Aus den Dialogübungen: Fiese Freyja…

lektionen in seidr

(was außer liebes-sonetten sonst weiter ferner liefen geschah)…

Freyja: Okay, Fee, wir beginnen mit seidr, aufbauend auf den Resultaten und erarbeiten Ergebnissen aus den vergangenen Lehrstunden. Dein letztes Liebes-Sonett schönte meine Eitelkeit bis in sonnigste Gefilde. Hast du deine Vokabeln auswändig gelernt?
Fee ächzt und macht mhm.
Freyja: Gut, fangen wir an: Ich verlange ein Opfer von dir!
Fee: wie bitte was? schon wieder? boah ey….
Freyja: Haare abschneiden. Raspelkurz, neongrün einfärben!
Fee: Nee!!!!!
Freyja: Dann ein Auge ausstechen? In delikater Jelly mit Petersilichensträußchen zum Mittagessen. Bis morgen dann…
Fee: Nee!!!!!!
Freyja: Also gut, weil Du es bist, Fee. Etwas Milderes, weniger Archaischeres für Dich: Kein einziger ernst gemeinter Widerspruch zu irgendwem für die nächsten Monate bis zur Wintersonnenwendfeier!
Fee: NIEMALS!
Freyja: Ist ja schon gut. Dann ein Auftrag: Dem listigen Loki einen Nagelpilz und dem Riesen Thrymr Syphilis anzaubern!
Fee: Träum weiter, sowas mach ich nicht. Loki ist ein blöder Affe und hinterfotzig obendrein, aber Nagelpilz? Der arme Loki….und einem Riesen Syphilis anzuzaubern kann nicht dein Ernst sein! Frag mal Russlands Hexe Baba Jaga. Weißt schon, die mit dem Hühnerbeinhaus. Das ist eine echte richtige Hexe, die kann so etwas viel besser als ich. Ich bin eine Fee! Ich steh mit Lichtkräften im Bunde. Ich kann Loki aber Tugend anzaubern. Soll ich, darf ich? Büddebüdde….ich zaubere ihm ehrenvolle Ehrlichkeit an den Hals, dann kann er endlich nicht mehr herumflunkern und intiridirigieren! Das wäre wirklich mal ein Fluch vom hellsten Schein, der könnte glatt ein Segen sein!
Freyja: Du bist aufständisch und rebellisch und du weigerst dich also rundheraus, mir zu opfern.
Fee: Das ist mir zu absolut, zu wenig korrekt und konkret, zu verdreht und außerdem ist dieser Satz eine generalisierende vorwurfsvolle, völlig realitätsentzogene polemisch platte Plattitüte! Natürlich bringe ich dir Opfer: Blümchen im Topf, einen Eichhörnchenbesuch mit Locknüssen auf dem Altar, meine Zuneigung und meine allerliebsten Lockenwickler, mein Zauberfeenhaar-Öl, meine Schnurrbartschmiere, meinen Schamhaarrasierer alles das schenkte ich dir zum Liebesopfer, alles was du mir nur aus meinem krachenden Kreuz leiern konntest. Du bist kleinkariert und aufoktruhent, wenn es das irgendwie gibt. Vielwillerisch und zum Kotzen dogmatisch! Ich bin eine Freiformfee!
Freyja: Also gut. Mein letztes Angebot! Du lässt dir freiwillig eine Rose auf den Hintern tätowieren und gehst heute Abend im Wald für meine Liebe in den Nebeln nackend tanzen, frieren und jubilieren!
Fee: Du verlangst, dass ich mich selbst verstümmele? Meine Haut stigmatisiere? Mir eine Erkältung einfange, von der ich bis Beltanefrühling noch was habe??? Never! Vergiss es! Geh und nimm bloß diesen seidr-Zauber mit! Ich schreib dir auch lieber keine Liebes-Sonette mehr. Sowas fieses, Freyja…bäh…
Freyja: Warum gibst du mir nicht, was ich verlange?
Fee: Weil es mir selbst und anderen Schaden zufügen würde. Darum.
Freyja: Entschränke mal deine Armblockade, liebstes Feenfleuchviech, ich will dir weniger als du denken magst. Ich bin Freyja, denk immer dran!
Fee: Mir reicht wie ich bin. Solche Opfer sind mir der Liebeslust zu viel. Wenn das Liebe sein soll, tragen Fische nachts Gummistiefel zum Schlafen und schnarchen Luftblasen in ihren Träumen.
Liebe ist Glück und Licht. Nicht Schmerz, nicht Verbiegen, nicht Leiden. Dann ist sie was anderes.
Freyja: Mir scheint, du hast heimlich vorgearbeitet? Sag schon, wo hast du gespickert? Auf dieser komischen Wikinger-Plattform im blauen Nichts?
Fee: Nö. Das ist der pure Selbsterhaltungstrieb. In dem Moment, in dem jemand ein Opfer von mir zu erbringen verlangt oder für sich als sein vermeintlich gutes Recht einfordert, meint der wen anders als mich. Zumindest, wenn wer behauptet, dass er mich liebt…
Opfer sind löcherige frömmlerische Lügenbrote, es sei denn, sie werden freiwillig und aus Liebe für den anderen erbracht. Opfer sind der Neid der Lust.
Freyja: Mehr brauchst du über diese Lektion nicht zu lernen. Sie ist für dich hiermit abgeschlossen.
Fee: Moment! War da noch was Kleingedrucktes, Umentschlüsseltes im praktischen Mittelteil oder waren alle Klarheiten erfolgreich beseitigt?
Freyja: Alles klar wie Kloßbrühe und richtig gemacht, Schülerin des großen mächtigen seidr!
Fee: Bekomme ich eine Hausaufgabe?
Freyja: Ja, ein Sonett über mich selbst wünsche ich mir. Doch es soll kein Opfer sein, sonst misslingt es dir. Nimm dir also Zeit, der Minnensang muss meiner würdig sein, ich habe repräsentative Göttinnenpflichten, weißt du ja…
Fee: Au backe, da wackelt Asgard in den Grundfesten! Kann ich mir Sleipnir ausleihen? Ich muss unbedingt wo wohin damit und möglichst achtbeinig, denn die Zeit eilt. Wer rostet, weilt zu lange….
Freyja: Schon herbeigepfiffen, der treue Zossen. Wo willst du damit hin? Niflheim? Baldur hat Magen-Darm und träumt dauernd kryptisches Zeug, das niemand wirklich versteht! Er braucht dringend Feen-Medizin! Geh und hilf ihm!
Fee: Gut, okay, ich galoppe bei ihm vorbei, wenn Sleipnir nicht wieder mal seiner selbst überdrüssig ist. Er frisst entschieden viel zu viel junges Trend-Gemüse, der olle Asengaul und dann bekommt er wieder kreative Blähungen wegen verirrter synaptischer Strömungen…
Freyja: Wo willst du denn noch hin? Bloß nicht zu Odin! Lass den bloß in Ruhe! Der hängt in den Ästen Yggdrasils an einem Bein und flucht über kaum noch entzifferbaren Runen über seiner hochhypotetischen Herbsthausaufgabe! Und wieso grinst du jetzt so geheimnisvoll? Fee, versuch mir nicht, ihn wieder mit lukullisch lüsternen Urdinkeltörtchen an Qinoa-Basis mit Amaranthflöckchen oder noch viel schlimmer …mit Hilfe der Alben und Sylphen zu verführen und becircen! Er bekommt davon schäbiges Schnarchen und diskutiert dauernd nur noch mit mir über das Jungbleiben und die Geburt der vergangenen Stunden! Zu dem Ringelschwänzchen will ich mich jetzt überhaupt gar nicht näher äußern, wer weiß, was du letztes Mal mit diesem komisch koketten Kleinkonfekt angestellt hast….
Fee: …übrinx hab ich Osteria nach dem Geheimnis deiner unvergänglichen gelben Frühlingsblumen gefragt…
Freyja: Du lenkst ab, Holde!
Fee: willst du das denn nicht wissen…?
Freyja: hör sofort auf zu kichern!
Fee: na dann nicht…
Freyja: Ungnädige!
Fee: Pardon?
Freyja: …du…und…seidr…???? Ha! Nach fest kommt ab!
Fee: fiese Frey’ja! Lach du nur! Was lange währt wird endlich treu…nee…neu…oder: Wer zuletzt kommt, lacht am längsten. Oder so ähnlich…

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unerreicht

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 8

wir sind
nicht reich
doch vermögend
hart oder weich strömend
uns verbunden
gesund umrundend
haltend verwaltend
in herzensangelegenheiten

sind wir zeitweit
uns beschieden
doch nicht ausschließlich
oft gut gelaunt
doch auch verdrießlich
ideell künftige zukünfte gestaltend
einzeln jeder für sich
werden wir älter
geborgen in
getrennten welten
teilen sorgen
in der bewältigung leben
gestern heute, morgen

sind
zusammen gegangen
wurden belangt befangen
hingen uns auf
auch irgendwann wieder ab
hielten uns aufrecht
im kurs auf trab
doch manchmal verloren wir ihn auch
in kursschlusspanik
trieben ziellos umher
vermissten einander sehr
tief aus dem bauch
nahmen dinge schwer
wieder leicht

bleibst unerreicht
jemand den ich mag
tag gleich nacht

sag, hättest du das gedacht?
soll ein alter hut sein nun
soll er dir nur gut dir tun

damit du wieder lachst

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Jera -Von Gefährten und dudelnden Sackpfeifen

Jahre jähren sich an bestimmten Tagen in mittelalterlicher Zeit, besinnt sich die mittelalterliche Fee. An Jera,sagen die alten Runen, wird das Gewesene geehrt und der Tag gefeiert. Also los. Die Gewandungen dem Tag anpassen, das Grünseidene bleibt schwergeherzt bedauerlicherweise am Schrank hängen, Sommer ist anderswo in Deutschland. In den Teutobergen fröstelt es fürnehm kühl bei siebzehn Grad. Dann also mittelalterlicher Zwiebellook. Fürs krachledern bedirndelte und hochbeduttete Fräulein Tochter packe ich eine Nylons mehr ein, falls die nackten Beinchen frieren. Abends wird es kalt und in dem Alter in dem sich das Fräulein befindet, muckt es gegen jeden guten Rat auf. Nun, sie beehrt mich mit ihrer erlauchtigsten Gesellschaft, das ist allerhand. Die Pubertät und der Papst haben nämlich nicht nur den Anfangsbuchstaben, sondern auch die Oberhoheit und das Gewähren der Gnade von Audienzen gemeinsam. Das Fest riecht wie immer und das Fräulein zickt wie vorjahrs vor dem Spießbratengeruch. Ich fühle mich allerdings auch leicht konserviert vom Rauche des Schweins, oder was immer da auch am Spieß eher schwärzlich vor sich hin raucht und qualmt. Ich pack mir mein Blondie am Kragen und zerre das zeternde Miniweib vom Schauplatz der Fresslust.

Dann kaufe ich uns drei Seelen. Knusprig und lecker. Schmecken allen kleinen und großen Teufeln gut. Ich erfuhr, dass die kleinen Dinkelweißbrote aus dem Oberschwäbischen stammen und den Toten als Opferbrote auf die Gräber gegeben werden, um sie milde und versöhnlich zu stimmen für ein gutes nächstes Erntejahr. Die Seelen sind noch warm und duften himmlisch. Das Fräulein und ich zupfen verschmust an den sesambestückten Krusten herum, da kracht es über uns gewaltig und der Himmel kommt nieder mit einer Regensturzgeburt, dass sämtliche Zelte wackeln. Ich versuche, meine Freundin zu finden in dem Gewühl. Der schachgelehrte Begleiter und Frau Tochter inspizieren dieweil einen Teestand mit bedenklich regengefülltem Vordach. Doch im Pavillon ist noch Platz und im Nu sind wir wieder allesamt mittendrin in einer der Geschichten und Begegnungen des Lebens. Das Pärchen vom Teestand lädt uns großherzig ein Platz zu nehmen um den runden kleinen Teetisch, ein junges Pärchen gesellt sich auch noch zu uns. Als wir alle mit dampfenden Teebechern beglückt zusammenklucken, kommt das Gespräch schnell in Gang: Wie beim vorigen Sparrenburgfest beinah das ganze Teezelt abgehoben hätte! Wie der Wind durch die Zeltgasse jagte und der faustgroße Hagel waagerecht im tobenden Gewittersturm flog! Eine echte Abenteuergeschichte, ich bin selig, meine Tochter lauscht ebenfalls hingegeben mit aufgerissenen Augen. Draußen weht es allerdings inzwischen auch nicht schlecht. Alles mögliche an Themen kommt auf den Tisch und eine Menge Sympathie schwingt zwischendrin und mittendurch während draußen Menschen und Zelte vorbeifliegen, das Karussell abhebt und auf dem Bergfried landet, die Burg versinkt in Schlammassen und in Windeseile wieder aufgebaut wird, damit die in den verschütteten Kasematten gefangenen Touristen schnell wieder ans Tageslicht kommen. Derart gefühlt tobt sich das Unwetter vor dem Pavillon aus und ich denke an die Freundin, funk sie gedanklich an und hoffe, dass sie irgendwo mit ihrem Gefährten trocken und sicher untersteht während ihr die Ohren von meinen Funksignalen klingeln. Kein Gedanke daran, dass sie mir vielleicht auch eine SMS schreiben könnte. Nein, aber sie doch nicht! Sie sagte mit fester Stimme am Telefon, sie wolle ihr Handy auf gar keinen Fall nicht mitnehmen. So etwas respektiere ich natürlich. Manchmal so sehr, dass ich dabei überhaupt kein bisschen berücksichtige, dass Menschen ihre Meinungen manchmal ändern wie sich das Wetter ändert und sie wiederum mich Handy-Ständig-Checkende und Manchmal-Orientierungslose zu gut kennt und sicherheitshalber dann doch ihre Ohrgurke einsteckte und mir kurz vor dem Unwetter mitteilte, wo ich sie finden könne.

Ich will zum Burghof hoch, noch bevor ich weiß, dass sie überhaupt dort ist und mir geschrieben hat, mein Instinkt führt mich also richtig, ich befinde  mich schon mit Volldampf auf ihrem Kurs, auch ohne mein Handy, denn ich bin doch schließlich eine Fee! Gedankenlesen ist mein Leichtestes, denke ich, während ich verbissen und hustend durch den Matsch burghofaufwärts torkele, die beiden anderen hinter mir herstapfend. Gummistiefelfest, denke ich weiter, sie ist längst weg und ich hab Recht, denn auf dem Burghof ist sie natürlich längst nicht mehr. Wir nutzen die Gunst der Stunde um unseren Tee an ein Örtchen wegzubringen. Es fisselt fast gar nicht mehr, dann reißt der Himmel auf und mir kommen die Gesellen von Tanzwut in den übermütigen Sinn, weil ich irgendwo einen Dudelsack herumpfeifen höre, doch er klingt noch ein klein wenig mickrig, der hohe Ton verseufzt im herumwabernden Holzfeuerrauch. Wir bleiben, obwohl der dudelnde Sack lockt, an einem Knopfstand hängen, dessen beide Betreiber sehr ungewöhnliche Knöpfe und fantastische Ideen zur Verwendung der Knöpfe anbieten. Die Herrin der Knöpfe ist eine geborene Geschichtenerzählerin und sie nimmt uns nach nur wenigen Worten ein Stück weit mit in ein nadelgefädeltes Abenteuer, wie man ungewöhnliche Knöpfe entdeckt und wo vor allem! Ich hätte ihr gern ein Knopf-Haargummi oder ein Armband abgekauft. Ich bin doch so verliebt in Knöpfe, vor allem geschichtsträchtige und eigenartige! Doch ich muss mit meinem Budget sehr sparsam sein, es reicht nur für Verpflegung. Mein Fräulein Tochter geht mit dieser Tatsache trotz der Reize des Jahrmarktes außerordentlich verständnisvoll und erwachsen um. Sie freut sich mit mir hier zu sein, in einer anderen Welt als der sonstigen und staunt genauso wie ich über prächtig-bunte Gewandungen, trinkt sich satt an prunkvollem Samt und Seide. Als wir den Platz vor der Bühne von Tanzwut erreichen, lästert sie schlimm über Sackpfeifen im Allgemeinen und Dudelsackpfeifen im Besonderen und versucht, den Dudelsackspielern von Tanzwut erst einmal zu entkommen durch stichhaltige Argumentationen gegen Dudelsackmusik und ihre Nebenwirkungen. Ich nehme ihre Argumente zur Kenntnis und stelle mich aufrecht und hüftenschwingend ihr gegenüber taubtot. Gelangweilt und blitzschnell umgeschwenkt auf neuen Kurs, der sich in latent rebellierender Ergebenheit probiert, versucht sie dem Dudelsackpfeifer sogar unter den Lendenschurz zu kucken! Als sie feststellt, dass er unter dem Ding ein knappes Höschen trägt, ist sie höchstlichst empört und sagt, der Typ habe ja gar keine Eier in der Hose. Daraus entspinnt sich ein Disput zwischen mir und ihr, den ich hier lieber mal nicht wörtlich wiedergebe. Er läuft jedenfalls darauf hinaus, dass ich ihr Unkenntnis der Sachlage unterstelle, darüber hinaus sei das mit den Eiern pure Spekulation und würde im Allgemeinen völlig überbewertet. Außerdem sei diese Bezeichnung männlicher Testikel sexistisch, beleidigend und diskriminierend, schließe ich leicht atemlos und ringe dabei mit einen besonders fiesen Hustenanfall.

In diesem durchaus dramatischen Moment, fühle ich mich von hinten und seitwärts vertraut umärmelt und da steht meine Freundin als sei das völlig normal und schon unheimlich lange so. Ich bin etwas verblüfft und umhalse sie ohne großen Federlesens. Dann zappeln wir eine ganze Weile ordentlich herum. Ach, tut das gut. Leider komme ich für die Tanzwut-Jungs eine halbe Stunde zu spät. Ansonsten könnte ich mich durchaus in einen leichten Rausch tanzen. Was aber für meinen hartnäckigen Husten abträglich wäre. Alles kommt wie es kommen muss, freut sich blind dieses alte Zufallsding in meinem Kopf wie ein Kind. Der Gefährte der Freundin wird gedrückt und sein verwegener Style ausgiebig bestaunt und bewundert. Noch begleitet wird die Freundin von einer zarten jungen Frau, einer anderen Freundin. Auch so ein ziemlich sehr besonderer Mensch, jedenfalls wenn ich meinem ersten Eindruck und Gefühl trauen darf. Ich schaue immer wieder zu den bunten Wolken hoch. Sie beginnen ins Abendrot zu leuchten und mir gelingt ein Bild der von der Sonne bestrahlten Stadt vor dem Hintergrund der dunkelblauen Wolkenmassen mit den beiden grüngold leuchtenden Türmen der Neustädter Marienkirche. Die Zeit wird angefüllt mit Lachen, mit guten Gesprächen, Essen und Trinken bis wir alle satt und zufrieden sind, nach Hause wollen. Das Wetter war wieder so seltsam, genau wie letztes Jahr. Eher kühl, doch zwischendrin auch warm, Regen und auch Sonne, von allem etwas dabei. Vielleicht muss das so sein, wenn Momente wirklich magisch sein sollen. Dann muss alles dabei sein, die Zutaten, die Zeit und alle Elemente müssen harmonieren. Kurz bevor die Sonne untergeht, mache ich noch eine Aufnahme der Gefährten und dem krachledernen Fräulein Tochter, meiner Prinzessin Knallerbse. Um die Gruppe herum zeichnet sich ein Regenbogen ab, als seien sie beschützt in einem Seifenblasentropfen in der Zeit.

Zuhause sitze ich noch ein wenig mit meiner Tochter zusammen. Der Hühnergott, den sie zum Geburtstag und überhaupt geschenkt bekommen hat von der Freundin, hängt an einem Lederband um ihren Hals. Ich denke, dass sie ihn gut brauchen kann in dieser kommenden Zeit, in der sie die Schwelle ihrer Kindheit endgültig überschreitet und ins Erwachsensein eintritt. Niemand kann ihr durch diese Zeit des ersten wirklich großen Abschiednehmens von einem Lebensabschnitt helfen. Sie ist tatsächlich voller Trauer und schwankt zwischen Kindseinbleiben und Erwachsenseinwollen wie ein Wackelaugust hin und her. Das macht sie hoch reizbar. Ich selbst erinnere diese Zeit als eine insgesamt schmerzvolle. Dreizehn. Was für ein Alter, es passt zu der Zahl, denn es ist ein Alter der Veränderung, der Transformation wie eine Häutung und Initiation zwischen Fisch und Fleisch. Die Freundin hat selbst keine Kinder, doch versteht und fühlt sie sehr genau, was ein Kind zerreißt, das an der Schwelle steht. Auch um sie zu treffen und zu sehen, zu drücken und zu umarmen, kam mein Fräulein Tochter mit auf das Fest, obwohl sie das Gedudel und Gepfeife wie sie sagt, kaum an den Ohren aushalten kann und Spießbraten echt zum Kotzen findet. Einmal im Jahr entführen wir uns an diesen mittelalterlichen Ort und denken schaudernd an die Zeiten, als Waschen nicht selbstverständlich war und die Kleider bunt und prächtig weithin leuchteten. Als keine Religion oder eine andere Meinung als andere zu haben, Klugefrauseinwollen, Kräuterwissen oder rote Haare sein eigen zu nennen tödliche Folgen haben konnte und bunte Jahrmärkte vor den Städten das Leben auch mit Autodafés und Hinrichtungen zur Erbauung und Unterhaltung ihrer Bürger feierten. Das Sparrenburgfest verzichtet zum Glück auf derley blutiges Spectaculum. Ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen um einen lieb gewonnenen Menschen zu treffen und mit ihm zusammen ein Jera zu feiern wie die nordischen Asen das sicherlich ebenfalls tun würden. Odins Weisheit sei Dank oder so ähnlich, grüßt höflich die Fee nordwärts mit flatterndem Seidentütü und lupft fürnehm die Spitze, dabei in einen perfekten Hofknicks versinkend.

Abends auf dem Balkon im Bambusgeraschel unter dem heute unter Wolken nicht stattfindenden Mond höre ich die Stimmen der jungen Familie in der Wohnwabe neben mir.
Der junge Mann mit den roten Haaren auf dem Balkon nebenan sagt gerade herzlich „Ey, du alte Heulsuse!“ zu jemandem. Ich grinse und fühle mich ertappt.

——

Take Five

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Ey, was ist mir dir, Mann? Warum liegst du da? Hast du nichts Besseres zu tun? Ayar ist stehengeblieben. Vor ihm auf dem Weg liegt ein Junge, ungefähr in seinem Alter. Er ist übersät von Sommersprossen, seine roten Haare stehen borstig vom Kopf ab. Ayar kennt den Jungen nicht, hat ihn noch nie gesehen. Auf seine Schule geht er auch nicht, dort wäre er ihm längst aufgefallen, wegen der roten leuchtenden Haare. Die Straße flimmert in der Mittagssonne. Es ist sehr heiß, Ayars Stirn ist überzogen von einem feinen Schweißfilm, weil er schnell gelaufen ist, um nach Hause zu kommen. Er ist immer noch völlig außer Atem.

Unschlüssig streicht sich Ayar eine schwarze Kringellocke aus der blassen Stirn und beäugt den Jungen, der sich mit beiden Händen, die Knöchel weiß hervortretend an den Zaunlatten festklammert, während sein seltsam verrenkter und verdrehter Körper zuckt und sich windet, seine Füße ausschlagen ins Leere. Ayar geht in die Knie und versucht eine der verkrampften Hände des Jungen des Jungen vom Zaun zu lösen, doch es gelingt ihm nicht. Irgendwo in einem der Häuser rechts dudelt ein Radio. Doch es ist niemand weit und breit zu sehen, die Straße wirkt wie ausgestorben. Überall sind die Rolläden heruntergelassen. Die Hitze steht.

Ey, Mann, das kannst du nicht bringen hier, das ist ja voll krank! Was soll ich denn machen? Was hast du? Sag schon, Alter! Der Mund des Jungen, öffnet und schließt sich, als wolle er Worte formen, schließlich sieht Ayar zu seinem Entsetzen, wie sich davor weißlicher Schaum bildet.

Ey Alter, ich weiß nicht was ich tun kann, Mann! Sag doch irgendwas!

Ayar beginnt zu schreien. Nicht einfach nur so. Dieses Spaßschreien, was er manchmal macht, wenn er bei den Raufereien seiner Freunde um Hilfe ruft und es lustig findet, wenn niemand kommt. Weil das spannend ist, obwohl das alles ja nur ein Spiel ist: Dieses Raufen und um Gnadewinseln in irgendeinem Schwitzkasten steckend und im Wissen zu schreien, dass die Luft tatsächlich knapp wird. Doch es ist dennoch ein Spiel, bei dem er auch schon aus echtem Schmerz schrie, obwohl er wusste, dass es doch nur seine Kumpel waren, die ihn drangsalierten. Ayar hat in Filmen schon Leute in höchster Panik schreien gehört. Zum Beispiel in Horrorfilmen, die Ayars älterer Bruder ihn manchmal anschauen lässt. Doch das ist nur ein Film, weiß Ayar und auch, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen wirklich laut um Hilfe rufen hörte.

HILFE! brüllt Ayar aus voller Lunge. Seine Hilferufe verhallen zwischen den Miethausfronten mit den vielen Fenstern. Keines öffnet sich, niemand schaut heraus. Es ist auch nirgendwo ein Passant zu sehen, den Ayar um Hilfe hätte bitten können. Nur die alte rote Katze vom Nachbarn überquert langsam die Straße und verschwindet unter einem der geparkten Autos.

HILFE, HILFE, HIER STIRBT JEMAND!

Ayar ist verzweifelt. Er weiß nicht, was er tun soll und der Anfall des Jungen am Zaun wird immer schlimmer, immer heftiger verkrümmt sich der Körper, biegt sich nach hinten, wirft sich wieder nach vorn, verkrümmt bis zum Äußersten. In den nach hinten verdrehten Augen des Jungen, ist nur noch das Weiße erkennbar. Ayar beginnt den zuckenden Jungen vorsichtig zu schütteln. Zwischendurch ruft er immer wieder um Hilfe. Schreit schließlich den rothaarigen Jungen an:

Hör doch auf, Mann, was ist denn mit dir?

Er überlegt wegzulaufen, jemanden zu holen, schiebt dann jedoch den Gedanken wieder beiseite. Was, wenn der Junge in der Zwischenzeit zu sich kommt oder es ihm noch schlechter geht? Mittlerweile ist es Ayar gelungen, eine der völlig verkrampften Hände des Jungen vom Zaun, an den er sich klammert, zu lösen. Die Hand schnellt ab und verkrallt sich dann mit schier unglaublicher Kraft an Ayars Arm, so dass Ayar mitgeschüttelt wird von dem sich hin- und herwerfenden Körper des Jungen. Ayar erinnert sich an das, was sein Vater ihn lehrte, wenn er sich in einer Notsituation befindet:

FEUER! FEUER! Es BRENNT! Schreit Ayar. HIER BRENNT ES! FEUER!

Endlich öffnet sich im Block gegenüber ein abblätterndes Fenster. Das Gesicht einer alten Frau erscheint. Es ist Mittagsruhe, ruft sie quer über die Straße zu Ayar hinüber. Spielt leiser, hier schlafen welche!Ayar schreit zurück, so laut er kann: Dies ist ein Notfall, er hat einen Anfall, irgendwas Komisches, ich glaube, er stirbt, bitte rufen Sie einen Krankenwagen!

Die Frau lehnt sich etwas weiter aus der Fensteröffnung, versucht zu erkennen, was sich abspielt auf der anderen Straßenseite. Dann schließt sie das Fenster und zieht die Gardine vor. Fünf endlose Minuten später sieht Ayar, wie sie aus dem Haus tritt und langsam die Straße überquert. Die alte Frau geht in winzigen Schritten und schiebt einen Rollator vor sich her. Sie trägt einen rosafarbenen Bademantel und komische Hausschuhe mit türkisenen Bommeln. Ihre dünnen weißen Beine sind von Krampfadern übersät. Sie sieht aus, als sei sie geradewegs aus dem Bett gestiegen. Ihre weißen Locken stehen in sämtliche Richtungen wirr vom Kopf ab, den sie beim Gehen leicht vornüberbeugt, was Ayar an den Gang einer Schildkröte erinnert. Wäre alles nicht so dramatisch gewesen, hätte Ayar darüber lachen können, doch so ist er einfach nur froh, jemanden zu sehen, der vielleicht helfen kann.

Er flüstert in die weißen verdrehten Augen des Jungen, zu dem wild hin- und herschlingernden Kopf und den zuckenden Gliedern: Alles wird gut, hörst du, Alter? Du kommst wieder voll in Ordnung, wirst schon sehen! Ist bestimmt nur so ein Anfall, das kommt vor, okay, Mann? Gleich kommt auch ein Arzt. Der kann dir helfen.

Ayar betet zu Allah so fest er kann. Er schwänzt manchmal den Koranunterricht und sein Vater schlägt ihn dann windelweich mit dem Hosengürtel. Doch jetzt erinnert er sich an einige Suren, die er dringend brauchen kann in dieser Situation. Weißer Schaum tropft vom Mund des Jungen auf die Straße. Ayar kann den zuckenden Körper des nicht festhalten, alles an diesem Körper ist Krampf geworden. Er hat so etwas noch nie zuvor gesehen, weiß nicht einmal, ob der andere überhaupt bemerkt, dass er da ist, obwohl die Hand des Jungen immer noch um seinen Arm gekrallt ist. Unendlich langsam kommt die alte Frau näher, quälend langsam, viel zu langsam für Ayars Empfinden.Er flüstert aufgeregt: Da kommt jemand, hörst du? Alter, halte durch! Das machen die in den Filmen auch! Da kommt jemand, der wird uns helfen.

Das sagt Ayar obwohl er mit einem heißen Gefühl im Bauch daran zweifelt, dass diese alte Frau überhaupt helfen kann. So, wie sie aussieht, ist sie selbst halbtot, hoffentlich kann sie wirklich etwas tun, denkt Ayar und versucht weiterhin völlig erfolglos, den zuckenden Körper des Jungen festzuhalten, ruhigzustellen. Er weiß nicht, was er tun soll, also streichelt er beruhigend seinen Rücken. Unbeeindruckt wirft sich der Junge weiter hin und her, verändert sekündlich die Stellung, zieht Grimassen, spuckt weißen Schaum vor Ayars Füße.

Die alte Frau ist inzwischen angekommen bei Ayar und atmet schnell. Sie japst und holt schwer Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, dann bedeutet sie Ayar mit einer Geste ihrer rechten Hand, die sie auf die Brust legt, dass sie zu Atem kommen muss.

Ayar schreit sie an: ER STIRBT! Hoffentlich kann sie ihn auch hören. Alte Leute sind manchmal schwerhörig. Also wiederholt er noch einmal alles, nur vorsichtshalber: HÖREN SIE? HABEN SIE MICH VERSTANDEN? ER STIRBT! WIRBRAUCHEN EINEN KRANKENWAGEN! Das Wort Krankenwagen betont Ayar besonders. Der stirbt so schnell nicht, sagt die Frau zu Ayar. Eher beiläufig, in lockerem Ton: Wie heißt du denn? Meine Güte, ist das heiß heute! Fügt sie noch an und tupft sich mit einem Tempotaschentuch die Stirn ab.

Ayar kann es einfach nicht fassen! Sie will tatsächlich von ihm wissen wie er heißt, während dieser Junge hier im Begriff ist zu sterben, fragt sie tatsächlich nach seinem Namen, als ob das jetzt irgendwie wichtig sei? Er hat mal gehört, dass manche alte Leute komisch werden und nicht mehr richtig denken können. Ayar wird kochend heiß zumute: Was, wenn diese alte Dame vielleicht überhaupt nicht helfen kann? Vielleicht ist sie sogar selbst hilfebedürftig? Tickt nicht mehr richtig, oder so etwas? Ayar schüttelt entmutigt den Kopf. Er weiß nicht, was er tun soll.

Das ist Marko. Die alte Frau hat den Rollator beiseite gestellt und ist neben Ayar in die Hocke gegangen. Vorsichtig und sehr langsam. Er hat einen Anfall. Komm, du, lass mich mal an ihn heran, ich will schauen. Ah, ich sehe, er hat sich an dir festgekrampft, das ist gut, dann ist er beruhigt.

WAAAS? brüllt Ayar außer sich. Was labern Sie da? Der ist beruhigt? Ey, der stirbt! Sie spinnen ja! Sie bleiben jetzt hier und ich hole den Krankenwagen, okay Lady? Ich habe gerade kein Handy, ich muss jemanden suchen, der eins hat…und Sie warten hier auf mich und passen auf.

Haben Sie das verstanden? SIE WARTEN HIER AUF MICH! ICH HOLE EINEN KRANKENWAGEN!

Die alte Frau untersucht kurz den zuckenden Jungen. Sie überprüft, ob er sich irgendwo verletzt hat. Mittlerweile kommt kein weißer Schaum mehr aus seinem Mund und auch die Krämpfe scheinen nachzulassen. Alles ist gut, Marko, sagt sie. Du hast jemanden gefunden, der sich sehr schön um dich kümmert. Gleich ist es vorbei. Wir sagen Mama und Papa Bescheid, ja? Ganz ruhig, Marko, du hast es gleich geschafft? Tapferer Junge! Sie streicht Marko sanft über den Kopf. Gut, sagt sie zu Ayar gewandt, er hat sich nicht gebissen. Das geschieht manchmal. Sie beißen sich auf die Lippen. Du darfst aber nichts dazwischenschieben, hörst du? Das kann die Atmung blockieren. Du hast alles richtig gemacht mit Marko. Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat und krampft, ist das, was er braucht, Berührung und Beruhigung. Öffne mal sein Hemd, da wo es ihn beengt, die obersten Knöpfe, er bekommt nicht gut Luft, siehst du? Mach sie alle auf, damit er atmen kann.

Ayar folgt den Anweisungen der Frau ohne Widerspruch. Du machst es gut, Ayar, lobt sie ihn. Keine Angst, Marko ist gleich wieder der Alte. Diese Krankheit hat er schon, seit er vier Jahre alt ist. Dann ist es mit einem Mal vorbei. Ayar spürt, wie Markos Hand sich entspannt, sein Körper erschlafft, der Atem sich beruhigt und nicht mehr länger unregelmäßig ein- und wieder aussetzt in krampfenden Stößen. Eine Krankheit wie ein Gewitter im Kopf, denkt Ayar. Jetzt scheint die Sonne wieder.

Hei…sagt der Marko auf einmal mit lallender Stimme…hao..bin Mar..o…allis…lar..? Ayar sieht ihn überrascht an. Der kann reden? Heio…macht Marko und versucht dabei zu lächeln, was jedoch noch nicht ganz gelingt, auch die Worte gelingen noch nicht ganz. Marko verzieht vor Anstrengung das Gesicht, als täte ihm jeder einzelne Muskel darin weh. Du bist echt krass, Mann, sagte Ayar, wie heißt das, was du hast? Marko verzieht das Gesicht und sagt etwas, das klingt wie: E..leppie…

Epilepsie meint er, sagt die alte Frau, als sie Ayars fragend hochgezogene Augenbrauen bemerkt. Er kann noch nicht wieder richtig sprechen. Er erinnert sich auch nicht an das, was gerade geschah. Ayar, bring doch Marko gerade nach Hause, er kann gleich wieder aufstehen und gehen, damit würdest du ihm eine Riesenfreude machen und mir auch. Es ist einfach zu heiß zum Laufen für mich alte Frau.

Okay, mach ich. Mit steifen Beinen vom langen Knien steht Ayar langsam auf und hilft der alten Frau ebenfalls hochzukommen. Danke, sagt sie. Ich heiße Magdalena Engelin. Ich wohne hier im Block, im zweiten Obergeschoss oben links. Hausnummer 75. Sie zeigt mit der aufgerichteten linken Hand zwei Finger und dann zeigt sie Ayar beide Hände, einmal mit sieben Fingern und nach einer kurzen Pause noch einmal fünf Finger der linken Hand. Alles klar? Sie lacht. Wenn mal was ist, dann komm ruhig vorbei. Auch, wenn du Fragen zu Marko haben solltest. Er ist ein besonderer Junge. In jeder Beziehung.

Marko versucht inzwischen ungelenk und noch unsicher aufzustehen, zieht sich mit einer Hand am Zaun hoch und hält sich mit der anderen an Ayars Arm fest, bis er schwankend und noch etwas zittrig auf die Füße kommt. Er ist ungefähr einen Kopf größer als Ayar und sehr schlank. Ayar hilft ihm und legte ihm stützend einen Arm um die Hüfte. Wo wohnst du, Alter? fragt er Marko. Marko lässt den Zaun los und winkt mit dem linken Arm die Straße hinunter, gut zweihundert Meter weiter auf einen rosa gestrichenen Block, an dem teilweise der Putz abblättert.

Ayar bemerkt eine helle, ungefähr 10 Zentimeter lange scharf gezackte, an den Rändern wellig aufgeworfene Narbe auf Markos sommersprossenübersätem Unterarm. Er würde Marko gern fragen, wie er zu ihr gekommen ist. Sie sieht eindrucksvoll aus. Marko zeigt Ayar drei Finger der linken Hand und macht eine Kopfbewegung hin zu dem rosa Miet-Block. Ayar fragt: Linkes Obergeschoss, dritte Etage? Marko nickt und hält zwei Finger hoch. Dann grinst er breit und zeigt Ayar erst fünf Finger, dann hält er ihm die offene Handfläche hin. Fragend sieht er Ayar an. Hausnummer 25. Ayar schlägt ein.

Take Five.

Daria

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(Klickmichgroß)

Daria, es ist alles weiß und still und tot da draußen. Ziehe noch einmal den Finger durch dein Haar, so, wie du es gerade tatest, es stillt mein Herz wie Milch, die aus Schatten fließt, dir zuzusehen, wie du lebst.
Da draußen ist nichts, gar nichts, nein. Rein überhaupt nichts. Kein Grün, die stummen Vögel, der schweigende Dompfaff im Baum, sieh nur die rote Brust. Ich höre ihn auffliegen, Daria, ich glaube, der Dompfaff schiebt Frust. Der hat auch zu nichts Lust, wie kann das sein? Du sagst, er sänge nicht, denn diese Vögel seien sonst gewöhnlich zu zweien.
Er sei zu allein.
Ich könnte dich beinahe berühren, deine Nasenspitze küssen.
Aber das lasse ich lieber mal, Liebste.
Sonst müsste ich hinterher wieder den blöden Monitor putzen.

Stolz

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Stolz,
ergebener Diener
der Erwartung
errichtet Festungen
Bollwerke
hohe Mauern
es gilt zu schützen
das hoffende,
sehnende
gegenwartsblinde Kind.

Stolz,
essentiell
wie zu dünnes Blut
heißkalt des Herzens
gerinnungsarme Glut
formt Stolz
rot wie Wut
starr fundamental
exemplarischer Mut
hart wie Kruppstahl
absolut.

Stolz,
im moralisierten Glück
erfüllter Hoffnung
im verklärten Sinn
führt zu der
Erwartung hin
sieht sich gern
fokussiert
auf sich selbst
stolz auf das
was er beschützt,
wenn es seinem
Dienste nützt.

Stolz ist der
ergebenste
Diener des Anspruchs,
dem hochwohlgeborenen Herrn.
Wer könnte sich dieser Eitelkeit erwehren?
Denn auch sie,
die Sichselbstimmerzugewandte
ist aus Anspruchs Sippe
eine liebe werte Tante
es gibt noch mehr Verwandte
lauter gute alte Bekannte.

Stolz ist ein Krieger
einer der sich selbst
beweisen muss
Schwäche bereitet
ihm großen Verdruss
Härte erbietet
Stolz willig und diszipliniert
als guter Soldat,
den Fahnengruß.

Ein weher
ein verletzlicher Gedanke
ist es
der diese Sorte Stolz gebiert
eine zarte Hoffnung
die verloren
aufgegeben
hinter Stolz
langsam aber sicher
krepiert.
das ist es,
wohin Stolz dann führt.