragen nach Zeiten ohne elektronische Navigationssysteme. Sie schulen den Orientierungssinn. Es ist gut, darüber zu lachen im vollen Bewusstsein, dass es wichtig ist, stets zu wissen und immer wieder neu zu lernen, wo man ist und wo man steht. Sich immer wieder neu auszurichten und zu orientieren. Das Alte zu hinterfragen und sich vor allem wohl gesonnen zu bleiben, wenn die Füße ein paar Kilometer Umleitung laufen müssen, um wieder auf den Weg zurückzugelangen, der nach Hause führt.

  
Zuhause, das ist dort, wo das Herz lebt und liebt im besseren Wissen, dass es überall, wo es darauf vertraut eine Heimat zu finden, auch immer ein Wenn und ein Aber gibt. 

Ich bin zuhause.

Angekommen.

  

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Liebe Blogfreunde, dies ist mein letzter Eintrag in diesem Jahr. Ich nehme Euch gedanklich mit auf diese heutige Wanderung, die eine ganz besondere für mich war. Eine Reise zurück in die Kindheit, eine Erinnerung an wunderbare Gespräche und Begegnungen mit Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. 

Es bedeutet mir sehr viel, dass es das so geben darf für mich.

In diesem Jahr sind mir viele neue Freunde gefolgt. Ich kam noch nicht dazu, Eure Blogs eingehender in Augenschein zu nehmen und ich kann nicht jedem von Euch gerecht werden, auch wenn es mein Wunsch ist, das zu wollen, etwas von dem zurückzugeben, was Ihr mir gebt, wenn Ihr meine Beiträge stille lest oder ihnen ein „Gefällt-mir-Sternchen“ verpasst oder wenn Ihr mir sogar eigene Worte in Euren Kommentaren schenkt. 

Wie Ihr mir signalisiert, dass Ihr da ward, dass ihr mich gesehen habt oder gelesen, bleibt Euch ganz selbst überlassen. Ich freue mich sehr über Euer Interesse.

Mein Blog hat in diesem letzten Jahr so viele neue Follower wie vorher nie erfahren. 

Ich danke Euch. 

Ihr wisst schon.


Habt eine gute Weihnachtszeit, macht das Beste daraus! Ob in Familie, mit Freunden oder auch allein. Kommt gut in das neue Jahr. Ich wünsche Euch von ganzem Herzen Gesundheit, Liebe und Licht. 


Eure Karfunkelfee

Una und ihre Muscheln

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Una, eine aus dem Stamm ging mit einem der Ältesten auf Wanderschaft, um neue Fischfanggründe zu erschließen, neue Strände zu finden.
Una war oft unzufrieden mit sich selbst und dem Stammesleben. Sie mochte sich nicht leiden und weinte oft, verletzte sich selbst mit scharfen Werkzeugen, niemand wusste, warum sie das tat.

Darum wurde beschlossen, Una mit dem Ältesten eine Weile Neues erkunden zu lassen. Man erhoffte sich, dass das alltägliche Leben mit den anderen der jungen Frau leichter fiele, wenn sie eine Weile abgelenkt sei und neue Erfahrungen für sich sammeln könne.

Der alte Krieger, den Una begleitete bemerkte, dass sie dann und wann ihre Arme aufmerksam betrachtete. Sie waren vernarbt, viele inzwischen verheilte Schnitte, die nun unter der Sommerbräune umso fahler schimmerten.
Sie bemerkte seinen Blick und sagte, sie habe noch mehr davon am Körper.
Lustig, was?
Doch Unas Augen lachten nicht mit.
Der Krieger fragte sie ob sie Lust habe, sich auf etwas einzulassen.
Sie schaute ihn sehr erstaunt an und fragte was er denn meine?
Er fragte sie ob sie wüsste, wie viele Narben genau sie am Körper trüge?
Er habe genau 189 Narben an seinem achtzigjährigen Körper gezählt, davon mehrere Initiationsnarben an den Oberarmen, sowie 170 Narben, die er sich bei Kämpfen zugezogen habe, es sei schon sehr viele Frühlinge her, lachte er und seine Augen leuchteten übermütig wie die eines jungen Mannes.
Ob sie sich traute, die Narben an ihrem Körper ebenfalls zu zählen?
Ob sie mutig genug sei, der vielleicht hohen Anzahl ins Auge blicken zu können?
Dann fügte er hinzu:
Wenn du von einem Pfeilregen getroffen wirst, reißt es dich erstmal von den Füßen.
Du liegst blutend da, bist die erste Zeit bewusstlos und vor allem aber weißt nicht wo es dich überall erwischt hat.
Also verschaffst du dir einen Überblick.
Es sei gut und wichtig zu wissen, wo der Ursprung einer Verletzung läge, um sie einschätzen und die richtigen Heilwege für sich zu suchen.

Als sie den Strand weiter entlang gingen, die rauschende Meeresbrandung zur Rechten, bat er sie, ihm für jede Narbe, die sie an ihrem Körper fände, eine Muschel zu sammeln und mitzubringen. Das erleichtere das sachliche Zählen, wie sie das denn fände?
Una ließ sich darauf ein.

Noch am selben Abend brachte sie ihm die erste Muschel, klein und weiß in ihrer Hand. Der alte Krieger bewunderte die Muschel, ihren herrlichen Perlmutterschimmer, die feine Form. Una meinte dazu,, sie habe lange gesucht danach, wohl mehrere Stunden lang, bis sie die richtige Muschel fand.

Der alte Krieger fand Unas Muschelwahl klug.
Das Große sei doch nur ein Spiegel des Kleinen, sagte er und dann erzählte er Una von den riesigen Muschelbänken im Meer, eine Muschel wie die andere und doch jede einzigartig in winzigsten Veränderungen von Größe, Form und Farbe.
Behutsam zeichnete der alte Krieger die gewellte Rückseite von Unas Muschel in den filigranen Linien, Buchtungen und Wellen nach.

Am Ende ihrer Erkundungsreise, kurz bevor Una und der alte Krieger sich zur Rückkehr zum Stamm rüsteten, hatte er 135 Muscheln von Una erhalten. Alle waren der ersten ähnlich, klein, zierlich und schillernd, und jede einzelne unterschied sich merklich durch irgendein besonderes Detail von den anderen. Eine hatte Herzform, eine andere einen bläulichen Perlmuttschimmer, wieder eine andere hatte kleine Zacken auf der Rückseite ausgebildet und wieder eine andere Muschel erinnerte an ein menschliches Ohr – Una konnte dem alten Krieger über jede Muschel, die sie ihm am Ende eines Tages überreichte, etwas erzählen und sie voneinander unterscheiden. Sie wusste sogar bei jeder Muschel, wann und wo sie genau diese fand. Jede Muschel stand für eine blässlich schimmernde Narbe an Unas Körper.

Der alte Krieger sagte zu Una, das seien viele Muschelnarben für ein zwanzig Frühlinge zählendes junges Menschenleben.
Er bohrte Löcher in die Muscheln und fertigte eine Kette, die er Una am Tag ihrer Rückreise feierlich übergab.
Una freute sich sehr, denn die Kette war hübsch geworden, ein echtes Schmuckstück und das Perlmutt schimmerte bunt in der Sonne.
Der alte Krieger sagte, das sei ihre ganz persönliche Kette.
Jeder Mensch hätte eine Kette um den Hals, es sei gut zu wissen, aus was die Kettenglieder bestünden, es entschiede darüber, ob es ein Schmuck sei oder eine Fessel und an Una sähe er, dass sie die Kette als Schmuck trüge und das fände er sehr beruhigend.

Dann wollte er von Una wissen, warum sie nur kleine weiße Muscheln gesammelt habe?
Schließlich gäbe es am Strand auch große Muscheln, schwer, spitz und unhandlich.

Una erzählte ihm stattdessen, wie eigenartig es für sie gewesen sei festzustellen, wo sie überall am Körper Narben trüge. Bei manchen wüsste sie nicht einmal mehr, wie sie dorthin gekommen seien und wann.
Bei anderen hingegen wüsste sie es mehr als genau.
Ihr Gefühl habe ihr dazu geraten.
Du wolltest, dass ich Muscheln sammle, sagtest nicht, wofür du sie verwenden willst, sagte Una.
Darum sammelte ich kleine und leichte Muscheln, weil sie besser zu tragen sind und nicht zusätzlich zum Marschgepäck belasten, wer immer sie auch trägt.

Der Krieger, den Una nun schon ein wenig besser kennen gelernt hatte, dachte einen Moment lang auf seine besondere Weise nach: mit leicht zur Seite gelegtem Kopf und fest geschlossenen Augen.
Nach einer längeren Weile begann er leise zu sprechen:
Wir Menschen sind oft so unachtsam mit unserem Körper.
Jede Muschel, die dich schmückt, erinnert dich an Schmerz, eine folgende Heilung und dass du es überlebt hast.
Große und kleine Verletzungen des Lebens.
Der Krieger schützt seinen Körper, weil er seine wichtigste Waffe ist und kennt genau jede einzelne Verletzung, weiß, was er braucht, um gesund und kräftig zu bleiben.
Du darfst stolz darauf sein, einen solchen Schmuck wie deine Muschelkette zu tragen, sie ist einer wahren Kriegerin würdig, denn sie steht für den Geist, leben zu wollen und die Kraft, schon viele Schmerzen ausgehalten und überlebt zu haben. Das ist dein Sinn in dieser Welt: zu überleben.
mit und für die anderen und ein Krieger weiß, wie schnell sein Leben zu Ende sein kann und erkennt das Wesen des Schmerzes als ein Notwendiges, das ihn hinweist und warnt.
Seit dieser Zeit verletzte sich Una nicht mehr.
Ihre Muschelkette trug sie voller Stolz.