Politisch unkorrekt

Ich weiß, dass fast dreißig Prozent in UK dieser Entscheidung ihre Stimme enthielten und dass überwiegend Briten ab 64 aufwärts für den Brexit stimmten. Fühl mich traurig, weil so eine Entscheidung gerade jetzt in den schweren Zeiten so bitter trifft, sie sich erst einmal imho wie eine Absage an eine Länderfreundschaft anfühlt und England ist auch Europa und Europa empfinde ich als ein Ganzes – schon immer und lange, schon als die EU noch als Quark im Schaufenster stand. 
Obwohl ich noch nie in England, Schottland oder Irland war, fühlen sich Sprache und Leute vertraut an. Ich arbeitete im Export. Da lernte ich unterschiedlichste Kulturen kennen und auch wie ähnlich manche sich sind und auch wie fremd andere sich sein können.

Jetzt gerade habe ich erst einmal Angst. Ich möchte am liebsten rüber über den Teich und mich da drüben mal eben vergewissern, ob wir noch Freunde sind, England und ich. Hey- I Love your Orange Marmelade, Serien wie das Haus am Eaton Place und  Monthy Pythons flying circus prägten mich nachhaltig! Wir Deutschen sind verunsichert. Dieser Austritt fühlt sich an wie ein Wegtritt. Eine Katastrophe. Eure jungen Leute hingegen bewiesen Vertrauen in diese zugegeben eierige und schwierige EU-Angelegenheit. In sie setze ich Hoffnung, ihnen gehört meine Stimme. Wie könnte ich mich gegen junge Zuversicht stellen, nur weil meine so genannte Lebenserfahrung mich ein ums andere Mal lehrte, dass Vertrauen ein Fehler ist? Es gab die Ausnahmen in denen es sich auszahlte, einander zu vertrauen und aufeinander zu bauen, zueinander zu stehen. Nicht immer ist der Alleingang der richtige Weg und wenn die schönste Unabhängigkeit ein auf tönernes Misstrauen gebautes Haus ist, bleibt sie einsam und schwach. Bei aller Freiheit des Respektes und mit Verlaub, liebe britische Freunde und Nachbarn, bitte bedenkt das. Ihr habt den Frieden in diesen Zeiten etwas ungewisser, unsicherer und unverlässlicher gemacht. Ihr werdet uns in der EU an der Seite sehr fehlen.

Ich wünschte wirklich, es gäbe irgend eine Möglichkeit, diese Entscheidung noch einmal rückgängig zu machen. Es ist mehr als eine politische Entscheidung. Die Fassungslosigkeit und Traurigkeit der Leute auf der Straße zeigen mir das. Wenn fremde Menschen mich ansprechen, so wie gestern dieser Mann auf dem Supermarktparkplatz, ein schon sehr alter Mann, der mich anschaute und fragte, wie lange der Frieden jetzt denn wohl noch stand hielte? Ihm sprang der zweite Weltkrieg förmlich aus den Augen und im Autoradio liefen gerade die Nachrichten. Als das Brexit-Thema zur Sprache kam, bemerkte ich das Weiten der Pupillen im Auge dieses Fremden und seine Angst übertrug sich politisch völlig unkorrekt auf mich. Ich suchte nach einer Antwort und drosch eine Phrase, etwas Besseres fand ich nicht: Der Frieden hält so lange stand wie es ausreichend Menschen gibt, die gemeinsam (dieses Wort intonierte ich mit mindestens fünfzig Ausrufezeichen doch ohne dabei zu zischen und zu spucken) für dieses Ziel einstehen wollen.

Was, wenn noch mehr auseinanderbricht? Was, wenn Frankreich und Holland einknicken, die Rechten ein Referendum fordern? Dies fragte ich den Mann nicht. Und ob wir Freunde seien auch nicht. Sind wir es? Diesen Wunsch will ich über allem anderen leben. Ob mit oder ohne die Brexits dieser Welt. Bei einer Tasse Darjeeling und einem Gurkensandwich. Mit Shakespeare und Bitter Orange Juice und der zugegebenermaßen sehr idealistischen Idee davon, wie Völker zusammenwachsen könnten, wenn sie Verständigung und Gemeinsinn statt darüber zu reden und dem ständig kleinformatig zuwider zu handeln, wirklich vorbildlich leben würden. Doch eine große Form kann nur entstehen, wenn es die kleinsten Strukturen vorgeben und erlauben und solange es Shitstorms, Verfehmdungen und Hexenjagden zwischen all zu vielen Eigenarten, Schwächen und Menschlichkeiten gibt, ist dieser große Gedanke leider unmöglich, da zu sehr von sich selbst eingenommen und daher befangen. 

Unbefangenheit ist ein Privileg der vom Leben noch weitgehend ungeprägten Jugend. Sie sich im Älterwerden über den schlechten Lebenserfahrungen und Eitelkeiten zu bewahren, ist eine hohe Lebenskunst. God s(h)ave  the Queen. Ich könnte hier jetzt musikalisch perfekt Pomp and Circumstances von Elgar beitragen. Doch den fände  ich unangemessen. Wir haben hier nämlich gerade jede Menge Circumstances, allerdings leider ganz ohne Pomp, dafür mit jeder Menge Fiderallala. Dieser Beitrag ist politisch total unkorrekt. Ich habe mir jetzt doch in aller Freundschaft mal Luft machen müssen. Und das alles ohne Misstrauensvotum und Referendum, liebe englische Nachbarn und Freunde. Allerdings nicht in der Weltsprache Englisch. Doch wenn nur einer von Euch nach einer translation fragen würde, weil ihn interessiert wer ich bin und was ich sage, setze ich mich sofort hin, stehle mir alle Zeit die ich brauche und bemühe mich um eine Übersetzung ins Englische. Die wird dauern, das ist unbequem, ich muss viel nachschlagen in Cassell’s Dictionary, doch das wäre mir schnurzpiepe. (Was heißt schnurzpiepe auf Englisch???) Ich würde es trotzdem machen. Weil England es mir wert wäre.

Licht und Liebe

   
    

  

  

Das Jahr läuft Revue. Es hat sich Frühlingsklamotten angezogen und kurz vor Weihnachten sehe ich unterwegs eine japanische Kirsche in vollem Blütenprunk.  
Es war schön, nach all der Arbeit, Stress, den kleinen und großen Sorgen, den Alltagspflichten und schlaflosen Nächten, dem Druck heute zu entkommen.   
    
 
Der Wunsch nach Natur war längst übermächtig geworden. Kann die Dankbarkeit sie gesund zu erleben, sie in voller Bewegungsfreiheit zu genießen maßlos sein? Alles kann maßlos sein. Doch meistens wird dieses Wort im Zusammenhang mit negativen Dingen verwendet. Maßlose Dankbarkeit zeigt sich in einem euphorischen vor Glück überquellenden Herzen und durchdringt Muskeln, Nerven, Mark und Knochen. Das Glück wird bebildert an jeder erdenklichen Wegecke. Es zeigt sich groß und mächtig in 80 km entfernten Aussichten bis ins Sauerland,
  
 in kraftvollen Momenten an alten mystischen Kraftorten, wie es im Teutoburger Wald so viele gibt. Die alte Antoniuskapelle ist dem heiligen Antonius geweiht. Er wurde liebevoll„Tönis“ genannt und so kam der Tönsberg im Teutoburger Wald zu seinem Namen. Im 15. Jahrhundert diente die alte Kapelle einem Mönch als Enklave und wurde in den Dreißiger Jahren restauriert. Heute ist sie eine offene Ruine. Als ich in ihr stehe, spüre ich vieles. Wie so oft drängen die Jahrhunderte nah an mich heran. Irgend jemand hat einen kleinen Steinhaufen in eine der Mauernischen gebaut. Ein großes Holzkreuz symbolisiert die Säkularisierung eines Ortes, der in seinen Schwingungen weit über jeder Religion steht. Hier fanden sich viele Geister zusammen. Kein Wunder, dass die Kirche über so etwas eine Oberhoheit ausüben will. Doch das, was erhalten blieb in den alten Steinen, überdauerte alles. Säkularisierung, Oberhoheit und Machtdenken. Die alte Ruine ist von Föhren umgeben. Der Wind rauscht friedlich in den hohen Kronen. Rechts vom Weg öffnet sich der Blick über das weite Lipperland mit seinen kleinen Dörfern. Am Horizont verschwimmen blau die Berge des Weserberglandes. 
   
    
 
Als ich innerhalb der alten Mauern stehe, höre ich viele Stimmen aus der Vergangenheit. Sie hoffen, bitten und wünschen. Sie singen mit dem Wind in den Bäumen. Es ist ein friedlicher guter Ort, er gibt mir Hoffnung für alles Kommende. Ich spüre Verbundenheit und Kraft.

   
  
Die Wege im Wald sind teilweise matschig und schlecht begehbar. Wie die Wege des Lebens. Auch in ihnen sinke ich zuweilen ein und mache mir die Schuhe schmutzig. Meine Schuhe sind leichte, dennoch solide Lederboots. Ich habe sie wie meine eigene Haut sehr gut imprägniert gegen die Nässe und die Pfützen im Wald. Haut will gepflegt werden. Ob tot oder lebendig. Auf der Bank in der Sonne mit der weiten Aussicht über das Land Richtung Paderborn genieße ich die guten Gespräche, die das Leben mir schenkt.
  
Sie sind offen, menschlich, tiefgründig, vertraut wie die Menschen, die mir begegnen und nahe kommen in allem was und wie sie sind. Ihr Vertrauen ehrt mich. Mein Blick schweift über die weite Landschaft. Ich sehe einen großen Ilex, eine Stechpalme. Einsam steht er im niedrigen Gebüsch, ragt trotzig heraus. Die Erdfarben vermischt mit dem klaren Himmelsblau tränken die Leinwand meiner Seele, bis ich einem Bilderbogen gleiche. Wind stößt mir mild in die langen Haare, streichelt mir einzelne Strähnen aus der Stirn. Ich genieße es unendlich, jetzt hier sein zu dürfen, in dieser Frühlingssonne, mitten im Dezember. Auch das Kleine bittet um Beachtung. Winzige Trichter-Flechten bewachsen den Sandstein. Strukturwunder, die Minimalisten unter den Pflanzen.

   
  
Als ich noch ein Kind war, unternahmen meine Eltern mit uns Kindern lange Wanderungen durch die Wälder. Hier, an diesem Ort, war ich zuletzt als Dreikäsehoch. 

  
Ich freue mich unbändig darauf, meinen Eltern, die nicht mehr gut laufen können, diese Bilder zu zeigen. Sie werden die schönsten Erinnerungen in ihnen wecken und sie werden noch etwas anderes mit ihnen tun: Sie werden sie daran erinnern, dass sie uns Kindern das Geschenk der Heimat zu Füßen legten wie eine schlichte Gabe, die nach den tiefen Wäldern der Freiheit duftet. Ich schenke ihnen meine Dankbarkeit zurück. Auf stille und auf unaufdringliche Weise. Das Kind ist erwachsen und hat über den unbeständigen Jahren, die es auf Wanderschaft ist, viel über das Wesen des Glücks gelernt.
   
   
Verirrungen und Umwege gehören zu Wanderungen dazu. Sie sind sportliche Herausforderungen und fragen nach Zeiten ohne elektronische Navigationssysteme. Sie schulen den Orientierungssinn. Es ist gut, darüber zu lachen im vollen Bewusstsein, dass es wichtig ist, stets zu wissen und immer wieder neu zu lernen, wo man ist und wo man steht. Sich immer wieder neu auszurichten und zu orientieren. Das Alte zu hinterfragen und sich vor allem wohl gesonnen zu bleiben, wenn die Füße ein paar Kilometer Umleitung laufen müssen, um wieder auf den Weg zurückzugelangen, der nach Hause führt.

  
Zuhause, das ist dort, wo das Herz lebt und liebt im besseren Wissen, dass es überall, wo es darauf vertraut eine Heimat zu finden, auch immer ein Wenn und ein Aber gibt. 

Ich bin zuhause.

Angekommen.

  

——
Liebe Blogfreunde, dies ist mein letzter Eintrag in diesem Jahr. Ich nehme Euch gedanklich mit auf diese heutige Wanderung, die eine ganz besondere für mich war. Eine Reise zurück in die Kindheit, eine Erinnerung an wunderbare Gespräche und Begegnungen mit Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. 

Es bedeutet mir sehr viel, dass es das so geben darf für mich.

In diesem Jahr sind mir viele neue Freunde gefolgt. Ich kam noch nicht dazu, Eure Blogs eingehender in Augenschein zu nehmen und ich kann nicht jedem von Euch gerecht werden, auch wenn es mein Wunsch ist, das zu wollen, etwas von dem zurückzugeben, was Ihr mir gebt, wenn Ihr meine Beiträge stille lest oder ihnen ein „Gefällt-mir-Sternchen“ verpasst oder wenn Ihr mir sogar eigene Worte in Euren Kommentaren schenkt. 

Wie Ihr mir signalisiert, dass Ihr da ward, dass ihr mich gesehen habt oder gelesen, bleibt Euch ganz selbst überlassen. Ich freue mich sehr über Euer Interesse.

Mein Blog hat in diesem letzten Jahr so viele neue Follower wie vorher nie erfahren. 

Ich danke Euch. 

Ihr wisst schon.


Habt eine gute Weihnachtszeit, macht das Beste daraus! Ob in Familie, mit Freunden oder auch allein. Kommt gut in das neue Jahr. Ich wünsche Euch von ganzem Herzen Gesundheit, Liebe und Licht. 


Eure Karfunkelfee

Hammerschlag-Grau

IMG_0007

Das war, bevor die Zeit sich in hammerschlaggrau einfärbte wie irgendeine Maschine, stampfend und rumorend, weitere graue Zeit produzierend, die sich um ihn legte wie eine erstickende Decke. Diese Frau entsprach genau seinen Vorstellungen, sie war wie ein Märchenwesen aus einer anderen Welt. Wenn sie schrieb, pochte sein Herz und als er sie sah, wusste er, dass er nie mehr eine andere wollte. Doch es war kompliziert. Sie war verheiratet mit einem gut verdienenden Computerspezialisten,  der die meiste Zeit über im Ausland geschäftlich unterwegs war. Sie hatten sich über das Internet kennengelernt, eine dieser zahllosen Flirt-Plattformen, weil sie in ihrer Ehe einsam geworden war. Sie wünschte sich Kontakt, wie sie sagte, Freunde. Denn die hatte sie nicht. Dafür jedoch zwei kleine Kinder, die sie ans Haus banden und für ein Auto reichte das Geld nicht aus.

Sie war eine seltsame Frau. Wie ein Kind erschien sie ihm, wie jungfräulich, obwohl sie Kinder hatte. Für ihn war klar, dass er sie retten musste aus dieser gutsituierten Welt in der sie lebte und drohte an der Einsamkeit innerlich zu verhungern. Tiefe Labialfalten hatten sich in ihr Gesicht gegraben, das ihm als ein schönes Gesicht erschien, denn sie hatte sich strahlende Augen bewahrt. Da er ein scheuer Mann war, eher zurückhaltend, entspann sich die virtuelle Konversation nur zögerlich und langsam. Doch nach und nach taute er auf und sie verabredeten sich in einem Café in ihrer Stadt. Sie erzählte von ihrer Ehe, in der längst alles an Gefühlen versickert war in den Alltäglichkeiten und der ständigen Abwesenheit ihres Ehemannes. Wie er fremdging und sie es über Dritte erfuhr. Er hatte anscheinend mehrere Geliebte gleichzeitig, doch nachprüfen konnte sie es natürlich nicht. Kaum ertrug er das zeitweise Erlöschen des Glanzes in ihren dunkelbraunen Augen, während sie sprach. Dann erzählte er von sich, wie er von seiner Freundin verlassen wurde und monatelang darunter litt, nicht mehr essen konnte und zu dünn wurde für all seine Kleidung. Er hatte einen Job als kaufmännischer Angestellter in einer kleinen Spedition, kam ganz gut klar, wie er ihr sagte. Sein größter Traum war es, einmal nach Italien zu reisen, nach Rom, um genau zu sein und dort im Kolosseum zu sitzen oder über die spanische Treppe zu laufen, es sei ein italienisches Gefühl, wie er sagte.

Als sie erzählte wie eifersüchtig ihr Mann war, sie kontrollierte mit mindestens sechs Kontrollanrufen pro Tag, ahnte er, dass es komplizierter werden könnte zwischen ihnen. Er fragte sie, ob diese Eifersucht schon weitergeführt hätte, da schob sie den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte ihm ein paar blaue Flecken. Er vermöbelt mich manchmal, sagte sie. Dabei kenne ich doch niemanden und habe auch kaum Kontakt. Er verdächtigt jeden und mich am meisten, dass ich ihn betrügen könnte, dass ich fremdgehen könnte. Ja, sagte er, das ist der Fluch der eigenen bösen Tat, der Menschen so werden lässt. Sie meinte allerdings, das sei zu absolut gedacht. Schließlich könne Eifersucht auch daher rühren, dass man verletzt würde, einmal zu oft. Dass man dann das Vertrauen verlöre in den anderen. Er räumte ein, dass dies natürlich auch möglich sei, ob sie ihren Mann in Schutz nehmen wolle? Er spürte, wie Aggression in ihm hochkochte, eine heiße rote Wut auf diesen unbekannten Ehemann, den er noch nie gesehen hatte. Sie zeigte ihm Bilder ihrer Kinder und er bewunderte die Bilder höflich, sagte, dass er die Kinder hübsch fände, obwohl er sie hässlich fand, weil es nicht seine eigenen waren.

Nach einer Stunde traute er sich, seine Hand auf ihre zu legen. Sie hatte sie auf den Tisch gelegt, die Finger leicht zusammengekrampft. Ihre Hand war eiskalt, obwohl es ein warmer Sommertag war. Später gingen sie zu ihm und dann war es doch nicht so, wie er es sich so sehr erhoffte. Sie küsste nicht gern und er schon. Sie legte sich hin und ließ ihn gewähren, zuckte zwischendurch, doch er war sich nicht sicher, ob sie nun wirklich gekommen war oder ihm etwas vormachte. Dennoch war sein Begehren nach wie ungebrochen und nachdem sie sich getrennt hatten, sie in ihre Welt zurückkehrte, träumte er in der Nacht von ihr und davon, dass sie auch ganz anders sein könnte als so, wie sie wirklich war und dass er ihre Gefühle für ihn erweckte.

Sie telefonierten ein paar Mal. Es waren hastige, atemlose Gespräche, immer überschattet von der Möglichkeit, dass ihr Mann versuchen könne anzurufen, um zu kontrollieren, ob sie zu Hause war und brav Mutter und Hausfrau spielte. Es war eine zugegebenermaßen ziemlich verfahrene Kiste und ihm war klar, dass sie wenig bis keine Aussicht auf eine sonstwie geartete Zukunft hatte. Sie sahen sich wieder und wieder machte er sich Hoffnungen, dass sie ihn genauso sehr begehrte wie er sie. Doch er wurde ein weiteres Mal enttäuscht und als sie nach ihrem letzten Zusammensein ihre Nylons hochrollte, über den spitzengesäumten Slip zog, dämmerte ihm das erste Mal, dass er sich wirklich etwas vormachte mit dieser Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, ohne die näheren Umstände um die Verliebtheit herum näher zu kennen.

Dann, nach einem halben Jahr, eröffnete sie ihm in einem letzten Telefonat, dass sie ihn nicht wiedersehen wolle. Er fragte warum und sie blieb ihm die Antwort schuldig, legte einfach auf. Er begann sie zu suchen. In den Bäumen, im Himmel, in Wasserspiegeln. Er träumte jede Nacht von ihren Brüsten und der Weichheit ihrer Scham. Tagelang lief er mit einer Dauererektion herum, von der er sich nicht immer befreien konnte. In der Spedition, in der er arbeitete, verzog er sich auf die Herrentoiletten und wichste schnell und hastig, spritzte ab, um sich zu erleichtern. Es wütete wie ein unseliges Fieber in ihm. Er hoffte, dass die Kollegen es nicht bemerken würden, wenn er manchmal stöhnte, weil er sich sie vorstellte, wenn er seinen Schwanz mit schnellen Auf- und Ab-Bewegungen rieb, immer wieder ihre Brüste, ihre weißen Brüste mit den rosa Spitzen, die sie verbarg unter einem rosengeblümten BH, den er ihr aufhaken durfte. Noch nie hatte eine Frau ihn derart erotisiert. Noch nie hatte er wegen einer Frau derart gelitten, schien es ihm. Die Tage wurden hammerschlaggrau, wie die Maschinen, die er manchmal in den Versandpapieren beschrieb.

Hammerschlaggrau waren auch die Gewissheiten auf eine fehlende Erlösung seiner Qualen. Die alte Frau begegnete ihm am Ententeich, an dem er manchmal nach Feierabend saß und aufs Wasser sah. Wasser beruhigte ihn, sein zuckendes pochendes Herz, sein Verzehren nach ihr. Sie saß einfach nur da, auf dieser Parkbank und las. Er setzte sich eine Bank weiter und drehte sich eine Zigarette. Sie warf Blicke zu ihm und dann fragte sie, ob er unbedingt rauchen müsse? Sie hätte ein Lungenleiden. C.O.P.D., um genau zu sein, sie sei kurzatmig und könne nicht gut Luft bekommen. Entschuldigend senkte sie den Blick. Ich verschimmele von innen, wissen Sie? Es war ihm so gesehen, in diesen Momenten herzlich egal, ob jemand verschimmelte, er zersetzte sich von innen und genau das antwortete er ihr auch. Sie legte den billigen Liebesschundroman von Julia, den sie gerade las zur Seite und fragte höflich, ob sie sich einen Moment zu ihm setzen dürfe. Widerwillig nickte er und legte schweren Herzens seine frisch gedrehte Zigarette zurück in das Päckchen mit dem Tabak. Was rauchen Sie denn? Wollte die alte Dame von ihm wissen. Vanille-Tabak, lächelte er und wunderte sich, dass er lächeln konnte. Mein Mann hat immer Reval geraucht. Die stanken zum Gotteserbarmen, lachte die Frau und ihre Gesicht verzog sich wie das eines Hush-Puppies. Ihre hängenden Backen schwabbelten ein wenig, sie war ziemlich korpulent. Sie wies ihn auf den schönen Tag hin, die Sonnenstrahlen, die über den See wanderten und dann erzählte sie ihm von ihrer Tochter. Sie musste ja unbedingt diesen Safari-Urlaub in Afrika machen, sagte die alte Frau. Allein. Sie wissen schon. Sie wurde ermordet von Wilderern. Ich erfuhr es erst Monate später. Es war schrecklich. Er wollte Mitgefühl empfinden und konnte es nicht. Sein eigenes Herz war hammerschlaggrau. Und was drückt Sie? Fragte die alte Frau neugierig und starrte ihn an.

Erstaunt wandte er ihr sein bislang halb abgewandtes Gesicht gänzlich  zu und entdeckte echtes Interesse in ihren Augen.  Liebeskummer, sagte er, von der übelsten Sorte. Ach, wissen Sie, lachte sie, Liebeskummer ist wie eine Grippe. Das geht vorbei. Es schmerzt eine Weile und dann ist es wieder gut. Erzählen Sie doch mal. Er erzählte. Es sprudelte aus ihm heraus und als er endete, nickte sie mitfühlend mit dem Kopf. Das hat Sie ganz schön erwischt, mein Lieber. Er hasste es wie die Pest, wenn andere „Mein Lieber“ zu ihm sagten. Ich bin nicht Ihr Lieber, sagte er mit belegter Stimme. Die Frau entschuldigte sich, stand auf und warf ein paar Brotkrumen ins Wasser. Dann drehte sie sich zu ihm um und fragte ihn, ob er Kinder habe. Nein, sagte er. Nur Freundinnen, ein paar wenige. Alle Beziehungen zerbrachen und nun sei er bereits seit sieben Jahren auf der Suche nach einer neuen Freundin. Wieder nickte sie und zerkrümelte gedankenverloren das Brot in ihrer Hand, so dass es auf ihre Füße fiel. Ein paar Enten kamen keck heran und balgten sich um die Stücke.

Wissen Sie wie es ist, ein Kind zu überleben? Meine Tochter war mein Ein und Alles. Ich liebte sie so sehr. Genau wie meinen Mann, der ist schon seit zwanzig Jahren tot. Lungenkrebs. Ein klassischer Fall. Ich habe niemanden mehr, lebe dort drüben in einem Altersheim. Der Rest der Familie kümmert sich nicht um mich, hier, die Enten, das sind meine besten Freunde. Und eine der Pflegerinnen im Heim. Das ist ein Goldstück. Sie kauft mir meine Lieblingsschokolade. Noisette. Das ist übrig von meinem Leben. Schokolade und Erinnerungen. Ich hätte so gern Enkel gehabt. Ich hätte mein Kind so gern aufwachsen sehen. Ich hätte so gern meinen Mann an meiner Seite. Eine Träne tropfte aus ihren Augen. Nun heult sie auch noch, Gott hilf mir, dachte er und bot ihr ein Papiertaschentuch an.

Ich bin achtzig Jahre alt und manchmal hoffe ich, der liebe Gott hat mit mir alter Frau ein Einsehen, schniefte sie. Er soll mich zu sich nehmen, endlich zu sich nehmen. Dieses traurige einsamen Leben ertrage ich nicht mehr gut. Ich bin jeden Tag hier am See. Dort finde ich meine Lieben eher als in diesem sterilen Heim. Ich halte die Besucher der anderen nicht gut aus. Doch meine Lungenkrankheit wird schon dafür sorgen, dass ich nicht mehr allzu alt werde. Ich lebe nun schon zwanzig Jahre so. Doch Sie sind noch jung. Bedenken Sie das. Wie alt sind Sie überhaupt? Fünfzig Jahre, sagte er und senkte den Kopf, um sie nicht länger ansehen zu müssen. Er hielt sie kaum noch aus, warum, konnte er nicht sagen. Ich muss jetzt gehen, ich wünsche Ihnen alles Gute. Er machte Anstalten aufzustehen. Sie hielt ihn zurück, umklammerte seinen Arm mit erstaunlich festem Griff. Sie sind noch jung, sagte sie beschwörend. Machen Sie ihr Glück nicht an jemandem fest, der Sie nicht will. Suchen Sie weiter, hören Sie? Versprechen Sie mir das? Er wollte garnichts versprechen, am wenigsten dieser alten Frau, die ihn langsam begann zu nerven. Er bedankte sich höflich für ihren Rat und machte sich auf den Weg in seine leere Wohnung.

Beim Abendbrot kamen ihm plötzlich die Tränen. Er weinte nie. Er schämte sich zu sehr für Tränen, für seine eigenen wie für die anderer. Doch er konnte nichts dagegen tun, dass sie einfach liefen, auf sein mit Senf bestrichenes Wurstbrot tropften, auf die Gurkenscheibchen und sich mit der Remoulade zu einer schlierig-weißen Soße vermischten. Er konnte überhaupt nichts gegen diese Tränen machen und er weinte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Er sah zum stillen Telefon, dachte an sie. Doch etwas in ihm hatte sich verändert. Er konnte noch nicht sagen, wie. Es war, als hätte eine stille Gewissheit seiner Sehnsucht den Platz weggenommen, es war, als hätte sich in ihm etwas davongestohlen, das am Tag vorher noch dagewesen war. Er ging zur Arbeit und brauchte nicht zu wichsen. Alles in ihm war schlaff geworden, genauso wie sein Schwanz. Als er am Abend zum See kam, wusste er nicht genau, was er dort wollte und wunderte sich über sich selbst. Doch die alte Frau war nicht da. Vielleicht war sie schon gegangen oder an diesem Tag nicht gekommen. Er holte sein Päckchen Tabak aus der Tasche und wollte sich eine Zigarette drehen, so wie sonst auch. Doch irgendwie war ihm der Appetit vergangen. Er dachte an verschimmelte Lungen und an Krebs, an lebenserhaltende Maßnahmen und palliative Begleitung und er fühlte sich für so etwas definitiv noch zu jung.

Feline 

  

Feline hat ein Date

Feline hat sich zu diesem Anlass mindestens fünfmal umgezogen. Dann stand sie vor dem kleinen Ankleidespiegel in ihrem kombinierten Wohn-/Schlafzimmer und probierte Frisuren aus. Doch irgendwie ließen sich ihre Haare an diesem Tag noch weniger bändigen als sowieso schon, sie flogen, statisch aufgeladen durch die Luft und je mehr sie sie striegelte, umso mehr standen sie vom Kopf ab, bis Feline ein wenig aussah, wie eine dieser Glasfaserlampen, die in den Siebzigern so angesagt waren. Entnervt rieb sie etwas Olivenöl zwischen ihren Händen warm und massierte es in die Spitzen. Draußen tschilpten die Spatzen in der Birke. Sie schauten durch Felines Fenster, sahen ihr zu, wie sie, fluchend und gestikulierend versuchte, sich „tageslichttauglich“ zu stylen. 

Mittlerweile war es ihr gelungen, die lange Mähne in einen Haargummi derart zu stopfen, dass ihre leicht abstehenden Ohren verdeckt waren. Feline mochte ihre abstehenden Ohren nicht besonders. Sie dachte immer an Ullrich, wenn sie sie betrachtete. Ullrich nannte sie mal Dumbo, der fliegende Elefant. Seither hatte Feline ein gewaltiges Problem mit ihren Ohren. Obwohl Dirk hingebungsvoll darin herumgelutscht hatte und ihr versichert, sie hätte die feinst ziseliertesten Ohrwindungen überhaupt, konnte Feline dies kaum nehmen und verwerten, weil sich vor das Bild der fein ziselierten Ohrinnenwände, ein kleiner grauer Disney-Elefant schob, hartnäckig mit seinen überdimensionierten Ohren durch die Gegend fliegend. 

Feline zupfte noch ein wenig an sich herum und ein paar überflüssige Nasenhaare aus. Warum wurden die überhaupt länger im Alter? Sie befragte ihre Zellen, doch diese teilten sich, eine Antwort suchend, etwas weniger schnell. Felinebefand Fehler in ihrer bislang makellosen Matrix. Zellen setzten sich nicht mehr richtig zusammen. Wunden heilten länger als früher. Knochen auch. Skeptisch begutachtete Feline die tiefe Wunde an ihrem Handgelenk. Das Handgelenk einer Frau ist etwas Besonderes. Ausgerechnet an dieser schönen Stelle prangte eine tiefe Narbe. Sie war das Überbleibsel von Felines letztem Satz über den Bordstein, als sie aufschlug und das Armband, das sie trug, sich tief in die Haut bohrte und das Handgelenk fast bis auf den Knochen dabei aufgerissen hatte.

Sie umwickelte das Handgelenk mit einem breiten Armband. Es war das mit den schönen meerfarbenen Steinen, das sie einem Trödler abgeschwatzt hatte. Ein Beutestück, ein Geschenk. Es verdeckte genau passend die fiese Narbe. Dann legte Feline noch einen Hauch Zitronenwasser auf. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Sie wollte nicht riechen wie eine ganze Parfümerie.

Endlich war sie fertig. Sie schaute auf die Uhr: Noch viel Zeit. Sie konnte langsam gehen. Es waren ungefähr zwei Kilometer zum vereinbarten Treffpunkt am Naturpark. Sie hoffte, er sei so lalà. So, dass sie noch Worte finden könnte. Doch da die meisten Typen eher so lalà waren, machte sie sich darüber keine Sorgen. Als sie vor die Tür trat, die laue Frühlingsluft sie umfing, bekam sie gute Laune und lief in ihren flachen Schuhen wie ein kleines Mädchen. Am liebsten hätte sie einen Braken gehabt, so einen guten langen aus dem Wald und hätte ihn die Zaunlatten entlanggezogen. Der Impuls dazu war noch in ihrer zuckenden linken Hand vorhanden und auch hüpkernwar kein Problem. Sie wusste, dass das der schiere Übermut war. Schließlich traf sie jemanden. In ihrer Rechten trug Feline einen Beutel. In dem befanden sich die schönen hochhackigen Wadenstreckerchen, die 11 cm hohen Plateaus. Mit denen wollte sie nicht zwei Kilometer durch die Pampa stiefeln. Sie würde die Schuhe einfach wechseln und den Beutel im Wald verstecken, eine Stelle wusste sie schon. 

Zwanzig Minuten später tauschte Feline die Schuhe. Im für einige Momente ungewohnten Laufgefühl betrat sie die Fussgängerpassage. Nun bekam sie Herzklopfen. Die alte Angst kam und wollte ihr befehlen, auf der Stelle umzudrehen und zu gehen. Es könnte gefährlich werden, sagte diese Stimme. Ungeduldig wischte Feline sie beiseite. Hau ab! Sagte sie der Stimme. Was willst du? Brems mich nicht! Sie runzelte zornig die Augenbrauen, doch dann wurde ihr Blick wieder frei und klar, als sei nur ein Schatten darüber hinweggezogen, der für kurze Zeit das Licht in ihren Augen vernebelte. 

Du hast etwas Schönes vor, sagte Feline sich. Du lernst jemanden kennen, der sehr nett klingt. Ist das nichts? Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, denn sie war am Zielort angelangt. Er saß mit dem Rücken zu ihr, konnte nicht sehen, dass sie ankam. So hatte sie die Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck von ihm zu verschaffen. Groß. Das war schlecht. Sie mochte Große. Schöne definierte Arme. Feline spannte  ihren Bizeps an. Nicht zuviel, nur Rundungen, so mochte sie es. Die Haare waren undefinierbar in ihrer Farbe. Vielleicht brünett, oder doch eher blond? Etwas dazwischen? Die Frisur war genauso undefinierbar und ohne klaren Schnitt. Sie konnte nicht einmal erkennen, ob es nun Locken oder doch eher Wellen oder der Wind? Sie blinzelte verwirrt. Diesen Mann konnte sie nicht einschätzen. Ruhig und unbewegt wandte er ihr den Rücken zu. Noch hatte sie die Möglichkeit, zu türmen. Abzuhauen. Auf Plateausohlen, die 11 cm hoch waren in einer Fussgängerpassage, in der niemand rannte und schon überhaupt gar nicht auf Stöckelschuhen und damit einen Heidenlärm verursachte. Sie könnte auch wegschleichen, überlegte sie. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Angst längst den Fuß in Felines Tür. Sie glaubte immer noch, die Angelegenheit völlig unter ihrer Kontrolle zu haben, als ihre Füße schon wie von allein damit begannen, rückwärts zu gehen. In kleinsten, in minimalsten Schritten bewegte Felinesich rückwärts. Vorsichtig lavierte sie zwischen den Stühlen und drehte den Oberkörper, den Kopf gereckt im Fluchtimpuls. Das Rennen würde folgen, das wusste Feline. Sie erlebte das hier nicht zum ersten Mal in ihrem Leben.

Endlich hatte sie die Stühle und Tische hinter sich gelassen und setzte an zum finalen Spurt, weg von dem Date, weg von solchen Sachen, die waren gefährlich. Gefährlich hatte nun eine Riesenbedeutung. Gefährlich, das war Herzschmerz vom Schlimmsten. Die schlimmste Sorte. Unerwiderte Liebe und sowas. Das kannte Feline. Groß und undefinierbar. Nein, dachte Feline. Bitte nicht schon wieder. Ihr linkes Bein reckte sich zum Sprung und der Oberkörper fiel damit nach vorn, das rechte Bein setzte kraftvoll nach, es wäre garantiert ein Einmetersprung gewesen. Mindestens, wenn nicht noch weiter. Doch dazu sollte es nicht kommen. Denn eine Männerhand hatte sich in Felines Zopf verkrallt und riss sie nach hinten. Entsetzt spürte sie den Gegenstoß und drohte, das Gleichgewicht zu verlieren, doch von der anderen kam ein Arm und verhinderte den völligen Absturz aus 11 cm Absatzhöhe + Einmetersiebzig Körpergröße. 

Feline war stinksauer. Wer wagte es, sie am Schopf zu packen? Und dann noch so? Als sie in das Grinsen ihres vermeintlichen Retters blickte, war ihr klar, dass das hier der Anfang einer bösen Geschichte werden könnte. Groß und undefinierbar war zutreffend in kompletter Gänze. Alles schien irgendwie groß und undefinierbar. Er hatte große Ohren und sie standen ein ganz klein wenig ab. Feline begann innerlich zu schnurren. Nein, nicht Dumbos Seelenpartner. Oh, bitte, dachte sie, lass das alles hier ein böser Alptraum sein. Es ist der Falsche, Ruckediguh und sie schaute ihre Schuhe, die von denen der eine der weinroten Stöckel einen winzigen hauchfeinen Kratzer abbekommen hatte. Interessiert verfolgte sie den Blick ihres Retters, der ebenfalls an dem Kratzer hängengeblieben war. Er entschuldigte sich für sein abruptes Eingreifen. Er hatte eine  volle und schöne Stimme. Groß und irgendwie undefinierbar, fand Feline

Es ist nur ein kleiner Kratzer, sagte er. Tut der Schönheit keinen Abbruch. Er sah sie an. Feline dachte: Das ist Verführung Minderjähriger. Zumindest dachte Feline, sie hätte es gedacht. Denn als er losprustete, wusste sie, dass sie laut gedacht hatte. Ich meine….begann sie und schaute dann weg, weil seine Augen stehengeblieben waren auf ihr wie ihre Uhr, wie sie gerade bemerkte. Meine Uhr ist stehengeblieben, sagte sie um überhaupt etwas zu sagen. 

Wollen wir uns setzen, da drüben? Er führte sie an den Tisch, an dem sie ihn von hinterwärts hatte sitzen sehen. Als sie saß, bekamen ihre Beine Streit miteinander. Sie wussten urplötzlich überhaupt nicht mehr, wie sie liegen sollten. Übereinander oder nebeneinander oder überschlagen. Felineprobierte alles nacheinander aus und versuchte geflissentlich den etwas verwirrten Blick ihres Gegenübers zu ignorieren. Als er grinste, grinste sie ebenfalls und zuckte mit den Schultern. Ich bin…also…begann Feline. Mehr kam nicht aus ihr heraus, so sehr sie sich auch bemühte und obwohl ihre Beine einen Waffenstillstand geschlossen hatten, nebeneinanderlagen wie Sardinen in der Büchse von FelinesMinirockaneinandergeklatscht, die Haut warm und feucht von der Sonnenwärme. Dass isses einfach noch nicht, dachte Feline und hoffte inständig, sie hätte dieses Mal nicht laut gedacht, doch ihr Gegenüber betrachtete sie nur amüsiert und begann dann etwas zu erzählen. Feline glaubte, dass es sich dabei um etwas Politisches oder aber Philosophisches handeln musste, denn er fragte sie, ob sie wüsste, wie weit der Mond von der Erde entfernt sei. 

Äh, sagte Feline und glotzte ihn an wie ein Karpfen. Das ist eine gute Frage. Nervös blickte Feline auf den Tisch. Was, wenn er jetzt von ihr eine Zahl erwartete? Was, wenn sie eine Zahl riete und diese völlig daneben läge? Er sagte nichts weiter. Nur das. Das machte Feline völlig verrückt. Endlich sah sie ihm fest in die Augen und sagte, dass sie es verflixt noch mal nicht auswendig wüsste. Sie müsste das googeln und sie würde das googeln. Das sei keine so leichte Frage. Ob sie sich mit der Antwort ein wenig Zeit lassen dürfe? Nun schaute er verblüfft aus der Wäsche. Wahrscheinlich hatte er mit einer derartigen Antwort nicht unbedingt gerechnet. Als die Cappuccinos kamen, betrachtete er fasziniert, wie Feline mit dem Milchlöffel und dem Schaum herumexperimentierte. Mit Kakao arabeske Linien hineinmalte und zum Schluss eine Blüte über alles pinselte, bevor sie genussvoll einen Löffel nach dem anderen in ihren Mund beförderte. Da hatte sie sich einfach ganz vergessen. Cappuccino machte das mit ihr, berauschte sie irgendwie. Die Verbindung von Schwarz und Weiß, das Ineinandergreifen der verschiedenen Substanzen betörte Feline zutiefst. Das war Poesie. Darin konnte sie sich geben, samt krümelndem Amarettini oder Cantuccini. Cappuccino magst du wohl sehr gern, was? Sie kam aus ihrer KaffeemitMilchwelt zurückgeschwommen in seine und sah in seinen belustigten Augen ein winziges auf den Kopf gestelltes Spiegelbild ihrer selbst mit der großen Cappuccinotasse in der einen Hand und dem Löffel, ratlos in der Luft schwebend, in der anderen. Äh, ja. Feline verdrehte die Augen. Ihr war sehr warm. Das passierte immer, wenn ihr jemand gefiel. Sie hasste das wie die Pest. Es verdarb einfach alles. Mühselig versuchte Feline die aufsteigende Hitze in sich zu unterdrücken. Sie würde ihr Dekolletee rotfleckig machen und ihre abstehenden Ohren ebenfalls. Feline versuchte zu Lächeln. Sie empfand es als besseres Zähnefletschen, damit sie nicht völlig verkannt würde und sie spürte, wie sie immer unsicherer wurde bei diesem seltsamen Menschen, ihr gegenüber. Was wollte er von ihr? Warum fragte er sie nicht einfach? Oder sollte sie fragen? 

Sie fragte ihn, ob er gern Urlaub machen würde. Das brachte Leben in ihn. Er erzählte von seinem letzten Urlaub, ein Abenteuerurlaub auf den Kanaren. Mit Kumpels. Das sei eine fantastische unvergessliche Erfahrung gewesen, sagte er und zeigte ihr auf dem Handy Fotos ,die er gemacht hatte. Es waren besondere Bilder, allesamt. Keines war beliebig, die Motive waren allesamt geheimnisvoll oder durchstrahlt von Sonnenlicht. Du machst wunderschöne Fotos, bewunderte Feline die Bilder. Ja, das mag ich. Ich knipse immer unterwegs. Schau mal, hier, das war am Strand, die Sonne stand schräg, siehst du? Als das Licht einfiel, hielt ich den Apparat so, dass genau dieser pinke Lichtstrahl zwischen den Leuten dort stand. Es war ein Bruchteil einer Sekunde und es gelang mir, dies einzufangen. Das Foto war wunderschön, voller Kraft und Leidenschaft, fand Feline. Das Licht besonders. Besonders der pinke Strahl, der wie ein Lichtblitz durch das Bild schoss. 

Magst du die Natur? Sie ist einfach das Größte für mich. Er bekam einen fernen Ausdruck in die Augen, Feline konnte nicht sagen, was er zu bedeuten hatte. Komm, forderte Felineihn auf, zeig mir noch mehr Bilder von dir. Sie sind wunderschön. Eine Stunde verging. Ich muss gehen, sagte er. Er umarmte Feline, dann war sie schon wieder zurück am Stadtrand, im Wald und tauschte die Schuhe. Sie hatten sich nicht wieder verabredet. Man kam überein, dass jeder viel Leben um sich herum hatte, schwer mit neuen Bekanntschaften. Doch sie hatten die Telefonnummern getauscht. Für alle Fälle. Man konnte ja nie wissen.

Take Five

IMG_0627

Ey, was ist mir dir, Mann? Warum liegst du da? Hast du nichts Besseres zu tun? Ayar ist stehengeblieben. Vor ihm auf dem Weg liegt ein Junge, ungefähr in seinem Alter. Er ist übersät von Sommersprossen, seine roten Haare stehen borstig vom Kopf ab. Ayar kennt den Jungen nicht, hat ihn noch nie gesehen. Auf seine Schule geht er auch nicht, dort wäre er ihm längst aufgefallen, wegen der roten leuchtenden Haare. Die Straße flimmert in der Mittagssonne. Es ist sehr heiß, Ayars Stirn ist überzogen von einem feinen Schweißfilm, weil er schnell gelaufen ist, um nach Hause zu kommen. Er ist immer noch völlig außer Atem.

Unschlüssig streicht sich Ayar eine schwarze Kringellocke aus der blassen Stirn und beäugt den Jungen, der sich mit beiden Händen, die Knöchel weiß hervortretend an den Zaunlatten festklammert, während sein seltsam verrenkter und verdrehter Körper zuckt und sich windet, seine Füße ausschlagen ins Leere. Ayar geht in die Knie und versucht eine der verkrampften Hände des Jungen des Jungen vom Zaun zu lösen, doch es gelingt ihm nicht. Irgendwo in einem der Häuser rechts dudelt ein Radio. Doch es ist niemand weit und breit zu sehen, die Straße wirkt wie ausgestorben. Überall sind die Rolläden heruntergelassen. Die Hitze steht.

Ey, Mann, das kannst du nicht bringen hier, das ist ja voll krank! Was soll ich denn machen? Was hast du? Sag schon, Alter! Der Mund des Jungen, öffnet und schließt sich, als wolle er Worte formen, schließlich sieht Ayar zu seinem Entsetzen, wie sich davor weißlicher Schaum bildet.

Ey Alter, ich weiß nicht was ich tun kann, Mann! Sag doch irgendwas!

Ayar beginnt zu schreien. Nicht einfach nur so. Dieses Spaßschreien, was er manchmal macht, wenn er bei den Raufereien seiner Freunde um Hilfe ruft und es lustig findet, wenn niemand kommt. Weil das spannend ist, obwohl das alles ja nur ein Spiel ist: Dieses Raufen und um Gnadewinseln in irgendeinem Schwitzkasten steckend und im Wissen zu schreien, dass die Luft tatsächlich knapp wird. Doch es ist dennoch ein Spiel, bei dem er auch schon aus echtem Schmerz schrie, obwohl er wusste, dass es doch nur seine Kumpel waren, die ihn drangsalierten. Ayar hat in Filmen schon Leute in höchster Panik schreien gehört. Zum Beispiel in Horrorfilmen, die Ayars älterer Bruder ihn manchmal anschauen lässt. Doch das ist nur ein Film, weiß Ayar und auch, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen wirklich laut um Hilfe rufen hörte.

HILFE! brüllt Ayar aus voller Lunge. Seine Hilferufe verhallen zwischen den Miethausfronten mit den vielen Fenstern. Keines öffnet sich, niemand schaut heraus. Es ist auch nirgendwo ein Passant zu sehen, den Ayar um Hilfe hätte bitten können. Nur die alte rote Katze vom Nachbarn überquert langsam die Straße und verschwindet unter einem der geparkten Autos.

HILFE, HILFE, HIER STIRBT JEMAND!

Ayar ist verzweifelt. Er weiß nicht, was er tun soll und der Anfall des Jungen am Zaun wird immer schlimmer, immer heftiger verkrümmt sich der Körper, biegt sich nach hinten, wirft sich wieder nach vorn, verkrümmt bis zum Äußersten. In den nach hinten verdrehten Augen des Jungen, ist nur noch das Weiße erkennbar. Ayar beginnt den zuckenden Jungen vorsichtig zu schütteln. Zwischendurch ruft er immer wieder um Hilfe. Schreit schließlich den rothaarigen Jungen an:

Hör doch auf, Mann, was ist denn mit dir?

Er überlegt wegzulaufen, jemanden zu holen, schiebt dann jedoch den Gedanken wieder beiseite. Was, wenn der Junge in der Zwischenzeit zu sich kommt oder es ihm noch schlechter geht? Mittlerweile ist es Ayar gelungen, eine der völlig verkrampften Hände des Jungen vom Zaun, an den er sich klammert, zu lösen. Die Hand schnellt ab und verkrallt sich dann mit schier unglaublicher Kraft an Ayars Arm, so dass Ayar mitgeschüttelt wird von dem sich hin- und herwerfenden Körper des Jungen. Ayar erinnert sich an das, was sein Vater ihn lehrte, wenn er sich in einer Notsituation befindet:

FEUER! FEUER! Es BRENNT! Schreit Ayar. HIER BRENNT ES! FEUER!

Endlich öffnet sich im Block gegenüber ein abblätterndes Fenster. Das Gesicht einer alten Frau erscheint. Es ist Mittagsruhe, ruft sie quer über die Straße zu Ayar hinüber. Spielt leiser, hier schlafen welche!Ayar schreit zurück, so laut er kann: Dies ist ein Notfall, er hat einen Anfall, irgendwas Komisches, ich glaube, er stirbt, bitte rufen Sie einen Krankenwagen!

Die Frau lehnt sich etwas weiter aus der Fensteröffnung, versucht zu erkennen, was sich abspielt auf der anderen Straßenseite. Dann schließt sie das Fenster und zieht die Gardine vor. Fünf endlose Minuten später sieht Ayar, wie sie aus dem Haus tritt und langsam die Straße überquert. Die alte Frau geht in winzigen Schritten und schiebt einen Rollator vor sich her. Sie trägt einen rosafarbenen Bademantel und komische Hausschuhe mit türkisenen Bommeln. Ihre dünnen weißen Beine sind von Krampfadern übersät. Sie sieht aus, als sei sie geradewegs aus dem Bett gestiegen. Ihre weißen Locken stehen in sämtliche Richtungen wirr vom Kopf ab, den sie beim Gehen leicht vornüberbeugt, was Ayar an den Gang einer Schildkröte erinnert. Wäre alles nicht so dramatisch gewesen, hätte Ayar darüber lachen können, doch so ist er einfach nur froh, jemanden zu sehen, der vielleicht helfen kann.

Er flüstert in die weißen verdrehten Augen des Jungen, zu dem wild hin- und herschlingernden Kopf und den zuckenden Gliedern: Alles wird gut, hörst du, Alter? Du kommst wieder voll in Ordnung, wirst schon sehen! Ist bestimmt nur so ein Anfall, das kommt vor, okay, Mann? Gleich kommt auch ein Arzt. Der kann dir helfen.

Ayar betet zu Allah so fest er kann. Er schwänzt manchmal den Koranunterricht und sein Vater schlägt ihn dann windelweich mit dem Hosengürtel. Doch jetzt erinnert er sich an einige Suren, die er dringend brauchen kann in dieser Situation. Weißer Schaum tropft vom Mund des Jungen auf die Straße. Ayar kann den zuckenden Körper des nicht festhalten, alles an diesem Körper ist Krampf geworden. Er hat so etwas noch nie zuvor gesehen, weiß nicht einmal, ob der andere überhaupt bemerkt, dass er da ist, obwohl die Hand des Jungen immer noch um seinen Arm gekrallt ist. Unendlich langsam kommt die alte Frau näher, quälend langsam, viel zu langsam für Ayars Empfinden.Er flüstert aufgeregt: Da kommt jemand, hörst du? Alter, halte durch! Das machen die in den Filmen auch! Da kommt jemand, der wird uns helfen.

Das sagt Ayar obwohl er mit einem heißen Gefühl im Bauch daran zweifelt, dass diese alte Frau überhaupt helfen kann. So, wie sie aussieht, ist sie selbst halbtot, hoffentlich kann sie wirklich etwas tun, denkt Ayar und versucht weiterhin völlig erfolglos, den zuckenden Körper des Jungen festzuhalten, ruhigzustellen. Er weiß nicht, was er tun soll, also streichelt er beruhigend seinen Rücken. Unbeeindruckt wirft sich der Junge weiter hin und her, verändert sekündlich die Stellung, zieht Grimassen, spuckt weißen Schaum vor Ayars Füße.

Die alte Frau ist inzwischen angekommen bei Ayar und atmet schnell. Sie japst und holt schwer Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, dann bedeutet sie Ayar mit einer Geste ihrer rechten Hand, die sie auf die Brust legt, dass sie zu Atem kommen muss.

Ayar schreit sie an: ER STIRBT! Hoffentlich kann sie ihn auch hören. Alte Leute sind manchmal schwerhörig. Also wiederholt er noch einmal alles, nur vorsichtshalber: HÖREN SIE? HABEN SIE MICH VERSTANDEN? ER STIRBT! WIRBRAUCHEN EINEN KRANKENWAGEN! Das Wort Krankenwagen betont Ayar besonders. Der stirbt so schnell nicht, sagt die Frau zu Ayar. Eher beiläufig, in lockerem Ton: Wie heißt du denn? Meine Güte, ist das heiß heute! Fügt sie noch an und tupft sich mit einem Tempotaschentuch die Stirn ab.

Ayar kann es einfach nicht fassen! Sie will tatsächlich von ihm wissen wie er heißt, während dieser Junge hier im Begriff ist zu sterben, fragt sie tatsächlich nach seinem Namen, als ob das jetzt irgendwie wichtig sei? Er hat mal gehört, dass manche alte Leute komisch werden und nicht mehr richtig denken können. Ayar wird kochend heiß zumute: Was, wenn diese alte Dame vielleicht überhaupt nicht helfen kann? Vielleicht ist sie sogar selbst hilfebedürftig? Tickt nicht mehr richtig, oder so etwas? Ayar schüttelt entmutigt den Kopf. Er weiß nicht, was er tun soll.

Das ist Marko. Die alte Frau hat den Rollator beiseite gestellt und ist neben Ayar in die Hocke gegangen. Vorsichtig und sehr langsam. Er hat einen Anfall. Komm, du, lass mich mal an ihn heran, ich will schauen. Ah, ich sehe, er hat sich an dir festgekrampft, das ist gut, dann ist er beruhigt.

WAAAS? brüllt Ayar außer sich. Was labern Sie da? Der ist beruhigt? Ey, der stirbt! Sie spinnen ja! Sie bleiben jetzt hier und ich hole den Krankenwagen, okay Lady? Ich habe gerade kein Handy, ich muss jemanden suchen, der eins hat…und Sie warten hier auf mich und passen auf.

Haben Sie das verstanden? SIE WARTEN HIER AUF MICH! ICH HOLE EINEN KRANKENWAGEN!

Die alte Frau untersucht kurz den zuckenden Jungen. Sie überprüft, ob er sich irgendwo verletzt hat. Mittlerweile kommt kein weißer Schaum mehr aus seinem Mund und auch die Krämpfe scheinen nachzulassen. Alles ist gut, Marko, sagt sie. Du hast jemanden gefunden, der sich sehr schön um dich kümmert. Gleich ist es vorbei. Wir sagen Mama und Papa Bescheid, ja? Ganz ruhig, Marko, du hast es gleich geschafft? Tapferer Junge! Sie streicht Marko sanft über den Kopf. Gut, sagt sie zu Ayar gewandt, er hat sich nicht gebissen. Das geschieht manchmal. Sie beißen sich auf die Lippen. Du darfst aber nichts dazwischenschieben, hörst du? Das kann die Atmung blockieren. Du hast alles richtig gemacht mit Marko. Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat und krampft, ist das, was er braucht, Berührung und Beruhigung. Öffne mal sein Hemd, da wo es ihn beengt, die obersten Knöpfe, er bekommt nicht gut Luft, siehst du? Mach sie alle auf, damit er atmen kann.

Ayar folgt den Anweisungen der Frau ohne Widerspruch. Du machst es gut, Ayar, lobt sie ihn. Keine Angst, Marko ist gleich wieder der Alte. Diese Krankheit hat er schon, seit er vier Jahre alt ist. Dann ist es mit einem Mal vorbei. Ayar spürt, wie Markos Hand sich entspannt, sein Körper erschlafft, der Atem sich beruhigt und nicht mehr länger unregelmäßig ein- und wieder aussetzt in krampfenden Stößen. Eine Krankheit wie ein Gewitter im Kopf, denkt Ayar. Jetzt scheint die Sonne wieder.

Hei…sagt der Marko auf einmal mit lallender Stimme…hao..bin Mar..o…allis…lar..? Ayar sieht ihn überrascht an. Der kann reden? Heio…macht Marko und versucht dabei zu lächeln, was jedoch noch nicht ganz gelingt, auch die Worte gelingen noch nicht ganz. Marko verzieht vor Anstrengung das Gesicht, als täte ihm jeder einzelne Muskel darin weh. Du bist echt krass, Mann, sagte Ayar, wie heißt das, was du hast? Marko verzieht das Gesicht und sagt etwas, das klingt wie: E..leppie…

Epilepsie meint er, sagt die alte Frau, als sie Ayars fragend hochgezogene Augenbrauen bemerkt. Er kann noch nicht wieder richtig sprechen. Er erinnert sich auch nicht an das, was gerade geschah. Ayar, bring doch Marko gerade nach Hause, er kann gleich wieder aufstehen und gehen, damit würdest du ihm eine Riesenfreude machen und mir auch. Es ist einfach zu heiß zum Laufen für mich alte Frau.

Okay, mach ich. Mit steifen Beinen vom langen Knien steht Ayar langsam auf und hilft der alten Frau ebenfalls hochzukommen. Danke, sagt sie. Ich heiße Magdalena Engelin. Ich wohne hier im Block, im zweiten Obergeschoss oben links. Hausnummer 75. Sie zeigt mit der aufgerichteten linken Hand zwei Finger und dann zeigt sie Ayar beide Hände, einmal mit sieben Fingern und nach einer kurzen Pause noch einmal fünf Finger der linken Hand. Alles klar? Sie lacht. Wenn mal was ist, dann komm ruhig vorbei. Auch, wenn du Fragen zu Marko haben solltest. Er ist ein besonderer Junge. In jeder Beziehung.

Marko versucht inzwischen ungelenk und noch unsicher aufzustehen, zieht sich mit einer Hand am Zaun hoch und hält sich mit der anderen an Ayars Arm fest, bis er schwankend und noch etwas zittrig auf die Füße kommt. Er ist ungefähr einen Kopf größer als Ayar und sehr schlank. Ayar hilft ihm und legte ihm stützend einen Arm um die Hüfte. Wo wohnst du, Alter? fragt er Marko. Marko lässt den Zaun los und winkt mit dem linken Arm die Straße hinunter, gut zweihundert Meter weiter auf einen rosa gestrichenen Block, an dem teilweise der Putz abblättert.

Ayar bemerkt eine helle, ungefähr 10 Zentimeter lange scharf gezackte, an den Rändern wellig aufgeworfene Narbe auf Markos sommersprossenübersätem Unterarm. Er würde Marko gern fragen, wie er zu ihr gekommen ist. Sie sieht eindrucksvoll aus. Marko zeigt Ayar drei Finger der linken Hand und macht eine Kopfbewegung hin zu dem rosa Miet-Block. Ayar fragt: Linkes Obergeschoss, dritte Etage? Marko nickt und hält zwei Finger hoch. Dann grinst er breit und zeigt Ayar erst fünf Finger, dann hält er ihm die offene Handfläche hin. Fragend sieht er Ayar an. Hausnummer 25. Ayar schlägt ein.

Take Five.

Wahrheit oder Pflicht

IMG_0405-0.JPG

Liebe Blogleser,

Nicht Wahrheit und schon garnicht Pflichtnichtnicht…nur ein Dank…und ich nicke meinem Blogfreund Lu (finsbarsgift hierhttp://finbarsgift.wordpress.com/2014/11/13/finbars-welt-ein-kleiner-einblick/) zu, der mich ausgewählt hat, um ein paar Fragen zu beantworten und mich tatsächlich auswählte für diesen Blog-Award und ein Stöckchen mit 11 Fragen.
Ich hab’s versucht auf meine Weise …zu beantworten und bei den anderen, die mich zu Stöckchen einluden, denen ich absagte, weil mir Antworten über mich generell schwer fallen, die mich nominierten, auszeichneten, möchte ich mich noch einmal bedanken, ich hab mich trotzdem sehr gefreut.
Es geht ja um Interesse aneinander.
Das habe ich. Auch wenn ich mal Nein zu etwas sage. Manchmal ist es kein endgültiges Nein.
Sag niemals nie…

Ich folge verschiedenen Blogs, auch vier spanischen und mit einigen tausche ich mich kommentierend aus, anderen folge ich still mitlesend.
Jeder dieser Blogs ist besonders für mich.
Eine Auswahl zu treffen war nicht einfach, doch diese hier möchte ich gern nominieren für den Blog-Award und das Stöckchen gern weitergeben, wenn sie es annehmen möchten:

1. Autopict – Never enough http://autopict.wordpress.com/
2. Pilotin fliegt – Der Literaturfalke http://literaturfalke.wordpress.com/
3. Clara Himmelhoch https://chh150845.wordpress.com/
4. Lesegut – Tigerfour http://tigerfour.wordpress.com/
5. Untermfirmament http://untermfirmament.wordpress.com/
6. Foodandwineporn – Faktoid http://foodandwineporn.de/
7. Kormoranflug- https://kormoranflug.wordpress.com/
8. 100 Canciones – http://100canciones.wordpress.com/
9. Christian Gruber – Lautdenker –
https://lautdenkerchristiangruber.wordpress.com/2014/03/07/old-style/
10. Gedankenmusik http://gedankenmusik.wordpress.com/

Dieses sind die Fragen:

1. Wofür lohnt es sich, jeden Tag aufzustehen?

2. Wenn Du für ein, zwei Tage ein Tier sein könntest, welches wärest Du gern?

3. Hast Du einen Traum, den Du Dir unbedingt noch erfüllen willst? Wenn ja, welchen?

4. Wovon besitzt Du am meisten? Bücher, Musik oder Filme?

5. Hat sich durch Deinen Blog etwas in Deinem Leben verändert?

6. Was findet sich immer bei Dir im Kühlschrank?

7. Schlage das nächste Buch in Reichweite auf und poste den dritten Satz und sage bitte, was das für ein Buch ist.

8. Gibt es für Dich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?

9. Wer ist Deine Lieblingsfilmfigur (oder Buch-Figur) und warum?

10. Was isst Du NICHT?

11. Wofür hättest Du gern mehr Zeit?

Ich danke Euch, den Nominierten, wie auch allen anderen, die hier nicht aufgeführt sind, dass es Eure faszinierenden Blogwelten gibt.

Herzliche Grüße,
Die Karfunkelfee
—————————————————–

Ich stehe auf, weil ich dann das Fenster öffnen, tief Luft holen kann mit Gänsehaut auf den Armen- Leben fühlen.
In der Nacht träumte ich, ich sei ein Panther, der nur Unsinn im Kopf hat, dann jagen geht und ich fühlte seine Hitze und die Gier, stieg in ihr auf und war ein Vogel im Himmel, fühlte meine Flügel, die Thermik, die Luftströmungen, die meinen gefiederten Körper mit schnellem Herzschlag über tiefe Abgründe trieben, in die ich tauchte und ein Fisch wurde, in einer Unterwasserwelt, in der das Leben fremdartig und bunt ein eigenes Dasein führte
Es überlebte die Dunkelheit. Ich war ein Schmetterling, leichtsinnig scheinend, dabei doch ernsthaft von Blüte zu Blüte trudelnd, den Wind ausschimpfend, der mich immer wieder abtreiben wollte und ich war die langsame Schildkröte, bedächtig ihren Weg suchend.
Ich träumte, ich träume, ich werde träumen, immer und immer von Erfüllung im Leben und von Daseinsgenuss.
Musik fiel mir ein, es war die Moldau von Smetana, nein, doch nicht…es war Beethoven, sein drittes Klavierkonzert und Barenboim, wie er sich Beethoven hingibt.
War das so? Oder doch ein verrückter strahlender Diamant in Pinkfloyd-Rosa…?

Ich denke an ein Bild, ein Lieblingsbild aus vielen, es heißt: Der Ursprung der Welt und Gustave Courbets Lächeln hinter dem Akt, Skulpturen tauchen auf aus der Zeitgeschichte, der Kuss, Rodin, das Beispiel der Verbundenheit.
Es hält sich die Waage, ich frage mich, wieviel Kunst ich hinter dem Wissen bei mir habe und finde viel Schönes.

Ein Text, einer, der mir einfiel, ich will ihn den andern zeigen gehen, denen da draußen, vielleicht kann jemand etwas mit meinem Text für sich anfangen? Was machen die andern? Wie geht es ihnen? Ich frage sie und sie nach mir. Ich spreche mit ihnen in meiner seltsamen Sprache, sie sind mir Inspiration und Freude am Schreiben, Interessengleichheit, bebildert, verdichtet, Künstler mit Sinn für Wahrheit und Schönheit, andere, die wach sind mit mir. Doch es ist frei, es zwingt mich nichts außer dem Wunsch nach Kommunikation und dass ich meine Texte öffentlich mache, ein Werk schaffe, langsam wachsend, wie Korkenzieherhaselnuss.

Ich nehme den Granatapfelessig aus meinem Kühlschrank, träufele etwas davon auf meine Hand und lecke das Saure ab wie himmlische Brause. Eine türkische Frau schenkte mir den Essig, gut, ihn jederzeit griffbereit zu wissen. (Granatdunkelrote Grüße an Frau Kaimas, Sie sind die Beste…)
Ich greife das Buch auf meinem Knie und schlage es auf auf Seite 37 und da steht:
‚Erstens widersprach Newtons erstes Bewegungsgesetz der Theorie der zu jener Zeit unbeschränkt anerkannten Autorität Aristoteles.‘

Ich lese im Buch von Gary Zukav, Die tanzenden Wu-Li Meister, denk über Abstraktes nach, Lebensgenuss, östliche Weisheit, darüber, dass ich es lesen darf, lernen darf, ausprobieren, es anzuwenden in allen Jahreszeiten, zusammen mit anderen. Ich habe eine Familie, ich will das Schöne teilen mit ihr, ich habe Kinder, das ist ein Teil Erfüllung, wenn auch mit Hindernissen, ich darf Sonnenuntergängen und Aufgängen hinterherjagen und beiwohnen, kann sie beschreiben. Das macht Sinn, die beredte Stille im poetischen Herzen.
Ein Teil Erfüllung. Gelebter Traum. Paulchen Panther mutierte zu Wolverine und wurde dann zu Hellboy bis hin zu der Frau mit der Maske, Kabuki, japanisch in Mangabildern, Fujijama in den Nebeln, Myamoto Musashi, ein geistiger Lehrmeister ganz im asketischen Sinn, dabei ein Genießer, malt mir einen singenden Vogel auf einem zerbrechlichen Zweig.
Eine Mentalität fürs Leben.
Auch zu essen, was auf den Tisch kommt, auch, Ungenießbares zu verweigern. Innereien vom Tier gehören nicht zu mir.

Jemand hat an der Uhr gedreht, die Zeit ruft mich zur Ordnung, ich klatsch ihr eins von Dalis Spiegeleiern auf dem Teller, ohne den Teller um die Ohren und füg mich dann – scheinbar…
Denn, was die Zeit nicht weiß ist der Trick, sich an und zu aus ihr davonzustehlen und Glücksmomente zu sammeln, wie Steine, die ich aufhebe, sammele, in die Jackentasche stecke und dann zum See gehe, um sie springen zu lassen.
Dafür ist immer mal Zeit, sie lässt sich von mir finden, wenn ich es will.

Durch den Regen fahren

IMG_4383.JPG

Durch den
Regen fahren
aus Pfützen
hoch spritzt
der Dreck
bis unter
die Sattelstütze
von vorn
die Gischt
in myriadenfeinen
Tropfen
ins Gesicht
vermischt sich
hautwarm salzig
mit dem Nebel
über dem Fluss
nass der schnelle
Atem
tropfend in
den vollen
schweren
blätterbehangenen
Bäumen
am Wegrand
greifen Bremsen
nicht
in graugrüner
Tropfenwelt
legt ein Lächeln
dein Gesicht frei
während du
von Spanien
träumst und erzählst.

IMG_4380.JPG