unerreicht

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 8

wir sind
nicht reich
doch vermögend
hart oder weich strömend
uns verbunden
gesund umrundend
haltend verwaltend
in herzensangelegenheiten

sind wir zeitweit
uns beschieden
doch nicht ausschließlich
oft gut gelaunt
doch auch verdrießlich
ideell künftige zukünfte gestaltend
einzeln jeder für sich
werden wir älter
geborgen in
getrennten welten
teilen sorgen
in der bewältigung leben
gestern heute, morgen

sind
zusammen gegangen
wurden belangt befangen
hingen uns auf
auch irgendwann wieder ab
hielten uns aufrecht
im kurs auf trab
doch manchmal verloren wir ihn auch
in kursschlusspanik
trieben ziellos umher
vermissten einander sehr
tief aus dem bauch
nahmen dinge schwer
wieder leicht

bleibst unerreicht
jemand den ich mag
tag gleich nacht

sag, hättest du das gedacht?
soll ein alter hut sein nun
soll er dir nur gut dir tun

damit du wieder lachst

—-

Advertisements

weiße chardenien

50 Liebes-Sonette für Freyja

Numero 4

Du bist das
sich selbst öffnende
befehlsresistente programm
während ich schreibe
bringst du dich
bamm! bamm! bamm!
heftig hochhüpfend
in erinnerung
während ich fluchend versuche
mich auf degeneriert informierendes
zu konzentrieren
schickst du mir musik
machst dich publik
in zig worten und weisen
dies alles auf meiner
unteren leiste

versuche ich dich zu ignorieren
blockierst du meinen monitor
lässt dich nicht mehr schließen
beginnst deine kryptische daten
in mein blaues sauberes off zu gießen
ewig endlose zahlenkolonnen
lang liegen sie schwer schwebend
wie tausend traumhaft tiefe tonnen
…und jede einzelne zahl steht für sündigste wonnen!

ich bemüh mich vergeblich
in konzentration zu fließen
gehe in den garten
meine chardenien chießen
lasse dich warten warten…
oh, diese weiße…
shit, du weißt wie ich heiße
du bist das sich selbst
öffnende programm
auf meiner unteren leiste
du bist mein
hochhüpfendes icon
bringst dich in meine pflicht
das will ich aber gar nicht!

drum will ich dich
eliminieren
aussortieren und defragmentieren
am besten einfrieren in meinem chief-archiv
doch du gibst keine ruh
lässt dies nicht zu
schickst statt dessen
wilde bilder lächelst verse
reimst auf knopfdruck
bist meiner matrix inverse
willst dich mit mir
multiplizieren
bis mein dich
dauerzitierender computer
nur noch seufzend langsam
hoch eroromantisiert
lasziv vor sich hin schlürschliert
entschlüsselst du
heimlich meine ID
ich frag mich nur wie?
kann das sein?
bist du ein Trojaner oder ein Dämon?
ein auf mich programmierter stolperstein?
ein fieser hack oder ein computer-wurm?
mein stern, mein symbol oder bist du mein turm?
habe ich dich etwa neu entdeckt?
am ende noch selbst geschaffen?
etwas uraltes schlafendes versehentlich aufgeweckt?
ich will wissen wo du mein system leckst
suche deinen code, deinen booting-pfad
der mir irgend etwas erklart
und mach mich für dich zum affen.

doch nun muss ich
weiter schaffen
für mein täglich brot
schreib empört mit der hand
fixiere meinen computer
im lieblich-lyrischen abendrot
unter der alten uhr
auf dem schreibtisch
das ding piept schon wieder
als sei es nicht mehr ganz frisch
sag, bist du das schon wieder?
du bist das sich selbst öffnende
befehlsresistente pogramm
auf meiner unteren leiste
shit, du weißt wie ich heiße…

…ich hab so chern die chardenien
vor allem weil sie so weiß sind….

An diesem Tag (anno 2012)

  
In den Nachrichten dieses Tages sterben zwei Männer bei einem Flugzeugabsturz in Cölbe bei Marburg. Vorm dem Fenster kann ich die Berge nicht  sehen, alles ist unter Nebel verborgen und die Luft ist feuchtkalt. Ich habe schlecht geschlafen und von dir geträumt. Später lese ich, dass Hessen beim Einsatz der Windkraft den zehnten Platz hinter den anderen Bundesländern belegt und Griechenland über Sparmaßnahmen abstimmt, um dem drohenden Staatsbankrott entgegenzusteuern. Über Griechenland wollen wir noch sprechen, die finanzielle Lage des Landes bedrückte dich sehr, sagtest du beim letzten Telefonat. In Mainz inszeniert Matthias Fontheim die Gesellschaftssatire „Die Unerhörten“ von Bruce Norris als deutsche Erstaufführung. In Zeiten der Bedrohung werden Menschen von der Zivilisation enthäutet. Der ewige Kampf niederer Instinkte mit dem Verstand treibt mich thematisch durch diesen kalten nebeligen Tag, ich habe dieses Stück von Norris noch nicht gelesen und will dich abends fragen, ob du etwas von ihm kennst und mir empfehlen kannst?

Assats Terrorpolitik in Syrien wird heiß diskutiert, ein Regimesturz scheint unvermeidlich und im Saarland wird Lafontaine zum Spitzenkandidaten der Linken gewählt. Im Moment habe ich keine Meinung dazu, weil die Berlinale läuft. Wenn wir abends telefonieren, will ich dir unbedingt erzählen, dass eine meiner Lieblingskünstlerinnen, Marina Abramovic, mit einem Dokumentarfilm auf der Berlinale vertreten sein wird. Wir haben mal über sie gesprochen, erinnerst du dich? Es ist schon einige Jahre her. Sie bringt die Menschen mit ihrer Eindringlichkeit zum Weinen.

Abends höre ich erneut das trockene Splittern und Knacken seiner Stimme im Hörer des Telefons über die Distanz unüberbrückbarer Weiten von der Insel. Wie er von dir spricht und dein Leben in mir zerbricht werde ich zum unerhörten Schrei: Ich bleibe.

—-

i. M. M.

Hammerschlag-Grau

IMG_0007

Das war, bevor die Zeit sich in hammerschlaggrau einfärbte wie irgendeine Maschine, stampfend und rumorend, weitere graue Zeit produzierend, die sich um ihn legte wie eine erstickende Decke. Diese Frau entsprach genau seinen Vorstellungen, sie war wie ein Märchenwesen aus einer anderen Welt. Wenn sie schrieb, pochte sein Herz und als er sie sah, wusste er, dass er nie mehr eine andere wollte. Doch es war kompliziert. Sie war verheiratet mit einem gut verdienenden Computerspezialisten,  der die meiste Zeit über im Ausland geschäftlich unterwegs war. Sie hatten sich über das Internet kennengelernt, eine dieser zahllosen Flirt-Plattformen, weil sie in ihrer Ehe einsam geworden war. Sie wünschte sich Kontakt, wie sie sagte, Freunde. Denn die hatte sie nicht. Dafür jedoch zwei kleine Kinder, die sie ans Haus banden und für ein Auto reichte das Geld nicht aus.

Sie war eine seltsame Frau. Wie ein Kind erschien sie ihm, wie jungfräulich, obwohl sie Kinder hatte. Für ihn war klar, dass er sie retten musste aus dieser gutsituierten Welt in der sie lebte und drohte an der Einsamkeit innerlich zu verhungern. Tiefe Labialfalten hatten sich in ihr Gesicht gegraben, das ihm als ein schönes Gesicht erschien, denn sie hatte sich strahlende Augen bewahrt. Da er ein scheuer Mann war, eher zurückhaltend, entspann sich die virtuelle Konversation nur zögerlich und langsam. Doch nach und nach taute er auf und sie verabredeten sich in einem Café in ihrer Stadt. Sie erzählte von ihrer Ehe, in der längst alles an Gefühlen versickert war in den Alltäglichkeiten und der ständigen Abwesenheit ihres Ehemannes. Wie er fremdging und sie es über Dritte erfuhr. Er hatte anscheinend mehrere Geliebte gleichzeitig, doch nachprüfen konnte sie es natürlich nicht. Kaum ertrug er das zeitweise Erlöschen des Glanzes in ihren dunkelbraunen Augen, während sie sprach. Dann erzählte er von sich, wie er von seiner Freundin verlassen wurde und monatelang darunter litt, nicht mehr essen konnte und zu dünn wurde für all seine Kleidung. Er hatte einen Job als kaufmännischer Angestellter in einer kleinen Spedition, kam ganz gut klar, wie er ihr sagte. Sein größter Traum war es, einmal nach Italien zu reisen, nach Rom, um genau zu sein und dort im Kolosseum zu sitzen oder über die spanische Treppe zu laufen, es sei ein italienisches Gefühl, wie er sagte.

Als sie erzählte wie eifersüchtig ihr Mann war, sie kontrollierte mit mindestens sechs Kontrollanrufen pro Tag, ahnte er, dass es komplizierter werden könnte zwischen ihnen. Er fragte sie, ob diese Eifersucht schon weitergeführt hätte, da schob sie den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte ihm ein paar blaue Flecken. Er vermöbelt mich manchmal, sagte sie. Dabei kenne ich doch niemanden und habe auch kaum Kontakt. Er verdächtigt jeden und mich am meisten, dass ich ihn betrügen könnte, dass ich fremdgehen könnte. Ja, sagte er, das ist der Fluch der eigenen bösen Tat, der Menschen so werden lässt. Sie meinte allerdings, das sei zu absolut gedacht. Schließlich könne Eifersucht auch daher rühren, dass man verletzt würde, einmal zu oft. Dass man dann das Vertrauen verlöre in den anderen. Er räumte ein, dass dies natürlich auch möglich sei, ob sie ihren Mann in Schutz nehmen wolle? Er spürte, wie Aggression in ihm hochkochte, eine heiße rote Wut auf diesen unbekannten Ehemann, den er noch nie gesehen hatte. Sie zeigte ihm Bilder ihrer Kinder und er bewunderte die Bilder höflich, sagte, dass er die Kinder hübsch fände, obwohl er sie hässlich fand, weil es nicht seine eigenen waren.

Nach einer Stunde traute er sich, seine Hand auf ihre zu legen. Sie hatte sie auf den Tisch gelegt, die Finger leicht zusammengekrampft. Ihre Hand war eiskalt, obwohl es ein warmer Sommertag war. Später gingen sie zu ihm und dann war es doch nicht so, wie er es sich so sehr erhoffte. Sie küsste nicht gern und er schon. Sie legte sich hin und ließ ihn gewähren, zuckte zwischendurch, doch er war sich nicht sicher, ob sie nun wirklich gekommen war oder ihm etwas vormachte. Dennoch war sein Begehren nach wie ungebrochen und nachdem sie sich getrennt hatten, sie in ihre Welt zurückkehrte, träumte er in der Nacht von ihr und davon, dass sie auch ganz anders sein könnte als so, wie sie wirklich war und dass er ihre Gefühle für ihn erweckte.

Sie telefonierten ein paar Mal. Es waren hastige, atemlose Gespräche, immer überschattet von der Möglichkeit, dass ihr Mann versuchen könne anzurufen, um zu kontrollieren, ob sie zu Hause war und brav Mutter und Hausfrau spielte. Es war eine zugegebenermaßen ziemlich verfahrene Kiste und ihm war klar, dass sie wenig bis keine Aussicht auf eine sonstwie geartete Zukunft hatte. Sie sahen sich wieder und wieder machte er sich Hoffnungen, dass sie ihn genauso sehr begehrte wie er sie. Doch er wurde ein weiteres Mal enttäuscht und als sie nach ihrem letzten Zusammensein ihre Nylons hochrollte, über den spitzengesäumten Slip zog, dämmerte ihm das erste Mal, dass er sich wirklich etwas vormachte mit dieser Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, ohne die näheren Umstände um die Verliebtheit herum näher zu kennen.

Dann, nach einem halben Jahr, eröffnete sie ihm in einem letzten Telefonat, dass sie ihn nicht wiedersehen wolle. Er fragte warum und sie blieb ihm die Antwort schuldig, legte einfach auf. Er begann sie zu suchen. In den Bäumen, im Himmel, in Wasserspiegeln. Er träumte jede Nacht von ihren Brüsten und der Weichheit ihrer Scham. Tagelang lief er mit einer Dauererektion herum, von der er sich nicht immer befreien konnte. In der Spedition, in der er arbeitete, verzog er sich auf die Herrentoiletten und wichste schnell und hastig, spritzte ab, um sich zu erleichtern. Es wütete wie ein unseliges Fieber in ihm. Er hoffte, dass die Kollegen es nicht bemerken würden, wenn er manchmal stöhnte, weil er sich sie vorstellte, wenn er seinen Schwanz mit schnellen Auf- und Ab-Bewegungen rieb, immer wieder ihre Brüste, ihre weißen Brüste mit den rosa Spitzen, die sie verbarg unter einem rosengeblümten BH, den er ihr aufhaken durfte. Noch nie hatte eine Frau ihn derart erotisiert. Noch nie hatte er wegen einer Frau derart gelitten, schien es ihm. Die Tage wurden hammerschlaggrau, wie die Maschinen, die er manchmal in den Versandpapieren beschrieb.

Hammerschlaggrau waren auch die Gewissheiten auf eine fehlende Erlösung seiner Qualen. Die alte Frau begegnete ihm am Ententeich, an dem er manchmal nach Feierabend saß und aufs Wasser sah. Wasser beruhigte ihn, sein zuckendes pochendes Herz, sein Verzehren nach ihr. Sie saß einfach nur da, auf dieser Parkbank und las. Er setzte sich eine Bank weiter und drehte sich eine Zigarette. Sie warf Blicke zu ihm und dann fragte sie, ob er unbedingt rauchen müsse? Sie hätte ein Lungenleiden. C.O.P.D., um genau zu sein, sie sei kurzatmig und könne nicht gut Luft bekommen. Entschuldigend senkte sie den Blick. Ich verschimmele von innen, wissen Sie? Es war ihm so gesehen, in diesen Momenten herzlich egal, ob jemand verschimmelte, er zersetzte sich von innen und genau das antwortete er ihr auch. Sie legte den billigen Liebesschundroman von Julia, den sie gerade las zur Seite und fragte höflich, ob sie sich einen Moment zu ihm setzen dürfe. Widerwillig nickte er und legte schweren Herzens seine frisch gedrehte Zigarette zurück in das Päckchen mit dem Tabak. Was rauchen Sie denn? Wollte die alte Dame von ihm wissen. Vanille-Tabak, lächelte er und wunderte sich, dass er lächeln konnte. Mein Mann hat immer Reval geraucht. Die stanken zum Gotteserbarmen, lachte die Frau und ihre Gesicht verzog sich wie das eines Hush-Puppies. Ihre hängenden Backen schwabbelten ein wenig, sie war ziemlich korpulent. Sie wies ihn auf den schönen Tag hin, die Sonnenstrahlen, die über den See wanderten und dann erzählte sie ihm von ihrer Tochter. Sie musste ja unbedingt diesen Safari-Urlaub in Afrika machen, sagte die alte Frau. Allein. Sie wissen schon. Sie wurde ermordet von Wilderern. Ich erfuhr es erst Monate später. Es war schrecklich. Er wollte Mitgefühl empfinden und konnte es nicht. Sein eigenes Herz war hammerschlaggrau. Und was drückt Sie? Fragte die alte Frau neugierig und starrte ihn an.

Erstaunt wandte er ihr sein bislang halb abgewandtes Gesicht gänzlich  zu und entdeckte echtes Interesse in ihren Augen.  Liebeskummer, sagte er, von der übelsten Sorte. Ach, wissen Sie, lachte sie, Liebeskummer ist wie eine Grippe. Das geht vorbei. Es schmerzt eine Weile und dann ist es wieder gut. Erzählen Sie doch mal. Er erzählte. Es sprudelte aus ihm heraus und als er endete, nickte sie mitfühlend mit dem Kopf. Das hat Sie ganz schön erwischt, mein Lieber. Er hasste es wie die Pest, wenn andere „Mein Lieber“ zu ihm sagten. Ich bin nicht Ihr Lieber, sagte er mit belegter Stimme. Die Frau entschuldigte sich, stand auf und warf ein paar Brotkrumen ins Wasser. Dann drehte sie sich zu ihm um und fragte ihn, ob er Kinder habe. Nein, sagte er. Nur Freundinnen, ein paar wenige. Alle Beziehungen zerbrachen und nun sei er bereits seit sieben Jahren auf der Suche nach einer neuen Freundin. Wieder nickte sie und zerkrümelte gedankenverloren das Brot in ihrer Hand, so dass es auf ihre Füße fiel. Ein paar Enten kamen keck heran und balgten sich um die Stücke.

Wissen Sie wie es ist, ein Kind zu überleben? Meine Tochter war mein Ein und Alles. Ich liebte sie so sehr. Genau wie meinen Mann, der ist schon seit zwanzig Jahren tot. Lungenkrebs. Ein klassischer Fall. Ich habe niemanden mehr, lebe dort drüben in einem Altersheim. Der Rest der Familie kümmert sich nicht um mich, hier, die Enten, das sind meine besten Freunde. Und eine der Pflegerinnen im Heim. Das ist ein Goldstück. Sie kauft mir meine Lieblingsschokolade. Noisette. Das ist übrig von meinem Leben. Schokolade und Erinnerungen. Ich hätte so gern Enkel gehabt. Ich hätte mein Kind so gern aufwachsen sehen. Ich hätte so gern meinen Mann an meiner Seite. Eine Träne tropfte aus ihren Augen. Nun heult sie auch noch, Gott hilf mir, dachte er und bot ihr ein Papiertaschentuch an.

Ich bin achtzig Jahre alt und manchmal hoffe ich, der liebe Gott hat mit mir alter Frau ein Einsehen, schniefte sie. Er soll mich zu sich nehmen, endlich zu sich nehmen. Dieses traurige einsamen Leben ertrage ich nicht mehr gut. Ich bin jeden Tag hier am See. Dort finde ich meine Lieben eher als in diesem sterilen Heim. Ich halte die Besucher der anderen nicht gut aus. Doch meine Lungenkrankheit wird schon dafür sorgen, dass ich nicht mehr allzu alt werde. Ich lebe nun schon zwanzig Jahre so. Doch Sie sind noch jung. Bedenken Sie das. Wie alt sind Sie überhaupt? Fünfzig Jahre, sagte er und senkte den Kopf, um sie nicht länger ansehen zu müssen. Er hielt sie kaum noch aus, warum, konnte er nicht sagen. Ich muss jetzt gehen, ich wünsche Ihnen alles Gute. Er machte Anstalten aufzustehen. Sie hielt ihn zurück, umklammerte seinen Arm mit erstaunlich festem Griff. Sie sind noch jung, sagte sie beschwörend. Machen Sie ihr Glück nicht an jemandem fest, der Sie nicht will. Suchen Sie weiter, hören Sie? Versprechen Sie mir das? Er wollte garnichts versprechen, am wenigsten dieser alten Frau, die ihn langsam begann zu nerven. Er bedankte sich höflich für ihren Rat und machte sich auf den Weg in seine leere Wohnung.

Beim Abendbrot kamen ihm plötzlich die Tränen. Er weinte nie. Er schämte sich zu sehr für Tränen, für seine eigenen wie für die anderer. Doch er konnte nichts dagegen tun, dass sie einfach liefen, auf sein mit Senf bestrichenes Wurstbrot tropften, auf die Gurkenscheibchen und sich mit der Remoulade zu einer schlierig-weißen Soße vermischten. Er konnte überhaupt nichts gegen diese Tränen machen und er weinte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Er sah zum stillen Telefon, dachte an sie. Doch etwas in ihm hatte sich verändert. Er konnte noch nicht sagen, wie. Es war, als hätte eine stille Gewissheit seiner Sehnsucht den Platz weggenommen, es war, als hätte sich in ihm etwas davongestohlen, das am Tag vorher noch dagewesen war. Er ging zur Arbeit und brauchte nicht zu wichsen. Alles in ihm war schlaff geworden, genauso wie sein Schwanz. Als er am Abend zum See kam, wusste er nicht genau, was er dort wollte und wunderte sich über sich selbst. Doch die alte Frau war nicht da. Vielleicht war sie schon gegangen oder an diesem Tag nicht gekommen. Er holte sein Päckchen Tabak aus der Tasche und wollte sich eine Zigarette drehen, so wie sonst auch. Doch irgendwie war ihm der Appetit vergangen. Er dachte an verschimmelte Lungen und an Krebs, an lebenserhaltende Maßnahmen und palliative Begleitung und er fühlte sich für so etwas definitiv noch zu jung.

Zeitspeichen

/home/wpcom/public_html/wp-content/blogs.dir/5ce/35671508/files/2015/01/img_5992.jpg

In den Zeitspeichen das von der Abendglut gefangene Gedankengewölk. Herz zittert kurz nach wie der vom Vogel zuvor verlassene Ast im Nachhall von Bewegung, durch die Luft schwimmend.
Eitel Einigkeit auch in den sonnenstrahlgestimmten Windgesängen, von anderen verspottet und belacht, schlägt das pure Leben aus dem toten Winkel zu. Wie zufällig wirft es das Konfetti des letzten Karnevals unter die Leute, die sich wie immer dankbar berauscht danach bücken, sich nicht um Mindesthaltbarkeiten und Lagerungsdauer scheren in blendenden Momenten, in denen sie vergessen dürfen, dass auch sie nur ein weiteres Mal vom Leben vorgeführt wurden wie der alte Tanzbär mit dem Ring durch die Nase, am Seil.
Nachts träumt er von den Honigbäumen und den wilden Bienenvölkern.
Doch das alles sehen die Leute nicht, betäubt von den vorjährigen Kamellen zwischen ihren Zähnen.

In der Hälfte durchgebrochener Sonnenstrahl

IMG_4848.JPG

Keine Architektur
wenn Hintergrund
Natur
in den Schatten stellt
das konstruierte
Konzept
von menschlichen
Bedürfnissen
etwas zu wissen
behauptet
ein Klotz
fensterdurchsetzter
Beton
mehr sein will
als ein Baukörper
um das Licht herum
geformt
streng statisch
nach tragender
Norm
genehmigt
besprochen
ein
in der Hälfte
durchgebrochener
Sonnenstrahl
wird eingerahmt
vereinnahmt
sich in
geometrischen Linien
starren Strukturen
das Grün
es scheint
als wolle es sich
zurückziehen
in einen fensterlosen
Raum
es hinterlässt
raschelnde Spuren
draußen der Ahorn
sein Laub
wird schon braun.

Zehn Zeichen: Wunderwelt

IMG_4776.JPG

Am späteren Morgen
die Frau am Bildschirm
auf die Frage nach
dem Passwort
verzweifelt verneint
das System blockiert
in Raumes Kälte
die Frau unvermittelt
friert, dabei weint.

Ein paar Straßen
weiter ein Mann sein
Auto parkt und dann
ein Stück die Straße hoch
dem Schulkind sagt
seine Mutter habe ihn geschickt
es solle mit ihm kommen
es ginge ihr schlecht
drum war ihr sogar recht
einen Fremden zu schicken
Komm mit mir!
Befiehlt der Mann
fasst das Kind am Arm
doch es ziert sich
schaut ihn
geradeaus an und fragt:
Passwort?

Der Mann beginnt
unvermittelt zu frieren
als er die Frage
unwissend verneint
stellt er fest,
dass er verzweifelt
weint
indessen das Kind
hellwach mit allen
Sinnen
nutzt den Moment
und läuft so schnell es
kann, von ihm fort.

Die Frau
am Bildschirm
stellt die Heizung
höher ein und
schreibt in das
schwarz umrandete Passwortfeld
zehn Zeichen:
Wunderwelt