Aus den Geist(er)geschichten: Inside-Outside

 

Was, wenn dir ganze Jahreszeiten fehlen? Der ganze Winter und der ganze Sommer vorbeizieht wie an einem Panoramafenster mit schöner Aussicht. Was, wenn der Wald nach Winter, nach Sommer duftet und Du ihn atmest und doch nicht atmest, weil Du ihn nur ihn nur noch erahnst, doch nicht mehr richtig fühlst. Ein Winterbaum klingt anders als ein Sommerbaum, seine Energien sind anders verteilt. Im Sommer singen die Bäume und im Herbst werden sie elegisch. Kaum etwas ist dem Schlaf vergleichbar, in den sie im Winter fallen wie ein Apnoetaucher, der alle seine Körperfunktionen herunterfährt, einstellt, bis auf das Gehirn, das noch von Sauerstoff durchblutet wird. Im Winter schweigen die Bäume bis auf wenige und diese singen verhalten wie Amseln im toten Laub.

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Es ist ein durchlaufendes Gefühl, in Zwischenzeiten zu paradieren, noch einen Hauch Sommer zu erhaschen am warmen Berg. Dort begegnen dir noch blühende Gräser, doch dort riechst du auch den Abschied und der Wald pointiert ihn in verdorrten Akzenten in Farnen, auf Blattgoldwegen. Das Sauerland schimmert so nah, als könnest du eben mal so rüberfliegen. Der vom Frühjahrssturm gerissene Baum auf dem Kammweg wurde zwischenzeitlich weggeräumt, nur noch ein paar Stammstücke erinnern daran. Du müllerst mit den Reifen durch den dicken warmen weißen Sand der Senne, es geht ganz leicht. Du fährst langsam, mit viel Ruhe im Lauf und oben an der schönen Aussicht setzt du dich auf den alten Baumstumpf im Schneidersitz. Das Mountie liegt neben dir im Gras und die Grillen zirpen so laut, dass dir die Ohren dröhnen. Ein leichter Schweißfilm überzieht deine Haut. Du hast die Frage gelesen, wie Stille klingt. Heute ist Stille der rauschende Wind in den Bäumen, Grillenzirpen und das Summen der Insekten über der Wiese, in der warmen Luft die Augen friedlich zu schließen in Sommerduft mit erstem Herbstbitterlich.

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Was, wenn du dir die fehlenden Jahreszeiten in den verklingenden Akkorden zu einem vollen Ton zusammenkomponieren musst? Was, wenn die neuen Farben die alten noch nicht überdecken, doch du die alten Farben noch nicht gefühlt hast? Nun sind wieder die Schatten länger geworden, du fährst tiefsonnengesprenkelte Wege, im Schatten legt sich erste Herbkühle schwarz auf deine Seele. Ein Quantum Untröstlichkeit für das was dieses Jahr nicht stattfinden durfte.

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Dann öffnen sich die Bäume, der Blick wird weit, der Mais steht schon hoch. Du denkst an jemanden und schickst ein Gefühl zu ihm hin, das ganz leise und unbeschreiblich ist. Das Mountie scheint sich seinen Weg allein über den eingeschlagenen schmalen Hasenpfad zu suchen, du vertraust, dass du alle Wurzeln und Steine rechtzeitig siehst, die plötzlich aus dem Erdreich ragen. Kreuzenden Wanderer, Eichhörnchen, Vögeln, Rehen und Wildschweinen räumst du Vorfahrtsoptionen in der Kathedrale des Waldes ein. Ein Fink tippelt zierlich vor dir her, ein Eintel groß im Vergleich zu deinem Riesenrad, diesem Bike-Kamel, das vor seiner Winzigkeit freundlich stoppt wie ein schwarzes Getüm. Der gefiederte Fußgänger zirpt dir seinen Finkendank und wählt die Luftlinie drei Bäume höher. Gemächlich. Er lässt dich mit den Augen genau verfolgen, wo er hinzirpzwitschert, man könnte seinen Flug beinah lasziv nennen.

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Im Wald dröhnen Hunde. Du denkst darüber nach wo urplötzlich die Stille abgeblieben ist. Diesem lauten Dauer-Gekläffe von Hund und seinen ihn herumkommandieren Menschchen ist nur die totale und sofortige Flucht waldvoraus entgegenzusetzen. Neben dir plätschert der Bach. Du wünscht dir die Hunde weg, die Menschen weg oder beides verflixtnochmal leise. Endlich verklingen die kreischenden Stillestörenfriede zwischen Bäumen. Schnell schickst du Rübezahl ein Dankeschön, setzt dich an den Bach, tauchst deine kochenden Füße ein in das vom Regen noch kalte Wasser. Dass es nicht zischt, ist alles. Dein Bike lehnt am Baum. Grün-gelbe Schönheit. Grün ist die gute Energie, gelb ist die Angstenergie. Deine Farben, denkst du. Grün gewinnt sowieso.

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Du hast etwas mehr Luft auf die Reifen gepumpt als sonst. So ist das Mountie leichter zu fahren, doch rutscht auch schneller weg. Darum schiebst du wenn es steil bergab geht. Hast immerhin schon drei Berge geschafft, einen geschoben, weil die Luft zu knapp wurde. Schön langsam anfahren, Hauptsache irgendwie hochkommen. Die Kondition kommt durch die Wiederholung von selbst zurück. Der Bach murmelt um deine Füße. Dein Schweißfilm trocknet salzig. Über dir ein großer Schatten, der Falke ist unterwegs. Er hat dich gesehen und ruft. Du antwortest ihm stumm, dass Mäuse delikater sind als zähe Mountainbikerinnen und auch viel besser zu transportieren. Lachend fliegt er davon. Das alte Bruch-Bein ist artig, es strampelt gut mit. Doch du spürst wie es darin arbeitet, wie der Knochen heilt, wie der Bauschutt von der Knochenreparatur im Körper abtransportiert werden muss. Das Atmen schmerzt noch, doch moderate Bewegung sei gut und förderlich für die Beweglichkeit der Lunge, hast du gelesen. Du machst Atemübungen und hoffst, dass die Gesundheit wiederkommt. Langsam, Schritt für Schritt. Du ziehst die Füße aus dem Bach und lässt sie vom Wind ganz trocknen. Sie sind kalt und erfrischt. Nun kann es weitergehen. Deine Seele ist beweglicher als dein gereiztes starres Rippenfell und fährt voraus. Bis zum Segelflugplatz. Du hast das Mountie an den Zaun gelehnt und schaust einem Modell-Kunstflieger zu bis dir schwindelig wird. Der frische Pfefferminztee mit Honig mundet himmlisch. Im Westen das erste Abendrotglühen, rot blutend locken Föhrensilhouetten dich heimwärts. Ein LKW hupt dich an, du fährst gerade ein Stück Fahrradweg. Du willst dem pösen Purschen ein zackiges Pajero! hinterherschmettern, doch du bekommst nicht genug Luft. Gut so,  denn dann zieht er an dir vorbei  mit seinem dicken Auto und du siehst, wie er dir zuwinkt und breit strahlend einen Daumen hochreckt. Danke, du hast mir altem Mädchen gerade den Tag versüßt, mein Junge!

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Dann tauchst du ein in die Abendbäume, sie haben bereits begonnen, ihr Lullaby zu singen. Sie falten sich nachts zusammen, sie werden kleiner und schmaler. Langsam holperst du über den Kalkkieselweg bis zum Eisgrund. Die Wiesen haben sich lässig neben dir ausgestreckt, wirken satt, müde und tauschwer. Ihr Grün so tief, so tief. Die Abendstille beginnt schwarz die Erde auszuloten, senkt sich in dich, ein unendlich ferner Sternenklang. Blühen schon erste Glimmdinger am Nachthimmel. Du schaltest deine Lichter ein und fährst weiter. Das ist September: die Melancholie der früher einsetzenden Dunkelheit, die sentimentale Abendkühle in der Erinnerung des warmen Tages. Noch vor der Tiefenschärfe klaren Oktobers lebt sich die ganze träumerische Sanftmut des Sommers noch einmal genießerisch aus. Alle Häuser sind bereits gebaut und fertig, grüßt du Meister Rilke auf dem Heimweg. Sag, Herr Rilke, war dein Sommer groß? Meiner war zu klein um mein Haus fertig zu bauen, was mache ich jetzt bloß? Werde ich einsam sein? Lange Briefe schreiben? Los, Meister Rilke, sing noch einmal dein Herbstlied klug, der Sommer war trotzdem groß, kein Betrug, doch er hätte können noch größer sein, nicht wahr? Die Klage bittet im Gedenken regentränenzerronnener Tage lieber noch schnell um ein paar südlichere Tage. Du kommst am Waldrand an, denkst statt Reife an Übergäriges, weiß der Himmel wieso, bist auch ohne froh. Du denkst weiter über den Klang von Stille nach, im dissonant lärmenden Treppenhaus mit den in lauten Kraftworten und Fäkalausdrücken streitenden Leuten, mit dem Babygebrüll. Noch eine Weile schwingt die Harmonie vergangener Stille in dir wie ein Klang, der sich mehr und mehr von dir entfernt, schließlich dem Überdruss im Lärm nachbarschaftlicher Umgebung weichen muss.

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Bis zur nächsten Tour…

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Aus den Geist(er)geschichten: Die Zeit fliegt

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Es ist wieder soweit. Der Sommer wird müde. Auf der Straße tanzen erste trockene kleine Blätter und üben für den großen Reigen des herannahenden Herbstes. Während des Fahrens die Augen vollgetrunken mit dem vollen Gold der hohen Ähren. Ein Trecker zieht vor mir heraus. Der Bauer winkt fröhlich. Schön, er hat mich nicht zu Fall gebracht, als ich mit fast vierzig Sachen heranknüppelte und dachte, dass ich Vorfahrt hätte. Doch mittlerweile kenne ich diese Jungs vom Lande. Sie haben nur Augen für ihre mit Ernte vollgepackten Wagen. Dieser Agrarökonom ist ein verkappter Niki Lauda. Ich fahre ihm voran, er braucht ein wenig mit seinem dicken Trecker um in die Pötte zu kommen. Doch dann dröhnt es hinter mir mit einem Mal gewaltig, als er seine vielen PS hochfährt und mit ziemlich knappen Abstand lustig hupend und grinsend an mir vorbeizieht. Ich hänge mich eine Weile in seinen Windschatten und lasse mich ziehen. Glücklicherweise hat er keinen Jauche-Anhänger hinter sich, sondern ist mit vollem Korn beladen. Ich muss niesen, gleich mehrere Male und dann lasse ich den starken Jungen davon treckern. Er dreht sich noch einmal um auf seinem Kutschbock, hupt, winkt und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. Ja, denke ich, bist ja der Stärkere, schon okay und winke zurück. Über mir das gewaltige Blau des Augusthimmels, es spannt seinen Azurbogen über die tiefgrünen Bäume, tief atme ich den Farbenrausch ein. Es sind nur wenige Autos unterwegs, ich kann mich austoben, die Landschaft fliegt an mir vorbei, mein Herz ist stärker geworden, ruhig pumpt es das Blut Richtung Horizont, so weit mein Auge blickt. In meinen Ohren pfeift es, rechts ein armes plattgefahrenes Karnickel mit austretenden Eingeweiden am Straßenrand. Ich denke über Opfer nach und spurte eine Weile, bis mir die Luft ausgeht. Dann biege ich nach links in einen ruhigen Feldweg ein. Die Kette rasselt ein wenig, ich muss nachschmieren bei nächster Gelegenheit. Es wird still. Rechts und links von mir liegen die teilweise bereits abgeernteten Felder im tiefen Sonnenstand. Ich fahre auf ein Maisfeld zu. Amerika kommt mir in den Sinn. Dort leben die Verrückten. Sollte ich dorthin ziehen? Ich bin auch verrückt, ziehe durch, ohne Anzuhalten. Könnte wohl ein Bild schießen, doch zu schön ist die Stille, der laue Wind an den nackten Beinen, wie er sie streift und die Streichelsonne im Nacken, im Gesicht. Egal, denke ich, kommt hier in den Augustbeitrag eben ein Julibild mit einem Maisfeld. Es ist noch Zeit, der Farbrausch des tiefen Herbstgoldes, der Zeit der Stimmungen kommt erst noch. Heute will ich einfach nur einen guten Schnitt fahren, mich austoben, wild sein und dabei leise sein, dem späten Sommer lauschen, er flüstert: Ich bin noch nicht vorbei, noch bleibe ich ein wenig für dich hier, damit du Zeit hast von mir Abschied zu nehmen. Und ich danke ihm.
Ein paar Straßen weiter wird geheut. Ich sehe die gewaltigen Landmaschinen und denke, dass die Leute auf den Feldern eine andere Beziehung zu der von ihnen bewirtschafteten Erde haben als ich, ich Vogelfreie. Über mir kreist ein Krähenschwarm, laut krächzend schauend, wo es etwas zu holen gibt.

Ich fliege in den Wald. Sofort ist es wieder still. Kühle Baumschatten umstreifen mich, grünes Licht tanzt in Punkten über das Moos. Ein Dompfaff ruft. Wo bist du? Ein Zilpzalp antwortet ihm: Hier! Doch bald bin ich fort, ich gehöre zu den ersten, die fortziehen. Dort ist der See, sein stiller Spiegel tränkt meine wasserdurstigen Augen mit Poesie. Still eingebettet in das Grün, wie ein Geheimnis des Waldes. Ich fahre langsamer, genieße das ruhige Bild auf meinen leisen schmalen Reifen. Der Asphalt ging in einen Waldweg über. Er ist gut zu befahren. Eine Wandergruppe kommt mir entgegen. Hey, ruft ein kleiner Junge und zeigt mit dem Zeigefinger auf mich: Mama! Schau mal! Ja, antwortet Mama, es ist nicht einfach, mit einem Rennrad durch den Wald zu fahren, muss sich wohl verirrt haben.Ich will auch so eins, quäkt der Kleine und beginnt mir hinterherzurennen. Ich lache übermütig und winke ihm zu. Fahre langsam weiter und denke: Im Verirren lernt man am besten das Neue und das Unentdeckte kennen. Lasse mich ziellos weiter durch den Wald treiben, als der Weg übersät mit Kalkstein weitergeht, fahre ich durch die Büsche auf einem schmalen besser befahrbaren Pfad am Tal entlang und dann hat mich die Straße schon wieder und ich nehme an Fahrt auf, werde schneller, immer schneller.

Das Tageslicht weicht den Abendschatten, noch fahre ich in der Sonne, doch sie hat meine eher helle Haut mit tiefem Gold überzogen, es wird Zeit, nach Hause zu fahren, obwohl ich noch Power hätte, weiter fahren könnte, immer weiter.
Hinterm Horizont geht’s weiter, sang Udo Lindenberg. Ich bin ein Passenger, eine Durchreisende in dieser späten Sommerzeit und ich wünschte, ich könnte diese Momente festhalten in all ihrer Schärfe und ihrer Klarheit, im gesamten Spektrum ihrer vergänglichen Schönheit. Wie immer auf meinen Fahrten über das Land, erfasst mich Dankbarkeit vor dem was ich sehe und fühle. Dass ich gesund sein darf und eine Reminiszenz an die Unvergesslichkeit des Augenblicks schreiben kann.

Noch ein einziges Mal bleibe ich stehen und blicke zurück auf die lange Straße, die ich fuhr. Hinter mir der Wald, seine tiefe Unermesslichkeit, dahinter das reife Land, hinter mir der Sommer, der mir wie immer schon, zu kurz erscheint und doch eine lange Strecke warmer Tage in Folge war. Ich richte den Blick auf den Horizont, er schwimmt im Licht des gehenden Tages, seine Stunden bis zur Nacht sind minutiös abgezählt, erste Violett- und Rosatendenzen treiben schlierig in das tiefe Blau hinein. Ich muss mich sputen, muss mich eilen, die Zeit flieht jetzt schneller als noch im Juli in die Dunkelheit eines kühlen Abends.
Noch einmal spurte ich, die Kette rechts, mit eingeschalteter Notbeleuchtung, volle Kraft voraus. Der Geist jagt die Straße hoch, das durchreisende Gefühl verstärkt sich, das Zeitfenster des vergangenen Sommertages beginnt sich langsam zu schließen. Als ich abends auf dem Balkon sitze, schon eingewickelt in eine Decke, zu den Sternen sehe, wünsche ich mir von ihnen noch ein paar warme Tage, noch ein wenig Süden und etwas Wärme. Ich glaube, sie haben mich erhört.

Aus den Geist(er)geschichten: Schön, dass es dich gibt, querido

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Die Wut baute sich langsam und beständig seit mehreren Tagen in mir auf. Erst war sie ein rotes Rinnsal, doch dann schwoll sie langsam an, wurde ein reißender Fluss. Ich hätte Porzellan zerschlagen können oder gegen Wände treten, so dermaßen sauer war ich. Doch ich wusste, dass dies alles immer nur schädlich und ungesund sein kann. Ich brauchte dringend ein Überdruckventil, um diesen Zorn in mir loszuwerden.

Der Tag begann grau und müde, steigerte sich dann gegen Mittag, überarbeitete sich, wurde nicht satt davon, sondern blieb hungrig in der Sonne und dem Sommer vorm Balkon. Der Geist parkte wie üblich an der alten katalanischen Truhe und flüsterte mir Rennrad-Mantras ins Ohr. Heute mal nicht auf spanisch, denn dazu war ich viel zu wütend. Ich flüsterte zurück, ob sich mal wieder schön auszupowern wohl das Beste sei? Klar antwortete der Geist in seiner stummen wortlosen Sprache, die niemand anderer außer mir versteht, weil es eine Geheimsprache ist, wie Kinder sie erfinden. Schon zog ich mich um. Draußen stieg das Thermometer auf badewannenwarme 25 Grad an. Genau richtig für eine Toberunde, dachte ich mir, pellte mich in die enge Hose und schlupfte ohne Socken in die Schuhe. Zum Trikot hatte ich heute keine Lust. Ich besitze ein altes T-Shirt aus meinen wildesten Jugendjahren. Schwarz, mit einem weißen Gespenst. Ich hatte es mir irgendwann für die Disco sexy zurecht geschnippelt: den Ausschnitt weiter, die Ärmel ab. Genau richtig für heute. Lady in black.

Ich nahm einen ganzen Liter Wasser mit, kenne meinen Durst recht gut. Als ich den Geist die Treppen hinuntertrug, kam mir der türkische Nachbar entgegen. Wollte mir helfen mit dem Rad, ein echter Kavalier, findet man nur selten. Ich lächelte Tausendwatt und sagte, es ginge wunderbar. Ist es schwer? ,wollte er wissen. Ich bat ihn, das Rad mal anzuheben. 7,6 Kg Leichtigkeit auf Rädern. Da grinste er verträumt und beäugte den Geist wie ein kleiner Junge. Es ist ein Traumrad, das weiß ich sehr genau.

Unten angekommen, stieg ich auf und sah zu, dass ich möglichst schnell Strecke gewann. Konnte die Siedlung nicht mehr sehen, die kotzte mich augenblicklich genauso an, wie alles andere, das mir sonst lieb, teuer und vertraut war. In mir tobte ein bissiges Ding herum, ein verletzter wütender Drache mit einem gefletschten Maul voller spitzer Zähne und gelben Augen. Der Fahrtwind kühlte mir das Mütchen, die Luft war herrlich und zwei Kilometer später raste ich mit voller Beschleunigung durch das erste schattige Waldgebiet. Ich wartete förmlich darauf, dass mich überholende Autofahrer anhupten und sehnte mich nach Kraftausdrücken, die ich ihnen hinterherschmettern konnte, doch heute war ein verhexter Tag und sämtliche Autofahrer die mir begegneten, waren überfreundlich und dermaßen gut gelaunt, dass ich kaum glauben konnte, wie mir geschah. Einen stach ordentlich der Hafer, er pfiff mir hinterher, als ich an der Ampel zeitgleich mit ihm losspurtete. Der Schweiß lief mir in Strömen. Mein Shirt war nass, mein Slip durchtränkt und einzelne salzige Tropfen liefen mir überall am Körper herum.
Nach 20 Kilometern legte ich eine Pause ein, um mich zu orientieren. Meine Wut tobte immer noch heißhungrig in mir herum, ich würde noch mindestens 20 Kilometer Vollgas fahren müssen, bevor es besser werden konnte. Mittlerweile hatte ich die tiefe Wut an die Oberfläche geholt. Das war gut, sehr gut sogar. Im nächsten Schritt konnte ich sie losfahren, aus mir heraus. Enttäuschung, Hass, Angst und Wut sind gallebittere Gefühle in mir, ich halte sie nicht lange aus. Meine Richtung stand fest, ich fuhr einen weiten Bogen. Vor mir lag eine lange Straße mit einem sehr guten Radweg, der menschenleer war und absolut geeignet um durchzusprinten. Zwischendurch hatte ich leichte Steigungen im Gelände, das war sogar noch viel besser. Fünf Kilometer lang fuhr ich mit dem Teufel auf den Fersen und einem Gefühl von Einsamkeit im Herzen, das dermaßen überwältigend war, dass es sogar die heiße Wut in mir übertönte.
Rechts und links zogen die Felder, die Wiesen mit ihrem vertrauten Duft an mir vorbei, den ich so liebte, der mich wild und wuschig machte. Vor mir lag lagen die Teutoberge in blauen Sommerdunst gehüllt, ich fuhr genau auf sie zu. Etwas in mir brach sich Bahn, etwas, das ich in den letzten Tagen zurückgedrängelt hatte, wann immer es hochsteigen wollte in mir. Es pulste feuerglühend durch mich hindurch, es schoss mir durch sämtliche Venen und mein Herz, wie verrückt schlagend, raste mit mir in die Zeit voran. Ich spürte, wie die Wut Stücke daraus riss und hineinbiss, ich fühlte die Trauer, die sich verkehrt hatte von Schwarz zu Feuerrot, mein Atem war hitzig wie Feuer geworden, brannte in meinem trockenen heißen Mund: ich ritt einen verletzten Drachen und ich wusste, dass das Vieh bis zum Äußersten gereizt war.
Am Ende der Straße schlug ich mich zwischen die Felder und fuhr lauter menschenleere kleine Landstraßen entlang, immer noch pumpte ich, so schnell meine Füße treten konnten. Der Mais stand mittelhoch. Steht schon echt beschissen hoch, das verfickte Korn, schrie ich gegen den Wind, der in meinen Ohren pfiff und Du kannst mich mal! Scheiße, verdammte! brüllte ich, so laut ich konnte und es war mir absolut egal ob es jemand hören konnte. Tränen liefen mir in die Augen und an meinem erhitzten Gesicht herunter, das Salz biss in meine Haut und endlich, endlich konnte ich langsamer werden. Ich stieg mit zitternden Beinen ab und legte den Geist sanft auf die Wiese neben mir, legte mich neben ihn, mitten in die Kornblumen. Das Gras stach in meinen verschwitzten Rücken und ich lachte. Ich lachte, als sei ich völlig wahnsinnig geworden: Hey Geist, schrie ich, jetzt bin ich komplett durchgeknallt! Eines seiner Laufräder bewegte sich langsam im Wind, die sich drehenden Speichen warfen einen filigranen Schatten auf meinen Körper und ich glaube, das war es, was mich endlich ruhig werden ließ. Ich streichelte das mattschwarze Gestänge und spürte, wie sich mein Atem in der Brust langsam legte, das Herz sich beruhigte. Die ganze Zeit über kam niemand, kein einziger Mensch, nur ein ferner Schwarm Sommerschwalben zog sirrend am Himmel weite hohe Kreise. Es war endlich vorbei. Zurück blieb eine Art Mattigkeit, eine totale Erschöpfung, die so tief war, dass sie mich ganz durchdrang.

Das einzige, das jetzt noch in mir brannte, war mein höllischer Durst und ich trank beinahe einen halben Liter Wasser aus einer meiner Flaschen, langsam und in kleinen Schlucken, damit ich nicht alles wieder auskotzte. Es ist nicht gut, sich so leer zu fahren, das wusste ich und pulte einen schwitzigen Traubenzucker aus dem Bund meiner Hose, ließ den Kakaogeschmack langsam auf der Zunge zergehen und beobachtete eine Wolke, die aussah wie ein riesengroßer verdammter Schwanz samt Eiern dran, was mich wieder dazu brachte, mich kaputtzulachen, doch dieses Mal, weil ich über mich selbst lachen konnte und meine Phantasie, die mir etwas vorgaukelte. Protect me, from what I want, sagte ich zum Geist, stieg auf und fuhr langsam weiter.
Die Sonne kam und verschwand wieder hinter den Schönwetterwolken, der Wind kühlte meine heiße Haut, die vertraute Euphorie schaute vorbei und fühlte sich ein Weilchen glücklich bei mir, wie immer, wenn ich vollgepumpt mit Serotoninen bin.

Als ich zu Hause ankam, war ich über fünfzig Kilometer weit gefahren. Ich trug meinen mechanischen zweirädrigen Freund die Treppen hoch, wischte ihm die schmutzigen Reifen sauber und parkte ihn am vertrauten Ort. Ließ mich zu Boden gleiten, lehnte mich an ihn.
Schön, dass es Dich gibt, querido, sagte ich leise zu ihm.
Er gab keine Antwort.

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Das feuerrote Mensch (aus den Geist(er)geschichten)

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Es gibt dieses Gefühl, das sich ungebändigt frei fahren will. Es kommt meistens unverhofft daher, in Form einer besonderen Nachricht vielleicht. Oder einem Lob von jemandem, der geliebt oder sonst wie bedeutsam ist. Es könnte auch etwas Verlorengeglaubtes und endlich Wiedergefundenes sein. Nichts, das schaumkronengleich das Meer nur oberflächlich streift und wellt. Eines, das sich im Bauch erst wie eine winzige Sonne fokussiert und dann strahlenförmig wie ein tiefes Feuer in alle Richtungen ausbreitet.
Es fleckt den Nacken rot vor Erregung, schäumt über knallrote Ohren hinweg und fließt in jeder einzelnen Zelle pulsierend im Herzschlag mit.
Es macht stark, unabhängig und wild. Wohin damit? Der Überschuss will sich auf der Straße austoben und solange rasen, bis ihm vor verrückter Seligkeit der weiße Schaum vorm Maul steht.

Es fließt in arterielle Worte, sauerstoffsattes blasiges Hellrot, das euphorisch ins Herz schießt.
Durchdrungen von Sonne und ihr folgend im nur halbherzigen Versuch, den Verstand nicht mehr länger abhängen zu wollen. Ihn abzuhängen ist ein gutes Gefühl. Träum von meinem Rücklicht, Ratio.
Der Führungsriege überschwänglich mit Herzblut zuprostend.
So ein Tag, so wunderschön wie heute, in Dauerdudelschleife.
In die auswändige temperaturempfindliche Bleichhaut gekleidet, das stellenweise feuerrote Mensch mit glühenden Gesicht, sich frei fahrend, auf Reifen ohne jedes Profil, schlicht und flüsterleise, inwändig die Feuersymphonie, der rauschende Tanz.
Das tiefe Gefühl, in seiner Bewegtheit alles durchdringend, heilt und macht wieder ganz.

Aus den Geist(er)-Geschichten: Im Zebra-Minirock

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Traf ich letztens meine Busenfreundin, die Sehnsucht. Sie sah verloren aus und war abgemagert, ihre Kleider schlackerten um sie herum und sie hatte sich die langen Haare abgeschnitten wie ein griechisches Klageweib.
Eierte vor mir auf zu hohen Stöckel-Absätzen im Zebra-Minirock die Landstraße entlang. Erst dachte ich, es sei jemand anders. Ich war mit dem Geist unterwegs und pumpte meine zentralheizungsgebeuteltenLungen frei.
Vorher war ich schön schnell gefahren, nun trat ich in die Pedale, dachte: was ich sehen kann, kann ich einholen und fuhr ihr dabei fast in die Hacken.

Sie blieb sofort stehen und ein Lächeln pflanzte sich in ihr Gesicht.
Sie sagte, ich sähe gut aus, rote Backen, Leuchteaugen, sowas.
Ich sagte nichts und schaute sie nur an, weil ihre Augen so verheult aussahen, hatte Angst, die Tränenkanäle zu triggern, wenn ich zu nett zu ihr sei.
Sie sagte in mein Schweigen, sie wüsste genau, dass sie echt beschissen aussähe gegen mich, fragte, wie ich es anstellte.

Willst Du mal eine Runde damit drehen?
Fragte ich sie und machte etwas, dass ich sehr ungern mache:
Ich bot ihr einen Freiritt auf dem Geist an.
Rennräder und Männer verleihe ich normalerweise nicht.
Schon mal überhaupt gar nicht an andere Frauen.
Schwadronierte ich und jagte ihr einen Clint Eastwood-Blick rüber, der sich sehen lassen konnte .
Also dachte ich zumindest…

Sie fackelte nicht lange.
Setzte sich auf den Geist mit Minirock und Stöckelschuhen und fuhr den Berg runter.
Dabei quiekte sie wie ein Schweinchen.
Lag wohl am Wind unterm Minirock.
Oder an der unerwarteten Dröhnung Frischluft.
Oder am Bergrunterfahren.
Oder am Geist?
Der verzaubert fast jeden mit seiner Schweberei.
Ich spürte einen Anflug von etwas äußerst Dubiosem, das ich gleich wieder abschmetterte, weil es mich störte.

Die Sehnsucht hatte, als sie mir den Geist zurückbrachte,
rote Backen und Leuchteaugen.
Ich hätte sie auch weiter mitgenommen.
Aber leider haben Rennräder keinen Gepäckträger.
Zu viel Gewicht.
Aber die Ventilkappen –
die bleiben drauf!
Dieses Jahr gibt es für den Geist welche in Pink, wenn ich kriege, mit Hello Kitty oder Emily.
In memoriam Sehnsucht, meiner alten Freundin im Zebra-Minirock.

Artverwandt (aus den Geist(er)geschichten)

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Erst Winter
erst Weihnachtszeit
Frühling weit
sommersofern
noch nicht
erst den vierten Ritzel richten
lose Schräubchen sichten
Kette säubern
dass die einzelnen Glieder wie geschmiert und leicht wieder fassen
matt schimmernd
Rahmen gewienert
vierter Gang hakt noch
müssen es richten lassen
von wem der mehr davon versteht
als ich.
Mechanische Liebesdienste für den Geist -inniglich.

Wie soll ich den Winter
überstehen?
Dich jeden Tag ansehen
ohne auszufahren?
Geist, ich sehne mich nach dir.
Nach dem leichten schnellen Geisterflüstern deiner schmalen Slicks, wenn Wind mir heiser in den Nacken haucht auf singenden Straßen.
Wenn ich mich umsehe, Landschaft schnell vorüberzieht und alles Seelenleid dem Herz entflieht,
zeitfern, scheinbar grenzenlos im Maß der Kraft in die Weite
die vor mir liegt.
Gefühl wie eins zu sein
mit allem umgebenden Leben.

Warten auf den Frühling,
Rahmen an Rücken,
werden wir
den Winter
bei passender Gelegenheit
zusammen einfach wegdrücken
dafür halten wir uns mit sportlichem Ehrgeiz bereit.

Kommt diese Zeit,
brauchen wir Geduld,
es stehen zwischen den Jahren alle Uhren still,
es herrscht der gegenwärtige,
unerbittliche zweite Weihnachtsgeist,
der nichts mit dir gemeinsam hat
außer der Anrede
doch nicht ist unbedingt ähnlich
im Geist auf den ersten Blick oder weil es genauso heißt.
Unterschiedlichste Geister beflügeln das Land, welch‘ ein Glück,
dass ich unter so vielen,
ausgerechnet dich
mir artverwandt fand.
Das Geschenk des reichen Herzens.

Una parte de la totalidad- ein teil vom großen und ganzen (aus den Geist(er)geschichten

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Immer wieder lehrt das Leben über seine Grenzen zu gehen – sie auszuloten, sie zu erweitern… was ist das menschliche Miteinander anderes als eine Art seelisches Konditionstraining – wie beim Rennradfahren? Wenn Du nicht aufgibst, wenn dir nicht die Puste ausgeht, kannst Du immer nur wachsen und stärker werden, deinen Radius erweitern, neue Landschaften kennenlernen und frischen Wind in deiner Nase spüren.

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Magie entsteht, wird Energie, wenn sich Berührungspunkte und Ähnlichkeiten suchen und finden
im täglichen menschlichen Miteinander.
Rennradler grüßen einander freundlich und verbunden im gleichen Momentgefühl.
Sie kennen die Steigungen, an denen du strampeln musst, nach Luft ringst auf dem kleinsten Ritzel im Stand, sie wissen um den Genuss, das Gefühl den Teufel schlagen zu wollen in den adrenalingetriggerten Schussfahrten talwärts in denen du fliegst und dich leicht fühlst wie eine Feder im Wind.

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Die langen Strecken, die du über flaches weites Land fährst, manchmal mit heftigem Gegenwind, manchmal bei kaltem Regen, der dich frieren lässt unter deinem Schweiß und dann wieder mit dem Wind im Rücken bei wunderschönem Sonnenschein, wenn du wieder weißt, warum du auf diesem Rad sitzt.
Weil es jeder Meter den du zurücklegst wert ist gefahren zu werden, weil du es bist, der ihn fährt, deine Muskeln deine Kraft deine Freiheit dein Wille…
aus Schwere mach Leichtigkeit im Gefühl von Geschwindigkeit.

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Zwischendurch innehalten, staunen über die Schönhaut der Welt, dies zusammen mit jemandem tun dürfen, der das gleiche empfindet, am Berg, ohne Puste, mit meuternden Muskeln unvermittelt unverhofft den Druck einer Hand im Rücken zu spüren, zu wissen, das ist der Freund, der dir von seiner Kraft abgibt, dich weiterschiebt, heraus aus dem Energieloch – wunderschönes unglaubliches Gefühl
besonders, lebendige Magie, wie Du selbst es bist.

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